lexikonserienkiller

Zurück

 

Der Serienmord ist ein bizarres Phänomen - am Rande der Gesellschaft gibt es Männer (und einige Frauen), die in der Lage und willens sind, ihre Mitmenschen in beliebig großer Zahl und auf schauerliche Weise ins Jenseits zu befördern. Lust und Habgier treiben sie an, wie uns das vorliegende Werk lehrt, das seinen Lesern darüber hinaus vor allem eines klar werden läßt: Ahnungslosigkeit kann auch eine Gnade sein. Das Wissen darum, dass einem jederzeit ein BSE-Steak unter die Gabel geraten, ein Meteorit auf den Kopf fallen oder eben ein Serienmörder begegnen kann, ist im Unterbewusstsein wesentlich besser als auf der Wachebene aufgehoben.
450 Serienmörder aus etwa 150 Jahren (mit einigen bekannten historischen "Ausreißern" wie dem mittelalterlichen Marschall Gilles de Rais oder der "Blutgräfin" Erzsébet / Elizabeth Báthory) hat das Autorenduo Peter und Julia Murakami versammelt. Grob unterteilt nach Rechtskreisen bzw. Kontinenten, folgen die Artikel einem gemeinsamen Schema. Kurz wird ihre Familiengeschichte vorgestellt (soweit bekannt: Crux 1, worauf weiter unten noch näher einzugehen sein wird), dann folgt die knappe, aber dennoch meist lange Liste ihrer Untaten und schließlich in neun von zehn Fällen die erfreuliche Mitteilung, dass der Arm des Gesetzes den Täter bereits ereilt hat.
Wer mit der Lektüre dieser Zeilen bis hierher vorgedrungen ist, dem stellt sich vielleicht bereits jetzt eine Frage: Und was soll das Ganze? Ja, das fragt sich Ihr Rezensent allerdings auch! Er gehört zu denen, die das vorliegende Buch nicht nur erworben, sondern (bald nur mehr im Dienst der Sache - dieser Besprechung nämlich) bis zum Ende durchgelesen haben. Damit dürfte er einer stolzen, aber erschöpften Minderheit angehören, die eine unangenehme Erfahrung gemacht und diese überstanden, aber nicht genossen hat - einen Schiffbruch zum Beispiel.
Das eine grundsätzliche Problem eines "Lexikons" zum Thema Serienmörder spricht Gastkommentator Professor Dr. (oh, Ehrfurcht!) Frank-Rainer Schurich in seinem Vorwort an: Serienmörder verdienen es nicht, für ihre Taten durch die Aufmerksamkeit eines faszinierten Publikums "belohnt" zu werden. Viele streben genau dies an und nutzen gern die stets geneigte Presse, um sich ihren zusätzlichen Kick zu verschaffen. Moralische Erwägungen und politisch korrekte Entrüstung allein sind allerdings - und auch hier ist Schurich Recht zu geben - noch lange keine Argumente gegen die Erstellung einer Fallstudie über Serienmörder. Sogar dem Laien fallen die zahlreichen Parallelen zwischen Leben und "Werk" der 450 vorgestellten Verbrecher und Geisteskranken auf. Die Hauptarbeit der "Profiler" - jener Fachleute, die sich auf die Identifizierung von Serienmördern spezialisiert haben - besteht sogar daraus, alle Fakten über ihr scheues und oft schlaues Wild zu sammeln und auszuwerten. Männer wie der ebenfalls als Buch- und Bestsellerautor hervorgetretene John Douglas vom FBI versetzt dieses Material in die Lage, einen Serienmörder, den sie noch niemals gesehen haben, mit der Präzision eines Sherlock Holmes zu beschreiben und der Polizei auf diese Weise einen dringend benötigten Steckbrief zu liefern.
Das hier vorliegende "Lexikon der Serienmörder" wie Schurich in den Rang einer solchen Fallstudie zu erheben, ist allerdings ein starkes Stück und beweist in erster Linie schlagend, dass sich sogar das dürre Tröten einer Blechtrompete in den Posaunenschall des Jüngsten Gerichts verwandelt, sofern nur ein deutscher Professor ins Mundstück bläst. Eine echte "Fallstudie" bedarf schon einiges Aufwandes mehr, als das Autorenduo ihn hier getrieben hat! Der Blick auf die Literaturliste sorgt für die trübe, aber wenig erstaunliche Erkenntnis, dass die Murakamis ihre Weisheit aus ziemlich seichten, d.h. sekundären Quellen gesogen haben. Tageszeitungen, Zeitschriften, Agenturmeldungen und natürlich die "True Crime"-Literaturszene bildeten die Basis ihrer "Recherche", die oft wohl eher mit dem Exzerpieren der ursprünglichen Vorlage gleich zu setzen ist. Das ist verständlich und war auch zu erwarten, denn wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass die Kriminalarchive dieser Welt den Murakamis ihre Pforten öffnen würden?
