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Bürgerengagement und Systemvertrauen

Chancen kommunal engagierter NGOs in türkischen Städten

 

 

 

Von März 1996 bis Juni 1998 hatte ich die Chance, in der westanatolischen Stadt Eskiþehir zu leben und mit Hilfe ethnologischer Methoden Aufschlüsse über Aspekte der städtischen Kultur einer anatolischen Großstadt zu gewinnen. Mein Interesse galt dabei vor allem der Frage, ob unter den Bürgern Eskiþehirs ein Bewußtsein städtischer Identität in Form einer Solidargemeinschaft existierte, und wie sich dieses Bewußtsein in der gesellschaftlichen und kommunalpolitischen Interaktion sowie in der konkreten Ausbildung des Stadtbildes äußerte.

 

Die heute zirka 450.000 Einwohner zählende Stadt Eskiþehir ist für anatolische Verhältnisse stark industrialisiert. Gleichzeitig ist sie eine Universitätsstadt mit mehr als 25.000 Studenten, die das Leben in der Innenstadt deutlich prägen.

Seit 1994 wird Eskiþehir aufgrund einer Verordnung mit Gesetzeskraft (kanun hükmünde kararname) nach dem zweistufigen Metropolitanmodell verwaltet, das heißt, der zentrale Kreis Eskiþehir wurde in zwei Kreise aufgeteilt, die je eine Stadtverordnetenversammlung (belediye meclisi) mit 31 Stadtverordneten und einen Bürgermeister besitzen. Zusätzlich existieren ein Oberbürgermeister und eine zentrale Stadtverordnetenversammlung (büyükþehir belediye meclisi) mit 12 Stadtverordneten, die für die Koordination der Arbeit der Stadtteilverwaltungen sowie für gesamtstädtische Belange verantwortlich sind.

Eskiþehir ist eine für türkische Verhältnisse recht moderne und hochentwickelte Stadt – dem staatlichen türkischen Planungsamt DPT zufolge nimmt sie unter den türkischen Städten Rang 6 nach dem sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsgrad ein. Gleichzeitig liegt Eskiþehir wie eine Insel der Moderne in einer sehr landwirtschaftlich ausgerichteten und gering entwickelten Umgebung. So verwundert es nicht, daß Eskiþehir in seiner Innenstadt neben größeren Hauptstraßen, die großstädtische Angebote bieten, weiterhin einen ausgedehnten Marktbereich aufweist, der sich mit seinem Angebot vor allem an die einkommensschwachen und mittleren Bevölkerungsschichten der Stadt sowie die Bewohner der umliegenden ländlichen Gebiete richtet.

Dieser in den 30er Jahren entstandene Marktbereich, nach einem dort liegenden traditionellen Werkstattkomplex (han) Taþbaþý Çarþýsý genannt, bedeckt ein vorwiegend zweistöckig bebautes Gebiet von 18 Hektar Fläche im Herzen der Stadt. 1986 wurde dieses Gebiet im Zuge der Entwicklung eines heute noch gültigen Generalbebauungsplans (Nazým Ýmar Planý) als „Gebiet, dessen detaillierter Plan noch zu erstellen ist“ (ayrýntýlý planý daha sonra yapýlacak alan)[1], ausgespart und somit der damals existierende Baubestand auf Jahre hin eingefroren, da bis zur Verabschiedung des Detailplanes keine Baugenehmigungen erteilt werden konnten. Am 05.05.1995 schrieb die Kommune Odunpazarý einen Sanierungsplan aus, der in drei Alternativen Vorschläge zur Modernisierung dieses Gebietes vorlegen sollte. Nach Verabschiedung dieses Sanierungsplanes sollte eine Bautätigkeit im Marktbereich wieder möglich werden. Die Zuständigkeit für Gestaltung und Annahme des Sanierungsplanes lag in erster Instanz in der Hand der Stadtverordnetenversammlung. Damit ergab sich für Odunpazarý die Möglichkeit, den gesamten Marktbereich durch in die Planbestimmungen integrierte Bauauflagen und –vorschriften wie auch durch Enteignungs- und Umlegungsmaßnahmen in weiten Teilen umzugestalten.

