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Quelle: STERN | Ausgabe: 12 | Seite: 90 Autor/in: *Andrea Duffy* *Christoph Koch* DIE GNADENLOSE WELT DER ZWAENGE Sie waschen sich stundenlang, putzen ohne Ende oder kontrollieren immer wieder Herdplatte und Türschloß. Weit über eine Million Deutsche leiden unter solchen Störungen. Hilfe ist jetzt möglich Bei jedem Waschen habe ich 16 Duschgels benutzt', erinnert sich Dirk Paasch, 'ich säuberte mich bis zu zwölf Stunden am Tag, mein Körper war so wund, daß ich nur völlig bewegungslos in ein Laken eingehüllt schlafen konnte.' Auch seine Frau, mit der der 56jährige Frührentner sein halbes Leben verheiratet ist, begann eines Tages, bei dem zwanghaften Reinigungsritual freiwillig mitzuhelfen. Die quälende Besessenheit steigerte sich noch. Unterlagen auf dem Schreibtisch oder das Sofa ließ Paasch über Jahre unberührt. Irgendwann fürchtete er sich gar, in seinem eigenen Bett zu schlafen und kampierte direkt unter dem Waschbecken. An manchen Tagen floh er vor den häuslichen Waschzeremonien ins Hotel. 1500 Mark gab Paasch monatlich für Reinigungs- und Körperpflegemittel aus. Für seine geschundene Haut brauchte er Medikamente. Und oft warf er kaum getragene Kleidungsstücke in den Müll, aus Furcht, sie könnten verschmutzt sein. Regelmäßig mußte er um die 1000 Mark Wassergeld nachzahlen. Alles in allem verschlang seine Krankheit 3000 Mark im Monat. Im Lauf der Jahre entwikkelte Dirk Paasch außer seinem Waschzwang einen Kontrollzwang, einen Zählzwang und litt unter marternden Zwangsgedanken. 'Das ist die schlimmste seelische Krankheit, die es gibt', sagt er, 'sie treibt einen an den Rand des Wahnsinns und in die soziale Isolation.' Und sie befällt, so schätzen Experten, weit über eine Million Deutsche: Die einen müssen sich unentwegt waschen, andere Zwangskranke putzen, saugen, wischen und polieren bis tief in die Nacht hinein in ihrer Wohnung herum. Kontrollzwänge lassen ihre Opfer ruhelos immer wieder zum Herd zurückeilen: Ist er auch wirklich abgeschaltet? Ist auch tatsächlich die Wohnungstür abgeschlossen? Zwanghafte Sammler füllen ihre Wohnung bis zur Decke mit nutzlosem Plunder, den sie niemals wegwerfen könnten. Wiederholzwänge nötigen Kranke, eine Treppe fünfmal hinauf- und hinabzusteigen. Zwanghafte 'Ordner' müssen ihren Alltag und ihre Umwelt nach strikten Regeln organisieren: Sie stellen ultraexakte Zeitpläne für sämtliche Verrichtungen einer ganzen Woche auf, brauchen Stunden, um Papiere auf dem Tisch im rechten Winkel auszurichten. Andere Kranke zählen, zählen, zählen - egal, was. All das ist eine Qual. Sie frißt das Leben auf, und der Kranke weiß es: Zwangskranke sind sich der Irrationalität ihres Zwangs völlig bewußt. Sie wissen, daß sie nicht - wie Patienten mit Wahnsyndromen - 'ferngesteuert' oder 'fremdbestimmt' sind, und also auch nicht im landläufig-diffamierenden Sinn 'verrückt' - auch wenn sie oft fürchten, es zu werden. Besonders dann, wenn hartnäckige Zwangsgedanken sie plagen. Der amerikanische Ver haltenstherapeut Lee Baer beschreibt in seinem Buch 'Alles unter Kontrolle' die Obsessionen des Milliardärs Howard Hughes: 'Irgendwann trank er nur noch reines Quellwasser, um sich vor einer Verseuchung zu schützen; eine mögliche Verseuchung durch Wasser beim Waschen war da schon kein Problem mehr für ihn, da er sich kaum noch wusch. In seinem Hotelzimmer standen alle Gegenstände auf einem immer größer werdenden Kreis von Papiertüchern und Zeitungen, um sie vor Kontakt mit dem Boden oder dem Tisch zu bewahren... In einem verzweifelten Kreuzzug gegen die Gefahr einer Ansteckung verbrannte Hughes bis auf die letzte Faser sämtliche seiner Kleidungsstücke, als ihm das Gerücht zu Ohren kam, daß eine Freundin, die er Jahre zuvor gehabt hatte, an einer Geschlechtskrankheit litt...' Noch in den achtziger Jahren wurden Zwangsleiden für sehr selten gehalten: Die Kranken litten im verborgenen. 