Der Marsch auf Kabul,13.11.2001

 

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UN schlagen Fünf-Punkte-Plan für neue afghanische Regierung vor

13.11 .2001 Fuldaer Zeitung
New York (dpa) - Die Vereinten Nationen haben am Dienstag einen Fünf-Punkte-Plan für die Bildung einer neuen Regierung in Afghanistan nach dem Ende des Taliban-Regimes vorgeschlagen. Diese Regierung sollte von einer all-afghanischen Sicherheitstruppe gestützt werden, sagte der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, in einer offenen Debatte des Weltsicherheitsrats mit mehreren Ministern. Eine solche Truppe sei einer UN-Friedensmission zu bevorzugen.

Nach dem UN-Plan soll die Nordallianz bei einem Treffen mit anderen afghanischen repräsentativen Gruppen den politischen Prozess diskutieren. Dabei sollen konkrete Schritte für die Bildung eines Rates gemacht werden, der den Übergang zu einer neuen Regierung binnen zwei Jahren erörtern soll. Außerdem soll in dieser Übergangsphase die traditionelle afghanische Volksversammlung «Loya Girga» einberufen werden. Diese soll die neue Regierung Afghanistans dann einsetzen.

Nach der Eroberung der afghanischen Hauptstadt Kabul durch die Nordallianz rief UN-Generalsekretär Kofi Annan zu einer raschen politischen Lösung auf, um ein «politisches und ein Sicherheitsvakuum» zu verhindern. «Dringendes Handeln» in der Nach- Taliban-Zeit sei notwendig, sagte Annan im Sicherheitsrat. Wegen ihrer geographischen und historischen Verbindung zu Afghanistan sollten der Iran und Pakistan eine «besondere Rolle» dabei spielen.

Die deutsche Bundesregierung vertrat bei der Sicherheitsratsdebatte in New York die Position, dass militärische Mittel unumgänglich sind, um «den Herd des Terrorismus» in Afghanistan zu zerstören. In einer vorab verbreiteten Rede von Außenminister Joschka Fischer, die der deutsche UN-Botschafter Dieter Kastrup am Dienstagabend an seiner Stelle im Sicherheitsrat verlesen wollte, hieß es: «Die Menschen in Afghanistan brauchen die Solidarität und die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.»

Deutschland unterstrich in dem Redetext das Recht der afghanischen Bevölkerung auf freie Selbstbestimmung und eine Regierung, die ihrer ethnischen Vielfalt entspricht. Fischer appellierte an die Nachbarstaaten, «alte Denkansätze über Bord zu werfen und Bereitschaft zum Kompromiss zu zeigen». Ihnen falle ein großer Anteil der Verantwortung für den Erfolg der Friedensbemühungen zu, hieß es weiter in dem Text.

Auf jeden Fall müsse die von Afghanistan gewählte Lösung von den Vereinten Nationen legitimisiert und voll unterstützt werden. Ihre Aufgabe sei es, klare politische, wirtschaftliche und humanitäre Ziele zu definieren und per Resolution das entsprechende Mandat zu geben.

Als Eckpunkte nannte Deutschland die Unterstützung einer repräsentativen Übergangsregierung und regionaler Einheiten zur Selbstverwaltung, schnelle und umfassende humanitäre Hilfe, einen «Marshall-Plan» für Afghanistan und Beiträge zur Sicherheit und Stabilität, für die auch die Nordallianz Verantwortung trage.

Reuters Photo
_JC_ CAPTION -->A young Afghan woman shows her face in public for the first time after 5 years of Taliban law in Kabul November 14, 2001. The hard-line Islamic rule of Afghanistan's Taliban unraveled, as world leaders focused on a blueprint to restore peace and stability to a weary nation bloodied by two decades of civil war. (Yannis Behrakis/Reuters)

P O L I T I K, Focus

Die Schlinge zieht sich zu
 

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N ach dem Siegeszug der Nordallianz wird es für den Terroristen-Chef eng: Mehrere Bosse von El Kaida wurden offenbar bei einem US-Bombenangriff getötet. CNN meldete am Donnerstagmorgen unter Berufung auf. Das Pentagon, die Terroristen hätten sich in einem Gebäude in dem noch von den Taliban kontrollierten Teil Afghanistans aufgehalten. Niemand habe überlebt.

Pakistan versetzte unterdessen seine Grenztruppen in erhöhte Alarmbereitschaft, um eine Flucht von Osama bin Laden zu verhindern.

Die „Times“ meldete, in einem afghanischen El-Kaida-Quartier in der Nähe der von der Nordallianz eroberten Hauptstadt Kabul seien in einem leerstehenden Haus detaillierte Pläne für nukleare und andere Waffen gefunden worden. Die Texte seien in arabischer, deutscher und englischer Sprache sowie in Urdu verfasst.

Nordallianz in Kandahar

Die afghanische Nordallianz hatte am Mittwoch die Taliban-Hochburg Kandahar im Süden Afghanistans eingenommen. Dies sei mit Hilfe der Stammesführer und der Bevölkerung der Region gelungen, sagte der afghanische Botschafter in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, Said Ibrahim Hikmat. Der von den Taliban entmachtete afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani sei inzwischen auf dem Weg nach Kabul, teilte der Diplomat mit.

Auch der TV-Sender El-Dschasira meldete unter Berufung auf einen Sprecher der Nordallianz die Einnahme Kandahars. Die Taliban-Kämpfer hätten sich in die Berge zurückgezogen. Über mögliche Gefechte in Kandahar wurde zunächst nichts bekannt. Der El Dschasira-Korrespondent in Kandahar hatte die Stadt aus Sicherheitsgründen wenige Stunden vor der Ankunft der Nordallianz in Richtung Pakistan verlassen.

Taliban übergeben Dschalalabad an Mudschahedin

Die fundamentalistischen Milizen haben angeblich auch die strategisch wichtige Stadt Dschalalabad aufgegeben. Allerdings seien sie nicht von der Nordallianz vertrieben worden, sondern hätten die Macht am Mittwoch an den Mudschahedin Mohammed Junis Chalis übergeben, berichtete die afghanische Nachrichtenagentur AIP. Chalis hatte in den 80er-Jahren gegen die sowjetischen Truppen gekämpft.

Chalis warnte den Angaben zufolge die Nordallianz davor, die Provinz Nangarhar zu betreten, in der Dschalalabad liegt. Beobachter werteten die Übergabe der Provinz als neue Taktik der Taliban. Sie hofften offenbar, dass pashtunische Milizen, die nicht an der Seite der Taliban kämpften, versuchen würden, die Nordallianz aufzuhalten, hieß es.

Zur Nordallianz zählen vor allem tadschikische, usbekische und schiitische Milizen. Die Pashtunen im Süden stehen ihnen ablehnend oder gar feindlich gegenüber.

Rückzug auf breiter Front

Die Taliban hätten sich außerdem aus Orusgan nördlich von Kandahar zurückgezogen, berichtete AIP. Der Osten des Landes sei von der US-Luftwaffe bombardiert worden, hieß es. Angeblich verließen die Taliban auch die Provinz Kunar an der Ostgrenze Afghanistan.

Auch aus der Provinz Logar südlich von Kabul flohen die Taliban. Nach Angaben der Nordallianz wurden sie zudem aus Paktia vertrieben. Damit beherrschten die Taliban nur noch neun der 29 Provinzen, hieß es. Die Gebiete, in denen sich Taliban-Führer Mullah Omar und Terroristen-Führer Osama bin Laden verstecken könnten, würden immer kleiner.

Nordallianz kontrolliert Kabul

Die Nordallianz baute die Kontrolle über die afghanische Hauptstadt Kabul weiter aus. Wie der US-Sender CNN berichtete, rollten Panzer durch die Stadt. Außerdem seien Taliban-Kämpfer festgenommen worden.

Nach Angaben der Nordallianz-Befehlshaber wurden mittlerweile 3000 Soldaten in Kabul stationiert, um für Ordnung zu sorgen. Es handele sich nicht um eine Besetzung. Der Außenminister der Nordallianz, Abdullah, lud alle afghanischen Gruppen mit Ausnahme der Taliban ein, nach Kabul zu kommen, um dort über die Zukunft des Landes zu verhandeln.

US-Präsident George W. Bush sagte in Washington, dass die USA mit der Nordallianz in Kontakt stehe, um die Wahrung der Menschenrechte in den eroberten Gebieten sicherzustellen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, eine kleine Zahl amerikanischer Soldaten halte sich in Kabul auf, die allerdings nicht in der Lage sei, etwaige Übergriffe zu verhindern. Bush hatte die Nordallianz zuvor aufgefordert, Kabul zunächst nicht zu erobern.

Die Nordallianz war am Dienstagmorgen in Kabul einmarschiert und hatte die fünfjährige Herrschaft der Taliban-Miliz beendet. Unmittelbar nach dem Einmarsch übernahm die Nordallianz die Kontrolle über Regierungseinrichtungen.

Hinrichtungen in Masar-i-Scharif

In Masar-i-Scharif sollen nach der Eroberung durch die Nordallianz Hunderte von Menschen ermordet worden sein. Nach Angaben eines CNN-Reporters vom Dienstag hatte es sich bei den Opfern unter anderem um Pakistanis gehandelt, die auf Seiten der Taliban gekämpft hatten, und Familienangehörige von tschetschenischen Kämpfern. In ersten Berichten war zunächst von 100 Toten die Rede gewesen.
 

15.11.01, 10:12 Uhr

 

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Secretary of Defense Donald Rumsfeld answers questions while U.S. Commander of military operations in Afghanistan Army General Tommy Franks (L) listens during a Pentagon briefing November 15, 2001. Rumsfeld explained it would not be a good time to be in the Taliban in Afghanistan at this time. (Larry Downing/Reuters)

Associated Press

FILE--The rarely-photographed Taliban supreme leader Mullah Mohammed Omar is seen in this undated file photo. In an interview with the British Broadcasting Corp.'s Pashto-language service broadcast Thursday, Nov. 15, 2001, Omar said the pullback from Afghanistan's urban centers was in line with an overall strategy to destroy America. The Taliban also reportedly rejected any form of coalition government with the country's former leader. (AP Photo)

Reuters Photo
Iran's Interior Minister Abdolvahed Mousavi-Lari (R) meets with Pakistan's President, General Pervez Musharraf in Islamabad November 15, 2001. Iran and Pakistan signed an agreement on the tightening of Pakistan's and Iran's border with Afghanistan, with more troops already being put in place to prevent retreating Taliban forces from crossing into foreign territory. REUTERS/Press Information Department

Associated Press

Afghans play musical instruments as they celebrate their liberation from Taliban rule in Herat, 120 kilometers (74 miles) from the Iran-Afghanistan border, Thursday, Nov, 15, 2001. The Taliban's religious council banned most music and dancing.(AP Photo/Hasan Sarbakhshian)

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Afghanistan Northern Alliance soldiers walks with a captured Taliban fighter (C) on the a street of Taloqan in the center of Takhar province, northern Afghanistan, November 15, 2001. Anti-Taliban forces have consolidated their hold over much of Afghanistan, forcing the Islamic fundamentalist Taliban into retreat for a last stand at their southern bastion of Kandahar. REUTERS/Shamil Zhumatov

 

P O L I T I K

Was kommt nach den Taliban?
 
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D ie Nordallianz hält offenbar an einem Friedensprozess unter Führung des ehemaligen afghanischen Königs fest. Die Nordallianz habe nicht die Absicht, das Land allein zu regieren, sagte Dschunis Kanoni, ein enger Vertrauter des gestürzten afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani, am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP.

Rabbani werde nicht nach Kabul kommen und sich auch nicht zum Präsidenten erklären. Möglicherweise werde aber der Verteidigungsminister der Nordallianz, General Fahim, in die Hauptstadt reisen, um dort „die Sicherheit zu gewährleisten“, sagte Kanoni. „Wir stehen immer noch auf der Seite des Rates der Nationalen Einheit, den wir mit dem ehemaligen König Sahir Schah gebildet haben“, fügte er hinzu. Die Nordallianz wolle eine Regierung, die alle Afghanen akzeptieren könnten.

London fordert schnelle Übergangsregierung

Nach der Einnahme von Kabul durch die oppositionelle Nordallianz forderte London die rasche Bildung einer Übergangsregierung. Die internationale Gemeinschaft müsse der neuen Situation ins Auge sehen und sich weiterhin um die Bildung einer Übergangsregierung bemühen, die die Vielfältigkeit der Bevölkerung berücksichtige, erklärte das Außenministerium am Dienstag.

UN arbeiten an Nachkriegsregierung

Die Vereinten Nationen arbeiten bereits intensiv an einem Verfahren zur Bildung einer neuen Regierung in Afghanistan. Vertreter der unterschiedlichen afghanischen Völker und Parteien sollen sich nach Informationen aus dem US-Außenministerium in den nächsten Tagen zu einer Konferenz einfinden, die möglicherweise in Genf, Wien oder Ankara stattfinden könnte, wie es am Dienstag in Washington hieß.

Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, äußerte sich bereits optimistisch, dass „eine repräsentative Auswahl“ des afghanischen Volkes innerhalb weniger Tage zur Bildung einer Nach-Taliban-Regierung zusammenkommen könnte.

Die USA hatten die Nordallianz des 1996 gestürzten Präsidenten aufgerufen, Kabul nicht zu übernehmen. In der Hauptstadt leben vor allem Paschtunen, während in der Nordallianz Usbeken, Tadschiken und Angehörige anderer Minderheiten dominieren.
 
13.11.01, 11:30 Uhr

 
ANTI-TALIBAN-KAMPAGNE

"Blut und Feuer"

Von Frank Patalong

Auf 14 markigen Webseiten legt die US-Regierung seit dem Wochenende ihre Sicht des WTC-Massakers und Afghanistan-Konflikts dar - und vermittelt eine Ahnung davon, wie Politik die neue mediale Massenplattform künftig nutzen wird.

''Network''-Film: 48 Megabyte geballtes Briefing in amerikanischen Positionen
"Network"-Film: 48 Megabyte geballtes Briefing in amerikanischen Positionen
"Das Büro für Internationale Informations-Programme (IIP) ist der wichtigste internationale Dienst für strategische Kommunikation. IIP entwirft, entwickelt und setzt eine Vielzahl von Informations-Initiativen und strategischen Kommunikationsprogrammen um. Diese erreichen ein internationales Schlüsselpublikum wie beispielsweise Medien, Regierungsmitarbeiter, Meinungsführer und die Öffentlichkeit in mehr als 140 Ländern in aller Welt."

So steht das auf der Homepage des IIP zu lesen, einer Unterabteilung des US State Department. Ungewöhnlich ist das nicht. Jede Regierung leistet sich solche Dienste. Vergleichbares gibt es seit Jahrzehnten.

Und auch nicht.

Denn es hat sich etwas verändert in der Medienlandschaft. Traditionell war Politik immer angewiesen auf die mediale Vermittlung ihrer Positionen. Weil (gute) Journalisten sich aber nicht als reine Überbringer von Nachrichten verstehen, saß zwischen Publikum und Politiker stets ein Redakteur als "Filter". Dessen Aufgabe im Umgang mit Nachrichten besteht darin, Ereignisse und Behauptungen in Kontexten darzustellen, die ihre Bedeutung und ihren Wahrheitsgehalt für das Publikum erfassbar machen sollen.

Platt gesagt: Die Presse ist kein Postbote der Politik.

Dafür gibt es jetzt das Web

In dem legendären Cartoon vom chattenden Hund, der 1995 in der "New York Times" erschien, fiel erstmals dieser Satz: "Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist." Will heißen: Ob du groß oder klein, mächtig oder nicht, glaubwürdig oder auf Betrug aus bist. Mit dem Web entstand erstmalig in der Mediengeschichte eine Plattform, die zugleich Kommunikationsmedium mit Rückkanal und Veröffentlichungsmedium ist. Jeder kann "Verleger" sein und vergleichsweise kostengünstig veröffentlichen und Menschen erreichen - und das weltweit.

Für Regierungen und andere politische Akteure bedeutet das, dass sie erstmals in der Mediengeschichte der freien Welt auf dieses gehassliebte, aus ihrer Sicht unzuverlässige Bindeglied zur Öffentlichkeit verzichten können: den Journalisten. Sie können ihre Sicht der Dinge ungefiltert und in aller Ausführlichkeit der Öffentlichkeit präsentieren.

Transparenz oder Desinformation?

Seit dem Wochenende informiert die Bush-Administration die Weltöffentlichkeit über "The Network of Terrorism". Vierzehn Fortlaufseiten hat die Rahmenseite, linear zu lesen. Nur dann fügen sich die Inhalte zu einer Argumentation, deren Schluss nur einer sein kann: Die Bombardierung der Taliban ist eine gerechte Sache.

Wohlgemerkt, der Taliban.

  
IN INTERNET
 
·  International Information Pograms: "Auslands-Info-Behörde" des US-State Department
·  IIP: "The Network of Terrorism"
·  IIP-Infos zu "Muslimisches Leben in Amerika"

SPIEGEL ONLINE ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


 
Was in Afghanistan zurzeit geschieht, ist laut IIP kein Bombardement: Das Land erscheint in den Texten ausschließlich im Kontext mit "humanitärer Hilfe". Der einzige Hinweis darauf, dass die Lage dort derzeit vielleicht nicht die Beste ist, findet sich unter Punkt 7: "Afghanistans unmittelbare Zukunft", liest man dort, "wird eine schwierige sein, aber eine der Hoffnung, wenn auch nur deshalb, weil die Taliban und al-Qaida bald Vergangenheit sein werden."

Es folgt eine Aufstellung der Bemühungen Amerikas, um der "humanitären Krise" in Afghanistan Herr zu werden. Zum aktuellen Fünf-Punkte-Plan, lernt man, gehören die folgenden Maßnahmen:

  • Reduktion der Zahl der Todesfälle, indem man jeden denkbaren Weg nutzt, Nahrung, Saatgut, Decken und Medikamente ins Land zu bringen, bevor der Winter beginnt;
  • Minimalisierung von Bevölkerungsbewegungen, indem man so viel Nahrung wie möglich zu den Dörfern und ländlichen Gebieten schafft;
  • Die Absenkung und Stabilisierung von Nahrungsmittelpreisen durch verbilligten Verkauf an örtliche Händler;
  • Sicherstellung, dass die Hilfe tatsächlich die Bedürftigen erreicht und dass die Taliban daran gehindert werden, Hilfslieferungen zu plündern oder zu manipulieren;
  • Beginn von Entwicklungshilfeprogrammen, die die afghanische Bevölkerung ermutigen sollen, mit dem Wiederaufbau von Häusern, Dörfern, Bauernhöfen und Märkten zu beginnen, wo dies möglich ist.

Auch für den Fall, dass noch Zweifel oder offene Fragen bleiben, hat das IIP vorgesorgt: Unter Punkt 13, "Aktuelle Nahrungsmittellieferungen an die Menschen Afghanistans", bekommt man zumindest die Informationen zu humanitären Aktionen noch einmal im Detail serviert.

Das alles ist - mit Verlaub, liebe Verbündete - hochgradig zynisch.

Seriöse Quelle, einseitige Informationen: Fehlt die Vermittlung und Deutung durch Medien, bleibt nichts als Propaganda
Seriöse Quelle, einseitige Informationen: Fehlt die Vermittlung und Deutung durch Medien, bleibt nichts als Propaganda
Es gibt kein Wort zu Bombenabwürfen. So wie die Filme des Pentagon gern "intelligente Bomben" zeigen, die nur Bösewichter treffen, selbst wenn sie in Wohnhäuser einschlagen, kann man die Luft- und Boden-Operationen der Anti-Taliban-Alliierten aus dem Kontext der Bush-Website nur als flankierende Hilfsmaßnahmen für die Nahrungsmittellieferungen verstehen. Die schmutzige Seite des Konfliktes blendet das "Network" einfach aus.

So verlogen und propagandagefärbt diese Schönmalerei auch wirkt, sie ist nicht völlig unehrlich: Immerhin behauptet das IIP ja gar nicht, informieren zu wollen. Sinn der Behörde ist vielmehr die "strategische Information" - und das impliziert, dass man nur gewillt ist, die Dinge mitzuteilen, die einem genehm sind. "Desinformation" oder "Propaganda" nennt man so etwas nur dann, wenn es der Gegner tut.

Die ganze Botschaft auf den Punkt bringt schließlich das Video zur Website, ein 48 Megabyte großer Quicktime-Film. Der zeigt nicht nur den "Day of Blood and Fire" in eindrucksvollen Bildern, sondern eine ganze Abfolge von Terroranschlägen aus dem islamistischen Lager bis zurück in die frühen Neunziger. Die Dramaturgie: Trümmer, Blut, Opfer, Tote, Rauch. Entschlossene Reaktionen. Solidarität in aller Welt. Der Feind: Identifiziert und präsentiert.

Und damit nicht der falsche Eindruck aufkommt, es ginge hier darum, Amerikaner und Verbündete gegen Muslime aufzubringen, bietet die IIP-Seite passend das begütigende Stück Gegeninformation über "Muslimisches Leben in den USA". Kurze Zusammenfassung: Es herrscht eitel Sonnenschein, Integration pur, Friede, Freude, Eierkuchen.

In Zeiten des Krieges, heißt es, bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Im vernetzten Zeitalter muss man diese Aussage wohl erweitern, nicht nur für den Kriegs- und Krisenfall, sondern auf alle öffentliche Kommunikation: Wo im Web die Informationsmittler fehlen, bleibt die Wahrheit auf der Strecke.

Denn die hat immer Facetten, die erschlossen werden müssen. Die IIP-Websites "lügen" nicht, sie verschweigen nur wichtige Aspekte der Realität, weil sie (für sich genommen wahre) Infos vermitteln wollen, und unangenehme Wahrheiten verschweigen. Das ist der politischen Behörde IIP nicht vorzuwerfen: Das haben Presseämter nie anders getan, und das werden auch andere Regierungen der westlichen Welt künftig so tun wollen. Eindrucksvoller als mit dem "Network of Terrorism", dem "Informationsangebot" einer US-Behörde für die Menschen in aller Welt, wurde die Notwendigkeit einer freien, meinungsfreudigen Presse auch im WWW also selten belegt.



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P O L I T I K

Vielvölkerstaat Afghanistan
 

I n Afghanistan leben 26 Millionen Einwohner, die aus 19 vollkommen verschiedenen Volkgruppen stammen. Die Paschtunen sind mit 40 Prozent die größte und mächtigste ethnische Gruppe. Seit der Gründung der afghanischen Nation durch den Patschunen Achmed Schah Durrani gehörten alle politischen Führer – bis auf eine Ausnahme – dieser Volksgruppe an.

Vor knapp zehn Jahren schaffte es der Tadschike Burhanudin Rabbani die Macht zu übernehmen. Er wurde allerdings schon 1996 ins Exil getrieben. Die Tadschiken sind mit 25 Prozent die zweitgrößte Gruppe in Afghanistan.

Neben den beiden großen Stämmen gibt es weitere kleine Gruppen. Unter diesen ragen zahlenmäßig mit acht Prozent die Hasaren und mit sechs Prozent die Usbeken heraus. Weitere wichtige ethnische Stämme bilden die Turkmenen, Kirgisen, Kasachen und Belutschen.

Die Völker und ihre Wurzeln

Was die Volksgruppen trennt, sind vor allem ihre geschichtlichen Wurzeln. Doch auch in ihrer Sprache und in der Ausrichtung des Islams unterscheiden sie sich voneinander. Die Patschunen gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an. Ihre Sprache ist Patschu, neben Dari eine Amtssprache in Afghanistan. Die Stadt Kandahar im Südwesten des Landes ist das Zentrum der patschunischen Bevölkerungsgruppe.

Die Hasaren stammen vom Volk der Mongolen ab, das sich in der Tradition des Dschinghis Khan sieht. Sie gehören dem schiitischen Glauben an. Während die meisten Gruppen miteinander konkurrieren, waren die Hasaren im Einvernehmen mit den Patschunen seit Beginn des 20. Jahrhunderts an der politischen Herrschaft beteiligt. Seit die Taliban 1996 die Regierung an sich gerissen haben, wurden die Hasaren wegen ihrer schiitischen Glaubensrichtung verfolgt.

Die Sprache der Tadschiken, die aus der Grenzregion zu Tadschikistan stammen, ist persischen Ursprungs. Die Usbeken kommen ebenfalls aus dem Norden des Landes. Sie gehören der sunnitischen Glaubensrichtung an.

AL-DSCHASIRA-KORRESPONDENT

"Araber sind nicht mehr sicher"

Kairo - Der Korrespondent des arabischen TV-Senders al- Dschasira, Taysir Aluni, ist nach eigenen Angaben aus der afghanischen Hauptstadt Kabul in die Provinz Paktia geflohen. Die Provinz, aus der die Taliban inzwischen vertrieben worden seien, sei für Zivilisten einigermaßen sicher, berichtete er am Mittwoch.

Bei seiner Flucht aus Kabul hätten junge Männer das Feuer auf ihn eröffnet und ihn ausgeraubt, erklärte er. Er habe seinen Wagen später jedoch zurückerhalten. Araber seien in der afghanischen Hauptstadt ihres Lebens nicht mehr sicher. Zur angeblichen Zerstörung des Büros von al-Dschasira in Kabul durch US-Kampfflugzeuge, erklärte er, "ich und die Kollegen, wir hatten das Büro nur wenige Minuten vor dem Angriff verlassen". Über das Ausmaß der Zerstörung könne er nichts sagen. Er habe am gleichen Tag Warnungen erhalten und deshalb die Stadt verlassen.

Aluni, der während der vergangenen Wochen als einziger Ausländer aus der afghanischen Hauptstadt berichtet hatte, sagte, er sei in der Nacht zum Dienstag unter Lebensgefahr aus Kabul geflohen. "Ich habe in Kabul zerbombte Häuser und tote Kinder gefilmt, aber was ich in den letzten drei Nächten und auf meinem Weg von Kabul hierher gesehen habe, war so schrecklich, dass ich nicht darüber sprechen kann", sagte er.


Fischer kündigt rasche Afghanistan-Hilfe an

Netzeitung.de14. Nov 14:08, ergänzt 14:13


Bundesaußenminister Fischer hat groß angelegte Hilfe für Afghanistan in Aussicht gestellt. Nach einem Ende der Taliban-Herrschaft sei eine langfristige Unterstützung für das Land geplant.


Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) hat Perspektiven für die humanitäre Hilfe in Afghanistan skizziert. Die militärischen Erfolge der Nordallianz seien von zentraler Bedeutung für das Überleben vieler Menschen in dem zentralasiatischen Land, sagte Fischer am Mittwoch vor der Presse in Berlin. Nicht nur die UNO und internationale Hilfsorganisationen, sondern auch die Medien hätten nun Zugang zu den von den Taliban befreiten Gebieten.
Dies heiße allerdings nicht, dass die Auseinandersetzungen bereits zu Ende seien.

Zunächst müsse rasch eine Übergangsregierung in Afghanistan gebildet und humanitäre Hilfe geleistet werden, sagte Fischer. Die Bundesregierung werde rund 96 Millionen Mark humanitäre Hilfe bereit stellen. Die internationale Staatengemeinschaft sei sich einig darüber, dass die UNO bei der politischen Neuordnung und beim Wiederaufbau Afghanistans federführend sein solle. Auch die EU solle dabei aber eine sichtbare Rolle spielen.

Die humanitäre Lage sei bereits vor dem 11. September katastrophal gewesen, betonte Fischer. Nach einem Ende der Herrschaft der Taliban könne auf neuer Grundlage Hilfe geleistet werden. Alles Menschenmögliche solle getan werden, um die Zivilbevölkerung vor Übergriffen zu schützen.

UNABHÄNGIGE SCHÄTZUNG

Afghanistan-Krieg könnte zwölf Milliarden Dollar kosten

Während das Pentagon zu den Kosten des Afghanistan-Krieges schweigt, hat ein unabhängiges Forschungsinstitut eine erste Prognose vorgelegt. Demnach gibt die US-Regierung pro Monat mindestens eine halbe Milliarde für Bomben, Marschflugkörper und Flugstunden aus.

Washington - Möglich ist nach der Schätzung des amerikanischen Zentrums für Kostenschätzung (CSBA) auch, dass die Kriegsführung monatlich eine Milliarde kostet. So lange nicht bekannt sei, wie viele Bomben die US-Kampfjets abwerfen und was am Boden vor sich gehe, lasse sich diese Zahl des Zentrums für Kostenschätzung (CSBA) aber nicht weiter präzisieren.

AFP/DPA DPA AFP/DPA
AFP/DPA DPA REUTERS

Der für Haushaltsstudien zuständige CSBA-Direktor Steven Kosiak sagt, auf ein Jahr hochgerechnet könnten sich die Kosten des Krieges auf zwölf Milliarden Dollar belaufen - die Hälfte dessen, was die US-Regierung für medizinische Forschung ausgibt.

Zum Vergleich: Für den Kosovo-Krieg gab die USA rund drei Milliarden, für den Golfkrieg etwa 61 Milliarden Dollar aus. Bei letzterem erstatteten die Alliierten aber den überwiegenden Teil der Kosten, und manche Kalkulationen kamen sogar zu dem Ergebnis, dass die USA im Golfkrieg noch Profit gemacht hatten.

Relativ präsize beziffern lässt sich indes, wie teuer der einmalige Einsatz bestimmter Militärtechnologie ist. Eine Flugstunde mit dem FA-18-Kampfbomber der Marine wird mit rund 5000 Dollar veranschlagt. Eine der häufig verwendeten JDAM-Bomben kostet 25.600 Dollar, ein "Tomahawk"-Marschflugkörper zwischen 600.000 und einer Million Dollar.

Allein in der ersten Angriffswelle wurden nach Angaben aus US-Regierungskreisen 50 Cruise Missiles vom Typ "Tomahawk" abgeschossen, darunter einige britische Marschflugkörper. Der "Pave Low"-Hubschrauber, der bei schlechtem Wetter in Afghanistan abstürzte, hatte einen Wert von 40 Millionen Dollar, der in Pakistan abgestürzte Hubschrauber vom Typ "Black Hawk" kostete elf Millionen Dollar.

Das Pentagon hat bisher offiziell erklärt, es werde einige Zeit dauern, die Kosten des Afghanistan-Krieges zu benennen. "Das Verteidigungsministerium wird die Zahlen sammeln, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir sie noch nicht", sagte Pentagon-Sprecherin Susan Hansen.

 

KOMMENTAR

Der unkontrollierbare Alliierte

Von Matthias Gebauer

Für ihren Kampf gegen den Terror stellten sich die USA mit Bomben und Waffen an die Seite der afghanischen Nordallianz. Meldungen über Mord und Totschlag der aufgerüsteten Krieger zeigen, dass sie längst nach eigenen Interessen agieren und unkontrollierbar sind. Doch das ist keine Überraschung.

Die US-Militärs haben ihren Dienst getan. Mit Bombenteppichen und Spezialkräften erreichte die Weltmacht, was die Nordallianz allein jahrelang erfolglos versuchte: Mit atemberaubender Geschwindigkeit überrollen die Kämpfer in diesen Stunden Afghanistan. Panzer fahren durch die Straßen Kabuls, die Taliban flüchteten bei Nacht und Nebel. Die Nordallianz nimmt das als uneinnehmbar geltende Afghanistan im Sturm. Schon in kurzer Zeit wollen sie auch die Taliban-Hochburg Kandahar stürmen.

Eigentlich müsste also alles in bester Ordnung sein. Doch schon vor dem Sturm auf Kabul ließen George Bush und seine Generäle zum ersten Mal in den mittlerweile sechs Kriegswochen Zweifel erkennen. Die Nordallianz solle vor der Einnahme Kabuls doch noch warten, hieß es bei Pentagon-Pressekonferenzen. Und auch der sonst uneingeschränkt solidarische deutsche Außenminister Joschka Fischer mahnte schon vor der Einnahme Kabuls vor einer vorschnellen Machtübernahme durch die Nordallianz. Die zukünftige Regierung Afghanistans müsse multiethnisch sein, mahnte Fischer.

Die Zweifel waren berechtigt. Kaum sind Masar-i-Scharif und Kabul eingenommen, zeigt sich, wie die Kämpfer der Nordallianz ihren Sieg feiern. Taliban-Anhänger werden massakriert, die Horden der ausgehungerten Kämpfer ziehen plündernd durch die Straßen. Die enthemmte Soldateska rasiert Männern die Bärte ab und fesselt sie auf der Straße für die Schaulustigen. Überraschen tut das nicht. Denn dass der ohnehin als skrupelloser Schlächter bekannte General Dostam in Masar-i-Scharif noch einige Rechungen offen hatte, war bekannt. Aus seinen vorher als friedliebend, schlecht ausgerüstet dargestellten Freiheitskämpfern wurden so in wenigen Tagen echte Kriegsherren und brutale Sieger.

In Afghanistan gilt die Regel eines jeden Krieges: Ein Verbündeter ist so lange ein Freund, wie er Vorteile mitbringt. Nach dem nahen Sieg über die Taliban haben die USA der Nordallianz da nicht mehr all zu viel anzubieten. Waffen haben die Kämpfer mittlerweile genug und Macht obendrein. Und warum sollten die Krieger nach jahrelangem, zehrenden Kampf jetzt plötzlich wieder auf einen anderen hören? Noch dazu, wenn es ein Ungläubiger aus dem fernen Westen ist? Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges haben die diversen Kommandeure nun erst mal ihre Hierarchie zu ordnen. Einmischung von außen stört da nur.

Doch nicht nur wegen der erschreckenden Bilder von den Lynchmorden stellt sich die Frage, was eigentlich hat der Krieg für die USA und ihre Alliierten bisher gebracht? Die Nordallianz-Truppen haben die Hauptstadt Kabul eingenommen, eine zerstörte Stadt. Bald werden sie auch Kandahar stürmen, die Hochburg der Taliban. Doch die Gotteskrieger sind noch lange nicht besiegt, sie haben sich längst in die Berge zurückgezogen und bereiten in aller Ruhe den Guerilla-Kampf vor. Für den Kampf gegen einen übermächtigen Feind haben sie im Krieg gegen die Sowjets reichlich Erfahrung gesammelt: Kleine Angriffe, Hinterhalte und Bombenattacken werden ihre Mittel bleiben - zur Not über Jahre und Jahrzehnte.

Und auch von ihrem Hauptziel ist die internationale Koalition gegen den Terror weit entfernt. Denn von dem vermeintlichen Terror-Drahtzieher Osama Bin Laden fehlt weiterhin jede Spur. Und die wird man weder in Kabul noch in Kandahar finden, auch wenn jeder Stein umgedreht wird. Ohne einen Überläufer aus den Taliban-Reihen wird das auch so bleiben. Solange Bin Laden noch eine Hand voll Kämpfer hat, wird ihn auch eine noch so übermächtige Nordallianz nicht finden oder besiegen, und auch die High-Tech-gestützten Amerikaner werden sich schwer tun.

Aus diesem Grund kann Bin Laden die Lage absolut gelassen sehen. Die Amerikaner sollen die Städte ruhig einnehmen, ließ er noch kürzlich über einen pakistanischen Reporter mitteilen. Der Heilige Krieg gehe trotzdem weiter, stellte der meistgesuchte Mann der Welt trocken fest. Der Sturm der Nordallianz ändere daran nichts. Am liebsten, so ließ er durchblicken, würde er die US-Truppen bald in Afghanistan einmarschieren sehen. In alter Manier, so seine Vorstellung, könne er sie dann auseinander nehmen, wie er es beim Krieg gegen die Sowjets gelernt hat.

Ob es so kommt, vermag niemand zu sagen. Doch ohne eigene Truppen am Boden werden die Amerikaner ihren Hauptfeind kaum finden. Und ohne Kräfte von außen werden sie die außer Kontrolle geratenen Nordallianz-Kämpfer nicht wieder auf Kurs bringen, um ein stabiles Afghanistan zu schaffen. Die Lage ist vertrackt, aber genau davor hatten alle Kenner der Region von vornherein gewarnt.

Jetzt hilft offenbar nur noch eins: Die Uno muss mit Blauhelmen nach Kabul, um die Hauptstadt zu sichern und die alten Rivalitäten im multiethnischen Afghanistan im Zaum zu halten. Und schleunigst muss eine Übergangsregierung gebildet werden, damit die Kämpfer der Nordallianz nicht auch die politische Macht übernehmen wie schon Anfang der neunziger Jahre. Beides muss jetzt sehr schnell gehen. Dass es ohne dies nicht gehen werde, war hingegen schon lange klar.

 

BBC, Tuesday, 13 November, 2001, 17:39 GMT
Eyewitness: The liberation of Kabul
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Northern Alliance soldiers head towards Kabul
The Northern Alliance moved in at dawn
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John Simpson

It was just before dawn that the wild dash for Kabul developed, with thousands of Northern Alliance soldiers intent on capturing the capital.

It seemed to take no time at all to cover the 20 kilometres (12 miles) or so to Kabul.

But as we drew nearer to the city we could see the grim evidence of battle. The roads were littered with the bodies of former supporters of the Northern Alliance who had switched sides and joined the Taleban - no mercy for them.

John Simpson walking into Kabul
John Simpson and his BBC colleagues continued on foot
By now there were no Taleban to resist, but we saw that another man had been captured by Northern Alliance troops.

The presence of our camera probably saved his life - the man himself was paralysed with terror.

Then came the critical moment. Would the Northern Alliance simply race on and pour into Kabul itself - even though they had undertaken not to?

The commander in charge was determined not to let it happen - he ordered the armoured vehicles to block the way and the great advance was stopped in its tracks.

The journey into Kabul

Kabul lay temptingly close below us now.

The small BBC team decided to head on into the city, on our own, and on foot - so no-one would think we were soldiers.

We ploughed on - radio side-by-side with television.

Kabul residents celebrate
The local people were friendly and rejoicing

As we walked into Kabul city we found no problems around us, only people that were friendly and, I am afraid, chanting "kill the Taleban" - although as we understand it there are not going to be that many Taleban around.

It felt extraordinarily exhilarating - to be liberating a city which had suffered so much under a cruel and stifling regime.

It was 0753 local time (0323 GMT) and Kabul was a free city, after five years of perhaps the most extreme religious system anywhere on earth.

Revenge

Under the Taleban, girls could not be educated, men could be whipped for shaving, all music was banned, it was forbidden to play chess, to sing, to possess a picture of any living creature.

No wonder they were happy - this is the end of the Taleban in Afghanistan.

Dead Taleban
The bodies of Taleban soldiers lay in the ditches

But there was an ugly price to be paid for so much repression. In the streets, in the ditches, lay the bodies of foreign volunteers for the Taleban, especially Arabs and Pakistanis.

The foreigners were particularly loathed and so they were killed - lynched and shot.

In the surroundings of the Intercontinental Hotel in Kabul we caught sight of a group of Arab and Pakistani Taleban trying to escape the vengeance of the people of Kabul.

But a group of soldiers with guns were already hunting them down, as another arrived bringing grenades to flush them out.

Brutal treatment

They were surrounded and became trapped inside a building.

Some local people had caught another one of the Taleban - an Arab - who was forced to call out to the others who were hiding, to make them come out and surrender.

Captured Taleban soldier
Captured Taleban are shown little mercy

Eventually it worked and the Taleban soldiers were brought out of the building as prisoners - one was a Pakistani, the other an Arab.

The Arab got particularly brutal treatment from his captors - being beaten with rifles and punched.

They were placed in a jeep where they joined other Taleban prisoners - one an Arab, the others Afghans.

Tuesday, 13 November, 2001, 06:05 GMT

Analysis: The Taleban collapse
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Taleban fighters
The Taleban relied on Pakistani support for years
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Daniel Lak

It took the Taleban nearly four years to capture much of northern Afghanistan and the capital Kabul - between 1994 and 1998.

It has taken just a few days for the Islamist militia to abandon its hard-fought gains.

There are a number of reasons for this.

First and foremost, of course, is the relentless pounding of Taleban positions by American bombers and Cruise missiles. This, in a sense, is a mirror image of the Pakistani support the Taleban received during their conquest of Kabul and the north in the 1990s.

Afghan woman in traditional burka shroud
The Taleban enforced strict rules for women
Pakistan did not bomb from the air, or provide overt ground troops.

But funding, logistics and irregular military support proved crucial for the Islamic students' militia to take territory outside of its ethnic heartland in Kandahar.

With that support from Islamabad withdrawn after the 11 September attacks, the Taleban became vulnerable to Northern Alliance forces they had once repulsed with ease.

Then there is the ethnic factor.

In general, especially in the bitter, warlord-ridden days of the mid-1990s, Pashtun Afghans welcomed the Taleban advance.

Even if they did not share the group's austere and rigid version of Islam, Pashtuns were pleased with the peace and security that accompanied the Taleban.

The group disarmed and often punished local warlords who had plagued Afghans for years.

Restrictions on women

The restrictions on women and other strictures in the name of Islam were not particularly different from tribal and village practice in many of these places.

Only the urban population had ever allowed women a role in public life.

Northern Alliance fighters
Northern Alliance fighters: Advancing after years on the defensive
It was only the gradual disappearance of foreign development aid - as agencies found Taleban restrictions unworkable - that made ordinary people aware of how damaging the Islamist militia's policies were.

The Taleban did not consider Kabul a particularly important place. All important decisions were made in Kandahar, the militia's southern stronghold, by Mullah Omar Akhund, the group's reclusive leader.

In fact, Taleban officials sent to be government ministers in Kabul were often seen as slightly suspect, too urban or cosmopolitan, and were often reshuffled or sent back to the provinces.

The machinery of government - ministries, buildings, civil servants - were in the capital, the power lay in Kandahar.

Taleban grip weakens

In the end, the Taleban did what every other group to rule Afghanistan has done - concentrated on a power base and cobbled together support in other areas by using money, military might, terror, and in some cases, improvements in government and development activities - at least, relative to the past. It is not a formula for stable government.

Thus, when the Americans bombed and the Northern Alliance advanced - flush with new weapons and presumably cash from Russia, India, Iran and other allies - the Taleban collapsed.

First Mazar-e-Sharif, a largely Uzbek and Tajik city that was never comfortable with Taleban rule, then other towns like Pul-e-Khumri, Taloqan, Maimana, Dast-e-Qila and Herat.

None of these places were taken by Taleban forces without immense logistical support from Pakistan and funds from Saudi Arabia. Neither of those countries support them anymore.

The question now, and the real fear of neighbouring countries, donor nations, the United Nations and Afghan civilians - is whether the Northern Alliance will be magnanimous in victory or triumphalist and vengeful.

Threat of more chaos

Looting is already being reported. The question is how long it goes on.

Alliance soldiers have fought with minimal resources for years and can hardly be expected to ignore the temptations of a well-stocked bazaar in what was once an enemy-held city.

So far - as American bombs rained down - the political side of the Afghan equation has made little progress.

Attempts to put former King Zahir Shah at the centre of things failed, and attempts to set up a Pashtun alternative to the Taleban are still at an early stage.

Now the advance of the Northern Alliance has added a huge sense of urgency to this process. The coming days will be crucial if Afghanistan is not to sink into another round of warlord-driven civil war.

Or worse - the de facto division of a proud and ancient land into mutually hostile ethnic enclaves.

Tuesday, 13 November, 2001, 17:20 GMT

Afghan women find new freedom
Charikar, 35 km north of Kabul
Most women in Alliance areas already choose to wear the burqa
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By the BBC's Louise Hidalgo

The Northern Alliance has announced that women in Afghanistan can now go back to work, and girls can go to school - activities that were banned by the Taleban.

A statement issued in Kabul said all Afghan women had the right to pursue education and work in accordance with Islamic teaching and Afghanistan's honourable traditions.

Jamila Mujahid, Afghan newscaster, announcing the fall of Kabul
The first woman to broadcast in Afghanistan for five years
And women in Kabul have already begun tearing off the veils they were forced to wear by the ruling militia.

The treatment of women was one of the issues for which the Taleban became most notorious.

The Northern Alliance, on the other hand, has made much of its record on women's rights. But has this just been anti-Taleban propaganda?

Living in fear

The Taleban always treated Kabul - a relatively sophisticated city - with great harshness. The religious police were particularly strict in the way they enforced their punishments.

For a woman failing to wear the all-encompassing cloak, the burqa, correctly, the penalty was a public flogging.

A man has his beard shaved in Kabul
The retreat of the Taleban means new freedom for men too
Yet even in the few areas of Afghanistan which, until a few days ago, the Northern Alliance controlled, most women still choose to wear the burqa. This is a deeply conservative - and patriarchal - culture.

But, unlike in Taleban areas, women say it is tradition - not government pressure - that has made them cover themselves from head to foot.

Limited opportunities

At least, though, under Northern Alliance control, women have been able to work, even if the jobs they have been able to choose from are limited - teaching, for example, or working as a midwife.

Under the Taleban, by contrast, women have been largely confined to their homes, squeezed out of every aspect of public life.

Already, people in the northern city of Mazaar-e-Sharif have been celebrating what they hope, with the arrival of the Northern Alliance, will be the re-opening of girls' schools, for the first time in three years.

It may be that most girls leave school in their early teens to get married. But at least, they say, more liberal families will have the choice to keep their older girls on in education. A fortunate few may even go onto university.


