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Nachrichtendienst der Kath. Kirche in OÖ:
Berührendes Jägerstättergedenken
in Ostermiething und St. Radegund


Am 9. August, dem Todestag von Franz Jägerstätter kommen Jahr für Jahr mehr Menschen nach Ostermiething und St. Radegund um an den am 9. August 1943 in Brandenburg wegen Wehrkraftzersetzung enthaupteten überzeugten Christen zu denken. Bischof Manfred Scheuer und Bischof Maximilian Aichern gedachten mit der Witwe Franziska Jägerstätter an ihren Mann, gemeinsam mit über 100 Menschen aus ganz Österreich, aus Deutschland, den USA und anderen Ländern Europas. Zum 23. Mal fand der von Dr.in Erna Putz veranstaltete Jägerstättergedenktag statt.

 

Grußworte Bundespräsident Dr. Heinz Fischer

 

Bundespräsident Dr. Heinz Fischer konnte leider aufgrund einer Sportverletzung nicht mit seiner Frau Margit Fischer teilnehmen. In der Grußbotschaft, die in der Kirche in Ostermiething verlesen wurde, drückte er seine Wertschätzung gegenüber Franz Jägerstätter und dessen Frau Franziska aus. "Warum ist das Beispiel dieses Mannes, dessen wir heute gedenken so wichtig?" fragt Bundespräsident Fischer in seiner Grußbotschaft. Fischer weiter: "Der Druck zu Flexibilität und Anpassung ist allgegenwärtig. Aber es muss Grenzen geben: Anpassung darf nicht so weit gehen, dass moralische Prinzipien und persönliche Grundauffassungen geopfert werden. Franz Jägerstätter hat uns das vorgelebt."

 

Bischof Maximilian Aichern zu Franz Jägerstätter

 

Bischof Maximilian Aichern betonte in seinen Begrüßungsworten, dass auch den Menschen heute Franz Jägerstätter eine Orientierungshilfe im Leben ist. "Jägerstätter hat nicht nur darüber geschrieben, sondern es verwirklicht", so Aichern wörtlich. Aichern verwies auf den seit mehreren Jahren laufenden Seligsprechungsprozess, der von Seiten der Diözese Linz von Bischof Manfred Scheuer betrieben wurde. Die Selig- und Heiligsprechungskommission im Vatikan hat das Sterben für seine christliche Überzeugung als Martyrium anerkannt. Die sogenannte "processio" wird nun demnächst in der Kongregation eingebracht. Die weiteren Entscheidungen liegen dann bei Papst Benedikt XVI.

 

Vortrag Prof. Josef Niewiadomski

 

Am Vormittag des Gedenktages hielt der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck, Dr. Josef Niewiadomski einen Vortrag über die Herausforderung Jägerstätters für die Menschen heute.

 

Niewiadomski geht in seinem beeindruckenden Vortrag von einer Traumbeschreibung Jägerstätters aus, in dem er einen Zug sieht, der in die Hölle fährt. Im Zuge dessen beschäftigt sich Niewiadomski mit den Fragen der Unterscheidung des religiösen Zeugnisses Jägerstätters zu religiösem Fundamentalismus. "Jägerstätter wurde von Gott die Gnade zur Erkenntnis der Hintergründe des Regimes der Nationalsozialisten und die Gnade zur Unterscheidung der religiösen ,Geister' gegeben und er handelte gewaltfrei", so Niewiadomski in seinem Vortrag. "Jägerstätter sprengte mit seinem gewaltfreien Martyrium die Höllenfahrt. Er macht immer noch auf die christliche Alternative in der Welt aufmerksam - eine Kultivierung des menschlichen Begehrens statt dessen Entfesselung."

 

Glaubenszeuge: Josef Mayr-Nusser

 

Der emeritierte Professor Dr. Josef Innerhofer aus Bozen stellte einen weiteren Glaubenszeugen des Dritten Reiches vor. Josef Mayr-Nusser wurde am 27. Dezember 1910 in Bozen geboren. Er bemühte sich als Leiter der Vinzenzkonferenz in Bozen, den Armen beizustehen. Er hatte eine Frau und einen Sohn. Am 5. September 1944 wurde er zur Waffen-SS einberufen und meldete sogleich, dass er den SS-Eid aus religiösen Gründen nicht leisten könne. Mayr-Nusser wurde nach Danzig gebracht und starb auf dem Weg dorthin aufgrund der unmenschlichen Strapazen. Der Zug musste acht Tage bei Erlangen anhalten. Der starke Durchfall, der Hunger und die enormen Strapazen haben Mayr-Nusser das Leben gekostet. Ein Wachsoldat berichtete, dass Mayr-Nusser sich nicht aufgeregt hatte und für jede Hilfe sehr dankbar war.

