Let’s go surfing

 

 

Autor: Ivi

Email: ivi@2high4u.de

Anmerkung: Wollte mich auch mal auslassen. Spukt schon viel zu lange in meinem Kopf rum und muss endlich raus, damit ich wieder klar denken und gut schlafen kann. Brauche dringendst Feedback!!! Egal ob negativ oder positiv. Und wenn einige Zeitformen nicht stimmen, bitte nachsichtig sein und mich darauf hinweisen.

Inhalt: Tja, was halt beim Surfen und wenn man in so einer geilen Gegend wohnt alles passieren kann. Später kommt auch noch die Liebe ins Spiel.

Disclaimer: Nein, die gehören nicht mir. Leider nicht. Hab sie mir nur mal eben kurz ausgeliehen. J

 

 

07. Juli

Es war schon Montag am späten Nachmittag, als die Barrett – Brüder endlich wieder zu Hause ankamen. Den beiden war nicht klar gewesen, dass ein einfacher Surfwettbewerb so anstrengend sein konnte. Im Wohnzimmer ließ Mick die beiden Taschen fallen, die er hochgetragen hatte. Sein Bruder hatte an dem Pokal für den zweiten Platz, welchen er sich redlich verdient hatte, genug zu schleppen. Zufrieden stellte er diesen auch sofort auf den Kamin und setzte sich zu seinem großen Bruder auf die Couch. „Oh man, bin ich fertig.“ „So siehst du auch aus. Wie geht’s der Rippe?“ Joey blinzelte seinen Bruder aus dem linken Auge an, das rechte war ja immer noch ziemlich zu geschwollen. „Ja, ja, geht schon wieder halbwegs. Musste sich Kevin auch mit diesem Kerl anlegen?“ „Hey Kleiner, du kennst doch Kev. Der legt sich mit jedem an.“ „Ja, aber musste er sich den aussuchen? Da waren noch hunderte andere Typen. Die sahen auch alle so schräg aus. Musste es denn unbedingt der Sohn des Mafiabosses sein?“ „Und du musstest ja unbedingt mitmischen. Hast du es denn immer noch nicht gelernt Joey?“ „Ich habe nicht ‚mitgemischt’, ich wollte ihn nur abhalten. Und was soll ich gelernt haben?“ “Das du immer, wenn du Kev hilfst, selbst Probleme bekommst.“ Mick sah seinen Bruder an, als der antwortete: „Na für solche Fälle habe ich ja dich, Bruderherz. Außerdem ist er mein Freund. Was soll ich denn tun? Danke übrigens, das du mir, uns, da wieder raus geholfen hast.“ „Ist schon in Ordnung, Kleiner, gern geschehen. Willst du auch was trinken?“ „Ja, eine schöne kalte Coke wäre jetzt genau das richtige.“ Mick stand auf und ging das Gewünschte aus der Küche holen. Als er wieder zurückkam, hatte sich sein Bruder bereits seines Shirts entledigt und war eingeschlafen. Mick holte ihm vorsichtshalber noch eine Decke und setzte sich an den Strand. Dort trank er gemütlich seine Coke und beobachtete, wie in der Nachbarschaft eine Frau mit ihrem Sohn einzog. So beschloss er, ihr seine Hilfe anzubieten.

„Hallo. Mein Name ist Mick Barrett. Ich wohne dort oben, der Surfshop. Kann ich ihnen helfen?“ „Oh hallo, ich bin Lisa und das hier ist mein Sohn Buster. Danke für ihr Angebot. Ich würde es gern annehmen. Ich muss den Transporter bis einundzwanzig Uhr wieder zurück bringen Und wie es aussieht, werde ich das wohl ohne fremde Hilfe nicht schaffen.“ Nach einer Stunde waren alle Kartons in der Wohnung. „Wohin müssen sie den Wagen bringen?“ „Zur Oxnard Street. Wo auch immer das ist.“ Mick machte einen Vorschlag: „Passen sie auf, ich hole den Wagen meines Bruders und sie fahren mir hinterher. Dann kann ich sie wieder mit zurück nehmen und lade sie noch auf einen Kaffee bei uns ein.“ Gesagt getan, dreißig Minuten später saßen sie bei den Barretts in der Küche und unterhielten sich leise.

 

Joey wurde von Stimmen wach. „Und sie sind also achtundzwanzig und Buster schon dreizehn? Da waren ihre Eltern aber sicher nicht begeistert, oder?“ ‚Das war Mick, aber wer ist achtundzwanzig?’ dachte sich Joey. Also beschloss er, der Sache nachzugehen. Langsam und noch etwas schaftrunken tapste er in die Küche. Mick sah ihn und sprang auf. „Hey, du Schlafmütze. Entschuldigung, haben wir dich geweckt? Möchtest du auch eine Kaffee?“ „Mmhh,“ brummelte der junge Mann. „Und danach eine Erklärung, wenn’s Recht ist.“ Mit diesen Worten setzte er sich gegenüber der jungen Frau. Mick brachte ihm einen Kaffee und warf ihm ein T-Shirt zu. Joey sah seinen Bruder fragend an. „Wir haben Gäste.“ „Mmhh.“ Joey lies das Shirt fallen und nahm erst mal einen Schluck des heißen Gebräus. „Hunger.“ War alles, was er danach sagte. Als er aufstehen wollte, hielt ihn Mick zurück. Dieser langte nach einer Tüte auf der Anrichte und reichte sie ihm. „Burrito?“ „Yep.“ „Danke. Du bist der Beste. Wer ist das eigentlich?“ fragend sah Joey erst Mick und dann die beiden Fremden an, die sich offensichtlich königlich amüsierten. „Ach, sag bloß, du bist schon aufnahmebereit? Also, das sind wieder zwei Personen mehr auf der langen Liste der Leute, bei denen du auf Anhieb eine bleibenden Eindruck hinterlassen hast.“ „Das ist nicht witzig, Mick.“ „Doch, finde ich schon. Und wie es scheint, bin ich nicht der einzige.“ „Mick, bitte.“ „Okay, das sind Lisa Payne und Buster, ihr Sohn. Sie kommen aus Frisco und wohnen jetzt in Bens alter Wohnung, weil Lisa hier einen Job bekommen hat. Im Cheers.“ „Und sie ist achtundzwanzig und er dreizehn?“ „Yep. Und das hier“, Mick stellte sich hinter Joey, „das hier ist meinen kleiner Bruder, ebenfalls achtundzwanzig. Keine Angst, in ein paar Tagen sieht er nicht mehr ganz so vermatscht aus im Gesicht.“ „Ach halt doch die Klappe.“ Erwiderte der jüngere Mann und knuffte seinen Bruder in die Rippen. „Ich gehe schlafen. Wir sehen uns doch sicher morgen?“ fragend sah er in die Runde, nahm sich noch eine Coke und verschwand mit einem „War nett, Sie kennen zu lernen“ auf sein Zimmer.

 

Nachts wurde Joey wach. Er setzte sich auf und bemerkte einen Mann, der in seiner Tasche wühlte. Ganz leise öffnete er seine Nachttischschublade und holte seine Pistole hervor. „Wären sie so freundlich und lassen das?“ sagte er laut und zielte auf den Fremden. Dieser drehte sich vorsichtig um, doch bevor Joey auch noch richtig reagieren konnte, schlug ihm der Mann die Waffe aus der Hand, die mit einem lauten Knall gegen die Wand flog. Im selben Augenblick stürzte sich der Fremde auf Joey und bevor dieser auch nur noch ein Wort hervorbringen konnte, wurde er auch schon auf sein Bett gedrückt und gewürgt.

 

Mick wurde von einem Poltern wach. Doch danach war alles wieder ruhig. So sehr er auch in die Nacht lauschte, er konnte nur das Rauschen des Meeres hören. ‚Joey ist bestimmt wieder aus dem Bett gefallen’ dachte er sich. Dann fiel ihm wieder ein, dass sein Bruder doch angeschlagen war. Er hatte sich ja bei der Prügelei vor ein paar Tagen in Kuba eine Rippe angebrochen. Bei diesen Gedanken kam dann doch wieder der Große – Bruder – Beschützerinstinkt und der Vaterersatz durch und er beschloss, nach Joey zu sehen. Langsam schloss er die Tür seines Schlafzimmers hinter sich, als er, leise aber doch ganz deutlich, ein Stöhnen vernahm.