'Auch heute noch', sagt der Hamburger Professor Iver Hand, 'haben die Patienten durchschnittlich länger als zehn Jahre ihre Zwänge ertragen müssen, bevor sie eine Behandlung beginnen.' Das, so Hand, der über die noch junge 'Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen' präsidiert, liegt an der großen Peinlichkeit, die Betroffene und ihre Familien wegen der Krankheit empfinden. Und an der Überzeugung, daß Psychologen und Psychiater ohnehin kein rechtes Mittel gegen den Zwang wüßten. Hand: 'Lange Zeit war das auch so. Doch heute lassen sich bei vielen Zwangspatienten dramatische Therapieerfolge erreichen.' Vorausgesetzt, die Krankheit wird richtig erkannt: 'Unerfahrene Therapeuten tendieren dazu, Zwangskranke als schizophren zu diagnostizieren, oder sie erkennen bei gleichzeitigem Auftreten von Depressionen oft nicht, daß eigentlich die Zwangsstörung dominiert.' Die Diagnose einer Zwangserkrankung richtet sich nach Kriterien, die in der 'International Classification of Diseases' (ICD-10) beschrieben sind. So müssen in einem Untersuchungszeitraum von zwei Wochen an den meisten Tagen Zwangsgedanken oder -handlungen auftreten, die als quälend empfunden werden oder das Alltagsleben einschränken. Zwänge müssen bestimmte Merkmale aufweisen: - Sie müssen als eigene Gedanken oder Handlungen erkennbar sein. - Wenigstens einem Gedanken oder einer Handlung muß noch, wenn auch erfolglos, Widerstand geleistet werden, selbst wenn sich der Patient gegen andere nicht wehrt. - Der Gedanke oder die Handlungsausführung dürfen nicht angenehm sein. - Die Gedanken, Vorstellungen und Impulse müssen sich wiederholen. Dirk Paasch erinnert sich genau, wann sein Martyrium begann: 'Es war am 17. Juli 1959, als ich nach einer Hirnhautentzündung aus dem Krankenhaus entlassen wurde.' Und immer wieder wurde er behandelt. Sämtliche Trends der Psychotherapie von den fünfziger bis zu den neunziger Jahren erlebte er mit. Paasch ließ Insulin-Kuren bis zum Koma über sich ergehen. Selbst einer Gehirnoperation hat er sich unterzogen. Heute hält er es für ein Wunder, daß er die jahrelangen Roßkuren überlebt hat: 'Ich kenne so gut wie alle Psychopharmaka. Um überhaupt schlafen zu können, habe ich mitunter an einem Wochenende bis zu 150 Tabletten eingenommen.' Weil es an Kenntnissen über die biologischen Ursachen der Zwangskrankheit gebrach, wurde sie in früheren Jahrzehnten meist falsch behandelt. Therapeuten, die hinter jedem Lidzucken - gewissermaßen zwanghaft - ein Kindheitstrauma freilegen wollten, redeten, analysierten und theoretisierten. Ärzte testeten den psychiatrischen Arzneischrank quer und längs durch. Erfolge blieben die Ausnahme. Daß sich das änderte, ist der Hirnforschung ebenso zu verdanken wie neuen Konzepten in der Psychologie: - Neurologen und Biochemiker haben entdeckt, daß Zwangskranke unter einer gestörten Regulation des im Gehirn verbreiteten Botenstoffes Serotonin leiden. Dies bewirkt, daß spezielle, für die Steuerung des Verhaltens entscheidende Schaltkreise des Hirns fehlerhafte Impulse aussenden. Im amerikanischen Wissenschaftsjargon ist zuweilen von 'Uh-oh-Circuits', also 'Au weia'-Schaltkreisen die Rede. Sie produzieren Schreckensmeldungen wie 'Au weia, ich habe den Herd nicht ausgeschaltet' - wieder und wieder. Dank dieser Entdeckung ist es jetzt möglich, mit 'Serotonin-Wiederaufnahmehemmern' die Zwangskrankheit wirksam zu behandeln (siehe Kasten Seite 102). - Psychologen entwickelten erfolgreiche Verhaltenstherapien: Statt den Patienten auf die Couch zu legen, wird er in einem Trainingsprogramm wiederholt den Reizen ausgesetzt, die er fürchtet. Er muß etwa schmutzige Orte ertragen ('Reizkonfrontation'), darf sich nur 'normal' waschen oder wird am Sammeln gehindert ('Reaktionsverhinderung'). So lernt er, seinen Zwängen zu begegnen, sie abzuschwächen und zu unterdrücken. Behandlung mit Medikamenten und Verhaltenstherapie