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Kaplan Franz Sieder
ist Betriebsseelsorger in Amstetten.
Auf dieser Seite veröffentlichen wir Beiträge dieses engagierten katholischen Priesters.

Friedensgottesdienst in der Betriebsseelsorge St. Pölten
Entscheidend ist
das Handeln für eine gerechtere Welt

 

Der Betriebsseelsorger Kaplan Franz Sieder gestaltete am 24. August 2005 im Betriebsseelsorgezentrum St. Pölten einen Gottesdienst für  Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Am Beispiel des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25 - 37) erläuterte Kaplan Franz Sieder die Aufgabe von Christinnen und Christen: "Es ist zu wenig, die Situation des Leidens jener Menschen, die am Rande der Straße dieser Welt ausgeplündert und wund geschlagen liegen, aufzeigen. Für den Christen und die Christin ist das Tun entscheidend."

"Wo wir helfen können, dürfen wir nicht vorübergehen. Diese caritative Hilfe ist sehr wichtig. Es geht aber auch darum, Verhältnisse zu schaffen, wo die Menschen nicht ausgegrenzt und in die Armut getrieben werden", so Kaplan Franz Sieder "Martin Luther King sieht im Gleichnis des barmherzigen Samariters nicht nur den Auftrag zur tätigen Nächstenliebe, sondern zur ,Räuberkämpfung'. Das bedeutet die grundlegende Veränderung der ungerechten Strukturen, die immer neues Leid produzieren."
 

"Gerade in der Betriebsseelsorge wird versucht, den Menschen konkret zu helfen wie auch Solidarität im Einsatz gegen die neoliberale Politik und für eine gerechtere Welt zu leben", betonte Kaplan Franz Sieder.

 

Bericht auf der Homepage der Diözese St. Pölten:

http://www.kirche.at/stpoelten/newsinfo.php?links=26082005123251


 

 

Lesung

 

Wort der Hoffnung, Wort zur Umkehr

 

Es ist wahr, dass Jesus sich an alle richtet und dass er alle besucht, freilich nicht in der derselben Art und Weise. So wendet er sich zum Beispiel nicht mit denselben Worten an die Armen und an die Reichen.

 

Sein Evangelium hat weder denselben Widerhall noch dieselbe Bedeutung für die Reichen und für die Armen. Das Wort, das er an die Armen richtet, ist ein Wort der Hoffnung der Freude, während das Wort, mit dem er sich an die Reichen wendet, Sorge ausdrückt, sie zur Umkehr aufruft, zur Aufgabe von Privilegien, zu aktivem Mitgefühl und zur Verteilung der Güter. Das Wort, das er an die Armen richtet, ruft oft – wenn auch nicht immer – Freude und Dankbarkeit hervor, wogegen das Wort, das er den Reichen und Mächtigen sagt, häufig Hass und Verfolgung verursacht.

 

Wir können nicht mit denjenigen unserer Brüder und Schwestern übereinstimmen, die den Anschein geben, das Evangelium auf eine in falscher Weise universale Botschaft zu reduzieren, die sich in neutraler und uniformer Art an alle richtet, die damit aber den Unterschied zwischen Armen und Reichen verwischt und die Illusion erweckt, als wäre Christsein / Christinsein für Arme und Reiche dasselbe. Ein derart schales Evangelium kann nie Sauerteig sein für Gerechtigkeit und zur Befreiung der Völker. Es wäre ein Evangelium ohne Geschmack, Geruch und Farbe, in dem alle Menschen gleich sind, ohne den geringsten Bezug zu ihrer gesellschaftlichen Position.

 

Wir wollen nicht den Frieden, den die Welt gibt, sondern den Frieden Jesu Christi, der das Ergebnis aller Generationen von Aposteln, Brüdern und Schwestern ist, bis sich endlich das Reich Gottes erfüllt.