 

USA drücken bei Regierungsbildung in Afghanistan aufs Tempo

Washington (dpa) - Mit einem weinenden und einem lachenden Auge reagieren die USA auf den Vormarsch der Nordallianz nach Kabul. In die Freude über die militärischen Erfolge der Verbündeten mischt sich die Sorge, dass sie das politische Ziel einer großen Koalition aus den bedeutendsten afghanischen Volksgruppen gefährden könnten. Unter Hochdruck laufen daher Konsultationen und Beratungen über die baldige Bildung einer Interimsregierung.

Die USA, Russland sowie die sechs Anrainerstaaten China, Iran, Pakistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan sind sich einig im Wunsch nach einer multi-ethnischen, politisch ausgewogenen und frei gewählten Regierung auf breiter Basis. US-Außenminister Colin Powell gab die Losung «Tempo, Tempo, Tempo» aus, um dies zu erreichen. Sein Sonderbotschafter James Dobbins wurde nach Rom in Marsch gesetzt, um mit dem früheren afghanischen König Sahir Schah zu sprechen.

Die Aufmerksamkeit richtet sich gleichzeitig auf die «zweite Front» des Krieges im Süden des Landes - dort, wo die Anhängerschaft der Taliban am stärksten ist. Diese Region gilt für die Planer im Verteidigungsministerium und im Weißen Haus als das eigentlich entscheidende Schlachtfeld. Die wahre Taliban-Hauptstadt sei Kandahar, sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

Im Süden hatte die Anti-Terror-Allianz mit dem Versuch, die Gegner der fundamentalistischen Herrscher zu mobilisieren, bisher keine erkennbaren Erfolge. Der charismatische Oppositionsführer Abdul Hak geriet in einen Hinterhalt und wurde hingerichtet. Ein anderer Anführer, Hamid Kasai, konnte dem Zugriff mit US-Hilfe gerade noch entkommen.

Der Geheimdienst CIA, der die Operation im Süden leitet, sieht Medienberichten zufolge trotzdem Fortschritte. Sie seien nicht so offensichtlich wie im Norden, doch es gebe Anzeichen einer Zusammenarbeit. Die Nordallianz weiter nach Süden vorrücken zu lassen, liegt nicht im Interesse der USA und vor allem nicht ihres Verbündeten Pakistan. Manche Experten meinen schon, früher oder später würden die USA im Süden eigene Bodentruppen einsetzen müssen.

Washington hofft nun vor allem, dass die Nordalliierten nicht in großem Stil in Kabul einmarschieren und damit eine gemeinsame politische Lösung torpedieren. Vor allem der pakistanischen Führung, aber nicht nur ihr, ist die Nordallianz höchst suspekt. Menschenrechtler werfen ihr vor, während ihrer Herrschaft bis 1996 in Kabul zahllose Grausamkeiten begangen zu haben. Die Nordallianz wird von Vertretern der tadschikischen und usbekischen Minderheiten beherrscht. Die 27 Millionen Afghanen bestehen zu 50 bis 60 Prozent aus Angehörigen der Paschtunen-Volksgruppe, aus der auch die Taliban hervorgegangen sind.

Die Erfolge im Norden haben die USA indes in einem wichtigen Punkt vorangebracht. Sie werden die Versorgung der Not leidenden Zivilbevölkerung beträchtlich erleichtern. Die Lieferungen können statt aus der Luft künftig auf dem Land- und Wasserweg erfolgen. Washington hält diesen Teil des Feldzuges für sehr wichtig, um die Lage zu festigen und Vertrauen in die neuen Machtverhältnisse zu schaffen.



Sie feierten sich mit Exekutionen

13.11 .2001 Spiegel

Gelynchte Taliban auf der Straße zwischen Karabach und Kabul

David Rohde, der Reporter der New York Times in Afghanistan, begleitete Soldaten der Nordallianz beim Marsch auf Kabul. Dabei wurde er Zeuge mehrerer Lynchmorde. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Ausschnitte seiner Reportage im Wortlaut.

Qala-i-Nasro, Afghanistan, 12. November - Nahe eines verlassenen Taliban-Bunkers zogen Soldaten der Nordallianz heute einen verwundeten Taliban-Soldaten aus einem Graben. Als der verängstigte Mann um Gnade bat, zerrten ihn die Soldaten der Allianz zu Boden.


Sie durchsuchten ihn und leerten seine Taschen. Dann feuerte ein Soldat zwei Schüsse aus seinem Gewehr in den Brustkorb des Mannes. Ein zweiter Soldat schlug den leblosen Körper mit dem Griff seines Gewehrs. Ein dritter zertrümmerte den Kopf des Mannes mit einer Raketen getriebenen Granate.

Der Mord geschah Minuten, nachdem die Soldaten der Nordallianz, die auf dem Weg nach Kabul waren, tief in Taliban-Gebiet vorgedrungen waren. Sie wollten sich mit Exekutionen feiern

Erst leeren die Soldaten der Nordallianz den wehrlosen Taliban die Taschen, dann erschießen sie sie

.Neun Meter entfernt lag der Körper eines jungen Mannes, von dem die Nordallianz-Soldaten sagten, er sei Pakistaner. Er lag auf der Seite, die Arme von sich gestreckt. An der Seite seines Kopfes war das Loch einer Kugel.

180 Meter entfernt durchsuchten jene Soldaten, die vorher den alten Mann

erschossen hatten, den Besitz eines regungslosen Taliban-Soldaten. Nachdem sie seine Taschen geleert hatten, feuerte ein Soldat einen Schuss aus seinem Gewehr in den Mann. Die Soldaten zogen schnell weiter, zeigten keine Gefühle. Ein paar Minuten später, legte einer eine ungebrauchte Mörsergranate um den Hals des Mannes.

[...] Dem Kommandeur von 300 Soldaten der Spezial-Einheit Zarbati, Hauptmann Habib, der an dem Sturm (auf Kabul, die Red.) teilnahm, schienen die Berichte von den Tötungen gleichgültig zu sein. "Die Soldaten müssen sehr verärgert gewesen sein", sagte er und zuckte mit den Achseln.

 



Afghanischer Ex-König kritisierte Einmarsch in Kabul

13.11 .2001 Freies Wort
Rom (dpa) - Der afghanische Ex-König Sahir Schah hat den Einmarsch der Nordallianz in Kabul scharf kritisiert. Dieser Schritt sei «gegen die Abmachung» des Königs mit Oppositionellen, sagte ein Sprecher des 87-jährigen ehemaligen Monarchen am Dienstag in Rom.

«Wir wollten, dass die Stadt zunächst entmilitarisiert wird.» Außerdem hätte man sich zuvor politisch auf eine Übergangslösung verständigen sollen. Mit Blick auf Berichte über Plünderungen und Gewalt äußerte sich der Sprecher Abdul Sattar Sirat besorgt über die Sicherheitslage in Kabul.

Zugleich wurde die Einberufung der «Loja Dschergeh», der Großen Ratsversammlung aller afghanischen Stammesführer, gefordert. Ex- General Abdul Wali, ein Verwandter des seit 1973 im römischen Exil lebenden Ex-Königs Sahir Schah, meinte, die Versammlung müsse möglichst bald in Afghanistan selbst zusammentreten.

«Die Loya Girga ist das einzige politische Organ, das unserem Land einen Ausweg aus dem Chaos und der Unsicherheit bieten kann», sagte der 76-jährige Wali der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Die Befreiung der Hauptstadt lasse Hoffnung für die Zukunft des Landes aufkommen.

Der Ex-König stand in den vergangenen Wochen wiederholt im Mittelpunkt diplomatischer Bemühungen für die Bildung einer neuen afghanischen Regierung nach dem Sturz der Taliban. Im Großen Rat sollte nach den Plänen Sahir Schahs auch Platz für «moderate» und übergelaufene Taliban sein. Ein Vermittlungsversuch durch Oppositionsführer Abdul Hak war Ende Oktober gescheitert. Hak wurde von den Taliban festgenommen und als Verräter hingerichtet.



US-Elitesoldaten in Bagram nahe afghanischer Hauptstadt Kabul

13.11 .2001 Quelle Reuters

Bagram (Reuters) - Auf dem Militärflughafen Bagram nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul sind am Dienstag mit dem Hubschrauber Mitglieder der amerikanischen Spezialeinheiten angekommen. Von den sechs Elitesoldaten flogen vier wieder ab und ließen ihre beiden Kameraden und Ausrüstung zurück. Die Amerikaner waren in zivil, trugen aber Sturmgewehre des Typs M-16.

Die Nordallianz hatte am Dienstmorgen von Bagram aus Kabul eingenommen, nachdem die USA die Truppen der Taliban-Regierung dort und im Norden mit Luftangriffen zermürbt hatte. Es wird angenommen, dass amerikanische Spezialeinheiten die Offensive der Allianz koordiniert haben, die am Freitag im Norden begann. Die Allianz entstand aus der Koalitionsregierung, die die Taliban 1996 aus Kabul vertrieben, die aber stets von der UNO als rechtmäßige Vertreterin Afghanistans betrachtet wurde.



Taliban-Führer Mullah Omar angeblich geflohen

13.11 .2001 Südeutsche Zeitung

Mullah Mohammed Omar, der Führer der Taliban, hat sich nach Erkenntnissen der afghanischen Exil-Führung nach Pakistan abgesetzt.

Das berichtete ein Diplomat der afghanischen Botschaft in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, wie die russische Agentur RIA-Nowosti meldete.

Mullah Omar halte sich inzwischen an einem nicht näher genannten Ort auf pakistanischem Gebiet versteckt. Nähere Angaben wurden dazu nicht gemacht.

Pakistan gegen Regierung der Nordallianz

Pakistan hat die UN aufordert, bei der Regierungsbildung in Afghanistan zu vermitteln. Pakistan hat nach dem Einmarsch der Nordallianz in Kabul gefordert, aus der afghanischen Hauptstadt eine entmilitarisierte Zone zu machen und unter internationale Überwachung zu stellen.

Eine Gruppe allein könne dem Nachbarland keinen Frieden bringen und seinen Bestand garantieren, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Islamabad. Deshalb werde eine Regierung auf breiter Grundlage gebraucht, die von den UN vermittelt werden müsse.

Der Einmarsch der Nordallianz nach Kabul stößt international auf Missbilligung, weil die Nordallianz nur Minderheiten repräsentiert und nicht die Paschtunen, die etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese waren das Rückgrat der Taliban- Regierung, die von der Nordallianz aus Kabul verjagt wurde.

Nordallianz übernimmt Kontrolle in Kabul

Die Truppen der Taliban hatten die afghanische Hauptstadt Kabul in der Nacht preisgegeben und sich nach Kandahar zurückgezogen.

US-Präsident George W. Bush hatte davor gewarnt, in die Hauptstadt einzumarschieren. Die überwiegend von Tadschiken und Usbeken gebildete Nordallianz stößt bei einem Großteil der Bevölkerung der Paschtunen in Kabul auf Ablehnung.

Taliban sammeln sich in Kandahar

Nach Einbruch der Dunkelheit waren am Montagabend Panzer, Truppentransporter und andere Fahrzeuge der Taliban beim Verlassen Kabuls gesehen worden. Sie seien in Richtung der Taliban-Hochburg Kandahar gefahren, berichteten Augenzeugen.

Chaos steht möglicherweise bevor

Über die Reaktion der Stadtbevölkerung von Kabul gibt es widersprüchliche Angaben. Westliche Nachrichtenagenturen berichten von vereinzeltem Jubel und verbreiteter Zurückhaltung.

Nach Angaben des Fernsehsenders Al-Dschasira hätten Flüchtlinge aus Kabul von verbreiteten Plünderungen durch Kämpfer der Nordallianz gesprochen. Allerdings könne es auch sein, dass Einwohner mit den Gewalttaten Rechnungen untereinander begleichen wollten.



Taliban geben Kabul auf

13.11 .2001 Spiegel

Die afghanische Nordallianz kann weitere Erfolge vermelden. Einzelne Kämpfer der Allianz sollen in der Nacht bereits in Kabul eingerückt sein. Die Taliban-Milizen befinden sich auf dem Rückzug.

Nordallianz-Kämpfer/ Flagge CENTER/KLEIN

Islamabad/Washington - In der Nacht hatten die Taliban Augenzeugenberichten zufolge die afghanische Hauptstadt geräumt. Nach Einbruch der Dunkelheit waren am Montagabend Panzer, Truppentransporter und andere Fahrzeuge der Taliban beim Verlassen Kabuls gesehen worden. Sie seien in Richtung der Taliban-Hochburg Kandahar gefahren, berichteten Beobachter. Ein Reuters-Korrespondent sagte, die Büros der Taliban seien verlassen und zum Teil geplündert worden. Anwohner berichteten, aus den Gefängnissen der Stadt seien Häftlinge ausgebrochen.

"Nieder mit den Taliban

. "Wir haben Kabul eingenommen", rief ein Kämpfer der Nordallianz Medienberichten zufolge triumphierend auf einer Straße im Stadtzentrum. Die Nordallianz soll nach eigenen Angaben die wichtigsten Regierungsgebäude besetzt haben. Dies konnte zunächst nicht bestätigt werden.

Die Fahrzeuge der Nordallianz waren mit Fotos ihres vor zwei Monaten bei einem Selbstmordanschlag getöteten Anführers, Ahmad Schah Masud, geschmückt. Die Taliban würden in Richtung Westen getrieben, sagte ein anderer Kämpfer. "Nieder mit den Taliban" und "Willkommen Nordallianz", riefen einige Einwohner. Vereinzelt waren Schüsse zu hören.

Bereits am Montag hatte die Nordallianz die Frontlinien der Taliban vor Kabul durchbrochen. Unterstützt wurde sie durch Artilleriefeuer und Luftangriffe der USA.

"Alles im Fluss

Von der Regierung in Washington gab es zunächst keine Reaktion. Ein hoher Beamter des Weißen Hauses wurde im Fernsehen lediglich mit den Worten zitiert: "Alles ist im Fluss." Die USA hatten die Allianz aufgefordert, nicht in Kabul einzurücken, bevor eine Übergangsregierung eingesetzt ist, die alle Volksgruppen repräsentiert.

In der Nordallianz ist das Mehrheitsvolk der Paschtunen kaum vertreten. Als die heute in der Allianz vereinigten Gruppen Anfang der neunziger Jahre im Land regierten, gingen sie brutal gegen die Paschtunen vor. Die überwiegend von Tadschiken und Usbeken gebildete Nordallianz stößt daher bei einem Großteil der Bevölkerung der Paschtunen in Kabul auf Ablehnung.


Fischer fordert "offene Stadt"

Bundesaußenminister Joschka Fischer hatte am Montagabend am Rande der Uno-Generaldebatte in New York mit Generalsekretär Kofi Annan über die Lage in der afghanischen Hauptstadt. Annan wolle versuchen, mit den verschiedenen Bevölkerungsgruppen einen Konsens über Kabul herzustellen, verlautete aus Delegationskreisen. Annan und Fischer hätten betont, dass Kabul eine "offene Stadt" bleiben müsse, hieß es. Die Sicherheit und die Versorgung der Bewohner müssten gewährleistet sein.


Nordallianz vertreibt Taliban aus Kabul
Trotz der Warnungen der USA sind Einheiten der Nordallianz in Kabul einmarschiert. Die Taliban gaben die Hauptstadt kampflos auf


13.11 .2001 Welt

Oppositionelle Truppen auf dem Vormarsch nach Kabul
Kabul – Eine rund 60 Mann starke Einheit der Nordallianz drang am Morgen widerstandslos mit Geländefahrzeugen nach Kabul ein. Sie waren mit Kalaschnikow-Gewehren und Raketenwerfern bewaffnet, eine Gruppe von Kämpfern führte vier Kämpfer der regierenden Taliban ab. Die Kämpfer der Nordallianz wurden von den Menschen in Kabul mit Rufen wie „Allah ist groß“ empfangen.
„Die Taliban sind endlich weg“, rief ein Bewohner aus dem Norden der Stadt. Die Männer in den Straßen nahmen zum Zeichen ihrer Ehrerbietung ihre Turbane ab. Es ist der größte militärische Erfolg der oppositionellen Truppen seit Beginn des US-Militäreinsatzes in Afghanistan.

Offenbar erste Plünderungen

Nach dem Einmarsch der Nordallianz hielt sich der Großteil der Oppositionstruppen weiterhin außerhalb der afghanischen Hauptstadt auf. Der erste Vormarsch in die Stadt habe dazu gedient, den letzten Widerstand der Taliban zu brechen und Plünderungen zu verhindern, sagte Nordallianz-Kommandeur Gul Haider. Bislang hätten seine Kämpfer nicht die Erlaubnis, in die Hauptstadt einzurücken. Ein Reporter der britischen BBC berichtete jedoch, es sei zu ersten Plünderungen gekommen.

USA haben keine Kontrolle über die Nordallianz

Die USA hatten sich entschieden gegen eine Besetzung Kabuls durch die Nordallianz ausgesprochen, um die politische Zukunft Afghanistans nicht zu gefährden. Die US-Regierung wollte noch keine eindeutige Stellung zu dem militärischen Erfolg der Nordallianz nehmen.

Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums sagte, US-Armee und Nordallianz koordinierten ihre Aktionen nicht so eng wie es scheine. Zuvor hatte ein Pentagon-Sprecher eingeräumt, die USA hätten „keinerlei Kontrolle“ über die Nordallianz. Die bewaffnete Opposition hatte in den vergangenen Tagen unter dem Schutz von US-Luftangriffen weit reichende Geländegewinne im Norden des Landes erzielt.

UN-Generalsekretär Kofi forderte rasche politische Gespräche zur Einrichtung einer Taliban-Nachfolgeregierung, um mit den raschen militärischen Entwicklungen Schritt zu halten. Die pakistanische Regierung rief dazu auf, „ein Blutbad“ in Kabul zu verhindern. Pakistan lehnt die alleinige Kontrolle Kabuls durch die Nordallianz strikt ab.

Sind die Taliban am Ende?
Rückzug der Taliban aus Kabul

Die Nord-Allianz hat die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen, nachdem die Taliban zuvor kampflos abgezogen waren. Dabei haben diese, wie es scheint, alle ihre Waffen mitgenommen. Auch andere Städte im paschtunischen Süden und Osten sollen gefallen sein. Bei ihrem Vormarsch im Norden des Landes waren die Taliban-Gegner an vielen Orten ebenfalls auf wenig Gegenwehr gestossen. Zwar gibt es dort noch Widerstandsnester. Dennoch scheint es, dass die Taliban auch im Norden zahlreiche Städte kampflos geräumt haben.

Ist das das Ende der Herrschaft der Taliban? Oder handelt es sich um einen taktischen Rückzug mit dem Ziel, die Truppen neu zu gruppieren und später von den Bergen aus, in denen sich in den achtziger Jahren auch die Mujahedin vor den sowjetischen Truppen versteckt hatten, einen zermürbenden Guerillakrieg zu beginnen? Der Verlust der Schlüsselpositionen bedeutet noch lange nicht, dass die Taliban und die Mujahedin aus arabischen Ländern, die sie unterstützen, endgültig geschlagen sind. Ungewiss ist auch, ob die Nord-Allianz, die nach den Geländegewinnen der letzten Tage ihre Kräfte verzettelt hat, die eroberten Gebiete auf Dauer überhaupt halten kann.

Es stellt sich zudem die Frage, ob die Kriegsherren und Stammesfürsten aus dem Norden aus ihren früheren Fehlern gelernt haben und nicht erneut - wie das nach dem Ende der sowjetischen Besetzung der Fall gewesen war - im Kampf um Macht und Territorien übereinander herfallen. Das gäbe den Taliban eine neue Chance. Entscheidend ist auch, was die Paschtunen angesichts des raschen Zerfalls der politischen Macht der Taliban zu tun gedenken. Die Paschtunen - die grösste Volksgruppe in Afghanistan - haben seit je in Kabul eine dominierende politische Rolle gespielt.

Es gibt Anzeichen dafür, dass paschtunische Stammesfürsten im Süden und Osten bereit sind, sich von den Koranschülern abzuwenden und zu den Siegern überzulaufen. Die Taliban, die in ihrem Herrschaftsbereich kaum staatliche Institutionen geschaffen haben, hatten sich bei ihrem Siegeszug durch Afghanistan Mitte der neunziger Jahre die Loyalität vieler lokaler Stammesführer erkaufen müssen. Die ersten Reaktionen der Bewohner von Kabul zeigen, dass die Menschen genug haben von der Willkürherrschaft der Taliban mit ihrer puritanisch- repressiven Auslegung des Korans und vom täglichen Terror der Religionswächter.

Eine der wichtigsten Aufgaben besteht nun darin, die Nord-Allianz dazu zu bringen, die Macht mit den Paschtunen zu teilen. Ohne deren Einbindung in eine Nachkriegsordnung gibt es keine politische Stabilität in Afghanistan. Die Zeit drängt. Zwar haben Vertreter der Nord-Allianz bereits erklärt, ihre Truppen seien nicht in Kabul einmarschiert, um die Macht zu übernehmen. Sie wollten vielmehr die Voraussetzungen für die Bildung eines Rates aller afghanischen Völker schaffen, der dann eine breit abgestützte Übergangsregierung bilden solle. Das sind sehr schöne Worte. Ob sich die machthungrigen Führer der Nord-Allianz, die Kabul Mitte der neunziger Jahre im blutigen Kampf um die Vorherrschaft in Schutt und Asche gelegt hatten, auch an sie halten werden?
NZZ,Mittwoch, 14. November 2001

 

Die Taliban ziehen sich aus Kabul zurück

Übernahme der Hauptstadt durch die Nord-Allianz

Die Nord-Allianz hat die Kontrolle über die afghanische Hauptstadt Kabul übernommen. Zuvor hatten sich die Taliban kampflos zurückgezogen. Berichte, dass die Nord- Allianz auch Kandahar eingenommen habe und der Taliban-Führer, Mullah Omar, nach Pakistan geflohen sei, wurden von einem Taliban-Sprecher dementiert.

By. Delhi, 13. November ,NZZ

Die afghanische Hauptstadt Kabul ist gefallen. In der Nacht auf den Dienstag hatte sich in den Reihen der Nord-Allianz 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt die Nachricht verbreitet, dass die Taliban ihre Frontstellungen aufgegeben und sich in grosser Zahl den Kämpfern angeschlossen hätten, welche Kabul in Richtung Süden verliessen. Dies führte dazu, dass sich im Morgengrauen Soldaten der Nord-Allianz mit schwerem Kriegsgerät ungeordnet in Bewegung setzten. Zuerst hatte es so ausgesehen, als ob sich die Truppen der Nord- Allianz an den Befehl der Kommandanten halten würden, die Stadt nicht zu betreten. Aber offenbar liessen sich immer mehr Soldaten in den ungeordneten Sog in Richtung Kabul hineinziehen.

Forderung nach Demilitarisierung

Im Lauf des Dienstags kam es zu einzelnen Plünderungen, Schusswechseln und Exekutionen. Es sollen in erster Linie ausländische Kämpfer - BBC-Berichte sprachen von Pakistanern und Arabern - gewesen sein, die von den Taliban mit dem Schutz der Stadt beauftragt worden waren. Bei Anbruch der Nacht war die Stadt jedoch relativ ruhig, und es scheint, dass das Gros der Truppen der Nord-Allianz mit den schweren Waffen ausserhalb der Hauptstadt geblieben ist.

Die Taliban zogen sich in südwestlicher Richtung zurück und sollen bei Maydan Shaher zunächst versucht haben, eine neue Verteidigungslinie zu errichten. Doch auch dieser Verkehrsknotenpunkt fiel im Laufe des Tages. Möglicherweise trugen dazu auch unbestätigte Berichte bei, wonach zunächst der Flughafen und später die Stadt Kandahar in die Hände der Nord-Allianz gefallen sein soll. Später kursierten Gerüchte, dass der Taliban-Führer, Mullah Omar, seine Hochburg in Kandahar verlassen und sich nach Pakistan abgesetzt habe. Diese Berichte wurden von einem Sprecher der Taliban gegenüber der Agentur AIP dementiert. Zweifellos wurden die Taliban vom raschen Zusammenbruch ihrer Verteidigungslinien überrascht. Allerdings hatte es in den letzten Tagen in Kabul aber auch Beobachtungen gegeben, wonach die Taliban sich in grossem Stil mit Vorräten einzudecken begannen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Führung vor rund einer Woche den folgenreichen Entschluss gefasst hatte, sich nicht auf eine Schlacht um Kabul einzulassen, sondern einen taktischen Rückzug zu organisieren. So könnten sich die Taliban mit ihren Waffen in den Bergen neu organisieren und sich auf einen Guerillakrieg vorbereiten.

Die kampflose Aufgabe Kabuls hat die internationale Gemeinschaft völlig überrascht. Die Nachricht hat besonders im benachbarten Pakistan wie eine Bombe eingeschlagen. Vereinzelt wurde von einem Verrat durch die USA gesprochen. Pakistan habe der Anti-Terror-Koalition jede Unterstützung gewährt und dafür das Versprechen erhalten, dass in Kabul eine allseits akzeptierte Regierung eingesetzt werde. Nun hätten die Vertreter der nordafghanischen Minderheiten mit der Besetzung der Hauptstadt vollendete Tatsachen geschaffen. Der Sprecher des Aussenministeriums wiederholte die Befürchtung, es könnte zu Racheakten gegen die Paschtunen kommen. Er forderte die Entsendung einer Uno- Friedenstruppe. Auch die Kreise um den früheren König Zahir Shah zeigten sich überrascht und enttäuscht. Die Besetzung Kabuls widerspreche dem Abkommen, das die Nord-Allianz mit dem König geschlossen habe. Dessen Sprecher forderte eine Demilitarisierung der Hauptstadt.

Kein Chaos

Aber auch die Nord-Allianz wurde vom Abzug der Taliban überrascht. Dies ist kurzfristig von weit grösserem Gewicht, denn es ist die Allianz, welche dafür verantwortlich ist, dass es nicht zu den befürchteten Plünderungen und Racheakten kommt. Bereits zirkulieren Gerüchte, wonach Kommandanten die Stadt in ihre Interessensphären aufgeteilt hätten. Allerdings trat im Lauf des Tages immer deutlicher eine Sicherheitstruppe in Erscheinung, welche damit begann, die Strassenkreuzungen zu kontrollieren und die von den ersten «Eroberern» besetzten Regierungsgebäude zu übernehmen. Am Dienstagabend war die Stadt erstaunlich ruhig. Das befürchtete Chaos ist bisher ausgeblieben.

Genugtuung und Sorgen in Washington

Schwierige Suche nach Ausgleich in Kabul

Die amerikanische Administration hat den Rückzug der Taliban aus Kabul als Durchbruch im Kampf gegen al-Kaida bewertet. Sie sorgt sich aber um die Bildung einer tragfähigen, alle Volksgruppen umfassenden Übergangsregierung.

R. St. Washington, 13. November

Präsident Bush hat den Vormarsch der Nord- Allianz mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Er ermahnte sie aber auch zum Verzicht auf Vergeltung. Am Dienstag hatten die amerikanischen Zeitungen in Wort und Bild über grausame Racheakte von Soldaten der Allianz an den Taliban berichtet.

Überholtes Konzept

So erfreulich aus militärischer Perspektive der Vormarsch der Nord-Allianz sein mag - er präjudiziert die Bildung einer Übergangsregierung für Afghanistan. Nach Ansicht des Weissen Hauses sollte sich diese auf eine breite Basis abstützen können und den verschiedenen Völkern und Stämmen des Landes Rechnung tragen. Am Wochenende hatte Präsident Bush die Taliban- Gegner ermahnt, mit der Einnahme Kabuls zuzuwarten, in der Hoffnung, vorher eine politische Lösung zustande zu bringen. Durch die kampflose Preisgabe Kabuls durch die Taliban wurde dieses Konzept überholt.

Am Dienstag wurde der erst vor wenigen Tagen ernannte Vertreter der Vereinigten Staaten bei der afghanischen Opposition, James Dobbins, auf den Weg geschickt. Er soll nach einer Kontaktnahme mit dem früheren König Zahir unverzüglich seine Aufgabe in Islamabad wahrnehmen. Damit will Washington unterstreichen, dass ihm bei der Suche nach einer tragfähigen Regierung an der guten Zusammenarbeit mit Pakistan weiterhin gelegen ist. Der Aussenminister der Nord- Allianz, Abdullah Abdullah, besänftigte in der Zwischenzeit die amerikanische Öffentlichkeit mit Fernsehinterviews, in denen er erklärte, zurzeit befänden sich in Kabul nur 6000 Ordnungskräfte seiner Organisation.

Zur Eile gemahnt

Sowohl das Weisse Haus wie das Aussenministerium sind sich der Schwierigkeiten bewusst, die mit einem einigermassen akzeptablen Interessenausgleich zwischen den Volksgruppen verbunden sind. Die Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice meinte schon vor Wochen, die Zukunft Afghanistans müsse den Vereinten Nationen anvertraut werden. Aussenminister Powell mahnte auf Grund der neuen Situation zur Eile. Nach seiner Auffassung sollten drei Staaten mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung (die Türkei, Bangladesh und Indonesien) unter der Ägide der Uno für politische Übergangsstrukturen besorgt sein. Powell gab in einem Gespräch mit der «New York Times» auch zu erkennen, dass im Kabinett in Washington immer noch keine Einigkeit darüber herrsche, ob Südafghanistan mit Waffengewalt oder durch Überzeugung für eine gemeinsame Aktion gewonnen werden sollte. Der einst höchste General der Vereinigten Staaten vermutet nach dem letzten Geschehen auf dem Schlachtfeld, dass den Taliban die Kraft rasch ausgehe. Mit einem Blick in eine allerdings noch ferne Zukunft meinte Powell, die Vereinigten Staaten würden sowohl mit Indien als auch mit Pakistan «robuste militärische Beziehungen» unterhalten. Das wird notwendig, aber keineswegs einfach sein, ebenso wenig wie die Bildung einer Übergangsregierung in Afghanistan.

Einladung zu Gesprächen

(ap) Die Nord-Allianz hat am Dienstag alle Volksgruppen mit Ausnahme der Taliban zu Gesprächen über die Bildung einer neuen Regierung eingeladen. Der Aussenminister der Nord- Allianz, Abdullah, erklärte, damit sollten die Verhandlungen über die Zukunft Afghanistans beschleunigt werden. Abdullah bat um Uno-Teams für den Aufbau einer Übergangsregierung. Zunächst solle der Verteidigungsminister der Allianz, Mohammed Fahim, einen militärischen Sicherheitsrat zur Verwaltung der Stadt leiten. Die Allianz habe aus Sicherheitsgründen keine andere Wahl gehabt, als Sicherheitskräfte nach Kabul einrücken zu lassen, obwohl dies nicht dem Willen der internationalen Gemeinschaft entsprochen habe.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf forderte die umgehende Entsendung einer Uno- Friedensmission nach Kabul. Ein entmilitarisierter Status für die afghanische Hauptstadt sei dringend notwendig, um Blutvergiessen zu vermeiden, sagte er in Istanbul. An der Friedensmission sollten sich die arabischen Staaten beteiligen, die Türkei und Pakistan könnten dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Der britische Premierminister Blair forderte ebenso wie Musharraf eine schnellstmögliche Uno-Präsenz in Afghanistan, um eine stabile Regierung aufzubauen, die auch ein verlässlicher Partner für die Nachbarstaaten sein müsse.

Bericht über Erschiessungen in Mazar

Genf, 13. Nov. (ap) Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat Anzeichen dafür, dass es während des Vormarsches der Truppen der Nord-Allianz im Norden Afghanistans zahlreiche Todesopfer gegeben hat. Wie eine Sprecherin des IKRK am Dienstag in Genf mitteilte, sind Mitarbeiter in der am Freitag eroberten Stadt Mazar-e Sharif dabei, die Toten behelfsmässig zu begraben. Allein hier liege die Zahl der Toten bei mehreren hundert, sagte die Sprecherin. In vielen Fällen sei unklar, ob es sich bei den Toten um Zivilpersonen oder Taliban-Kämpfer handle. Auch habe sie keine konkreten Informationen oder Schätzungen über das tatsächliche Ausmass der Opfer.

Das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) äusserte sich sehr besorgt über das Schicksal von rund 6000 afghanischen Zivilisten, die sich in einem Lager im Südwesten Afghanistans nahe der iranischen Grenze aufhalten sollen. Es sei zu befürchten, dass die Lagerinsassen von Taliban-Kämpfern, die sich unter die Zivilisten gemischt hätten, als Geiseln genommen und als menschliche Schutzschilde benutzt würden. Laut gewissen Berichten haben Truppen der Nord-Allianz das Lager bei Makaki eingekesselt. Im Lager selbst befänden sich schwere Waffen der Taliban. Helfer des UNHCR hätten sich wegen der Anwesenheit der Taliban-Kämpfer geweigert, das Lager zu betreten. Ähnliches gelte auch von anderen Lagern in dem von den Taliban kontrollierten Gebiet.

Die Uno berichtete am Dienstag auch über Kriegsverbrechen von Kämpfern der Nord- Allianz. So seien nach der Eroberung von Mazar-e Sharif rund 100 junge Taliban-Rekruten, die sich in einer Schule versteckt gehalten hätten, von Kämpfern der Nord-Allianz erschossen worden. Eine Sprecherin des Welternährungsprogramms berichtete von Meldungen über Plünderungen und Entführungen durch Kämpfer der Nord-Allianz in Mazar-e Sharif.

Mullah Omar ruft zum Widerstand auf

Islamabad, 13. Nov. (Reuters) Das Oberhaupt der Taliban-Bewegung, Mullah Mohammed Omar, hat laut der afghanischen Nachrichtenagentur AIP seinen Truppen über Funk befohlen, sich dem Feind zu stellen und nicht zur Nord- Allianz überzulaufen. «Ich befehle euch, euren Kommandanten rückhaltlos zu gehorchen. Ihr müsst euch neu gruppieren, Widerstand leisten und kämpfen», zitierte AIP am Dienstag den Taliban-Chef.

 

Ein Uno-Plan für Afghanistan

Der Sonderbeauftragte der Uno für Afghanistan, der Algerier Brahimi, hat am Dienstag vor dem Sicherheitsrat einen Plan zur Befriedung von Afghanistan nach dem Rückzug der Taliban erläutert. Danach soll so rasch wie möglich in Kabul ein Treffen zwischen der von den USA unterstützten Nord-Allianz sowie Vertretern anderer Gruppen - die Taliban nannte Brahimi nicht - einberufen werden. Ziel sei es, einen provisorischen Rat zu schaffen, der die ethnische Vielfalt des Landes spiegle. Den Vorsitz solle eine eminente Persönlichkeit einnehmen, die als Symbol für nationale Einheit anerkannt sei. Dies dürfte ein Hinweis auf den 87-jährigen, seit 1973 in Rom im Exil lebenden König Zahir Shah sein, der von verschiedener Seite bereits als einigende Figur genannt worden war. Der Rat würde für eine Frist von maximal zwei Jahren eine Übergangsregierung bilden. In der Zwischenzeit sollte ein «Weisenrat» von angesehenen Afghanen eine Verfassung erarbeiten. Daraufhin könnte eine permanente Regierung ihre Tätigkeit aufnehmen.

Bis es so weit ist, wird die Uno zur Wahrung der Sicherheit und des Friedens eine multilaterale Truppe einsetzen. Am Sitz der Uno in New York wurde an der Schaffung dieser Truppe nach der Überstürzung der Ereignisse in Afghanistan fieberhaft gearbeitet. Wie der amerikanische Aussenminister Powell erklärte, haben bis jetzt die Türkei, Bangladesh und Indonesien Kontingente zugesagt. Es herrscht Einmütigkeit darüber, dass nur muslimische Länder teilnehmen sollen. Der Uno- Generalsekretär Annan unterstrich am Dienstag die Dringlichkeit der Massnahmen sowie die absolute Priorität humanitärer Hilfe.

NZZ,14. November 2001, 07:39

 

Schröder will Vertrauensfrage stellen

Abstimmung über Bundeswehreinsatz in Afghanistan am Freitag

Die rot-grüne Koalition in Berlin steht auf dem Prüfstand. Der deutsche Bundeskanzler Schröder will die Abstimmung über einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan mit der Vertrauensfrage verknüpfen. Die Abstimmung im Bundestag soll am Freitag stattfinden.

(afp/Reuters) Der deutsche Bundeskanzler habe die Verknüpfung in der Fraktion angekündigt, sagte SPD-Fraktionschef Peter Struck am Dienstagnachmittag. Die SPD-Abgeordneten hätten auf die Ankündigung mit stehendem Applaus reagiert. Er gehe davon aus, dass Schröder eine Mehrheit im Bundestag erhalten werde. Schröder  ging anschliessend zur Grünen-Fraktion, wo er versuchen wollte, die mindestens acht Abweichler doch noch zu einer Zustimmung zu bewegen. Mit dem Nein würde die Koalitionsmehrheit verfehlt.

Neben dem Antrag der Bundesregierung auf Bereitstellung von 3900 deutschen Soldaten soll bei der Bundestagsabstimmung auch ein Entschliessungsantrag beschlossen werden. Darin macht die Koalition laut Grünen-Fraktionschefin Kerstin Müller «noch einmal deutlich, dass die militärischen Aktionen in ein Gesamtkonzept» eingebunden sind. Darin werde festgelegt, dass SPD und Grüne auch im Rahmen von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit «ganz starke Anstrengungen unternehmen werden, um zu zivilen Lösungen zu kommen». Sie hoffe, dass dies zusammen mit dem Grünen-Parteiratsbeschluss vom Montag «Brücken baut für Abgeordnete, dem Mandat zuzustimmen». Ausserdem sei sie zuversichtlich, dass es Präzisierungen am Auftrag und am Einsatzort für die Bundeswehr geben werde, sagte Müller weiter.

Der Grünen-Parteirat hatte den Abgeordneten am Montag empfohlen, dem innerparteilich heftig umstrittenen Bundeswehr-Einsatz unter bestimmten Voraussetzungen zuzustimmen. 

NZZ,13. November 2001, 22:20

Truppen der Nordallianz stehen auch vor Kandahar Alle Artikel zum Thema

Bevölkerung feiert Nordallianz in Kabul. Staatengemeinschaft besorgt über schnellen Vormarsch. Berichte über Plünderungen

Von Daniel Kestenholz

Bangkok - Ohne jede Gegenwehr sind Afghanistans Nordallianz-Rebellen unter dem Jubel ihrer Anhänger in der afghanischen Hauptstadt Kabul einmarschiert. Die Nordallianz errichtete Checkpoints, besetzte Regierungsgebäude und plante nach pakistanischen Berichten die Ausrufung einer Regierung. Stadtteile wurden an ethnische Führer verteilt, die nach Wochen in Schützengräben nicht länger auf die Königsbeute Kabul verzichten wollten. Nach unbestätigten Meldungen sei auch die Taliban-Hochburg Kandahar gefallen - am ersten Tag ohne US-Luftbombardements seit Kriegsbeginn.

Das Weiße Haus nannte die Lage in Kabul "sehr flüssig". UN-Generalsekretär Kofi Annan forderte "rasche Schritte" in Richtung einer multi-ethnischen Regierung für das Land.

Die Taliban hatten Kabul über Nacht geplündert und waren in Richtung Kandahar geflohen, während in Pakistan wartende Exilkommandeure in Afghanistans südöstliche Provinzen vorstießen und ihre alten Fürstentümer beanspruchten.

Der russischen Agentur Interfax zufolge sei Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar nach Pakistan geflohen. Über den Taliban-Militärfunk habe Omar seine Truppen zuvor in einer achtminütigen Ansprache aufgefordert, "Kommandeuren zu gehorchen (...) und zu kämpfen". Mit auf ihre Flucht in die südliche Hochburg Kandahar hatten die Taliban die acht der Zwangsbekehrung angeklagten westlichen "Shelter-Now"-Entwicklungshelfer genommen - darunter auch die vier Deutschen.

Militärstrategen wiesen auf den Beginn eines klassischen Guerillakrieges hin. Richtung Jalalabad, im Osten des Landes, marschieren derzeit drei Exilkommandeure: Abdul Qadir - ein Bruder des von den Taliban hingerichteten Altmudschahedin Abdul Haq - massiert seine Truppen im Westen Jalalabads. Ein anderer Kommandeur Harzat Ali lagert im Norden und Jalalabads einst mächtiger Hadji Mohammed Zaman steht am Kyberpass im Osten von Jalalabads Provinz Nangrahar.

Nach Augenzeugen lagen entlang der Einmarschroute nach Kabul mehrere Dutzend standrechtlich hingerichteter Taliban-Krieger. Arabische Taliban-Söldner, die den fliegenden Abzug der Taliban verschlafen hatten, seien in den frühen Morgenstunden von Nordallianz-Kriegern aus dem Schlaf gerissen und liquidiert worden.

Entgegen Versicherungen der Nordallianz-Spitze, man warte vor den Toren Kabuls die Bildung einer ethnisch breiten Übergangsregierung ab, war die Nordallianz mit Kalaschnikows und Raketenwerfern in die Stadt durchgebrochen. Zum Einzug ihres "Außenministers" Abdullah Abdullah und "Verteidigungsministers" Mohammed Fahim skandierten Anwohner Anti-Taliban- und Anti-Pakistan-Rufe: Pakistan war bis zum 11. September die stille Schutzmacht der Taliban. Der Einmarsch Abdullahs und Fahims untermauerten den politischen Anspruch der Nordallianz über Afghanistan, obwohl die Rebellenfront nach Außen beteuerte, Kabul lediglich abzusichern. Von Ordnung war wenig zu spüren. Afghanen ließen Hass an Taliban aus. Ein junger Mann in Kabul zeigte voller Stolz eine grüne Jacke. Er habe einen Araber dafür getötet. Nach einem UN-Bericht seien 100 junge Taliban hingerichtet worden, die sich in einer Schule versteckt hätten.

Vereinzelte Schießereien in den Morgenstunden waren nach und nach verstummt - begannen aber zur Dämmerung wieder -, während Plünderungen und standrechtliche Hinrichtungen gestoppt worden seien, was einen äußerst friedlichen Machtwechsel für afghanische Standards bedeuten würde.

Osama Bin Ladens Biograph Hamid Mir dagegen, der den Chefterroristen vergangene Woche in afghanischem Hinterland interviewt hatte, nannte den Taliban-Rückzug eine "Falle". In den nächsten Tagen sei in Kabul mit Kriegsausbruch zu rechnen. Bin Laden habe im Gespräch eingeräumt, die Taliban würden Gebiete im Norden verlassen, der richtige Krieg aber beginne erst nach dem Einmarsch amerikanischer und britischer Truppen. Nach Berichten lagern über Kabuls Aufgabe erzürnte Taliban bei Maidan Shahr, südwestlich von Kabul.

Trotz des Nordallianz-Siegeszuges, der dank unaufhörlicher US-Luftbombardements seit Freitag über die Hälfte des Landes überrannte, bleibt die Lage im Land höchst unübersichtlich. Aus den Provinzen wurden einzelne Gräueltaten der Nordallianz gemeldet. Der arabische TV-Sender El Dschasira berichtete, die Taliban hätten das am Freitag geflohene Masar-i-Sharif zurückerobert. Nach UN-Berichten sind seit der Befreiung der Stadt, über die Waffen und Hilfsgüter aus Usbekistan fließen sollen, über 600 Menschen getötet worden; ein Nordallianz-Kommandeur habe zehn Truck mit Hilfslieferungen konfisziert.

Afghanische Exilkreise in Pakistan meldeten, dass auch der Flughafen des Taliban-Machtzentrums Kandahar in Nordallianz-Hände gefallen sei, was die Taliban zurückwiesen. Unklar blieb, ob sich die Taliban um Kandahar eingraben, oder ob die Fahnenfluchten gemäßigter Krieger die Taliban dermaßen schwächten, so dass auch die letzte Taliban-Stadt falle.

Doch jetzt wachsen beidseits der Fronten Gefahren. Gul Agha, Kandahars ehemaliger Mudschahedin-Gouverneur, berichtete von "unruhigen" Exilkommandeuren wegen der sich "sehr schnell verschlimmernden Lage" im südlichen, paschtunischen Afghanistan, dem Rückgrat der Taliban.

Diese Kommandeure, die nach den Plänen der Weltgemeinschaft mit der Nordallianz das neue, multi-ethnische Afghanistan bilden sollen, warfen der verhassten Nordallianz "Abkommensbruch" vor, Kabul trotz Warnungen Washingtons eingenommen zu haben und aus den US-Bombardements Gewinne zu schöpfen.

Dass der politische Prozess dem militärischen hinterherhinke, dagegen haben die westlichen Kriegsstrategen keine Vorkehrungen getroffen. Pakistan verlangte die Entmilitarisierung Kabuls mit der Entsendung einer UN-Friedenstruppe oder einer multilateralen Friedensmacht.

Islamabad erneuerte Befürchtungen, dass sich Kabuls Chaos zwischen 1991-92 wiederhole. Die Nordallianz jedoch bewies Disziplin. Das Gros der Truppen und Waffen blieb vor Kabuls Toren. Dass aber jene in Kontrolle Kabuls seien, die die Waffen haben, ist ein Trugschluss, den bereits die Sowjets teuer bezahlten.