lassen sich gut kombinieren. Und es zeigte sich, daß sogar Verhaltenstherapie allein den Gehirnstoffwechsel positiv verändern kann. Internationale Studien haben ergeben, daß Zwangsstörungen nicht etwa ein extremes Nebenprodukt strenger kultureller Hygienenormen und Ordnungsgebote sind: Die Krankheit tritt weltweit auf, ihre Häufigkeit ist überall gleich. Auch die Zwangshandlungen selbst gleichen einander. Eine Studie aus Bali beschreibt die Zwänge dortiger Kranker: waschen, zählen, kontrollieren. Dr. Jutta Herrlich von der psychiatrischen Klinik der Frankfurter Goethe-Universität sagt: 'Wir gehen davon aus, daß ein Teil des Zwangsverhaltens auf die Aktivierung von Instinkt-Schablonen zurückgeht, die im Laufe der Evolution sinnvoll waren' - es ist nützlich, seine Höhle sauber und sein Fell frei von Flöhen zu halten. Vieles spricht also da für, daß die Anfällig keit für Zwänge ein genetisches Erbe der Menschheit ist, uralte, bei Kranken außer Kontrolle geratene Verhaltensprogramme. Wo aber beginnt Ordnungsliebe zum Zwang, Hygienebewußtsein zur Krankheit, ein Gedanke zur Obsession zu werden? Julius Kuhl, Psychologie-Professor in Osnabrück, sagt: 'Was im Alltag als kleiner Tick oder persönliche Macke eines Menschen bezeichnet wird, wenn jemand übertrieben putzt, wird generell nicht als krank eingestuft.' Ein kontrollierbarer Hang zu Perfektionismus kann im Beruf sogar geschätzt werden - bis zu dem Punkt, wo er ins Lähmende übergeht. Kuhls Kollege, der Mainzer Psychiatrie-Professor Otto Benkert, erläutert: 'Ein Mensch, der vor einer Reise seine Fahrkarten, Kreditkarten und andere wichtige Unterlagen überprüft, handelt normal. Bei einem Zwangskranken kann dies Stunden in Anspruch nehmen, und er verpaßt dabei vielleicht seinen Abfahrttermin.' An Zwangspatienten beobachtete Professor Kuhl, wie leicht deren 'seelisches Immunsystem' aus dem Gleichgewicht gerät. Bei besonders 'empfänglichen' Kranken kann es genügen, 'wenn ein anderer erzählt, daß glänzend polierte Schuhe ungemein wichtig sind, und der Patient verspürt alsbald den Impuls, unaufhörlich seine Schuhe putzen zu müssen.' Mit der Zwangskrankheit klinisch eng verwandt sind 'Zwangsspektrumstörungen' mit selbstzerstörerischen Konsequenzen - etwa Eßstörungen oder der Zwang, sich die Haare auszureißen, die 'Trichotillomanie'. Die Hamburgerin Antonia Peters kann sich genau erinnern, wann sie erkrankte. 'Ich bin von Geburt an leicht gehbehindert und hatte in meiner Jugend eine Fußoperation. Ich lag im Krankenhaus, konnte nicht laufen, war völlig hilflos. Die Krankenschwestern verlegten mich aber in ein Zimmer mit zwei kleineren, aufmüpfigen Jungen, ausgerechnet ich sollte die beiden beruhigen.' Antonia litt sehr unter der Trennung von ihren Eltern. Drei Monate nach dem Klinikaufenthalt wurde das zarte, 'zu dünne' Kind noch einmal für sechs Wochen zur Kur geschickt: 'Meine Eltern meinten es nur gut, aber ich hatte das Gefühl, kein Mensch will mich, die schicken mich einfach weg - ich war mitten in der Pubertät und besonders sensibel.' Ihre Zimmergenossin 'heulte den ganzen Tag vor Heimweh, und die Schwestern wollten, daß ich sie tröste, weil ich doch so stark war. Ich saß auf dem Bett und ertrug es nicht mehr länger - zog an den Haaren und riß sie mir aus'. Davon kam Antonia Peters nicht los, jahrelang. 1986 bemühte sie sich erstmals um eine Therapie: 'Nach mehreren Anläufen fand ich einen Verhaltenstherapeuten, der das erste Mal mein Selbstbewußtsein richtig stärkte.' Das Haareausreißen bekam sie dennoch nicht in den Griff: 'Wie in einer tiefen Meditation unter einer Käseglocke war ich in Gedanken versunken, während ich meine Haare herausriß, ich empfand keine Schmerzen.' Erst mit Hilfe eines Serotonin-Wiederaufnahmehemmers kann sie seit zwei Jahren ihren Zwang beherrschen. Sie gründete eine Selbsthilfegruppe und möchte, unterstützt von ihrer Psychologin Annett Neudecker, ihre Erinnerungen jetzt psychotherapeutisch aufarbeiten. Dirk Paasch und Antonia Peters wissen, daß zeitgemäße Therapiekonzepte ihr Leben wesentlich verbessern können. Wenn es auch bislang keine vollständige Heilung gibt, haben sie die Kontrolle über sich selbst, die die Krankheit ihnen stahl, zurückerobert. 