
Mensch? Gott? Budha?
Vorwort
Die Zeiten ändern sich, nicht aber die Menschen. Stimmt das wirklich?
Werfen wir dazu einmal einen Blick in den Pali-Kanon, die Schriften, die
vom Leben des Buddha und seiner Schüler vor zweieinhalbtausend Jahren
berichten. Dort treffen wir auf eine Welt altertümlicher Lebensweisen, die
in ihrer Gemächlichkeit - und vielleicht noch verstärkt durch die Umständlichkeit
einer weit ausholenden Erzählweise - kaum noch mit unserer Welt
verbunden zu sein scheint, in der doch so viel auf die sofortige Verfügbarkeit
und Umsetzung von Informationen ankommt. Auch die Menschen,
denen wir in diesen Schriften begegnen, scheinen auf eine Art miteinander
umzugehen, die uns so fremd geworden ist, daß wir sie vielleicht sogar als
unecht, floskelhaft und gestelzt empfinden. Und dennoch, sind wir nur ein
wenig hellhörig für Nuancen und haben den Blick genügend geschärft, um
hinter die kulturelle Fassade zu schauen, dann finden wir uns plötzlich unter
lauter alten Bekannten wieder.
Die Menschen, auf die der Buddha traf, sind uns sehr vertraut, denn wir
sind sie selbst. Der Buddha hatte Fans und Bewunderer (manchmal auch
Trittbrettfahrer), die ihn ,super' fanden und es nur zu gerne dabei beließen,
sich in seiner Aura zu sonnen. Andere wiederum fanden sich selbst
absolut großartig. Entsprechend legten sie sich mächtig ins Zeug, um diesen
auf eine so heitere Weise selbstbewußten und doch ganz ungreifbaren
Mann - den man aus ihrer Sicht natürlich grotesk überschätzte - auf ein
normales Menschenmaß zurückzustutzen. Wieder andere wurden gleich
bei ihrer ersten Begegnung mit dem Buddha so tief aufgerüttelt und durch
und durch erschüttert, daß sie eine radikale Umkehr im tiefsten Grund des
Bewußtseins erfuhren und ihr Leben von Grund auf änderten. Manchen
Leuten dagegen fiel genau in dem Moment, als das Gespräch mit dem
Buddha eine interessante, wenngleich in einem gewissen Sinn gefährliche
Wendung nahm, ein, daß sie ausgerechnet jetzt noch etwas Wichtiges zu
erledigen hatten. Wir lesen von Menschen, die unter allen Umständen am
einmal eingeschlagenen Weg festhalten wollten, die Zähne zusammenbissen
und sich mehr zumuteten als sinnvoll und förderlich war. Und natürlich
gab es auch damals schon jene, die gleich bei der ersten Schwierigkeit
das Handtuch warfen und alles aufgeben wollten. Unter den Mönchen gab
es solche, die ihre kranken Gefährten im wahrsten Sinn des Wortes ,in der
Scheiße' liegen ließen, während andere so einträchtig zusammenlebten,
als wären sie ein Herz und eine Seele. Aber unsere besten Bekannten,
wenn nicht sogar Spiegelbilder, aus dem großen Kreis der Akteure der
buddhistischen Schriften sind vielleicht jene Menschen, die immer schon
über alles Bescheid wußten oder auch jene, die es endlich ein für alle Mal
hieb- und stichfest, Schwarz auf Weiß wissen wollen.
Vielleicht ist es heutzutage tatsächlich schwieriger als früher, nicht Bescheid
zu wissen. Immerhin stehen uns auf Knopfdruck überwältigend viele
Informationen aus allen Kulturen der Welt zur Verfügung. Es dürfte im
© (aus Sangharakshita: Mensch? Gott? Buddha? do evolution, Essen, 184 Seiten, Kt., ISBN 3-929447-06-1)
Westen vergleichsweise wenige erwachsene Menschen geben, die noch
gar nichts über den Buddha wissen. Kaum eine Woche vergeht ohne ein
TV-feature über Buddhismus; Hollywood hat den Buddha längst für sich
entdeckt - als Thema von Filmen wie als Modell für richtiges Leben. Fußball-
und Filmstars finden es schick, sich öffenlich als Buddhisten zu bekennen.
