Kaplan Franz Sieder
ist Betriebsseelsorger in Amstetten.
Auf dieser Seite veröffentlichen wir Beiträge dieses engagierten katholischen Priesters.
Entscheidend ist
das Handeln für eine gerechtere Welt
Der Betriebsseelsorger Kaplan Franz Sieder gestaltete am 24. August 2005 im Betriebsseelsorgezentrum St. Pölten einen Gottesdienst für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Am Beispiel des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25 - 37) erläuterte Kaplan Franz Sieder die Aufgabe von Christinnen und Christen: "Es ist zu wenig, die Situation des Leidens jener Menschen, die am Rande der Straße dieser Welt ausgeplündert und wund geschlagen liegen, aufzeigen. Für den Christen und die Christin ist das Tun entscheidend."
"Wo wir helfen können, dürfen wir nicht vorübergehen. Diese caritative Hilfe ist sehr wichtig. Es geht aber auch darum, Verhältnisse zu schaffen, wo die Menschen nicht ausgegrenzt und in die Armut getrieben werden", so Kaplan Franz Sieder "Martin Luther King sieht im Gleichnis des barmherzigen Samariters nicht nur den Auftrag zur tätigen Nächstenliebe, sondern zur ,Räuberkämpfung'. Das bedeutet die grundlegende Veränderung der ungerechten Strukturen, die immer neues Leid produzieren."
"Gerade in der Betriebsseelsorge wird versucht, den Menschen konkret zu helfen wie auch Solidarität im Einsatz gegen die neoliberale Politik und für eine gerechtere Welt zu leben", betonte Kaplan Franz Sieder.
Bericht auf der Homepage der Diözese St. Pölten:
http://www.kirche.at/stpoelten/newsinfo.php?links=26082005123251
Liebe Freunde! Liebe Freundinnen!
Ich spreche als Vertreter der kirchlichen Friedensbewegungen und als katholischer Priester spreche ich auch als Vertreter der Kirche zu euch.
Ich möchte zuerst etwas zur Neutralität sagen: Wenn wir in einer Woche am 15. Mai 50 Jahre Staatsvertrag und am 26. Oktober 50 Jahre Neutralität feiern, dann möchte ich sagen, dass der 15. Mai diesmal ein Sonntag ist und Österreich sollte an diesem Tag in den Kirchen Gott nicht nur danken für seine Freiheit, sondern wir sollten Gott genauso danken für die Neutralität. Die Neutralität Österreichs ist ein Gottesgeschenk. Ich möchte vorweg sagen, dass ich es absurd und blöd finde, wenn ein Politiker wie der Herr Schüssel, der sich sogar als "christlicher Politiker" ausgibt, dieses Gottesgeschenk der Neutralität einfach wegwerfen möchte. Es wäre vielmehr seine Aufgabe als Bundeskanzler den Menschen dieses Landes den großen ethischen Wert der Neutralität zu vermitteln.
Der ethische Wert der Neutralität besteht darin, dass es Länder geben soll, die eine Art "Niemandsland" sind. Sie sehen aus einer anderen Perspektive die Konflikte der Welt, weil sie in keinen Konflikt mit involviert sind. Sie sind prädestiniert für Friedensdienste und Friedensmissionen. Wenn ich neutral bin, dann stehe ich unter keinem Druck und bin daher auch nicht erpressbar. Ich kann aus einer viel besseren Position, mich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.
Herr Bundeskanzler Schüssel, nehmen Sie sich ein Vorbild an Bundeskanzler Kreisky. Er ist nicht nur konsequent zu Österreichs Neutralität gestanden, er hat Ihnen auch gezeigt, wie ein Bundeskanzler aktive Neutralitätspolitik verwirklichen kann. Er hat es vor allem gezeigt, in seinem Einsatz in der Palästina-Frage. Herr Bundeskanzler Schüssel, wenn Sie mit Ihren Lipizzaner-Vergleichen die österreichische Neutralität lächerlich machen, dann machen Sie etwas lächerlich, was den meisten Österreicherinnen und Österreichern heilig ist und was einen hohen ethischen Wert hat.
Zur EU-Verfassung möchte ich folgendes sagen:
Der deutsche CDU-Politiker Heiner Geißler hat vor zwei Wochen die momentane neoliberale Wirtschaft als "Mafia" und als "Terrorismus" bezeichnet. Die neoliberale Wirtschaft ist tatsächlich zutiefst menschenverachtend und ihr Ziel ist Gewinnstreben. Sie produziert in Europa Arbeitslosigkeit, sie produziert in Europa immer mehr Armut - und dieses neoliberale Wirtschaftssystem, das sich momentan auf der ganzen Welt austobt, es hat Millionen Menschen auf dem Gewissen, die einfach verhungern. Wer in diesen Markt nichts einzubringen hat, der ist uninteressant, der bleibt draußen und kann verrecken. Der EU-Kommissar Günter Verheugen hat letzten Sonntag in einer Fernsehsendung gesagt: "Es gibt kein soziales Europa." Er wollte damit sagen, Europa wird nur von der neoliberalen Wirtschaft dirigiert. Mit der EU-Verfassung wird die neoliberale Wirtschaft in eine Form gegossen, die Strukturen bekommt. Für mich sind das Strukturen der Sünde. Ich möchte das an zwei wesentlichen Inhalten begründen:
Das erste ist die Aufrüstungsverpflichtung. Dieses Aufrüstungsgebot ist nicht nur unchristlich, es ist verbrecherisch. Vom Sozialforum habe ich erfahren, dass man in der EU bis 2012 das normale Militärbudget um 650 Milliarden Euro aufstocken möchte, um auf dem militärischen Sektor mehr an die USA heranzukommen.