'Meinen Waschzwang habe ich besiegt', sagt Paasch, 'täglich eine halbe Stunde Kontakt mit Wasser reicht inzwischen.' Auch der anderen Zwänge wird Paasch langsam Herr, 'mit Gottes Hilfe', wie er sagt. Vor einem Jahr hat Paasch die Selbsthilfegruppe 'Zebrastreifen' in Mühlheim bei Offenbach gegründet. Mit anderen Betroffenen kann er dort über lange verheimlichte Probleme offen reden. Nach fast 40 Jahren. WER WEISS RAT? Die 'Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen' hilft Betroffenen, Wege aus der Krankheit zu finden. Adresse: DGZ e.V., Postfach 1545, 49005 Osnabrück, Tel. 05 41/ 4 09 66 33. Die DGZ fördert regionale Selbsthilfegruppen, von denen fast 40 bereits aktiv sind. Über 20 weitere befinden sich im Aufbau. Quelle: STERN | Ausgabe: 12 | Seite: 102 Autor/in: SO WERDEN ZWÄNGE GEBREMST Durch eine gezielte Steuerung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn können Ärzte den Patienten helfen, ihre quälenden Erkrankungen unter Kontrolle zu bringen Eine Schlüsselstellung in der Behandlung von Zwangsstörungen kommt seit einigen Jahren den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) zu. Diese Medikamente wirken im Gehirn an Übertragungsstellen (Synapsen) zwischen den Nervenzellen (Neurone). Gezielt beeinflußt werden Nervenbahnen, die den Botenstoff Serotonin zur Kommunikation verwenden. Die Zahl dieser Neurone ist mit etwa 500 000 sehr klein: Insgesamt besteht das Gehirn aus 100 Milliarden Nervenzellen mit 100 Billionen Synapsen. Doch das Serotonin-System ist stammesgeschichtlich sehr alt und mit allen höheren Ebenen des Gehirns vernetzt. Es 'moduliert', so die Funktionsbeschreibung, das gesamte Verhalten des Menschen: Es gibt seinen Antrieben, Wünschen und Impulsen die emotionale Tönung und bestimmt so über die Intensität, mit der sie wahrgenommen werden. Störungen des Systems können sich als Depression, aber auch als Zwangskrankheit äußern. Beides läßt sich mit SSRI behandeln. Das Prinzip: Serotonin wird von der sendenden ('präsynaptischen') Zelle abgegeben. Es erreicht spezielle Strukturen auf der ('postsynaptischen') Empfängerzelle und aktiviert diese. Um den Reiz abzubauen, nimmt die Senderzelle dann das Serotonin über einen speziellen Kanal (Rezeptor) wieder zurück. Ihn verschließen die SSRI (im Bild unten). Ein relativer Mangel der Serotonin-Wirkung, Auslöser der Erkrankung, wird so ausgeglichen - eine Besserung der Zwangs- oder Depressionssymptome tritt jedoch erst nach Wochen der Einnahme ein. Solange dauert es, bis sich die Balance der Überträgerstoffe neu eingestellt hat. Quelle: STE | Ausgabe: 31 | Seite: 46 Autor/in: *frank ochmann* LEBENSKRAFT UND TODESSEHNSUCHT Nicht alle treffen Depressionen gleichermaßen. Vor allem sensible und künstlerische Menschen werden überdurchschnittlich oft von Gemütskrankheiten heimgesucht PRINZ CLAUS Seit Anfang der 8Oer Jahre leidet der Ehemann der niederländischen Königin Beatrix an Depressionen. Seither tritt er nur noch selten öffentlich auf ROBERT SCHUMANN Die meisten Werke des deutsehen Komponisten entstanden in den manischen Phasen, während Ihn seine Depressionen auch künstlerisch lähmten VIRGINIA WOOLF Zeitlebens versuchte die britische Schriftstellerin, die »gewalttätigen Stimmungen der Seele« zu verstehen, unter denen sie litt. 1941 ertränkte sie sich ERNEST HEMINGWAY Die Famille des amerikanischen Schriftstellers ist ein Musterbeispiel für die Erblichkelt psychischer Störungen: Sein Vater, er selbst und ein Sohn waren manisch-depressiv. Ernests Vater, der Autor und zwei Geschwister brachten sich um VINCENT VAN GOGH Viele psychiatrische