In Afghanistans Provinzen nehmen derweil Chaos und Anarchie überhand, während in Pakistan verbliebene Exilkommandeure unter wachsendem Druck stehen, in Eile Geld und Waffen zu besorgen, bevor ihre alten Besitztümer von Feinden erobert werden.

Hauptstadt am Hindukusch

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist Kabul die Hauptstadt Afghanistans. Vorher wurde das seit dem zehnten Jahrhundert islamisch geprägte Land von Kandahar regiert. Kabul hat seinen Namen vom gleichnamigen Fluss, der das östliche Zentrum Afghanistans durchquert. In der 1800 Meter hoch gelegenen Stadt leben rund 1,5 Millionen Menschen. Die Stadt am Hindukusch ist gezeichnet von 22 Jahren Bürgerkrieg. Weitere Schäden richteten die amerikanischen Luftangriffe seit dem 7. Oktober an. Altstadt wie Neustadt sind fast völlig zerstört. Aus dem Stadtbild sind auch viele historische Gebäude verschwunden. In Kabul herrscht ein Steppenklima mit großen Temperaturunterschieden. Im Sommer wird es durchschnittlich 27 Grad warm, im Winter nur um die minus vier Grad. AP
Die Welt,13. November 2001, 22:20

Machtvakuum in Afghanistan Alle Artikel zum Thema

Ohne baldige Übergangsregierung droht die Balkanisierung des Landes

Von Sophie Mühlmann

Berlin - Jetzt ist es da, das gefürchtete Machtvakuum in Afghanistan. Die Amerikaner bombten den Weg frei, die Nordallianz rückte nach, und die Taliban flohen fast kampf-, aber kopflos in ihre Mauselöcher in Kandahar und in den unwirtlichen Bergen. Dort bereiten sie nun Hinterhalte vor und richten sich auf einen langen, blutigen Guerillakrieg ein. Das politische Zentrum - oder das, was man im anarchistischen Afghanistan am ehesten so nennen könnte, ist in der Hand der oppositionellen Miliz. Noch am vergangenen Wochenende hatten die USA genau dies vermeiden wollen.

Die Nordallianz behauptet, sie wolle nicht versuchen, jetzt die Macht an sich zu reißen. Stattdessen geben sie sich als Sicherheitsgaranten der Hauptstadt und plädieren für einen Friedensprozess unter Führung des ehemaligen Königs Zahir Schah. Pakistan, der traditionelle Gegner dieser multiethnischen Zweckgemeinschaft, ist dennoch höchst alarmiert. Islamabad fordert eine sofortige Entmilitarisierung der Hauptstadt und internationale Überwachung. Sollte die Nordallianz im Nachbarland im Alleingang das Ruder übernehmen, wäre dies für Islamabad das "worst case szenario". So wiederholt Pakistan seine Forderung nach einer von allen Völkern Afghanistans getragenen Kraft, die das Land regieren soll.

Auch die Bundesregierung und die EU fordern eine zentrale Rolle der UNO in der Übergangszeit. Die Vereinten Nationen bereiten unterdessen ein Verfahren für die Bildung einer neuen Regierung vor. Vertreter der unterschiedlichen afghanischen Völker und Parteien sollen sich nach Informationen aus dem US-Außenministerium in den nächsten Tagen zu einer Konferenz einfinden, die möglicherweise in Genf, Wien oder Ankara stattfinden könnte.

Großbritannien mahnt zur Eile, und auch US-Außenminister Colin Powell gab die Losung "Tempo, Tempo, Tempo" aus. Doch die Vorbereitungen werden viel Zeit in Anspruch nehmen - vielleicht zu viel. In der Zwischenzeit wird es den Milizen der Nordallianz und den amerikanischen und britischen Bodentruppen schwer fallen, die eroberten Städte zu halten und die Ausbreitung von Anarchie zu vermeiden. Dies wird auch das Hauptproblem jedweder Übergangsregierung sein - egal, wie sie sich schließlich zusammensetzen wird.

Alle Beteiligten scheinen nach außen hin das Gleiche zu wollen: eine Regierung, die alle Afghanen akzeptieren könnten. Dennoch sind die Interessen der einzelnen Parteien höchst unterschiedlich. Und in der Zwischenzeit, während die tadschikische Gruppe der Nordallianz vor den Toren Kabuls steht, der usbekische Gangster General Dostum Mazar-i-Sharif kontrolliert, Kommandeur Ismail Khan, ein Tadschike mit paschtunischer Mutter, Herat regiert und die Taliban sich im südlichen Kandahar verschanzen, droht eine weitere riskante Entwicklung: Das Land könnte in vier Teile zerfallen: die Balkanisierung Afghanistans.

Die Welt,13. November 2001, 22:20

Ein strategischer Rückzug Alle Artikel zum Thema

Die Taliban sind noch nicht geschlagen. Jetzt folgt ein Partisanenkrieg

Von Manfred Quiring

Moskau - Die Nordallianz hat die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen. Ist das der Sieg für das von der internationalen Anti-Terror-Koalition unterstützte Bündnis der afghanischen Opposition?

In Washington werden die Erfolge als Bestätigung der bisher verfolgten US-Strategie gewertet: massive Luftunterstützung für die Nordallianz, die die Taliban am Boden bekämpft. Die Planer im Pentagon wollen dieses Modell nun auch auf andere Regionen Afghanistans, vor allem gegen Kandahar, das Kernland der Taliban, anwenden. Voraussetzung dafür ist jedoch die Stationierung von amerikanischen und britischen Spezialeinheiten, die die Bomber leiten.

Der Einzug der Allianz in Kabul markiert indes noch nicht den endgültigen Sieg über das Regime der Mullahs. Selbst wenn sich die Meldung über die Einnahme von Kandahar bestätigt, bleibt die Lage weiterhin brisant. Terroristenchef Osama Bin Laden ist noch immer nicht gefasst, seine Organisation Al Qaida offenbar weiterhin intakt.

Mit ihrem Abzug aus der Hauptstadt haben die Taliban eine strategische Entscheidung getroffen. Sie hatten zwei Optionen: Dort zu bleiben und Kabul zu verteidigen - die Aufgabe der Hauptstadt bedeutet einen großen Prestigeverlust. Doch in Kabul wären sie ein leichtes Ziel für die amerikanisch-britische Luftwaffe gewesen.

Die Taliban wählten die andere Variante, zogen aus anfälligen Städten ab. Damit, so Generaloberst Sergei Majew, ein russischer Afghanistan-Veteran, wollten sie Kämpfer und Kampftechnik retten "und der Nordallianz und den amerikanischen Einheiten einen Partisanenkrieg aufzwingen".

Die Kämpfer haben im zehnjährigen Krieg gegen die Sowjetarmee gelernt. Damals hatten die Okkupanten alle Städte besetzt, konnten aber den permanenten Partisanenkrieg nicht stoppen. Sie blieben anfällig für die Vorstöße der Mudschahedin, obwohl zeitweilig über eine halbe Million Soldaten im Land waren.

Im Norden Afghanistans hat der Partisanenkampf vermutlich schon begonnen. Städte wie Herat, Kundus und Mazar-i-Sharif gingen verloren, aber die Taliban sitzen weiterhin als hochexplosive Einsprengsel in den Bergen.

Wie die Nordallianz mit ihren gerade mal 20 000 Mann das gesamte Land kontrollieren will, ist unklar. Sie ist zudem mit dem "Makel" behaftet, überwiegend aus Usbeken und Tadschiken zu bestehen. Paschtunen, die größte afghanische Bevölkerungsgruppe, gibt es unter ihnen nicht. Ein erster Versuch, unter den Paschtunen zu rekrutieren, endete vor wenigen Wochen mit einem Fiasko. Der nach Afghanistan entsandte Paschtunen-Kommandeur Abdul Haq wurde am 26. Oktober von den Taliban hingerichtet.

Allerdings unterscheidet sich die heutige Situation in einem höchst wichtigen Detail von der damaligen. Während sich die Mudschahedin in den achtziger Jahren auf ausländische Hilfe stützen konnten, sind die Taliban jetzt international isoliert.

Anzeichen für dramatische Abrüstung der Atomwaffen Links ins WWW

Bush und Putin wollen ihr Treffen in Washington und Texas zum Erfolg führen. Raketenabwehr offenbar kein Problem mehr

Von Uwe Schmitt

Washington - Wohl nie zuvor ist die amerikanische Öffentlichkeit einem russischen Staatspräsidenten und den Aussichten dramatischer nuklearer Abrüstung mit so viel wohlwollendem Desinteresse begegnet wie in diesen Tagen. Gerade deswegen könnte die Reise Wladimir Putins nach Washington, Texas und New York einen Durchbruch in der Reduzierung der Atomsprengköpfe um Zweidrittel bringen, der alle bestehenden, zum teil nie ratifizierten Verträge sprengt.

Das entscheidende Grundverständnis eines Gegenschäfts, das vor dem 11. September kaum denkbar gewesen wäre, sieht unter anderem vor: Die Amerikaner verzichten darauf, offen ihren Ausstieg aus dem "obsoleten" ABM-Vertrag von 1972 zu betreiben; die Russen dulden im Gegenzug die bisher als "Vertragsbruch" gebrandmarkten Tests für den US-Raketenschild. Eher ein neuer Stil als neue Positionen. Kein Aufsehen, keine lauten Proteste, ausgediente Reflexe des Kalten Krieges - das alles sei Luxus seit den Anschlägen in New York und Washington. Es gebe, versichern beide Seiten, wichtigeres zu tun im Krieg gegen den Terrorismus. US-Präsident George W. Bush mochte höflicherweise vor seinem ersten Treffen mit Putin die Spekulationen über eine Reduzierung des US-Arsenals auf 1 750 bis 2 300 Sprengköpfe nicht kommentieren. Man werde die Zahlen vergleichen, sagte Bush, aber die Vereinigten Staaten würden einen einseitigen Abbau verfolgen, "gleich ob er es tut oder nicht". Ein Regierungsbeamter wurde in der "New York Times" deutlicher: "Wir glauben, Putin ist zu der Erkenntnis gelangt, dass der ABM-Vertrag nicht überleben kann. Es geht jetzt nur noch um die Form des Begräbnisses." Man möge keine konkreten Vereinbarungen von dem "Crawford-Gipfel" erwarten, riet Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Vollmundige Kommuniques gelten als kontraproduktiv. Für Putin ebenso wie für Bush. Der russische Präsident soll nach seiner Heimkehr versichern können, er habe die Amerikaner von einer übereilten Kündigung des ABM-Vertrags abgehalten.

Für den amerikanischen Präsident, der den Raketenschild für notwendiger hält denn je, wäre es als Erfolg zu verkaufen, die von Moskau über Monate versammelte Protestallianz gegen "Star Wars II" in Europa und Asien aufzulösen. Beide Seiten können politisch und diplomatisch nur gewinnen. Man braucht einander.

Dass diese Erkenntnis gegenseitiger Abhängigkeit in Washington vor dem 11. September ziemlich vergessen schien und einer Haltung hochmütiger Vernachlässigung gewichen war, dürfte eine Genugtuung für Putin sein. Er hat im richtigen Moment das Richtige getan. Moskau versorgte die Nordallianz mit Waffen und duldete die Nutzung von Militärstützpunkten in Tadschikistan und Usbekistan. Wenn die USA sich erkenntlich zeigen können, indem sie eine Aufnahme Russlands in die Welthandelsorganisation befördern und einige Schulden aus sowjetischen Zeiten (angeblich sechs Milliarden Dollar) abschreiben, wäre das nicht Putins Schaden und für Bush nicht überteuert.

Schwieriger dürften schon die Verhandlungen über die Waffenlieferungen der Russen an den Iran werden. Washington verlangt, dass das aufhört. Moskau ist dem Vernehmen nach zu diesem Verzicht nur bereit, wenn man entsprechend entschädigt wird. Uneinigkeit herrscht auch in der Frage der "intelligenten Sanktionen" gegen den Irak, der angeblich mit neun Milliarden Dollar bei den Russen in der Kreise steht.

Wladimir Putin hat also durchaus Grund, in der Verbindung einer drastischen Reduzierung des Nukleararsenals und eines modifizierten ABM-Abkommens "sehr optimistisch" zu sein, wie er am vergangenen Wochenende verkündete. An Ironien herrscht kein Mangel. Amerikas Krieg in Afghanistan verspricht Russland, dem armen Konkursverwalter der in Afghanistan gedemütigten Supermacht, einen Schub an Einfluss und Selbstbewusstsein. In Washington versteht man das durchaus. Und manche Hardliner und Unilateralisten, die schon die ungestüme Umarmung der verachteten Vereinten Nationen samt Schuldentilgung zähneknirschend ertrugen, sehen die Aufwertung der Russen mit Missvergnügen. Aber die Ideologie von der "unverzichtbaren Nation", die alles allein vermag, ist stark gealtert. Stillschweigendes Einvernehmen und leiser Dissens sollen die "neue strategische Beziehung" zwischen Moskau und Washington bestimmen. Dabei könnte es sein, dass die amerikanischen Proteste gegen Russlands Tschetschenien-Politik kaum mehr wahrzunehmen sind. In den fünf bis sechs gemeinsamen Noten, die von den Stäben Bushs und Putins zur Veröffentlichung während des Gipfels vorbereitet wurden, soll auch ein vages Bekenntnis des russischen Präsidenten zur Pressefreiheit im eigenen Land sein. Wladimir Putin hat viel Gelegenheit, sich gut zu verkaufen. Von der gemeinsamen Pressekonferenz im East Room über Reden in der Russischen Botschaft und der Rice-Universität in Houston bis zu "Ground Zero". Dort, auf Schutt und Asche, gründet seine neue Partnerschaft mit Amerika.

Die Welt,13. November 2001, 22:20

In Texas könnten sich schwere Probleme wie von selbst lösen

Der 11. September hat auch die amerikanisch-russischen Beziehungen auf den Kopf gestellt

Shake hands: Kreml-Chef Putin und US-Präsident Bush Foto: AP

Von Alexander Rahr

Berlin - Nach den Terroranschlägen vom 11. September versucht Präsident Wladimir Putin, Russland über eine neue Sicherheitsallianz mit den Vereinigten Staaten in die erste Liga der Weltpolitik zurückzuführen. Die USA hatten zunächst, nach der Machtübernahme von George W. Bush, von einer gleichwertigen strategischen Partnerschaft wenig wissen wollen. Putin hatte sich deshalb vornehmlich den Europäern zugewandt. Doch über die EU ließ sich die Mitgestaltung der Weltpolitik für Moskau kaum verwirklichen. Das Warten auf das Interesse aus Washington scheint sich für Putin jetzt gelohnt zu haben.

Nach Putins Ansicht steht Amerika vor einem Krieg mit dem globalen Terrorismus, der über die Bombardements der afghanischen Taliban hinausgehen und am Ende das Gesicht der Welt erneuern wird. Moskau möchte verhindern, dass es bei der Neugestaltung der weltpolitischen Ordnung wieder im Abseits steht - wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Im Vorfeld seines Besuchs hat Putin viele Zugeständnisse an Amerika gemacht. Nach dem Terroranschlag auf die USA stoppte er die gerade begonnenen russischen Militärmanöver, um während des Ausnahmezustandes bei den amerikanischen Streitkräften keine unnötigen Irritationen zu erzeugen. Putin offerierte Washington Überflugrechte über russisches Territorium nach Afghanistan, verordnete seinen Geheimdiensten engste Kooperation mit den USA, drängte die anderen GUS-Staaten im Süden zur konstruktiven Zusammenarbeit mit Washington, schloss russische Militärbasen auf Kuba und Vietnam und deutete zum ersten Mal die Bereitschaft an, nach einer politischen Lösung im Tschetschenien-Konflikt zu suchen. Zudem versprach er den Europäern zusätzliche Energieversorgung, sollte es zum krisenbedingten Ausfall der Öllieferungen aus den arabischen Ländern kommen. Schließlich sagte Putin Hilfe aus Militärlabors im Kampf gegen die Milzbrandattacken in den USA zu.

Vor seinem Abflug nach Washington nannte Putin in einem Interview den Preis, den er für sein breites Entgegenkommen von den USA erhoffte: Unterstützung für Russlands Integration in die Weltwirtschaft durch rasche Aufnahme in die WTO, Ausbau der seit dem Finanzkrach von 1998 eingeschlafenen amerikanisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, kein einseitiger Ausstieg der Amerikaner aus dem ABM-Vertrag, sondern Verhandlungen über eine gemeinsame Modifizierung des Vertrages, Mitspracherecht Russlands in der gegenwärtigen oder veränderten Nato sowie größere Akzeptanz russischer Politik in der GUS.

Putin glaubt, den Amerikanern und dem Westen ein stabileres Russland präsentieren zu können: Die russische Wirtschaftsentwicklung bleibt viel versprechend, der Reformstau der neunziger Jahre ist aufgelöst, die russischen Auslandsschulden werden pünktlich zurückbezahlt, die Gefahr des inneren Zerfalls Russlands ist beseitigt.

Ohne die Ereignisse vom 11. Septembers hätte Putin auf amerikanisches Entgegenkommen kaum rechnen können. Ob die zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Barrieren, wie beispielsweise die Jackson-Vanik-Zusatzklausel zum amerikanisch-russischen Handelsabkommen von 1974, die beide Erzrivalen aus dem Kalten Krieg noch immer trennen, nun aufgehoben werden, hängt davon ab, ob Washington die russische Hilfe im Kampf gegen den internationalen Terrorismus wirklich benötigt oder die Amerikaner mit der derzeitigen Nato auskommen. Präsident Bush scheint eine Öffnung der Nato für Russland nicht mehr auszuschließen, doch viele Skeptiker in Amerika warnen, Russland wäre durch sein ungelöstes Tschetschenien-Problem eher eine Belastung statt ein konstruktiver Helfer im Kampf gegen den Islamismus.

Hinter der neuen Anti-Terror-Allianz stehen noch zu viele Fragezeichen. Kann sich Putin mit seiner radikalen Westöffnung gegenüber Vorbehalten in der eigenen Elite durchsetzen, oder wird er das Schicksal des sowjetischen Reformpolitikers Michail Gorbatschow teilen, der auf Grund seiner einseitigen Zugeständnisse an den Westen in Russland als Verräter gilt? Wird Putin - falls ihm der Schulterschluss mit dem Westen so wichtig ist - von seiner Rüstungskooperation mit Ländern, die im Verdacht stehen, Massenvernichtungswaffen herzustellen, abrücken und auf gerade neu erschlossene Finanzquellen verzichten? Und werden die Amerikaner ihrerseits bereit sein, Russland, das vor zwölf Jahren aus Afghanistan vertrieben wurde, in eine künftige Afghanistan-Lösung einzubeziehen, und mit ansehen, wie Russland - mit amerikanischer Hilfe - seine Einflusssphäre in der kaspischen Ölregion wiederherstellt? Oder wird Washington eher gewillt sein, bei der Wiederherstellung der politischen Ordnung in Afghanistan auf Staaten wie Pakistan und Usbekistan zu setzen?

Das Treffen Bush/Putin könnte dennoch ein historischer Durchbruch in den Beziehungen Russlands zum Westen werden, wenn es gelänge, der neuen Anti-Terror-Allianz eine reale Struktur zu geben. Diese könnte zunächst auf der Grundlage gemeinsamer Aufklärungseinheiten der Nato und Russlands errichtet werden. Von dort könnte der Weg zur Kooperation auf der Ebene der Innenministerien im Kampf gegen Drogen und zum Aufspüren illegaler Geldtransfers terroristischer Organisationen geebnet werden. Anschließend würden Anti-Terror-Einheiten und Friedenstruppen, wie heute auf dem Balkan, entstehen - die gegenwärtige Nato würde einen anderen Auftrag erhalten, sich wandeln. Das potenzielle Feindbild Russland wäre ausradiert. Auch die heutigen Differenzen zur Raketenabwehr, die auf dem amerikanisch-russischen Gipfel eine große Rolle spielen werden, könnten sich - angesichts der beschriebenen Entwicklung - wie von selbst lösen.

Der Autor ist Leiter der Körber-Stiftung bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.Die Welt,Mittwoch, 14. November 2001     Berlin, 10:18 Uhr

Durchs wilde Absurdistan

Leben in Afghanistan, das ist ein Leben in Hütten, Zelten und Höhlen. Mit wenig Hoffnung, viel Zähigkeit und noch mehr Staub - Unser Reporter war eine Woche im Norden des Landes unterwegs

Eine Trauerfeier für die gefallenen Kämpfer der Nordallianz in Afghanistan   Foto: dpa
Von Knut Teske

Das Ufer trennt sich von der Fähre. Zurück bleibt ein karstiges, steiniges, leeres Land, in dem gerade wieder Schüsse fallen. Am Ufer steht ein Mann und winkt. Die Schultern hochgezogen. Es ist ein lausig kalter, verregneter Tag, ein deprimierender unter den tief hängenden Wolken. Afghanistan geht dem Winter, seiner schwersten Jahreszeit entgegen. Der Mann, der winkt, ist unser Dolmetscher gewesen und fast so etwas wie ein Freund geworden. Er hat durch uns 100 Dollar am Tag verdient, ein absolutes Spitzengehalt. Als Arzt, der er eigentlich ist, bringt er es auf ganze 80 Dollar - im Jahr. Er wird diesen Bericht nie lesen, nie etwas davon hören; wir leben im 21. Jahrhundert, einem Zeitalter der hochmodernen Kommunikation, und haben doch keine Möglichkeit, mit diesem Land in Verbindung zu treten. Afghanistan ist unzugänglich wie ein verschüttetes Bergdorf. Über die weiten Flächen dieses zentralasiatischen Hochlandes ziehen zwar, nachts gut sichtbar, alle erdenklichen Satelliten ihre Bahn wie tagsüber, gefürchtet, die B-52-Bomber der Amerikaner. Aber während die einen eine Last abwerfen, vor der sich alles duckt, missbrauchen auch die Satelliten das Land nur für ihre diagonale Überquerung.

Eine knappe Woche waren wir zusammen, der Arzt Habib Rostaqui und der Schreiber dieser Zeilen. Eine Woche, die ausgereicht hat, dieses fremde, komplizierte, bedrückende Land ein wenig zu entschlüsseln, seinem mittelalterlichen Status doch eine gewisse Hochachtung abzuringen, vor der Zähigkeit seiner Bewohner Sympathie zu empfinden, das Lächeln hinter den bärtigen Gesichtern seiner Männer zu entdecken. Eine Woche, die ebenso vom Horror über die sanitären Verhältnisse dieses Landes geprägt war wie von seiner landschaftlichen Schroffheit (aber doch nicht ausreichte, auch nur ein einziges unverschleiertes Frauengesicht zu entdecken). Es gibt Länder, deren Mythos einen schon erobert, bevor man sie je betreten hat. Dazu gehört das raue Afghanistan, das einen in den uralten russischen Jeeps durchschaukelt bis auf den Grund seiner Seele, gewiss nicht. Seine Menschen haben es nie geschafft, sich zum Herrscher dieser kargen Gegend aufzuschwingen. Ihr Leben in scheinbarer Einheit mit den Gesetzen und Anforderungen des übergeordneten Ganzen ist ein Trugschluss. Es kommt einer Unterwerfung der schwachen Kreatur unter die Härte einer mitleidlosen Umwelt nahe. Es ist ein Leben in Hütten, Zelten und Höhlen unterhalb des Existenzminimums oder anders ausgedrückt, beweisen die Afghanen, dass man das Existenzminimum noch unter die eigentliche Lebensschwelle drücken kann. Und doch nimmt das alles auf Dauer auch gefangen: Die Wildheit dieser Landschaft, die Fremdheit ihrer ausgemergelten Bewohner und nicht zuletzt die Demut der Esel, der geduldigen Grautiere, die Afghanistan buchstäblich auf dem Laufenden halten.

Wir fahren an Dörfern vorbei, deren Mimikry so perfekt ist, dass man sie schon auf wenige Hundert Meter kaum noch von ihrer Umgebung unterscheiden kann. Dörfer, die mit ihrer flachen Bauweise, den Mauern aus Lehm und der uralten Brunnenkultur schon vor 1000 Jahren nicht anders ausgesehen haben und nachts mit der Dunkelheit zu eins verschmelzen. Nirgends Licht. Afghanistan ist der mittelalterliche Funzelstaat geblieben. Das Maß der Helligkeit bildet die Karbidlampe. Dazu fehlt hier, anders als im ebenfalls verelendeten Afrika, die Lust an leuchtenden Farben. Die Wüsten sind von einem glanzlosen, die Augen nicht blendenden trüben Grau, die Häuser der Städte schotterschwarz wie die Kleidung der Männer. Ein düsteres Land, deren Bewohner sich in einer Elendszug dahinschleppen wie Manfred Hausmanns Moorsoldaten. Und doch sind es unvergessliche Bilder voller Melancholie, wie sie abends heimwärts ziehen in ihre zeitlosen Dörfer - winzige Figuren, alsbald verschluckt von der Weite der Wüste, zäh, zum Siegen nicht fähig, zum Aufgeben nicht bereit: Sieger letztendlich auch sie.

Das Land erstickt im Staub; er quillt unter den Schuhen hervor; er dringt in sämtliche Poren; er verführt zu einem trockenen Husten und verwandelt jeden Neubau ohne Vorwarnung in ein stumpfes Bauwerk sowie die Bombenexplosionen der Amerikaner in ein staubgeladenes, visuelles Inferno - dem Ascheregen eines Vulkanausbruchs gleich.

Das Kunststoffgelb der amerikanischen Hilfspäckchen durchbricht diese Tristesse. Eines Morgens kommt der Doktor mit einem dieser Päckchen an. Es ist 16 x 33 Zentimeter groß, postgelb und wurde in der vergangenen Nacht zu Hunderten über der Provinzstadt Khodschabahoudin abgeworfen, ohne dass jemand die Flugzeuge gehört hätte (oder von einem der Päckchen erschlagen worden wäre). Beim Morgengrauen prügelten sich die Kinder um die milde Gabe der Amerikaner, die allen Berichten zum Trotz gern genommen wurde und sei es nur zum Zweck des Tauschens. Während die Erdnussbutter darin wenig Verwendung findet, schmeckte das Bohnen-Reis-Gericht, selbst kalt gelöffelt, nicht übel. Der Doktor jedenfalls sammelte so viele Päckchen, wie er habhaft werden konnte, für sein Krankenhaus, in dem es an allem fehlt. "Kleinigkeiten" wie eine Blinddarmoperation - das berichteten aus der provisorischen Hauptstadt Feisabad schon die Kollegen der "Bild"-Zeitung - werden auch hier so gut wie ohne Betäubung vorgenommen. Ein benebelndes Gebräu, wahrscheinlich drogenuntersetzt, und eine leichte Lokalanästhesie müssen reichen. Der Junge, der gerade von seinem Appendix befreit wird, ist jedenfalls ansprechbar und überlebt auch.

Diese trostlose Stimmung des Landes überfiel uns schon, als wir vor acht Tagen gegen Mitternacht nach einer schier endlosen bürokratischen Prozedur, vorbei an unzähligen russischen Kommandostellen, Tadschikistan verließen und über den Grenzfluss Pjansch Afghanistan erreichten, ohne zu wissen, wo wir waren: mitten im zivilisatorischen Nichts, abgemildert durch ein zugiges Zelt. In ihm empfing uns im Schneidersitz ein übellauniger Soldat der Nordallianz, den wir nicht verstanden. Obwohl wir sämtliche Papiere besaßen, durften wir nicht passieren. Eine Schlafsacknacht im Freien bei Regen und eiskaltem Wind fehlte noch. Es dauerte, bis wir herausfanden, dass unsere Papiere ohne den Vornamen des Vaters wertlos seien. Danach begann dann die Jagd auf die Fahrzeuge, die uns zu irgendeiner Schlafstätte fahren sollten. Brutal wurden wir mit dem "neoliberalen" afghanischen Währungssystem konfrontiert. Unter 100 Dollar läuft nichts in einem Land, in dem Millionen Menschen nicht einen einzigen im Jahr verdienen. So abstrus diese Währung ist - uns blieb nichts anderes übrig. Diese 100 Dollar gab es (bei der Gier der Journalisten, möglichst schnell an die Front zu kommen) sogar für einen "Dolmetscher", der nur drei Worte englisch beherrschte: Auto, Front, Toilettenpapier. Und für 100 Dollar baut Rupert Neudeck in seinem Lager schon eine Krankenstation. Absurdistan anno 2001.

Inzwischen bleibt unser Dolmetscher auf der anderen Seite des Pjansch immer weiter zurück. Er, der sich sein Englisch in Kabul beim Studium der englischen Fachliteratur angeeignet hatte, besaß das Glück, erst nach seinem Examen vor den Taliban fliehen zu müssen. Aber auch ohne Examen, das darf man in diesem Lande unterstellen, hätte er als Arzt arbeiten können. Jeder wird hier gebraucht. Seine Freistellung als Dolmetscher lassen sich seine drei Kollegen im Haus natürlich üppig bezahlen. Habib Rostaqui winkt immer noch und reckt stolz seine beiden Kugelschreiber in die Höhe, die wir ihm zum Abschied noch schnell zugeworfen haben. Vorher gab es schon die letzten Tabletten.

Als wir auf unserer Pontonfähre zurück in die Gegenwart schippern, wird uns klar: Nie war er so wertvoll wie heute - unser deutscher Pass. Welche Fülle des Lebens, schon in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans - auch sie nicht gerade der Nabel der Welt. "Inschallah" war das Lieblingswort des lächelnden Doktors, der meine Hand immer zwischen seine beiden Hände nahm. "Nächstes Jahr in Kabul", rufe ich ihm zu. "Inschallah", kommt es lächelnd zurück. Ein Lächeln ohne Glauben.Die Welt,Mittwoch, 14. November 2001, Berlin

FAZ,Mittwoch, 14. November 2001, Berlin
Terror und die Folgen
Exekutionen in Kabul / Britische Soldaten zum Einmarsch bereit / Taliban fliehen aus Heimatprovinzen
 
 
14. Nov. 2001 
Die Menschen in der afghanischen Hauptstadt Kabul haben nach dem Abzug der Taliban „die Nacht genossen“, berichtet ein Korrespondent der ARD. Größere Plünderungsaktionen gab es offenbar nicht. Allerdings soll es einige Fälle von Lynchjustiz gegeben haben. Die Taliban ziehen sich immer weiter zurück. Nach neusten Informationen von Agenturen sind sie auch aus der Heimatprovinz ihres Anführers Mullah Mohammed Omar nördlich von Kandahar geflohen. Die Taliban beherrschen anscheinend nur noch 10 der 30 Provinzen Afghanistans. Die britische Regierung hat mehrere tausend Soldaten bereitgestellt, um sofort in die afghanischen Städte Kabul und Masar-i-Scharif einrücken können. Ein am Dienstag diskutierter UN-Plan sieht zweijährige Übergangsregierung und multinationale Sicherheitstruppe für Afghanistan vor.

Einen Tag nach der Einnahme  von Kabul durch die Nordallianz kehrt in der afghanischen Hauptstadt der Alltag ohne die strengen Vorschriften der  radikalislamischen Taliban ein. „Kabul hat die Nacht genossen“, berichtete ein Korrespondent der ARD. Größere Plünderungsaktionen soll es nicht gegeben haben. Allerdings berichten Korrespondenten von Lynchjustiz der Nordallianz an Taliban-Mitgliedern. Zum Teil soll auch die normale Bevölkerung fliehende Taliban-Soldaten massakriert haben. In der gesamten Stadt patrouillierten grau uniformierte  Polizisten und bewaffnete Soldaten. Als Zeichen einer neuen  Freizügigkeit zeigten viele Männer modische Kurzhaarfrisuren, viele ließen sich die noch von den Taliban vorgeschriebenen Bärte  abrasieren. Frauen legten den Ganzkörperschleier, die „Burka“, ab. Die Nordallianz ging auf die internationalen Forderungen nach rascher  Einrichtung einer Übergangsregierung ein. Die bewaffnete  afghanische Opposition betonte, ihre Truppen hielten in Kabul  lediglich die Ordnung aufrecht.

Britische Soldaten zum Einmarsch in Kabul bereit

Die britische Regierung hat mehrere tausend Soldaten bereitgestellt, um sofort in die afghanischen Städte Kabul und Masar-i-Scharif einrücken und dort Ruhe und Ordnung sichern zu können. Dies erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Mittwoch in London. Der Sprecher sagte, bei den Soldaten handele es sich „nicht um Angriffseinheiten, sondern um Stabilisierungstruppen, die der UN die Hilfe beim Übergang zu einer neuer Regierung erleichtern können“.

UN: Afghanistan braucht Regierung auf breiter Basis

Ein am Dienstag diskutierter UN-Plan sieht zweijährige Übergangsregierung und multinationale Sicherheitstruppe für Afghanistan vor. Der UN-Sonderbeauftragte für die Region, Lakhdar Brahimi, betonte, dass alle Vorschläge aus Afghanistan selbst stammten. Seiner Einschätzung nach stimmten die Afghanen darin überein, dass ihr Land „eine Regierung auf breiter Basis braucht, in der alle ethnischen Gruppen genau repräsentiert sind“. Entscheidend sei, dass jetzt alle Vertreter Afghanistans so schnell wie möglich zusammenkämen: Die Nordallianz, jene Gruppen, die in die Verhandlungen von Rom, von Zypern und Peschawar eingebunden seien, und die Stammesführer.

Taliban fliehen aus ihren Heimatprovinzen

Die Taliban sind aus der Heimatprovinz ihres Anführers Mullah Mohammed Omar geflohen. Die Taliban hätten sich am Mittwoch aus Urusgan nördlich von Kandahar zurückgezogen, berichtete die in Pakistan ansässige afghanische Nachrichtenagentur AIP. In dieser Region kämpfen lokale Milizen, die in den 80er Jahren den sowjetischen Besatzungstruppen Widerstand geleistet hatten, gegen die Taliban. Außerdem zogen sich die Taliban aus der Provinz Logar südlich von Kabul zurück. Nach dem Vormarsch der mit den USA verbündeten Nordallianz bis Kabul beherrschen die Taliban damit nur noch 10 der 30 Provinzen Afghanistans.

Neue Eroberungen gemeldet

Die afghanische Opposition hat nach eigenen Angaben fünf weitere Provinzen erobert, darunter auch die strategisch wichtige Stadt Dschalalabad. Die Taliban hätten in den Provinzen Nangarhar, Kunar und Laghman im Osten sowie Ghasni und Farah im Westen Niederlagen erlitten, sagte Taliban-Sprecher Junis Kanuni am Dienstag in Kabul. Auch die iranische Nachrichtenagentur Irna meldete, Dschalalabad sei “befreit“ worden und die Taliban seien aus der Stadt geflohen.

EU verspricht großen Beitrag zum Wiederaufbau

Die EU-Präsidentschaft will einen Großen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes leisten. Ein Sprecher der EU-Kommission sagte allerdings: „Wir haben keine große finanzielle Manövriermasse für die Aufgaben, die vor uns liegen“. Für Projekte in ganz Asien stehe jährlich ein Betrag von 400 Millionen Euro (rund 782 Mio DM) zur Verfügung. Ende Januar sollten die EU-Außenminister in Brüssel entscheiden, ob dieses Geld zu Lasten anderer Länder umgeschichtet oder zusätzliche Mittel für Afghanistan bereitgestellt würden.

Ratspräsident Guy Verhofstadt zeigte sich erfreut über die „Fortschritte im Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan“. Die Einnahme von Masar-i-Scharif und Kabul zeige, dass die Taliban zunehmend die Kontrolle über das Land verlören.

Räumen die Taliban auch Kandahar?

Nach ihrem Abzug aus Kabul sollen die Taliban auch damit begonnen haben, die südafghanische Stadt Kandahar zu räumen. Mit Ausnahme uniformierter Milizpolizisten hätten die Truppen die Stadt verlassen, teilte ein Bewohner mit. In der Bevölkerung werde vermutet, dass sich die Taliban in die Berge zurückziehen wollen, um dort den Guerillakrieg aufzunehmen. In von Agenturen verbreiteten Berichten von Augenzeugen ist von Schießereien und Militärsperren in Kandahar die Rede. Die Nordallianz meldete auch die Eroberung des Flughafens von Kandahar im Süden der Stadt.

"Widerstand leisten und kämpfen"

Nach einer Serie von militärischen Niederlagen befahl das Oberhaupt der Taliban-Bewegung der Nachrichtenagentur AIP zufolge seinen Truppen über Funk, Widerstand zu leisten. „Ich befehle euch, euren Kommandeuren rückhaltlos zu gehorchen. Ihr müsst euch neu gruppieren, Widerstand leisten und kämpfen", zitierte die Afghanisch-Islamische Presseagentur (AIP) am Dienstag das geistliche und politische Oberhaupt der radikal-islamischen Bewegung. Omar habe gesagt, er halte sich in Kandahar auf, berichtete AIP über die Ansprache, die acht Minuten gedauert habe. Die Präsidenten der USA und Russlands begrüßten die Eroberung Kabuls durch die Nordallianz.

Rotes Kreuz: Hunderte von Kriegstoten

Das Rote Kreuz hat Anzeichen dafür, dass es während des schnellen Vormarsches der Nordallianz-Truppen in Afghanistan viele Tote gegeben hat. Wie eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) am Dienstag in Genf mitteilte, sind Rotkreuz-Helfer in der am Freitag eroberten Stadt Masar-i-Scharif dabei, die dortigen Toten behelfsmäßig zu begraben. Allein hier liege die Zahl der Toten bei mehreren hundert, sagte die Sprecherin Antonella Notari.

Die Vereinten Nationen berichteten am Dienstag auch über Ausschreitungen und Kriegsverbrechen von Kämpfern der Nordallianz. Eine Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP) berichtete von Meldungen über Plünderungen und Entführungen durch außer Kontrolle geratene Kämpfer in Masar-i-Scharif.

Agentur: Taliban verlieren auch Dschalalabad
14.11.2001 09:54 ,Süddeutsche Zeitung

Islamabad (Reuters) - Die Taliban haben nach Informationen der Nachrichtenagentur AIP am Mittwoch auch die ostafghanische Provinzhauptstadt Dschalalabad verloren. Einer der Widerstandskämpfer aus der Zeit der sowjetischen Besatzung, Maulwi Junus Chalis, habe mit seinen Leuten die Kontrolle übernommen, meldete die Islamisch-Afghanische Presseagentur (AIP) und berief sich dabei auf einen Sprecher der neuen Verwaltung Dschalalabads und der Provinz Nangarhar. Die Taliban und Provinzgouverneur Maulwi Abdul Kabir seien abgezogen.

Kabir ist der Stellvertreter des geistlichen und politischen Oberhauptes der radikalislamischen Taliban-Bewegung, die die Koalition der früheren Widerstandskämpfer 1996 aus der Hauptstadt Kabul vertrieben hatte. Seit Dienstag ist Kabul im Besitz der Nordallianz, die sich in Nordafghanistan aus der alten Koalition formierte.

Sie hatte nach zermürbenden Luftangriffen der USA am vergangenen Freitag mit einem Siegeszug begonnen, der sich mit Hilfe neuer Verbündeter bis in die Nähe Kandahars geführt hat, den Sitz Omars. Sie USA begannen am 7. Oktober mit ihren Luftangriffen, um Omar zur Auslieferung des Moslem-Extremisten Osama bin Laden zu zwingen, den sie für die Anschläge am 11. September unter anderem in New York verantwortlich machen.

 


Datum 14.11.2001 08:27 ,Süddeutsche Zeitung



Nordallianz will Omar und Bin Laden den Prozess machenHeadline

Dubai (Reuters) - Die afghanische Nordallianz will nach Aussage ihres Außenministers Abdullah Abdullah dem Führer der radikal-islamischen Taliban, Mullah Mohammad Omar, und dem moslemischen Extremisten Osama bin Laden den Prozess machen, falls sie festgenommen werden könnten. Abdullah sagte am Mittwoch im Fernsehsender des Emirats Abu Dhabi, sie würden dann als Kriegsverbrecher angeklagt. Bin Laden wird von den USA als Drahtzieher für die verheerenden Anschläge auf das World Trade Center und Pentagon, bei denen etwa 4600 Menschen getötet worden waren, verantwortlich gemacht.

"Natürlich, beide haben Verbrechen gegen das afghanische Volk verübt", sagte Abdullah weiter. Viele unschuldige Zivilisten seien getötet worden. "Wir betrachten sie deshalb als Kriegsverbrecher und sie müssen vor Gericht gestellt werden." Die Nordallianz hat inzwischen große Teile Afghanistans erobert. Auch die Hauptstadt Kabul wird von ihr kontrolliert.

SZ,14.11.2001 ,datum08:04

Ost-Afghanistan

Taliban-Stellungen heftig bombardiert

 Nach dem Einzug in Kabul haben US-Kampfflugzeuge am Mittwochmorgen Stellungen der radikalislamischen Miliz in der ostafghanischen Provinz Nangarhar angegriffen.

Die Provinzhauptstadt Dschalalabad und die Stadt Khost nahe der pakistanischen Grenze seien heftig bombardiert worden, berichtete die afghanische Nachrichtenagentur AIP unter Berufung auf einen Taliban-Sprecher.

Unterdessen sprach ein Nordallianz-Kommandeur von Aufständen im Süden des Landes gegen die Taliban.

3000 Allianz-Kämpfer in Kabul

Nach Angaben der Nordallianz-Befehlshaber wurden mittlerweile 3000 Soldaten in Kabul stationiert, um für Ordnung zu sorgen. Es handele sich nicht um eine Besetzung, hieß es weiter. Der Außenminister der Nordallianz, Abdullah, lud alle afghanischen Gruppen mit Ausnahme der Taliban ein, nach Kabul zu kommen, um dort über die Zukunft des Landes zu verhandeln.

US-Präsident George W. Bush sagte in Washington, dass die USA mit der Nordallianz in Kontakt stehe, um die Wahrung der Menschenrechte in den eroberten Gebieten sicher zu stellen.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, eine kleine Zahl amerikanischer Soldaten halte sich in Kabul auf, die allerdings nicht in der Lage sei, etwaige Übergriffe zu verhindern.

Mit dem bisherigen Kriegsverlauf ist Rumsfeld zufrieden. Vom Ziel, die Führer der Taliban zu stellen, sei man allerdings noch weit entfernt.

Britische Soldaten in Bereitschaft

Das britische Verteidigungsministerium versetzte am Mittwoch mehrere tausend Soldaten für einen Einsatz in Afghanistan in Bereitschaft. Die Soldaten, die größtenteils noch in Großbritannien sind, sollen innerhalb der nächsten 48 Stunden einsatzbereit sein, hieß es. Sie sollen nicht für Angriffe auf die Taliban eingesetzt, sondern als stabilisierende Kräfte in den Städten eingesetzt werden.

sueddeutsche.de, AFP, AP

Die Regierungen Indiens und Pakistans stehen im Kampf gegen den Terrorismus zu den USA. Im Volk aber gärt es in beiden Ländern, und der Anti-Amerikanismus wächst jeden Tag. „Osama bin Laden ist ein guter Mann, der über das Wohlergehen der Moslems nachdenkt. Aber wenn ich weiterrede, wird man uns als Terroristen beschimpfen“, sagt der indische Student Ansar Ahmed vorsichtig.

"Die Dinge sind nicht scharz oder weiß"
Ahmed ist Moslem, aber auch Hindus äußern sich zunehmend kritisch über die US-Angriffe in Afghanistan. „Die Dinge sind nicht schwarz oder weiß“, sagt der Filmstar Sharmila Tagore zum Anspruch des US-Präsidenten George Bush, wer nicht für die USA sei, sei für die Terroristen. Den Schuh zieht sich in Indien und Pakistan niemand an. Der Terror vom 11. September stößt auf einhellige Ablehnung, das Leid der einfachen Bevölkerung Afghanistans aber auch.

Bildet sich eine Koalition für Bin Laden?
Der indische Historiker Irfan Habib befürchtet, dass sich die Koalition gegen den Terror einer Koalition für Bin Laden gegenüber finden könnte. „Unglücklicherweise gewinnen ein Individuum wie er und ein barbarisches Regime wie die Taliban in der öffentlichen Meinung an Legitimität, weil sie den USA die Stirn bieten“, sagt Habib.

Im benachbarten Pakistan ist das nicht anders. Dort drückt ein Karikaturist die These Habibs in einer Zeichnung aus:

Said Abbas hat Angst, dass der Krieg bald vor seiner Haustür tobt. Der Afghane sitzt auf einem Holzstuhl vor seinem Laden für Fahrradersatzteile in einem nördlichen Viertel von Kabul. Nachdem die Taliban im Norden Afghanistans offenbar geschlagen sind werde es nicht mehr lange dauern, bis die Nordallianz in die Hauptstadt vorstößt, glaubt Abbas. „Wir hören jede Nacht die Bomben fallen, und wir wissen, dass sie bald kommen werden", sagt er.

Zwar gehört Abbas nicht der Bevölkerungsmehrheit der Paschtunen an, die die Basis der Taliban bilden. Er ist Tadschike, ebenso wie der Führer der Nordallianz, der gestürzte Präsident Burhanuddin Rabbani. Dennoch fürchtet sich Abbas vor einer Einnahme Kabuls durch die Oppositionskämpfer, denn die Erinnerung an die vier Jahre, in denen Gruppen der heutigen Nordallianz die Hauptstadt kontrollierten, ist noch nicht verblasst.