Militärisch aufrüsten heißt in Europa auch aufrüsten als Atommacht. Die atomaren Massenvernichtungswaffen sollen aber abgebaut und völlig vernichtet werden, nicht nur im Irak und im Iran, sondern auch in Europa und in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Das Geld, das in die Rüstung gesteckt wird, wird den Armen dieser Welt vorenthalten. Europa braucht diese Hochrüstung, um damit ein verbrecherisches und menschenverachtendes Wirtschaftssystem zu schützen und aufrecht zu erhalten.
Das zweite, das ich anklage, ist die sozialschädliche und nur geldgerechte Wirtschaftspolitik, die in den Verfassungsrang gehoben wird. Es ist der Auftrag zur Liberalisierung, zur Privatisierung, vor allem von Dienstleistungen. Auf Schleichwegen will man GATS einführen. Alles, was Dienst am gesamten Volk ist, gehört nicht privatisiert, gehört nicht in die Hände von profitgierigen Privatunternehmen. Wir brauchen zumindest eine Zähmung des Kapitalismus und nicht, dass durch verfassungsmäßige Strukturen den Wirtschaftsmagnaten und Finanzspekulanten schrankenlose Freiheit eingeräumt wird. Der Markt total wird damit heilig gesprochen und abgesegnet. Ich spreche hier noch gar nicht von der Bolkestein-Richtlinie. Das ist Ausbeutung pur.
Die gerechte Verteilung der Güter wäre ein Gebot der Stunde. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen. Alle politisch Verantwortlichen in Europa sollen darüber wachen, dass alle menschenwürdig leben können - dass das Fressen und Gefressen werden ein Ende nimmt.
Als Vertreter der Kirche möchte ich sagen: Ein Christ und eine Christin kann eigentlich nur eine Partei wählen, die eine Politik für die Schwachen der Gesellschaft macht und nicht eine Politik für die Reichen. Eine Politik für die Schwachen der Gesellschaft zu machen, heißt aber auch ein klares Nein zu dieser momentanen EU-Verfassung zu sagen.
Ich möchte euch am Schluss zurufen: Wacht auf, Verdammte dieser Erde, und überlasst diese, unsere schöne Welt nicht den Reichen!
Zu diesem Thema gibt es NEU unter INHALTLICHES einen Artikel
des Theologen und Ökonomen Univ.-Prof. Dr. Ulrich Duchrow über den "Gott der EU-Verfassung".
Kaplan Franz Sieder
Predigt bei der Diözesankonferenz der KAB St. Pölten
am 19. März 2005 in Krems
Liebe Freunde! Liebe Freundinnen!
Wir feiern heute das Fest des Heiligen Josef. Josef wird am 1. Mai nochmals gefeiert. Als Katholische ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) feiern wir auch heute das Fest „Josef, der Arbeiter“. Er ist so etwas wie ein Patron der KAB.
Msg. Otto Mauer war der berühmte Domprediger in der Stephanskirche in Wien. Er wurde auch bekannt als Förderer der Kunst. Otto Mauer hat einmal am Fest des Heiligen Josef eine Predigt im Stephansdom gehalten. Er hat diese Predigt mit dem Satz begonnen: „Es ist nur jammerschade, dass dieser Heilige Josef immer als impotenter Trottel hingestellt wird.“ Er wollte damit sagen: „Josef ist für viele eine weltfremde Figur – einer, der nicht wirklich im Leben stand.
Was wissen wir von Josef wirklich: In der Kindheitsgeschichte ist uns in der Bibel einiges berichtet: Es wird auch berichtet, wie er mit seiner Frau Maria und dem zwölfjährigen Jesus auf einer Wallfahrt von Nazareth nach Jerusalem war. Er hat mit seiner Familie in einer ganz einfachen Wohnung in Nazareth gelebt – wahrscheinlich war die Wohnung eine Felshöhle. Es gilt als ziemlich sicher, dass er Zeforis – einer Stadt, die 6 Kilometer von Nazareth entfernt war – als Zimmermann, Maurer und Tischler gearbeitet. Er hat also jeden Tag 12 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, um zur Arbeit zu gehen. Wie sein Sohn Jesus 14 Jahre alt war, ist er ziemlich sicher auch täglich mit seinem Vater Josef mitgegangen in die Arbeit nach Zeforis. In Nazareth gab es damals keine Arbeit. Das war ein unbedeutendes Nest. Das Leben hat sich in Zeforis abgespielt und dort wurde auch gebaut. Heute kann jede/r Heilig-Land-PilgerIn die Ausgrabungen von Zeforis besuchen.