 

Bischof Manfred Scheuer: Podiumsgespräch und Predigt zum Jägerstättergedenken

 

Bischof Manfred Scheuer, der das Seligsprechungsverfahren der Diözese Linz geleitet hat, sagte beim Podiumsgespräch und bei der Predigt am Abend in der Pfarrkirche St. Radegund, dem Heimatort Jägerstätters: "Erwachsen glauben, das heißt für Franz Jägerstätter, dass er seine Verantwortung nicht infantil delegiert, nicht an die anderen, nicht an das Volk, nicht an den Führer. Er ist aber auch kein bloßer Neinsager und Nörgler um jeden Preis. Franz Jägerstätter und andere Märtyrer verweisen auf eine andere Dimension des Menschen. Es geht um Grundüberzeugung und Grundhaltung." Scheuer verwies darauf, dass Jägerstätter seine Prinzipien nicht aufgab, dass er "für Wert und Würde des menschlichen Gewissens steht." "Ich hoffe, wir können ihn bald in die Reihe der europäischen Heiligen aufnehmen", formuliert Bischof Scheuer seinen Wunsch nach der Seligsprechung Franz Jägerstätters. Franz Jägerstätter verkörpert für Bischof Scheuer den biblischen Geist der Feindesliebe. Er steht damit in einer Reihe großer europäischer Christen, die sich vom herkömmlichen Feinddenken distanzieren.

 

Brief an Franziska Jägerstätter

 

Um 15.30 Uhr wird am 9. August immer zur Todesstunde Jägerstätters in der Kirche von Ostermiething der letzte Brief von Franz Jägerstätter an seine Frau Franziska Jägerstätter verlesen. Dr.in Erna Putz, Jägerstätterbiographin schildert, wie wichtig Franziska Jägerstätter dieses Gedenken ist. "Sie spürt die Unterstützung und Wertschätzung, die die zahlreichen Gäste ihrem Mann entgegenbringen. Sie schätzt, dass ihr Mann nicht mehr als der Narr gilt. Das hat ihr lange unglaublich weh getan. Wenn sie alleine wäre, würde sie diesen Brief wohl auch jedes Jahr wieder zu dieser Stunde lesen."

Die Lichterprozession zum Grab Jägerstätters am Abend lässt die besondere und berührende Stimmung an diesem Tag im Innviertel deutlich spüren. Die Atmosphäre überträgt sich und zieht jedes Jahr mehr Menschen nach Ostermiething und St. Radegund. Der Pfarrsaal von Ostermiething ist für das Treffen zum 62. Todestag mittlerweile zu klein geworden.

 

Für weitere Informationen:
Mag. Gabriele Eder-Cakl, 0676/87761171
Kommunikationsbüro der Diözese Linz, Presse
Herrenstraße 19, 4010 Linz, Tel. +43 732 772676-1130, Fax +43 732 772676-1175
mailto:presse@dioezese-linz.at    http://www.dioezese-linz.at/

 

Nähere Infos zu Franz Jägerstätter: http://www.paxchristi.at

 

 


Kazuo Soda, Überlebender der Atombombe von Nagasaki:
Seit 60 Jahren fordern wir
eine Welt ohne Krieg und ohne Atomwaffen.

Am 9. August 2005, dem 60. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Nagasaki, wurde bei der Wiener Friedenspagode mit einer buddhistischen Lichterzemonie der Opfer von Hiroshima und Nagasaki gedacht.

Der Hibakusha, Überlebende des Atombombenabwurfes auf Nagasaki schilderte seine schrecklichen Erlebnisse am 9. August 1945: Sein Cousin erlitt schwerste Verbrennungen und starb nach zwei Wochen. Seine Eltern starben nach sechs Jahren. "Seit 60 Jahren fordern wir eine Welt ohne Krieg und Atomwaffen", sagt Kazuo Soda.

Trotz der Enttäuschung über die Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages, wo keine Fortschritte erzielt wurden, konnte die Friedensbewegung einen Atomwaffenteststopp durchsetzen und neue Verhandlungen über atomare Abrüstung erzwingen, meint Kazuo Soda. Sein Engagement für die Atomwaffenfreiheit geht weiter, versichert Soda.

Der Mönch der Friedenspagode Rev. Gyosei Masunaga betonte die Bedeutung der Spiritualität bei der Friedensarbeit. Ing. Helmut Kramer (Hiroshima-Gruppe Wien) stellte fest, "dass es angesichts der heutigen Situation keinen Grund gibt, die atomare Bedrohung als weniger stark zu empfinden als vor 20 oder 25 Jahren, wo die Menschen in großer Zahl in einer starken Friedensbewegung durch ihre Betroffenheit den Widerstand gegem Atomwaffen artikuliert haben."

Informationen und Stellungnahme für eine atomwaffenfreie Welt (u. a. den gesamten Text, den heute Hans Echnaton Schana vorgetragen hat - als Grußadresse 2004) auf
www.hiroshima.at

Für Rückfragen: Alois Reisenbichler, 0664 39 51 809

 
Kazuo Soda
Hibakusha, Überlebender des Atombombenabwurfes auf Nagasaki
For a world without war and nuclear weapons  -  Für eine Welt ohne Atomwaffen und ohne Krieg
Rede am 9. August 2005 bei der Friedenspagode Wien

Sixty years ago, two big fire balls suddenly emerged and swallowed many streets and citizens in Hiroshima and Nagasaki. The two cities changed into pandemonium in a twinkle under the huge mushroom clouds.

After the tragedy of Hiroshima, at 11:02 a.m. on Aug. 9th, the citizens of Nagasaki underwent their baptism of fire. My house was 2.5 km away from the epicentre. At the moment of the explosion, a thunder-like flash and roaring sound engulfed us. I must have lost my senses. The rooms above me on the second floor were blown away. The sunlight blocked out and clouded as if it was dusk.

Flames went up as far as the eye could see. Black, scorched bodies lay with fierce looks of their last moments which appeared as if they had no time to complain of pain. The whole city was a real hell on earth.

