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Übersetzungsbeispiel

 

 

 

 

Nedim Gürsel

 

Istanbul

 

Eine Impression

 

 

Sie fuhren mit einem Taxi. Neben ihnen floß das tiefe, dunkelblaue Wasser. Je enger die Straße wurde, desto dichter standen die Bäume. Schiffe, groß wie eine Stadt, und Möwen im Gefolge, zogen schnell vorbei. Schaum blieb hinter ihnen zurück. Fischerboote und Kormorane schaukelten auf dem Wasser, durchschnitten den schneeweißen Schaum. Holzhäusern mit Erkern und Betonbauten ganz eng beieinander. Ab und an zogen die dunklen Fenster alter Villen, deren Ockerfarbe abblätterte, an der Scheibe vorbei. Dann hohe Gartenmauern, winzig enge Gassen, die zum Meer führten, Bäume ... Bäume. Dampfer deren Fischernetze in der Sonne trockneten, zogen vorbei. Kleine, weiße Dampfer, Fischerkähne. In den unerwartetsten Momenten, wenn sie um eine Ecke bogen oder eine Gasse überquerten, tauchten Grabsteine vor ihnen auf. Unter den prächtigen Steinturbanen steckten und kräuselten sich dünne, alte Buchstaben. Unterdes erreichten sie eine Anlegestelle und setzten sich im Schatten, den purpurrote Wolken auf das Wasser warfen, unter eine mächtige Platane.

Hand in Hand schlenderten sie durch eine Gasse. Die Gasse führte steil nach unten. Sie zog auch die beiden mit sich, führte sie fort. Sie gingen an flüchtig zusammengezimmerten Häusern vorbei, deren Balken verrotteten, an unbebauten Grundstücken. Alte Frauen mit Kopftüchern, an den Fenstern aufgereiht, sahen durch Pelargonien und Basilikum hindurch den Katzen zu. Doch aus irgendeinem Grund führte die zum Meer hinabsteigenden Gasse die beiden zu einem Garten. Zwischen Tomatenstangen und riesigen Bohnen wußten sie in ihrer Verwirrung nicht, was sie tun sollten, und so umarmten sie sich leidenschaftlich.

Sie gingen durch eine laute Straße. Während sie sich bemühten, durch einen Weg die Menge hindurch zu finden, die über den Gehsteig hinausquoll, verloren sie einander. Als sie sich etwas später wiederfanden, liefen sie an dröhnenden Steingebäuden entlang, die dastanden, als ob sie über ihnen zusammenbrechen würden, und konnten sich an der Stelle, an der die Straße eng wurde, gerade noch in den Hof einer Kirche hineinretten. In der Stille des Hofes hörten sie, wie ihre Herzen gleichzeitig schlugen, als ob sie ein einziges seien. Vom Hof stiegen sie über eine Treppe mit bemoosten Steinen in die Zisterne hinab und küßten sich lange in der kühlen Frische des Wassers, das durch die alten byzantinischen Mauern sickerte.

In der Dunkelheit des Zimmers war die Frau allein mit den Eindrücken der Stadt. Sie schien vergessen zu haben, daß sie diese sonderbare Stadt, deren Gassen sie durchwandert, in deren Markt- und Straßengewimmel sie sich gemischt und in deren Platanenschatten sie sich ausgeruht hatte, deren Dampfer, Taxis und brummende Busse sie bestiegen und zusammen mit einem Mann entdeckt hatte, der kurz zuvor in sie eingedrungen war und sie befriedigt hatte, und daß sie, auch während sie von einem Ufer zum anderen getrieben wurde, von Moschee zu Kirche, von einem Museum zum anderen, an seiner Seite gewesen war. Mit ihren labyrhintartigen Gassen, Aquädukten, Über- und Unterführungen und den hier und da eingestürzten Mauern hatte die Stadt ihre Weiblichkeit eng umschlungen. Behend hatte sie sie erobert, und nun lastete sie auf ihr. Sie fühlte, wie die Türme und Minaretts der Stadt in ihre Haut eindrangen, wie sich ein leichter, ziehender Schmerz in ihrem ganzen Körper ausbreitete.

 

Aus: Endriss, Beate-Ursula/Scherer, Bernd Michael/Storch, Wolfgang: Das weiße Meer. Berlin 1995, S. 15 – 17.



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