Die Mudschaheddin haben ganze Stadtteile in Schutt und Asche gelegt
Von 1992 bis zur Machtergreifung der Taliban 1996 war Kabul Kriegsgebiet. Verschiedene Mudschaheddin-Gruppen kontrollierten verschiedene Teile der Stadt. Ganze Viertel wurden in Schutt und Asche gelegt, weite Gebiete vermint. Abbas greift nach einer der beiden Krücken, die neben seinem Stuhl liegen. „Davon werden wir noch mehr brauchen", sagt der Händler, der seinen linken Unterschenkel bei der Explosion einer Mine verloren hat. „Ich war kein Soldat. Ich ging einfach von einem Teil der Stadt in einen anderen, und da passierte es", sagt Abbas und zeigt auf sein amputiertes Bein.



Erst bereiteten wochenlange US-Bombardements den Weg, dann fiel die strategisch wichtige Stadt Masar-i-Scharif, jetzt kontrolliert die Nordallianz den größten Teil Nord-Afghanistans. Unter dem andauernden militärischen Druck scheint nun die Herrschaft der Taliban am Hindukusch wie ein Kartenhaus in sich zusammen zu fallen. Doch inmitten des Siegesjubels der oppositionellen Milizen mischt sich immer lauter die Frage, wohin Afghanistan steuert, wenn die radikal-islamischen Taliban erst einmal abgelöst sind.

Ungeachtet aller militärischen Triumphmeldungen, die ohne die massiven Luftangriffe der USA und Großbritanniens seit dem 7. Oktober kaum denkbar schienen, zeichnet sich kein politisches Gefüge ab, das allen in dem zersplitterten Vielvölkerstaat gerecht werden könnte, seine Nachbarn nicht zu vergessen. Die zahlreichen Ethnien einbinden müsse es und auf eine breite politische Grundlage gestellt werden, fordert US-Präsident George W. Bush genauso wie Pakistans Militärherrscher Pervez Musharraf. Und beide warnen ebenso dringend vor einem Einmarsch der Nordallianz in die Hauptstadt Kabul.

Denn die Anarchie und das Morden, das Kriegsherrentum und der blutige Kampf verfeindeter Gruppen dort ist noch gut in Erinnerung, nachdem die afghanischen Mudschahedin im April 1992 in Kabul Einzug gehalten hatten. Unter der Herrschaft von Burhanuddin Rabbani und seinem Militärstrategen Achmed Schah Massud sank die Hauptstadt im Granatenhagel in Schutt und Asche, waren Menschen der Gnade der Kommandeure ausgeliefert, bis die Taliban 1996 einmarschierten.


PERSPEKTIVE,Stern,14.11.2001
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Afghanistans Zukunft bleibt im Dunkeln

 © AFP
Wohin steuert das Land am Hindukusch?
Erst bereiteten wochenlange US-Bombardements den Weg, dann fiel die strategisch wichtige Stadt Masar-i-Scharif, jetzt kontrolliert die Nordallianz den größten Teil Nord-Afghanistans. Unter dem andauernden militärischen Druck scheint nun die Herrschaft der Taliban am Hindukusch wie ein Kartenhaus in sich zusammen zu fallen. Doch inmitten des Siegesjubels der oppositionellen Milizen mischt sich immer lauter die Frage, wohin Afghanistan steuert, wenn die radikal-islamischen Taliban erst einmal abgelöst sind.

Ungeachtet aller militärischen Triumphmeldungen, die ohne die massiven Luftangriffe der USA und Großbritanniens seit dem 7. Oktober kaum denkbar schienen, zeichnet sich kein politisches Gefüge ab, das allen in dem zersplitterten Vielvölkerstaat gerecht werden könnte, seine Nachbarn nicht zu vergessen. Die zahlreichen Ethnien einbinden müsse es und auf eine breite politische Grundlage gestellt werden, fordert US-Präsident George W. Bush genauso wie Pakistans Militärherrscher Pervez Musharraf. Und beide warnen ebenso dringend vor einem Einmarsch der Nordallianz in die Hauptstadt Kabul.

Denn die Anarchie und das Morden, das Kriegsherrentum und der blutige Kampf verfeindeter Gruppen dort ist noch gut in Erinnerung, nachdem die afghanischen Mudschahedin im April 1992 in Kabul Einzug gehalten hatten. Unter der Herrschaft von Burhanuddin Rabbani und seinem Militärstrategen Achmed Schah Massud sank die Hauptstadt im Granatenhagel in Schutt und Asche, waren Menschen der Gnade der Kommandeure ausgeliefert, bis die Taliban 1996 einmarschierten.

"Afghanen sollten selbst ihre Entscheidungen treffen“
Manche schlagen vor, die Vereinten Nationen sollten ähnlich wie derzeit in Ost-Timor die Kontrolle über Kabul übernehmen, wenn sie erst gefallen ist. Doch erheben sich schon warnende Stimmen. „Jede aufgezwungene Lösung wird keine Stabilität für Afghanistan bringen“, urteilt der ehemalige Mudschahedin-Anführer Ghairat Bahir. „Die Afghanen sollten selbst ihre Entscheidungen treffen.“ Seiner Ansicht nach mischten sich schon „zu viele Länder“ in die Belange des Landes am Hindukusch, und er meint damit die ausländische Militärhilfe.

Schon wird allzu deutlich, dass die Nordallianz bei Leibe kein einheitlicher Block ist, der zum Regierung taugen würde, sondern ein Bündnis verschiedener Völker mit ebensolchen Interessen. Sollte die Macht an sie fallen, werden die Allianz-Fraktionen zuerst versuchen, die Herrschaft in ihren Hochburgen zu sichern, meinen Beobachter. So hat Sibghatullah Zaki, Sprecher des Usbeken-Generals Abdur Raschid Dostum, schon die Kontrolle seiner Fraktion über Masar-i-Scharif erklärt. Die Stadt Talokan wieder gilt als Festung der Tadschiken und Bamian in Zentral-Afghanistan als Hochburg der schiitischen Hasara.

Viele setzen indes auf den im im Exil lebenden früheren König Sahir Schah, um zumindest für eine Übergangszeit als Staatsoberhaupt das zerbrechliche Gefüge zusammenzuhalten. Doch erwarten Kenner Widerstand nicht nur von den Taliban, sondern auch von anderen Kräften wie Ghairat Bahirs islamistischer Gruppierung Hizb-e-Islami Afghanistan (HIA). Und nicht wenige glauben, der derzeitige Rückzug der Taliban habe einzig zum Ziel, dass die Milizen in ihren Hochburgen im Süden und Osten ihre Kräfte sammeln, um dann in einen Guerillakrieg gegen jede neue Regierung zu ziehen, die Kabul sehen wird.

EINMARSCH
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Menschen zählen nicht, nur die Macht!
 © AFP
Die Nordallianz rückt immer weiter vor in Richtung Kabul
Said Abbas hat Angst, dass der Krieg bald vor seiner Haustür tobt. Der Afghane sitzt auf einem Holzstuhl vor seinem Laden für Fahrradersatzteile in einem nördlichen Viertel von Kabul. Nachdem die Taliban im Norden Afghanistans offenbar geschlagen sind werde es nicht mehr lange dauern, bis die Nordallianz in die Hauptstadt vorstößt, glaubt Abbas. „Wir hören jede Nacht die Bomben fallen, und wir wissen, dass sie bald kommen werden", sagt er.

Zwar gehört Abbas nicht der Bevölkerungsmehrheit der Paschtunen an, die die Basis der Taliban bilden. Er ist Tadschike, ebenso wie der Führer der Nordallianz, der gestürzte Präsident Burhanuddin Rabbani. Dennoch fürchtet sich Abbas vor einer Einnahme Kabuls durch die Oppositionskämpfer, denn die Erinnerung an die vier Jahre, in denen Gruppen der heutigen Nordallianz die Hauptstadt kontrollierten, ist noch nicht verblasst.

Die Mudschaheddin haben ganze Stadtteile in Schutt und Asche gelegt
Von 1992 bis zur Machtergreifung der Taliban 1996 war Kabul Kriegsgebiet. Verschiedene Mudschaheddin-Gruppen kontrollierten verschiedene Teile der Stadt. Ganze Viertel wurden in Schutt und Asche gelegt, weite Gebiete vermint. Abbas greift nach einer der beiden Krücken, die neben seinem Stuhl liegen. „Davon werden wir noch mehr brauchen", sagt der Händler, der seinen linken Unterschenkel bei der Explosion einer Mine verloren hat. „Ich war kein Soldat. Ich ging einfach von einem Teil der Stadt in einen anderen, und da passierte es", sagt Abbas und zeigt auf sein amputiertes Bein.

US-Präsident George W. Bush hat die Nordallianz aufgerufen, Kabul nicht einzunehmen, bevor eine neue, alle Volksgruppen umfassende Regierung gebildet werden kann. Doch bei den Kommandeuren der gegen die Taliban kämpfenden Opposition scheint diese Aufforderung nicht auf offene Ohren zu stoßen. Am Montagmorgen meldete die Nordallianz Angriffe auf die zwei wichtigsten Hauptstraßen, die Kabul mit dem Luftwaffenstützpunkt Bagram verbinden, der bereits seit geraumer Zeit nicht mehr von den Taliban kontrolliert wird.

"Alles was ich will, ist Frieden in Kabul"
Die Nordallianz repräsentiert größtenteils die ethnischen Minderheiten des Landes: Tadschiken, Usbeken, Hasara. Sie dominieren den Norden Afghanistans. Das Rückgrat der Taliban dagegen bilden die Paschtunen. „Mir ist es egal, wer Tadschike, Paschtune oder Usbeke ist", sagt Abbas. „Alles was ich will, ist Frieden in Kabul."

"Wir haben kein Geld, wir können nicht weglaufen"
Seine Furcht teilen viele in der eine Million Einwohner zählenden Hauptstadt. „Wir haben kein Geld. Wir können nicht weglaufen", sagt Abdul Ahad, der einen kleinen Laden im Stadtviertel Chair Chana betreibt. Einer seiner Kunden an jenem Tag ist Said Ghana. Er hört eine Weile zu, und dann beginnt er zu erzählen. Er sei Pilot gewesen, habe während der sowjetischen Besatzung für die prokommunistische Regierung russische MiG-21 geflogen. „Ich hätte weglaufen sollen, als ich es noch konnte", sagt er, und seine Stimme klingt resignierend. „Ich hab’s nicht getan, und jetzt kann ich es nicht mehr." Die Kämpfe hätten Afghanistan in eine Wüste verwandelt, klagt Ghana. „Ein Führer ist wie der andere. Die Menschen sind nicht wichtig, nur die Macht."

Mehrere Männer haben sich mittlerweile versammelt und zugehört. Sie nicken zustimmend mit dem Kopf. Das Gespräch kommt auf Osama bin Laden, der als Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September gilt. „Was da in Amerika passiert ist, ist sehr traurig. Wir wissen, dass sie sehr wütend sein müssen", sagt Schaft Allah, ein grauhaariger Lehrer. „Aber wir wissen nicht, wo Osama ist. Wir wissen nicht, wie sie Osama zu fassen kriegen." Ein anderer, Abdul Kabir, sagt, er habe wenig Hoffnung auf Frieden. „Wir können nirgendwo hin, und es gibt niemand, der unserem Leiden ein Ende bereiten könnte", sagt Kabir. „Unsere Mägen sind leer, unsere Kinder haben keine Zukunft. Was bleibt uns noch?"

ANTI-AMERIKANISMUS
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Gärungsprozesse in Indien und Pakistan

 © AFP
Die Pakistanische Bevölkerung sieht die Welt nicht schwarz oder weiß
Die Regierungen Indiens und Pakistans stehen im Kampf gegen den Terrorismus zu den USA. Im Volk aber gärt es in beiden Ländern, und der Anti-Amerikanismus wächst jeden Tag. „Osama bin Laden ist ein guter Mann, der über das Wohlergehen der Moslems nachdenkt. Aber wenn ich weiterrede, wird man uns als Terroristen beschimpfen“, sagt der indische Student Ansar Ahmed vorsichtig.

"Die Dinge sind nicht scharz oder weiß"
Ahmed ist Moslem, aber auch Hindus äußern sich zunehmend kritisch über die US-Angriffe in Afghanistan. „Die Dinge sind nicht schwarz oder weiß“, sagt der Filmstar Sharmila Tagore zum Anspruch des US-Präsidenten George Bush, wer nicht für die USA sei, sei für die Terroristen. Den Schuh zieht sich in Indien und Pakistan niemand an. Der Terror vom 11. September stößt auf einhellige Ablehnung, das Leid der einfachen Bevölkerung Afghanistans aber auch.

Bildet sich eine Koalition für Bin Laden?
Der indische Historiker Irfan Habib befürchtet, dass sich die Koalition gegen den Terror einer Koalition für Bin Laden gegenüber finden könnte. „Unglücklicherweise gewinnen ein Individuum wie er und ein barbarisches Regime wie die Taliban in der öffentlichen Meinung an Legitimität, weil sie den USA die Stirn bieten“, sagt Habib.

Im benachbarten Pakistan ist das nicht anders. Dort drückt ein Karikaturist die These Habibs in einer Zeichnung aus:

Bush hält triumphierend einen zappelnden Bin Laden an den Beinen und wirft ihn in eine Getreidemühle, um ihn zu zermalmen. Und unten kommen viele kleine Bin Ladens heraus und laufen davon.

Es könnte sich ein HAss auf die USA entwickeln
In Pakistan wie in Indien drückt sich der Unmut eher subtil aus. Die schreienden und Puppen verbrennenden Radikalen seien überhaupt kein Problem, meinen Beobachter, sie stellten nur eine Minderheit dar. Langfristig gefährlich sei die Abneigung gegen die Machtpolitik der USA, die sich zum Hass steigern könne.

Die Kritik an Musharraf wird lauter
Da berichtet eine pakistanische Zeitung auf ihrer ersten Seite fast neutral über die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan, als gebe es keine Kritik am US-freundlichen Kurs von Militärmachthaber Pervez Musharraf. Neben dem Artikel prangt jedoch ein Foto von einer in Tränen aufgelösten palästinensischen Familie, die um einen toten Angehörigen trauert. Die Schlagzeile darüber: „Staatsterrorismus“.

Der Kashmir-Konflikt verhindert eine Verbrüderung von Indien und Pakistan
Das ist genau die Durchbrechung der Schwarz-Weiß-Sichtweise, die Intellektuelle wie Arundhati Roy auch in Indien fordern. Dabei kommt es aber zu keiner Verbrüderung über die pakistanisch-indische Grenze hinweg. Das verhindert der Kaschmir-Konflikt. Denn viele Inder machen Pakistan für den Untergrundkrieg der moslemischen Separatisten dort verantwortlich.

Vor allem die Moslems halten sich in Indien deshalb mit offener Kritik an den USA und ihrem Freund, dem indischen Regierungschef Atal Behari Vajpayee, zurück, um nicht als vaterlandslose Gesellen zu gelten. „Die Moslems in Indien fühlen sich unsicher. Wer liberal ist, hat Angst, zu den Fundamentalisten gezählt zu werden“, meint der moslemische Anwalt Shams Khwaja.

Künstler protestieren gegen den Tod von Zivilisten
Diese Angst schwindet aber mehr und mehr. Die Schauspielerin Tagore gehört zur hinduistischen Mehrheit, und sie hat zusammen mit 100 anderen Prominenten - Musiker, Maler, Filmstars - einen Protest gegen den Tod von Zivilisten in Afghanistan unterschrieben. Sogar die Globalisierungsgegner aus Gewerkschaften und linken Parteien, die vor kurzem nach als ewig gestrig galten, können sich in ihrer kritischen Haltung gegenüber den USA wieder zur Mehrheit rechnen.

NORDALLIANZ,Stern,14.11.2001
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"Eher Banditen als Helden"

 

 
 
 © AFP
Die Nordallianz - eine lose Koalition aus
Mudschaheddin-Kämpfern

 

Einem werden Massaker und Massenvergewaltigungen zur Last gelegt. Ein anderer hat schon zwei Mal die Seiten gewechselt und auch schon für die Taliban gekämpft. Ein Dritter rief einst zum Krieg auf, um amerikanische Soldaten von moslemischem Land zu vertreiben. Heute sind sie Amerikas neue Verbündete in Afghanistan, die Anführer der so genannten Nordallianz.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bezeichnet sie als eine Gruppe verschiedener Elemente, „die sich nicht immer einig sind, was zu tun ist“. Diese lose Koalition aus Mudschaheddin-Kämpfern, die unterschiedliche ethnische Gruppen vertreten und auf eine lange Geschichte des Misstrauens, der Gewalt und der Menschenrechtsverletzungen zurückblicken, haben während ihrer Herrschaft in Kabul 1992 bis 1996 einen Großteil der afghanischen Hauptstadt zerstört. Interne Streitereien und brutale Kämpfe kosteten Zehntausende das Leben.

„Sie sind eher Banditen als große Helden“, sagt Mittelasien-Experte Charles Fairbanks in Washington. Aber sie sind eben auch die einzige Gruppe, die in den vergangenen fünf Jahren gegen das Taliban-Regime gekämpft hat. Und das macht sie zum offensichtlichen Verbündeten der USA in ihrem Kampf gegen die Taliban und gegen den Mann, den die Miliz beschützt, den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden.
 © AP
Dostum und Rabbani
Im Süden Afghanistans gibt es keine vergleichbare Rebellenbewegung, auch wenn der US-Geheimdienst CIA versucht, Überläufer der Paschtunen für sich zu gewinnen. Die Paschtunen, rund 44 Prozent der 24 Millionen Einwohner Afghanistans, sind die größte Bevölkerungsgruppe des Landes und die Basis der Taliban. In der Nordallianz sind in erster Linie ethnische Minderheiten wie Tadschiken, Usbeken und Hasara vertreten. Selbst wenn die Truppen der Nordallianz über die Taliban siegen sollten, müssten die Paschtunen, darauf bestehen die Vereinten Nationen ebenso wie die USA und andere Länder, an einer künftigen afghanischen Regierung beteiligt werden. Wie das gelingen soll, weiß niemand.

Führer der Nordallianz
RASCHID DOSTUM. Der Usbeke war General der kommunistischen Streitkräfte, die Afghanistan nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen 1989 kontrollierten. Dostums Kämpfer waren für ihre Rücksichtlosigkeit und Härte bekannt. Als die Kommunisten 1992 von islamischen Rebellen geschlagen wurden, wechselte Dostum die Seiten. Seine Soldaten sollen in Kabul getötet, vergewaltigt und geplündert haben. Dostum wird außerdem vorgeworfen, Raketenangriffe auf Kabul angeordnet zu haben, bei denen tausende Menschen getötet wurden. Auch für Gräueltaten in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif, die er von 1992 bis 1997 unter seiner Kontrolle hatte, wird Dostum verantwortlich gemacht. Unterstützt von US-Luftangriffen führt Dostum nun den Vormarsch der Nordallianz auf Masar-i-Scharif an.

ABDUL MALIK: Der einzige andere bedeutende usbekische Kriegsherr innerhalb der Nordallianz ist Dostums Erzfeind. Malik verriet Dostum im Jahr 1997, lief vorübergehend zu den Taliban über und half ihnen damit, Masar-i-Scharif zu erobern. Doch schon kurz darauf wechselte Malik die Seiten erneut, schloss sich den schiitischen Moslems an und beteiligte sich an Massakern, in deren Verlauf hunderte Taliban-Kämpfer getötet wurden. Bei der Rückeroberung der Stadt rächten sich die Taliban und ermordeten ihrerseits mehrere hundert Menschen.

BURHANUDDIN RABBANI: Einst Gelehrter für islamisches Recht an der Universität in Kabul, war Rabbani von 1992 bis zu seinem Sturz 1996 afghanischer Präsident. Er vertritt Afghanistan vor den Vereinten Nationen. Rabbani ist tadschikischer Abstammung und hat nach wie vor enge Verbindungen zu Tadschikistan, einem der Nachbarländer Afghanistans. Sein kurz vor den Anschlägen vom 11. September ermordeter Militärchef Achmed Schah Massud soll zahlreiche Gräueltaten verantwortet haben, unter anderem Massenvergewaltigungen in Kabul im Jahr 1995. Rabbani fordert die Wiedereinsetzung seiner Regierung nach einem Sturz der Taliban. Im Ausland wird dies allerdings abgelehnt und stattdessen eine breite multi-ethnische Regierung angestrebt.

ABDUL RASUL SAJAF: Rabbanis stellvertretender Ministerpräsident ist Kopf der einzigen überwiegend paschtunischen.

Anti-Taliban-Gruppe. In der Vergangenheit hat Sajaf wiederholt die Anwesenheit amerikanischer Soldaten in Saudi-Arabien kritisiert, die auch als Quelle des Hasses Bin Ladens auf die USA angesehen wird. Sajaf bot in diesem Zusammenhang an, in den Krieg zu ziehen, um die US-Truppen zu vertreiben. Sajaf ist darüber hinaus für seine Rivalität mit den schiitischen Hasara bekannt, die rund zehn Prozent der afghanischen Bevölkerung ausmachen und ebenfalls in der Nordallianz vertreten sind. In den 90er Jahren waren beide Gruppen in blutige Kämpfe um Kabul verwickelt, in deren Verlauf mehrere tausend Menschen starben. Augenzeugen berichteten damals, Sajafs Truppen hätten in den eroberten schiitischen Gebieten gemordet und vergewaltigt.

HADSCHI ABDUL KADIR: Der frühere Provinzgouverneur hieß Bin Laden willkommen, als dieser 1996 Zuflucht in Afghanistan suchte, nachdem er aus Sudan ausgewiesen worden war. Als die Taliban seine Region eroberten, floh Kadir nach Pakistan. Mittlerweile ist er in sein Heimatland zurückgekehrt, um in der Nordallianz gegen die Taliban zu kämpfen.

GULBUDDIN HEKMATJAR: Der Paschtune verbündete sich 1994 mit seinem ehemaligen Feind Dostum und startete Raketenangriffe auf Kabul. Die Offensive, bei der zahlreiche Zivilisten in der afghanischen Hauptstadt getötet wurden, rechtfertigte er als islamischen Aufstand gegen Präsident Rabbani. 1995 wurde Hekmatjar vertrieben und flüchtete nach Iran. Kürzlich hat er von seiner Rückkehr nach Afghanistan gesprochen.Sally Buzbee

 

Taliban kämpfen um letzte Hochburgen - Nordallianz greift an
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Ein gefangener Taliban-Kämpfer wird von Angehörigen der Nordallianz verhört.
Islamabad (dpa) - Die Taliban kämpfen um ihre letzten Hochburgen Kandahar und Dschalalabad im Süden und Osten Afghanistans. Die Nordallianz lieferte sich nach eigenen Angaben am Mittwoch mit den Taliban schwere Kämpfe am Tera-Pass, der die Straße nach Dschalalabad nahe der Grenze zu Pakistan kontrolliert.

Außerdem verloren die Taliban nach Angaben der in Pakistan ansässigen afghanischen Nachrichtenagentur AIP die Provinz Orusgan, die Heimat von Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar.
 
        Auch aus der Provinz Logar südlich von Kabul flohen die Taliban. Nach Angaben der Nordallianz wurden die Taliban außerdem aus Paktia vertrieben. Damit beherrschen die Taliban nur noch 9 der 29 Provinzen. Die Gebiete, in denen sich Omar und der Terroristenchef Osama bin Laden verstecken können, werden immer kleiner. In Orusgan und Kandahar kämpfen lokale paschtunische Milizen gegen die Taliban, die ebenfalls Paschtunen sind.
 
        Die Taliban-Gebiete in der Grenzregion zu Pakistan sind ähnlich wie die Nordallianz-Regionen an der Nordgrenze dicht besiedelt. Etwa die Hälfte der fruchtbaren landwirtschaftlichen Flächen ist noch unter Taliban-Kontrolle. In den Taliban-Provinzen leben mehrheitlich Paschtunen, das größte Volk in Afghanistan, während im Gebiet der Nordallianz vor allem Tadschiken, Usbeken und Hasara leben

Max,14.11.2001




 

 © AFP
Die Nordallianz - eine lose Koalition aus
Mudschaheddin-Kämpfern
Einem werden Massaker und Massenvergewaltigungen zur Last gelegt. Ein anderer hat schon zwei Mal die Seiten gewechselt und auch schon für die Taliban gekämpft. Ein Dritter rief einst zum Krieg auf, um amerikanische Soldaten von moslemischem Land zu vertreiben. Heute sind sie Amerikas neue Verbündete in Afghanistan, die Anführer der so genannten Nordallianz.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bezeichnet sie als eine Gruppe verschiedener Elemente, „die sich nicht immer einig sind, was zu tun ist“. Diese lose Koalition aus Mudschaheddin-Kämpfern, die unterschiedliche ethnische Gruppen vertreten und auf eine lange Geschichte des Misstrauens, der Gewalt und der Menschenrechtsverletzungen zurückblicken, haben während ihrer Herrschaft in Kabul 1992 bis 1996 einen Großteil der afghanischen Hauptstadt zerstört. Interne Streitereien und brutale Kämpfe kosteten Zehntausende das Leben.

„Sie sind eher Banditen als große Helden“, sagt Mittelasien-Experte Charles Fairbanks in Washington. Aber sie sind eben auch die einzige Gruppe, die in den vergangenen fünf Jahren gegen das Taliban-Regime gekämpft hat. Und das macht sie zum offensichtlichen Verbündeten der USA in ihrem Kampf gegen die Taliban und gegen den Mann, den die Miliz beschützt, den mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden.

In Pictures: Opposition Takes Kabul
Courtesy of BBC News

Please note that some of the opinions expressed within these pages, may not necessarily be that of the Afghan Online Press. These links are provided to enable readers to conduct further research, nothing more!


---------------FIRST ARTICLE BELOW----------------------------->

Northern Alliance will not tolerate
Pakistani 'interference' in Afghanistan, says diplomat

War on terrorism: The future

By Kim Sengupta
The Independent (UK)
14 November 2001

The Northern Alliance bitterly accused Pakistan of fomenting the Afghan civil war and insisted that General Pervez Musharraf's regime could have no say in the future of the country.

The vehement opposition of the Northern Alliance to Pakistan is a major problem for the US and British governments, which have always said that Islamabad must play a part in deciding on the make-up of the next Afghan government.

The Bush administration has also proposed a mainly Muslim "peacekeeping" force from countries such as Turkey, Indonesia and Bangladesh to which Pakistan would like to contribute, but the Northern Alliance said this would lead to another war.

As 2,500 of their "policemen" enforced control over Kabul, Alliance officials declared that they held the capital, and were in effect the government until a new one was formed. They also stated their intention to march on the Taliban's ethnic Pashtun heartland in the south.

One of the Alliance's most senior diplomats, Wali Masood, the Afghan ambassador in London and the brother of the assassinated leader Ahmed Shah Masood, warned that captured Pakistani and other foreigners fighting with the Taliban risked getting killed.

He said: "Mainly, they are being killed by Afghan people because of the terrible things they had done in our country. But they can also get killed by our own fighters because they sometimes lose control."

Representatives of the exiled Afghan king, Zahir Shah, yesterday accused the Northern Alliance of reneging on a deal to stay out of Kabul. But Mr Masood, who is expected to return to Afghanistan to represent the Northern Alliance in a future government, maintained that security officials had gone into the capital to keep order. He added that the King would be welcomed back to take part in a Shura, a grand council, where an administration could be formed by consensus.

But Mr Masood was adamant that the Northern Alliance would not tolerate Pakistani interference in Afghanistan, or the involvement of any parties backed by the Pakistanis.

He said: "The Pakistani government and its secret service, ISI [InterServices Intelligence], has been responsible for what has happened to Afghanistan by backing international terrorism of Osama bin Laden and the tyranny of the Taliban. They have also sent thousands of Pakistani militia into our country, and replaced them at regular intervals.

"They are the enemy. How can they have a say in how Afghanistan is governed in the future. It is is like the Soviet Union saying that they wanted to have a say in running Afghanistan after they had been forced to end their occupation."

Mr Masood was speaking at the Afghan embassy in London, in reality that of the Northern Alliance, which has suddenly become the focus of media and diplomatic interest.

Sitting beside a photograph of his dead brother, who has become an icon for the Alliance in their victorious campaign, Mr Masood claimed the Pakistanis were complicit in the murder.

He said: "The ISI had a part in that assassination, they have a record of organising terrorism inside Afghanistan.

"The Pakistanis have got to accept that and they have got to admit just how wrong their policy had been in Afghanistan," he said.

"Instead General Musharraf continues to try and divide us with his talk of moderate Taliban and extreme Taliban, of Pashtun and non-Pashtun. But we must not let outsiders divide us again."

Mr Masood said he believed that Mr bin Laden would be captured or killed "very soon" if he stayed in Afghanistan.

He added: "Time has run out for him in our country. But I would not be surprised if he is across the border in Pakistan in the house of some ISI officer."


Stronghold of Taliban close to collapse

Ewen MacAskill
Wednesday November 14, 2001
The Guardian (UK)

Taliban rule in Afghanistan was in its death throes last night as its stronghold, Kandahar, was on the brink of falling. Having taken Kabul early yesterday morning, alliance fighters pushed on to complete the country's takeover. There were reports of thousands of Northern Alliance fighters having captured Kandahar airport and other troops, Pashtuns who have switched sides, advancing on the city itself.

"In Kandahar, there is a chaotic situation as of today," Abdullah Abdullah, the Northern Alliance foreign spokesman, said, predicting the city could fall within 24 hours.

A Taliban official, Mullah Najibullah, said at least 200 Taliban fighters had mutinied in Kandahar.

Confirming the extent of the disarray, Mullah Omar, the Taliban leader, whose whereabouts is not known, denounced deserters and called on them not to behave like "slaughtered chickens" but to regroup and obey their commanders.

Other Taliban were fleeing to the mountains, either to begin a guerrilla war or simply for their own safety. Thousands of Arab fighters allied to the Taliban were preparing to make a last stand in Jalalabad.

The Pentagon dispatched more marines to the region yesterday and US planes continued bombing raids. A US government source said the planes were bombing around caves and other areas that could be sheltering Osama bin Laden and his al-Qaida network.

With most of the country now under control, including a key staging post in the Khyber Pass, the US and its allies are free to mount operations by special forces to hunt down Bin Laden, who is claimed by US and British intelligence to be in the mountains of either the Kandahar and Oruzgan provinces. There were predictions in both London and Washington that he could be found within weeks.

The sudden capture of Kabul by the Northern Alliance, in defiance of President Bush, who only two days ago called on them to stop on the outskirts, has created a host of political problems. The United Nations announced yesterday that it is to take over administration of Kabul until a broad-based coalition government can be created.

The US secretary of state, Colin Powell, said a multinational force, almost exclusively Muslim, will be sent to provide security. The force will be made up of soldiers from Turkey, Bangladesh and Indonesia.

The problems of creating a coalition were brought into stark relief last night when the Northern Alliance leader, Burhanuddin Rabbani, ruled out a role in government for either the exiled king, Zahir Shah, or elements of the Taliban.


Kandahar airport 'captured by Pathans'

By Sandra Laville in Quetta
and Alex Spillius in Peshawar

The Telegraph (UK)
November 14, 2001

AFGHAN royalists claimed last night that the Taliban's retreat was fanning the flames of revolt in the movement's ethnic heartlands.

Hamid Karzai, a tribal leader who has returned from exile to agitate against the Taliban, said from Afghanistan yesterday that his force of tribal fighters had secured the airport at Kandahar.

The airport was wrecked by the American bombing and abandoned by the Taliban. The claim was denied by the Islamic militia, although refugees reaching Pakistan confirmed the story and some suggested that 5,000 royalists were heading towards the city.

Retreating Taliban troops were reported to be pouring into Kandahar last night, as a security cordon was thrown up around the home city of the militia's leadership. Kamal Hyder, a CNN correspondent, said: "They were coming in from all directions in an onward movement into rural Afghanistan.

"There has been a great deal of activity and large numbers of reinforcements were positioned around the city last night." Other refugee accounts from Kandahar said Taliban forces were not visible in large numbers on the streets and that many had moved to the mountains.

A spokesman for Abdul Khaliq, a former mujahideen anti-Soviet commander, claimed that Pathan chiefs on the border with Pakistan had taken the village of Spin Boldak after many Taliban fighters defected to them.

The extremist Islamic movement may be finished as a government but its demise will not be complete until it collapses in its southern heartland and eastern military strongholds.

Its leader, Mullah Mohammed Omar, ordered his troops to stand and fight after opposition forces marched into the capital Kabul, and dismissed reports that he had fled Kandahar, the Pakistan-based Afghan Islamic Press reported.


Latest Developments Related to U.S. Strikes in Afghanistan

BEIJING, Nov 14, 2001 (Xinhua) -- The following are the latest developments related to the U.S. strikes in Afghanistan.

-- Taliban senior intelligence official Mullah Taj Mir on Tuesday said in the eastern Afghan city of Jalalabad that the Taliban forces had decided to defend eastern provinces to the last breath, according to Afghan Islamic Press (AIP).

The Taliban official told AIP by phone that the Taliban had full control of the three eastern provinces of Nangarhar, Laghman and Kunar, where security arrangements had been made to fight against any opposition offensives.

-- Afghanistan's anti-Taliban Northern Alliance has asked the United Nations to send teams to Kabul to help in the post-Taliban peace process.

Northern Alliance's Foreign Minister Abdullah Abdullah said Tuesday at a news conference in Kabul that the alliance invited the United Nations to send teams to the Afghan capital of Kabul to help build a post-Taliban government, according to reports reaching here Tuesday night from Kabul.

-- Tajikistan's Kulyab city airport, regarded by American military experts as a landing and maintenance base for their air force, is technically unfit for such functions, Interfax quoted Tajik Defense Minister Sherali Khairulloyev as saying on Tuesday.

Khairulloyev said in Dushanbe that the capacities of the air control equipment of Kulyab airport, located near the Tajik-Afghan border, could not ensure the safety of intensive flights, and its takeoff and landing terminal could not support heavy aircraft such as transports and bombers.

-- French Foreign Minister Hubert Vedrine on Tuesday said it is urgent to set up a transition government representing all factions in Afghanistan.

"Our political position is that an authority, a government must be set up in coming days that represents in an equitable way the Pashtuns, the Uzebeks, the Tajiks, the Hazaras and all others in Afghan society," said Vedrine in an interview with French television France 2.

-- U.S. spotters wearing civilian clothes were among advancing Afghan opposition troops, a senior opposition diplomat said here in an interview to be published on Wednesday's Izvestia newspaper.

Maj. Gen. Abdoul Gayur, First Secretary of the Afghan Embassy in Russia, which represents the opposition Rabbani government, thanked the U.S. for its air support in its recent fighting against the ruling Taliban.

-- U.S. Defense Secretary Donald Rumsfeld said Tuesday that a small number of U.S. troops are inside Kabul, advising the Afghan opposition Northern Alliance leaders.

"There are a very small number of U.S. forces inside the city of Kabul," Rumsfeld said at a press conference at Pentagon.

"There are not sufficient forces to monitor or police the entire city" to ensure retribution killings by the rebels, he said.

-- British Prime Minister Tony Blair urged on Tuesday a United Nations presence in Kabul to fill the power vacuum left by the Taliban.

In a telephone call to U.N. Secretary-General Kofi Annan, Blair said there was the need to press ahead with efforts to forge a new broad-based government in Afghanistan after the lightning military advances by the opposition Northern Alliance.

-- A United Nations special envoy said here Tuesday that the time was not ripe now for sending U.N. peacekeepers into war-torn Afghanistan, but it was important to involve all Afghan factions in peace talks.

U.N. Secretary General Kofi Annan's special representative on Afghanistan, Lakhdar Brahimi, told reporters here that it was "not at the stage yet" to consider sending U.N. peacekeeping forces into Afghanistan.


Alliance troops closing in on Taleban Arabs

FROM STEPHEN FARRELL IN PESHAWAR
THE TIMES (UK)
NOVEMBER 14, 2001

ISOLATED, retreating and vilified Arab fighters loyal to Osama bin Laden are digging in to defend the beleaguered eastern city of Jalalabad, anti-Taleban groups said last night. Former Mujahidin commanders planning to enter Afghanistan from Pakistan are steeling themselves to fight their way into the town, which acts as a gateway between the Khyber Pass and Kabul.

They believe that 2,000 Arabs in central Jalalabad have now been reinforced by others fleeing revenge attacks in Kabul, who, because they have nowhere else to go, are most likely to heed Mullah Muhammad Omar’s call yesterday to “regroup yourselves, resist and fight”.

Two former Mujahidin leaders are believed to be converging on Jalalabad. Haji Abdul Qadir, the former Pashtun Governor of Nangarhar, who has been with Northern Alliance forces, is thought to have bypassed Kabul by moving down a highway east of the city toward Sarobi, while the former Nangarhar resistance fighter, Commander Hazrat Ali, is moving in from the northeast.

In Pakistan another anti-Taleban figure, Haji Muhammad Zaman, former commander of Nangarhar’s 11th division, yesterday sent a three-man delegation across the border to gauge the level of support among his fellow Pashtun Taleban. As he hastily gathered men, weapons and satellite telephones, he was confident that former Taleban allies could be persuaded to switch sides to join their fellow Pashtun opposition and defeat the Arabs.

He said that many Arabs had tried to enter Pakistan, but appeared to have failed and were now likely to resist.

“The Arabs have two choices: to fight or die. They will definitely fight in Jalalabad,” he said.

“Only 2 per cent of the Taleban are left in the city, it has been taken by the Arabs. The Taleban will co-operate with us, I am sure.”

His assessment was reinforced by one independent source, who spoke of Jalalabad being “controlled” by a large contingent of Arabs.

“We were told there was a huge gathering in the centre of town and they are now deciding what to do,” he said.

Mr Zaman is among many Pashtun exiles who are desperate to take the southern and eastern provinces for themselves, but have had to sit in exile and watch impotently as town after town falls to Northern Alliance Uzbeks and Tajiks.

“We had an agreement with the Northern Alliance in Rome in September not to enter Kabul, but they didn’t keep it. We will negotiate when we enter Jalalabad. Naturally I am not happy, but generally I am pleased that the Taleban forces have been broken,” he said.

“We are first trying to contact the Taleban because I don’t want a drop of blood being shed.

“Afghanistan has many widows and orphans and we can’t afford any more.”

Jalalabad, a former royal winter capital surrounded by mountains, has been linked to bin Laden and the Arabs for more than a decade.

Nearby lies the Tora Bora camp, the former headquarters of a commander known as Engineer Mahmood, who invited bin Laden to Afghanistan. Another camp, Darunta, was suspected of having been a centre for al-Qaeda’s chemical research until it was destroyed by US airstrikes.

Another key site is Farmada, on a farm owned by the former commander Yunus Khalis, with whom many senior Taleban leaders fought against the Russians during the 1980s.

Although some Taleban fighters contacted in Jalalabad yesterday promised to fight on, the regime’s guards at the Torkham border station near the Khyber Pass were reported to have abandoned their posts.

A group of Afghan elders was last night trying to work out who would should take over the key frontier position.


Multi-nation Muslim troops for Kabul

CHIDANAND RAJGHATTA
THE TIMES OF INDIA
NOVEMBER 14, 2001

TIMES NEWS NETWORK

WASHINGTON: The United States is rushing to cobble together a multi-national security force from Muslim countries like Turkey, Bangladesh and Indonesia to takeover Kabul following the fall of the Afghan capital to the Northern Alliance on the heels of fleeing Taliban.

Defying Washington’s advise to stop at the gates of Kabul, Alliance fighters appear to have entered the city itself to fill the military and political vacuum caused by the quick exit of the Taliban militia. Reports from the city spoke of sporadic fighting and revenge killings of Taliban fighters, many of whom are Pakistanis, Arabs and Chechens.

Although Bush administration officials say the fleeing Taliban are headed to their stronghold of Kandahar, latest reports about the fall of the airport in that southern city suggest the Taliban may be driven out of there too. They may regroup in the mountains to carry out a guerrilla war, although there are also reports of large-scale defections.

Washington now faces the complex political task of engineering the next government in Kabul. The first step is to put in place an international security force, possibly under the aegis of the United Nation, while it confects an interim government. The rapid fall of Afghan cities appears to caught it short of plans. The military progression has sped ahead of the political process.

The Bush administration does not want to commit American troops to stand in Afghanistan. It has secured assurance from at least three moderate Islamic countries – Turkey, Bangladesh, and Indonesia – to send peacekeeping troops while it puts together an interim government.

The political process is intricate and daunting. The US, and much of the international community, is committed to a broad-based representative government involving all major tribes.

But having rolled into Kabul despite a restraining US hand, the Northern Alliance, which mostly represents ethnic minorities like Uzbeks, Tajiks, Shias and Hazara, is certain to demand a major share in power and proceedings. Given the past record, the Alliance alone cannot be trusted to hold Kabul. Already, there are reports of the city being carved along ethnic lines.

Washington has not so far managed to find any non-Taliban Pashtun leadership acceptable to the Alliance. Hopes of a Pakistan-inspired breakway, moderate Taliban have not materialised. In any case, the Alliance, implacably opposed to Pakistan, has said it will not sup with anyone backed by Islamabad.

In fact, the fall of Kabul and the rout of the Taliban is a devastating blow to Pakistan despite its professed backing of American war aims. Islamabad now has to wage a rearguard diplomatic battle to retain its political foothold in Kabul, and, in fact, may not be able to do so even if it is backed by Washington.

It is hated by the Northern Alliance, and is now disliked and distrusted by the Taliban for the manner in which it abandoned them. The US has so far not mentioned using Pakistani troops in the international force. Events have moved so rapidly that Pakistan's military leader Pervez Musharraf is said to be stopping in Turkey on his way home from Washington in an effort to retain some political and military equity in Kabul.

The policy of trying to attain a strategic depth against India by having a proxy government in Kabul now appears to have misfired badly on Pakistan. Islamabad will now have to watch its rear flank, especially if the Pashtun Taliban make common cause with the Pashtuns of Pakistan.

Some experts are already beginning to see a cleave in Afghanistan that could have a deleterious effect on Pakistan. If the Northern Alliance, whose political orientation is towards countries to its north and west (Russia, Tajikistan, Uzbekistan, Iran), begins to control the northern half of the country, Islamabad could begin to feel the heat in the provinces bordering the Taliban controlled territories to the south, where its writ is weak in any case.

India, along with Iran and Russia, backs the Northern Alliance. The situation is complicated by Russia's insistence that no foreign forces be inducted into Kabul. Russian President Vladimir Putin is in Washington and meeting President Bush at the time of writing. The Afghan situation has developed so rapidly, that the main item on their agenda -- a drastic cutback in nuclear weapons -- has taken a backseat. Meetings at the United Nations are also apace to evolve a peace process for Afghanistan.

The US has so far not formally or directly involved India in the political process relating to Afghanistan, despite acknowledging India’s contention that it has a stake because of its historical ties with Kabul. That task is being handled mostly by the so-called “six plus two” – the six countries bordering Afghanistan plus the United States and Russia.


Alliance invites all groups to discuss future govt

The News: Jang (Pakistan)
November 14, 2001

KABUL: The Northern Alliance on Tuesday invited all Afghan groups to come to Kabul to start negotiations on the future of the country.

The invitation was issued by Alliance's Foreign Minister Abdullah Abdullah after its troops swept unopposed into the capital that had been ruled by the Taliban militia since 1996. "We invite all Afghan groups at this stage to come to Kabul and to start negotiations about the future of Afghanistan and to speed up negotiations," Abdullah told a news conference.

The United States and its allies, including Pakistan, had urged the Northern Alliance to stay out of Kabul to allow time for the constitution of a broad-based successor government to the Taliban.

But the alliance, which dispatched thousands of troops into the capital abandoned by the Taliban, said they were there only to ensure security and there would be no unilateral attempt to run the country. Abdullah rejected giving other countries a pre-eminent role in the formation of a new administration.

"The future government of Afghanistan cannot be formed by foreign forces. But the presence of the UN is necessary. It is a totally new situation at this stage in Afghanistan. We are witnessing the collapse of the Taliban very quickly and in a dramatic manner in several provinces. The situation is developing in a dramatic manner and it needs a new evaluation," Abdullah said. But he pledged that any government to be formed would pose no threat to Afghanistan's neighbours.

Meanwhile, Northern Alliance said in a statement that it had no plans to rule the country following its march into Kabul and is calling for establishment of a broad-based government. A statement issued by the alliance and comments by a senior official appeared aimed at reassuring the United States and its allies who have been trying to reach a consensus on a successor administration to the Taliban.

"Now is the time that through the establishment of a broad-based government in the country we can avoid all kinds of tyranny and injustice and lead ourselves to development," read the statement released in the name of the Islamic State of Afghanistan.

Earlier, Younis Qanooni, a key member in the anti-Taliban leadership, said the presence of thousands of alliance troops in Kabul was nothing to worry about. "We are just here to keep security and stop criminals from bothering our citizens," Qanooni said. "We are still committed to the Council of National Unity which we have formed with the former king (Mohammed Zahir Shah)."

Qanooni, the former deputy defence minister in the UN-recognised government of president Burhanuddin Rabbani, said Rabbani would not enter Kabul or appoint any ministers to a new government. "Professor Rabbani will not enter Kabul. He will not declare himself as president and will not appoint any ministers," he added.