My mother and I took refuge in a field on a hill. My cousin, who was no more than 10 meters away from my house, was exposed to the heat rays outside and burnt so severely that his face swelled up out of recognition. Two weeks later, he died a miserable death with his nose and ears infested with maggots. If I had been outdoors, I would have met the same fate as his. Ten meters was the crossroads of life or death for me.

It might be false if I said I had never felt terrified standing in the midst of a number of buildings reduced to rubble, but the fear and despair was exceeded by hostility and a feeling of revenge as I realised that we were attacked by the same new type of bomb as the citizens of Hiroshima. It is natural that a boy of 15, whose mind had been thoroughly controlled by a wrong value, could not come to realize the seriousness of the war damage. Tennoism and Militarism kept distress away in the background. It took a
considerable time for my distorted thoughts and feelings to collapse. I can't help emphasizing that wrong education does much damage and brings ruin to ourselves.

A week after A-bombing I was engaged in exhuming the remains of the teachers and schoolmates buried under our collapsed school building 900 m away from the epicentre and became affected by residual radiation. At that time I suffered from diarrhoea and fatigue. Those symptoms were sufficient proof that I was affected by A-bomb radiation.

Six years after the A-bombing, my parents died. The cause of their death remained a mystery then.

For about 10 years the A-bomb survivors or Hibakusha, were deprived of obtaining information about the actual facts of the A-bombing because of news blackout. Meanwhile Hibakusha were dealt with as guinea-pigs, not as patients in need of medical treatment. In 1955 the Japanese Confederation of A- and H-bomb Sufferers' Organisation was established with the progress of a peace movement against nuclear weapons. As the actual damage of the A-bomb was brought to light, our government was not allowed to neglect Hibakusha's demand for a relief law.

According to calculations made at the end of 1945, 140.000 individuals in Hiroshima and 70.000 in Nagasaki died. The radiation that washed over the cities condemned many others to a "lingering dearth" an affliction that torments some even today. An epidemiological survey shows that the morbidity rate of malignant tumours of Hibakusha is said to be 10 times as that of non-Hibakusha. However, it is almost impossible for Hibakusha to expect the government to find the cause of our diseases in radioactivity as the government depends on materials provided by the US armed forces. Only 0.8 % of Hibakusha are acknowledged by the government to suffer from radiation sickness. I had an operation for cancer 9 years ago. Luckily I have survived, but my application for the acknowledgment has been rejected on the grounds that my case has nothing to do with A-bomb radio-activity. Hibakusha are not only the citizens of Hiroshima and Nagasaki, but many others, who suffer from radiation emitted by producing and testing nuclear weapons; using depleted uranium shells and by nuclear power accidents.

Some 290.000 A-bomb survivors are living a short lease of life without being able to shake off trauma arising from the greatest disaster on Earth, and still walking in the hope of eliminating nuclear weapons.

For the past 60 years we have been crying for a world without war and nuclear weapons. From the historical point of view, our long strenuous struggle has made it possible to stop nuclear tests, prevent nuclear wars and finally seat the super powers at an international table to discuss the abolition of nuclear weapons. Today it is certain that the general trend of the world is heading towards the wishes of all the anti-war forces. As one of the manifestations mentioned before, here is a Peace Pagoda where we
Hibakusha can share with the Viennese our earnest hope for peace.

To our deep regret, the NPT Review Conference held in May has not shown any development; the promise that the nuclear powers made in 2000 is still left unfulfilled. The superpower still justifies the possession of nuclear weapons as a pretext for a strong and effective deterrent to terrorism and any possible country designing to get nuclear arms. It is no wonder that the superpowers have no persuasiveness unless they themselves renounce their own nuclear weapons. The grass-root movements for refusal of war and the total elimination of nuclear weapons demanded by the non-aligned nations is surely the general situation of the world today in which war is absolutely illegal.

Today in addition to a natural calamity, we have got such a dangerous situation that we are not allowed to live in safety on our irreplaceable Earth even though we are not involved in war. Nuclear deterrence is still a logic of those nuclear possessing countries which take power diplomacy for granted.

Since 1986 I have been appealing to a lot of people in eight countries for a world free from nuclear threat. I have been able to do my duty as a Hibakusha by getting support from a lot of peace-loving people of good will. And I am firmly convinced that only those who know that arms will never bring peace can build up the happiness of the absence of war.

I am almost 75 years old and as my health is deteriorating as I grow older, I regret to say that it may difficult for me to promise to see you next year. I keep it in mind that I am always with all of you here wherever I am. We won't let ourselves be affected and weakened by the bustling world situation, but let each living space of ours, even if small, be the base for a world without war, for world free of nuclear weapons.

Thank you for your kind attention.

Zusammenfassung in Deutsch
(Übersetzung der MitarbeiterInnen der Friedenspagode Wien):

Sechzig Jahre ist es her. Zwei große Feuerbälle erschienen plötzlich und schluckten Straßen und BewohnerInnen in Hiroshima und Nagasaki. Innerhalb eines Augenblickes verwandelten sich die zwei Städte unter dem riesigen Atompilz in Chaos.

Nach der Tragödie in Hiroshima erfuhren die BürgerInnen von Nagasaki ihre Feuerteufe. Flammen, wohin das Auge sah, schwarze verbrannte Körper mit angstvollen Augen, als hätten sie keine Zeit gehabt, über den Schmerz zu klagen. Die Stadt war die wirkliche Hölle auf Erden.