Diagnosen werden dem holländischen Maler und Hilfspastor bis heute gestellt. Am wahrscheinlichsten scheint ein manischdepressives Leiden. In seiner ersten Predigt heißt es: »Trauern ist besser als Lachen, denn Trauer Iäutert das Herz" GUSTAV MAHLER Die immer wieder wechselnden Stimmungen des in Böhmen geborenen Komponisten spiegeln sich in den oft rasenden Ausbrüchen seiner Symphonien wider: "Die höchste Glut der freudigsten Lebenskraft und die verzehrendste Todessehnsucht: Beide thronen abwechselnd in meinem Herzen", schrieb er sehen als 19jähriger 29. Januar 2001 P S Y C H O L O G I E Erst Musik, dann das Messer Konkurrenz für Magersucht und Bulimie: Immer mehr junge Frauen leiden unter dem Zwang, sich selbst zu verletzen. Mit einem tiefen Schnitt ins Fleisch lindern sie ihre Seelenqualen. Doch jede Verwundung ist zugleich ein Schrei um Hilfe. Zahlreiche Narben zeichnen ihren Unterarm. Sie gleichen dem Strichcode auf Waren im Supermarkt. Doch Juliane* findet die weißen und rötlichen Schnittnarben nicht hässlich. Mit dem Finger fährt die 20-Jährige über die drei bis sieben Zentimeter langen Gravuren. Täler sind es und kleine Hügel. "Ich bin stolz darauf, dass ich so viel Schmerz ertragen habe", sagt sie. "Die Narben gehören zu mir. Sie sind ein Teil meiner Geschichte." Julianes Geschichte ist traurig, obwohl die Berlinerin mit den dunklen Locken so fröhlich wirkt. Bildhübsch ist sie und gescheit. Kann genau reflektieren, wo ihre Probleme liegen. Die Narben fügt sie sich selbst zu, mit einem scharfen Küchenmesser. Immer dann, wenn Panik, Angst, Selbsthass und Depression so groß werden, dass nur körperlicher Schmerz helfen kann, die Seelenqual zu überwinden. Dann setzt sie sich, spät nachts, in ihr Zimmer, nimmt das Messer und schneidet. Bis Haut und Fleisch auseinander klaffen. Bis Blut fließt. Bis es ihr besser geht. Selbstverletzendes Verhalten (kurz: SVV) nennen Psychologen es, wenn Menschen sich Schmerzen zufügen, damit aber nicht bezwecken, sich umzubringen. Ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, schätzen Forscher, bei Frauen zwischen 20 und 30 liegt die Quote doppelt so hoch. Über die Ursachen streiten sich die Experten. Eine mögliche Erklärung: In einer Gesellschaft, die den Einzelnen kaum wertschätzt, in der Orientierungen und Werte sich auflösen, ist der Defekt des Identitätsgefühls strukturbedingt. Menschen verlieren ihre sozialen Bezüge. Nichts scheint verbindlich. Nichts steht mehr fest. Alles ist verhandelbar. Die Grenze zwischen innen und außen verschwimmt. Fühlbar wird sie durch extreme Erfahrungen wie Triathlon, Bungee-Jumping, aggressive Sexualpraktiken oder gesellschaftlich sanktionierte Formen der Selbstverletzung wie Piercing oder Branding. Weil sie den Boden unter den Füßen verlieren, wollen immer mehr Menschen ihr Grenzorgan, die Haut, heftig spüren. Im Extremfall muss Blut das Selbst ins Bewusstsein zurückschwemmen. Eine andere Erklärung ist, dass die scharfen Schnitte Hilfeschreie sind, Rufe nach Aufmerksamkeit, Liebe. So erklärte es das prominenteste Opfer der Schnibbelsucht, Diana, die verstorbene Prinzessin von Wales. Sie gestand 1996 in einem TV-Interview, sie schneide sich absichtlich in den Unterarm. Je nach Laune benutze sie Rasierklingen, Glasscherben oder einen Zitronenhobel. Romy Schneider - auch sie eine Einsame, die sich unverstanden fühlte - hat Schmerzen gesucht und gebraucht, um sich zu fühlen. Die Schauspielerin Angelina Jolie, die sich erfolgreich als Schlampe promotet, steht ebenfalls dazu, dass sie sich absichtlich mit dem Messer verletzt hat. Bekenntnisse wie die von Diana und Jolie waren es wohl, die eine Selbstverletzungswelle auslösten, die Psychologen in Erstaunen versetzt. In jeder Kleinstadt-Psychiatrie gibt es mittlerweile SVV-Therapiegruppen, in Internet-Foren tauschen sich Betroffene aus. Mal helfen sie sich damit, mal stiften sie sich erst richtig an, die Klinge