 

Aus dem Schlussdokument einer Konferenz lateinamerikanischer Bischöfe, Priester und Laien/Laiinnen, Bogota 1977 (Vorbereitung auf die 3. Bischofsversammlung von Puebla 1979)

 

 

Evangelium: Gleichnis vom barmherzigen Samariter

Lukas 10, 25 - 37

http://alt.bibelwerk.de/bibel/

 

Kaplan Franz Sieder

Einleitung zum Predigtgespräch

 

Ich habe dieses Evangelium vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25 - 37) bewusst ausgesucht, weil es von dem ausdrückt, was hier in diesem Betriebsseelsorgezentrum passiert. Ich glaube, dass da eine sehr hohe Sensibilität gibt. Das hat der Sepp schon lange gemacht und das hat der Alois jetzt gemacht –  eine Sensibilität für die, die unter die Räuber gefallen sind und die am Rand der Straße liegen, gerade auch sehr viel für die Flüchtlinge und dass ihr bemüht seid, an diesen Menschen, die am Rand der Straße von St. Pölten liegen, nicht vorüber zu gehen.

 

Ich möchte nur eine kurze Einleitung mit verschiedenen Zitaten für ein Predigtgespräch machen.

 

Ich zitiere Professor Johannes Baptist Metz, dessen Theologie der Betriebsseelsorge sehr nahe kommt:

 

“Die Rede vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der auch der Gott Jesu ist, zeigt uns vor allem einen leidensempfindlichen Gott. Die Rede vom Gott in der Bibel ist immer die Rede von einem Gott, der das Leid der Menschen im Blick hat.“

 

Metz spricht auch von einem Universalismus des Leidens, nicht nur für das Leiden von uns, sondern auch für das Leiden der Welt, eine globalisierte Sicht. Wenn wir heute von Globalisierung reden, dann heißt das auch eine globalisierte Verantwortung. Jesu erster Blick galt nicht der Sünde, sondern dem Leid der anderen“, sagt er. Und so begann das Christentum als eine Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft in der Nachfolge Jesu, dessen erster Blick dem Leid der Menschen gegolten hat.“

 

Diese Straße zwischen Jerusalem und Jericho ist heute eigentlich die Straße der Welt, wo es unheimlich viele gibt, die an diesem Rand der Straße ausgeblutet und verwundet liegen.

 

Ich glaube, dass uns das alles sehr berührt und die Caritas leistet da sehr viel, dass wir nicht vorübergehen, dass man die Wunden derer verbindet, die ausgeplündert am Rand der Straße liegen. Aber der Martin Luther King hat zu diesem Gleichnis auch gesagt, es wäre sehr verkürzt gedeutet, wenn das nur Caritas ist, wenn wir nur Wunden verbinden. Wirkliche Nächstenliebe im Sinne von Jesus heißt auch vor dem Hintergrund dieses Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, dass man auch Räuberbekämpfung macht, das es auch genauso wichtig ist, sich einzusetzen, das es eines Tages keine Räuber mehr gibt, die andere wund schlagen, die andere ausplündern. Konkret heißt das, dass wir die Strukturen sehen, die strukturelle Sünde, die Ungerechtigkeiten, die es gibt. Die Räuber sind nicht einfach nur konkrete Menschen, sondern sie sind in erster Linie Strukturen.

 

Gerhard Havlik hat einmal bei einer Wortmeldung bei einem Symposium zu Guter Arbeit gesagt: Wir zeigen oft sehr klar die Situationen auf. Wir haben auch eine relativ gute Analyse. Aber was tun wir dann? Wir wissen alle, dass es diese Ungerechtigkeit auf der Welt gibt, dass Millionen von Menschen praktisch auf der Straße liegen. Aber für mich ist eine ganz wichtige Frage: Was tun wir?

 

Ich möchte mit einigen Aussagen in Hinblick auf dieses Tun nachdenklich machen:

 

Das erste Zitat ist ein Satz aus einem Brief der Theologin Susanne Ernst, die sehr viele Arbeitseinsätze in Fabriken gemacht hat:

 

Die wichtigste Frage in einer Friedensbewegung – aber das bezieht sich nicht nur auf die Friedensbewegung –  ist, wie weit bin ich ganz persönlich in Krieg verwickelt. Wer nur die Strukturen der Sünde sieht, aber seine eigenen Sünden nicht erkennen kann, der kann nicht wirklich zum Frieden beitragen. Und ob wir wirklich leben können, hängt davon ab, ob wir den Frieden tun.“

 

Die zweite Aussage ist vom Heiligen Franz von Assisi, der vor 800 Jahren gelebt hat:

 