Meine Mutter und ich suchten Schutz auf einem Hügel. Mein Cousin, der in der Nähe unseres Hauses war, erlitt so schwere Verbrennungen, dass er zwei Wochen später einen qualvollen Tod starb. Kaisertreue und Militarismus hatten Schuld an den Konsequenzen, die wir nun zu tragen hatten. Ich betone, dass falsche Erziehung uns großen Schaden zufügen kann.

Sechs Jahre nach der Bombadierung starben meine Eltern. Die Todesursache bleibt unbekannt.

Zehn Jahre wurde den Hibakushas, den Überlebenden des Atombombenabwurfes, die wahren Hintergründe über den Atombombenabwurf durch Nachrichtensperre vorenthalten. Die Hibakushas wurden medizinisch schlecht behandelt. Auch nachdem das Ausmaß der Katastrophe bekannt war, war es der Regierung nicht gestattet, Wiedergutmachung an den Hibakushas zu leisten. 140.000 Menschen starben in Hiroshima und 70.000 starben in Nagasaki. Die Verseuchung kostete vielen mehr einen langsamen Tod. Nur 0.8 % der Hibakusha werden von der Regierung als Strahlenopfer anerkannt. Es gibt auch Hibakushas durch
Atomwaffentests und nukleare Unfälle.

Zu unserem größten Bedauern hat die Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages im Mai keinen Fortschritt gebracht. Die Versprechungen der Atommächte von 2000 sind noch immer unerfüllt. Die Supermächte rechtfertigen ihren Atomwaffenbesitz als Vorwand der Abschreckung gegenüber Terrorismus und Ländern, die versuchen, Atomwaffen zu bekommen. Es ist kein Wunder, dass die Supermächte damit unglaubwürdig sind. Die Basisbewegungen gegen den Krieg und für die Vernichtung aller Atomwaffen fordern mit Hilfe der blockfreien Staaten eine Welt, in der Krieg vollkommen illegal ist.

Niemand lebt auf der Erde heute in Sicherheit, auch wenn wir in keine Kriege involviert sind. Nukleare Abschreckung ist noch immer die Logik der Atomwaffenstaaten.

Seit 60 Jahren fordern wir eine Welt ohne Atomwaffen und ohne Krieg. Unser langer mühsamer Kampf machte es möglich, Atomtests zu stoppen und die Supermächte an einen Verhandlungstisch zu bekommen. Hier bei der Friedenspagode können wir Hibakusha unsere ehrliche Hoffnung auf Frieden mit den Wienerinnen und Wienern teilen.

Seit 1986 habe ich viele Menschen in acht Ländern für eine Welt ohne atomare  Bedrohung aufgerufen. Meine Pflicht als Hibakusha konnte ich durch die Hilfe vieler friedensliebender Menschen erfüllen. Nur der / die, der / die weiß, dass Waffen niemals Frieden bringen, kann das Glück einer Welt ohne Krieg verstehen.

Mit 75 Jahren und schwindender Gesundheit tut es mir leid, ihnen sagen zu müssen, dass das Versprechen sie nächstes Jahr hier wieder zu sehen, schwierig ist. Jedoch werde ich immer mit ihnen allen sein, egal, wo ich bin. Die Situation in der heutigen Welt wird uns nicht schwächen, sondern antreiben für eine friedliche Welt, für eine Welt ohne Atomwaffen zu sein.

 

Infos: Österreichs Bischöfe verurteilen Massenvernichtungswaffen
http://stephanscom.at/news/articles/2005/08/08/a8939/

 


Zum Hiroshima-Tag

Mag. Sepp Gruber MAS
Betriebsseelsorge St. Pölten

 

Am 6. und 9. August 1945 starben über 300.000 Menschen mit einem Schlag an den ersten Atombomben in Hiroshima und Nagasaki und viele an den Spätfolgen. Seither starben ungezählte Menschen an den Nebenfolgen der Atomrüstung im Kalten Krieg und danach.

 

Die Milliarden, die jährlich in die Rüstung gesteckt werden, morden nicht nur direkt in zahlreichen 'Stellvertreterkriegen' der Großmächte in den armen Ländern sowie den neuen 'Kriegen um Öl' oder die Verteidigung der angeblich 'legitimen Interessen' der Großmächte und der Reichen, sondern noch viel mehr indirekt durch die Verschwendung unendlicher Ressourcen, die für die wirtschaftliche und menschliche Entwicklung gebraucht würden.

 

Ein kleiner Teil der Rüstungsgelder würde genügen, den Hunger in der Welt und die Seuchen zu besiegen und eine einigermaßen gerechte Entwicklung in der Welt zu ermöglichen.

 

Daher unterstützen ich und die Betriebsseelsorge St. Pölten die Forderungen der Friedensbewegung zum Hiroshimatag nach Abrüstung aller Atomwaffen und anderer zerstörerischen Waffen (das sind eigentlich auch alle konventionellen Waffen), nach Entmilitarisierung der Welt, nach sozialer Gerechtigkeit und internationaler Solidarität.

 

'Nie wieder Krieg', dieser alte Forderung ist aktueller denn je, wenn man in den Irak, Afghanistan, Tschetschenien, Sudan oder den Kongo schaut, wo täglich hunderte Menschen für die Machtinteressen und wirtschaftliche Gier einiger weniger sterben.