Qanooni said his defence chief, General Mohammad Qasim Fahim, had entered Kabul along with foreign affairs spokesman Abdullah Abdullah. Their main task was organising the security of the city. "We are committed to the establishment of a government which all Afghans will like.


UN Gives World's First Blueprint for Afghan Future

By Evelyn Leopold
Tuesday November 13 10:01 PM ET

UNITED NATIONS (Reuters) - The United Nations outlined the world's first political blueprint for Afghanistan, envisioning a broad-based two-year transitional government and a security force drawn from a variety of nations.

``Things are changing fast on the ground, as we saw over the last few days, especially last night and this morning with the Northern Alliance expanding its control over territory and entering Kabul,'' the U.N. envoy for Afghanistan Lakhdar Brahimi, told the 15-member Security Council on Tuesday.

He said U.N. political personnel had been asked to go to Kabul immediately, beginning with his deputy, Francesc Vendrell, a Spanish U.N. career official now in Islamabad.

At the same time, he said, he was organizing a conference as soon as possible of all Afghan factions and called on the international community to get food and other supplies to ordinary Afghans, millions of whom risk starvation as the winter snows set in.

The meeting is expected to take place in the United Arab Emirates within the next week but no date has been set, U.S. officials said. Other diplomats, however, said the conference may be held in Geneva instead because of objections from Iran, which has a long-standing dispute with the UAE over sovereignty of three Gulf islands Tehran controls.

Brahimi, a former Algerian foreign minister, proposed establishing an all-Afghan provisional council. This council would eventually set up a transitional administration, to last up to two years, and draft a constitution for a new government.

At the same time, he said, a ``Loya Jirga'', or assembly of tribal elders, should be convened to approve the transitional administration and authorize it to draft a constitution. Afghans have been trying for more than a decade to organize a Loya Jirga without success.

The United Nations has been charged by the United States and other countries to try to bring a political solution to Afghanistan so any future government would have international legitimacy and not appear to be imposed by Washington.

The United States began bombing Afghanistan five weeks ago in an attempt to stop its Taliban rulers from protecting the al Qaeda organization and its leader, Saudi-born militant Osama bin Laden, whom Washington accuses of planning and financing the Sept. 11 attacks that killed more than 4,500 people in New York, Washington and Pennsylvania.

INTERNATIONAL SECURITY FORCE SOUGHT

Addressing a number of foreign ministers whose countries have seats in the Security Council, Brahimi said security was of utmost concern, especially around Kabul, the capital. The opposition Northern Alliance, known in the past for gross human rights abuses, captured Kabul on Tuesday.

Brahimi said there were three choices, the best of which was an ``all-Afghan'' security force. But he doubted one could be organized quickly. U.N. peacekeepers, he said, would also take too long.

Instead Brahimi proposed a multinational force, which diplomats said might include Muslim troops from Turkey and Jordan as well as European troops. Such a force could ``preserve the political space in which negotiations toward the resolution of the many problems ahead could proceed,'' he said.

Brahimi said many Afghans were determined to avoid another round of fighting and wanted Kabul to be demilitarized and not controlled by any one faction.

``Without a credible security arrangement, however, no political settlement can be implemented,'' he said.

Brahimi said the current ``six plus two'' group of Afghanistan's neighbors, the United States and Russia, should be broadened to 21 nations to monitor the process.

U.S. Ambassador John Negroponte told the council Afghan ''liberation forces'' had to exercise restraint. ``Afghanistan does not need another cycle of revenge and retribution as the Taliban collapses,'' he said.

A British-French drafted resolution meant to back Brahimi's plans is being rewritten to fit the rapidly changing situation, U.S. officials said.

They are proposing a transitional administration in all areas the Taliban has vacated.

U.N. Secretary-General Kofi Annan, in his speech to the council, warned Afghanistan's neighbors, who had spent years arming one faction or another, to stop interfering.

``Unless this happens -- on the level of reality rather than just rhetoric -- there can be little hope of lasting stability in Afghanistan,'' he said.


Taliban Lose Four Eastern Provinces-Opposition

Tuesday November 13 10:37 PM ET

KABUL (Reuters) - Four provinces in eastern Afghanistan have fallen from Taliban hands after the local population rose up in revolt, opposition Northern Alliance Interior Minister Yunis Qanuni told Reuters on Wednesday.

``Now the Taliban have less than 20 percent of the territory of Afghanistan,'' Qanuni told Reuters.

He said the four eastern provinces of Laghman, Logar, Kunar and Nangahar, which are populated mainly by the majority ethnic Pashtuns who make up the Taliban, had been lost by the fundamentalist militia.

But he stopped short of saying his Northern Alliance fighters held the areas, including the eastern city of Jalalabad -- a Taliban stronghold that controls the road from Kabul to the border with Pakistan.

``We are also receiving reports of uprisings in Kandahar,'' he said, referring to the southern powerbase of Taliban supreme leader Mullah Mohammad Omar.


Anti-Taliban United Front take Zaranj in SW Afghanistan

Tehran, Nov 13, IRNA -- Pressing home the attack, the anti-Taliban United Front Forces seized Monday the town of Zaranj in south western Afghanistan, near the border with Iran, reported Russian news agency Itar-Tass. According to reports, fighting for this capital of Nimrooz province continued for about half an hour. Then Taliban troops were observed fleeing eastward in the direction of Qandahar. Over the past 72 hours, the United Front forces seized more than 40 percent of Afghanistan's territory. Its forces have already entered Kabul, the reports said. NB/AH End ::irna 19:14


Musharraf shocked by 'occupation'

Angry general flies home to face critics

Luke Harding in Islamabad
Wednesday November 14, 2001
The Guardian (UK)

Pakistan's military ruler, General Pervez Musharraf, last night expressed his dismay that the Northern Alliance had been allowed to seize Kabul and said a UN peacekeeping force should be sent in as soon as possible to stop opposition troops from "occupying" the city. Speaking in Turkey, Gen Musharraf said Kabul should be rapidly "demilitarised" to prevent the "atrocities of the past" from being repeated. The UN force should be made up of troops from Muslim countries.

"In the past there has been fighting among these ethnic groups. Pakistan and Turkey must do what they can to prevent this," he added.

Earlier, Pakistan's foreign affairs spokesman, Aziz Ahmad Khan, said no single group could bring peace to Afghanistan, and a broad-based multi-ethnic government should take over as soon as possible. "Pakistan holds to the view that the Northern Alliance forces must not occupy Kabul."

The Northern Alliance has made little secret of its hostility to Pakistan's military regime, which until two months ago was the Taliban's most crucial ally. Over the past five years Pakistan's powerful ISI intelligence agency has secretly given the Taliban vital military support and advice.

Gen Musharraf dumped the Taliban in the wake of the September 11 attacks. In a visit to New York on Monday, he urged President Bush not to allow the Northern Alliance to seize Kabul, a strategy swept away by events. Privately, Pakistani diplomats admit that they feel betrayed by their new allies in Washington, who failed to halt the alliance's advance.

Gen Musharraf yesterday pointed to the alliance's barbarous record during its last stint in power in Kabul between 1992-94. He is deeply concerned that unless members of the Pashtun ethnic majority play a leading role in government Pakistan faces the prospect of a hostile neighbour. "Pashtun representation is important," he said in Istanbul last night, before flying back to Islamabad for talks with senior advisers.

"The capture of Kabul by the anti-Pakistan opposition alliance will have negative implications for the country," Samiul Haq, a leading Pakistani Islamist cleric and head of the pro-Taliban Afghan Defence Council, said last night.

Hameed Gul, former head of Pakistan's intelligence agency, yesterday accused America of deceiving Pakistan, which had "no control of the situation". Gen Musharraf "should do a lot of explaining", he added.


Timeline: the fall of Kabul

The Afghan capital, Kabul, fell to Northern Alliance fighters today,
just over a month after American and British forces began bombing the country

Staff and agencies
Source: The Guardian (UK)
Tuesday November 13, 2001

October 7
First reports of explosions over the Afghan capital. President Bush speaks to the American people, confirming "carefully targeted" air strikes and announcing that the war on terrorism is under way. Ruling Taliban officials say they are "ready for jihad" - holy war.

The prime minister, Tony Blair, makes a televised speech praising British forces and saying the Taliban regime was warned it had a choice of "siding with justice or siding with terror".

October 10 A
fghanistan's ruling Taliban regime is showing signs of cracking under the strain of coalition air strikes, British defence sources claim. As US warplanes began a fourth straight night of bombing raids on Taliban defences, officials in London said the regime could collapse without the need to send in ground troops.

October 16
US officials confirm for first time that AC-130 Spectre gunships have been in action attacking Taliban military bases. The lumbering AC-130 - adapted from the Hercules transport aircraft - is typically used to support special forces troops on the ground, intensifying speculation that such units are already operating inside Afghanistan.

October 17
The US-led coalition begins to turn its firepower on Taliban troops fighting the rebel Northern Alliance, in an effort to turn the screws on the Afghan regime. Northern Alliance fighters are reported to be close to capturing the key northern city of Mazar-i-Sharif and to be threatening the capital, Kabul.

October 19
The Taliban continue to voice defiance after it emerges that US special forces are now operating behind the lines inside Afghanistan.

October 20
US special forces are parachuted into enemy territory, killing Taliban troops and destroying key targets in ground attacks. It is later reported that the US raids did not go as smoothly as was claimed initially, with accounts of troops coming under fierce fire from Taliban forces and one US soldier losing a foot.

October 22
The defence secretary, Geoff Hoon, confirms that US warplanes have now turned their attention to Taliban positions facing Northern Alliance forces around Kabul and the northern city of Mazar-i-Sharif.

October 29
The Pentagon says US warplanes have begun systematically bombing the cave complexes where terrorist leader Osama bin Laden and his key lieutenants are believed to be hiding. It also discloses that it has begun supplying ammunition to the rebel Northern Alliance.

November 1
Bin Laden issues new call to arms to Muslims to defeat the "infidels" attacking Afghanistan.

November 4
More elite US special forces troops are deployed into Afghanistan as America claims the Taliban have ceased to function as an effective government. Northern Alliance rebel fighters say they have mounted a major offensive on Mazar-i-Sharif.

November 9
Northern Alliance warlord Rashid Dostum says his forces have smashed through Taliban defences and recaptured Mazar-i-Sharif.

November 12
Northern Alliance fighters take the western city of Herat and arrive at the gates of Kabul.

Tony Blair says he expects alliance commanders to honour their commitment not to take city as the international community thrashes out a new settlement for the future government of the country.

November 13
Limited numbers of Northern Alliance soldiers enter Kabul after Taliban troops are reported to have fled.


Musharraf joined coalition after
an ultimatum: Powell TV Parasuram

Source: Hindustan Times

(PTI) (Washington, November 14)

US Secretary of state Colin Powell has disclosed that Pakistan president General Pervez Musharraf was given an ultimatum of sorts, before he finally decided to support the US in its war against terrorism. In a candid interview to the New York Times on Tuesday, the former chairman of the joint chiefs of staff revealed that within 48 hours of September 11 terrorist strikes, he called up Musharraf and said "General, you have got to make a choice". The choice, The New York Times said, was whether to cast Pakistan's lot with the United States in the imminent war, or remain an isolated and economically beleaguered state, crushed by foreign debt and sliding towards the same Islamic extremism that had brought the Taliban to power in neighbouring Afghanistan.

"He (Musharraf) took 24 hours to consult his political leaders and his generals and he made that choice--not just a choice with respect to the Taliban but a strategic choice with respect to where Pakistan was going to be in the future," Powell said.

In the wake of the terrorist attacks on the World Trade Centre and the Pentagon, a number of nations are examining the strategic choices they face, he said adding that in this sense disaster has also brought an opportunity on a wide range of diplomatic fronts.

In this context, a deepening, long-term American engagement in South Asia and a "robust" military relationship with both India and Pakistan could also be seen, Powell said.


Exiled singer returns to free airwaves

BY ADAM SHERWIN, MEDIA REPORTER
THE TIMES (UK)
NOVEMBER 14, 2001

THE exiled Afghan singer whose song became the first piece of music to be broadcast in Kabul for five years described the “proudest day of my life” yesterday. When opposition forces took over Radio Afghanistan, it was a song by Farhad Darya that drifted over the airwaves before any official announcements were made. His long-suppressed voice, singing a lament for Kabul, proved to listeners that the Taleban regime had been banished.

“Today is a brand new day in Afghanistan and it began with my voice,” Darya, 40, said. “I have tried all my years in exile to inspire the people and keep their spirits alive. Today the people bestowed upon me the greatest honour any Afghan can receive.”

Darya fled the former Communist regime in Kabul in 1990 after constant harassment by the authorities. The family he left behind received the same treatment.

His songs, which combine traditional Afghan classical instruments with contemporary folk influences, have led him to be compared with Paul Simon. On songs such as Kabul jaan (My Sweetheart Kabul), he accompanies himself on the rubab, a short-necked flute.

Now living in America, Darya performs his songs of exile to up to 10,000 people. In August he played to 1,000 in London. He said: “My songs are about patriotism and duty. I can’t live without my people. The Taleban buried the most essential element of life: the human voice. I have always wanted to return and now I believe I can.”

Under the Taleban, musicians were jailed and had their instruments strung up from posts as a warning to others. The latest upheaval brings memories for Darya: “All those years ago, when the Mujahidin entered Kabul they played my song first then. That was a great honour and now history repeats itself.”

The return of free radio to Kabul was also marked by the return of female announcers, sacked and ordered to go home and look after their children by the Taleban. Jamila Mujahid, 40, who read the first words on Radio Afghanistan, said: “I don’t believe this. I never thought that a time would come when I would be reading the news again. As I read the news this morning it was like a dream.”


Afghan women find new freedom

By the BBC's Louise Hidalgo
Tuesday, 13 November, 2001, 17:20 GMT

The Northern Alliance has announced that women in Afghanistan can now go back to work, and girls can go to school - activities that were banned by the Taleban.

A statement issued in Kabul said all Afghan women had the right to pursue education and work in accordance with Islamic teaching and Afghanistan's honourable traditions.

And women in Kabul have already begun tearing off the veils they were forced to wear by the ruling militia.

The treatment of women was one of the issues for which the Taleban became most notorious.

The Northern Alliance, on the other hand, has made much of its record on women's rights. But has this just been anti-Taleban propaganda?

Living in fear

The Taleban always treated Kabul - a relatively sophisticated city - with great harshness. The religious police were particularly strict in the way they enforced their punishments.

For a woman failing to wear the all-encompassing cloak, the burqa, correctly, the penalty was a public flogging.

Yet even in the few areas of Afghanistan which, until a few days ago, the Northern Alliance controlled, most women still choose to wear the burqa. This is a deeply conservative - and patriarchal - culture.

But, unlike in Taleban areas, women say it is tradition - not government pressure - that has made them cover themselves from head to foot.

Limited opportunities

At least, though, under Northern Alliance control, women have been able to work, even if the jobs they have been able to choose from are limited - teaching, for example, or working as a midwife.

Under the Taleban, by contrast, women have been largely confined to their homes, squeezed out of every aspect of public life.

Already, people in the northern city of Mazaar-e-Sharif have been celebrating what they hope, with the arrival of the Northern Alliance, will be the re-opening of girls' schools, for the first time in three years.

It may be that most girls leave school in their early teens to get married. But at least, they say, more liberal families will have the choice to keep their older girls on in education. A fortunate few may even go onto university.


Guest Control

The Times of India
November 14, 2001

EDITORIAL

As Osama bin Laden continues to elude his American pursuers to the delight of the Taliban, it appears that many in Afghanistan are tired of his presence and want him to go away.

In fact, even the Taliban, according to some reports, are wanting a way out of the impasse, but it is impossible for them to hand over their guest to the enemy directly, and some face-saving measure is needed to camouflage it.

The common Afghans, or many of them, are unable to bear the brunt of American bombing, which would stop only if this ‘‘guest’’ leaves the country.

Under normal circumstances, no Afghan would have such feelings about a guest. Their mehmaan-nawazi (hospitality) is legendary. Bengali writer Syed Muztaba Ali who spent a few years in Kabul and wrote an award-winning book on his experiences, fondly recalled the Afghan’s hospitality which leaves the guest almost breathless.

The visitor is never allowed to pay for anything as long as he is in an Afghan’s company because he is a mehmaan. Any attempt to reciprocate the courtesy is brushed off disdainfully.

But this time, the guest has decided to overstay his welcome and made his hosts miserable. There are stories galore about guest-host relationships in the folklore of every country.

There is one about a rich man who had 10 sons-in-law, all of whom decided to exploit his hospitality, tempted by the luxuries available in his place. Sensing that they would not leave on their own, the host began to curtail the luxuries.

As standards deteriorated, nine sons-in-law left one by one, but Dhananjaya, the tenth fellow, would not budge. Even near-starvation was no incentive for him to leave.

The father-in-law was then counselled by well-wishers to resort to the ultimate measure — a good thrashing. This worked, and the method came to be known in Sanskrit as Praharena Dhananjaya.

Osama is the son-in-law of a hero to many in Afghanistan and elsewhere, and is identified with the Afghan cause because he fought the Soviets on their behalf.

At that stage, he was also the guest of the CIA, which now rues the day. At the same time, the Americans now want him to be their guest, although theirs will be a hospitality of a different kind.

As Mary Howitt wrote, ‘‘Will you walk into my parlour? said a spider to a fly:/ ‘Tis the prettiest little parlour you ever did spy’.’’

 

Afghanistan

Hinrichtungen, Entführungen, Vergewaltigungen 
insertion:stdtext-->Beim Einmarsch der Nordallianz in Masar-i-Scharif und wenige Tage später in Kabul hat es offenbar massive Übergriffe gegeben.

 
   
 

Chronik  

Von den Anschlägen bis heute
 
 
Von Birgit Lutz

 
 
   
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Die Nordallianz hat sich nicht an den Wunsch der USA gehalten und ist in Kabul einmarschiert. Auf der Straße vor der Stadt liegen getötete Taliban-Kämpfer. -->(AP ) -->
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In Kabul kam es Anwohnern zufolge vor dem Einmarsch der Nordallianz zu Plünderungen durch Einheimische und die abziehenden Taliban. Eine französische Hilfsorganisation berichtete, sie habe ihr Lagerhaus verteidigen müssen.

Die Bewohner der Stadt sind jedoch offenbar erleichtert über den Abzug der Taliban, rasieren sich teilweise die Bärte, tragen wieder Jeans und hören laut Musik. Dies alles war von den radikal-islamischen Taliban aus religiösen Gründen verboten worden.

In der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif war es nach UNO-Informationen zu Plünderungen und Hinrichtungen durch die Nordallianz gekommen, nachdem die Stadt am Freitag von Truppen des von der Bevölkerung gefürchteten Usbeken-Generals Abdul Raschid Dostum erobert worden war.

Eine UNO-Sprecherin sagte, es gebe unbestätigte Berichte über gewaltsame Übergriffe, Hinrichtungen und Entführungen. Auch ein Lagerhaus des UNO-Welternährungsprogramms (WFP) sei geplündert worden.

Befürchtungen haben sich bestätigt

Die internationale Gemeinschaft hatte Dostum aufgefordert, die Einhaltung von Recht und Ordnung in Masar-i-Scharif zu gewährleisten. Die USA haben den Vormarsch der Nordallianz mit Luftangriffen unterstützt.

Die UNO-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson sagte, es habe jedes Mal „schreckliche Massaker an Zivilisten, Vergewaltigungen von Frauen und Racheakte der Zerstörung“ gegeben, wenn in Afghanistan Gebiete an neue Herrscher gefallen seien. Ihre Befürchtungen haben sich offenbar bereits bestätigt.

(sueddeutsche.de/Reuters) ,
13.11.2001 :datum  18:00
 
 
 
Minority Hazaras rejoice at Mazar-e-Sharif's recapture
Rout of Taliban may not trigger ethnic reprisals

Fariba Nawa, Chronicle Foreign Service

Islamabad, Pakistan -- The Northern Alliance's capture of Mazar-e-Sharif last night was a sweet victory for the opposition and United States, but for the Taliban's most persecuted victims -- Afghanistan's ethnic Hazara minority -- it was overdue revenge.

Among the opposition soldiers who seized Mazar-e-Sharif were some 2,500 Hazaras, a Shiite group whose members were massacred by the Taliban when they took the city three years ago.

"Hazaras have been massacred more than anybody in Mazar, and this (victory) means more to them than any other Afghans," said Abdul Karim Khalili, the Hazaras' factional leader. Khalili, who heads Hezb-e-Wahdat (the Party of Unity), spoke via satellite telephone from his native Hazarajat in central Afghanistan.

Populated mostly by ethnic Uzbeks, Tajiks and Hazaras hostile to the ruling ethnic Pashtun Taliban, Mazar-e-Sharif has witnessed horrific bloodshed between the warring clans that filled the void after the Soviets retreated in 1989.

The Taliban briefly seized the city in 1997, only to be ousted by the brutal Uzbek warlord Abdul Rashid Dostum and other tribal generals, whose forces slaughtered some 2,000 Taliban fighters. Many died in ghastly ways -- sealed into truck containers and left to bake in the desert sun, or thrown down deep wells with grenades tossed in after them.

A year later, Taliban troops retook Mazar-e-Sharif and exacted revenge by shooting scores of boys and old men and slitting the throats of hundreds of other mostly Hazara residents. As many as 7,000 residents reportedly died.

THE CYCLE OF REVENGE

The apparent defeat of the Taliban yesterday could usher in another round in the vicious cycle. But the Hazaras have been surprisingly tolerant of their Sunni archrivals of late, giving rise to hopes that the cycle is breakable.

Ahmed Rashid, an expert on Afghanistan and a Pakistani journalist who has written a book on the Taliban, said of the situation in Mazar-e-Sharif: "It's going to be a huge test for the Northern Alliance and the U.S. because there's a fear for what's going to happen to the minorities and what will happen to the Pashtuns.

"But I believe that this time, they have learned their lesson from the past, " Rashid said.

Hazara commanders have said repeatedly that they will limit the killing to the battlefield. Khalili took that one step further yesterday by saying that he supports the formation of a broad-based postwar government that would include moderate members of the Taliban.

The Hazaras could turn out to be a linchpin of that process.

Other Pashtun factions working with American efforts to reinstall former Afghan king Mohammed Zahir Shah have included Hazaras in their meetings. Pir Sayed Ahmed Gailani, a Pashtun royalist based in Peshawar, Pakistan, invited a Hezb-e-Wahdat representative to speak at his peace and unity conference three weeks ago.

TALIBAN SHOULD JUST LEAVE

War-weary Hazara refugees in Pakistan say they want the Taliban and Osama bin Laden and his al Qaeda fighters ousted without bloodshed. They oppose the U.S.-led bombings.

"We don't know how this (can) happen, but we want the Taliban to leave peacefully so we can go back to our country," said Abdul Wali Khidri, a 50- year-old shoemaker in Rawalpindi, Pakistan, where many Hazara refugees have found a second home.

Dr. Ghulam Hussain, a Hazara physician in Rawalpindi, has formed a movement called Wahdat Islami Shia-Sunni (Islamic Unity of Shiites and Sunnis). Its goal is to bring together members of Islam's two major sects and reduce tensions among Afghanistan's ethnic groups.

Hussain says his faction wants Hazaras to receive proportional representation in a future government, but no more than that.

"We're for the Tajiks or Pashtuns to rule, but with justice," he said. "We will work by their side. We want to be left to work in our businesses and carry out our everyday life."

While Hazaras have expressed their views quietly and behind the scenes, their role in the peace process and a future Afghan government is not assured.

Analyst Rashid said, "The Hazaras will always be vulnerable, and any kind of settlement will have to have clauses to protect Shiites and Hazaras."

Compared to the ethnic Uzbek and Tajik troops in the Northern Alliance, Hazara troops have received the least attention and military aid from the United States, according to their commanders.

But they are patiently awaiting their turn -- in the form of a U.S.-backed blitzkrieg to take back from the Taliban their mountainous home region, known as Hazarajat. For several days, the Americans have been bombing the freezing, inhospitable area, located about 125 miles from Mazar-e-Sharif, opening routes for alliance ground troops, Khalili said.

OLD TENSIONS, NEW HEIGHTS

Hazaras, who account for 19 percent of Afghanistan's 21 million people, are descendants of Genghis Khan, and their Mongol features distinguish them from other Afghans. As the country's largest Shiite minority, they have been historically oppressed -- working as servants, vendors and sheep herders.

Tensions between the majority Sunnis and Shiites are old in Afghanistan, but the Taliban heightened them to a new level. The militia, made up of hard- core Sunnis, consider Shiites religious hypocrites and have carried out an ethnic cleansing of the Hazara population.

International human rights groups documented a single four-day massacre in January, when 150 to 300 civilian Hazara men were killed by Taliban troops in Yakalang.

"We invite the world to come and see for themselves at least 120 kilometers (75 miles) of ashes and dust that used to be bustling with life," Khalili said of areas the Taliban have allegedly ransacked.

The Hazara leaders' willingness to cooperate with moderate Taliban does not mean they forgive the militia, experts say. But it reflects the recognition by the Northern Alliance that it cannot rule Afghanistan without the support of the Pashtun majority.

Hazara refugees said they support Taliban inclusion in a future government only because Pashtuns are the dominant ethnicity in Afghanistan, while Hazaras are a small minority.

''The Taliban have been cruel, but what can we do?'' said Patra Sakhidar, a 63-year-old fruit seller in Rawalpindi.


Afghanistan's ethnic diversity

-- Pashtuns -- An overwhelming majority of the Taliban are Pashtuns; the group makes up 38 percent of the nation's 21 million people.

-- Tajiks -- 25 percent; they account for a majority of the forces fighting the Taliban.

-- Hazaras -- 19 percent; the largest Shiite minority, they oppose the Taliban.

-- Turkmens -- Less than 10 percent; they side mainly with the Northern Alliance.

-- Uzbeks -- 8 percent; many rally around alliance warlord Abdul Rashid Dostum.

Source: New York Times


Executions reveal ugly side of alliance

David Rohde, New York Times

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Kalai Nasro, Afghanistan -- Near an abandoned Taliban bunker yesterday, Northern Alliance soldiers dragged a wounded Taliban soldier out of a ditch. As the terrified man begged for his life, the alliance soldiers pulled him to his feet.

They searched him and emptied his pockets. Then, one soldier fired two bursts from his rifle into the man's chest. A second soldier beat him with his rifle butt while a third repeatedly smashed a rocket-propelled-grenade launcher into the man's head.

Ten yards away lay the body of a younger man who soldiers said was a Pakistani. He was on his side with his arms extended. In the side of his head was a bullet hole.

Two hundred yards away, the soldiers who had minutes earlier shot the older man searched the possessions of a motionless Taliban soldier on the ground. After emptying his pockets, a soldier fired a burst from his rifle into the man. The soldiers moved on, showing no emotion. Minutes later, someone laid an unused mortar round across the man's throat.

A fourth body a mile away had a bullet wound in the side of the head. The Taliban soldier, flat on his back, had his hands up, as if he had been surprised or surrendering when shot.

Looting was widespread. Alliance soldiers, who have received extensive air support from the United States, plundered Taliban bodies and bunkers, stealing shoes, bags of sugar, flashlights and anything else that they could find.

"I got 700,000 afghani!" a soldier who was leaving an abandoned Taliban bunker shouted, flashing a wad of bills worth $20.

The events here were ominous. Northern Alliance forces had indicated that they would heed American advice not to enter Kabul. But by early today alliance troops were seen moving into the capital, and the killings here suggested they may prove hard to control.

U.N. officials have also expressed concern over unconfirmed reports of summary executions and abductions of civilians in Mazar-e-Sharif, the northern city that fell to the opposition Friday night.

The looting and executions here were an ugly ending to what began as a well- executed tank and infantry assault against Taliban lines near the Bagram Air Base.

Alliance soldiers reacted to the corpses in different ways. Nearly all stopped and gazed at the dead. Some searched for valuables. One, in a more dignified gesture, placed a cloth over a corpse.

Capt. Habib, a commander of 300 elite soldiers who participated in the attack, seemed unconcerned when told of the killings. "The soldiers must have been very angry," he said, and he shrugged.

 

'Good' Afghan warlord offers hope
Moderate Alliance commander once controlled 6 provinces

Fariba Nawa, Chronicle Foreign Service

Many residents of the western city of Herat rejoiced yesterday after Ismail Khan, their former governor and a Northern Alliance commander, captured the town from Taliban forces.

Although many Afghans resent the alliance, a ragtag coalition that once pillaged the capital of Kabul, Khan is probably the one commander they are willing to give a second chance. When the Tajik commander ruled Herat from 1992 to 1995, some residents even called him the "good warlord."

"Young Heratis glorify him because he disarmed civilians," said Fazul Rahim Ansari, a Herat merchant who fled U.S. air attacks several weeks ago and is now a refugee living in Islamabad. "We could have picnics, play music, go to proper schools."

While other opposition commanders such as Ahmed Shah Massood and Gulbuddin Hekmatyar were shelling Kabul, Khan set up a peaceful fiefdom as emir of six western provinces after a decade-long war with the Soviet Union ended in 1992.

Khan, 55, built a university, paved roads, created jobs and opened trade links with Pakistan and Iran under moderate Islamic law. Women were required to cover their hair but were allowed to work and go to segregated schools. Justice was dispensed at open air hearings in villages.

When the Taliban seized Herat, Afghanistan's cultural capital in 1995, Khan fled his hometown for exile in Iran. In 1997, he returned, vowing to recapture Herat. Instead, a local commander switched sides and handed him over to the Taliban. He spent nearly three years in prison, mostly chained to a pipe before escaping to Iran last year with the help of a loyal supporter. He returned from Iran in May to set up a base in mountainous Ghor province to the east of Herat.

Since U.S. bombing has weakened the enemy, Khan has been able to seize neighboring Badghis province before taking Herat. Speaking via satellite telephone, he said he now plans to move south, using negotiating tactics to bring Taliban commanders to his side. He claims that 33 Taliban commanders and 840 of their soldiers from Badghis province have joined his forces.

Shiite Muslim Herat sits along a main road to Kandahar which, some 300 miles to the southeast, is a Taliban stronghold and home of the Islamic regime's supreme leader Mullah Mohammed Omar.

The veteran warlord known as the "Lion of Herat" is also careful to distance himself from the United States, which he says has not given him any military aid. But he hopes Washington has learned a lesson and will help reconstruct the nation after the fall of the Taliban.

"We fought their war against the Soviets and then they (United States) abandoned us," he said.

Khan, however, seems more tolerant when discussing the Taliban. He argues that those who have not committed atrocities should be included in any future government and should join the loya jirga, the grand assembly being organized by the ex-king, Mohammad Zahir Shah, in Rome.

"The Taliban are part of our nation. They have wives and children," said Khan. "I'm not interested in killing them. We need them because they are a part of us. We can't persuade all Afghans to believe in a coalition government without them."

Despite Khan's past as a comparatively progressive leader, some Herat refugees in Pakistan have mixed feelings about another administration by the "good warlord." They say he gradually lost touch with the populace as he became more preoccupied with the civil war in the rest of the country.

Merchant Ansari, who says he will go back as soon as the roads are safe, hopes "he won't make the same mistakes again."

Many Herat refugees say the mayor in Khan's administration took bribes, money was collected for electricity that never appeared and Khan's conscript army often went unpaid.

"We didn't know how to feed our families," said Nassar Ahmad, one of Khan's former soldiers. "He lost our support after that."

And some are unsure whether or not he can once again bring peace to Herat.

"We don't know when Ismail Khan comes, what will happen," said a former teacher and mother of four who asked not to be named. "Will it be safe? These mujahids (Northern Alliance) are so divided, you can't predict."

Abdulali Ahrary, an economics adviser during Khan's administration who now lives in exile in Fremont, concedes that the warlord made mistakes but says he cares about Afghanistan more than any other alliance commander.

"There was no law before he came and he had many challenges, not all of which he could overcome," he said.

When the war is over, the soft-spoken Khan says, he wants representative democracy on a national and local level with ex-king Zahir Shah as the figurehead. And if Herat residents vote him into power, he plans to build a top-rated university and establish shuras or councils of advisers on such matters as politics, economics and defense.

"We are an educated and cultured people," said Khan. "I want to see us shine."

 
P O L I T I K,focus,13.11.2001

„Jedermanns Freund“ ohne Skrupel
 

D ie Anti-Terror-Allianz hat in dem Usbeken-General Abdul Rashid Dostum einen wankelmütigen Verbündeten gefunden. Dostum ist einer der mächtigsten Generäle der Nordallianz. Unter seiner Führung gelang es der afghanischen Opposition, die umkämpfte Stadt Masar-i-Scharif zu erobern.

Dostum ist eigentlich ein Spitzname und heißt „Jedermanns Freund“. Das trifft insofern zu, als der heute 47-Jährige mit seiner Truppe bereits an der Seite der sowjetischen Besatzungstruppen gegen seine afghanischen Landsleute kämpfte, den moskautreuen Präsidenten Nadschibullah unterstützte, sich dann dessen Feinden, den Mudschahedin, anschloss, und nun den USA seine militärischen Dienste anbietet.

Auch der Beinamen „Jedermanns Feind“ würde passen, denn Abdul Rashid hat sich nicht nur gegen die Kommunisten, sondern im Bürgerkrieg zwischen 1992 und 1994 auch gegen mehrere Mudschahedin gestellt, mit denen er zuvor verbündet war. Erst versuchte er mit dem inzwischen ermordeten Tadschiken Ahmed Schah Massud den Milizenführer Gulbuddin Hekmatjar zu beseitigen, wenig später marschierte er mit Hekmatjar gegen Massud.

In dieser Zeit war Dostum an der Zerstörung Kabuls beteiligt, bei der 50 000 Zivilisten getötet wurden. Seiner Truppe werden auch zahlreiche Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen an Zivilisten zur Last gelegt, die nicht Usbeken waren, wie ein Afghanistan-Handbuch für Hilfsorganisationen verzeichnet. Dostums Miliz galt als skrupelloser Haufen von „Wendehälsen“.

Dostum konzentrierte sich Mitte der 90er-Jahre darauf, in seiner Heimatprovinz Balch im Norden Afghanistans einen Kleinstaat aufzubauen. Zeitweise betrieb er sogar die eigene Fluglinie „Balch Air“, die Zentralasien und die Golfstaaten anflog. 1998 musste er vor den Taliban fliehen.
 
13.11.01, 13:30 Uhr

 

P O L I T I K

Was kommt nach den Taliban?
 



D ie Nordallianz hält offenbar an einem Friedensprozess unter Führung des ehemaligen afghanischen Königs fest. Die Nordallianz habe nicht die Absicht, das Land allein zu regieren, sagte Dschunis Kanoni, ein enger Vertrauter des gestürzten afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani, am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP.

Rabbani werde nicht nach Kabul kommen und sich auch nicht zum Präsidenten erklären. Möglicherweise werde aber der Verteidigungsminister der Nordallianz, General Fahim, in die Hauptstadt reisen, um dort „die Sicherheit zu gewährleisten“, sagte Kanoni. „Wir stehen immer noch auf der Seite des Rates der Nationalen Einheit, den wir mit dem ehemaligen König Sahir Schah gebildet haben“, fügte er hinzu. Die Nordallianz wolle eine Regierung, die alle Afghanen akzeptieren könnten.

London fordert schnelle Übergangsregierung

Nach der Einnahme von Kabul durch die oppositionelle Nordallianz forderte London die rasche Bildung einer Übergangsregierung. Die internationale Gemeinschaft müsse der neuen Situation ins Auge sehen und sich weiterhin um die Bildung einer Übergangsregierung bemühen, die die Vielfältigkeit der Bevölkerung berücksichtige, erklärte das Außenministerium am Dienstag.

UN arbeiten an Nachkriegsregierung

Die Vereinten Nationen arbeiten bereits intensiv an einem Verfahren zur Bildung einer neuen Regierung in Afghanistan. Vertreter der unterschiedlichen afghanischen Völker und Parteien sollen sich nach Informationen aus dem US-Außenministerium in den nächsten Tagen zu einer Konferenz einfinden, die möglicherweise in Genf, Wien oder Ankara stattfinden könnte, wie es am Dienstag in Washington hieß.

Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, äußerte sich bereits optimistisch, dass „eine repräsentative Auswahl“ des afghanischen Volkes innerhalb weniger Tage zur Bildung einer Nach-Taliban-Regierung zusammenkommen könnte.

Die USA hatten die Nordallianz des 1996 gestürzten Präsidenten aufgerufen, Kabul nicht zu übernehmen. In der Hauptstadt leben vor allem Paschtunen, während in der Nordallianz Usbeken, Tadschiken und Angehörige anderer Minderheiten dominieren.
 

13.11.01, 11:30 Uhr

 

 

 


P O L I T I K,focus,14.11.2001

Die meistgesuchten

Terroristen der Welt

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Terroristen vors Militärgericht
 



E rstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wollen die USA Prozesse gegen Terroristen vor einem Militärgericht führen. Eine entsprechende Anordnung erließ US-Präsident George W. Bush am Dienstag (Ortszeit), wie das Weiße Haus mitteilte. In den vergangenen Jahrzehnten wurden solche Prozesse vor Zivilgerichten geführt.

Aus dem US-Justizministerium hieß es, nur Ausländer müssten sich vor den Spezialgerichten verantworten. „Das ist ein neues Werkzeug gegen den Terrorismus“, sagte der Rechtsberater der US-Regierung, Albert Gonzales. Einen Militärprozess könne auch außerhalb der USA geführt werden. In einer solchen Situation wie der aktuellen müsse man unter Umständen die Methoden der Zivilgerichte aufgeben, wenn man Täter ergreifen und bestrafen wollte, sagte Gonzales weiter. Das Recht auf einen Anwalt werde durch den Erlass laut Justizministerium nicht berührt.

Unterdessen wurde bekannt, dass das Justizministerium etwa 5000 Ausländer im Zuge der Ermittlungen wegen der Terroranschläge befragen will. Außerdem wurden bei 200 Hochschulen und Universitäten Informationen über Studenten aus arabischen und moslemischen Ländern angefordert. Bürgerrechtler und Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass diese Form der Ermittlungen die Persönlichkeitsrechte bedrohe. Die Behörden stellten klar, dass es sich bei den Befragten nicht um Verdächtige, sondern um wichtige Informanten handele.
 
14.11.01, 10:15 Uhr


Der Bart ist ab: Bild des Tages
In der afghanischen Hauptstadt Kabul haben die Barbiere Hochkonjunktur.

Nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft lassen sich viele Männer zum ersten Mal wieder den Bart abrasieren.REUTERS


Shelter-Now-Mitarbeiter sind frei
Al Qaida-Anführer bei Bombenangriff getötet
15.11 .2001 FAZ


Mehr als drei Monate nach ihrer Festnahme in Afghanistan sind die acht Mitarbeiter der Hilfsorganisation Shelter Now wieder frei. Aus dem Verteidigungsministerium in Washington verlautete am Mittwoch, die vier Deutschen, zwei Amerikanerinnen und zwei Australier befänden sich in Pakistan in Sicherheit. Die amerikanische Luftwaffe hat im Taliban-kontrollierten Teil Afghanistans angeblich ein Gebäude zerstört, in dem sich mehrere Anführer des Terrornetzwerks Al Qaida befanden, teilte das Pentagon mit. Die militärische Lage in Kandahar, der Hauptstadt der Taliban-Bewegung bleibt ungewiss. Teils hieß es, die Stadt sei bereits von den Truppen der Nordallianz eingenommen, teils wurde von anhaltenden schweren Kämpfen berichtet. Die Vereinten Nationen bereiten derweil ein Treffen afghanischer Gruppen vor, dass möglicherweise bereits in der kommenden Woche in den Vereinigten Arabischen Emiraten abgehalten werden könnte, um über die Zukunft Afghanistans zu beraten. Ein UN-Plan sieht eine zweijährige Übergangsregierung und eine multinationale Sicherheitstruppe für Afghanistan vor.

Die Bombardements auf Taliban-Stellungen gehen weiter

Nach mehr als drei Monaten Haft in Afghanistan sind die acht westlichen “Shelter Now“-Mitarbeiter wieder frei. Die vier Deutschen, zwei US-Bürgerinnen und zwei Australier seien auf dem Weg nach Pakistan, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Donnerstagmorgen in Berlin. Auch das US-Verteidigungsministerium in Washington bestätigte die Freilassung. In einer Erklärung des Pentagon hieß es, die Gefangenen seien bereits in Pakistan. “Sie scheinen in einer guten physischen Verfassung zu sein“, hieß es weiter.

Mehrere Al Qaida-Anführer bei Bombenangriff getötet

Die amerikanische Luftwaffe hat im Taliban-kontrollierten Teil Afghanistans angeblich ein Gebäude zerstört, in dem sich mehrere Anführer des Terrornetzwerks Al Qaida befanden. Wie der Nachrichtensender CNN am Donnerstagmorgen berichtete, teilte das US-Verteidigungsministerium mit, es wisse nicht, ob sich der Terroristenchef Bin Ladin in dem Haus aufhielt. Das Pentagon gehe aber davon aus, dass niemand in dem Gebäude den Angriff am Dienstag überlebt habe. Der genaue Ort des Angriffs wurde nicht genannt.

Auch Al Dschasira meldet Eroberung Kandahars

Die afghanische Nordallianz hatte am Mittwoch die Einnahme der Taliban-Hochburg Kandahar im Süden des Landes bekannt gegeben. Dies sei mit Hilfe der Bevölkerung gelungen, sagte der afghanische Botschafter in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, Said Ibrahim Hikmat. Eine Bestätigung der Eroberung Kandahars war bis zum Abend nicht zu erhalten. Auch der TV-Sender Al Dschasira meldete die Einnahme Kandahars durch die Nordallianz. Der in Katar ansässige arabische Sender berief sich dabei jedoch ebenfalls auf einen Sprecher der Nordallianz. Die Allianz sei dabei von Stammesführern aus der Region unterstützt worden, hieß es. Die Taliban-Kämpfer hätten sich in die Berge zurückgezogen. Der amerianische Fernsehsender CNN meldete dagegen, in den Straßen Kandahars werde heftig gekämpft.

Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, es sei unklar, ob die Nordallianz den Flughafen bei Kandahar kontrolliere, wie sie dies am Dienstag erklärt hatte. Die Allianz mache aber weiter Geländegewinne südlich von Kabul und bei Herat im Westen.

Ein Flüchtling aus Kandahar berichtete, Kämpfer der Al Kaida-Organisation Bin Ladens kämpften dort gegen die Taliban, ihre Gastgeber. Ein pakistanischer Taliban-Kämpfer berichtete an Grenzübergang Chaman, die Taliban hätten weiter die Kontrolle über Kandahar. Bis zu 50.000 Taliban-Kämpfer bereiteten die Verteidigung der Stadt vor. Er sei zurückgekehrt, um seiner Familie zu berichten, dass er wohlauf sei und, um neue Kämpfer zu rekrutieren, sagte der Flüchtling.

Auftstände gegen die Taliban

Offenbar jedoch lehnen sich nach den Erfolgen der Nordallianz immer mehr Menschen im Süden gegen die Taliban auf. Oppositionsanführer und Flüchtlinge aus dem Süden berichteten, die Paschtunen, die bislang die Taliban unterstützt hätten, wendeten sich von ihnen ab. Außerdem desertierten immer mehr Taliban-Kämpfer. Afghanistan-Experten sehen damit den Druck auf den arabischen Moslem-Extremisten Osama Bin Laden wachsen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass ihn Taliban-Kämpfer verrieten, um einerseits ihre Haut zu retten und andererseits an die von den USA ausgesetzten fünf Millionen Dollar Belohnung zu kommen.

Taliban dementieren Einnahme Kandahars

Die Taliban dementierten einen Einmarsch Kandahars. „Dies sind Lügenberichte“, sagte der Sprecher des Taliban-Führers Mullah Omar, Mohammed Tajeb Agha, am Mittwoch in einem Telefoninterview mit Al Dschasira.

Treffen aller afghanischen Gruppen in VAE wird vorbereitet

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben sich nach Angaben aus Regierungskreisen bereit erklärt, ein Treffen afghanischer Gruppen über die politische Zukunft Afghanistan abzuhalten. In den Kreisen wurden Fernsehberichte bestätigt, wonach das Treffen bereits in den kommenden Tagen stattfinden solle. Die Vereinten Nationen (UNO) hatten die Emirate hierum ersucht. Die Islamische Weltkonferenz (OIC) hatte erklärt, sie prüfe einen Vorschlag Katars, dort in der kommenden Woche ein Treffen afghanischer Gruppen unter ihrer Schirmherrschaft abzuhalten.

UN mit Fünf-Punkte-Plan

Die Vereinten Nationen haben mit Vertretern verschiedener afghanischer Gruppen einen Plan zur Befriedung Afghanistans erarbeitet, der als wichtigsten Punkt ein Treffen zwischen Vertretern der Nordallianz und den Stammesgemeinschaften der Paschtunen sowie anderen ethnischen Gruppen vorsieht. Daraus soll unter der Führung der UN eine Übergansverwaltung für maximal zwei Jahre entstehen. Parallel dazu soll die traditionelle Stammesversammlung, die Loya Jirga, eine Verfassung erarbeiten und eine gewählte Regierung einsetzen.