„Wenn uns Menschen anders begegnen, als wir es wünschen, was wir dann an Geduld und Demut haben, das besitzen wir und nicht mehr.“

 

Eine weitere Stelle zum Überlegen stammt von Eberhard Bethge, einem Freund des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer:

 

„Während wir die Sonne genossen, dröhnte plötzlich aus den Lautsprechern des Lokals das Fanfarensignal für eine Sondermeldung: Frankreich hat kapituliert. Die Leute ringsum an den Tischen wussten sich kaum zu fassen, sie sprangen auf, einige stiegen sogar auf Stühle, mit vorgestreckten Arm sangen sie ‚Deutschland, Deutschland über alles’. Auch wir waren aufgestanden. Bonhoeffer hob den Arm zum vorgeschriebenen Hitler-Gruß, während ich wie benommen daneben stand. ‚Nimm den Arm hoch. Bist du verrückt?’, flüsterte er mir zu. Und hinterher: ‚Wir werden uns jetzt für ganz andere Dinge gefährden müssen, aber nicht für diesen Salut.’“

 

Es stellt sich auch für uns die Frage, die wir in diesem ungerechten System leben, in dieser neoliberalen Wirtschaft, in diesem kapitalistischen System, das eigentlich ununterbrochen Menschen produziert, die ausgeplündert und wund geschlagen werden und am Rand der Straße liegen.  Wir spielen teilweise mit. Wo können wir nicht aus? Aber wo ist die Schmerzgrenze? Wo dürfen wir nicht mehr mittun?

 

Der Theologe und Sozialethiker Herwig Büchele sagt zu den Grundlagen unseres Tuns:

 

„Die Erfahrung zeigt zur Genüge, dass kaum ein Mensch sich von Normen und Prinzipien bewegen lässt, sein Leben einzusetzen. Worauf es vielmehr ankommt, ist, dass die Menschen die Erfahrung machen, dass es gut ist, für etwas zu leben, das verlebendigt und das befreit.“

 

In der Katholischen ArbeiterInnen-Jugend ging es uns schon immer um die Berufung, nicht nur eines Priesters oder Bischofs, sondern um die Berufung jedes einzelnen Christen und jeder einzelnen Christin. Der große Theologe Karl Rahner formulierte dazu:

 

 

Aber, o Gott meiner Sendung, wenn ich deine Botschaft ausrichten könnte, schlecht oder recht, bis eben dein Auftrag besorgt ist, und wenn ich dann mein Leben für mich leben könnte, ja dann wäre deine Last nicht schwerer, als die eines anderen Boten oder eines Verwalters, der seinen Dienst macht. Aber dein Auftrag, deine Sendung ist selbst zu meinem eigenen Leben geworden. Sie zieht alle Kräfte meines Lebens rücksichtslos in sich hinein. Sie will leben von meinem Leben. Nur dadurch lebe ich mein Leben, mein eigenstes persönliches Leben, dass ich deine Botschaft weiter trage. Ich bin dein Bote, sonst nichts mehr. Dein Licht, verzieh mir, brennt mit dem Öl meines Lebens.“

 

Diese Texte sollen uns zu unserem Predigtgespräch anregen.

 

 

Zum Hiroshima-Tag 2005
 
Wenn wir heuer das Gedenken begehen, 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dann verbinden wir mit diesem Jahr auch das traurige Gedenken: 60 Jahre nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Ab diesem Zeitpunkt ist nicht nur der einzelne Mensch, sondern die gesamte Menschheit sterblich geworden. Mit den Atombomben kann alles Leben auf unserer Erde ausgelöscht werden. Wenn in diesem Jahr immer wieder die Namen der großen Verbrecher Hitler, Eichmann oder Himmler genannt werden, dann möchte ich zu dieser Verbrechergalerie noch einen Namen hinzufügen: Präsident Truman. Er hat den Befehl zum Abwurf der beiden Atombomben gegeben. Es gehört schon ein ungeheurer Zynismus und eine Menschenverachtung dazu, wenn es nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima 150.000 Tote gegeben hat, dass der Herr Präsident dann zwei Tage später den Befehl gegeben hat, auch über Nagasaki noch eine Atombombe abzuwerfen. In diesem Gedenkjahr gedenken wir der Toten von Hiroshima und Nagasaki, aber wir sollen uns in diesem Gedenkjahr auch nicht scheuen, die Verbrechen und die Verbrecher beim Namen zu nennen.