 

Die biblische Vision des 'Schalom' bedeutet 'Friede', 'Gerechtigkeit' und 'umfassendes Heil' für die Menschen. Diesen Schalom wünsche ich mir für diese Welt und für alle Menschen oder wie im Ps 95 steht, dass 'Gerechtigkeit und Friede' sich küssen, d. h. Friede in sozialer Gerechtigkeit geschaffen werden kann in unserer gemeinsamen Welt, denn nur durch soziale Gerechtigkeit kann auch Friede gelingen und die Abrüstung aller Waffen.

 

KA-Präsident Roman Fröhlich:

 

Das Jahr 2005 erinnert in großer Dichte an markante Ereignisse. Zwei davon möchte ich gegenüberstellen: Vor hundert Jahren erhielt Bertha von Suttner den Friedensnobelpreis. Und vor sechzig Jahren erfolgte der erste Abwurf von Atombomben. Das forderte am 6. August 1945 in der japanischen Hafenstadt Hiroshima über 200.000 Menschenleben und 100.000 Verwundete, drei Tage später starben in Nagasaki 74.000 Menschen. Seither haben Augenzeugenberichte und Filmdokumente immer wieder die verheerenden Auswirkungen dieser Massenvernichtungswaffe vor Augen geführt. Trotzdem hat sich die Zahl jener Mächte, die vermeinen, ohne Atomwaffenarsenal nicht auskommen zu können, ausgeweitet. Mit Nordkorea und dem Iran pochen zwei weitere Kandidaten an diese Tür des Infernos. Die Spirale der atomaren Aufrüstung geht also weiter und es ist zu befürchten, dass selbst best gemeinte internationale Verträge und nationale Beschränkungsbeschlüsse nur bedingt Schutz bieten. Denn die Erfahrung zeigt, dass Gewalt dazu neigt, sehr schnell zu eskalieren, im Kleinen wie im Großen. Zudem werden humanitäre Bedenken rasch beiseite geschoben, wenn man sich mit konventionellen Mitteln nicht mehr zu behaupten vermag. Es braucht aber gar nicht erst des Krieges, denn nukleare Katastrophen durch Systemüberalterung, Gebrechen, menschliches Versagen oder Naturgewalten sind immer gegeben.

Wenn Bertha von Suttner ihren Roman betitelt hat: „Die Waffen nieder“, so gilt diese Forderung immer noch als eine der vordringlichsten zur Gestaltung einer friedlichen Welt. Es ist aber nicht nur eine Frage der Rüstung, sondern vor allem eine Frage der Gesinnung, wie mit Konflikten umgegangen wird. Der Verhandlungsweg braucht zwar viel mehr an Einfühlungsvermögen, Geduld und Bereitschaft zum Verzicht, vermeidet aber Leid und Schäden an der gesamten Schöpfung und bringt vor allem eine Lösung, die dauerhafter und gerechter ist.

Papst Paul VI. hat 1965 gesagt: „Der Friede muss aufgebaut werden in einer mutigen Revision der fehlerhaften Ideologien des Egoismus, des Kampfes und der Hegemonie.“

Inzwischen hat es leider wieder eine Unmenge an kriegerischen, terroristischen oder anderen Formen der Aggression gegeben. Umso dringender braucht es der Menschen, die sich nicht abhalten lassen, unbeirrbar für den Frieden eintreten. Möge Gott ihren Einsatz fruchtbringend werden lassen, den ich aus voller Überzeugung unterstütze.

 

Dr. Markus Bostl

Betriebsseelsorger Lilienfeld

 

Der Geist des Menschen adelt ihn,
steht ihm nach echter Lieb der Sinn.
Denn Liebe fühlt und Liebe spürt,
wer Liebe braucht, wem sie gebührt,
und Liebe denkt nicht, nein, sie strömt.
Sie gibt sich hin,
hat nichts im Sinn,
was Eigennutz gebiert.
Liebe beugt sich nicht dem Diktat der Rasse,
und über Habgier lächelt sie,
weint bitterlich wenn Völkermassen,
einander hassen wie noch nie.
Ohnmächtig lässt sie es geschehen,
wenn Bomben fallen, töten, morden.
Wenn NUR Strategie und Hass regieren,
würd sie an Einfluss bald verlieren.
Doch selbst der schlimmste Krieg, weiß sie,
vertreibt sie VOLLENDS trotzdem nie,
Wenn Blut geflossen und Stärke bewiesen,
wenn die Gewalt am Ende,
dann MÜSSEN Friedenstränen fließen,
nur SIE bringen die Wende.

Kaplan Franz Sieder
Betriebsseelsorger

Wenn wir heuer das Gedenken begehen, 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dann verbinden wir mit diesem Jahr auch das traurige Gedenken: 60 Jahre nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Ab diesem Zeitpunkt ist nicht nur der einzelne Mensch, sondern die gesamte Menschheit sterblich geworden. Mit den Atombomben kann alles Leben auf unserer Erde ausgelöscht werden. Wenn in diesem Jahr immer wieder die Namen der großen Verbrecher Hitler, Eichmann oder Himmler genannt werden, dann möchte ich zu dieser Verbrechergalerie noch einen Namen hinzufügen: Präsident Truman. Er hat den Befehl zum Abwurf der beiden Atombomben gegeben. Es gehört schon ein ungeheurer Zynismus und eine Menschenverachtung dazu, wenn es nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima 150.000 Tote gegeben hat, dass der Herr Präsident dann zwei Tage später den Befehl gegeben hat, auch über Nagasaki noch eine Atombombe abzuwerfen. In diesem Gedenkjahr gedenken wir der Toten von Hiroshima und Nagasaki, aber wir sollen uns in diesem Gedenkjahr auch nicht scheuen, die Verbrechen und die Verbrecher beim Namen zu nennen.

