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Von der Postkutsche zur Stadtbahn

Jahrhundertbauwerk U7

Von Dietrich Hiller (Sillforum)

Die Stadtbahnverlängerung bis Nellingen wird von manchen Menschen als ein Jahrhundertereignis in dem Sinn bezeichnet, dass so etwas nicht allzu häufig vorkommt. Da ist was Wahres dran, denn die ersten Ansätze für eine öffentliche Verkehrslinie sind über 100 Jahre alt. Anno 1893 fing es an mit der Postkutschenverbindung ab Degerloch bis Ruit. Voraus ging diesem Ereignis ein "Eingesandt" im "Filderboten" vom 22. Mai 1892. Da spekulierte jemand über eine zu erwartende Postkutschverbindung Neuhausen-Scharnhausen-Ruith-Heumaden nach Degerloch; das sei ein ziemlich bedeutender Fortschritt in der "öffentlichen Kommunikation", wurde damals geschrieben. Es sei auf Dauer unhaltbar, dass Neuhausen sich nur mit täglich einer Postwagenverbindung nach Stuttgart begnügen müsse. Man brauche eine zweite. Und auch die anderen an der Strecke gelegenen Orte brächten zusammen etwa 5000 Einwohner auf, die die Strecke dann gerne und dankbar benützen würden. Für Neuhausen werde die Reisezeit nach Stuttgart von 2 Stunden 41 Minuten auf unter zwei Stunden ermäßigt, und auch der Fahrpreis verbillige sich. "Kein strebsamer Mann könne auf die Länge solchen Gemeinden erhalten bleiben", hieß es. Sehr benachteiligt seien die östlichen Fildern gegenüber anderen württembergischen Landesteilen. Standortdebatte und Verkehrs(un)gunst-Diskussion im ausgehenden 19. Jahrhundert. Pläne gewälzt zur Nahverkehrserschließung der östlichen Fildern wurden bereits anno 1865. Da war kurzzeitig ein Bahnprojekt Stuttgart-Weissenburg-Stelle-Sillenbuch-Riedenberg-Plieningen (Hauptbahnhof, mit Abzweig Richtung Tübingen)-Rohr-Böblingen und weiter Richtung Schwarzwald im Gespräch, ein Projekt, das irgendwie an die Stuttgart 21-Diskussion mit dem Traumbahnhof "Flughafen" erinnert. Gekommen ist dann die Postkutsche Degerloch-Ruit im September 1893, betrieben von der königlich württembergischen Postverwaltung. Das Ostfilder-Nahverkehrszeitalter begann mit einem vierplätzigen Wagen, der vom Fahrplan her nur der Postbeförderung diente und deswegen nur zwei Mal täglich ab dem Degerlocher Zahnradbahnhof die durchgängig "Kirchheimer" genannte Höhenrandstrsaße bis Ruit befuhr. Die Örtchen Sillenbuch und Heumaden waren postalisch mit der Bahnstation Obertürkheim verbunden, indem die Briefträger die Post (zu Fuß) dort holen mussten. Es war alles noch ziemlich ländlich. In Sillenbuch stand an der Kirchheimer Straße nur ein einziges Haus: Die 1874 eröffnete und nicht einmal 100 Jahre alt gewordene Gaststätte "Wilhelmshöhe", am Eck zur heutigen Tuttlinger Straße (Böhm-Gebäude). In Heumaden fuhr die Ruiter Postkutsche erst später in den Ort hinein. Die Verbindung von Stuttgart nach Ruit anno 1893 war ziemlich umständlich: Man musste mit der Pferdebahn von der Stadtmitte bis zum Marienplatz fahren, dort in die (Dampf-)Zahnradbahn nach Degerloch umsteigen, um dann am Degerlocher Zahnradbahnhof die zweimal täglich verkehrende Postbotenfahrt zu nutzen. Das war nicht nur sehr teuer, sondern auch sehr zeitraubend, so dass der schnellere Weg der mit der Bahn von Stuttgart bis Obertürkheim, Mettingen oder Esslingen war, um von dort zu Fuss nach Ruit zu gelangen. Auch das war nicht ganz billig, so dass wohl viele Ruiter es vorgezogen haben, die ganze Strecke von Stuttgart nach Ruit zu laufen - über den Hohen Bopser wohl. Dieser Zustand währte bis nach dem ersten Weltkrieg. 