Bereits eine oberflächliche Studie des betroffenen Gebietes sowie der umliegenden Innenstadtbereiche ließ deutlich werden, daß die Kommune Odunpazarý damit eine hervorragende Möglichkeit besaß, die wirtschaftliche Zukunft des Marktbereiches, aber auch gleichzeitig den zukünftigen städtebaulichen Charakter der Innenstadt ebenso wie bereits deutlich spürbare Probleme des innerstädtischen Verkehrs zu beeinflussen.

Vor allem durch die Planung einer durchgängig leicht höheren Bebauung hätte ein Großteil der Geschäfte, die vor der Sanierung des Marktbereiches ebenerdig oder im 1. Stock eines Gebäudes angesiedelt waren, auf höhere Stockwerke verlegt werden können. Dadurch hätte die gesamte bebaute Fläche im Marktbereich erheblich verringert werden können, wodurch die Kommune Odunpazarý sowohl den Platz für dringend benötigte Verkehrsstraßen erhalten hätte als auch etliche Möglichkeiten, städteplanerisch wirksame Sanierungskonzepte durchzuführen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen, das der gesamten Stadt Eskiþehir eine erheblich gesteigerte Lebensqualität beschert hätte, will ich hier auf die Möglichkeit eingehen, eine teilweise als Grüngürtel angelegte Fußgängerzone zu schaffen, die die gesamte Innenstadt durchziehen könnte. Dieser innerstädtische Erholungsbereich hätte zusätzlich die Altstadt Odunpazarý an die Innenstadt anbinden können. Dieser Stadtteil ist durch wunderschöne Ensembles osmanischer Patrizierhäuser (konaks) und den restaurierten Komplex der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Kurþunlu Cami potentiell attraktiv, aber zur Zeit leider weitgehend dem Verfall preisgegeben. Durch eine Anbindung an die Innenstadt hätten sich die Chancen erhöht, die Altstadt sowohl als Wohngegend wie auch als Freizeitviertel mit gastronomischen Angeboten nach dem Vorbild der Zitadellengebiete Antalyas oder Ankaras aufzuwerten.

Eine Fußgängerzone dieser Art wäre zudem relativ einfach und mit nur geringen Umgestaltungen des Marktgebietes zu verwirklichen gewesen. An den Ufern des Flusses Porsuk, der mehr als die Hälfte der Innenstadt Eskiþehirs durchzieht, bestehen bereits verkehrsfreie Promenaden mit Grünanlagen. Zusätzlich ist die südliche Grenze des Marktbereiches durch eine ebenfalls stark begrünte und fahrzeugfreie Geschäftsstraße, den Hamam Yolu, mit der Altstadt verbunden. Beide begrünte Fußgängerzonen sind lediglich durch einen Teil des Marktbereiches voneinander getrennt. Durch die Schaffung eines zirka 100 Meter langen Verbindungsstückes zwischen beiden Fußgängerzonen hätte so ein kilometerlanger Grüngürtel geschaffen werden können, der der Stadt ein wertvolles innerstädtisches Erholungsgebiet beschert hätte.

Außerdem besitzt Eskiþehir im nördlichen Bereich des Marktgebietes heiße Quellen, deren Heilkraft für verschiedene Kuranwendungen medizinisch nachgewiesen ist. Diese Quellen können aufgrund der flächenintensiven Bebauung des Marktgebietes zur Zeit nur in Form bescheidener Bäder genutzt werden, deren sich vorwiegend ärmere Bürger zur körperlichen Reinigung bedienen. Statt dieser eingeschränkten Nutzung wäre die Einrichtung eines kleinen Kurzentrums denkbar. Da das Gebiet der heißen Quellen gerade zwischen den beiden oben erwähnten Fußgängerzonen zu liegen kommt, hätte es sich angeboten, die Verbindung zwischen den beiden Abschnitten durch einen der Bevölkerung zugänglichen Kurpark zu ermöglichen. Pläne dieser Art wurden in der Eskiþehirer Öffentlichkeit hin und wieder diskutiert.