Wenn die USA heute eine ehrliche Reue zeigt für diese Verbrechen, dann müssten sie sich erstens beim japanischen Volk entschuldigen. Eine ehrliche Reue hätte auch zur Konsequenz, alle atomaren Waffen zu vernichten und die grundsätzliche Bereitschaft, jemals wieder Atomwaffen einzusetzen, aufzugeben. Es ist eine Verlogenheit und ein Zynismus, anderen Ländern vorzuwerfen, dass sie Atombomben besitzen, wenn ich selbst die größten Atomarsenale habe. Nicht nur der Iran oder Nordkorea sollen keine Atomwaffen haben. Auch die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China sollen all ihre Atomwaffen vernichten. Nach der kirchlichen Moral begehe ich eine Sünde nicht erst dann, wenn ich eine verwerfliche Tat tue, sondern schon dann, wenn ich die Bereitschaft dazu habe. Der Besitz von Atomwaffen signalisiert die Bereitschaft zum millionenfachen Mord. So lange eine Regierung – ob es der Blair, der Herr Bush oder der Herr Putin ist – diese Bereitschaft durch Atomwaffen signalisiert, ist jedes Reden von Humanität und Menschenrechten ein Hohn und eine Lüge. Jene, die durch Atomwaffen die ganze Welt in Schach halten, damit sie ihre menschenverachtende Wirtschaftspolitik fortsetzen können, sie sind die größten Terroristen. Ich wünsche mir, dass die Menschen in den verschiedensten Ländern unserer Erde diese Verlogenheit immer mehr durchschauen und einen gewaltlosen Widerstand leisten.

Infos: www.hiroshima.at

 

Friedensbewegung erinnert an Kardinal König:
"Wir können nur gemeinsam in Frieden leben oder untergehen"

Die Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung und die Wiener Friedensbewegung erinnern aus Anlass des 100. Geburtstages von Kardinal Dr. Franz König an dessen Engagement für den Frieden.

"Kardinal König sagte zu Beginn des Irak-Krieges, den er entschieden abgelehnt hat: Die Bekämpfung des Terrors könne nicht durch einen Krieg geschehen, sondern in dem  man die Gutgesinnten mobilsiert und nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit sucht", betont der Vorsitzende der ökumenischen Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung, der Betriebsseelsorger Kaplan Franz Sieder.

"Kardinal König war überzeugt, dass angesichts der Schäden, die der Krieg äußerlich und im Menschen anrichtet, die Ablehnung des Krieges absolut ist. Das sei allen PolitikerInnen ins Stammbuch geschreiben", sagt Kaplan Sieder.

Abschließend erinnert die Friedensbewegung an die Grußadresse von Kardinal König zum Hiroshima-Tag 1999:

"Die Notwendigkeit, eine Solidarität des Friedens aufzubauen, wird noch dringender. Ich danke allen, die diese Notwendigkeit erkennen und immer mehr Menschen dafür gewinnen, um eine Front des gewaltlosen Widerstands aufzubauen. Wir befinden uns alle in einem Boot und können nur gemeinsam in Frieden leben oder untergehen."

Friedensgottesdienst:

HAND IN HAND,

DAMIT UNS TAGE DER GNADE ZUTEIL WERDEN.

Die Betriebsseelsorge St. Pölten arbeitete
bei der Vorbereitung des  Ökumenischen Gottesdienstes
im Rahmen der Sommerakademie des Friedensforschungsinstituts Schlaining
am 15. Juli 2005 in der Burgkapelle Schlaining mit.
Die Predigt hielt der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker.

Eingangspsalm:

Ich will hören, was Gott redet:

Frieden verkündet Gott allem Volk,

den Menschen mit redlichem Herzen.

Heil ist nahe denen, die Gott fürchten.

Gottes Herrlichkeit wohne in unserem Land.

Es begegnen einander Huld und Treue;

Gerechtigkeit und Friede küssen sich.

Treue sprosst aus der Erde hervor;

Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.

Auch spendet Gott dann Segen,

und unser Land gibt seinen Ertrag.

Gerechtigkeit geht vor Gott her,

und Heil folgt der Spur seiner Schritte.

(Psalm 85,9-14 Einheitsübersetzung)

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,

voll Leben und voll Tod ist diese Erde,

In Armut und in Reichtum grenzenlos.

Gesegnet und verdammt ist diese Erde,

von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,

und ihre Zukunft ist herrlich und groß!