Wenn die USA heute eine ehrliche Reue zeigt für diese Verbrechen, dann müssten sie sich erstens beim japanischen Volk entschuldigen. Eine ehrliche Reue hätte auch zur Konsequenz, alle atomaren Waffen zu vernichten und die grundsätzliche Bereitschaft, jemals wieder Atomwaffen einzusetzen, aufzugeben. Es ist eine Verlogenheit und ein Zynismus, anderen Ländern vorzuwerfen, dass sie Atombomben besitzen, wenn ich selbst die größten Atomarsenale habe. Nicht nur der Iran oder Nordkorea sollen keine Atomwaffen haben. Auch die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China sollen all ihre Atomwaffen vernichten. Nach der kirchlichen Moral begehe ich eine Sünde nicht erst dann, wenn ich eine verwerfliche Tat tue, sondern schon dann, wenn ich die Bereitschaft dazu habe. Der Besitz von Atomwaffen signalisiert die Bereitschaft zum millionenfachen Mord. So lange eine Regierung – ob es der Blair, der Herr Bush oder der Herr Putin ist – diese Bereitschaft durch Atomwaffen signalisiert, ist jedes Reden von Humanität und Menschenrechten ein Hohn und eine Lüge. Jene, die durch Atomwaffen die ganze Welt in Schach halten, damit sie ihre menschenverachtende Wirtschaftspolitik fortsetzen können, sie sind die größten Terroristen. Ich wünsche mir, dass die Menschen in den verschiedensten Ländern unserer Erde diese Verlogenheit immer mehr durchschauen und einen gewaltlosen Widerstand leisten.
 
EINE POLITIK FÜR DIE SCHWACHEN
HEISST NEIN ZU DIESER EU-VERFASSUNG

Rede bei der Menschenkette
"Ja zur Neutralität! Nein zur EU-Verfassung! Volksabstimmung"
am Samstag, 7. Mai 2005 vor dem Wiener Parlament

Liebe Freunde! Liebe Freundinnen!

Ich spreche als Vertreter der kirchlichen Friedensbewegungen und als katholischer Priester spreche ich auch als Vertreter der Kirche zu euch.

Ich möchte zuerst etwas zur Neutralität sagen: Wenn wir in einer Woche am 15. Mai 50 Jahre Staatsvertrag und am 26. Oktober 50 Jahre Neutralität feiern, dann möchte ich sagen, dass der 15. Mai diesmal ein Sonntag ist und Österreich sollte an diesem Tag in den Kirchen Gott nicht nur danken für seine Freiheit, sondern wir sollten Gott genauso danken für die Neutralität. Die Neutralität Österreichs ist ein Gottesgeschenk. Ich möchte vorweg sagen, dass ich es absurd und blöd finde, wenn ein Politiker wie der Herr Schüssel, der sich sogar als "christlicher Politiker" ausgibt, dieses Gottesgeschenk der Neutralität einfach wegwerfen möchte. Es wäre vielmehr seine Aufgabe als Bundeskanzler den Menschen dieses Landes den großen ethischen Wert der Neutralität zu vermitteln.

Der ethische Wert der Neutralität besteht darin, dass es Länder geben soll, die eine Art "Niemandsland" sind. Sie sehen aus einer anderen Perspektive die Konflikte der Welt, weil sie in keinen Konflikt mit involviert sind. Sie sind prädestiniert für Friedensdienste und Friedensmissionen. Wenn ich neutral bin, dann stehe ich unter keinem Druck und bin daher auch nicht erpressbar. Ich kann aus einer viel besseren Position, mich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.

Herr Bundeskanzler Schüssel, nehmen Sie sich ein Vorbild an Bundeskanzler Kreisky. Er ist nicht nur konsequent zu Österreichs Neutralität gestanden, er hat Ihnen auch gezeigt, wie ein Bundeskanzler aktive Neutralitätspolitik verwirklichen kann. Er hat es vor allem gezeigt, in seinem Einsatz in der Palästina-Frage. Herr Bundeskanzler Schüssel, wenn Sie mit Ihren Lipizzaner-Vergleichen die österreichische Neutralität lächerlich machen, dann machen Sie etwas lächerlich, was den meisten Österreicherinnen und Österreichern heilig ist und was einen hohen ethischen Wert hat.