Dem öffentlichen Interesse einer Neuordnung des Marktgebietes und den damit verbundenen Chancen für die gesamte Stadt stehen die geschäftlichen Interessen der dort aktiven ungefähr 470 Geschäftsinhaber gegenüber. Der Marktbereich ist vorwiegend traditionell strukturiert – in weiten Teilen herrscht hier noch die seit Jahrhunderten übliche Branchensortierung vor. Eher traditionell sind auch die Beziehungen zwischen Kunden sowie Händlern und Handwerkern. So herrscht im Eskiþehirer Marktbereich weniger der Gedanke einer freien Konkurrenz vor, in der der Anbieter den Kunden über die besondere Qualität seiner Waren, günstige Preise und moderne Werbung am Kauf interessieren würde, vielmehr spielt hier ein gewachsenes, über Jahre hinweg vertieftes Vertrauensverhältnis zwischen Händlern und Kunden eine große Rolle. Dieses gegenseitige Vertrauensverhältnis wird vor allem durch intensive Schuldner- und Gläubigerbeziehungen zwischen Kunden und Händlern verfestigt. So räumen die Geschäftsinhaber guten und alten Kunden oft recht günstige und langfristige Möglichkeiten zur Ratenzahlung ein. Diese verpflichten den Kunden nicht nur zur Dankbarkeit, sondern halten ihn auch durch die Barzahlung der Raten zu regelmäßigen Gängen in das betreffende Geschäft an.

Da jeder Geschäftsinhaber stets auch zum Erwerb neuer Kunden gezwungen ist, besitzt die Lage eines Geschäfts eine besonders hohe Bedeutung, weil sie die Höhe des Aufkommens der Laufkundschaft bestimmt. Hier zählen vor allem drei Aspekte:

 

  • Das Geschäft sollte ebenerdig liegen, damit der Kunde beim Schaufensterbummel angelockt wird und den Laden leicht und schnell betreten kann.
  • Das Geschäft sollte an einer Straßenecke liegen, so daß die Zahl potentiell anzulockender Kunden aufgrund der Verdoppelung der am Geschäft vorbeiführenden Wege ansteigt.
  • Das Geschäft sollte auf dem Weg zu öffentlichen Ämtern, Banken, zu Bushaltestellen oder ähnlichen Einrichtungen liegen, weil dadurch die Zahl der Passanten, die sich interessieren könnten, wesentlich erhöht wird.

 

Alle diese über den Erfolg eines Geschäftes ausschlaggebenden Faktoren sprechen aus der Sicht der Geschäftsinhaber deutlich gegen eine Umgestaltung sowohl der Anlage der Wege als auch der durchschnittlichen Bauhöhe im Marktbereich. Zum einen wird die Geschäftsbeziehung mit Stammkunden nach der Einschätzung der betroffenen Händler zu einem hohen Maße durch die Einkaufsgewohnheiten der Kunden gesichert. Bei örtlichen Veränderungen des Marktbereiches, durch die der Verlauf der Straßen verändert würde oder aber das Geschäft selbst aufgrund von Umlegungen zum Umzug gezwungen wäre, würde eine hohe Zahl der Stammkunden, so die Sorge der Betroffenen, nicht mehr oder wesentlich seltener vorbeischauen. Die zweite Befürchtung der Geschäftsinhaber bezieht sich darauf, bei einer Neuordnung des Marktgebietes einen wenig vorteilhaften Platz beispielsweise in einem höheren Stockwerk oder abseits stark begangener Wege zugewiesen zu bekommen. Drittens muß man sich vergegenwärtigen, daß die Geschäftsinhaber seit Jahren und oft Jahrzehnten um Läden in begehrten Lagen gekämpft haben, und deshalb die so erreichte Geschäftslage schon aufgrund der investierten Mühen und Anstrengungen höchst ungern aufgeben würden.