(Jura Soyfer, Kometensong, 1936)

Kyrie – Bitten:

Gott,
das Bildnis deines Sohnes ist nicht sichtbar
- auf den Seiten unserer Zeitungen
- in den Gesichtern unserer Entscheidungsträger
- beim Einsatz unserer Waffen
- in der Gewalt unserer Taten.
Christus,
nimm unsere Worte,
unsere Welt,
unsere Waffen,
unsere Arbeit
und verwandle sie nach deinem Bilde.
Damit wir dein Antlitz sehen können
in der Wahrheit, dort wo Falschmeldungen berichtet werden
in der Gerechtigkeit, dort wo Machtmissbrauch betrieben wird
im Frieden, dort wo mit Krieg gedroht wird
in der Versöhnung, dort wo Hass gefördert wird.
Öffne unsere Augen, Herr!

Alle: Kyrie eleison

Gott,
das Bildnis deines Sohnes wird durch unsere Sünde entstellt,
denn wir sündigen gegen dich und gegen unsere Nächsten.
Vergib uns, wenn wir das Leiden deines Volkes und die Gewalt und Ungerechtigkeit nah und fern nicht wahrnehmen.
Gib uns Mut dazu, dass wir uns unseren Ängsten stellen und
hilf uns, als Friedensstifter zu wirken.
Erneuere in uns die Vision der einen Kirche.
Öffne unsere Augen!

Alle: Kyrie eleison

Gott,
wir sind nach deinem Bildnis geschaffen.
Nur durch uns kannst du deinen Frieden und deine Gerechtigkeit zeigen.
Wir sind verantwortlich für deine Welt und für einander.
Verwandle uns durch deinen Heiligen Geist.
Öffne unsere Augen!

Alle: Kyrie eleison

Lesung Jes 61,1-4

Evangelium Lk 4,16-30

Auslegung von Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker:

Die Bibellesungen und Gebete, die ich für unseren Gottesdienst zusammengestellt habe, entstammen zumeist dem reichen spirituellen Schatz des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK)  in Genf. Im ÖRK sind 347 Kirchen aus 120 Ländern der Erde miteinander verbunden. Seine erste Vollversammlung, die Gründungsversammlung, fand 1948 in Amsterdam statt. Sie stand unter dem Thema, das dem der heurigen Schlaininger Sommerakademie sehr ähnlich ist: "Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan". Beschlossen wurde damals unter anderem "Krieg soll um Gottes Willen nicht sein", also schon früh unter dem Eindruck des eben zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieges die Absage an den Geist, der Krieg und militärische Gewalt als religiös gerechtfertigt, ja, als mit dem Willen Gottes übereinstimmend hinstellen wollte. Wie steht es damit heute, fast sechzig Jahre später?  Sowohl der menschenverachtende Terrorismus beruft sich auf religiöse Motive, wie der die Menschenrechte gefährdende und teilweise außer Kraft setzende war on terrorism auf der anderen Seite. Beiden ist wohl gemeinsam, dass sie von einem religiös fundierten oder zumindest religiös gefärbten Weltsicht ausgehen, in der die Guten den Bösen gegenüberstehen und in der eine Erlösung nur möglich ist, wenn die Bösen vernichtet werden. Leben gibt es nur um den Preis anderen Lebens, Existenz setzt Vernichtung voraus. Jede
Seite wähnt sich im Besitz einer einfachen - meist sehr einfachen - Wahrheit. Eine gefährliche Mischung! Dazu passend ein Zitat des UN Generealsekretärs Dag Hammarskjöld, der am 29.7.1905, also vor genau 100 Jahren, geboren wurde. Hammarskjöld war ein engagierter Politiker für den Frieden und zugleich ein tiefgläubiger, ja ein frommer, ein mystischer Protestant. In seinen posthum veröffentlichten Aufzeichnungen "Zeichen am Weg" heißt es: "Wir sind auf gefährlichem Boden, wenn wir meinen, ein Individuum, eine Nation oder eine Ideologie hätten ein Monopol auf Wahrheit, Freiheit, Menschenwürde." Das war unter dem Eindruck des kalten krieges gesagt, der Anfang der sechziger Jahre zu eskalieren drohte. Aber gilt es nicht auch heute?

Zurück zum ÖRK in Genf: An der Spitze der großen Zahl von MitarbeiterInnen steht Samuel Kobia von der Methodistenkirche Kenias. Im kommenden Februar wird er die 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre eröffnen, die erste, die in Lateinamerika stattfindet. Sie steht unter dem Motto: "Gott, in deiner Gnade verwandle die Welt!" Die Kirchen wissen sehr genau, dass die Welt Verwandlung braucht, ein Konversion, eine Umkehr. Für jeden Tag sind Bibelstellen ausgewählt, die im Zentrum von Meditation, Betrachtung und Inspiration für die Praxis stehen. Am Eröffnungstag wird Jesaja 61 und Lukas 4 gelesen. Die Auslegung dazu hat Milton Schwantes beigestellt, ein evangelischer Bibelwissenschafter und einer der prominentesten Befreiungstheologen. Von ihm stammt auch die Überschrift über unserem Gottesdienst. "Hand in Hand - damit uns Tage der Gnade zuteil werden."  “Gott, in deiner Gnade verwandle die Welt!" Und "Hand in Hand - damit uns Tage der Gnade zuteil werden" - Ist das nicht ein bisschen viel Gnade auf einmal?