Vorsichtig, um Joey nicht aus Versehen doch noch zu wecken, öffnete er die Tür. Einen kurzen Augenblick war Mick starr vor Schreck als er sah, was sich im Schlafzimmer seines Bruders abspielte. Dann sah er die Waffe auf dem Fußboden, hob sie auf, entsicherte sie und rief: „Hey, hör sofort damit auf!“ In diesem Moment drehte sich der Fremde um und wollte sich auf Mick stürzen, als dieser schoss. Der große Mann, ein Kerl wie ein Schrank, fiel vor ihm auf den Boden. Mick stieg über ihn rüber und eilte zu seinem Bruder. „Joey, Joey sag doch was!“ Der Angesprochene konnte nicht antworten, hatte er doch alle Mühe, wieder Sauerstoff in seine Lungen zu bekommen. „Mick, wer ist das?“ wollte nach fünf Minuten Joey wissen, während er noch immer nach Luft schnappte. „Ich habe keine Ahnung. Sag du es mir.“ „Ich weiß es nicht. Wirklich, ich habe den Mann noch nie in meinem Leben gesehen. Er hat in meiner Reisetasche gewühlt, als ich wach wurde.“ „Ich werde erst einmal die Polizei rufen. Kann ich dich kurz allein lassen?“ „Ist er tot?“ „Ja.“ „Dann ist es okay. Darf ich trotzdem meine Waffe wieder haben?“ „Aber klar doch. Hier, nimm.“ Damit ging Mick nach unten, um die Polizei zu rufen.

 

08. Juli

Am nächsten Nachmittag überredete Joey seinen Bruder dazu, eine Runde surfen zu gehen. Es gab zwar nicht besonders gute Wellen, aber darauf war Joey auch nicht scharf. Nach den Ereignissen der letzten Tage brauchte er etwas Ablenkung und er wollte beim besten Willen nicht allein sein.

Als die Barretts so nebeneinander auf dem offenen Meer trieben, brach nach geraumer Zeit Joey die Stille. „Mick?“ „Mmhh?“ „Ich will nie wieder nach Kuba. Erst gibt es dort nur Stress, dann werden einem Drogen untergejubelt, man wird unfreiwillig zum Schmuggler und dann fast erwürgt. Gott sei Dank, haben die uns nicht erwischt.“ „Ja, da hast du ausnahmsweise mal Recht, Kleiner. Wie geht’s deinem Hals? Sieht nicht grad nett aus, mit den blauen Flecken. „Alles klar. Ähm, danke.“ „Für was denn?“ „Na du hast mir die Nacht wieder einmal das Leben gerettet.“ „Ach schon gut, Kleiner. Dafür bin ich doch da. Ich habe dir doch damals versprochen, auf dich auf zu passen.“ „Trotzdem danke.“ Und wieder herrschte Schweigen. Jeder der beiden hing seinen eigenen Gedanken nach und wartete auf die nächste gute Welle.

 

Nach geraumer Zeit und ein paar schwache Wellen später tippte Joey seinen Bruder an. „Sag mal, der Kleine da vorn, ist das nicht der Junge, der gestern Abend in unserer Küche saß? Der sieht aus, als könnte er ein paar Tipps gebrauchen.“ „Ja, ich glaube du hast Recht. Lass uns mal nachsehen.“ „Hey Mick, ich hab immer Recht.“ lachte Joey. So paddelten die beiden zu der Stelle und fanden tatsächlich Buster. Sie verbrachten die nächsten Stunden damit, dem Jungen die Grundregeln des Surfens beizubringen, zumal an diesem Tag ausnahmsweise in La Jolla die optimalen Bedingungen für Anfänger herrschten.

 

In den nächsten zehn Tagen war super Wetter, gute Wellen und sehr viel los am Strand. So hatten die Brüder den ganzen Tag im Laden zu tun. Und nach Feierabend ging Joey mit Buster immer ein bis zwei Stunden raus um ihm das Surfen richtig beizubringen. Buster machte große Fortschritte. Abends unternahmen sie meistens zu viert mit Lisa noch etwas.

 

18. Juli

Doch am nächsten Tag, es war Freitag, war es sehr windig. Es gab richtig große Wellen und Joey überredete seinen Bruder, den Laden schon mittags zu schließen und raus zu fahren. Zu seiner Verwunderung musste er Mick noch nicht einmal lange bitten. Als sie auf dem Weg zum Strand waren, kam ihnen Buster entgegen. „Nehmt ihr mich mit? Bitte.“ Mit flehendem Blick sah er die beiden an. Joey antwortete: „Nein. Du bleibst hier draußen. Zusehen und lernen, ist das Motto.“ „Ich möchte aber mitkommen.“ „Nein, Buster, die Wellen sind heute zu extrem für einen Anfänger. Außerdem ist die Strömung dann zu stark und du weißt, was ich dir über das Riff erzählt habe?“ „Ja, aber ich möchte doch…“ „Nein!“ fiel ihm jetzt auch Mick ins Wort. „Joey hat Recht. Das ist noch nichts für dich. Da fehlt dir noch die Erfahrung. Es ist einfach zu gefährlich. Dieses Risiko können wir nicht eingehen. Sorry, Kleiner.“ Und schon waren die beiden auf dem Weg weiter zum Wasser, als Buster ihnen hinterher kam. „Bitte.“ Sagte der Junge. Joey drehte sich um: „Nein! Du bist noch nicht so weit. Versteh das doch und versprich mir, das du hier bleibst.“ Der Junge sah ihn an, als Joey seine Bitte wiederholte. „Versprich es mir!“ „Ja, ich werde hier bleiben.“ Der junge Mann zwinkerte ihm noch einmal zu und dann stürzte er sich mit seinem Bruder in die Fluten.

 