zu zücken. Stefanie, 26, aus Köln hatte im Radio von Selbstverletzung gehört, bevor sie während einer Panikattacke zum ersten Mal zum Messer griff. Luise, eine 16-jährige Schülerin aus Paderborn, sagt: "Das SVV-Forum im Internet zieht mich runter, da lese ich meine eigene Geschichte." Das erhöht den Drang zu schneiden. "Psychische Erkrankungen junger Frauen treten in Wellen auf und sagen etwas über den Stand der Gesellschaft aus", kommentiert der Göttinger Psychoanalytiker Professor Ulrich Sachsse, 51, Spezialist für Traumatherapie und Koryphäe in der Behandlung von Selbstverletzungspatienten. "In den siebziger Jahren war Magersucht die Antwort auf die Völlerei der Nachkriegsgeneration. Danach spiegelte Bulimie den Diät- und Körperkult. Jetzt soll die Klinge mitteilen: ,Wir behandeln unsere Körper so schlecht wie ihr eure Seelen.'" Eigentlich gilt Selbstverletzung nicht als eigene psychische Erkrankung, sondern als Symptom einer solchen. Meist leiden SVV-Patientinnen an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, einer chronischen psychischen Erkrankung, die den Betroffenen vielfältige Probleme im Umgang mit sich selbst und anderen schafft. Borderline-Patienten sind sich der Grenzen ihres Ichs unsicher, schwanken ständig zwischen Extremen und Unvereinbarem. Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung sind Borderline-Kranke, Tendenz steigend, schätzen Experten. Dazu zählen viele, die sich selbst an den Rand der Gesellschaft drängen - Alkoholiker, Gewalttäter, Sex- und Drogensüchtige. "Ich bin überzeugt davon, dass nicht wenige Heroin-Abhängige Borderline-Patienten sind", sagt Michael Armbrust, 40, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt. Zwar komme fast jeder Junkie irgendwann zum Entzug in psychologische Therapie, doch nach den Ursachen der Sucht werde selten gesucht. Während männliche Borderliner eher gewalttätig gegenüber anderen sind, neigen Frauen zur Autoaggression. Bei den Selbstverletzungspatientinnen kommt hinzu, dass mehr als 80 Prozent von ihnen in der Kindheit körperlich oder seelisch missbraucht wurden. Auch Juliane ist ein Opfer sexueller Gewalt. Zwölf Jahre war sie alt, als ein Fremder sich im Park an ihr verging. Sprechen möchte sie darüber nicht, lange Jahre hatte sie das traumatische Ereignis verdrängt. Mit 17, als ihr erster Freund zärtlich werden wollte, war es mit dem Verdrängen vorbei. Der Freund trennte sich von ihr. "Weil es im Bett nicht geklappt hat", sagt Juliane. Sie hasste sich dafür, der innere Druck wuchs und wuchs, wurde unerträglich, "ich hatte das Gefühl zu platzen". In dieser Situation schnitt sie sich in der Küche aus Versehen an einem Winkelmesser. "Zuerst bin ich total erschrocken, weil es so stark geblutet hat, aber ich habe gemerkt, dass es mir Erleichterung verschaffte, dass die Spannung nachließ. Wie in Trance habe ich dann losgelegt, immer weiter geschnitten, und dabei ist eine ganz schwere Last von mir gefallen", erzählt sie. Wie ein Strom sei das Gefühl Schnitt für Schnitt in ihren Körper zurückgekehrt. Danach bereute sie, was sie getan hatte, hielt sich für verrückt. Eine Woche später hat sie trotzdem wieder zum Messer gegriffen. "Da hatte ich es schon richtig geplant. Ich wusste, danach wird es mir besser gehen." Deshalb hat Juliane immer wieder geschnitten, das Messer auch mit zur Arbeit genommen, "für den Notfall". Benutzt hat sie es dort nur einmal, auf der Toilette. "Das war schrecklich. So respektlos." Übereinstimmend berichten SVV-Patientinnen, dass sie die Selbstverletzung planen. Oft wird ein Ritual daraus gemacht, es gibt ein Lieblingsmesser, das in einer besonderen Schatulle aufbewahrt wird. Stefanie zündet sich eine Kerze an, legt Musik auf und schneidet los. Am liebsten hört sie dazu Rammstein, ein Lied mit dem Vers "rote Striemen auf weißer Haut". Vier Jahre lang hat sie sich fast täglich selbst verletzt, manchmal absichtlich so