Taliban-Regime vor dem Ende?
15.11 .2001 Spiegel Online

Die Nordallianz hat nach der Hauptstadt Kabul einen Tag später möglicherweise auch die Taliban-Hochburg Kandahar erobert. Die Herrschaft des radikal-islamischen Regimes in Afghanistan würde damit vor dem Ende stehen. Die USA warnten vor verfrühter Siegessicherheit.
Bewohner des Dorfes Amam Sahip beobachten den Einmarsch der Nordallianz.


Islamabad - Von der Eroberung Kandahars im Süden des Landes berichteten übereinstimmend der afghanische Botschafter in Tadschikistan und der arabische TV-Sender al-Dschasira. Von unabhängiger Seite gab es dafür zunächst keine Bestätigung.
Die Taliban dementierten Berichte über eine Eroberung Kandahars heftig. "Das sind Lügenberichte", sagte ein Sprecher des Taliban-Führers Mullah Mohammed Omar in einem Telefongespräch mit al-Dschasira. "Wir sind immer noch in Kandahar und den umliegenden Provinzen."

Nach Angaben des US-Senders CNN toben in der Taliban-Hochburg immer noch heftige Kämpfe zwischen den Taliban und Oppositionskräften. CNN berief sich auf Pentagon-Beamte.

Der Flughafen sei bereits in Händen der Anti-Taliban-Kräfte. Dabei handele es sich nicht um Kommandanten der Nordallianz, die in den vergangenen Tagen von Norden kommend mehrere Städte, darunter Kabul eingenommen hatten, sondern um lokale Kriegsherren der Paschtunen. Taliban-Kämpfer flüchteten zu Dutzenden. Der Kampf um die Stadt sei aber noch nicht entschieden. Mit dem Fall Kandahars hätten die seit fünf Jahren herrschenden Taliban ihr geistiges und politische Machtzentrum verloren.

In überraschend schnellen Vorstößen waren der Nordallianz seit Dienstagnacht die meisten der bisher von den Taliban gehaltenen Provinzen in die Hände gefallen. Dabei dürften auch Aufstände der Bevölkerung gegen das Taliban-Regime mitgeholfen haben. Flüchtlinge berichteten, immer mehr Menschen lehnten sich gegen die Taliban auf. Nach der Lage am Mittwoch beherrschten die Taliban nur noch sechs der insgesamt 29 Provinzen des Landes. Damit ist mehr als die Hälfte Afghanistans in der Hand der von den USA massiv unterstützten Nordallianz.

US-Luftwaffe setzt Angriffe fort

Die Taliban griffen am Mittwoch offensichtlich zu einer neuen Taktik. Sie warteten in der östlichen Stadt Dschalalabad nicht auf einen Vorstoß der Nordallianz, sondern übergaben die Macht an den paschtunischen Mudschahidin-Anführer Mohammed Junis Chalis. Chalis warnte die Nordallianz vor einem weiteren Vormarsch.

Die US-Luftwaffe setzte am Mittwoch ihre Angriffe auf die Taliban fort. Flugzeuge bombardierten den Flughafen und Militäreinrichtungen in der Umgebung von Dschalalabad sowie Stellungen bei Chost.



Erste Schritte zu einer Nachkriegsordnung

15.11 .2001 Süddeutsche Zeitung

Zur Vorbereitung einer künftigen Regierung hat die Nordallianz einen Obersten Militärischen Sicherheitsrat gebildet, der den Obersten Rat der Nationalen Einheit einberufen soll.

Die Vorbereitungen für dieses Gremium, dem neben Vertretern der Nordallianz auch Unterstützer des früheren Königs Mohammed Sahir Schah sowie andere Oppositionsgruppen angehören sollen, laufen seit mehr als einem Monat.

Der Oberste Rat der Nationalen Einheit dürfte eine Schlüsselrolle bei der Suche nach einer Nach-Taliban-Regierung auf einer möglichst breiten gesellschaftlichen und ethnischen Grundlage spielen.

UN-Konferenz geplant

Die geplante UN-Sonderkonferenz über die Zukunft Afghanistans soll nach Angaben eines Fernsehsenders der Vereinigten Arabischen Emirate in Abu Dhabi stattfinden. „Die Vereinigten Arabischen Emirate haben einer Bitte der UNO entsprochen, die Afghanistan-Konferenz auszurichten“, hieß es.

Gleichzeitig verlautete aus Diplomatenkreisen im saudiarabischen Riad, die verschiedenen afghanischen Volksgruppen sollten möglicherweise in Doha im Golfemirat Katar über die Zukunft ihres Landes verhandeln.

Am Dienstag hatte die UNO einen Fünf-Punkte-Plan für Afghanistan vorgelegt, der zunächst die Einberufung einer Konferenz mit Vertretern aller ethnischen Gruppen vorsieht. UN-Generalsekretär Kofi Annan bevorzuge ein arabisches Land als Ausrichtungsort der Konferenz.

Nach dem Vorstoß der oppositionellen Nordallianz in Afghanistan kontrollieren die bislang herrschenden Taliban nur noch einen kleinen Teil des Landes. Die USA, die die Truppen der Taliban seit Anfang Oktober bombardieren, haben sich wie zahlreiche andere Staaten für Bildung einer möglichst breiten Regierung in Afghanistan ausgesprochen.



Acht Shelter-Now-Mitarbeiter frei
15.11 .2001 Netzzeitung

Sie landeten am Morgen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Bundesaußenminister Fischer erklärt, die Bundesregierung sei glücklich und erleichtert

John Mercer, der Vater der Freigelassenen Heather Mercer Foto: AP
Washington/Islamabad - Die von den Taliban in Afghanistan festgehaltenen acht ausländischen Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Shelter Now“ sind frei. An Bord von US-Militärhubschraubern seien die Helfer nach Islamabad in Pakistan gebracht worden, erklärte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Den zwei US-Bürgern, zwei Australiern und vier Deutschen gehe es gut.
John Mercer, der Vater der Freigelassenen Heather Mercer Foto: AP

Bundesaußenminister Joschka Fischer erklärte, die Bundesregierung sei „glücklich und erleichtert“. US-Präsident George W. Bush sprach von „unglaublich guten Nachrichten“. Die Helfer waren im August mit 16 afghanischen Kollegen von den Taliban wegen angeblicher christlicher Missionierung festgenommen worden.

Die Aktion sei am Mittwoch gegen 22.40 Uhr (MEZ) erfolgt, erklärte Rumsfeld. Drei Hubschrauber von US-Sondereinsatzkräften seien auf einem Feld in der Nähe von Ghasni, 80 Kilometer südwestlich von Kabul, gelandet und hätten die Helfer an Bord genommen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes wurden die „Shelter Now“-Mitarbeiter zuvor von einem örtlichen Kommandeur dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz übergeben.

Die acht Freigekommenen landeten am Morgen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad auf dem Luftwaffenstützpunkt Chaklala. Fischer erklärte, „der Dank der Bundesregierung gelte allen, die zur Lösung dieser schwierigen Frage beigetragen haben“. Die Helfer befänden sich „wohlbehalten und unversehrt in der Obhut von Mitarbeitern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz“.

Bush sagte, ohne nähere Einzelheiten zu nennen, die US-Kräfte hätten am Boden Unterstützung verschiedener Gruppen, einschließlich des Roten Kreuzes, gehabt.

Nach dem Verlust der afghanischen Hauptstadt Kabul an die oppositionelle Nordallianz hatten die Taliban die acht ausländischen Helfer zunächst mit in ihre Hochburg Kandahar genommen. Anfang August waren die „Shelter Now“-Mitarbeiter zusammen mit 16 afghanischen Kollegen in Kabul unter dem Vorwurf christlicher Missionierung in dem islamischen Land verhaftet worden. AP, Reuters

Donnerstag, 15.11.2001 - 09:02 Uhr (Quelle: dpa)
Afghanischer Ex-König zählt die Tage: Abwarten, Taktieren, Hoffen
 
Afghanischer Ex-König   Rom (dpa) - Eigentlich müsste "Seine Majestät" in Hochstimmung sein. Nach 28 Jahren im italienischen Exil, nach all dem Bangen und den Ängsten der vergangenen Wochen, müsste der afghanische Ex-König Sahir Schah hörbar aufatmen. Doch von Erleichterung ist in seiner Botschaft an "seine geliebten Söhne" nichts zu spüren.
 

Statt Freude über den unerwartet raschen Fall der Taliban zu zeigen, äußert sich der 87-Jährige besorgt, warnt die Nordallianz vor Vergeltung und Rache, mahnt sie, ihre Gefangenen gut zu behandeln. Zwar verspricht er eine "sehr baldige" Rückkehr in die Heimat - doch spricht man mit seinen Helfern im römischen Exil, steht der genaue Termin noch in den Sternen.

Auch im "Hotel Fleming" am nördlichen Stadtrand Roms, wo das Gefolge die "zweite Chance" des 1973 gestürzten Monarchen vorbereitet, knallen keine Sektkorken. "Das größte Problem in Afghanistan sind gegenwärtig die Sicherheit, die Bombardierungen (der USA) und das schnelle Vordringen der Nordallianz", meint etwa Abdul Sattar Sirat. Der Professor für Islamische Studien, der auch in Deutschland ein Verbindungsbüro unterhält, war bereits in den 60er Jahren Justizminister unter Sahir Schah; er zählt noch heute zu seinen engsten Beratern.

Zurückhaltend und ernst skizziert der Professor die Lage. Bevor "Seine Majestät", wie hier alle den Ex-König nennen, zurückgehe, müssten noch einige Bedingungen geklärt werden. So müsse die Sicherheit garantiert sein, möglichst durch UN-Truppen; auch die Modalitäten für den politischen Übergang müssten feststehen. Nicht einmal, wohin der König in der Heimat gehen könne, wisse man im Augenblick so genau. "Vielleicht nach Kabul, möglicherweise aber auch in eine andere Stadt."

Seinen Ärger, dass die Nordallianz trotz aller Warnungen der USA in Kabul längst Fakten geschaffen hat, kann er kaum verbergen. "Die Nordallianz ist kein legitimer Vertreter der Afghanen", wiederholt der Professor immer wieder.

Für die Anhänger Sahir Schahs gibt es nur eine einzige Lösung: "Seine Majestät, die Vater-Figur. Er allein kann das Land einigen." Als eine erste Lösung sollten bereits in Kürze ein "Hoher Rat aller politischen und religiösen Kräfte" gebildet werden, um eine Übergangsregierung unter dem Ex-König zu bilden. Erst danach könne die "Loja Dschirga", die Große Ratsversammlung aller afghanischen Stammesführer, zusammengerufen werden.

Auch der weitere Verlauf steht für die Exil-Politiker schon in vagen Umrissen fest: "Wahlen in eineinhalb oder zwei Jahren." Wenigstens darin stimmen die Männer im römischen Exil mit der Nordallianz überein. Burhanuddin Rabbani, von den Taliban entmachteter Präsident und einer der Führer der Nordallianz, hat zwar auch schon das Kommen des Ex-Monarchen in einem Interview begrüßt - "aber bitte nur als Staatsbürger".

 

 

UN verpflichten sich zur zentralen Rolle in Afghanistan
 
New York (dpa) - Der Weltsicherheitsrat hat sich in der Nacht zum Donnerstag auf eine zentrale Rolle der UN beim politischen Wiederaufbau Afghanistans nach dem Taliban-Regime festgelegt. Das höchste Entscheidungsgremium der Vereinten Nationen sagte der Bevölkerung Afghanistans seine volle Unterstützung bei der Bildung einer Übergangsregierung zu.
 

Sie solle "breit angelegt, multi-ethnisch und repräsentativ für das ganze Volk sein und die Menschenrechte aller Afghanen achten, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und Religion".

Durch die dramatischen Machtveränderungen in Afghanistan war der Weltsicherheitsrat unter Zeitdruck geraten und hatte die Resolution innerhalb von 24 Stunden verabschiedet. UN-Generalsekretär Kofi Annan lobte das schnelle Vorgehen und erklärte: "Wir haben jetzt eine offizielle Grundlage zum Handeln." Seine Organisation sei dabei, ihre Mitarbeiter in das Land zurückzuschicken, um humanitäre Hilfe und Unterstützung jeder Art zu leisten.

Der stellvertretende UN-Sonderbeauftragte Francesc Vendrell werde voraussichtlich am Freitag zu diplomatischen Verhandlungen in Kabul eintreffen, sagte Annan. Das der Resolution zu Grunde liegende politische Konzept war von dem UN-Sonderbeauftragten Lakhdar Brahimi entworfen worden. Brahimi schlägt einen Fünf-Punkte-Plan für die Regierungsbildung in Kabul vor. Zu diesem Paket gehört eine Übergangsverwaltung, die unter anderem eine Verfassung für Afghanistan erarbeiten soll.

Als begleitende Sicherheitsmaßnahme für die maximal zweijährige Übergangsphase schlägt Brahimi vor, eine multinationale Truppe in Afghanistan zu stationieren, oder sogar eine rein afghanische Truppe aufzubauen.

Von der internationalen Gemeinschaft erwartet der Sicherheitsrat laut Resolution, dass sie den Menschen in Afghanistan und den Flüchtlingslagern außerhalb des Landes dringend humanitäre Hilfe zukommen lässt. Außerdem sollten möglichst viele Länder schnell zu verwirklichende Projekte und Langzeitunterstützung für Afghanistan initiieren.

In einem Sonderpunkt forderte der Sicherheitsrat auch die Achtung der Menschenrechte durch "alle" bewaffneten Truppen in Afghanistan. Die Sicherheit in den Regionen, die nicht mehr unter Kontrolle der Taliban stehen, müsse gewährleistet werden. Kabul müsse Hauptstadt des gesamten afghanischen Volkes bleiben. Zivilisten, Übergangsregierung sowie UN-Personal und internationale Helfer in Kabul müssten geschützt werden.

Brahimi will bereits am Freitag mit der "Freundesgruppe" von 21 Ländern, der so genannten Gruppe 21, über Hilfsmaßnahmen für das zerstörte Afghanistan in New York beraten. Zu der G-21 gehört neben den Anrainerstaaten sowie den USA, Russland und China auch Deutschland. Nach den jüngsten militärischen Erfolgen der Nordallianz stellt die Bundesregierung für Afghanistan insgesamt 256 Millionen Mark zur Verfügung.

Taleban leader remains defiant

Source: BBC News
Thursday, 15 November, 2001, 02:41 GMT

Taleban leader Mullah Mohammed Omar has rejected any cooperation in a future broad-based government for Afghanistan.

Speaking to the BBC's Pashtu-language service, he said that the southern city of Kandahar remained in the hands of Taleban fighters.

His statement came as the UN Security Council unanimously endorsed a resolution sponsored by Britain and France, backing a plan for the country's political future drawn up by the top UN envoy to Afghanistan, Lakhdar Brahimi.

As the Northern Alliance continued to extend the area under their control, the United States said it had bombed a building being used by members of Osama Bin Laden's al-Qaeda network.

An official said the building was destroyed and a number of people were killed.

"We don't have any identities of anybody who might be dead," the official added.

'Evil government'

Under the UN-endorsed plan, Mr Brahimi wants to convene a meeting of all Afghan factions within the next few days, and establish a multi-national security force.

But Mullah Omar told the BBC that the Taleban preferred death to participating in what he said would be an evil government.

Asked about the setbacks suffered by the Taleban, he said it was not important how many provinces in Afghanistan were now under his control, because territory could be lost and regained.

Mullah Omar said the struggle for a broad based government had been going on for the last 20 years, but nothing had come of it.

Click here for map of the battlegrounds He was speaking as reports emerged that the Taleban had been forced out of several eastern provinces, and might be losing their grip on the southern stronghold of Kandahar.

The Northern Alliance Interior Minister, Yunis Qanuni, said the Taleban now controlled less than 20% of Afghanistan, as more provinces declared themselves free of their control.

In other developments:

  • Eight aid workers held by the Taleban are freed by US forces
  • UK Prime Minister Tony Blair says the Taleban are in a state of "collapse" across Afghanistan
  • The UK Ministry of Defence says thousands of British troops are on 48-hour standby to be sent to Afghanistan
  • Pakistan says it hopes no single group will occupy Kabul and calls for a demilitarised zone there
  • A leading Pashtun, Gul Agha Sherza, tries to attract Pashtuns away from their support for the Taleban
  • Tens of thousands of refugees are reported to be returning to their homes in territory in northern Afghanistan newly captured by the opposition

Retreat

Taleban forces appear to have retreated towards the northern town of Kunduz, where they are surrounded, and to Kandahar in the south.

The BBC's Adam Brookes reports from the Chaman border crossing that Taleban fighters making their way into Pakistan said their comrades in Kandahar were still entrenched and ready to fight.

The Northern Alliance says there have been popular uprisings in the four eastern provinces of Laghman, Logar, Kunar and Nangahar and that the Taleban have abandoned the central province of Uruzgan.

Reports that ousted President Burhannudin Rabbani is expected in Kabul soon have added to the sense of diplomatic urgency.

The BBC's correspondent in Peshawar, Daniel Lak, says Taleban troops have also largely abandoned the eastern city of Jalalabad.

But with rival tribal leaders apparently competing for power, there are conflicting reports about who controls it now


Bin Laden's nuclear secrets found

FROM ANTHONY LOYD IN KABUL
THE TIMES (UK)
NOVEMBER 15, 2001

  • Times reporter finds blueprint for 'Nagasaki bomb'
  • Singed files left by fleeing terrorists

OSAMA BIN LADEN’S al-Qaeda network held detailed plans for nuclear devices and other terrorist bombs in one of its Kabul headquarters. The Times discovered the partly burnt documents in a hastily abandoned safe house in the Karta Parwan quarter of the city. Written in Arabic, German, Urdu and English, the notes give detailed designs for missiles, bombs and nuclear weapons. There are descriptions of how the detonation of TNT compresses plutonium into a critical mass, sparking a chain reaction, and ultimately a thermonuclear reaction.

Both President Bush and British ministers are convinced that bin Laden has access to nuclear material and Mr Bush said earlier this month that al-Qaeda was “seeking chemical, biological and nuclear weapons”.

The discovery of the detailed bomb-making instructions, along with studies into chemical and nuclear devices, confirms the West’s worst fears and raises the spectre of plans for an attack that would far exceed the September 11 atrocities in scale and gravity.

Nuclear experts say the design suggests that bin Laden may be working on a fission device, similar to Fat Man, the bomb dropped on Nagasaki. However, they emphasised that it was extremely difficult to build a viable warhead.

While the terrorists may not yet have the capability to build such weapons, their hopes of doing so are clear. One set of notes, written on headed notepaper from the Hotel Grand in Peshawar and dated April 26, 1998, says: “Naturally the explosive liquid has a very high mechanical energy which is translated into destructive force. But it can be tamed, controlled and can be used as a useful propulsive fuel if certain methods are applied to it. A supersonic moving missile has a shock wave. That shock wave can be used to contain an external combustion behind the missile . . .”

The document was one of many found in two of four al-Qaeda houses which had been used by Arabs and Pakistanis and even reportedly by bin Laden himself. The houses — two in the Karta Parwan district and the others further to the east — were abandoned on Monday as Taleban units and their allies fled the city.

Attempts had been made to burn the evidence, but many documents still remained. They included studies into the development of a kinetic energy supergun capable of firing chemical or nuclear warheads, external propulsion missiles, preliminary research on the creation of a thermonuclear device, as well as a multitude of instructions for making smaller bombs.

There were also studies into Western special forces’ hostage rescue techniques, phone numbers for industrial chemical and synthetic producers, flight manuals, aerodynamic research, and advanced physics and chemistry manuals.

The houses were identified by local people. Looters had concentrated on more appetising objects, ignoring foreign language documents that were of no use to them.

Bin Laden sees it as his “religious duty” to obtain a nuclear bomb. In an interview with a Pakistani journalist last week, he threatened: “If America used chemical or nuclear weapons against us then we may retort with chemical and nuclear weapons as deterrent.”

Intelligence agencies already have indirect evidence from defectors, middlemen and scientists of bin Laden’s obsession with obtaining or producing a nuclear device.

Al-Qaeda agents are known to have spent more than £1 million trying to obtain enough fissile material to make a “dirty bomb” that, if detonated with TNT in a populous area, could kill thousands and contaminate it for decades.

Intelligence sources told The Times last month that bin Laden and al-Qaeda had acquired nuclear materials illegally from Pakistan. And at least ten Pakistani nuclear scientists have been contacted by agents for the Taleban and al-Qaeda in the past two years, according to reports.

Fears that bin Laden has components for a nuclear weapon is believed to lie behind the warnings from President Bush and Tony Blair that he would commit worse atrocities than the suicide assaults in America if he could.The Prime Minister’s spokesman said: “Bin Laden would have killed 600,000 people on September 11 if he could have done. This underlines again why he has to be stopped. ”


Khalili: ruling over Afghanistan
not merely the right of the United Front

Mashhad, Nov 14, IRNA -- Mohammad Karim Khalili, the leader of one of the branches of Afghanistan's Islamic Unity Party, told IRNA Wednesday that ruling over Afghanistan should not be monopolized to the United Front forces and authorities. Khalili who was calling IRNA from Kabul, added that there is no initiative on the part of any front or party about the future of Afghanistan and the only solution, accepted by all, is the establishment of a broad-based government inclusive of all Afghan tribes and parties. He added that the only possible prerequisite for realization of that broadly recognized objective is providing the necessary preparations for the establishment of the "Afghan Loye Jerge" (council of the elderly sages).

"The said council will in turn provide for the establishment of an interim government," said Khalili, adding that the interim government, too, will in turn pave the way for national democratic elections. Khalili reiterated that the United Front can not take the lead of the nation alone, and if its leaders make such a mistake Afghanistan will still face more crises in the future. He meanwhile announced that Afghanistan's Ghazni city is liberated and currently ruled by the United Front forces, led by Qari Seyed Baba, adding that no Taliban forces have remained in that border region with Iran and the people are living at peace, enjoying their liberties after the fleeing of the Taliban. NA/JB End ::irna 22:50


Victorious Alliance says: We don't want your peacekeepers

Fear of descent into chaos dampens coalition joy

Ewen MacAskill, Luke Harding in Islamabad,
Patrick Wintour and Julian Borger

Thursday November 15, 2001
The Guardian (UK)

The victorious Northern Alliance provided a foretaste of trouble by insisting yesterday that it would take care of security in Afghanistan and that an international peacekeeping force was unnecessary. Within the last 48 hours, the alliance has defied the US by capturing Kabul and has rejected calls from America, Britain and the United Nations to create a broad-based government that would include moderate elements of the Taliban.

The latest alliance rebuff and the re-emergence of feudal warlords in the south of the country dampened celebrations in Washington and London over the ease with which Kabul fell on Tuesday.

Both the US and Britain are anxious to see an international force in Kabul as soon as possible. The UN, too, has been making arrangements for a multinational force.

But the Northern Alliance foreign affairs spokesman, Abdullah Abdullah, said he saw the future role of the UN mainly as "observers".

Asked about allowing in an international peacekeeping force, Mr Abdullah said: "The obstacle to achieving peace is, of course, the Taliban and the terrorists. After getting rid of the Taliban and the terrorists, there won't be war and won't be a need for international peacekeeping forces."

The fear, shared by the UN, is of repeat of the descent into chaos that followed the overthrow of the Soviet-backed Afghan regime a decade ago, when the mojahedin factions that had fought the Russians turned on each other.

In Washington, the White House spokesman, Ari Fleischer, insisted that President Bush, was "very pleased" with developments in Afghanistan.

But the speed of the alliance advance and the collapse of the Taliban has thrown into disarray plans by the UN, the US and Britain for a multi-ethnic coalition government.

The UN is sending its special envoy, Francesc Vendrell, into Kabul tomorrow to assess how far the alliance is prepared to cooperate in allowing an international force in and creating a broad-based government.

America's special envoy to Afghanistan, James Dobbins, arrived in Pakistan last night to discuss how to forge the diverse groupings in Afghanistan into a government.

That task was made even more formidable by the re-emergence of the warlords who have been hibernating for the last five years of Taliban rule. Tribal leaders seized Oruzgan province and were poised to take Kandahar, the Taliban stronghold in the south-east. Various tribal groupings were fighting for control over Jalalabad.

Mr Vendrell and Mr Dobbins will have to decide how many of these leaders - who like the Taliban are from the majority Pashtun ethnic grouping - can be accommodated in a new government.

The former Afghan king, Zahir Shah, 87, who is in exile in Rome, issued a call for unity yesterday. His advisers say he intends returning to Afghanistan to play a role as a figurehead round which the various groups can unite.

The Northern Alliance is in a strong bargaining position, having possession of much of Kabul and most of the north of the country. But the US and the UN can threaten to withhold the financial aid needed to rebuild the country unless the alliance compromises over security and over creating a government that will include Pashtun leaders, former Taliban members among them.

The UN wants to hold a meeting of all the Afghan factions within the next week, preferably outside the country. The United Arab Emirates offered yesterday to host the meeting. But the Northern Alliance is instead inviting prospective members to Kabul.

Yesterday the UN security council was discussing a British-French resolution on the make-up of a future Afghan government.

The draft resolution stressed that the government should be multi-ethnic; that the UN should support efforts to establish security in areas no longer under Taliban control; and that the Afghans should fulfil human rights obligations.

Foreign Office minister Ben Bradshaw challenged the Northern Alliance by insisting that moderate Taliban members could form part of any government sponsored by the UN.

He also said there was growing evidence that former Taliban leaders were defecting, and were examining other political options, including the return of the former king.

Amnesty International UK wrote to Tony Blair yesterday accusing ministers of being complacent about the human rights record of the alliance. Its director of communications, Richard Bunting, said: "By failing to appreciate the gravity of the human rights concerns in relation to Northern Alliance leaders, UK ministers at best perpetuate a culture of impunity for past crimes; at worst they risk being complicit in human rights abuse."


Foreign military force unlikely to control territory

War on terrorism: United Nations

By David Usborne in New York
The Independent (UK)
15 November 2001

The United Nations is looking at sending a multinational force into Afghanistan primarily to shadow the troops and commanders of the country's warlords and to monitor the actions of the Northern Alliance. However, the troops would not take any explicit role in controlling territory.

The aim, UN officials said, would be at least to give the impression that the Afghans themselves were in charge of stabilising their own land. "You do not take a command position in a situation like this," one official noted, asking not to be named. "You stand behind them and ventriloquise to a certain extent."

The UN Security Council was ready last night to adopt a new resolution giving broad but non-specific support to the deployment of foreign troops. The draft encourages governments "to support efforts to ensure the safety and security of areas of Afghanistan no longer under Taliban control".

The same resolution aims to give clear backing to the UN special envoy dealing with Afghanistan, Lakhdar Brahimi, who is rushing to jump-start a process leading to the creation of a two-year transitional government in Kabul. Mr Brahimi is planning to convene a first conference of delegates of the National Alliance and other exile groups by early next week, probably in the United Arab Emirates, to begin political consultations.

Any multinational force will be composed in the first instance of soldiers from Britain and the United States, because they already have troops in the region. Several other countries are expected to send reinforcements, however, including Turkey, Australia, Malaysia, France, Canada and possibly Bangladesh.

Diplomats in New York drew a contrast with the multinational force deployed in Kosovo, which aggressively advanced and secured territory. This would be a lower-profile, stop-gap operation. And it would not be a UN force, which would take too long to organise. The Afghans have made it clear they only want foreign soldiers inside their borders for a short time.

Once there, the multinational force would assume several tasks. The operation to hunt down the al-Qa'ida network and Osama bin Laden as well as the Taliban leadership is far from over. That effort would continue. At the same time, foreign troops would be called upon to help tribal leaders and commanders police the cities and the countryside and to ease the flow of humanitarian aid.

There is also a desire that the Northern Alliance should feel it is being kept under scrutiny by the foreign community. "We will be sending as many people to as many places as possible to mark the Northern Alliance's card," one diplomat noted. The aim is to prevent any further atrocities being committed and to curb any instincts the Alliance might have to declare itself the government. Keeping an eye on the Northern Alliance will be the role of a second special UN envoy to Afghanistan, Francesc Vendrell, an assistant secretary general. A close adviser to the UN secretary general, Kofi Annan, Mr Vendrell is expected to travel to Kabul from Pakistan within 48 hours to set up a UN office in the capital. He will also be impressing upon the Northern Alliance that it should not be moving to take permanent control of the capital city.

Mr Brahimi, meanwhile, who is a former Algerian foreign minister, will be entering a diplomatic hailstorm as different factions jostle for representation at the conference he is attempting to convene next week. His aim is to reach an agreement to set up a more formal consultative conference to forge a pact on a transitional government. Later, perhaps early in the New Year, he would attempt to convene a traditional national assembly of all the tribes, known as a loya jirga, to endorse the work of the consultative conference, which would eventually include the drafting of a new constitution.

Central to Mr Brahimi's efforts will be the former Afghan king, Zahir Shah, 87, who has been meeting exile groups in Rome, where he has lived in exile for nearly 30 years. The best hope Mr Brahimi has of involving the non-Taliban elements of the majority Pashtun tribe in future talks is if they accept the over-arching authority of the former king. However, the UN does not see a long-term role for him.

The status of Kabul is also on Mr Brahimi's agenda. UN officials expect him in the medium term to try to establish the capital as a demilitarised zone. Again, foreign soldiers would probably be deployed behind Afghan troops to guard the perimeter of the city to stop other armed factions entering.


Afghan Government Only Under U.N. Supervision: Indian PM

NEW DELHI, Nov 15, 2001 (Xinhua) -- Indian Prime Minister Atal Bihari Vajpayee said on Wednesday that a new government in Afghanistan must be formed under United Nations supervision, the Statesman newspaper reported here on Thursday.

Vajpayee said his government had received "concrete suggestions " in this regard following the takeover of Kabul by the Northern Alliance, but refused to divulge the details, the newspaper said.

The prime minister made these remarks at his residence while receiving festival greetings from his ministers and other prominent people on the occasion of one of India's most important festivals, Deepawali.

Vajpayee appeared happy that the international coalition had achieved initial success in Afghanistan and stressed that the fight against terrorism would continue, said the Statesman.

Vajpayee, who just returned from his three-nation tour to Russia, United States and Britain, termed his visit as "highly successful" and stressed that the world was realizing the importance of India and the role it could play in the global arena.


U.S. Military Cautions War Not Over in Afghanistan

By Charles Aldinger
Wednesday November 14 10:41 PM ET

WASHINGTON (Reuters) - With the Taliban reeling before rebel forces and U.S. warplanes, the Pentagon cautioned on Wednesday the war in Afghanistan was not over and America was prepared to fight a guerrilla conflict there if necessary.

A senior U.S. military official told reporters that anti-Taliban Northern Alliance troops had made gains south of the captured capital of Kabul and that Pashtun rebels were also fighting to capture the key Kandahar airport to the south.

But Rear Adm. John Stufflebeem, a top operations officer on the military's Joint Staff, also said at a Pentagon briefing that it was far too early to declare victory over the Taliban and al Qaeda guerrillas headed by Saudi-born militant Osama bin Laden.

If their southward retreat from Kabul was toward caves in the mountainous south, the admiral suggested in response to questions, U.S. troops might have to go in and find them.

On Wednesday night, U.S. special forces rescued eight Western aid workers, including two Americans, who had been held by the Taliban under threat of death since August for allegedly spreading Christianity.

President Bush said, with the rescue, the United States had completed one of its missions in Afghanistan, but the main goal had yet to be accomplished.

``We still want al Qaeda and we want to make sure that Afghanistan is no longer a safe haven for terrorist activity,'' Bush told reporters at his ranch in Crawford, Texas.

Earlier on Wednesday, Defense Secretary Donald Rumsfeld told reporters traveling with him on a trip to New York City that elite U.S. Special Operations troops had set up checkpoints along roads in southern Afghanistan to keep Taliban and al Qaeda fighters from moving in either direction.

``If people know you're there, they are less likely to come,'' Rumsfeld said of the American troops, who were also directing U.S. air strikes against the Taliban and al Qaeda.

'YOU SHOOT THEM' -- RUMSFELD

Asked if any action might have been taken against those who had been stopped at the checkpoints, he replied:

``If they're the kind you want to shoot, you shoot them.''

``We don't assume that the job is nearly over with,'' Stufflebeem said at the Pentagon briefing. ``It is too early, we don't have enough factual information to assume that this war in Afghanistan is about to end.''

Stufflebeem said the U.S. military still had to find and destroy the al Qaeda network of bin Laden, accused by Washington of masterminding the Sept. 11 attacks on America.

``The U.S. is prepared if necessary to conduct a guerrilla war or a counter-guerrilla war,'' to hunt the Taliban and al Qaeda forces in the caves of southern Afghanistan if that is where they flee after this week's fall of Kabul to the Northern Alliance, he told reporters.

``The Northern Alliance has continued to make gains south of Kabul as well as Herat and at the outskirts of Jalalabad, but this is just a snapshot and the situation remains fluid,'' Stufflebeem said.

``Anti-Taliban opposition groups in southern Afghanistan are rebelling against Taliban control, especially near Kandahar. Again, though, this situation is very dynamic,'' he added.

KANDAHAR AIRPORT UNDER FIRE

He said he could not be more specific than to say that at least one anti-Taliban group other than the Northern Alliance was fighting to capture the airport at Kandahar, southern stronghold city of the Taliban.

Both Vice President Dick Cheney and Rumsfeld said that while gains by opposition rebels in recent days had been impressive the war was not over.

``This is a very good beginning to what's likely to be a long struggle,'' Cheney said in a speech to the U.S. Chamber of Commerce in Washington.

``They (the Taliban) have lost their control over a major part of Afghanistan. They've lost control of most of the cities. Many of their forces have been killed, captured or fled to the hills,'' he said.

Later in an interview on CBS's television's ``60 Minutes II,'' Cheney said the Taliban's guest, bin Laden, was probably still in Afghanistan but likely on the run.

``I think he's having to move pretty dramatically from place to place to try to stay ahead of the advancing forces of the opposition,'' Cheney said.

But he vowed, ``We'll keep after him until we smoke him out and run him to ground.''


U.S. Military Analysts Say Taliban Defeated

Wednesday, November 14, 2001 10:26 PM EST

Tabassum Zakaria

WASHINGTON (Reuters) - The Taliban are defeated, unlikely to win even guerrilla warfare with supply lines and internal support cut off, and their leadership's days in cave hide-outs are numbered, U.S. military analysts said on Wednesday.

The Pentagon was more cautious in its assessment of the war in Afghanistan, despite sweeping gains by the anti-Taliban Northern Alliance, including in the capital Kabul.

``It is too early, we don't have enough factual information to assume that this war in Afghanistan is about to end,'' Rear Adm. John Stufflebeem, a senior operations officer with the military's Joint Staff, told a media briefing.

But analysts said the Taliban were cornered, their options were limited, and even fleeing to the hills would not save them.

The current situation differed from the 1980s when Afghan fighters defeated the Soviet invasion after a decade of guerrilla warfare in rugged mountain terrain, analysts said.

This time, opposition Afghans want to vanquish an internal force -- the Taliban that ruled for five years through an interpretation of Islamic teachings that included forbidding women from working and education.

One symbolic shedding of Taliban rule came in the simple act of men in Kabul shaving long beards they were forced to grow under that regime.

``The Soviets were an occupying army, this is the Afghan people essentially liberating themselves. A lot of the people who fought the Soviets are the people overthrowing the Taliban,'' said Michael Vickers, director of strategic studies at the Center for Strategic and Budgetary Assessments, a nonpartisan think tank specializing in defense issues.

``The Taliban are really on the ropes, it looks like they abandoned some of the southern cities a while ago and were keeping a token presence,'' he said.

Vickers dismissed the notion that the Taliban were conducting a strategic withdrawal from major Afghan cities, noting that the leadership had issued calls for followers to obey and stick together.

``They're not retreating, they're not withdrawing, they're in a total rout, they're panicked,'' said Bill Taylor, senior adviser of international security affairs at the Center for Strategic and International Studies. ``As a governing entity, the Taliban is finished.''

HUNT FOR LEADERS

The U.S. military's job is not finished. It still must hunt down and destroy Osama bin Laden's al Qaeda network and the Taliban leadership, who could be hiding in mountain caves.

The United States blamed bin Laden for the Sept. 11 attacks on New York and Washington that killed thousands of people, and the U.S. military has bombed Afghanistan since Oct. 7 to destroy the Taliban for harboring the Saudi-born militant.

``We still want al Qaeda, and we want to make sure that Afghanistan is no longer a safe haven for terrorist activity,'' President Bush said at his Texas ranch. ``That is yet to be accomplished. In the meantime, we're making substantial progress on the ground,'' he added.

Increasing Taliban defections mean more information for U.S. special forces to pinpoint the location of bin Laden and top Taliban leaders, analysts said.

One indicator that U.S. forces were receiving more intelligence was the bombing of a building in Afghanistan where al Qaeda members were gathered on Tuesday.

The people inside were killed when U.S. military jets and a CIA unmanned plane equipped with anti-tank Hellfire missiles attacked the building. But their identities were not known, a U.S. official said on condition of anonymity.

Taliban and al Qaeda forces can only survive for a limited time in mountain hide-outs without supplies such as food, water, ammunition and arms, analysts said.

``And they can be blocked once you take the major towns and cities,'' Taylor said.

Some members of al Qaeda and the Taliban are easy to spot, and will be in danger of betrayal now the opposition is winning, in return for hefty rewards offered by the United States, analysts said.

``As far as the guerrilla war option, these guys are hated and there's bounties on their heads and some of them stick out like sore thumbs,'' Vickers said, noting that they including Arabs, Chechens and Pakistanis.

``They're not long for this world. And the box in which they're in has shrunk substantially,'' he added.

Taylor said the U.S. military should not send in large numbers of ground forces because they would be a big target for guerrilla warfare -- ``The Russians learned that the hard way.''

Instead, Special Operations forces will be key to hunting down bin Laden and al Qaeda and Taliban leaders.

``It could be a special forces raid, but most likely a combination of special forces working with opposition forces as was done in the north, or just someone betraying them, because the tides are shifting now pretty suddenly,'' Vickers said.


Taliban's 'dervishes of death' fight
back with guns, rockets and suicidal ambushes

War on terrorism: Afghanistan

By Justin Huggler in Taloqan, Afghanistan
The Independent (UK)
15 November 2001

We saw them march out of town, laughing columns of men, a victorious army on its way to liberate the Taliban's last stronghold in the north. And we saw them return, pitiful little bands of broken men, some with legs blown away, others riddled with machine-gun fire.

The war in Afghanistan is not over yet. Northern Alliance soldiers were cut down as they tried to march on Kunduz, the last Taliban town holding out in the north. But it was not the true Afghan Taliban who laid the trap. It was the volunteers who came from abroad, from Arab countries, Pakistan, and Chechnya to fight the jihad in Afghanistan, the so-called "Afghan Arabs" led by Osama bin Laden.

They drove in 38 Russian trucks, on a narrow road between two rows of houses where the Taliban soldiers were lying in wait on the roofs. They made no attempt to defend themselves, the Taliban commander in Kunduz was supposed to have defected, and Kunduz and the whole of northern Afghanistan were there for the taking. And then the Taliban soldiers on the roofs opened fire on them with guns and rockets..

"They were so close I could hear them speaking to each other," said Abdul Mawlood, a 24-year-old with the bones in his leg shattered by the machine-guns. "I could hear them speaking Urdu [a Pakistani language]".

He lay in the hospital, amid the rotting stench of old blood. There were bloodstains everywhere, and in the background you could hear the howling of a man who had just been brought in after driving over a landmine. "Allah," he cried, and the sound rose higher and higher into an inhuman yelp.

Mr Mawlood fell from the truck when they shot him, and crawled into the ditch where he hid. "I could see one of my comrades, lying wounded in the road," he said. "Some of the foreigners [volunteers] came up to him and shot him dead where he lay. They didn't see me."

He lay there bleeding until Northern Alliance relief forces came and dragged him away from the slaughter. Three hundred soldiers drove into that village. Fifty of them died, according to a commander. Several were injured by trucks desperately trying to reverse.

Similar stories are coming from all over Afghanistan. We heard of a village further north where the foreign volunteers, overwhelmed by Northern Alliance forces, waited until the Alliance troops were upon them and then killed themselves with grenades. Like the pilots who flew the planes into the World Trade Centre, they were not afraid to die.

But the foreign volunteers are almost the only ones fighting now. Across the country, the Afghan Taliban are defecting or surrendering. After steadily losing the war in Afghanistan for five years, the Northern Alliance has suddenly swept the country, and, except for the foreigners, the once all-powerful Taliban are melting away like snow.

It is not hard to find out why. On a ridge next to an old graveyard, just outside Taloqan, we found Taliban soldiers in little pieces. Twisted pieces of metal littered the ground, the remains of five tanks destroyed by an American bomb. Scattered around were strange little burnt fragments, with the springy texture of cooked meat. It took a while to realise they were bits of the bodies of Taliban soldiers blown to pieces by the bombs.

"It was terrible when the planes came," said Sakhi Mohammed, an Afghan Talib soldier taken prisoner by the Northern Alliance. "There were hands flying in the air. Lots of my friends died. Sometimes they bombed the jeeps, and the bits of jeep were thrown hundreds of metres away. How do you find the bodies if jeeps are blown apart like that?"

The Taliban endured weeks of that bombing before capitulating to the Northern Alliance's advance. But Mr bin Laden's "Afghan Arabs" are still fighting tooth and claw.

We found three of them in the prison. One had gone completely mad. He crouched on the dirt floor, gesturing wildly with his hands and crying out in a high, unearthly voice: "I am God! I am God! Bin Laden is God! Bin Laden is God!"

At times he became frantic,and seemed to act out some grotesque death. He ran his finger across his throat, and rolled his tongue out like a dying man. Then he seemed to be miming a man with his eyes popping out. What horror had he seen to make him act like that?

The prison guards said they believed he was feigning insanity in an attempt to be released. They said they found him manning a gun on the Taliban lines when the Northern Alliance captured Taloqan. Nobody knew his name, or even his nationality, but he was not Afghan.

Saleh Jan, a volunteer from Pakistan, sat smiling disconcertingly in the corner. "I came to Afghanistan to fight for Islam," he said. "If they release me, I will go and kill the Northern Alliance and Americans again."

There was no pretence about him. And for a man who could yet face summary execution – stories of Northern Alliance soldiers killing foreign volunteers are pouring out – he was disarmingly calm, smiling in the corner where the sun crept into the cell.

He wore not only his beard, but also his hair long and unkempt, as some very devout Muslims do, and he had the slightly crazed air of a mystic, like some dervish of death.

A third foreign volunteer, Maqsood Ali, also from Pakistan, sat quietly at the other side of the room. He was pleading ignorance. But not Mr Jan. He knew all about the 11 September attacks in New York and Washington, unlike most Afghan Taliban prisoners, who say they know nothing about them; some do not even seem to have heard they happened.

Mr Jan said: "What happened in New York was good. America suddenly felt on itself what it has inflicted on the rest of the world."

Asked about the fact that it was innocent civilians who died in New York and Washington, he replied: "Where were you with your concern for innocent civilians when Muslim civilians were dying in Palestine? Innocent civilians have been dying here in Afghanistan."

Mr Jan said he travelled to Saudi Arabia to study Islam before arriving in Afghanistan. "Bin Laden? I don't know anything about him," he said. "I don't even know if bin Laden is Afghan or Arab. I certainly don't take orders from him. But if America is an enemy of Islam I will kill Americans. I want to liberate the other countries of the world, and make one Muslim nation." And he sat smiling in the corner, a small man in a traditional coat that was too big for him.

The Northern Alliance says it has Kunduz surrounded now. But "Afghan Arabs" like Mr Jan are believed to be all over Afghanistan – more of them in the south where the al-Qa'ida training camps were – and Mr bin Laden's dervishes of death say they will fight to the end.


AFGHANISTAN
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Die letzte Reportage

 © Thomas Hegenbart
stern-Reporter Volker Handloik, 40, (l.),
stern-Fotograf Thomas Hegenbart (r.)
Volker Handloik wollte sich am Sonntag in der stern-Redaktion in Hamburg melden, um über den letzten Stand der Offensive der Nord-Allianz im Frontabschnitt bei Dasht-e-Qaleh zu berichten. Zusammen mit fünf weiteren Journalisten ging er am Nachmittag auf einem Schützenpanzer der Oppositionstruppen auf Erkundungsfahrt. Ein örtlicher Kommandant hatte die Reporter dazu eingeladen. Dabei geriet der Schützenpanzer nicht weit außerhalb der Ortschaft in einen Hinterhalt der Taliban. Die eröffneten das Feuer mit Maschinengewehren und Granatwerfern. Bei dem Gefecht starben die französischen Rundfunkjournalisten Johanne Sutton, 34, und Pierre Billaud, 31. Auch der 40-jährige Volker Handloik wurde bei dem Angriff getötet. Sein Leichnam konnte erst gegen Morgen geborgen werden. Die Schilderung der Erkundungsfahrt sollte die folgende Reportage über Commander Hassan, seine Truppe und die anderen Bündnispartner des Westens einleiten.