Vielleicht nicht, wenn wir an den gnadenlosen Zustand der Welt denken. Darüber brauche ich euch nach all den Vorträgen und Workshops in sechs Tagen zum Thema "Weltunordnung von Ökonomie und Krieg" nichts sagen. Wohl aber kann ich daran erinnern, dass die Bibel, in der sehr präzise Erfahrungen der Menschen mit der Weltunordnung festgehalten sind, von Unterbrechungen der Gnadenlosigkeit erzählt. Eine solche Unterbrechung der Gnadenlosigkeit ist zum Beispiel der Sabbat, der kollektive Ruhetag für Mensch und Tier, für Freie und Sklaven, für Mann und Frau, für Ausländer und Einheimische (2.Mose 23; 5. Mose 5). Eine andere solche gnädige Unterbrechung von gnadenlosen Verhältnissen ist das Verbot, Zins zu nehmen, um so die Eigendynamik des Geldes zum zerstörerischen Kapital zu bremsen, zu zähmen( 2. Mose 22,24; 3. Mose 25, 35-38; 5. Mose 23,20f). Eine dritte Unterbrechung schließlich war das Gnadenjahr des Herrn. In der Tora stehen die näheren Bestimmungen dazu (3. Mose 25). In jedem sieben mal siebten, also in jedem fünfzigsten Jahr soll "jeder zu seinem Besitz und jeder zu seiner Sippe zurückkehren" (3. Mose 25,10). Diese gnädigen Unterbrechungen sind Zeiten und Räume, in denen die Menschen zu sich kommen. In denen sie nicht länger nach ihrer Leistungsfähigkeit, nach ihrer Verwertbarkeit, nach ihrem Nutzen bemessen und verworfen werden, sondern wo sie in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Römer 8, 21) leben als die Ebenbilder ihres Schöpfers (1. Mose 1, 27). So ist es die Gnade allein, die Menschen zu Menschen macht und ohne die Gnade ist der Mensch nicht(s).

Was bedeutet nun aber dieses Hand in Hand? Auf der einen Seite ist es ein für mich sehr sympathisches Zitat des we walk hand in hand aus we shall overcome. Geist des Widerstandes und gewaltfreien Kampfes für Gerechtigkeit und Frieden, der sich mit Martin Luther King und der BürgerInnenrechtsbewegung verbindet. Theologisch gesehen besagt es aber auch, dass die Gnade Gottes, die doch alles ist, wie ich gerade gesagt habe, zugleich auch nichts ist, oder nichts kann, oder nichts bewirkt ohne die Solidarität der Menschen.

Wer steht dafür? Die Propheten und Prophetinnen in erster Linie. Glaubwürdig gelebt hat es der Messias, Jesus, der durch seine Praxis gezeigt hat, dass wir nicht von einem Traum reden, der am Ende der Zeiten, oder noch besser: überhaupt erst in einem jenseitigen Paradies Wirklichkeit wird - und bis dahin regieren die Börsenkurse in ihrer Gnadenlosigkeit -, sondern dass es lebbar ist, realisierbar. Das war die Erfahrung der namenlosen kleinen Leute, der Jesusleute, von denen die Evangelien erzählen. Ihre Erfahrungen sind die heilige Schrift, sind das Heilige an der Schrift. Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Augen, sagt Jesus und proklamiert damit: Es ist möglich. Es ist Realität. Fünf Arbeiten warten auf den Messias, den Gesalbten Gottes. Es sind Worte und Taten. Den Armen das Evangelium verkünden, den Gefangenen die Freiheit zu predigen, die Blinden sehend zu machen, die Zerschlagenen frei und ledig zu machen. Und das alles fließt zusammen in der Proklamation des Gnadenjahres des Herrn. Und wenn wir uns diese Tradition erschließen, christlich gesagt: wenn Gottes Geisteskraft uns diese Tradition erschließt, dass sie uns inspiriert, dann machen wir die Erfahrung, dass es nicht nur damals möglich war, sondern dass es hier und jetzt, heute und da auch möglich ist, wo Menschen in Solidarität miteinander leben, die Ressourcen gerecht zu teilen versuchen, die Ausgrenzung aufheben, Teilhabe und Partizipation sicherstellen und den überflüssigen, überfließenden Reichtum zur Bekämpfung der Armut verwenden.

Mittlerweile kommt mir die Welt und die Menschen gefangen vor in einem Zustand, der keine Alternativen mehr kennt oder zulassen will. Bestenfalls werden Korrekturen am bestehenden und herrschenden System angebracht, Europa zum Beispiel soll sozialer werden oder überhaupt erst einmal sozial. Mit einer gewissen Unruhe stellt sich aber die Frage, ob sich eine auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Wirtschaft überhaupt korrigieren lässt? Da - denke ich - tut die biblische Erinnerung gut. Wir sehen: Die Alternative ist möglich. Sie ist von Gott verheißen, von Jesus gelebt und von seinen Jüngerinnen und Jüngern bis heute festgehalten worden. "Gott, in deiner Gnade verwandle die Welt!" - die Kirchen wissen, die Welt braucht mehr als Korrektur. Sie braucht eine Verwandlung. Eine Verwandlung weg von einer Welt, in der der Mangel die Grundlage jeder Ökonomie ist, hin zu einer Welt, in der alle teilhaben am Leben in Fülle, das der ganzen Schöpfung versprochen ist.

Glaubensbekenntnis

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dieses Bekenntnis stammt von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Es ist Teil eines längeren Textes „Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“, den er zu Weihnachten 1942 seinen Freunden überreicht hat. Abgedruckt in: D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Aufzeichnungen aus der Haft, Chr. Kaiser Verlag München 1970, 11-27

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