tief in den Oberarm geschnitten, dass Sehnen frei lagen und die Wunde im Krankenhaus genäht werden musste. "Ich wollte, dass sich wenigstens zehn Minuten jemand um mich kümmert", sagt sie. Die Ärzte, davon ist sie überzeugt, müssen gemerkt haben, was mit ihr los war. Aber nachgefragt hat niemand. Das ist symptomatisch. Obwohl die Wunden, die sich Selbstverletzer zufügen, kaum zu übersehen sind, wissen oft nicht einmal die nächsten Angehörigen von dem Problem. So geht es auch der 17-jährigen Andrea aus Köln. Obwohl die Haut ihrer Oberarme kaum noch zu sehen ist zwischen tiefen Schnitten, schorfigen Wunden und Narben, wissen ihre Eltern angeblich nichts. Stefanie hat ihrer Mutter die Schnitte erst gezeigt, als die sie in der Psychiatrie besuchte. Dort hat sie auch gelernt, mit dem, was sie ihre Sucht nennt, zu leben. "Für mich ist es ganz klar eine Sucht. Ich habe sonst keine Möglichkeit, die Spannung, die Todesangst, die Panikattacken, das Zittern und Herzrasen zu stoppen." Ein- oder zweimal im Monat greift sie noch zum Messer - für sie ein erträgliches Maß: "Ich trinke nicht, ich rauche und kiffe nicht und habe das Schneiden akzeptiert, solange es nicht jeden Tag vorkommt." Tatsächlich gibt es keine Medikamente, die den Patientinnen helfen könnten, die Spannungen, die sie plagen, zu reduzieren. Manche Therapeuten probieren es mit schwach dosierten Neuroleptika, andere bieten Eiswürfel aus Lebensmittelfarbe oder ein Gummiband an, das kräftig über die Haut geschnalzt werden soll. Auch anstrengender Sport kann helfen. Juliane hat mit Joggen und Squash gute Erfahrungen gemacht. Auch das Vertrauen ihres neuen Freundes hilft ihr. Dass er den Wunsch äußerte, dabei zu sein, wenn sie sich schneidet, findet sie allerdings skurril. "Das wäre mir zu intim, glaube ich." Trotzdem ist die stabile Beziehung neben der Therapie wohl die einzige wirksame Hilfe für sie. Denn SVV-Patientinnen über 30 sind selten, Borderline-Fälle über 40 im Prinzip nicht bekannt. "Ich vermute, dass sich ihre Lebensumstände ab einem gewissen Alter stabilisiert haben", sagt Psychotherapeut Michael Armbrust. Mit Masochismus, darüber sind sich die Fachleute jedenfalls einig, hat SVV nichts zu tun. Das Schneiden vermittle den Frauen vielmehr eine Pseudo-Kompetenz: Sie sind zwar nicht in der Lage, ihr Leben zu meistern, haben aber das Gefühl, wenigstens ihren Körper zu beherrschen - und in der Tat ein probates Mittel, Aufmerksamkeit zu erregen. Denn dass das mit Blut und Schnitten in einer auf Schmerzfreiheit fixierten Gesellschaft gut funktioniert, zeigten Skandalkünstler wie Rainald Goetz, der sich beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vor laufender Kamera die Stirn blutig ritzte, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die sich mit Rasierklingen den Sowjetstern in den Bauch schnitt, oder der Givenchy-Designer Alexander McQueen, der Models Verletzungen auf die makellosen Gesichter schminkte. "Schmerz ist eine Grunderfahrung", sagt Marina Abramovic. "Wir haben Angst vor Leid und Schmerz, aber das Leben besteht aus beiden Seiten - Schönem und Schmerzvollem." ANJA HAEGELE Quelle: Spiegel Acht Millionen Deutsche leiden an psychischen Störungen Fast jeder Fünfte der 18- bis 65-Jährigen ist der Untersuchung zufolge betroffen. Vor allem Angststörungen und depressive Erkrankungen wirkten sich erheblich auf das soziale Umfeld aus. Jena - Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Technischen Universität Dresden. Die Studie beruht auf einer repräsentativen Untersuchung von über 7000 Testpersonen im Alter von 18 bis 65 Jahren. Jeder Fünfte dieser Gruppe war von psychischen Störungen betroffen, mehr als ein Drittel gar von mindestens zwei verschiedenen. An der Spitze rangieren verschiedene Formen von Angststörungen (neun Prozent) und depressiven Erkrankungen (sieben Prozent) sowie Schmerzsyndrome. Außerdem stellten die Forscher fest, dass