Die unheilige Allianz
Vor Mamur Hassans weitläufigem Landgut liegt das Wrack eines Taliban-Flugzeugs, abgeschossen von seinen Männern. In seinem Garten schnäbeln Gänse, in seiner Voliere wandern Fasane am Gitter entlang, eine Platane spendet Schatten, und er, der Kriegsherr, sitzt - nein, er thront auf einer Holzbank, und hinter ihm steht sein Sohn Ata, der Kronprinz. Mamur Hassan, der "Warlord" im Grenzgebiet, hält Hof. Seine Lieutenants umringen ihn. Menschen bringen Bittbriefe, der Kriegsherr schreibt Passierscheine. Ein halbes Dutzend seiner Männer hält in Uniform Wache. Neben einem Obstgarten steht eine Zwillingsflugabwehrkanone, zwischen Gesindeküche und Gästehaus lagern tarngrüne Munitionskisten - ein friedvolles Kriegslager.
Klinikausrüstung, an der tadschikischafghanischen Grenze zu wechseln: Kosten 1400 Dollar. Dann erhoben die Gebietsfürsten am Grenzposten bei Ai Khanoum noch einmal 1400 Dollar "Einfuhrzoll" für Medikamente, Milchpulver und Wärmedecken, die für die 70 000 Flüchtlinge auf dem Gebiet der Nord-Allianz bestimmt waren. Ein leitender Funktionär des "Außenministeriums" der Nord-Allianz in Chodja Bahauddin kaufte sich kürzlich vier neue japanische Jeeps. Erworben mit dem Geld, das örtlichen Dolmetschern und Fahrern von Hilfsorganisationen abverlangt wird, bis zu 20 Prozent ihrer Einnahmen. Kasse wird bei allem gemacht: Unterkunft für Journalisten, Passierscheine, Flussüberquerungen. Der Dollar verlor wundersamerweise innerhalb von vier Wochen die Hälfte seines Wertes.

Doch selbst dieses Außenministerium ist ein Nichts. Wirklich Geld verdient der Provinzfürst Mohammed Kabeer  Marzban, Herr von Chodja Bahauddin, ein alter Mudschaheddin und Kumpel von Mamur Hassan, welcher bei Dasht-e-Qaleh sitzt, inmitten seiner Fasane und Gänse und treuen Usbeken-Milizen. Wenn Marzban heute nicht mehr will, zieht das "Außenministerium" morgen aus. Durch Marzbans Gebiet läuft der Hauptexportweg afghanischen Opiums Richtung Tadschikistan.

"Das Land der Seufzer"
Der örtliche Warlord ist das Gesetz. Der ferne "König" - in diesem Fall Präsident Burhanuddin Rabbani - wird kaum wahrgenommen. Verwildertes Afghanistan - "das Land der Seufzer", wie es in der Landessprache, in Paschtu heißt. "Hat sich
Mamur Hassan, 57 ist er (vielleicht, so genau weiß er das selbst nicht), hat eine erstaunlich junge Stimme, zwei Frauen, sieben Kinder, 1000 Pferde und 5000 treue Soldaten. Er ist notorischer Rebell, Mudschaheddin, einer der Gotteskrieger, die schon gegen die sowjetische Besatzung gekämpft haben, und unter den Mudschaheddin ein Gebietsfürst, ein so genannter Commander. Er ist ein guter Mann. Er ist ein weiser Herrscher. Und er symbolisiert die Nord-Allianz und ihr Feudalwesen und mit ihm alles Schlechte Afghanistans. Denn seine Macht, die er nie aufgeben wird, steht jeder zukünftigen Zentralgewalt entgegen.

Verwobener Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete
Männer wie er sind die letzte funktionierende Instanz in Afghanistan, aber so lange es ebendiese Männer gibt, wird das Land nie wirklich funktionieren. Männer wie er nehmen das Gesetz in ihre eigenen Hände, wenn sie es anderen entwunden haben. Sie sprechen Recht, wie an diesem Tag unter dem großen, schattigen Baum. Erst kürzlich ließ Mamur Hassan vier Männer, angeblich Mörder und Vergewaltiger, henken, öffentlich. Wie soll man auch anders richten in einem Land, das keinen Staat kennt, das ein unergründliches Feudalwesen ist? Das aus einem verwobenen Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete besteht, die Polizeigewalt ausüben, Steuern erheben, Wegezölle eintreiben. Schamlos plündern die örtlichen Fürsten sogar Hilfskonvois. Sie nennen es Transportzoll oder "Steuern".

Die Organisation "Cap Anamur" wurde im Oktober gezwungen, die Lastwagen für ihre 40-Tonnen-Lieferung, inklusive

 © Thomas Hegenbart
Beten, bevor es in die Schlacht geht
Mamur Hassan, 57 ist er (vielleicht, so genau weiß er das selbst nicht), hat eine erstaunlich junge Stimme, zwei Frauen, sieben Kinder, 1000 Pferde und 5000 treue Soldaten. Er ist notorischer Rebell, Mudschaheddin, einer der Gotteskrieger, die schon gegen die sowjetische Besatzung gekämpft haben, und unter den Mudschaheddin ein Gebietsfürst, ein so genannter Commander. Er ist ein guter Mann. Er ist ein weiser Herrscher. Und er symbolisiert die Nord-Allianz und ihr Feudalwesen und mit ihm alles Schlechte Afghanistans. Denn seine Macht, die er nie aufgeben wird, steht jeder zukünftigen Zentralgewalt entgegen.

Verwobener Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete
Männer wie er sind die letzte funktionierende Instanz in Afghanistan, aber so lange es ebendiese Männer gibt, wird das Land nie wirklich funktionieren. Männer wie er nehmen das Gesetz in ihre eigenen Hände, wenn sie es anderen entwunden haben. Sie sprechen Recht, wie an diesem Tag unter dem großen, schattigen Baum. Erst kürzlich ließ Mamur Hassan vier Männer, angeblich Mörder und Vergewaltiger, henken, öffentlich. Wie soll man auch anders richten in einem Land, das keinen Staat kennt, das ein unergründliches Feudalwesen ist? Das aus einem verwobenen Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete besteht, die Polizeigewalt ausüben, Steuern erheben, Wegezölle eintreiben. Schamlos plündern die örtlichen Fürsten sogar Hilfskonvois. Sie nennen es Transportzoll oder "Steuern".

Die Organisation "Cap Anamur" wurde im Oktober gezwungen, die Lastwagen für ihre 40-Tonnen-Lieferung, inklusive

 © Thomas Hegenbart
Verlassene Stellungen der Taliban:
Hier gerieten sie in einen Hinterhalt
Klinikausrüstung, an der tadschikischafghanischen Grenze zu wechseln: Kosten 1400 Dollar. Dann erhoben die Gebietsfürsten am Grenzposten bei Ai Khanoum noch einmal 1400 Dollar "Einfuhrzoll" für Medikamente, Milchpulver und Wärmedecken, die für die 70 000 Flüchtlinge auf dem Gebiet der Nord-Allianz bestimmt waren. Ein leitender Funktionär des "Außenministeriums" der Nord-Allianz in Chodja Bahauddin kaufte sich kürzlich vier neue japanische Jeeps. Erworben mit dem Geld, das örtlichen Dolmetschern und Fahrern von Hilfsorganisationen abverlangt wird, bis zu 20 Prozent ihrer Einnahmen. Kasse wird bei allem gemacht: Unterkunft für Journalisten, Passierscheine, Flussüberquerungen. Der Dollar verlor wundersamerweise innerhalb von vier Wochen die Hälfte seines Wertes.

Doch selbst dieses Außenministerium ist ein Nichts. Wirklich Geld verdient der Provinzfürst Mohammed Kabeer  Marzban, Herr von Chodja Bahauddin, ein alter Mudschaheddin und Kumpel von Mamur Hassan, welcher bei Dasht-e-Qaleh sitzt, inmitten seiner Fasane und Gänse und treuen Usbeken-Milizen. Wenn Marzban heute nicht mehr will, zieht das "Außenministerium" morgen aus. Durch Marzbans Gebiet läuft der Hauptexportweg afghanischen Opiums Richtung Tadschikistan.

"Das Land der Seufzer"
Der örtliche Warlord ist das Gesetz. Der ferne "König" - in diesem Fall Präsident Burhanuddin Rabbani - wird kaum wahrgenommen. Verwildertes Afghanistan - "das Land der Seufzer", wie es in der Landessprache, in Paschtu heißt. "Hat sich


 © Thomas Hegenbart
Mamur Hassan: Kriegsherr von Dasht-e-Qaleh
jemals jemand um uns geschert, bevor New York in Flammen aufging?", fragt Mamur Hassan und lacht sein jungenhaftes Lachen. "Wir werden niemals müde zu kämpfen." Es gibt hier Schlimmere als diesen Mamur Hassan, Bessere kaum.

Soziale Verantwortung in dem durch 22 Jahre Krieg und Besetzung demoralisierten Landstrich kennt niemand. Es existieren zwar "Ministerien". Doch bis auf das Verteidigungs- und das Sicherheitsministerium sind sie Chimären: Lehrer und Ärzte gibt es kaum, oder sie werden nicht bezahlt. Das Flüchtlingselend wird durch westliche Hilfsorganisationen und das Nachbarland Iran gemildert.

Nur der heutige Tag zählt
Eine Million Tote, unzählige Verkrüppelte durch einst 50 Millionen Landminen haben die Menschen in ein modernes Mittelalter gestoßen, in dem nur der heutige Tag zählt. Intelligenz und Mittelschicht wurden ausgerottet oder sind geflohen. In den Bürgerkriegswirren entwickeln sich Verhältnisse, wie man sie in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr kennt. Eine Familie aus Chodja Bahauddin zum Beispiel wechselt seit 21 Jahren alljährlich ihre Wohnstatt, zieht von hier nach da, geht mit der Front und den Wechselfällen des Lebens, die sie weder verstehen noch beeinflussen kann.

In der Zeit gestrandete Polizisten in altersmüder Uniform und wackeliger Schirmmütze stapfen durch den Wüstendreck,


 © Thomas Hegenbart
Freude über jede amerikanische Bombe,
die auf den Gegner fällt
versuchen einen Verkehr zu regeln, den es nicht gibt, Ordnung zu halten, die niemanden mehr interessiert. Zurückgeblieben bei dieser Lebensweise auf dem Gebiet der Nord-Allianz sind arme Bauern und brotsuchende Soldaten und kleine Geschäftemacher.

Tolles Artillerie-Duell
Geschäfte: Über die angeblich so hart umkämpfte Frontlinie wird Benzin in das Gebiet der Nord-Allianz gebracht, gutes Benzin, das zuvor die Turkmenen an die Taliban verkauft haben. Um Geld von den jeweiligen Sponsoren zu erhalten, werden auch schon mal Gefechte abgesprochen; "National Geographic" zuliebe, so berichten es die Milizionäre, wurde im vergangenen Jahr ein tolles Artillerie-Duell aufgeführt, das schlagartig ein Ende fand, als das Kamerateam seine Ausrüstung einpackte: Zweck erfüllt.

Handel: Die gesamte Nahrung, alles außer Reis, wird aus dem Taliban-Gebiet mit Eselskarawanen eingeschmuggelt. Auch daran verdienen die örtlichen Machthaber, die fast alle emporgekommene Mudschaheddin sind. Zurück über die Grenze gehen Edelsteine aus den berühmten Bergwerken Badachshans und das Rohopium, mit dem die Warlords ihre Soldaten bezahlen. Immer wieder gibt es Berichte, dass die Kriegsherren sich in den Flüchtlingslagern Nachwuchs für ihre Hausmacht pressen. Auffällig oft werden Soldaten der Allianz älter gemacht, als sie sind. Auffällig auch, dass manche Freiwillige keine Waffen erhalten, nicht allein mit Journalisten reden dürfen, sich kaum bewegen können. Manche geben zu, dass ihre Eltern nicht

 © Thomas Hegenbart
Sie glauben fest daran, dass Allah auf ihrer Seite steht und siegen hilft
wissen, wo sie sind.

Krieg ist Alltag geworden. Krieg ernährt Krieg. Die Flüchtlingslager selbst werden als Artilleriestützpunkte missbraucht, am Lager Nowabad, in dem etwa 7000 Menschen leben, hat ein Commander eine 130-Millimeter-Kanone russischer Bauart eingegraben, die lustig ins 30 Kilometer entfernte Taliban-Gebiet feuert.

Wen es dort trifft, Bauern oder Soldaten, interessiert weder ihn noch die vierköpfige Besatzung. Und dass die Antwort der Taliban, ihre Granaten oder Raketen, dann im Flüchtlingslager einschlagen könnten, nehmen sie in Kauf.

Krieg ist Krieg
Krieg ist Krieg. Auch wenn er nur Theater ist, Brauchtum fast, ein Gegner findet sich immer. Erst kämpften sie untereinander, dann gegen die Sowjets, dann erneut untereinander. Wenn die Taliban verschwunden sein sollten, wieder untereinander. Die Nord-Allianz selbst wird dafür sorgen. Mamur Hassan und seine Usbeken wollen nach Westen, um sich bei Mazar-i-Sharif mit General Dostum zu vereinigen. Präsident Rabbani oder der Exilkönig ist ihnen völlig egal.

Die Tadschiken unter General Fahim - auch er ein Ex-Kommunist wie Dostum - streben nach Süden, ins Pandschirtal und in Richtung Kabul. Dort hat man ihnen die Zerstörung der Stadt, die Plünderungen und Massenvergewaltigungen noch nicht


verziehen. Nach Belagerung und dem Sturz des von den Russen eingesetzten Herrschers Nadschibullah waren sie 1992 als Eroberer und nicht als Befreier einzogen. Unvergessen auch die Orgie von 1988 an der "befreiten" Zivilbevölkerung von Kunduz, keine zwei Autostunden von Mamur Hassans Landsitz entfernt, als tadschikischstämmige Truppen sich genauso verhielten, wie man es an der Front der Nord-Allianz über die Taliban hört: Alte verbrannt, Kinder zertreten, Frauen missbraucht und abgeschlachtet. Eine Frauenrechtlerin in Chodja Bahauddin sagt durch ihre Burka hindurch: "Bei den Taliban muss ich aus religiösen Gründen verdeckt sein, bei den Mudschaheddin aus Sicherheitsgründen, denn sonst würden sie jede hübsche Frau vergewaltigen."

Wilddiebe in Uniform
Wilddiebe in Uniform. Verrat ist das falsche Wort für ihre Handlungen. Überleben ist eben alles. General Rashid Dostum ist ein farbiges Beispiel. Direkter Zögling des letzten kommunistischen Präsidenten, verließ er diesen zwei Monate vor seinem Sturz und schloss sich General Massud an, dem "Löwen vom Pandschir", der acht Offensiven der Sowjets trotzte. Der Usbeke Dostum kam durch Verrat, und er ging durch Verrat. Zwischenzeitlich hatte er einen Ministaat um Mazar-i-Sharif errichtet, mit eigener Fluglinie, eigenen Briefmarken, einem Palast mit Plastebäumchen und niedlichem Springbrunnen. Er trank maßlos Alkohol, schneiderte sich eine hübsche Uniform und hielt sich einen Kulturminister. Jetzt ist Dostum aus dem türkischen Exil zurück, zur rechten Zeit, und alles soll so sein wie früher.

General Fahim, Tadschike, Nachfolger des Märtyrers Masoud, war Geheimdienstchef zweier Herren: Erst diente er Nadschibullah, dann Masoud. Er war in Kabul bekannt für seine harte Hand.

Ein afghanisches Sprichwort sagt: "Hinter jedem Berg sitzt ein König." Nach General Massouds Ermordung durch zwei angebliche Journalisten trauten sich die Warlords des Nordens nicht zu ihren Verbündeten ins Pandschirtal im Süden zur Beisetzung des charismatischen Führers - zu groß war ihre Angst vor möglichen Rivalitäten. Massud war es übrigens, der dem "Commander-System" ein Ende bereiten wollte, dieser Quelle aller Zwistigkeiten in einem Land, von dem seine Bewohner sagen: Wenn drei Afghanen sich einig sind, können zwei davon keine Afghanen sein.

Verrat, Bestechung und Intrige
Die Taliban selbst haben die meisten ihrer Landgewinne nicht durch Eroberungen gemacht, sondern durch Verrat, Bestechung und Intrige. Vor allem an der Frontlinie um Taloqan - im Norden des Allianz-Gebietes - haben viele Mudschaheddin mehrfach die Fronten gewechselt. Geld war der Grund: Die Kommandeure hatten von Massud für 3000 Mann Sold genommen, 200 bezahlt, den Rest in die eigene Tasche gesteckt und dann die Fronten gewechselt.

Heute will die Allianz davon nichts mehr wissen und täuscht Einigkeit gegenüber dem Westen vor. Als ob Afghanistan je einig gewesen wäre, 40 Jahre Frieden hat das Land in den letzten Jahrhunderten gekannt, 40 Jahre unter einem milden König, der

von seinem eigenen Schwager fortgejagt wurde, als er zum Einkaufsbummel in Rom weilte.

Allah ist groß!
An diesem sonnigen Tag sitzt neben Mamur Hassan, der einst Agrartechnik studierte, bevor er in die Berge ging und Mudschaheddin wurde, ein Mann mit scharfen Zügen und dunklen Augen. Sein Cousin, der Mann von Hassans Nichte, der Mörder von Hassans Mutter, sein Gegner während 14 Jahren, Ex-Kommunist, Nadschibullah-Soldat. "Wir müssen vergeben lernen", sagt der Kriegsherr, "Afghanistan kommt zuerst, und unsere Feinde müssen wir vertreiben, so ist das eben im Krieg."

Und man sieht an seinen Augen und an der Körperhaltung seiner Lieutnants und in den würdevollen Gesichtern seiner Wesire, dass sie es sein werden, die entscheiden, wer Freund und wer Verbündeter ist, wer Feind und wer Taliban, wenn sie übermorgen wieder in Kunduz sind oder in Mazar-i-Sharif. Und dann weiß man, dass da der Westen nichts, aber auch gar nichts mitzureden hat. Allah ist groß!

Volker Handloik

AUGENZEUGEN
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"Wir haben noch Witze gemacht"
Zwei Journalisten, die den Beschuss eines Panzerfahrzeugs der Nordallianz durch die Taliban überlebten, haben am Montag ihre Eindrücke geschildert. Die französische Hörfunk-Journalistin Veronique Reyberotte (Radio-France), die mit den anderen fünf hinten auf dem Panzer saß, sagte auf France-Inter zu dem Vorfall am Sonntag Abend:

„Wir haben noch Witze gemacht über den eher zurückhaltenden Übersetzer, den wir mitgenommen hatten. Keinen Augenblick haben wir daran gedacht, dass das riskant sein könnte. Der Schützenpanzer ist mit sehr hoher Geschwindigkeit abgefahren, und vielleicht fünf oder zehn Minuten später sind wir nach ein paar Kilometern in diesen Hinterhalt geraten. Sie haben mit Kalaschnikows auf uns geschossen. Sie waren vom Schützenpanzer aus ganz in der Nähe zu sehen, mit den Kalschnikows, mit Anti-Panzer-Raketen.

Sie wollten wohl den Treibstofftank im hinteren Teil des Panzers durchlöchern. Alles ging dann ganz schnell. Viele Feuerstöße, Schüsse waren zu hören. Der Schützenpanzer hat abrupt gebremst, und die Leute sind heruntergefallen oder gesprungen. Es war eine dunkle Nacht, sie sind von dem Schützenpanzer gesprungen, vor allem Johanne Sutton und Pierre Billaud. Der Panzer ist sehr, sehr schnell wieder angefahren und wurde dabei noch ein paar Mal beschossen. Weiter weg sind wir bei einem Unterschlupf angekommen.

"Uns überkam Angst"
Es kam nicht in Frage, noch einmal umzukehren. Es wurde viel über Funk darüber gesprochen, auf welcher Strecke man durchkommen könnte, wir waren ein bisschen mitten in nirgendwo. Uns überkam Angst, wir wollten wissen, was aus unseren Freunden geworden war, die von dem Panzer gefallen waren.“

Paul McGeough von der australischen Zeitung „Sydney Morning Herald“ schrieb in einer E-Mail an seine Zeitung: „Drei von uns haben sich in Erwartung eines grausamen Todes (auf dem Fahrzeug) festgehalten, und wir überlebten“. Geoff Kitney, für die Außenpolitik bei der australischen Zeitung zuständig, sagte der australischen Nachrichtenagentur AAP zufolge nach einem Telefongespräch mit dem Reporter: „Er ist immer noch ziemlich mitgenommen, aber er kann seinen Job machen, er schreibt weiterhin Berichte“.

 © Thomas Hegenbart
Beten, bevor es in die Schlacht geht
Mamur Hassan, 57 ist er (vielleicht, so genau weiß er das selbst nicht), hat eine erstaunlich junge Stimme, zwei Frauen, sieben Kinder, 1000 Pferde und 5000 treue Soldaten. Er ist notorischer Rebell, Mudschaheddin, einer der Gotteskrieger, die schon gegen die sowjetische Besatzung gekämpft haben, und unter den Mudschaheddin ein Gebietsfürst, ein so genannter Commander. Er ist ein guter Mann. Er ist ein weiser Herrscher. Und er symbolisiert die Nord-Allianz und ihr Feudalwesen und mit ihm alles Schlechte Afghanistans. Denn seine Macht, die er nie aufgeben wird, steht jeder zukünftigen Zentralgewalt entgegen.

Verwobener Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete
Männer wie er sind die letzte funktionierende Instanz in Afghanistan, aber so lange es ebendiese Männer gibt, wird das Land nie wirklich funktionieren. Männer wie er nehmen das Gesetz in ihre eigenen Hände, wenn sie es anderen entwunden haben. Sie sprechen Recht, wie an diesem Tag unter dem großen, schattigen Baum. Erst kürzlich ließ Mamur Hassan vier Männer, angeblich Mörder und Vergewaltiger, henken, öffentlich. Wie soll man auch anders richten in einem Land, das keinen Staat kennt, das ein unergründliches Feudalwesen ist? Das aus einem verwobenen Flickenteppich kleiner Herrschaftsgebiete besteht, die Polizeigewalt ausüben, Steuern erheben, Wegezölle eintreiben. Schamlos plündern die örtlichen Fürsten sogar Hilfskonvois. Sie nennen es Transportzoll oder "Steuern".

Die Organisation "Cap Anamur" wurde im Oktober gezwungen, die Lastwagen für ihre 40-Tonnen-Lieferung, inklusive

 © Thomas Hegenbart
stern-Reporter Volker Handloik, 40, (l.),
stern-Fotograf Thomas Hegenbart (r.)
Volker Handloik wollte sich am Sonntag in der stern-Redaktion in Hamburg melden, um über den letzten Stand der Offensive der Nord-Allianz im Frontabschnitt bei Dasht-e-Qaleh zu berichten. Zusammen mit fünf weiteren Journalisten ging er am Nachmittag auf einem Schützenpanzer der Oppositionstruppen auf Erkundungsfahrt. Ein örtlicher Kommandant hatte die Reporter dazu eingeladen. Dabei geriet der Schützenpanzer nicht weit außerhalb der Ortschaft in einen Hinterhalt der Taliban. Die eröffneten das Feuer mit Maschinengewehren und Granatwerfern. Bei dem Gefecht starben die französischen Rundfunkjournalisten Johanne Sutton, 34, und Pierre Billaud, 31. Auch der 40-jährige Volker Handloik wurde bei dem Angriff getötet. Sein Leichnam konnte erst gegen Morgen geborgen werden. Die Schilderung der Erkundungsfahrt sollte die folgende Reportage über Commander Hassan, seine Truppe und die anderen Bündnispartner des Westens einleiten.

Die unheilige Allianz
Vor Mamur Hassans weitläufigem Landgut liegt das Wrack eines Taliban-Flugzeugs, abgeschossen von seinen Männern. In seinem Garten schnäbeln Gänse, in seiner Voliere wandern Fasane am Gitter entlang, eine Platane spendet Schatten, und er, der Kriegsherr, sitzt - nein, er thront auf einer Holzbank, und hinter ihm steht sein Sohn Ata, der Kronprinz. Mamur Hassan, der "Warlord" im Grenzgebiet, hält Hof. Seine Lieutenants umringen ihn. Menschen bringen Bittbriefe, der Kriegsherr schreibt Passierscheine. Ein halbes Dutzend seiner Männer hält in Uniform Wache. Neben einem Obstgarten steht eine Zwillingsflugabwehrkanone, zwischen Gesindeküche und Gästehaus lagern tarngrüne Munitionskisten - ein friedvolles Kriegslager.

 

 

 

 

 

 

 

 
Afghanischer Ex-König zählt die Tage: Abwarten, Taktieren, Hoffen
 
Afghanischer Ex-König   Rom (dpa) - Eigentlich müsste "Seine Majestät" in Hochstimmung sein. Nach 28 Jahren im italienischen Exil, nach all dem Bangen und den Ängsten der vergangenen Wochen, müsste der afghanische Ex-König Sahir Schah hörbar aufatmen. Doch von Erleichterung ist in seiner Botschaft an "seine geliebten Söhne" nichts zu spüren.
 

Statt Freude über den unerwartet raschen Fall der Taliban zu zeigen, äußert sich der 87-Jährige besorgt, warnt die Nordallianz vor Vergeltung und Rache, mahnt sie, ihre Gefangenen gut zu behandeln. Zwar verspricht er eine "sehr baldige" Rückkehr in die Heimat - doch spricht man mit seinen Helfern im römischen Exil, steht der genaue Termin noch in den Sternen.

Auch im "Hotel Fleming" am nördlichen Stadtrand Roms, wo das Gefolge die "zweite Chance" des 1973 gestürzten Monarchen vorbereitet, knallen keine Sektkorken. "Das größte Problem in Afghanistan sind gegenwärtig die Sicherheit, die Bombardierungen (der USA) und das schnelle Vordringen der Nordallianz", meint etwa Abdul Sattar Sirat. Der Professor für Islamische Studien, der auch in Deutschland ein Verbindungsbüro unterhält, war bereits in den 60er Jahren Justizminister unter Sahir Schah; er zählt noch heute zu seinen engsten Beratern.

Zurückhaltend und ernst skizziert der Professor die Lage. Bevor "Seine Majestät", wie hier alle den Ex-König nennen, zurückgehe, müssten noch einige Bedingungen geklärt werden. So müsse die Sicherheit garantiert sein, möglichst durch UN-Truppen; auch die Modalitäten für den politischen Übergang müssten feststehen. Nicht einmal, wohin der König in der Heimat gehen könne, wisse man im Augenblick so genau. "Vielleicht nach Kabul, möglicherweise aber auch in eine andere Stadt."

Seinen Ärger, dass die Nordallianz trotz aller Warnungen der USA in Kabul längst Fakten geschaffen hat, kann er kaum verbergen. "Die Nordallianz ist kein legitimer Vertreter der Afghanen", wiederholt der Professor immer wieder.

Für die Anhänger Sahir Schahs gibt es nur eine einzige Lösung: "Seine Majestät, die Vater-Figur. Er allein kann das Land einigen." Als eine erste Lösung sollten bereits in Kürze ein "Hoher Rat aller politischen und religiösen Kräfte" gebildet werden, um eine Übergangsregierung unter dem Ex-König zu bilden. Erst danach könne die "Loja Dschirga", die Große Ratsversammlung aller afghanischen Stammesführer, zusammengerufen werden.

Auch der weitere Verlauf steht für die Exil-Politiker schon in vagen Umrissen fest: "Wahlen in eineinhalb oder zwei Jahren." Wenigstens darin stimmen die Männer im römischen Exil mit der Nordallianz überein. Burhanuddin Rabbani, von den Taliban entmachteter Präsident und einer der Führer der Nordallianz, hat zwar auch schon das Kommen des Ex-Monarchen in einem Interview begrüßt - "aber bitte nur als Staatsbürger".

 
   
   
 

Chronik  

Von den Anschlägen bis heute

 
Von Birgit Lutz
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13. November

 


16.11.2001

Schwerpunkt: Afghanistan
Gibt es Wege jenseits der Bomben? Wie kann der hungernden Bevölkerung geholfen werden? Was passiert, wenn das Taliban-Regime gestürzt wird? Und welche Rolle spielt der Ex-König Zahir Schah für die Zukunft des Landes? Ein Überblick.

Wege jenseits der Bomben
Die Befriedung des Landes macht Fortschritte - die Vereinten Nationen wollen möglichst bald alle Parteien an einen Tisch bringen. (Der Tagesspiegel, 15.11.2001 )
Rasche militärische Erfolge sind wichtig - für die humanitäre Hilfe und für die Zerschlagung des Terrornetzes um bin Laden in Afghanistan. Aber die Diplomatie kommt nicht schnell genug hinterher. Die USA und die Vereinten Nationen fürchten den Machthunger der Nordallianz. (Der Tagesspiegel, 14.11.2001 )

Die Uno ist sich im Kampf gegen den Terror einig - und spielt doch keine Rolle. (Der Tagesspiegel, 13.11.2001 )

US-Präsident Bush bittet die verbündeten Truppen, nicht zu früh zu erfolgreich zu sein. Hinter den Worten von Bush steckt eine konkrete Furcht. Die Politik hat noch kein Konzept für ein Nachkriegs- Afghanistan. (Der Tagesspiegel, 12.11.2001 )

In Afghanistan sprechen die Waffen. Ein erklärtes Ziel der USA ist der Sturz des Taliban-Regimes. Und dann? Die Zukunft des Landes steht zur Disposition. Wer aber bestimmt den politischen Kurs? Wer darf mitreden? Und - sind die Deutschen dabei? (Der Tagesspiegel, 05.11.2001 )

Gegen die Taliban hilft nur der Aufbau regionaler ziviler Strukturen unter Ausschluss der Militärmilizen. (Der Tagesspiegel, 27.10.2001)

Afghanistans Opposition bereitet in Istanbul eine neue Regierung vor. (Der Tagesspiegel, 25.10.2001)
Exil-Afghanen: Militärschläge werden Demokratisierung erschweren. (09.10.01)
Was passiert, wenn das Taliban-Regime gestürzt wird? Ist die Nordallianz eine Alternative? Und welche Rolle spielt der Ex-König Zahir Schah? Ein Überblick.(Der Tagesspiegel, 26.09.2001)

Hintergrund
Die USA drängen die Exilanten zur Verantwortung. Ob das reicht? Ex-König Schah, Usbekengeneral Dostum, Nordallianzchef Rabbani, Kriegsfürst Hekmatyar - sie waren alle schon mal da. Um sich zu bekämpfen. (Der Tagesspiegel, 02.10.2001)

(Der Tagesspiegel, 07.10.2001)

Das Elend der Flüchtlinge
Die EU will Afghanistan beim Wiederaufbau unterstützen – doch erst müssen sechs Millionen Flüchtlinge im Süden des Landes versorgt werden. Nach Wintereinbruch müssten die Lebensmittel aus der Luft abgeworfen werden. (Der Tagesspiegel, 09.11.2001)
Die Not in Afghanistan wird größer - die Situation für die Flüchtlinge katastrophal. Eine Unterbrechung der US-Angriffe, die eine Versorgung der Hungernden ermöglichen könnte, ist nicht in Sicht. Die Zeit läuft ab, warnen die Vereinten Nationen. (Der Tagesspiegel, 05.11.2001)
Die Taliban
Adbul Salam Saif, der Botschafter der Taliban in Pakistan, ist der einzige Kopf des Regimes, der im Fernsehen auftaucht. Von dort aus provoziert er die Welt. (01.11.2001)


Er war Buchhalter, dann wurde er Folterknecht der Taliban. Ihrem geistigen Führer Mullah Omar diente er als Leibwächter. Jetzt ist Hafis Hassani selbst vor der Gewalt in Afghanistan geflohen. Doch den Erinnerungen an seine eigene Grausamkeit entkommt er nicht. (Der Tagesspiegel, 30.10.2001)
Durch den Schutz des mutmaßlichen Terrordrahtziehers Osama Bin Laden haben die in Afghanistan herrschenden radikalislamischen Taliban das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. (13.9.2001)

Hintergrund
Das Symbol der Taliban

Land am Abgrund
Gefallene, Verletzte, Flüchtlinge - seit 22 Jahren kennen die Menschen im Norden Afghanistans kaum etwas anderes als Krieg. Seitdem die US-Bomben fallen, glauben die Kämpfer der Nordallianz, dem Sieg über die Taliban nahe zu sein. Eine Reise ins Gebirge der Krieger.(Der Tagesspiegel, 25.10.2001)
Die Lage der afghanischen Frauen ist katastrophal - Vorwürfe richten sich auch gegen die Nordallianz. (Der Tagesspiegel, 10.10.2001)



Hintergrund
Vom Krieg gezeichnet




Übersicht

 

Reuters Photo
A woman lifts the veil on her burqa in downtown Kabul November 14, 2001 the day after Taliban forces vacated the Afghan capital. First lady Laura Bush will deliver the weekly presidential radio address on Nov. 17, using the airwaves to launch an international campaign for women's rights in Afghanistan. (Sayed Salahuddin/Reuters)

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Reuters Photo
_JC_ CAPTION -->Afghanistan's Northern Alliance stamped its control on Kabul Wednesday while defecting tribal leaders and relentless U.S. air raids pushed the hardline Taliban into a shrinking corner. This Reuters graphic shows the ethnic breakdown of Afghanistan, including brief profiles of the key players, plus views of neighboring countries. (Reuters Graphic) _JC_ END CAPTION -->
Associated Press
_JC_ CAPTION -->A man carries a VCR from a shop selling televisions and other electronics, in Kabul, northern Afghanistan, Wednesday, Nov.14, 2001. Under the Taliban regime, television and radio were banned. (AP Photo/Marco Di Lauro)
Associated Press
_JC_ CAPTION -->A young girl stands in front of the dresses on display in Kabul, Afghanistan Wednesday, Nov. 14, 2001. Shopkeepers in the capital who sold western style wedding dresses welcomed the departure of the hardline Taliban Islamic rulers, who opposed western dress and required women to wear head-covering burqas. (AP Photo/Amir Shah)


Der Spiegel

Osama Bin Laden

  1. Video über den Pate des Terrors - wer ist Osama Bin Laden?
    http://stream.spiegel.de:8080/ramgen/sptv/trailer/sptv_magazin_beitrag_bin_laden_170901.rm
  2. Al-Qaida
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,158498,00.html

Arte


Afghanistan: Die Diktatur der Gotteskrieger
Rückkehr ins Mittelalter

  1. http://info.arte-tv.com/info.php?dt=afgh&db=intro&dc=blau&lang=d
  2. http://www.arte-tv.com/special/afghanistan/dtext/menu.htm

Buch

  Ahmed Rashid:
Taliban : Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia

GB, 2001
ISBN 1860644171
     

Albrecht Metzger:
Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns. Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie.

Lamuv Verlag, Göttingen 2000
238 Seiten
ISBN: 3889775691

DM 29,80
EUR 15,24

 

 

Bassam Tibi:
Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte.

Piper, München 1996

Taschenbuch, 415 Seiten
ISBN: 3492222854

DM 24,90
EUR 12,73

 

Rudolf Radke:
Im Namen Allahs. Der Islam zwischen Aggression und Toleranz.

Lübbe, Bergisch-Gladbach 1996
ISBN: 3404604326

DM 16,90
EUR 8,64
Taschenbuch, 429 Seiten

 

INFORMATIVE BOOKS
ON AFGHANISTAN AND ISLAM TO CHECK OUT
:

 

Afgha - Press agency, Afghanistan
Diese Seite bietet wahlweise auf Englisch oder Französisch eine riesige Anzahl von Archiven über die Geschichte Afghanistans und die aktuelle politische Lage, über Terrorismus und Menschenrechte. Des weiteren werden Landkarten, Video- und Audiodateien zum Download bereitgestellt, über ein Forum besteht die Möglichkeit des Meinungsaustauschs, ein Newsletter kann abonniert werden.
http://www.afgha.com

Azadi Afghan Radio
Die Sendungen von werden von Washington aus ausgestrahlt. Die Seite stellt zahlreiche Audiodateien (auf afghanisch) bereit, ebenso Gedichte, Texte und Links.
http://www.afghanradio.com

Payam-e-Mujahid
Das Radio der Mudschahedin im Netz
http://www.payamemujahid.com

Omaid Weekly
Die am weitesten verbreitete afghanische Zeitung.
http://www.omaid.com/

WAPHA - Women's Alliance for Peace and Human Rights in Afghanistan
Die Seite der afghanischen Frauen. WAPHA wurde von dem Anthropologen Zieba Shorish-Shamley gegründet und versucht, den Rest der Welt auf die Situation der Frauen in Afghanistan aufmerksam zu machen.
http://www.wapha.org

 

 

 

Spiegel Online
Berlin Online
Frankfurter runschau

Reuters
Die Welt
Neue Zürischer Zeitung


ISLAM

 

Mohammeds zornige Erben

Es sieht ganz so aus, als hätte Osama bin Laden die erste Schlacht bereits gewonnen. Da mögen amerikanische Bomber Nacht für Nacht die Flugabwehr-Stellungen der Taliban demolieren und Hubschrauber die Verstecke der Al-Qaeda-Kämpfer unter Beschuss nehmen. Da mag George W. Bush so viel Zustimmung im eigenen Land erfahren wie kaum ein Präsident je vor ihm. Mit jedem Tag, an dem die Alliierten Afghanistan noch mehr in Schutt und Asche legen, wächst die Kluft zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Dritter Welt und Erster Welt, zwischen Islam und Christenheit. Genau darauf hat Osama bin Laden von Anfang an gesetzt. Schon sein erster erfolgreicher Gegenangriff, Stunden nach Beginn der Luftschläge vor drei Wochen, brauchte keine Waffen, sondern nur ein Video. Denn sein Heiliger Krieg zielt nicht auf die Eroberung eines Landes, er zielt auf die Eroberung von Hirnen und Herzen.

Fast jeder Muslim kennt eine Szene wie diese von Kindheit an: Osama bin Laden vor einer Felsenhöhle, umgeben von den Treuesten der Treuen, bedrängt von seinen Feinden, in der Stunde größter Not auf einer Art Gebetsteppich kniend, die Stimme voller Zuversicht - wie Mohammed, der Prophet der Propheten, im Jahre 622, als er vor den Ungläubigen aus Mekka geflohen war. In einer Grotte hatte er mit seinem engsten Gefährten Abu Bakr Unterschlupf gefunden und war damit den Mörderbanden knapp entgangen. Es war der Moment der größten Gefahr für den Propheten, eine Bedrohung durch die Kräfte des Bösen, aus der er bald siegreich hervorgehen sollte. Es war der Beginn einer neuen, der islamischen Zeitrechnung.


ISLAM
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Mohammeds zornige Erben

Proteste in Peshawar/Pakistan
(Foto: afp)

Es sieht ganz so aus, als hätte Osama bin Laden die erste Schlacht bereits gewonnen. Da mögen amerikanische Bomber Nacht für Nacht die Flugabwehr-Stellungen der Taliban demolieren und Hubschrauber die Verstecke der Al-Qaeda-Kämpfer unter Beschuss nehmen. Da mag George W. Bush so viel Zustimmung im eigenen Land erfahren wie kaum ein Präsident je vor ihm. Mit jedem Tag, an dem die Alliierten Afghanistan noch mehr in Schutt und Asche legen, wächst die Kluft zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Dritter Welt und Erster Welt, zwischen Islam und Christenheit. Genau darauf hat Osama bin Laden von Anfang an gesetzt. Schon sein erster erfolgreicher Gegenangriff, Stunden nach Beginn der Luftschläge vor drei Wochen, brauchte keine Waffen, sondern nur ein Video. Denn sein Heiliger Krieg zielt nicht auf die Eroberung eines Landes, er zielt auf die Eroberung von Hirnen und Herzen.

Fast jeder Muslim kennt eine Szene wie diese von Kindheit an: Osama bin Laden vor einer Felsenhöhle, umgeben von den Treuesten der Treuen, bedrängt von seinen Feinden, in der Stunde größter Not auf einer Art Gebetsteppich kniend, die Stimme voller Zuversicht - wie Mohammed, der Prophet der Propheten, im Jahre 622, als er vor den Ungläubigen aus Mekka geflohen war. In einer Grotte hatte er mit seinem engsten Gefährten Abu Bakr Unterschlupf gefunden und war damit den Mörderbanden knapp entgangen. Es war der Moment der größten Gefahr für den Propheten, eine Bedrohung durch die Kräfte des Bösen, aus der er bald siegreich hervorgehen sollte. Es war der Beginn einer neuen, der islamischen Zeitrechnung.


 

Proteste gegen US-Militäraktion in
Jakarta/Indonesien (Foto: afp)


Natürlich wäre es unsinnig, Osama bin Ladens Popularität unter den Muslimen der Welt auf die symbolische Kraft eines Videos zu reduzieren. Aber dass die Worte so viel stärker als die Waffen wirken, hat viele überrascht. Vor allem die Amerikaner. Geblendet von der Überlegenheit ihrer Wirtschaft, ihrer Technik, ihrer Gesellschaftsordnung, hatten sie das tiefe Misstrauen in weiten Teilen der Welt gegen ihren "Way of life" gar nicht mehr zur Kenntnis genommen.

"Wer kann die Wut stoppen?"
Nun geht in der pakistanischen Stadt Islamabad ein Schnellrestaurant der US-Imbiss-Kette "Kentucky Fried Chicken" in Flammen auf. In Makassar und Yogyakarta in Indonesien verwüsten Demonstranten McDonald's-Filialen. Coca-Cola-Manager fürchten um den Absatz ihrer Limonade, seit ein muslimischer Mob Werbetafeln in mehreren Ländern umstürzte. Und überall in der islamischen Welt werden Strohpuppen des US-Präsidenten und Sternenbanner verbrannt. "Weshalb sie Amerika hassen" - das Thema war dem Nachrichten-Magazin "Newsweek" in der vergangenen Woche eine Titelgeschichte wert. Und das Konkurrenzblatt "Time" erschien mit der ratlos klingenden Frage "Wer kann die Wut stoppen?"

Denn es sind nicht bloß ein paar Verblendete, die den Hass auf Amerika und seine Verbündeten predigen. Während die einen durch die Straßen von Quetta oder Gaza ziehen und unter Bin-Laden-Postern "Tod den Ungläubigen" skandieren, sitzen andere beim Cappuccino im "Starbucks" von Doha am Persischen Golf oder bei süßem Tee in einem Cafe des feinen Kairoer Vororts Heliopolis und können eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.
Proteste in Peshawar/Pakistan
(Foto: afp)
Es sieht ganz so aus, als hätte Osama bin Laden die erste Schlacht bereits gewonnen. Da mögen amerikanische Bomber Nacht für Nacht die Flugabwehr-Stellungen der Taliban demolieren und Hubschrauber die Verstecke der Al-Qaeda-Kämpfer unter Beschuss nehmen. Da mag George W. Bush so viel Zustimmung im eigenen Land erfahren wie kaum ein Präsident je vor ihm. Mit jedem Tag, an dem die Alliierten Afghanistan noch mehr in Schutt und Asche legen, wächst die Kluft zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Dritter Welt und Erster Welt, zwischen Islam und Christenheit. Genau darauf hat Osama bin Laden von Anfang an gesetzt. Schon sein erster erfolgreicher Gegenangriff, Stunden nach Beginn der Luftschläge vor drei Wochen, brauchte keine Waffen, sondern nur ein Video. Denn sein Heiliger Krieg zielt nicht auf die Eroberung eines Landes, er zielt auf die Eroberung von Hirnen und Herzen.

Fast jeder Muslim kennt eine Szene wie diese von Kindheit an: Osama bin Laden vor einer Felsenhöhle, umgeben von den Treuesten der Treuen, bedrängt von seinen Feinden, in der Stunde größter Not auf einer Art Gebetsteppich kniend, die Stimme voller Zuversicht - wie Mohammed, der Prophet der Propheten, im Jahre 622, als er vor den Ungläubigen aus Mekka geflohen war. In einer Grotte hatte er mit seinem engsten Gefährten Abu Bakr Unterschlupf gefunden und war damit den Mörderbanden knapp entgangen. Es war der Moment der größten Gefahr für den Propheten, eine Bedrohung durch die Kräfte des Bösen, aus der er bald siegreich hervorgehen sollte. Es war der Beginn einer neuen, der islamischen Zeitrechnung.
Kuala Lumpur/Malaysia: "No war"
(Foto: ap)


"Wir lehnen den Terror islamischer Fundamentalisten vollkommen ab, aber der Terror Israels ist für uns genauso schlimm", sagt Abdulaziz, ein junger Mann in Katar, der wie viele andere junge Araber aus den Golfstaaten bis zum 11. September in Amerika studiert hat. Tags drauf kam das FBI und fragte ihn, ob er Bin-Laden-Leute kenne. Abdulaziz verkaufte überstürzt seinen Lexus, flog nach Hause und diskutiert seither mit den ebenfalls zurückgekehrten Freunden jenes Thema, um das sich seit Wochen jedes Gespräch, jede Talkshow und jeder Zeitungskommentar in arabischen Staaten dreht: Amerikas Doppelmoral.

Selbst in den Zeitungen der arabischen Alliierten der USA ist das Thema präsent. So zitiert die saudische Zeitung "Riyadh Daily" Präsident Bush, weil er vom "einsamen Pfad" der Taliban-Terroristen redet, und fügt im nächsten Satz hinzu: "Israel verfolgt diesen einsamen Pfad seit Gründung des Staates."