1921 wurde von einer Württ. Kraftverkehrsgesellschaft mit Fahrzeugen, die aus dem württ. Militärfuhrpark stammten, eine Kraftwagenlinie Stuttgart-Degerloch-Ruit-Scharnhausen-Neuhausen eingerichtet, die aber die Hochinflation nicht überlebte. Die Linie übernahm auch die Post- und Güterbeförderung. Danach gab die Post wieder ein kurzes Zwischenspiel, bis 1927 der kommunal organisierte Autoverkehrsverband Stuttgart Omnibuslinien Degerloch-Sillenbuch-Kemnat und Degerloch-Sillenbuch-Ruit-Scharnhausen-Unterboihingen einrichtete. Nach Eröffnung der Sillenbucher Strassenbahn im Jahr 1930 verblieben die Buslinien K (Sillenbuch-Kemnat) und U (Sillenbuch-Ruit) bis nach dem zweiten Weltkrieg. Erst dann kam auch eine Busverbindung von Sillenbuch bis Nellingen zustande, die mit der Straßenbahnverlängerung bis Heumaden 1967 auf die neue Endstation Heumaden zurückgenommen wurde. 1930 waren auf den damaligen Straßenbahn-Netzbildfahrscheinen die Teilstrecken bis Ruit bereits eingezeichnet, wegen der Wirtschaftskrise kam diese Linie bis Ruit nie zustande. Dass es über 70 Jahre dauern würde, bis eine Bahn fährt: wer hätte das damals gedacht. Dauerte eine Reise 1893 von Stuttgart nach Ruit mit Strassenbahn, Zacke und Postkutsche gut zwei Stunden, 1921 mit dem Omnibus immerhin noch 50 Minuten, so braucht die U7 von Schloßplatz bis zur Ruimet (der Metrostation in Ruit) nur noch 18 Minuten. Bot die Postkutsche anno 1893 nur zwei Verbindungen täglich, waren es 1935 mit der Kombination Straßenbahn/Bus werktäglich immerhin 9 Verbindungen. Die U7 bietet werktags etwa 100 Fahrgelegenheiten in beiden Richtungen an. Über die Zeit betrachtet hat sich also schon einiges zum Besseren verändert. Im Zusammenhang mit der U7-Verlängerung bis Nellingen wurde wiederholt betont, wieviel die Strecke Heumaden-Nellingen gekostet hat. Der Gesamtwert der Strecke ist aber erst entstanden durch die enormen Investitionen auf Stuttgarter Markung, angefangen mit dem Tunnelbauwerk am Charlottenplatz vor fast 40 Jahren. Das muß sich irgendwann einmal auch für Stuttgart dadurch "rechnen", dass der Autoverkehr auf Stuttgarter Markung auch ohne neue Straßenbauten zurückgeht. Das wird sicherlich nicht gehen, solange man weiter Straßenneubauträumen nachhängt, für die seit viel mehr als 100 Jahren keine Finanzierung in Sicht ist. Dietrich Hiller
Der Beitrag ist erschienen im Sillenbucher Blättle (Nussbaum-Verlag) am 13. Oktober 2000 und wurde in diese Website eingestellt am 14. Oktober 2000. "Blättle"-Texte werden in SILLFORUM-Webseiten in der Version eingestellt, die von den Autoren an die Redaktion geschickt wurde. Redaktionelle Überarbeitungen (Kürzungen aus Platzgründen oder Korrekturen) können zu (geringfügigen) Unterschieden von Print- und Internetversion führen.


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