 

Wir haben es im Falle des Sanierungsplans für den Marktbereich also mit einem Vorhaben zu tun, bei dem die Aufgabe der Kommune, die das öffentliche Interesse der gesamten Stadt im Augenmerk behalten muß, dem Interesse der Geschäftsinhaber zum Teil entgegengesetzt ist. Verstärkt wird dieser Interessenkonflikt noch einmal durch die schlechten Erfahrungen, die beide Parteien während eines früheren Versuches, das Marktgebiet zu sanieren, miteinander gemacht hatten. Denn Mitte bis Ende der 80er Jahre hatte die Stadtverwaltung Eskiþehir, damals vor der Einführung des Metropolitanmodells noch für die gesamte Stadt zuständig, in Zusammenarbeit mit der Anadolu Üniversitesi in recht selbstherrlicher Weise versucht, den Marktbereich im öffentlichen Interesse umzugestalten. Der Versuch scheiterte damals an wirtschaftlich ebenso wie politisch potenten Grundbesitzern im Marktbereich, die ihre Beziehungen zu Abgeordneten und Ministern in Ankara spielen ließen und so die zentralstaatliche Genehmigung des städtischen Projektes verhindern konnten.

 

Angesichts der konfliktgeladenen Interessenlage zwischen kommunalen Entscheidungsbefugten und betroffenen Bürgern konnte der städtische Entscheidungsfindungsprozeß über den Sanierungsplan für das Eskiþehirer Marktgebiet Taþbaþý nur dann erfolgreich abgeschlossen werden, wenn beide Parteien ihre gegensätzlichen Interessen durch einen Kompromiß auszugleichen bereit waren. Diese Erkenntnis drängte sich auch den beiden Parteien auf, und so gründeten die Geschäftsinhaber unter aktiver Mitwirkung des Bürgermeisters, Ayhan Boyer, 1994, zu Beginn der 1. Legislaturperiode der Kommune Odunpazarý, einen Verein unter dem Namen „Verein zur Verschönerung und zum Schutz des Marktes Taþbaþý“ (Taþbaþý Çarþýsý Güzelleþtirme ve Koruma Derneði). Dieser Verein sollte einerseits den Betroffenen das Bestimmen einer gemeinsamen Haltung gegenüber dem städtischen Vorhaben ermöglichen, andererseits aber der Kommune Odunpazarý einen legitimierten Ansprechpartner bieten, mit dem stellvertretend für sämtliche Betroffene ein beiderseits akzeptabler Kompromiß ausgehandelt werden konnte.

Trotz dieses klugen Versuchs, das Problem einer notwendigen Umgestaltung gemeinsam und in Form eines Dialogs zu lösen, wurde der 1998 von der Stadtverordnetenversammlung Odunpazarý beschlossene Sanierungsplan aus meiner Sicht zum Mißerfolg, da er die Interessen der betroffenen Geschäftsinhaber allzu sehr in den Vordergrund stellte und dabei das öffentliche Interesse einer Umgestaltung zum Vorteil der gesamten Stadt kaum berücksichtigte. Weder verkehrspolitische noch städteplanerische Vorhaben der oben erwähnten Art konnten durchgesetzt werden. Statt dessen wurde ein Plan vorgelegt, der nur geringe Enteignungen und Umlagen vorsah, und der es den Immobilienbesitzern gestattete, den Umbau ihrer Liegenschaften zu einem selbstgewählten Zeitpunkt vorzunehmen. Dabei müssen die Besitzer dann aber bestimmte Bauauflagen beachten, durch die beispielsweise die Wege im Marktgebiet verbreitert werden sollen.