Nach einer Stunde und sehr viel Spaß später bemerkte Joey einen Surfer, der völlig überfordert und viel zu weit am Riff war, als er ins Wasser stürzte. „Buster! Mick!“ Ehe sein Bruder verstand, was er von ihm wollte, war Joey schon auf dem Weg dorthin, wo der Surfer ins Wasser fiel. Joey sprang hinterher und sah den anderen noch hinabsinken, doch seine Sicherheitsleine, mit der sich das Board am Fuß festmachen lässt, war einfach zu kurz, um bis an den Jungen heranzukommen. So musste Joey erst einmal wieder auftauchen, als gerade sein Bruder an der Stelle ankam. Hektisch nestelte Joey die Leine von seinem Knöchel und rief Mick zu: „Es ist wirklich Buster. Ich hol ihn hoch!“ „Sei vorsichtig!“ Doch da war Joey schon untergetaucht. Er schwamm und schwamm, bis er endlich bei dem Jungen angekommen war. Er packte ihn unter den Armen und wollte gerade wieder auftauchen, als ihn die Strömung erfasste, Buster aus seinen Armen gerissen und er gegen das Riff gedrückt wurde. Sofort schwamm er dem Jungen wieder hinterher und packte ihn erneut. Auf Grund von Luftmangel stieß er sich mit der linken Hand von dem scharfkantigen Riff ab, als die Strömung ihn wieder erfasste. Doch er schaffte es noch nach oben an die Wasseroberfläche, wo Mick in einiger Entfernung besorgt darauf wartete, dass sein Bruder endlich wieder auftauchte. Joey schoss aus dem Wasser, nur um kurz darauf von dem Gewicht des Jungen wieder nach unten gezogen zu werden. Doch er behielt die Kontrolle und sein großer Bruder hatte ihn bemerkt. Dieser steuerte sofort auf ihn zu, als Joey wieder mit Buster im Arm auftauchte. „Mick, hilf mir mal, bitte.“ Der angesprochene hievte den Jungen auf sein Board. „Bring ihn an Land, ich komm nach.“ Als sich Mick nicht in Bewegung setzte, schrie ihn sein Bruder an. „Los mach schon! Er braucht einen Arzt. Ich komm schon klar.“ „Aber deine Hand. Du blutest.“ „Das ist nichts. Mach schon!“ Mick paddelte widerwillig los und Joey suchte sein Brett. Doch er konnte es nicht finden. Da kam ein anderer Surfer, den er nicht kannte, der aber die ganze Sache beobachtet hatte. „Kann ich dir helfen? Taxi ist da.“ „Danke.“ Sagte Joey kraftlos, während er versuchte genügend Sauerstoff in seine Lungen zu bekommen und auf das Board des Fremden zu krabbeln. Als dieser sah, dass er blutete half er ihm. Völlig entkräftet hing der junge Mann auf dem Brett und wurde an Land gebracht. Dort rutschte er vom Brett in das knietiefe Wasser und hatte Mühe nicht von den Wellen von den Beinen gerissen zu werden, während er so schnell wie möglich an Land watete. Der Fremde folgte ihm bis zu Buster, den mittlerweile der Rettungsdienst versorgte. Als Mick seinen Bruder bemerkte, stürzte er auf ihn zu. „Joey, ist alles okay?“ Dieser hielt sich an Mick fest, und versuchte zu Buster zu humpeln. „Hey Joey, was ist mit dir? Geht es dir gut?“ „Nein. Ich…ich kann nicht mehr.“ Mit diesen Worten versuchte er sich an seinem großen Bruder fest zu krallen, ehe er auf den harten Sand fiel. Mick fing ihn auf und legte ihn vorsichtig auf den Rücken. „Joey, sag doch was! Joey? Hey, Sanitäter!“ Einer kam sofort angerannt und sah sich den jungen Mann an, der in Micks Schoß lag und sich nicht mehr rührte. Mick hielt seinen Bruder ganz fest und strich ihm über die Brust, als er einen Widerstand bemerkte. „Verflucht!“ Mick drehte den jungen Mann auf die Seite, um den Surfanzug zu öffnen und auszuziehen. Mit freiem Oberkörper lag Joey nun wieder auf Micks Schoß und man konnte die vielen Schnittwunden sehen, die er sich am Riff zugezogen hatte. „Oh Joey. Buster wird eine Menge Ärger bekommen.“ Und an den Sanitäter gewandt: „Wie geht es dem Jungen?“ „Er ist okay. Er hatte Glück, das so schnell Hilfe da war. Aber wir bringen ihn trotzdem ins Krankenhaus. Er sollte sich aber bald bei seinem Retter bedanken.“ Der Mann untersuchte Joey weiter, als er eine tiefe Schnittwunde am rechten Unterschenkel feststellte, die sehr stark blutete. „Er muss sofort in ein Krankenhaus. Möchten sie mitfahren?“ „Ja, bitte.“

 

Nachdem die Ärzte Joey eine Stunde wieder zusammengeflickt hatten, wurde er in ein Einzelzimmer verfrachtet. Mick gesellte sich zu dem Arzt. „Hey Doc, sagen sie mir Bescheid, wenn der Junge wieder aufwacht?“ „Ja, wissen sie, wie ich seine Mutter erreichen kann?“ „Nein, nicht wirklich. Rufen sie im Cheers an. Sie arbeitet dort. Ihr Name ist Lisa Payne. Ähm Doc, wie geht es meinem Bruder?“ „Er ist sehr erschöpft. Und wie es aussieht, hat er sich wohl auch vor Kurzem eine Rippe angebrochen. Er steht unter Schock. Hatten sie in letzter Zeit irgendwelche Probleme?“ „Ja, aber, …“ „Ist schon in Ordnung. Wir haben ihm ein Schlafmittel gegeben. Vor morgen früh wird er sicherlich nicht aufwachen.“ „Okay, dann brauchen sie Miss Payne nicht anrufen. Ich werde sie selbst informieren. Ich denke, das ist besser.“

 

Als Mick in dem Lokal ankam, sah er auch schon Lisa. „Hallo Mick, was verschlägt dich denn hierher?“ „Es geht um Buster. Und Joey.“ „Was ist passiert?“ „Es war ein Unfall. Sie sind im Krankenhaus.“ „Oh mein Gott.“ „Immer mit der Ruhe. Buster geht es gut.“ „Und Joey?“ „Er hat mehrere Schnittwunden.“ „Was ist passiert?“

Mick erzählte ihr die ganze Geschichte auf dem Weg zum Hospital. „Oh man, der Junge wird tierischen Ärger bekommen.“ „Lisa, kann ich dich um einen Gefallen bitten?“ „Was denn?“ „Bestrafe ihn nicht zu hart. So wie ich meinen Bruder kenne, wird er sich noch genug anhören können. Oder besser gesagt, Buster wird ohnehin genug von seinem schlechten Gewissen bestraft werden.“ „Soll das heißen, ich soll ihm das so einfach durchgehen lassen?“ „Nein, du kannst ruhig böse mit ihm sein. Schließlich hat er es ja auch verdient. Aber wenn mich nicht alles täuscht, wird er mit Joey noch genug Probleme bekommen.“

 

Schon eine Stunde später war Mick mit Lisa wieder im Krankenhaus. Sie betraten gerade Busters Zimmer, als dieser langsam aufwachte. Lisa stürzte sofort auf ihn zu. „Buster, wie geht es dir?“ „Ich glaube ganz gut. Wo bin ich hier?“ „Im Krankenhaus.“ „Was ist denn passiert?“ Da mischte sich Mick ein und er klang ziemlich sauer: „Du hast dein Versprechen gegenüber Joey und mir gebrochen.“ „Tut mir Leid.“ „Mit diesem Spruch wirst du nicht weit kommen. Buster, du hast es versprochen. Und wir haben dir vertraut.“ „Wo ist Joey?“ Ehe Lisa auch nur einmal Luft holen konnte, antwortete schon Mick: „Er liegt zwei Zimmer weiter.“ „Was?“ Buster verstand nun gar nichts mehr. Mick trat näher und klärte ihn auf: „Du hast die Kontrolle verloren, bist einfach nicht mehr aufgetaucht. Und das hat Joey mitbekommen. Er hat dich hoch geholt und sich dabei verletzt. Jetzt liegt er mit mehreren Schnittwunden nebenan und … schläft.“ Der Mann ist sehr ruhig geworden. „Ich werde jetzt mal nach ihm sehen.“ „Aber er wacht vor morgen nicht auf,“ erwiderte Lisa. „Er ist mein Bruder, was erwartest du von mir? Das ich ihn einfach so im Stich lasse?“ „Nein. Entschuldige. Dürfen wir mitkommen?“ Mick sah erst Lisa, dann Buster an, ehe er antwortete: „Von mir aus. Aber der Arzt hat gesagt, der Junge soll es ruhig angehen lassen. Ich denke, wir sollten auf ihn hören.“

 

Die drei betraten Joeys Zimmer. Er lag auf dem Rücken, viele Pflaster übersäten seinen Körper. In seinem rechten Arm steckte die Nadel an deren anderem Ende der Tropf hing, die linke war verbunden und etwas hochgelegt. Er schlief. Als Buster das Bild sah, wurde ihm übel und er begann zu weinen. „Joey, es tut mir so leid. Das wollte ich nicht. Wenn …“ weiter konnte der Junge nicht sprechen. Seine Mutter hielt es für besser, ihn wieder in sein Zimmer zu bringen. Mick nahm sich einen Stuhl und setzte sich an das Bett. Er nahm die unverletzte Hand seines Bruders und hielt sie einfach nur fest. Als Lisa wieder das Zimmer betrat, war Mick schon eingeschlafen.

 

Am morgen wachte Mick auf, weil ihn sein Rücken fast umbrachte. Er ging in Busters Zimmer, und als ob er es nicht schon geahnt hätte, fand er dort Lisa schlafend vor. Leise weckte er sie und die beiden gingen einen Kaffee trinken. „Wann wird Joey aufwachen?“ fragte sie. „Ich weiß es nicht, aber lange wird es nicht mehr dauern. Ich werde jetzt auch gleich wieder zu ihm gehen.“ Hast du was dagegen, wenn ich mit Buster nachkomme?“ „Nein.“ Und es dauerte auch nicht mehr lange, da kamen die beiden. Buster war entlassen worden. Nun warteten sie zu dritt, dass der junge Mann endlich erwachte.