Zur EU-Verfassung möchte ich folgendes sagen:

Der deutsche CDU-Politiker Heiner Geißler hat vor zwei Wochen die momentane neoliberale Wirtschaft als "Mafia" und als "Terrorismus" bezeichnet. Die neoliberale Wirtschaft ist tatsächlich zutiefst menschenverachtend und ihr Ziel ist Gewinnstreben. Sie produziert in Europa Arbeitslosigkeit, sie produziert in Europa immer mehr Armut - und dieses neoliberale Wirtschaftssystem, das sich momentan auf der ganzen Welt austobt, es hat Millionen Menschen auf dem Gewissen, die einfach verhungern. Wer in diesen Markt nichts einzubringen hat, der ist uninteressant, der bleibt draußen und kann verrecken. Der EU-Kommissar Günter Verheugen hat letzten Sonntag in einer Fernsehsendung gesagt: "Es gibt kein soziales Europa." Er wollte damit sagen, Europa wird nur von der neoliberalen Wirtschaft dirigiert. Mit der EU-Verfassung wird die neoliberale Wirtschaft in eine Form gegossen, die Strukturen bekommt. Für mich sind das Strukturen der Sünde. Ich möchte das an zwei wesentlichen Inhalten begründen:

Das erste ist die Aufrüstungsverpflichtung. Dieses Aufrüstungsgebot ist nicht nur unchristlich, es ist verbrecherisch. Vom Sozialforum habe ich erfahren, dass man in der EU bis 2012 das normale Militärbudget um 650 Milliarden Euro aufstocken möchte, um auf dem militärischen Sektor mehr an die USA heranzukommen.

Militärisch aufrüsten heißt in Europa auch aufrüsten als Atommacht. Die atomaren Massenvernichtungswaffen sollen aber abgebaut und völlig vernichtet werden, nicht nur im Irak und im Iran, sondern auch in Europa und in  den Vereinigten Staaten von Amerika.

Das Geld, das in die Rüstung gesteckt wird, wird den Armen dieser Welt vorenthalten. Europa braucht diese Hochrüstung, um damit ein verbrecherisches und menschenverachtendes Wirtschaftssystem zu schützen und aufrecht zu erhalten.

Das zweite, das ich anklage, ist die sozialschädliche und nur geldgerechte Wirtschaftspolitik, die in den Verfassungsrang gehoben wird. Es ist der Auftrag zur Liberalisierung, zur Privatisierung, vor allem von Dienstleistungen. Auf Schleichwegen will man GATS einführen. Alles, was Dienst am gesamten Volk ist, gehört nicht privatisiert, gehört nicht in die Hände von profitgierigen Privatunternehmen. Wir brauchen zumindest eine Zähmung des Kapitalismus und nicht, dass durch verfassungsmäßige Strukturen den Wirtschaftsmagnaten und Finanzspekulanten schrankenlose Freiheit eingeräumt wird. Der Markt total wird damit heilig gesprochen und abgesegnet. Ich spreche hier noch gar nicht von der Bolkestein-Richtlinie. Das ist Ausbeutung pur.

Die gerechte Verteilung der Güter wäre ein Gebot der Stunde. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen. Alle politisch Verantwortlichen in Europa sollen darüber wachen, dass alle menschenwürdig leben können - dass das Fressen und Gefressen werden ein Ende nimmt.

Als Vertreter der Kirche möchte ich sagen: Ein Christ und eine Christin kann eigentlich nur eine Partei wählen, die eine Politik für die Schwachen der Gesellschaft macht und nicht eine Politik für die Reichen. Eine Politik für die Schwachen der Gesellschaft zu machen, heißt aber auch ein klares Nein zu dieser momentanen EU-Verfassung zu sagen.

Ich möchte euch am Schluss zurufen: Wacht auf, Verdammte dieser Erde, und überlasst diese, unsere schöne Welt nicht den Reichen! 