 

Das Scheitern einer umfassenden Umgestaltung des Marktbereiches verdankt sich unter anderem der Tatsache, daß es dem Verein der Geschäftsinhaber nicht gelungen ist, die breite Masse der Unternehmer im Marktbereich zu erreichen und an dem konstruktiven Dialog zwischen betroffenen Bürgern und der Kommune teilhaben zu lassen. In der Folge will ich versuchen, Gründe für dieses Scheitern aus der Einstellung der Betroffenen herzuleiten. Meine Wertungen und Kommentare stützen sich dabei auf eine Umfrage mit 120 der insgesamt 470 Geschäftsinhaber, in denen ich den Informationsstand und die Einstellungen der Betroffenen aufzuzeichnen versuchte.

Ein erstes Ergebnis der Gespräche mit den Geschäftsinhabern war die Uninformiertheit und das Desinteresse der Betroffenen. Zusätzlich stach vor allem ein ausgeprägtes Mißtrauen gegen die Kommune und die dort entscheidungsbefugten Stadtverordneten vor, aber auch Mißtrauen gegen die im Verein engagierten Grundstücksbesitzer. Deshalb möchte ich mich hier auf den Aspekt des Systemvertrauens konzentrieren und auf die Frage, inwieweit Bürgerengagement unter den Bedingungen mangelnden oder eingeschränkten Systemvertrauens überhaupt möglich sein kann.

 

Um die Bedeutung gesellschaftlichen Vertrauens ermessen zu können, muß man sich die Funktion vor Augen führen, die das Vertrauen für menschliche Interaktionen in komplexen Systemen besitzt. Gesellschaftliche Systeme wie Großstädte, in denen das einzelne Individuum weder sämtliche interagierende Gruppen und Institutionen, geschweige denn jedes einzelne Individuum kennen kann, weisen eine beträchtliche soziale Komplexität auf. Diese überfordert das einzelne Individuum im Hinblick auf die Kontrolle sozialer Interaktionen sowie ihrer Folgen in hohem Maße.

Niklas Luhman lehrt uns in einer Studie über das „Vertrauen als Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“, daß das persönliche Vertrauen in die Vorhersehbarkeit von Handlungen gesellschaftlicher Akteure nur dann Bestand haben kann, wenn es erweitert und in Systemvertrauen verwandelt wird.[2] Das Vertrauen in die Vorhersehbarkeit der Handlungen der Mitmenschen und ihrer Folgen für das einzelne Individuum ist also nur dann gewährleistet, wenn es durch Vertrauen in das soziale System gestützt wird, in dem das betroffene Individuum lebt, denn, so Luhmann:

 

„Man kann sich über künftiges Verhalten anderer nicht vollständig und zuverlässig informieren. [...] Man unterrichtet sich statt dessen über gewisse strukturelle Eigenarten des sozialen Systems, in dem man mit anderen zusammenlebt, und gewinnt dadurch die notwendigen Anhaltspunkte für eine Vertrauensbildung, mit der man den Informationsmangel überbrückt.“[3]

 

Die von mir befragten Geschäftsinhaber zeigten sich über mehrere Aspekte bezüglich des Sanierungsplanes in hohem Maße uninformiert. Nach einer statistischen Auswertung der von mir durchgeführten Umfrage, in der ich unter anderem das Wissen der Befragten über den Stand der Verhandlungen über den Sanierungsplan, dessen Ziele sowie die zuständigen Entscheidungsträger erfragte, besaßen fast 70 Prozent der Teilnehmer keine oder weitgehend falsche Informationen. Ähnlich verhielt es sich um das Wissen über Ziele und Tätigkeiten des Vereins der Geschäftsinhaber. Über ihn waren immerhin 60 Prozent der Befragten nicht oder falsch informiert. Das Desinteresse der Geschäftsinhaber an einer aktiven Beobachtung des für sie so wichtigen kommunalpolitischen Entscheidungsfindungsprozesses zeigte sich daran, daß lediglich 22,5 Prozent der Befragten jemals eine der jedem interessierten Bürger zugänglichen Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung verfolgt hatte.