Mick setzte sich wieder ans Bett und hielt Joeys Hand, als er langsam die Augen aufschlug. „Hey kleiner Bruder. Auch mal wieder wach?“ „Krankenhaus?“ „Yep. Mal wieder. Wie fühlst du dich?“ „Nackt. Und kalt.“ Mick deckte ihn etwas zu und setzte sich wieder. „Joey, du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt. Ich habe dir doch das letzte Mal schon gesagt, das du das nicht tun sollst.“ „Mick, beim letzten Mal wurde ich angeschossen. Ich denke, das kannst du nicht miteinander vergleichen. Wie geht es Buster?“ Da meldete sich der Junge: „Mir geht es gut. Danke Joey. Es tut mir Leid, ich hätte auf euch hören sollen.“ Joey sah ihn an und meinte kalt: „Ach ja? Das fällt dir aber zeitig ein. Meinst du wir labern nur Müll? Wir sind hier aufgewachsen. Zumindest ich. Wir wissen, wovon wir reden. Wie bist du eigentlich auf diese Schnapsidee gekommen? Argh!“ Während er sich aufregte, wollte sich Joey auch etwas aufsetzen. Doch noch ehe er soweit kam, war Buster schon aus dem Zimmer gelaufen. „Ich werde mit ihm reden.“ Bot sich Mick an und war schon verschwunden. Lisa setzte sich auf den soeben freigewordenen Stuhl und nahm seine Hand. „Danke Joey. Danke, dass du Buster gerettet hast. Ich weiß nicht, wie ich dir dafür danken soll.“ „Hol mich hier raus. Ich hasse Krankenhäuser.“ Die Frau lächelte. „Tut mir Leid, das kann ich nicht. Der Doc hat es mir verboten.“ „Wie lange?“ „Der Arzt sagt, dass du noch mindestens drei Tage bleiben musst. Aber wahrscheinlich dann doch wohl eine Woche.“ „Na toll.“ „Hey, wir werden jeden Tag hier sein.“ „Wer ist denn wir?“ „Na Mick, Buster und ich.“ „Aha, warte mal. Gestern…es war doch gestern, oder?“ „Ja.“ „Gut. Gestern musste Buster in die Schule, du arbeiten und irgendjemand muss ja auch noch den Laden schmeißen.“ „Hey Joey“, behutsam strich sie ihm über den Arm, „keine Angst. Ich habe Urlaub. Und Mick hat wohl schon eine Vertretung.“

 

Auf dem Gang:

„Hey Buster, warte doch mal“, rief ihm Mick hinterher. „Warum?“ „Ich will mit dir reden.“ „Ach ja? Willst du mich auch anmeckern. Ich habe ja begriffen, das ich Mist gebaut habe.“ „Oh Buster, komm, wir gehen was trinken. Was willst du denn? Ich gebe einen aus, und dann sprechen wir noch einmal in Ruhe darüber.“ „Ich hätte gern einen Schnaps.“ Mick blickte verwirrt. „War doch nur ein Scherz. Ich bekomme noch nicht einmal richtigen Kaffee. Aber ich hätte gern eine Coke.“ „Ist gebongt.“

Die beiden saßen in der kleine Cafeteria als Mick loslegte: „Hey Kleiner, ich weiß nicht warum du rausgefahren bist. Aber ich bin mir sicher, dass das nicht noch einmal vorkommen wird. Aber du wirst trotzdem noch eine Weile Joeys schlechte Laune ertragen müssen. Denke ich zumindest.“ „Was meinst du damit? Du weißt es nicht?“ „Nein. Er ist so anders die letzten paar Tage. Aber er bekommt sich schon wieder ein.“ „Bist du dir da so sicher Mick?“ „Ja. Ich kenne ihn. Das dauert nicht mehr lange. Aber bis er, wir, dir wieder vertrauen, wird es eine ganze Weile dauern.“ Buster meldete sich zu Wort: „Ich habe nichts geklaut. Ich habe niemanden umgebracht.“ „Hey, das hast du. Du hast unser Vertrauen missbraucht und es hätte auch sehr schnell gehen können mit dem…“ Mick sprach nicht weiter. Diesen Satz konnte er noch nie aussprechen. Doch Buster wusste schon, was er damit sagen wollte. „Mick?“ „Mmhh.“ „Wie kann ich, du weißt schon, was muss ich tun, damit mir Joey verzeiht?“ „Komm ihn besuchen.“ „Das ist alles?“ „Na ja, und dann braucht es noch Zeit.“ Für eine Weile schwiegen beide, bis Buster fragte: „Was ist eigentlich mit euren Eltern geschehen?“ „Sie wurden umgebracht.“ „Warum? Wie ist es passiert?“ „Buster!“ wurde der Junge gemahnt, „Ich will nicht darüber reden. Und Joey sicherlich auch nicht. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Also, tu dir selbst einen Gefallen und sprich uns nie wieder darauf an. Wenn es so kommen sollte, wirst du es schon erfahren.“

 

25. Juli

Die Tage darauf besuchten die drei wieder Joey, als der Arzt irgendwann Mick abfing. „Geht schon, ich komme gleich nach.“ Schickte er seine Freunde los. „Was ist denn los? Geht es Joey nicht gut?“ „Keine Sorge, ich hatte nur schon die Tage das Gefühl, das ihn irgendetwas beschäftigt. Und diese Nacht hat er, wie schon die letzten, nicht schlafen können. Als er hier ankam, war er sehr, sagen wir mal, erschöpft. Als hätte er schon länger nicht mehr richtig geschlafen. Oder eben viel Stress. Deswegen habe ich sie …“ „Was wollen sie mir damit sagen, Doc?“ „Irgendetwas beschäftigt ihren Bruder. Und zwar sehr. Sie sollten dringend mit ihm darüber reden. Ich denke, sie sind der einzige, den er in dieser Situation an sich heran lässt.“ „Aha.“ „Mister Barrett, Joey darf heute nach Hause. Haben sie ein Auge auf ihn. Und in einer Woche wollen wir ihn noch einmal wegen der Verletzungen sehen.“ „Das sind ja gute Nachrichten. Weiß er es schon?“ „Nein, ich dachte, sie würden es ihm gern selbst sagen.“ „Danke, Doc.“

 

Am Abend bei den Barretts:

Die Brüder saßen auf der Couch, als es an der Tür klingelte. Mick sprang auf und ließ ihre Freunde ein. „Hey Joey“, sagte Buster, „ich habe dir etwas mitgebracht.“ Der Junge überreichte seinem Freund ein paar Burrito. „Danke, Buster. Aber ich habe keinen Hunger. Ich werde sie später essen.“ Mick horchte auf. „Hey Joey, was ist denn los?“ „Nichts, was soll denn sein?“ „Was? Du hast eigentlich immer Hunger. Und die beiden haben gerade genug von deinem Lieblingsessen angeschleppt, um dich drei Tage damit zu versorgen. Und nun hast du keinen Hunger?“ „Ja, mir ist eben nicht danach.“ Verdutzt sah Mick ihn an. Nun wusste er, dass der Doc Recht hatte und etwas nicht stimmte. Also fragte er Lisa: „Könntet ihr uns bitte allein lassen?“ „Aber klar doch. Sehen wir uns morgen?“ Buster fragte: „Ist er immer noch wegen des Unfalls sauer?“ „Nein, ich denke, das ist nicht das Problem. Wir sehen uns.“

Nachdem sich die beiden verabschiedet hatten, setzte sich Mick wieder zu seinem Bruder. „Hey Joey, willst du darüber reden?“ „Nein.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Eigentlich nicht, aber ich denke, wenn ich es nicht tue, wirst du mich entweder foltern oder ich werde nie wieder…“ „Joey, was ist mit dir los?“ „Oh man, wenn ich das selbst wüsste.“ „Versuch es mir zu erklären.“ „Ich…ich…tut mir leid, es geht nicht.“ „Hey, immer langsam, wenn du nicht willst, dann lass es. Ich bin der letzte, der dich drängen würde. Ich kenne dich doch.“

 

Nachts:

Mick wurde von etwas wach, das er erst nicht einordnen konnte. Dann lauschte er. „Nein, nicht!“ konnte er hören. ‚Joey!’ schoss es ihm durch den Kopf. Sofort sprang er auf, um in das Nebenzimmer zu rennen. Dort wälzte sich sein Bruder im Bett hin und her. „Nein, tu das nicht. Nein! Lisa! …“ Mick ging zu seinem Bruder und rüttelte ihn wach. Aufrecht saß Joey im Bett, während er noch immer vor sich hin flüsterte: „Nein, nein, das darf nicht sein.“ Mick nahm ihn in den Arm und sprach auf ihn ein. „Hey Kleiner, ist ja gut, ich bin ja hier. Das war nur ein Traum.“ „Mick?“ „Ja, was ist passiert?“

„Da war so ein Kerl, der wollte Lisa umbringen. Aber ich stand zu weit weg, konnte nichts tun. Ich musste einfach nur zusehen. Es war schrecklich.“ „Aber es war nur ein Traum, Joey.“ „Ja, aber es war so real.“ „Versuch trotzdem noch etwas zu schlafen...“

 

26. Juli

Am nächsten Morgen stand Mick schon zeitig auf und musste feststellen, dass sein Bruder gar nicht in der Wohnung war. So ging er raus und fand ihn am Strand sitzend vor. Da machte Mick zwei Becher Kaffee und gesellte sich zu Joey.“ Guten Morgen. Schon so früh auf den Beinen? Hier, für dich.“ „Morgen!“ Der junge Mann nahm den Becher und sah weiter aufs Meer. Joey wollte offenbar nicht reden, so hing jeder nur seinen Gedanken nach.

 

„Hey, Kleiner, die Arbeit ruft. Ich lass dich noch etwas allein.“

Zum Mittag saß Joey immer noch am Strand. Er kam nur einmal kurz vorbei um auf die Toilette zu gehen und sich noch etwas zu Trinken zu holen. Am Nachmittag bekam er einen Anruf. Nachdem er aufgelegt hatte, sah er Mick kurz in die Augen und humpelte wieder nach draußen. Der ältere Mann hatte nur einmal diesen Ausdruck in Joeys Augen gesehen. Am Tag als ihre Eltern starben. So stieg seine Sorge noch weiter an.

Am Abend, Joey wollte gerade zu Bett gehen, hielt Mick ihn auf. „Joe, was ist los mit dir?“ „Nichts.“ „Joseph! Rede jetzt mit mir darüber, bitte.“ „Nein, Gute Nacht.“ Mick folgte ihm. „Joey, bitte. Ich möchte dir helfen.“ „Hast du dir vielleicht schon mal überlegt, dass du mir nicht immer helfen kannst? Oder dass ich deine Hilfe dieses Mal gar nicht will? Hast du dir das mal ... autsch, verfluchte Scheiße!“ schrie Joey seinen Bruder während er über seine Sportsachen stolperte.

 

Mick saß nach dieser Abfuhr von seinem Bruder noch eine Weile draußen, als Lisa vorbei kam. „Hey Mick, so spät noch auf? Wo ist Joey? Wie geht’s ihm heute?“ „Er ist im Bett und ich habe absolut keine Ahnung was mit ihm los ist. Er ist so anders, still, zieht sich zurück und heute Nachmittag bekam er einen Anruf. Seitdem ist es noch schlimmer.“ „Vielleicht sollte er mal hier weg. In den Urlaub, in die Berge.“ „Ja, vielleicht hast du Recht.“ „Ich habe da eine Idee. Meine Schwester hat mich zu ihrem Geburtstag eingeladen. Sie wohnt in Minnesota, etwas abgelegen. Ist schön ruhig dort, genau richtig um sich zu erholen. Wollt ihr mitkommen?“ „Klingt gut, aber hat sie da nichts dagegen?“ „Nein, ich soll meinen Freund sowieso mitbringen.“ „Du hast einen Freund?“ „Nein, und genau das ist ja das Problem.“ Mick verstand gar nichts mehr. Lisa erklärte: „Meine Schwester nervt mich immer. Und wenn ich ihr sage, das ich noch solo bin, muss ich mir eine Standpauke anhören und sie versucht mich zu verkuppeln.“ „Ach, und da soll jetzt einer von uns beiden als dein Freund einspringen?“ „Das könnte ich niemals verlangen, aber wenn sie sieht, dass Buster eine neue männliche Bezugsperson hat, oder zwei, dann lässt sie mich vielleicht in Ruhe.“ „Ich werde Joey morgen mal fragen, aber nicht enttäuscht sein, wenn wir dann doch nicht mitkommen.“ „Nein, war ja nur so eine Idee.“ „Wann wäre es denn?“ „Kommendes Wochenende. Ich werde aber mit Buster schon morgen Nachmittag fliegen und die ganze nächste Woche dort Urlaub machen.“ „Mh, Buster hat ja jetzt Ferien, aber du, musst du denn nicht arbeiten?“ „Ähm, nein. Ich habe gerade gekündigt.“ „Und nun?“ „Ich weiß noch nicht. Wenn wir wieder zurück sind, werde ich mir wohl was Neues suchen müssen.“

 

27. Juli

Am nächsten Morgen wurde Joey mit einem leckeren Frühstück geweckt. Verwirrt sah er das Essen an und dann seinen Bruder. „Bin gleich wieder da. Muss nur mal eben schnell telefonieren.“ Joey lauschte. „Ja, ab morgen. Und nächste Woche...Ja, dann sind wir quitt.“ Dies alles lies den jungen Mann nur noch mehr rätseln. Als der ältere wieder ins Zimmer kam, sah ihn Joey völlig verwirrt an. „Mick, was geht hier vor?“ „Also kleiner Bruder. Was hältst du von Urlaub?“ „Ähm, laut des Arztes hab ich den schon.“ „Nein, ich meine richtigen Urlaub. Lisa hat uns eingeladen, mit nach Minnesota zu ihrer Schwester zu kommen. Sie hat wohl Geburtstag und einer von uns soll ihren Freund spielen. Sie hat ihrer Schwester nämlich erzählt, das sie jemanden gefunden hat.“ „Aha, und wer von uns ist der Auserwählte?“ „Ist egal.“ Joey biss erst mal in sein Brötchen und sah Mick ernst an. „Willst du oder soll ich?“ „Na ja, ich hatte gedacht, das du das vielleicht übernehmen könntest.“ Joey grinste: „Okay, wird bestimmt lustig. Aber was ist mit dem Laden? Sind ja schließlich Ferien.“ „Kevin kommt morgen, der macht das schon.“ „Du willst das wirklich Kev überlassen?“ „Na, schlimmer als du kann er ja nicht sein. Außerdem haben wir doch eine gute Versicherung“, erklärte Mick. Da klingelte es an der Tür. “Das wird Lisa sein. Sie fliegt heute schon mit Buster. Ich werde ihr sagen, dass wir nachkommen. Tun wir doch, oder?“ „Yep, aber sag ihr nicht, das ich mitspiele. Ich will ihr dummes Gesicht sehen.“ „OK.“

 

Als Mick wieder nach oben kam, stand Joey am Fenster und starrte hinaus. Mick stellte sich neben ihn: „Ich habe die Adresse. Sie erwartet uns morgen Abend. Und sie hat keine Ahnung.“ „Gut.“ Und nach einer Weile fügte der junge Mann leise hinzu: „Mick, wirst du heute mitkommen?“ „Was denn? Wohin?“ „Mick, heute ist der 27. Juli. Wohin denn wohl?“ Da erinnerte sich Mick wieder, dass vor achtzehn Jahren ihre Eltern gestorben waren. „Aber natürlich komme ich mit. War es das, was dich gestern so beschäftigt hat?“ „Auch, es ist noch mehr. Aber ich muss das allein hinbekommen, verstehst du?“ „Ja, ist schon OK. Fahren wir nach dem Mittag los?“ Als Joey nickte machte sich Mick auf in den Surfshop um alles für Kein vor zu bereiten.