Ich möchte heute bei der KAB-Konferenz die Frage aufwerfen, was uns der Hl. Josef zu sagen hat. Wenn er gleichsam der Patron der Arbeiterinnen und Arbeiter ist, dann ist er auch der Patron der KAB. Ich möchte gleichsam einige Mosaiksteine zusammentragen, um den heiligen Josef als Vorbild der arbeitenden Menschen hinzustellen.
Als erstes möchte ich sagen, dass er ein gut sorgender Vater für seine Familie war. Ich denke, dass ihn der weite Weg nach Zeforis und die Zimmermanns- und Maurer-Arbeiten nicht immer getaugt haben. Er ging aber arbeiten aus Liebe zu seiner Familie. Ich denke, dass die meisten von euch auch treu sorgende Väter und Mütter in ihrer Familie waren und vielleicht noch sind. Ihr habt in dieser Aufgabe oder Berufung wahrscheinlich den größten Teil von Berufung gelebt oder erfüllt. Ich habe einmal ein Referat des berühmten Sozialethikers Oswald von Nell-Breuning gehört. Er hat über die Arbeitszeitverkürzung gesprochen und dass uns einmal die Arbeit ausgehen wird. Er hat dabei auch gesagt: Der Beruf der Zukunft wird in erster Linie der Vater- und Mutterberuf sein. Ich denke, dass diese Aufgabe als Vater und Mutter – aber auch Großvater und Großmutter – für euch auch eure wesentliche Berufung eures Lebens sein kann und dass euch der Hl. Josef ein Vorbild ist.
Ein weiteres Merkmal, wo uns der Hl. Josef Vorbild ist – das ist seine Arbeit. Die Arbeit gehört auch zum Leben dazu. In der Bibel ist auch die Rede von der Mühsal der Arbeit. Die Arbeit ist auch mit Mühsal und persönlichen Opfern verbunden. Die berufliche Arbeit ist für die meisten Menschen kein Honiglecken. Wir müssen uns aber wehren, wenn Menschen durch unmenschliche Arbeitsmethoden krank und kaputt gemacht werden. Ich war in dieser Woche beim Betriebsrat der Firma Umdasch. Einer der freigestellten Betriebsräte sagte mir, dass bei ihnen sehr viele Menschen durch die Arbeit krank werden. Wir dürfen als KAB die Sensibilität für die Ausbeutung bei der Arbeit nie verlieren. Wir sollen uns auch immer wieder nach den Sinn der Arbeit fragen. Arbeit hat den Sinn, die Bedürfnisse des Menschen zu befrieden. Arbeit hat den Sinn, damit die Familie zu ernähren oder seinen eigenen Unterhalt zu verdienen. Arbeit um der Arbeit willen macht keinen Sinn und Arbeit nur deshalb, damit die Gewinne einiger Weniger noch mehr steigen, kann auch keinen Sinn machen. Wenn sich jemand um den Sinn der Arbeit Gedanken macht, dann müsste es auch hier in erster Linie die KAB sein.
Der Hl. Josef war ein Mensch, der einen ungewöhnlichen Weg gegangen ist. Wenn es stimmt, was die Bibel sagt, dass Gott ihn mitgeteilt hat, dass das Kind, das Maria empfangen hat, durch ein Wunder des Heiligen Geistes gezeugt wurde und dass er trotzdem Maria als seine Frau zu sich nehmen soll, um sie nicht bloßzustellen, den eine uneheliche Mutter war damals völlig diskriminiert. Josef hat bei all dem sicher vieles nicht verstanden – er hat nur das verstanden, dass es Gottes Wille ist – auch die Flucht nach Ägypten. Wenn wir sensibel sind, für den Willen Gottes, dann haben auch wir oft ungewöhnliche Wege zu gehen. Josef lehrt uns, dass wir in unserer Gottesbeziehung nicht nur als Bittsteller zu Gott kommen sollen, sondern dass wir offen sind für das, was er von uns will und dass wir den Kairos in unserem Leben erkennen.
Für jene von euch, die in Pension euch, die in Pension sind, heißt das auch, dass du nachdenkst und dich Gott öffnest und fragst: Was will Gott in dieser letzten Lebensphase von mir? Wozu beruft er mich? Die Berufung besteht sicher nicht nur darin, dass ich es mir gut gehen lasse, dass ich möglichst viel reise, dass ich nur noch auf dem Gesundheitstrip bin oder dass ich resignierend die mir noch verbleibenden Tage und Jahre herunterspule.
Der Hl. Josef hat kein außergewöhnliches Leben gelebt. Er ist nicht als Märtyrer gestorben – er hat auch keine Heldentaten vollbracht, so wie es oft von anderen Heiligen berichtet wird. Der Heilige Josef hat ein sehr gewöhnliches, alltägliches Leben gelebt – so wie auch die meisten von uns. Er lehrt uns, dass Christsein und Christinsein nichts Außergewöhnliches ist – dass es heißt, im Alltag Gottes Willen zu erkennen und ihn auch zu tun.