viele der untersuchten Personen zu viel Alkohol trinken, zu viel rauchen - und von diesen Genussmitteln abhängig sind. Die Auswirkungen auf das soziale Umfeld und den Arbeitsplatz seien erheblich, heißt es in dem Bericht. Depressive Menschen seien auf Grund ihrer Erkrankung durchschnittlich zwei Tage im Monat arbeitsunfähig und an 7,2 Tagen nur eingeschränkt produktiv. "Angstpatienten" fehlen im Durchschnitt einen Tag pro Monat im Betrieb und sind an 4,6 Tagen weniger produktiv als sonst. Diese Auffälligkeiten sind in allen Altersgruppen, bei Männern oder Frauen, Ost- oder Westdeutschen gleichermaßen zu beobachten. Meist handelt es sich nur um vorübergehende Erkrankungen, sagt Susanne Winter vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie. "Psychische Störungen sind keine seltenen Einzelschicksale, sondern von einer gesundheitsökonomischen Bedeutung, die meist unterschätzt wird." Nach einer Hochrechnung der Weltgesundheitsorganisation WHO gehören psychische Störungen, insbesondere Depressionen und Angsterkrankungen, in der Behandlung zu den kostenintensivsten Krankheiten. Die Experten rechnen mit einer deutlichen Zunahme: Für das Jahr 2020 erwarten sie, dass Depressionen den zweiten Platz unter den auftretenden Krankheiten einnehmen. Quelle:Spiegel D E P R E S S I O N E N Krank, doch der Hausarzt weiß von nichts Und wenn er es weiß, dann ist noch lange nicht gesagt, dass er die Krankheit richtig behandelt. Dabei soll sich die Lage der Patienten im Vergleich zu 1990 schon gebessert haben. München - Bei jedem vierten Patienten mit einer schweren Depressionen erkennt der Hausarzt die Erkrankung nicht. Zu diesem Ergebnis kommt die bundesweite Studie "Depression 2000" des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Jeder zehnte Hausarztpatient leidet an schweren Depressionen, jeder fünfte davon ist selbstmordgefährdet. Bei 40 Prozent lag der Anteil der insgesamt nicht depressionsgerecht behandelten Patienten. Das erklärte Hans-Ulrich Wittchen, der die Studie mit rund 14.700 Teilnehmern in 412 deutschen Arztpraxen geleitet hat. Häufig würden Hausärzte Depressionen fälschlicherweise nicht als Krankheit ansehen, bemängelte Wittchen. Psychische Erkrankungen schränkten die Patienten aber in ihrer Leistungsfähigkeit schwer ein und könnten letztendlich zum Tod führen. Die höchste Behandlungsquote hatten Frauen und ältere Depressive, während jüngere Männer selten oder überhaupt nicht als Depressive erkannt und behandelt werden. 65 Prozent waren älter als 45 Jahre. Bei den erfassten Symptomen standen an erster Stelle Erschöpftheit und Schlafstörungen. Jeder fünfte Depressions-Patient hatte Selbstmordabsichten. Daneben seien depressiv Erkrankte oft traurig oder niedergeschlagen, fast die Hälfte von ihnen leide unter Konzentrationsstörungen oder sexueller Lustlosigkeit, heißt es in der Studie. Zur Behandlung diagnostizierter Depressionen wurden zu über 58 Prozent Antidepressiva verordnet, pflanzliche Mittel wurden in 36,4 Prozent der Fälle eingesetzt und Hypnotika und Beruhigungsmittel bei 23,8 Prozent der Erkrankungen verschrieben. Der medikamentöse Anteil bei der Depressionstherapie lag bei 81 Prozent, bei gut 70 Prozent der depressiven Patienten hielten die Hausärzte Beratung, Gespräche und eine Krisenintervention für angebracht. In den meisten Fällen reiche die Behandlung durch den Hausarzt aus. Probleme seien vor allem der Zeitmangel und das oftmals eingeschränkte Fachwissen des Arztes, erklärte Wittchen. So behandeln Hausärzte laut Studie durchschnittlich 68 Patienten am Tag. Dennoch erklärten in der Studie drei Viertel der Hausärzte, psychisch Erkrankte selbst oder gemeinsam mit einem Facharzt zu behandeln. "Generell hat sich die Versorgungslage Depressiver im Vergleich zu den frühen neunziger Jahre deutlich verbessert", sagte Studienleiter Wittchen. Quelle: Spiegel

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