 

Als die beiden am Grab ihrer Eltern standen, begann Joey auf einmal zu weinen. Mick war überrascht und er überlegte, wann er seinen Bruder das letzte Mal so gesehen hatte. Sie hatten in den letzten Jahren zwar viele schlimme Sachen gesehen oder erlebt, aber nie hatte etwas davon Joey so sehr mitgenommen. „Soll ich dich allein lassen?“ fragte er deshalb. „Nein, bitte bleib. Auch wenn ich es dir nicht sagen kann, noch nicht, ich möchte nicht allein sein.“ Mick legte einen Arm um seinen Bruder und hielt ihn fest, während Joey einfach nur seinen Tränen freien Lauf lies.

 

28. Juli

Am nächsten Morgen fuhren sie zeitig los. Joey war im Auto wieder eingeschlafen. So früh aufzustehen war einfach nicht sein Ding. Zu seinem Vorteil konnte er einfach überall schlafen. So wurde er erst wach, als sie gegen zwölf hielten, um etwas zu essen. „Sag mal Mick, sollte ich nicht eigentlich zum Arzt?“ „Ja, aber er meinte, ein anderer kann dich genausogut untersuchen. Es ist ja nur eine Routinekontrolle.“

 

Es war schon neunzehn Uhr, als sie endlich bei Lisas Schwester ankamen. Diese machte die Tür auf und begrüßte sie: „Hallo, ihr müsst Mick und Joey sein. Ich bin Sally Miller. Kommt doch rein, Lisa und Buster sind hinter dem Haus.“ Die beiden Männer liefen Sally hinterher. Als sie den Aussicht sahen, die sich ihnen bot, meinte Joey beeindruckt: „Wow, es ist wunderschön hier!“

Sie blickten auf einen kleinen See mit sehr viel Wald drum herum und eine große Wiese, die bis zum Seeufer reichte. „Und, wer von euch ist nun Lisas Freund?“ „Lassen Sie sich überraschen.“ Die beiden liefen zum See. Joey humpelte vor sich hin. „Was haben sie denn angestellt? Oder, wartet mal, Joey, Sie sind der, der Buster gerettet hat.“ „Ja, das war ich.“ „Danke. Da hat er wirklich Mist gebaut.“ „Schon gut.“

Lisa und Buster lieferten sich eine Wasserschlacht und hatten ihre Freunde noch gar nicht bemerkt. „Hey Mick, ich glaube, Buster könnte etwas Hilfe gebrauchen.“ Er sah seinen Bruder an. „Nun mach schon. Und tauch Lisa mal so richtig unter, mit schönen Grüßen von mir.“ „OK.“ „Ach Mick, komm mal her.“ Da flüsterte ihm Joey ins Ohr: „Warn Buster vor, was wir mit Lisa geplant haben. Zwei verdutzte Gesichter lassen sich wohl schlecht erklären.“ „Yep, is’ gebongt.“ Joey setzte sich vorsichtig auf die Wiese und beobachtete, wie die drei im Wasser tollten. Sally nahm neben ihm Platz und reichte ihm ein Bier. “Sie würden wohl auch gern mitmischen?” „Ja, aber noch darf ich nicht. Aber am Montag, wenn der Arzt sagt, das alles in Ordnung ist, wird mich nichts und niemand davon abhalten können.“ „Warum bis Montag warten? Mein Mann kann sich ihre Wunden ja mal ansehen. Er ist Chirurg im hiesigen Krankenhaus.“ „Das wäre super. Ist er nicht jetzt schon da?“ Sally lachte: „Nein, er hat Dienst.“ „Schade eigentlich.“ Da sah Joey, das Lisa allein in Richtung Ufer geschwommen kam. Er hörte Buster lachen, sah ihn winken und dann kamen auch die anderen beiden an Land.

Joey erhob sich und humpelte auf Lisa zu. Als sie direkt vor ihm stand, nahm er sie in den Arm und begrüßte sie: „Hallo, Schatz, du hast mir gefehlt.“ Lisa sah ihn verwirrt an und bevor sie etwas sagen konnte, küsste Joey sie zärtlich. Als er wieder von ihr abließ sah sie ihn erstaunt an. Da flüsterte er ihr ins Ohr: „Mick sagte, du suchst einen Freund.“ Jetzt begriff sie. „Danke Joey.“ Flüsterte sie und küsste ihn noch einmal kurz auf die Wange, als Buster auftauchte. „Hey Joey, wie war die Fahrt?“ „Anstrengend und ich habe Hunger.“ „Na dann, lasst uns doch zu Abend essen!“

 

Nach dem Essen wurden die Gästezimmer aufgeteilt. Buster und Mick bekamen jeder ihr eigenes, Joey und Lisa sollten im großen Zimmer schlafen. Mick grinste in sich hinein, als sich das ‚Paar’ ansah. Doch sie räumten ihre Sachen erst einmal ein. „Joey“, begann Lisa, „ich glaube, wir hätten meiner Schwester doch nichts vorspielen sollen.“ Die beiden standen vor dem großen Doppelbett und wussten nicht so Recht, was sie tun sollten. Joey wog die Alternativen ab und meinte dann: „Wird schon gehen. Ich habe kein Problem damit. Welche Seite willst du?“ „Ähm, sicher? Ich trete und rede im Schlaf.“ Ja, sicher. Manchmal erzähle ich auch. Und außerdem kann ich dich doch nicht der Ungnade von Miss Sally Miller ausliefern. Ich weiß doch, wie nervig große Geschwister sein können.“ „Danke. Ich nehme die linke Seite.“ „Gut, da das ja nun geklärt ist, können wir ja wieder runter gehen und noch ein Bierchen trinken. Komm, ich lad dich ein, mein Schatz.“ Lachend gingen sie Arm in Arm wieder in den Garten.

 

Lange hielt es Joey allerdings nicht mehr aus, bevor er auf der Bank neben Lisa an die Frau gelehnt einschlief. Lisa gähnte herzhaft, bevor sie sagte: „Ich glaube, wir gehen jetzt am besten schlafen. Schatz aufwachen.“ Als Joey die Augen aufschlug, war er etwas verwirrt, aber irgendwie gefiel es ihm. So erhob er sich, verabschiedete sich von allen und ging mit Lisa ins Haus. Mick und Buster sahen ihnen erstaunt hinterher.

Im Zimmer angekommen, zog sich Joey sein Shirt und seine Hose aus und stand nun nur noch in Shorts vor Lisa, als diese nur in kurzem Shirt und ebenfalls Shorts aus dem Bad kam. Sie standen sich gegenüber vor dem Bett und keiner brachte ein Wort hervor. Joey fing sich als erster: „Wow, du siehst wohl auch in allem gut aus. Ähm, soll ich mir noch was überziehen?“ „Nein, ist schon ok so. Ich habe nur, ich ...“ „Was ist denn?“ Lisa hob ihre Hand und berührte vorsichtig einer der vielen frischen Narben auf Joeys Brust. Er nahm ihre Hand in seine und hielt sie fest. „Ist schon in Ordnung. Es tut auch nicht mehr weh. Sieht nur noch ein bisschen komisch aus.“ „Aber wenn Buster auf euch gehört hätte oder wenn du nicht da gewesen wärst, dann...“ Joey merkte, dass der jungen Frau die Tränen kamen und nahm sie in den Arm. “Sht, ist doch nichts weiter passiert. Ich lebe doch noch. Komm schon, leg dich hin und schlaf. Wenn du möchtest, kann ich mich auch auf den Fußboden verdrücken.“ „Nein, bitte nicht.“ Die beiden legten sich ins Bett, als Lisa wieder anfing: „Wenn ich nur wüsste, wie ich dir danken könnte.“ „Aber das hast du doch schon. Du hast uns hierher gebracht. Das ist mehr als genug. Und jetzt schlaf.“ Joey drückte noch einmal ihre Hand und dann drehte er sich um. Doch einschlafen konnte er nun nicht mehr. Er dachte wieder einmal über die Geschehnisse der letzten drei Wochen nach, über Mick, ihre Eltern, Lisa und das Kribbeln auf seiner Haut, als sie ihn berührte und über, nein, so weit wollte er nicht denken. So fiel er dann in einen unruhigen Schlaf.