Wesentlich besser stand es um die Informiertheit und die politische Partizipation bei den 15 Prozent der Geschäftsinhaber, die Mitglieder im Verein waren. Unter ihnen zeigten sich 83 Prozent der Befragten sachlich richtig über den Sanierungsplan informiert, 89 Prozent waren detailliert über die Tätigkeit des Vereins informiert und immerhin 67 Prozent hatten wenigstens einmal Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung verfolgt.

 

Angesichts der mangelnden Informationen der breiten Masse der Nichtvereinsmitglieder kommt im Sinne des oben zitierten Luhmann’schen Ansatzes dem Systemvertrauen der Geschäftsinhaber eine besonders hohe Bedeutung zu. Doch wie stand es nach den Aussagen der Befragten um ihr Vertrauen in die Handlungen und Folgen der städtischen Entscheidungsträger und der im Verein engagierten Mitbürger?

Zunächst einmal äußerten die meisten der schlecht informierten Befragten eine stark ausgeprägte Angst vor Enteignungen und einer seitens der Stadt erzwungenen Umgestaltung, die den Verlust ihrer Geschäftslage mit sich bringen würde. Daneben sorgten sie sich, daß ein möglicher Umbau des Marktbereiches durch jahrelange Bautätigkeiten lange Geschäftspausen nach sich ziehen würde, die sie in den Bankrott treiben könnten. Die Erwartung des uninformierten Großteils der Unternehmer war also eine Aktion der Kommune, die sie um ihre Existenzmöglichkeiten bringen würde.[4]

Das mangelnde Interesse eines Großteils der Befragten an den Tätigkeiten des Vereins verdankte sich zu einem Teil, so legen es die folgenden Einschätzungen der Befragten nahe, einem ausgeprägten Mißtrauen gegenüber den Absichten der dort engagierten Mitglieder: Zum einen fühlt sich der Großteil der Geschäftsinhaber, die ihren Geschäftsraum lediglich gemietet haben, und das sind immerhin 72,5 Prozent, fälschlicherweise aus dem Verein ausgeschlossen, da sie glauben, daß nur Grundbesitzer als Vereinsmitglieder zugelassen sind. Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, im Verein seien lediglich die größeren und reicheren Grund- und Immobilienbesitzer des Marktbereichs zusammengeschlossen, und diese würden nicht etwa die Interessen sämtlicher Geschäftsinhaber vertreten, sondern lediglich die eigenen. Einschätzungen wie „Der große Fisch wird die kleinen schlucken“ (Büyük balýk küçük balýðý yutacak), „Jeder vertritt nur die eigenen Interessen“ (herkes ancak kendi menfaatini korumaya calýþýr) „Wir als Mieter haben ohnehin keinen Einfluß“ (Bizi kiracý olarak zaten dinlemezler) und „Die machen sowieso, was sie wollen“ (Bunlar zaten istediklerini yapar) herrschen deutlich vor.

Auch der geringe Anteil der Besucher von Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung verwundert wenig, da ein recht hoher Anteil der Befragten nicht einmal darüber informiert ist, daß ihre Kommune über den Sanierungsplan entscheidet. Viele der Befragten sind statt dessen der Meinung, der Plan werde »in Ankara« entwickelt und verabschiedet, und signalisieren gleichzeitig Gefühle der Ohnmacht gegenüber staatlichen Akteuren, denen die Meinung der Betroffenen unwichtig sei.