 
Kaplan Franz Sieder
Papst Johannes Paul II. und
seine Sensibilität für die arbeitenden Menschen

Der Vorgänger von Papst Johannes Paul II., nämlich Paul VI., hatte eine tiefe Sensibilität für Arbeiterinnen und Arbeiter. Er ist als Kardinal von Mailand oft vor die Fabrikstore gegangen und hat ganz bewusst mit den Arbeiterinnen und Arbeitern Kontakt gesucht. Er hat dann auch als Papst Joseph Cardijn als einfachen Priester zum zum Kardinal erhoben und er soll damals gesagt haben, dass er mit Cardijn jenen Mann Kardinal machen möchte, der in unserem Jahrhundert am meisten für die Kirche getan hat.

In den Medien wurde besonders hervorgehoben, dass das Herz von Johannes Paul II. für die Kinder und Jugendlichen geschlagen hat. Hat es auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter geschlagen? Welchen Platz hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter in seinem Herzen? Er hat das Arbeitermilieu schon als junger Mensch kennen gelernt. Während seines Theologiestudiums hat er zeitweise in einem Steinbruch und in einer Chemiefabrik gearbeitet. Er war auch kurze Zeit in der GastarbeiterInnenseelsorge in Deutschland tätig. Der Nachfolger von Josef Cardijn, der Belgier Marcel Uilenbrouk, war ein Studienkollege und ein persönlicher Freund von Karol Wojtyla. Durch Uilenbrouk ist er auch mit der KAJ in Berührung gekommen und hat die Spiritualität der KAJ erfahren.

Dass Johannes Paul II. auch so etwas wie eine Grundentscheidung für die Arbeiterinnen und Arbeiter getroffen und dass die Arbeiterinnen und Arbeiter auch einen Platz in seinem Herzen hatten, das wurde in seiner Enzyklika "Centesimus anus" sehr deutlich sichtbar. Ich möchte nur einige wichtige Sätze aus diesem Sozialrundschreiben wiedergeben:

"Nach dem Scheitern des marxistischen Modells bestehen in der Welt nach wie vor Formen von Ausgrenzung und Ausbeutung sowie Erscheinungen menschlicher Entfremdung, gegen die die Kirche ihre Stimme erheben muss. Es besteht die Gefahr, dass sich eine radikale, kapitalistische Ideologie breit macht, die die Lösung nur einem blinden Glauben der freien Entfaltung der Marktkräfte überlässt. Es bedarf noch eines großen Einsatzes aller Arbeiterinnen und Arbeiter, dessen Ziel die Befreiung und umfassende Förderung des Menschen
ist. Der Mensch arbeitet, um die Bedürfnisse seiner Familie, der Gemeinschaft, zu der er gehört, der Nation und schließlich der ganzen Menschheit zu erfüllen. Der Staat darf die Rechte der einzelnen nicht unterdrücken. Der Staat hat die Aufgabe über das Gemeinwohl zu wachen. Die Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter, die meist die Besitzlosen bilden, müssen vom Staat in besondere Obhut genommen werden. Je schutzloser Menschen sind, umso mehr soll der Staat sie schützen."

Von Johannes Paul II. stammt auch der Satz: "Friede lässt sich nur auf dem Fundament der Gerechtigkeit aufbauen."
 
Der Einsatz für Friede und Gerechtigkeit war vom verstorbenen Papst sehr stark. "Der Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit", sagte er anlässlich des Irakkrieges. Er forderte, dass Probleme gelöst durch Dialog und Solidarität und nicht durch Vernichtung des Gegners im Krieg gelöst werden sollen.

Mir tut es eigentlich leid, dass dieser Papst ein gestörtes Verhältnis zur Befreiungstheologie hatte, weil die Aussagen in seiner Sozialenzyklika ganz in der Intention der Befreiungstheologie liegen. Seine Skepsis bezüglich der Befreiungstheologie erkläre ich mir daraus, dass er als Pole große Probleme hatte, gegen alles, was politisch links oder gar als kommunistisch eingestuft werden könnte. Die Befreiungstheologie aber hat eine linke
politische Option. Wenn aber links heißt, sich auf die Seite der Armen zu stellen und für Gerechtigkeit zu kämpfen, dann müsste eigentlich Johannes Paul II. als linker Papst in die Geschichte eingehen.