 

29. Juli

Lisa wachte schon zeitig auf, schlich sich aus dem Zimmer und machte Frühstück, als Mick in die Küche kam. „Guten Morgen. Möchtest du auch einen Kaffee?“ „Ja, gern.“ Die beiden setzten sich an den Tisch und tranken, als Mick anfing: „Na, wie war die Nacht? Hat er dich im Schlaf vollgelabert?“ „Nicht direkt, aber ich glaube, Joey hatte einen Albtraum.“ „Was denn, schon wieder?“ „Hat er so was denn öfter?“ „In letzter Zeit schon. Neulich ist er sogar schreiend aufgewacht. Es dauerte ziemlich lange, bis er sich wieder beruhigt hatte. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Er redet auch nicht darüber.“ Besorgt sah er Lisa an. „Von was träumt er denn?“ „Keine Ahnung, wir teilen uns ja kein Bett“, grinste Mick. Nach einer Weile fragte Lisa. „Wer ist Ray?“ „Ray?“ „Ja, oder so ähnlich.“ „Ray ist ein alter Schulfreund von Joey. Die beiden haben früher eine ganze Menge dumme Sachen angestellt. Sie sind noch heute gute Freunde. Aber warum fragst du?“ „Er hat diese Nacht ein paar Mal diesen Namen gesagt.“

Plötzlich wurden sie von Sally unterbrochen. „Guten Morgen, habt ihr nicht gut geschlafen?“ „Doch, doch.“ „Na dann, lasst uns richtig frühstücken. Der Rest der Bande kommt auch gleich.“

 

Als Joey aufstand, hörte er viele Stimmen. Noch etwas verschlafen ging er den Geräuschen nach bis er in der Küche stand. Was er dort sah, lies seine Kinnlade herunterfallen. Sally wuselte in der Küche herum, Lisa half ihr, Mick jagte einen kleinen Jungen um den Tisch und Buster spielte Pferd für ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen. Nur ganz hinten in der Ecke saß ein gut aussehender, sympathischer Mann, der Kaffee trank und so tat, als wäre das Chaos das normalste der Welt. „Kann mich mal jemand kneifen? Ich glaub ich schlafe noch“, sagte Joey, und zog damit sämtliche Augenpaare auf sich. Lisa kam auf ihn zu und tat, was er wünschte. „Aua, wohl doch kein Traum.“ „Nein, die Wahrheit. Hätte ich dich vorwarnen sollen?“ „Ja, das wäre nett gewesen.“ „Nun, du hast mich gestern auch im Regen stehen lassen“, grinste Lisa, dann fügte sie hinzu: „Guten Morgen, mein Süßer“ und gab ihm einen Kuss.

Der Mann aus der Ecke kam auf Joey zu und stellte sich vor: „Hallo, ich bin Steven, Sallys Mann und unsere Kinder kennst du wohl auch noch nicht. Das ist Matthew, Matt genannt. Er ist acht und unsere Tochter Kathy ist fünf.“ „Aha, ich bin Joey.“ „Ich weiß, und ich habe schon viel von Ihnen gehört. Essen Sie erst einmal was und danach werde ich mir Ihre Wunden ansehen.“

 

Eine Stunde später in Stevens Arbeitszimmer:

Joey und der Doc setzten sich, als dieser begann: „Zuerst einmal möchte ich Ihnen danken, das Sie Buster aus dem Wasser gefischt haben. Das war ihm eine Lehre und er hat ein sehr schlechtes Gewissen.“ „Ja, ich weiß, aber ich bin immer noch etwas sauer auf ihn.“ „Und das zu Recht, finde ich. Sagen Sie, wie lange sind Sie eigentlich schon mit meiner Schwägerin zusammen?“ „Noch nicht sehr lange.“ „Also ich schätze, seit gestern Abend. Habe ich Recht?“ Als Joey nicht antwortete, fügte Steven hinzu: „Keine Angst, ich werde Sally nichts davon erzählen.“ „Woher wissen sie das?“ „Heute morgen in der Küche. Wenn sie schon länger ein Paar wären, hätte sie von meinen Kindern erzählt. Keine Sorge, meine Frau hat nichts bemerkt. Und das wird sie auch nicht. Dafür freut sie sich viel zu sehr für ihre Schwester.“ „Gut, dann sagen Sie es ihr bitte auch nicht. Lisa wollte sich davor drücken, sich irgendwelche Standpauken anhören zu müssen. Und da hat sie eben uns gefragt. Da bin ich eingesprungen. Aber das wusste Lisa nicht. Sie hätten mal ihren Blick sehen sollen, gestern Abend, als ich sie begrüßt habe.“ „Nun, ich denke mal er war in etwa so wie Sie vorhin in der Küche ausgesehen haben.“ Nun mussten beide lachen. Steven untersuchte Joey und seine Diagnose war auch für den jungen Mann sehr erfreulich. „Also, es ist alles gut verheilt. Sie können heute gern baden gehen. Aber seien Sie mit ihrem Bein trotzdem noch vorsichtig. Die Wunde war sehr tief.“ „Danke, Steven.“ Sie gingen zur Tür, als der Arzt Joey zurück hielt: „Sie lieben sie, richtig?“ Nur zögerlich antwortet der jüngere: „Ja, aber bitte sagen Sie keinem etwas davon. Noch nicht einmal Mick weiß es. Er mag es zwar vermuten, aber ich rede auch mit ihm in letzter Zeit nicht viel. Und ehe ich mich wirklich festlege, muss ich erst noch über so einiges nachdenken.“ „Aber klar, das fällt unter ärztliche Schweigepflicht. Nur keine Sorge.“ „Danke. Kommen Sie mit, eine Runde schwimmen?“

 

Am Abend wurde Geburtstag gefeiert. Es waren noch ungefähr dreißig Gäste gekommen. Doch zu späterer Stunde verdrückte sich Joey in eine etwas abgelegenere Ecke am Seeufer, um sich dort niederzulassen. Mick flirtete mit Sallys Freundin und so bemerkte Buster Joeys Verschwinden als einziger. Er fragte Mick: „Sag mal, was ist denn mit Joey los?“ „Warum?“ „Na ja, er sitzt dort drüben allein rum und sieht nicht grad glücklich aus.“ „Ich werde mal nach ihm sehen.“

Langsam ging Mick auf seinen Bruder zu. Doch dieser schien ihn nicht zu bemerken. Aber erst als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, drehte er sich erschrocken um. „Hey Joey, was treibt dich denn hier rüber? Buster macht sich Sorgen.“ „Mir ist nicht so richtig nach feiern und hier kann man gut nachdenken.“ „Über was denn?“ „Ach Mick, es gibt so viele Fragen. Du weißt schon, diese Was – wäre – wenn – Geschichte.“ „Hey Kleiner, du kannst die Vergangenheit nicht ändern.“ „Ich weiß, aber ich kann über meine Zukunft entscheiden.“ „Du denkst über die Zukunft nach? Seit wann denn das?“ „Seit Kuba.“ „Oh, das erklärt einiges. Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“ „Zu noch keinem richtigen. Aber ich werde es dich wissen lassen.“

 

31. Juli

Die Party ging noch lange und am Sonntag mussten sich alle erst einmal erholen. So wurde es auch nicht allzu spät, bis die Gäste ins Bett gingen. Nachts wälzte sich Joey wieder hin und her und weckte damit Lisa. Sie drehte sich auf die Seite und beobachtete ihn. „Nein Ray, lass das! Wir können doch nicht...“ „Nein, ich werde nicht fahren! ... Ray, pass auf! Nein!“ Joey saß im Bett und rief immer noch: „Ray, Ray!“ ‚Oh mein Gott!’ schoss es Lisa durch den Kopf und sie versuchte Joey richtig wach zu bekommen. Sie rüttelte ihn an der Schulter und als er sie endlich mit glasigen Augen ansah, nahm sie ihn in den Arm: „Hey Joey, das war nur ein Traum. Beruhige dich wieder.“ „Nein, kein Traum.“ „Hey komm’ schon, wir gehen raus an die frische Luft, damit du wieder einen klaren Kopf bekommst.“ Joey lies sich aus dem Bett ziehen und ging mit Lisa hinaus. Buster war wach geworden und sah seine Mutter fragend an, als sie an seiner Zimmertür vorbei kamen. „Buster, weck bitte Mick und schick ihn in den Garten.“ „Was ist denn los?“ „Nun mach schon!“