Buddha-Statuen lächeln uns aus Wohnzimmervitrinen an - bei
uns zu Hause oder in den Seifenopern des Fernsehens. Sogar die Werbung
von Krankenkassen und Zigarettenindustrie zeigt eine merkwürdige Einmütigkeit
in ihrer Verwendung der meditierenden Buddha-Gestalt:
Schließlich geht es ja beiden um eine Spielart von Wohlsein, innerer Gelassenheit
und Entspannung. Das Erstaunliche bei all dem ist: Man hört
oder liest kaum einmal einen Einwand, kaum ein Wort der Häme oder des
Zynismus. Fast könnte man glauben, eine Verschwörung sei im Gang. Das
Image des Buddha und seiner Lehre ist rundum positiv. Da hat es einmal
vor zweieinhalbtausend Jahren diesen sehr guten, zutiefst friedlichen,
hellwachen, freundlichen und sogar weisen Menschen gegeben, und er hat
natürlich auch viele kluge und beherzigenswerte Dinge gesagt, die uns
helfen können, die Schwierigkeiten des heutigen Lebens besser zu bewältigen.
Man packt sie in zugkräftige Formulierungen wie "Zen in der Kunst
des Managements", "Meditieren in 3 Minuten", "Buddhaworte für die
Hausapotheke" - um nur einige zu nennen. Dieses Image und vor allem
die große Einhelligkeit in seiner positiven Beurteilung sind allerdings ein
eher zwiespältiger Segen - wenn nicht geradezu zum Fürchten.
Wir wissen einfach zu gut Bescheid. Wir kennen uns aus mit dem Buddha,
diesem Friedensmann mit seinem feinen Lächeln, dem stillen Wanderer
aus Indiens idyllischer Vergangenheit, diesem frühen Aussteiger aus gutem
Hause, dessen exotische Nachfolger aus dem Himalaja wir heute ganz
besonders ins Herz geschlossen haben. Und was wir kennen (oder zu kennen
glauben), müssen wir nicht mehr fürchten. Wir können es einordnen,
ablegen und bei Bedarf hervorholen. Wir haben es unter Kontrolle und
können deshalb so weiter machen wie bisher.
"Triffst du den Buddha, dann töte ihn", lautet ein alter Ratschlag des Zen.
Wenn wir zu wissen glauben, wer der Buddha ist, kann er uns nicht mehr
belehren. Unser vermeintliches Wissen verschließt unsere Augen und Ohren.
Überprüfen Sie selbst, wie die folgenden Worte des Buddha auf sie
wirken, die ersten Worte, die er nach seiner Erleuchtung zu einem Menschen
sprach: "Allwissend bin ich ..., denn alles habe ich jetzt überwunden,
vom Durst befreit und losgelöst von allem, hab' ich allein das höchste
Heil gefunden. Kein Meister hat mich unterwiesen, und niemand ist mir zu
vergleichen, mit mir kann sich kein andrer messen auf Erden und in Götterreichen.
... Das Rad der Lehre zu bewegen, zieh' ich der heil'gen Stadt
entgegen, zu rühren in der Welt voll Leid die Trommel der Unsterblichkeit."
Der Buddha sprach diese Worte zu Upaka, einem der vielen Wanderasketen,
die man damals in Indien treffen konnte. Upaka war sicherlich schon
vielen anderen Wahrheitssuchern begegnet; wahrscheinlich kannte er sich
© (aus Sangharakshita: Mensch? Gott? Buddha? do evolution, Essen, 184 Seiten, Kt., ISBN 3-929447-06-1)
in der spirituellen ,Szene' seiner Tage genau aus. Er hörte die Worte des
Buddha, doch sie ließen ihn kalt. Achselzuckend grummelte er "mag ja
sein" und ging seines Wegs.
In einer Zeit, in der man so vieles und, oberflächlich betrachtet, auch so
positives über den Buddha lesen und erfahren kann, tut es vielleicht Not,
dem allgemeinen Überschwang ein wenig entgegenzusteueren. Das heißt
natürlich nicht, daß man nun den Helden von eben entzaubern und klar
machen müßte, daß auch er ein ganz normaler Mensch wie du und ich
gewesen sei, sondern es geht eher darum, den Buddha ganz neu, wenn
nicht überhaupt zum ersten Mal zu betrachten. Eine bloß historische, sich
auf die nachweisbaren oder wahrscheinlichen Tatsachen beschränkende
Biographie wird ihm dabei genausowenig gerecht wie eine unkritisch verklärende
Hagiographie, die sich am Wunderbaren labt und darin verliert...
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( Einleitung zu dem Buch : " Mensch-Gott-Buddha " von Sangharakshita, das ihr zum freien Download auf der Startseite meiner Communitie findet :
http://communities.msn.de/buddhismusimalltag