"Politisches Manöver"
Nach Umfragen des arabischen Fernsehsenders "Al Jazeera" sind 90 Prozent der arabischen Bevölkerung gegen eine Beteiligung islamischer Staaten am westlichen Anti-Terror-Krieg. Nur knapp ein Zehntel sieht in den Bemühungen des US-Präsidenten, einen unabhängigen Palästinenser-Staat zu schaffen, eine Kursänderung. Für 90,3 Prozent ist es ein "politisches Manöver".

Eisern versuchen viele arabische Staaten, die antiamerikanische Stimmung unter der Decke zu halten. So sind in den Golf-Staaten, im Jemen und in Saudi-Arabien Demonstrationen gegen das US-Bombardement in Afghanistan verboten. Aus Angst vor Unruhen im eigenen Land will kein islamischer Staat Basis alliierter Militäroperationen sein. 80 Prozent der Bevölkerung im Nato-Land Türkei sind grundsätzlich gegen die Aktion. In den meisten anderen islamischen Ländern gibt es keine Umfragen; wahrscheinlich, weil man die Ergebnisse scheut. Denn allabendlich sehen Millionen Muslime zwischen Nigeria und Indonesien im Fernsehen, wie amerikanische Flaggen und Bush-Puppen in Flammen aufgehen.

"Amerika ein Hort des Bösen"
Zwar distanzieren sich die wankelmütigen arabischen Eliten vom Protest des Pöbels, doch in den Unterschichten herrscht vielfach blinder Hass. "Afghanistan ist gut, Amerika ist ein Hort des Bösen", sagt ein Gemüsehändler auf dem Markt von Doha. Genüsslich verfolgt ein libanesischer Ingenieur auf CNN die Berichte über die Angst vor Anthrax in Manhattan. "In New York geht es jetzt zu wie in Israel", sagt der CNN-Reporter. Da freut sich der Libanese: "Amerikaner haben lange genug auf der Welt den lieben Gott gespielt, endlich haben die auch mal so richtig die Hosen voll."

Die Genugtuung kommt nicht von ungefähr. Seit jeher fühlen sich vor allem arabische Muslime vom Westen erniedrigt, ausgegrenzt, nicht ernst genommen. "Wir alle", befand während der Islamischen Weltkonferenz der katarische Außenminister Hamad al-Thani, "sollen uns jetzt am Krieg gegen den Terrorismus beteiligen, weil die Amerikaner attackiert wurden. Aber wenn es Opfer unter den Palästinensern gibt, kümmert das niemanden."Es ist vor allem die selektive Art amerikanischer Außenpolitik, hier Menschenrechte einzufordern und dort korrupte Potentaten an der Macht zu halten, mal von Demokratie zu reden und dann wieder knallhart die Interessen der Öl-Industrie zu unterstützen, die viele bis aufs Blut reizt. Der Frust ob all der Ohnmacht, gepaart mit kulturellem Stillstand und dem Fehlen jeglicher Demokratie im eigenen Land, bildet den idealen Nährboden für den islamischen Extremismus. Und für Verschwörungstheorien.

"Eine amerikanischjüdisch-indische Weltverschwörung"
Immer wieder sind in diesen Tagen zwischen Dubai und Damaskus die unglaublichsten Geschichten zu hören: Mal hat Israels Geheimdienst die Anschläge in den USA geplant, und seine Agenten haben die Flugzeuge gesteuert. Dann haben jüdische Geschäftsleute das World Trade Center zum Einsturz gebracht. Und im fernen Pakistan erklärt Sayed Khalid Ahmed Banori, Leiter einer der größten Koranschulen, in bestem Englisch und zwischen Schlucken von Coca-Cola, dass die USA kein Recht hätten, Afghanistan anzugreifen, weil bin Laden nicht hinter den Anschlägen vom 11. September stecke. "4000 Juden, die in den beiden Türmen arbeiteten, sind an diesem Tag zu Hause geblieben! Das Ganze ist eine amerikanischjüdisch-indische Weltverschwörung!"

Niemand profitiert von diesem Gemisch aus Unterlegenheitsgefühl und Rachlust mehr als Osama bin Laden. In seinen Videos tritt er als Herold der unterdrückten Palästinenser auf, wohl wissend, dass ihm dies viel neuen Zulauf beschert. Dann wieder
spricht er von den "mehr als achtzig Jahren Erniedrigung und Schande" in der muslimischen Welt - eine Erinnerung an die Friedenskonferenz von 1920, als die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, Großbritannien und Frankreich, den Arabern nicht den versprochenen eigenen Staat gaben. Sie teilten den Nahen Osten lieber unter sich auf. Die Bemerkung bin Ladens mag Zuhörern in Amerika und Europa weit hergeholt scheinen. Die Menschen in Arabien haben ein längeres Gedächtnis, als vielen im Westen lieb ist.

Kein Wort davon
Wenig ist allerdings in arabischen Medien davon zu erfahren, dass sich der Gotteskrieger in der Vergangenheit kaum je um die Nöte der eher weltlichen Palästinenser gekümmert hat. Selten auch weisen arabische Zeitungen darauf hin, dass die Terroranschläge vom 11. September zu einer Zeit geplant wurden, als in Nahost nicht die Intifada wütete, sondern ein Frieden in greifbarer Nähe schien. Kein Wort davon, dass die Träume von der panarabischen Nation nicht bloß am bösen Westen, sondern auch an den Widerständen im eigenen Lager gescheitert sind. Umso mehr wirkt bin Laden wie der Prophet im Besitz der Wahrheit.

"Die arabischen Regime befinden sich in einer sehr schwierigen Lage", sagt Ahmed Salama, Kolumnist der Kairoer Zeitung "Al Ahram", "bin Laden macht sich eine Problemzone nach der anderen zunutze: Palästina, Irak, die US-Präsenz in Saudi-Arabien." Damit könnte er manches Land aus dem Gleichgewicht bringen.

Aus den Reihen des "Ägyptischen Islamischen Dschihad" und der "Gamaat al-Islamiya" stammen etwa ein Drittel jener Terroristen, die das amerikanische FBI seit den Anschlägen vom 11. September sucht. Einige sind mit Osama bin Laden in Afghanistan abgetaucht. Denn im eigenen Land sind die Führer der radikalen Bewegungen entweder zerstritten oder sitzen, zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, im Gefängnis. Dafür hat Präsident Hosni Mubarak gesorgt, als er mit "außergewöhnlicher Brutalität" (so der Kairoer Soziologe Mohamed Said) das Netzwerk der Terroristen zerschlagen ließ.
Seither herrscht Ruhe im Land. Doch der innenpolitische Druck auf Mubarak - von den USA als verlässlicher Verbündeter mit jährlich zwei Milliarden Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe belohnt - wächst. Ein Großteil seiner Untertanen lebt weiter in bitterer Armut und spürt kaum Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung - genau die rechte Mischung für islamistische Eiferer.

Größte Gefahr für das Regime
Die fundamentalistischen Muslimbrüder, 1928 vom ägyptischen Lehrer Hassan al-Banna gegründet, sind gut organisiert und stellen für das Regime heute die größte Gefahr dar. Ihre Kritik an der wuchernden Korruption und Unfähigkeit von Behörden und Regierung findet immer mehr Zuspruch, vor allem im Bürgertum. Deshalb versucht Staatschef Mubarak mit einer riskanten Doppelstrategie, den Erfolg der Islamisten zu unterlaufen. Einerseits stellt er seine Herrschaft als die wahre islamische dar, andererseits gibt er manchen ihrer Forderungen nach. Und lässt Mitglieder der Muslimbruderschaft als unabhängige Kandidaten zur Wahl zu.
So wurde auch Jihan El-Halafawi ins Parlament in Kairo gewählt. Ungeschminkt, das Gesicht von einem grauen Kopftuch umhüllt, nippt die 50-Jährige in einem Caf? an der Strandpromenade von Alexandria am Mangosaft. Neben ihr liegt ein Handy. Sie ist mit dem Hautarzt Mohamed El-Zaafarani verheiratet und hat fünf Kinder. Ihr Mann war bei den Wahlen als unabhängiger Kandidat der Muslimbrüder angetreten. Kurz vorher wurde er vom Geheimdienst verhaftet und ohne Anklage drei Monate eingesperrt. Da entschloss sich die studierte Volkswirtin und Theologin Jihan, statt seiner anzutreten. Gleich im ersten Wahlgang erhielt sie über 50 Prozent der Stimmen. Doch der Staat annullierte, angeblich wegen Unregelmäßigkeiten bei der Stimmenzählung, den Entscheid. Nun müsste es laut Verfassung eine Nachwahl geben. Die ist aber auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

"Spüren immer mehr brennenden Zorn"
Dass es in Ägypten außer einigen Studentendemonstrationen weitgehend ruhig geblieben ist, könnte sich bald ändern, sagt sie. "Wir spüren immer mehr brennenden Zorn", ergänzt ihr Mann. Zorn über den Westen, der "uns Islamisten nun weltweit in die Ecke des Terrorismus stellt, obwohl wir strikt gegen Gewalt sind". Zorn über die autoritären Herrscher im Nahen Osten, die sich "nur mit Hilfe des Westens an der Macht halten, islamische Werte verraten und uns Gläubige nun für ihre Sünden bestrafen lassen." Und Zorn über die "Dummheit und Arroganz Amerikas und seiner Verbündeten, die mit ihren unbewiesenen Behauptungen Osama bin Laden erst zum großen Helden gemacht haben".
Auf dem Basar von Peshawar verkaufen Kinder T-Shirts mit Bin-Laden-Bild. An den Kiosken in Beirut, Kairo oder Sanaa gibt es bunte Blätter, in denen der Terrorist als Robin Hood verherrlicht wird. So ist auf der ägyptischen Postille "al-Hawadeth" ein mild dreinblickender bin Laden zu sehen, Gebetskette zwischen den Fingern, bewaffnet mit einem armseligen Geschütz auf Holzrädern. Im Hintergrund fallen amerikanische Bomben. Dabei, heißt es in den Basaren, habe es der reiche Gotteskrieger gar nicht nötig, sich im rauen Afghanistan zu plagen. Aber der fromme Mann scheue keine Entbehrung, um die Belange des Islam zu fördern.

Propaganda zeigt Wirkung
Die Freitagsgebete der orthodoxen Geistlichen und die Propaganda ihres neuen Propheten zeigen Wirkung. Nach einer Online-Umfrage des TV-Senders "Al Jazeera" ist Osama bin Laden nur für 8,7 Prozent der 4600 Befragten ein Terrorist. Den meisten gilt er als "Mudschaheddin" - ein Kämpfer im Heiligen Krieg.

Bernd Dörler, Hans-Hermann Klare, Tilman Müller, Uli Rauss, Christoph Reuter

 

AFGHANISTAN
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Beendet der Winter die Militäraktion in Afghanistan?
US-Außenminister Powell
Die USA wollen den Krieg in Afghanistan nach Worten von Außenminister Colin Powell noch vor Einbruch des Winters beenden. Die kalte Jahreszeit könne den Einsatz erschweren, sagte Powell in einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN. Jedoch würden die Operationen solange fortgesetzt, bis das Ziel erreicht sei. Die Entscheidung, ob der Feldzug auch im moslemischen Fastenmonat Ramadan fortgesetzt wird, werde auf Grund militärischer und nicht dipolmatischer Überlegungen gefällt werden, sagte er weiter. Der Ramadan beginnt Mitte November.

Ein Kampf der "niemals endet"?
US-Vize-Präsident Richard Cheney sagte dagegen der "Washington Post", dass der Krieg gegen den Terrorismus möglicherweise "niemals enden" werde. "Wenigstens nicht zu unseren Lebzeiten", betonte Cheney. Generalstabschef Richard Myers sprach dagegen nur von einer langen Kampagne, die bis nächstes Jahr dauern könnte.

Mordauftrag für die CIA
US-Präsident George W. Bush hat nach Presseberichten dem Geheimdienst CIA die Befugnis erteilt, den internationalen Terrorführer Osama bin Laden zu töten. Wie die "Washington Post" am Sonntag berichtete, gab Bush der CIA die Anweisung, Bin Laden aufzuspüren, zu töten und seine Terrororganisation El Kaida zu zerschlagen. Es sei der umfassendste Auftrag an die CIA in ihrer 54-jährigen Geschichte. Seit 1973 war es der CIA offiziell verboten, Anschläge auf ausländische Politiker zu verüben. Dies gilt jedoch nicht in Kriegszeiten oder zur Selbstverteidigung der USA.

Army Rangers beim Absprung aus
einem Hubschrauber

Erneuter Anthraxfall
In den USA wurde unterdessen ein weiterer Anthraxfall bekannt. Damit stieg die Zahl der Infektionen mit dem Milzbrand-Erreger auf neun. Ein Mitarbeiter der Post in Washington ist nach US-Medienberichten an Lungenmilzbrand erkrankt. Der Mann arbeitet in einem Postamt, das Briefe für die Abgeordneten und Senatoren im Kongress sortiert. Die Suche nach den Tätern konzentriert sich immer mehr auf den Bundesstaat New Jersey. Dort waren mindestens drei Briefe mit den gefährlichen Erregern aufgegeben worden.

Anthrax-Spur zu Bin Laden?
Powell schließt nicht aus, dass die in den USA aufgetauchten Anthrax-Briefe das Werk des Terroristenführers Bin Laden sind. Die Behörden hätten die Absender aber bislang nicht ausgemacht, sagte Powell am Sonntag dem Fernsehsender CBS.

Erste Einsatz von Bodentruppen
Am Samstag war ein größeres Kontingent von US-Spezialkommandos mit bis zu 200 Elitesoldaten erstmals bei Kandahar mit Fallschirmen abgesprungen und in Bodenkämpfe mit Talibanmilizen verwickelt worden. Dabei erlitten die Amerikaner erste Verluste. Zwei Soldaten kamen beim Absturz eines Kampfhubschraubers ums Leben, der die Aktion von Pakistan aus unterstützen sollte. Fünf Soldaten wurden verletzt. Die Taliban behaupten, den Hubschrauber abgeschossen zu haben, was die USA energisch bestreiten. Auch die Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan gingen weiter.

Afghanisches Flüchtlingsmädchen in
einem pakistanischen Camp

Weitere Einsätze
Myers kündigte weitere Operationen mit Bodentruppen an. "Sie werden nun für mögliche künftige Einsätze gegen terroristische Ziele in anderen Gegenden neu ausgerüstet und positioniert, die als Unterschlupf von Terroristen bekannt sind", sagte Myers auf einer Pressekonferenz am Samstagabend.

Russische Waffen für die Nordallianz
Zwei Wochen nach Beginn der Luftangriffe gegen die Taliban nahmen US-Kampfjets am Sonntag auch Frontlinien der radikal-islamischen Milizen unter schweren Beschuss. Damit soll der Vormarsch der oppositionellen Nordallianz begünstigt werden. Vertreter der russischen Militär- und Geheimdienstführung trafen mit Politikern der Nordallianz in Tadschikistan zusammen. Moskau will die Nordallianz verstärkt aufrüsten.


 

MILITÄRAKTION
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Weiterkämpfen auch im Winter
Taliban-Kämpfer in Torkham nahe der
afghanisch-pakistanischen Grenze

Die US-Militäraktionen gegen Ziele in Afghanistan werden sich vermutlich in den bevorstehenden Winter hineinziehen. Es sei unwahrscheinlich, dass der Krieg vor Wintereinbruch abgeschlossen sein werde, sagte US-Konteradmiral John Stufflebeem aus dem Generalstab nach Angaben des Nachrichtensenders CNN. In den USA wurden erstmals geringe Mengen Anthrax-Sporen in einer Poststelle des Weißen Hauses entdeckt. Diese liegt allerdings einige Kilometer von dem Regierungsgebäude entfernt.

Stufflebeem kündigte an, das radikal-islamische Taliban-Regime müsse sich auf weitere Bombenangriffe in den kommenden Monaten vorbereiten. Zudem deutete er den Einsatz zusätzlicher Bodentruppen gegen die Taliban und die Terror-Organisation El Kaida des Moslem- Extremisten Osama bin Laden an. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte, die Entscheidung über den möglichen Einsatz von britischen Bodentruppen werde "in Kürze" getroffen.

Bei den jüngsten US-Luftattacken auf die afghanische Hauptstadt Kabul wurden nach Medienberichten 22 Mitglieder einer militanten pakistanischen Moslemgruppe getötet. Bei den Opfern handelt es sich nach Berichten pakistanischer Medien um Anhänger der Harkatul Mudschahedin, die für den Anschluss Kaschmirs an Pakistan kämpfe.

Nach Angaben der britischen Regierung wurden zudem alle neun Trainingslager von El Kaida zerstört. Die USA und Großbritannien hätten auch neun Flugplätze in Afghanistan größtenteils zerstört. Die Luftwaffe der Taliban existiere "praktisch nicht mehr", sagte Verteidigungsminister Hoon.

Die Bombenangriffe der USA auf Ziele in Afghanistan gingen auch in der Nacht zu Mittwoch weiter. Dabei wurden nach Berichten des arabischen Fernsehsenders El Dschasira in der Taliban-Hochburg Kandahar 93 Menschen getötet. Eine unabhängige Bestätigung dieser Darstellungen gibt es nicht. Auch Frontlinien nödlich von Kabul und bei der Stadt Masar-i-Scharif im Norden des Landes wurden demnach erneut bombardiert. Die Taliban-Milizen und die Nordallianz seien dort in heftige Gefechte verwickelt gewesen, meldete CNN.

Bomben verfehlten Ziel
Das US-Verteidigungsministerium gab unterdessen zu, dass mindestens drei Bomben in den vergangenen Tagen ihr Ziel verfehlten. Zwei davon seien in einem Wohnviertel der Hauptstadt Kabul eingeschlagen. Eine dritte Bombe sei nahe einem Altersheim in der Stadt Herat detoniert. Informationen über Opfer gebe es nicht.

In den USA werden an immer neuen Stellen Spuren von Anthrax bekannt. Bislang starben drei Menschen an Milzbrand. Erst
am Wochenende waren zwei Mitarbeiter der zentralen Sortierstelle Brentwood nördlich vom Kapitol an Lungenmilzbrand gestorben. Über die Sortierstelle Brentwood, wo alle Infizierten arbeiteten, ging der Anthrax-Brief an Senator Tom Daschle.    Wie die Anthrax-Sporen in die Poststelle des Weißen Hauses gelangten, war zunächst unklar.

Regierungssprecher Ari Fleischer betonte, die Poststelle liege mehrere Kilometer vom Weißen Haus entfernt auf einem Militärgelände. Nach seinen Angaben wurden die Sporen am Dienstagvormittag (Ortszeit) an einer Maschine entdeckt, die Briefe automatisch öffnet. Er zeigte sich zuversichtlich, dass niemand im Weißen Haus selbst mit den gefährlichen Sporen in Kontakt gekommen sei. «Ich habe kein Anthrax», sagte US-Präsident George W. Bush dazu kurz und bündig. Wo die Sporen genau herstammen, sei noch unklar. Der Anthrax-Alarm in der kenianischen Metropole Nairobi von der vergangenen Woche hat sich mittlerweile als falsch herausgestellt.

In Kabul verteilte das Rote Kreuz erstmals seit Beginn der US-Bombenangriffe vor zweieinhalb Wochen wieder Hilfsgüter. Während einer Testphase sollen drei bis sechs Tage Lebensmittelpakete an rund 8000 Haushalte verteilt werden. Damit würden rund 50 000 Menschen erreicht, sagte eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK)

Vorbereitungen für neue afghanische Regierung
Die Vorbereitungen für eine neue afghanischen Regierung nach dem geplanten Sturz des Taliban-Regimes nehmen konkretere Formen an. Mehrere hundert im Exil lebende Anführer gesellschaftlicher Gruppen Afghanistans trafen sich in Pakistan zu Beratungen über die Zukunft ihres Landes. Die Vereinten Nationen sprachen sich in New York für eine Regierung aus Vertretern aller afghanischen Parteien aus. Der afghanische Ex-Präsident Sibghatullah Mudschaddidi befürwortete ebenfalls eine demokratische islamische Übergangsregierung, die von allen Afghanen akzeptiert werde.

 

PRESSESCHAU
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23.10.: Poker um den Sturz der Taliban
Kämpfer der Nordallianz beobachtet
US-Angriffe aus sicherer Entfernung
„La Stampa“: Alles hängt von den Schneefällen in Afghanistan ab
Die Turiner Tageszeitung „La Stampa“ schreibt am Dienstag über den Krieg in Afghanistan: „Die Schneemengen, die im November in Afghanistan fallen werden, könnten bestimmen, wie viele Einkäufe die amerikanischen Familien vor Weihnachten machen werden und wie hoch die weltweite Zahl der Arbeitslosen zu Ostern sein wird. Mancher könnte diese Zusammenhänge paradox, absurd oder sogar grausam finden, aber die Logik, die derart voneinander entfernte Ereignisse verbindet, ist nicht nur glaubwürdig, sondern betrifft uns alle unmittelbar. Die starken Schneefälle werden nämlich viele militärischen Operationen in diesem unglückseligen Land verlangsamen oder fast vollständig behindern. Die afghanische Frage wird sich fast mit Sicherheit bis ins Frühjahr hinziehen, falls man sie nicht vor dem ersten Schnee lösen kann.“

„The Financial Times“: Auf Rückschläge einstellen
Die britische Wirtschaftszeitung „The Financial Times“ schreibt am Dienstag zum Krieg gegen den Terror: „Die Öffentlichkeit muss sich darüber im Klaren sein, dass Kriege unbeabsichtigte Folgen haben können. Die zwei schwächsten Glieder in der von den USA geführten Koalition sind Pakistan und Saudi-Arabien. Das eine ist eine Nuklearmacht und ein unberechenbarer Verbündeter, das andere eine nervöse Monarchie, die auf den wichtigsten Ölfeldern der Menschheit sitzt. Die schweigende Mehrheit in beiden Ländern ist nicht notwendigerweise empfänglich für Anliegen der USA. Es wäre unbesonnen, den Sturz der saudischen Regierung vorherzusagen, obwohl dies vermutlich das ist, was Bin Laden am meisten am Herzen liegt. Aber wir wären gut beraten, uns auf weniger dramatische Rückschläge einzustellen.

Kämpfer der Nordallianz beobachtet
US-Angriffe aus sicherer Entfernung
„La Stampa“: Alles hängt von den Schneefällen in Afghanistan ab
Die Turiner Tageszeitung „La Stampa“ schreibt am Dienstag über den Krieg in Afghanistan: „Die Schneemengen, die im November in Afghanistan fallen werden, könnten bestimmen, wie viele Einkäufe die amerikanischen Familien vor Weihnachten machen werden und wie hoch die weltweite Zahl der Arbeitslosen zu Ostern sein wird. Mancher könnte diese Zusammenhänge paradox, absurd oder sogar grausam finden, aber die Logik, die derart voneinander entfernte Ereignisse verbindet, ist nicht nur glaubwürdig, sondern betrifft uns alle unmittelbar. Die starken Schneefälle werden nämlich viele militärischen Operationen in diesem unglückseligen Land verlangsamen oder fast vollständig behindern. Die afghanische Frage wird sich fast mit Sicherheit bis ins Frühjahr hinziehen, falls man sie nicht vor dem ersten Schnee lösen kann.“

„The Financial Times“: Auf Rückschläge einstellen
Die britische Wirtschaftszeitung „The Financial Times“ schreibt am Dienstag zum Krieg gegen den Terror: „Die Öffentlichkeit muss sich darüber im Klaren sein, dass Kriege unbeabsichtigte Folgen haben können. Die zwei schwächsten Glieder in der von den USA geführten Koalition sind Pakistan und Saudi-Arabien. Das eine ist eine Nuklearmacht und ein unberechenbarer Verbündeter, das andere eine nervöse Monarchie, die auf den wichtigsten Ölfeldern der Menschheit sitzt. Die schweigende Mehrheit in beiden Ländern ist nicht notwendigerweise empfänglich für Anliegen der USA. Es wäre unbesonnen, den Sturz der saudischen Regierung vorherzusagen, obwohl dies vermutlich das ist, was Bin Laden am meisten am Herzen liegt. Aber wir wären gut beraten, uns auf weniger dramatische Rückschläge einzustellen.

Der Kalte Krieg hatte Hochs und Tiefs, bis er mit dem Fall der Berliner Mauer endete. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus erfordert Geduld, Mittel und politischen Willen. Diese Dinge halfen dem Westen, 1989 die Oberhand zu gewinnen. Sie sind heute nicht weniger wichtig.“

„The Times“: Niederlage der Taliban gehört zum Poker
Die konservative britische Zeitung „The Times“ schreibt am Dienstag zur US-Außenpolitik und der US-Strategie für Afghanistan: „Der Krieg ist bisher für Außenminister Powell nicht besonders gut verlaufen. Er ist ein zu konventioneller Denker, um sich mit den besonderen Gefahren einer Kampagne zum Suchen und Zerstören von Zielen mit speziell ausgebildeten Einheiten anzufreunden, deren Erfolg schwer messbar ist. Aber das sollte die Strategie nicht bestimmen. Die Priorität ist, Bin Ladens Fähigkeit zum Organisieren des Terrors auszuschalten. In einem entscheidenden Aspekt gibt es wirklichen Fortschritt, obwohl El Kaidas Netze im Ausland vermutlich noch funktionieren: Afghanistan hat schnell aufgehört, eine funktionierende Basis für Bin Ladens Terroroperationen zu sein. Aber die Streitkräfte der El Kaida und Taliban, die die Nordallianz blockieren, sind kaum angegriffen worden. Nur deren sichtbare Niederlage wird Desertionen auslösen. Das ist militärisches Poker. Und die USA müssen in diesem Spiel alle Trümpfe in der Hand behalten.“

„De Volkskrant“: Im Propagandakrieg um Afghanistan führen die USA
Zum Propagandakrieg um den Konflikt in Afghanistan meint die niederländische sozialdemokratisch orientierte Zeitung „Volkskrant“ am Dienstag: „Bisher war das amerikanische Vorgehen erfolgreich. Die Koalition ist trotz ihrer heterogenen Zusammenstellung nicht auseinander gefallen.

Der Aufruf Bin Ladens an die Moslems zum Aufstand gegen die Regime in ihren Ländern hat noch keine Wirkung gezeigt. Die erste Schlacht im Propagandakrieg hat er verloren. Die größte Gefahr für die USA liegt aber darin, dass das Bild eines aussichtslosen Kriegs entsteht. Vielleicht hat Minister Powell deshalb die Hoffnung geäußert, dass noch vor Beginn des Winters alles geregelt sein wird. Das ist nicht klug gewesen, denn wenn sich die Erwartung nicht erfüllt, wird sich Zweifel breit machen. Und dieser Zweifel würde sich publizistisch nicht so ohne weiteres beseitigen lassen.“

„Iswestija“: Streit um die Zukunft Afghanistans wird lange andauern
Die russische Tageszeitung „Iswestija“ (Moskau) sieht einen deutlichen Widerspruch in der Haltung Russlands und der USA zur Zukunft Afghanistans nach dem Taliban-Regime. Die Zeitung schreibt am Dienstag: „Die Zusammensetzung der zukünftigen afghanischen Regierung sorgt schon im Vorfeld für Streit. Die Amerikaner stehen in intensiven Beratungen mit den Machthabern im benachbarten Pakistan und Vertretern der afghanischen Opposition. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass man auch in Zukunft nicht ohne die Taliban auskommen wird. Russland dagegen lehnt eine Beteiligung der Taliban an der Macht kategorisch ab. Die Radikalislamisten hätten sich durch ihre Zusammenarbeit mit dem internationalen Terrorismus bloßgestellt, lautet das Argument Moskaus. Die Verhandlungen um dieses strittige Thema werden noch lange andauern. Und die Hauptakteure des Konflikts wissen das nur zu gut.“


Der Kalte Krieg hatte Hochs und Tiefs, bis er mit dem Fall der Berliner Mauer endete. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus erfordert Geduld, Mittel und politischen Willen. Diese Dinge halfen dem Westen, 1989 die Oberhand zu gewinnen. Sie sind heute nicht weniger wichtig.“

„The Times“: Niederlage der Taliban gehört zum Poker
Die konservative britische Zeitung „The Times“ schreibt am Dienstag zur US-Außenpolitik und der US-Strategie für Afghanistan: „Der Krieg ist bisher für Außenminister Powell nicht besonders gut verlaufen. Er ist ein zu konventioneller Denker, um sich mit den besonderen Gefahren einer Kampagne zum Suchen und Zerstören von Zielen mit speziell ausgebildeten Einheiten anzufreunden, deren Erfolg schwer messbar ist. Aber das sollte die Strategie nicht bestimmen. Die Priorität ist, Bin Ladens Fähigkeit zum Organisieren des Terrors auszuschalten. In einem entscheidenden Aspekt gibt es wirklichen Fortschritt, obwohl El Kaidas Netze im Ausland vermutlich noch funktionieren: Afghanistan hat schnell aufgehört, eine funktionierende Basis für Bin Ladens Terroroperationen zu sein. Aber die Streitkräfte der El Kaida und Taliban, die die Nordallianz blockieren, sind kaum angegriffen worden. Nur deren sichtbare Niederlage wird Desertionen auslösen. Das ist militärisches Poker. Und die USA müssen in diesem Spiel alle Trümpfe in der Hand behalten.“

„De Volkskrant“: Im Propagandakrieg um Afghanistan führen die USA
Zum Propagandakrieg um den Konflikt in Afghanistan meint die niederländische sozialdemokratisch orientierte Zeitung „Volkskrant“ am Dienstag: „Bisher war das amerikanische Vorgehen erfolgreich. Die Koalition ist trotz ihrer heterogenen Zusammenstellung nicht auseinander gefallen.

Taliban-Kämpfer in Torkham nahe der
afghanisch-pakistanischen Grenze

Die US-Militäraktionen gegen Ziele in Afghanistan werden sich vermutlich in den bevorstehenden Winter hineinziehen. Es sei unwahrscheinlich, dass der Krieg vor Wintereinbruch abgeschlossen sein werde, sagte US-Konteradmiral John Stufflebeem aus dem Generalstab nach Angaben des Nachrichtensenders CNN. In den USA wurden erstmals geringe Mengen Anthrax-Sporen in einer Poststelle des Weißen Hauses entdeckt. Diese liegt allerdings einige Kilometer von dem Regierungsgebäude entfernt.

Stufflebeem kündigte an, das radikal-islamische Taliban-Regime müsse sich auf weitere Bombenangriffe in den kommenden Monaten vorbereiten. Zudem deutete er den Einsatz zusätzlicher Bodentruppen gegen die Taliban und die Terror-Organisation El Kaida des Moslem- Extremisten Osama bin Laden an. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte, die Entscheidung über den möglichen Einsatz von britischen Bodentruppen werde "in Kürze" getroffen.

Bei den jüngsten US-Luftattacken auf die afghanische Hauptstadt Kabul wurden nach Medienberichten 22 Mitglieder einer militanten pakistanischen Moslemgruppe getötet. Bei den Opfern handelt es sich nach Berichten pakistanischer Medien um Anhänger der Harkatul Mudschahedin, die für den Anschluss Kaschmirs an Pakistan kämpfe.

 

Kabul-Golbahar - einfach und zurück

Eindrücke an der innerafghanischen Grenze

bnn. Jawulsarash, 27. September

Auf dem Basar in Golbahar erwacht morgens um 5 Uhr das Leben. Die afghanische Provinzstadt liegt nördlich von Kabul in der Jamali-Ebene, durch die sich die afghanische Bürgerkriegsfront zieht. Das frühe Dämmerlicht spiegelt sich in aufwirbelnden Staubfahnen. Aus den Schatten der gedrungenen Lehmhäuser huschen Frauen in der alles verhüllenden Burqa zum Basar. Der Muezzin ruft zum Morgengebet. Alte Männer gehen langsam zur Moschee. Händler schliessen die Holzverschläge ihrer Läden auf und sortieren die Waren. Neben Weintrauben und Keksen aus iranischer Fabrikation werden Autobatterien angeboten. Batterien und Dieselgeneratoren sind die einzigen Stromspender im Jamali.

Das Geld kommt per Helikopter

Die Marktauslagen sind nicht mehr so reich, wie man es von afghanischen Basaren gewohnt ist. Eine drei Jahre währende Dürre hat die Reis- und Weizenernte empfindlich beeinträchtigt. Die durch die Frontlinien zerschnittenen Handelswege machen es für die Händler immer schwieriger, Güter in die Region zu bringen. Nur der 5000 Meter hohe Anjuman-Pass über den Hindukusch verbindet die Versorgungsbasis der Nord-Allianz an der afghanisch-tadschikischen Grenze in der nördlichen Provinz Takhar mit dem Panjshir-Tal und der Jamali-Ebene.

Mehr als drei Tage müssen sich die Lastwagen mit Treibstoff, Mehl, Reis und Kriegsmaterial über die halsbrecherischen Pisten quälen. Mit dem Wintereinbruch wird der Schnee diesen einzigen Versorgungsweg schliessen.

Das Panjshir-Tal zieht sich wie ein Weinschlauch von den Hochgebirgen des Hindukusch bis vor die Ebene von Jamali. Der Ausgang des Tales verengt sich zu einem felsigen Nadelöhr, durch das sich der Fluss Panjshir und eine enge Schotterpiste zwängen. Dank einer anhaltenden Schönwetterperiode fliegen seit vier Tagen ausgediente sowjetische Mi-6-Helikopter in das Tal.Einer von ihnen bringt an einem sonnigen Morgen frisch gedruckte afghanische Geldscheine indas Gebiet der Nord-Allianz. Die Kämpfer erhalten ihren Sold. Ein 43-jähriger Händler auf dem Geldmarkt freut sich auf das frische Geld, denn dann werden auch mehr Waren nach Jamali kommen.

Für sieben Franken nach Kabul

Die neue Strasse, die über Charikar direkt nach Kabul führt, ist durch den Frontverlauf gesperrt. Gleichwohl rufen die privaten Fuhrunternehmer auf dem Basar in Golbahar «Kabul, Kabul». Said, ein junger Afghane, steht auf seinem zerbeulten Pick-up und preist das Fahrziel, das er mit seinem Auto jedoch nicht erreichen wird, für 200 000 Afghani an, knapp 7 Schweizerfranken. Die Busse befördern ihre Passagiere, der alten Strasse nach Kabul folgend, nur bis zum Dorf Durnama, dann müssen die Reisenden zu Fuss das Herrschaftsgebiet der Nord-Allianz verlassen. In dem Dorf Giawa steigen sie im Taliban-Gebiet wieder in ein anderes Gefährt und fahren über Takab und Sarobi nach Kabul. Vor den angedrohten Vergeltungsschlägen der USA auf die Taliban hätten dieFahrer mit dieser Busroute ein gutes Geschäft erzielen können, erzählt Said. Dutzende von Kleinbussen bedienten noch vor einigen Wochen täglich die Strecke. «In Kabul sind die Waren billiger, es gibt mehr zu kaufen, und viele Einwohner im Jamali haben Familie und Verwandte in der afghanischen Hauptstadt», weiss der junge Afghane zu erzählen.

An diesem Morgen füllt sich der Wagen nur langsam. Erst nach zwei Stunden startet Said das zerbeulte Vehikel. Acht Männer haben auf der Ladebrücke Platz genommen. Einer will seine Familie aus Kabul holen, denn er befürchtet, dass die Amerikaner bald die Stadt bombardieren. Ein Rentner will in Kabul für seinen Laden Waren erstehen. Angst habe er keine, es sei eben schon immer Krieg gewesen und er müsse schliesslich an sein Geschäft denken, erzählt er.

Über eine löchrige Strasse holpert der Pick-up im Schritttempo nach Osten und durchquert ein kleines Dorf aus Lehmhäusern. Kinder spielen auf den Wegen, und die Männer ziehen zur Feldarbeit. Reis, Weizen und Melonen werden angebaut. In dem Dorf sind kaum Kriegsschäden zu sehen. «Wir ziehen einfach den Kopf ein und machen weiter wie bisher», sagt ein Schreiner, der hölzerne Fensterrahmen herstellt. Er lädt die Reisenden des Pick-up zu einem Tee ein, als ein geplatzter Reifen eine Pause erzwingt. Nach zwei Stunden erreicht das Gefährt völlig verstaubt das Grenzdorf. Die Passagiere gehen nun zu Fuss zwei Stunden über den Bergrücken zu den Taliban. Der Weg ist zwar mit Panzerminen bewehrt, doch Personen können gefahrlos passieren.

Widersprüchliches aus Kabul

Gegen Mittag überqueren Reisende aus Kabul kommend den Bergrücken. Ein Mann trägt seinen kleinen Sohn auf den Armen, seine Frau reitet auf einem Esel hinterher. Vier Jahre hat die Familie in Kabul gewohnt, der Mann als Taxifahrer gearbeitet. Er fürchte nun die Angriffe der Amerikaner, erzählt er, und wolle so lange bei seinen Verwandten im Panjshir-Tal leben, bis die Gefahr vorüber sei. Der Grenzwächter, ein schlaksiger Kämpfer, der gelangweilt mit seiner Kalaschnikow Kreise in den Sand zeichnet, erzählt, dass hauptsächlich nur Tadschiken aus Kabul die Grenze queren, die im Panjshir und im Jamali Verwandte und Familie hätten.

Während zweier Stunden kommen ungefähr 100 Reisende aus Kabul an. Aber nicht alle sind Flüchtlinge. Einige wollen nur Verwandte besuchen oder ein Geschäft tätigen und dann wieder nach Kabul zurückkehren. «Wir hätten auch nicht die Möglichkeit, eine grössere Zahl Flüchtlinge hier unterzubringen», sagt der stellvertretende Gouverneur von Golbahar. Die Nahrungsmittelreserven reichen kaum aus, um die örtliche Bevölkerung über den kommenden Winter zu bringen. Die Geschichten, die die Menschen aus Kabul mitbringen, sind vielfältig. Sie erzählen, dass die Taliban alle jungen Männer zwangsrekrutieren. Zwei junge Männer aus dem Panjshir-Tal waren gleichwohl vor über zwei Wochen in Kabul, konnten sich anscheinend dort frei bewegen und wieder zurückkehren. Einige erzählen, dass die Reisenden auf dem Fussweg ausgeraubt würden. Eine Frau trägt jedoch, für alle sichtbar, goldene Ringe an der Hand.

Zwischen den Taxifahrern in dem Grenzdorf und aus Golbahar ist es derweil zu einem Handgemenge gekommen. Die Fahrer aus Golbaharwollen ebenfalls die aus Kabul kommenden Reisenden transportieren, da es für die Passage in Richtung der afghanischen Hauptstadt kaum mehr Kundschaft gibt.

Neue Zürcher Zeitung, 29. September 2001

INFORMATIONSZENTREN
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Kritik zwingt USA zu Propagandaoffensive
 © REUTERS
US-Verteidigungsminister Rumsfeld beteuert, die Militäroperation verliefe nach Plan
Vier Wochen nach Beginn des Afghanistan-Krieges sehen sich die USA zu einer Propaganda-Offensive gezwungen. Trotz aller Beteuerungen aus dem Pentagon, dass die Militäraktion gegen Taliban und El Kaida „messbare Fortschritte“ gebracht habe, ist die Kritik an der Strategie in den vergangenen Tagen immer stärker gewachsen. In US-Zeitungen häufen sich beißende Kommentare, in denen Washington zu zögerliches Verhalten bei den Luftangriffen und mangelnde Unterstützung der Opposition vorgeworfen werden. Täglich gezeigte Videos und Satellitenbilder von einzelnen explodierenden Panzern und zerstörten Bunkern reichen für viele als Erfolgsbilanz nicht oder nicht mehr aus.

US-Informationszentren auf drei Kontinenten
Das Weiße Haus wird zwar nicht müde zu bekräftigen, dass die Operationen nach Plan verliefen und sich die USA keineswegs den Schuh anziehen müssten, die Taliban unterschätzt und die Stärke der Anti- Terror-Koalition überschätzt zu haben. Aber die Tatsache, dass sich Washington zur Einrichtung von rund um die Uhr arbeitenden Informationszentren auf drei Kontinenten bemüßigt sah, spricht Bände. Hinzu kommt eine Serie von Ansprachen an die Nation und das Ausland von Präsident George W. Bush in der nächsten Woche.

Pressekonferenzen gleichen Tribunalen
Pentagon-Pressekonferenzen glichen in den vergangen Tagen zunehmend kleinen Tribunalen. Zweidrittel der Frage-Antwort-Zeit mussten Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und hohe Militärs damit verbringen, Reporter von angeblich erreichten Fortschritten zu überzeugen.

 © REUTERS
US-Verteidigungsminister Rumsfeld beteuert, die Militäroperation verliefe nach Plan
Vier Wochen nach Beginn des Afghanistan-Krieges sehen sich die USA zu einer Propaganda-Offensive gezwungen. Trotz aller Beteuerungen aus dem Pentagon, dass die Militäraktion gegen Taliban und El Kaida „messbare Fortschritte“ gebracht habe, ist die Kritik an der Strategie in den vergangenen Tagen immer stärker gewachsen. In US-Zeitungen häufen sich beißende Kommentare, in denen Washington zu zögerliches Verhalten bei den Luftangriffen und mangelnde Unterstützung der Opposition vorgeworfen werden. Täglich gezeigte Videos und Satellitenbilder von einzelnen explodierenden Panzern und zerstörten Bunkern reichen für viele als Erfolgsbilanz nicht oder nicht mehr aus.

US-Informationszentren auf drei Kontinenten
Das Weiße Haus wird zwar nicht müde zu bekräftigen, dass die Operationen nach Plan verliefen und sich die USA keineswegs den Schuh anziehen müssten, die Taliban unterschätzt und die Stärke der Anti- Terror-Koalition überschätzt zu haben. Aber die Tatsache, dass sich Washington zur Einrichtung von rund um die Uhr arbeitenden Informationszentren auf drei Kontinenten bemüßigt sah, spricht Bände. Hinzu kommt eine Serie von Ansprachen an die Nation und das Ausland von Präsident George W. Bush in der nächsten Woche.

Pressekonferenzen gleichen Tribunalen
Pentagon-Pressekonferenzen glichen in den vergangen Tagen zunehmend kleinen Tribunalen. Zweidrittel der Frage-Antwort-Zeit mussten Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und hohe Militärs damit verbringen, Reporter von angeblich erreichten Fortschritten zu überzeugen.

Da Informationen aber nur extrem spärlich fließen und kein Journalist in der Lage ist, sie zu überprüfen, tappt die Öffentlichkeit praktisch im Dunkeln.

"Auflösung" der Taliban blieb aus
Nach jüngsten Pentagon-Berichten ist es gelungen, die Kommunikation innerhalb der Taliban-Miliz und der El Kaida erheblich zu stören. Auch mit Nachschub und Verstärkungen soll es nach vier Wochen Luftangriffen erhebliche Probleme geben. Unabhängige Beobachter in Pakistan schildern aber, dass die erhoffte „Auflösung“ der Taliban bisher ausgeblieben ist, es keinerlei Anzeichen für eine Demoralisierung gebe.

Nordallianz beklagt mangelnde Unterstützung
Nachdem auch die afghanische Nordallianz immer lautstärker mangelnde Unterstützung durch die USA an den Frontlinien beklagt hat, scheint sich nun eine Strategie-Veränderung anzubahnen. Die USA bauen offenbar nicht mehr länger darauf, dass sich in absehbarer Zeit die Grundvoraussetzungen für eine Koalitionsregierung in Kabul schaffen lassen - eine Hoffnung, die sie offensichtlich zur Zurückhaltung bei den Bombenangriffen zur Unterstützung der Nordallianz veranlasste.

Flächenbombadierungen nehmen zu
Inzwischen werden an den Frontlinien auch schwere Langstreckenbomber eingesetzt. Flächenbombardierungen werden immer häufiger. Im Pentagon wird als Ziel genannt, der Nordallianz nunmehr ein rasches Vorrücken zu ermöglichen und die Voraussetzungen für den Einsatz von weitaus mehr US-Spezialkommandos als bisher in Afghanistan zu schaffen.

Es gibt Berichte, nach denen der US-Oberbefehlshaber im Afghanistan-Krieg, Tommy Franks, bei seinem kürzlichen Besuch in Zentralasien mit Nordallianz-Vertretern ein besseres militärisches Zusammenspiel vereinbarte. Spekulationen gehen dahin, dass Rumsfeld bei seiner Visite in der Region am Wochenende versuchen wird, an Afghanistan grenzende Staaten zur Nutzung von Flugplätzen zu bewegen, von denen aus Jets und Soldaten auf den Weg geschickt werden können.

USA wollen Druck auf Taliban erhöhen
Das alles deutet darauf hin, dass die USA ihr Tempo und den Druck auf Taliban und El Kaida nun erhöhen wollen - und unbedingt müssen, wie Militärexperten meinen. Der Winter steht vor der Tür. Und da sind nicht nur US-Bodentruppen gegenüber den Taliban im Nachteil, sondern auch die von hohem Gebirge aus operierenden Nordallianz-Kämpfer.

KNOTENPUNKT
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Der Schlüssel zum Sieg