Draußen angekommen setzte Lisa ihn erst einmal auf eine Bank und kniete sich vor ihren Freund. Sie hielt seine Hand und fuhr ihm zärtlich durch die Haare. „Hey Joey, sieh mich an. Du bist hier in Minnesota. Hier ist kein Ray, hier gibt es auch nichts anderes Schlimmes oder Gefährliches.“ „Ray.“ War alles was Joey antwortete. Lisa setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm. Er legte den Kopf an ihre Schulter und starrte vor sich hin, als Buster und Mick angelaufen kamen. „Was ist denn passiert?“ fragte Mick besorgt. „Ich weiß es nicht. Er hatte einen schlimmen Albtraum, redete von fahren und ruft immer wieder nach Ray.“ Mick sah seinen Bruder an. Er war völlig neben sich und starrte immer noch vor sich hin. „Lisa, lasst ihr uns bitte allein?“ Daraufhin ging Buster mit seiner Mutter in die Küche. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Mick setzte sich neben seinen Bruder und legte einen Arm um ihn. „Hey Joey, ich denke es ist an der Zeit, das du mir erzählst, was los ist.“ Joey sah seinen Bruder an und ein paar Tränen liefen über sein Gesicht. „Das war kein Traum. Ray, er ...“ „Was ist mit ihm?“ „Der Anruf, vor ein paar Tagen...“ „Ich erinnere mich, wer war das am Telefon?“ „Carry, Rays Schwester.“ Eine böse Vorahnung machte sich in Mick breit. Joey stand auf und machte ein paar Schritte. Sein Bruder war ihm dicht auf den Fersen, als er sich plötzlich umdrehte. „Mick, er wollte mich besuchen kommen. Aber auf dem Weg...“ Joey begann zu zittern, sein Bruder nahm ihn in den Arm und strich ihm sanft über den Rücken. „Was ist passiert?“ fragte er nach. „Es war ein Unfall. Ray, er ist, ... er ist tot. Mick, er ist einfach so tot!“ „Oh mein Gott. Warum hast du mir das nicht schon viel eher erzählt?“  „Ich konnte nicht. Entschuldige.“ „Ist schon gut, Kleiner.“ Mick hielt Joey einfach nur fest, da dieser von Weinkrämpfen nur so geschüttelt wurde. Langsam zog er den jüngeren Mann mit auf den Boden, wo sie aneinander festgekrallt noch bis zum Morgengrauen so saßen. Joey war irgendwann in Micks Schoß eingeschlafen.

 

01. August

Als das Frühstück fertig war, ging Lisa zu den beiden Männern um sie zu wecken. Mick war schon, oder besser gesagt, noch, wach. „Das Frühstück ist fertig. Kommt ihr?“ „Wenn du Joey wach bekommst“, meinte Mick. „Das ist kein Problem. Sieh zu und lerne.“ Sie beugte sich zu Joey hinab und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Daraufhin drehte er seinen Kopf etwas und sie konnte ihn auf den Mund küssen. „Guten Morgen, mein Schatz!“ Langsam öffnete der junge Mann seine Augen. „Morgen“, brummte er und setzte sich auf. Mick sah Lisa überrascht an. „Also, das werde ich mit Sicherheit nicht tun. Aber du suchst doch einen Job. Jetzt hast du einen.“ Lachend gingen die beiden mit Joey ins Haus.

 

Am Nachmittag schwammen die Barrett – Brüder eine Runde Mick fragte: „Wann ist denn die Beerdigung?“ „Die war gestern.“ „Und wieso warst du nicht dort?“ „Seine Eltern wollten nicht, dass ich komme. Weil, na ja, sie sagen, es war meine Schuld. Hätte ich ihn nicht eingeladen, dann...“ „Ich verstehe. Aber das ist doch Schwachsinn.“ „Ich weiß. Das habe ich mittlerweile auch festgestellt.“ Sie schwammen noch ein Stück und wollten wieder an Land, als Mick seinen Bruder mit Wasser bespritzte. Daraufhin lieferten sie sich noch eine ausgiebige Wasserschlacht. So wie in den guten alten Zeiten.

 

Nach dem Abendessen machten Lisa, Joey, Buster und Mick noch einen Spaziergang ins nahegelegene Dorf. Auf einmal meldete sich Buster zu Wort: Mom, lass uns hier abbiegen.“ „Aber wir wollten doch ins Cafe.“ „Nein, bitte lass uns hier...zu spät.“ Jetzt sah auch Lisa, was ihren Sohn so beunruhigt hatte. Urplötzlich und wie aus dem nichts stand ihr Ex-Mann vor ihr. „Oh, hallo mein Schatz. Wo warst du denn so lange? Endlich habe ich dich wiedergefunden.“ „Lass uns in Ruhe!“ „Jetzt komm schon, wir fahren nach Hause!“ Der Mann packte Lisa am Arm und wollte sie mit sich ziehen, als Joey dazwischen ging. „Hey, lass sie gefälligst los!“ Er packte den Mann am Kragen, als dieser fragte: „Was bist du denn für einer? Etwa ihr neuer Freund?“ „Ja, und du lässt sie gefälligst in Ruhe!“ Ehe Joey richtig gucken konnte, befreite sich der Fremde und hielt ihn fest. „Das kannst du vergessen. Sie gehört zu mir. Und der Bengel auch.“ In diesem Moment kam noch ein anderer Mann um die Ecke und packte Buster. Mick eilte ihm zu Hilfe und schlug den Mann K.O.

In diesem Augenblick war Lisas Mann abgelenkt und Joey nutzte seine Chance. Er rammte ihm sein Knie in die Weichteile und schlug zu, bis sich der Fremde nicht mehr rührte. Dann packte er ihn am Kragen und rüttelte so lange, bis er ihn wieder ansah. „Also, ein letztes Mal, Freundchen: lass deine Finger von Lisa und Buster. Sie wollen nichts mehr mit dir zu tun haben.“ Dann nahm er die Frau in den Arm und gemeinsam gingen sie wieder zurück zum Haus der Millers.

 

Am Abend standen Lisa und Joey am See. „Danke wegen vorhin. Das war lieb von euch.“ „Hey, ich kann doch meine Freundin nicht von so einem Typen anmachen lassen.“ „Aber eigentlich sind wir doch gar nicht zusammen.“ „Aber das ändert doch nichts daran, dass du mir wichtig bist. Sehr wichtig sogar. Auch wenn wir nicht zusammen sind.“ Lisa schwieg, bis es aus ihr heraus platzte: „Und warum sind wir das eigentlich nicht?“ „Was?“ „Na zusammen?“ „Ich weiß nicht. Wahrscheinlich weil ich mich immer noch nicht getraut habe dich zu fragen.“ „Und warum nicht?“ Joey drehte sich überrascht zu ihr und fragte: „Wollen wir das Spiel nicht sein lassen? Mick sagte irgendwann einmal zu mir, ich zitiere: ‚Sein vorsichtig, aus Spiel kann schneller Ernst werden, als dir vielleicht lieb ist!’ Zitat Ende.“ „Lassen wir das Spiel enden und testen den Ernst des Lebens?“ „Gern!“ grinste Joey. „Sehr gern sogar.“ Und er zog Lisa zu sich und küsste sie leidenschaftlich.

Buster und Mick kamen gerade aus dem Haus Buster meinte: „Also, schauspielern können die beiden ja richtig gut. Und sie nehmen ihre Rollen wohl sehr ernst.“ Mick antwortete: „Also, ich glaube, das was du da siehst, ist die harte Realität. Kannst dich schon mal dran gewöhnen, Joey Dad zu nennen.“ Lachend liess er einen sehr entsetzten Buster zurück und ging ans Seeufer.

 

5. August

Die restlichen Tage vergingen wie im Fluge. Lisa und Joey waren unzertrennlich. Alle erholten sich super. Joey wollte schon einen Tag eher losfahren, um noch einen Abstecher zu Rays Grab zu machen. Mick, Lisa und Buster, die heimwärts im Wagen mitfuhren, hatten nichts dagegen. Nach einer Weile am Grab und einem stillen Abschied später, sprang Joey ins Auto und sagte: „Auf nach Hause. Mein Board ruft mich. Ich muss dringend mal wieder surfen!!!“

 

© 2003

Ivi


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