 

Dem globalen Mißtrauen und den negativen Erwartungen der Nichtvereinsmitglieder steht bei den Vereinsmitgliedern eine wesentlich differenziertere Haltung gegenüber. So äußerten sich auf die Frage, wie sie die Auswirkungen des Sanierungsplanes für sich und ihre Geschäft einschätzten, 39 Prozent der Vereinsmitglieder uneingeschränkt positiv. Weitere 39 Prozent äußerten eine differenzierte Einschätzung möglicher Vor- und Nachteile, und lediglich 22 Prozent schätzten die Auswirkungen als durchweg negativ ein.

 

Der kommunal engagierte Eskiþehirer Verein zur Verschönerung und zum Schutz des Marktbereiches Taþbaþý konnte also sowohl für einen deutlich höheren Informiertheitsgrad unter seinen Mitgliedern sorgen als auch für ein wesentlich höheres Vertrauen der Mitglieder gegenüber kommunalen Plänen, und mithin für ein höheres Systemvertrauen ihrer Mitglieder.

 

Der Verein ebenso wie die mit ihm im Dialog stehende Kommune stehen dabei allerdings vor dem Problem, weite Teile der Betroffenen nicht erreicht zu haben. Im Falle des Eskiþehirer Sanierungsplans für das Marktgebiet Taþbaþý deutet sich ein deutlicher Grund für dieses Problem an: Bei den nicht erreichten Bürgern handelte es sich in der überwiegenden Mehrzahl um Geschäftsinhaber ohne Grund- und Immobilienbesitz. Diese waren deshalb fälschlicherweise der Ansicht, sowohl aus der Vereinsmitgliedschaft als auch aus dem Entscheidungsfindungsprozeß ausgeschlossen zu sein.

 

Ich ziehe daraus den Schluß, daß sich türkische NGOs ebenso wie mit ihnen kooperierende staatliche und kommunale Stellen verstärkt darum bemühen sollten, Bürger, die sich aufgrund mangelnden Besitzes oder anderer Statussymbole ausgegrenzt fühlen, stärker in ihre Arbeit und den betreffenden öffentlichen Dialog einzubeziehen.

Im Falle des Eskiþehirer Marktgebietes hat sich eine problembewußte Kommune darum bemüht, die Interessen und vor allem die wirtschaftliche Existenz einer Gruppe von Bürgern so gut als möglich zu berücksichtigen. Sie tat dies vor allem aufgrund der Sorge vor dem Mißtrauen der breiten Masse der desinformierten Geschäftsinhaber, denn unzufriedene Händler und Handwerker mit ihrem großen Netz an Beziehungen können einen erheblichen Stimmenverlust verursachen. Hätten die Kommune wie auch der mit ihr kooperierende Verein sämtliche Betroffene adäquat über die Chancen einer Umgestaltung informieren können, dann hätte wohl eher ein Kompromiß zwischen den widerstreitenden Interessen erzielt werden können.

 

Obwohl er das Ziel, sämtliche Betroffenen zu erreichen, verfehlt hat, ist es dem Eskiþehirer Verein zumindest gelungen, den Informiertheitsgrad und das Systemvertrauen seiner Mitglieder deutlich zu erhöhen. Das weckt die Hoffnung, daß das gesellschaftliche Engagement türkischer NGOs gerade bei einer stärkeren Einbeziehung weiterer Kreise der Bevölkerung auf lange Sicht einen Ausgleich zwischen den stark ausgeprägten Gruppeninteressen bewirken kann, die die türkische Gesellschaft heute so oft an den Rand einer Zerreißprobe bringen. Dann, so ist zu hoffen, werden Bürger und Vertreter der Kommunen einander nicht mehr mißtrauisch beäugen, sondern vertrauensvoll und konstruktiv zusammenarbeiten können.

 

 



[1] Protokoll der außerordentlichen Stadtverordnetensitzung vom 26. Mai 1994.

[2] Vgl. Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart 2000, S. 26ff.

[3] Luhmann, Niklas: a.a.O., S. 47.

[4] Gedächtnisprotokoll vom 29.10.96



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