Doch die eifrige Frequentierung der Fernleihe in der heimischen Stadtbibliothek und das "Auswerten" von Artikeln am heimischen Herd lassen gewiss keine Fallstudie entstehen! Die dünne Faktendecke zerreißt immer dort, wo die Quellen versiegen: Das Ende einer Zeitschriftenserie spiegelt sich im "Lexikon" allzu oft in der kaum variierten Formel "Genaue Daten sind nicht bekannt" wider. Oh doch - sie sind bekannt; doch den Aufwand, die undeutlicher werdende Spur wieder aufzunehmen, scheuen die Autoren leider eben. Statt dessen entlarvt das offensichtliche Bemühen um Seriosität nur um so deutlicher die eigentliche Intention des "Lexikons der Serienmörder": Es ist ein weiteres Produkt der "Fun-Killer"-Unterhaltungsfabrik, in deren Vorstand die "Natural Born Killers" sitzen und deren Präsident Hannibal Lecter heißt.
In der Presse hört man immer wieder von Serienmördern, die scheussliche Verbrechen begangen haben und dennoch von Menschen beiderlei Geschlecht wie Popstars angehimmelt oder sogar noch in der Todeszelle geheiratet werden - von Menschen, die genau diese Mörder vermutlich mit den größten Vergnügen abschlachten würden, begegneten sie ihnen in Freiheit. Serienmörder gelten in diesen Kreisen seltsamerweise als faszinierende Übermenschen, Wölfe, die frei aller Gesetze und moralischer Verpflichtungen leben, denen wir schwachen Normalsterblichen uns schafsgleich beugen. Dabei macht sogar die Lektüre des "Lexikons" eines schon nach wenigen Seiten deutlich: Unter den realen Serienmördern gibt es keinen Hannibal Lecter (dessen Unterhaltungswert als horribler, aber rein fiktiver Kino-Bösewicht übrigens auch von Ihrem Rezensenten nicht in Abrede gestellt wird!), sondern objektiv armselige, von ihren Dämonen getriebene und abscheuliche Kreaturen, denen ausschließlich Ignoranz, Dummheit und ein ausreichender räumlicher und zeitlicher Abstand zu Glanz und Ruhm verhelfen können.
Diese Erkenntnis ist es, die einem die Lektüre des "Lexikons" schon bald nachhaltiger verleidet als das Wissen um eine "Fallstudie", die trotz ihrer bemühten Sachlichkeit in Wort und Bild doch nichts anderes ist als eine weiterer Expresszug auf der "True Crime"-Schiene, unter Dampf gesetzt primär mit dem Auftrag, möglichst viele potenzielle Käufer zum Bahnhof Buchladen zu transportieren. Wird man dann (wie im Umschlagtext) mit Sätzen wie "Unter Berücksichtigung neuerer Forschungen wie auch soziologischer und kriminalpsychologischer Aspekte werden hier die zentralen Elemente dieser Verbrechensart dokumentiert" konfrontiert, ist man ob solcher Dreistigkeit fast wieder geneigt, Bewunderung zu entwickeln, oder wenigstens den Drang, unbändig los zu lachen.
Doch abseits solcher möglicherweise als zu streng empfundener Bewertungsmaßstäbe manövriert sich das "Lexikon" gerade durch seine ungeachtet der dürftigen Quellengrundlage unbestrittene Sachlichkeit ins Abseits: 450 Serienmörder-Karrieren unterscheiden sich zu allen Zeiten und weltweit eigentlich nur marginal. Sogar üble Bluttaten erstarren in Monotonie, wenn sie sich Seite um Seite wiederholen. Serienmörder sind eben doch ziemlich langweilige Zeitgenossen, wenn man ihnen nicht gerade persönlich und in einem einsamen Waldstück begegnet!
Zu den strukturellen Schwächen des "Lexikons" gesellen sich inhaltliche. Die Formel Kontinent = Rechtssystem ist so einfach nicht haltbar. Negativ fallen weiterhin unnötige Wiederholungen in dem ohnehin recht altbacken geschriebenen Text auf. (Hier muss man den eingangs gescholtenen Professor Schurich Achtung zollen, denn obwohl er vermutlich nur einen gut bezahlten Gefälligkeitstext abgeliefert hat, weiß er mit dem geschriebenen Wort wesentlich besser und eleganter umzugehen als die Autoren!) Aber in der globalisierten Verlagswelt ist ein Lektor offenbar längst zu einer sagenhaften Gestalt der Vergangenheit verblasst.
Lächerlich ist das "Bildmaterial": Die planlos ausgewählten Mörderporträts reichen nicht einmal aus, die wenigen Fotoseiten zu füllen. Der frei bleibende Platz wird mit nichtssagenden Abbildungen allerlei Mordwaffen und einem Blick in einen Seziersaal gefüllt.
Fazit: Das "Lexikon der Serienmörder" kann seinen Titel hauptsächlich wegen der alphabetisch korrekten Auflistung seiner "Helden" tragen. Inhaltlich eine bloße Fleißarbeit und dabei bald ermüdend, wird es in erster Linie den hartgesottenen "True Crime"-Anhänger interessieren sowie jene Zeitgenossen, die magisch von Verkehrsunfällen und ähnlichen Unglücken angezogen werden. Den behaupteten wissenschaftlichen Wert besitzt es ganz sicher nicht. Im Rahmen seiner engen Grenzen und aufgrund des günstigen Preis-Leistungs-Verhältnisses (um es ein wenig zynisch auszudrücken) hat das Lexikon aber sein Publikum gefunden: Im Dezember des Jahres 2000 erscheint es bereits in seiner 4. Auflage - ein Grund zur Freude für den Verlag, ein weiterer Schritt hin zum Untergang des Abendlandes für empfindsamere Gemüter ...



Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!