Einiges wird auch dadurch verständlich, dass Johannes Paul II. einmal Philosophieprofessor war. Die Grundlage der Theologie war für ihn die Philosophie. Die Grundlage der Befreiungstheologie ist nicht die
Philosophie, sondern das konkrete Leben mit allen Spannungen und sozialen Ungerechtigkeiten. Die Befreiungstheologie versucht das Leben im Licht des Glaubens zu deuten. Daraus entsteht auch unweigerlich eine politische Theologie. Sein philosophisches Denken spießte sich mit dem Denken der Befreiungstheologinnen und Befreiungstheologen, obwohl es ihm grundsätzlich auch um die Befreiung des Menschen gegangen ist. Auch seine entschiedene Haltung gegen die Empfängnisverhütung, außer den unfruchtbaren Tagen der Frau, ist aus diesem philosophischen Denken erklärbar. Vor GynäkologInnen
hatte er seine Position diesbezüglich einmal folgendermaßen dargestellt Gott ist der Urheber und Schöpfer des Lebens. Wo Leben entsteht, dort ist Gott unmittelbar beteiligt. Beim Zeugungsakt darf daher der Mensch Gott
nicht dreinpfuschen und er darf dabei nicht herumpfuschen. Er hat dabei die Verhütung als Sünde direkt gegen Gott bezeichnet. Diese Argumentation und Auffassung ist nicht von der Bibel ableitbar, sondern sie ist nur vom so genannten Naturrecht ableitbar. Die christlichen PhilosophInnen gehen auch sehr stark vom Naturrecht aus.

Ich wollte darauf nur hinweisen, dass der Papst aus seiner Sicht einen sehr geradlinigen Weg gegangen ist. In diesem Sinn war er sicher authentisch. Diese, seine Authentizität hat sicher auch zu seiner starken Ausstrahlung
beigetragen.

Was ich ihm hoch anrechne war, dass er zur Jahrtausendwende fähig war, als Oberhaupt der Kirche ein historisches Schuldbekenntnis zu sprechen. Er hat Fehler eingestanden, die die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte begangen hat. Nicht nur der einzelne Mensch ist immer wieder aufgerufen,
sich zum Evangelium zu bekehren - auch die Kirche in ihrer Gesamtheit ist aufgerufen, sich immer wieder neu zum Evangelium zu bekehren.

Jeder Mensch hat ideologische und psychologische Sperren, die es uns oft schwer machen, in allem den Weg Jesu zu gehen. Auch Johannes Paul II. hatte diese Sperren. Die HistorikerInnen der kommenden Jahre werden auch in seinem Pontifikat manches entdecken, wo vielleicht einer seiner Nachfolger sich entschuldigen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass eine solche Entschuldigung einmal den Frauen gegenüber ausgesprochen wird.

Ich gestehe aber Johannes Paul II. zu, dass er aus seiner subjektiven Sicht einen geradlinigen Weg gegangen ist und dass er ehrlich bemüht war, die Botschaft des Evangeliums der Welt zu verkünden.
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AKTIONSGEMEINSCHAFT
CHRISTINNEN UND CHRISTEN FÜR DIE FRIEDENSBEWEGUNG
Kaplan Franz Sieder, Vorsitzender
A-3300  Amstetten, Kirchenstraße 16
Telefon 07472 646 16
Mail: friedenschristInnen@gmx.at
 
Kaplan Franz Sieder
Rede bei der Demonstration
gegen Krieg und Neoliberalismus
zum Thema EU-Verfassung
am 19. März 2005 auf dem Wiener Stephansplatz

Als katholischer Priester möchte ich sagen, warum ich nicht dafür bin, dass das Wort "Gott" in die vorliegende EU-Verfassung hineingenommen wird. Ursprünglich wurde ja darum gestritten, in der Einleitung zu sagen, dass die EU-Verfassung auf der Grundlage der christlichen Tradition Europas und unserer Verantwortung Gott gegenüber erstellt wurde. Ich bin deshalb dagegen, dass das Wort "Gott" in dieser europäischen Verfassung aufscheint, weil das ein Frevel, eine Gotteslästerung wäre. Das, was im Verfassungstext ausgedrückt wird, entspricht nämlich ganz und gar nicht dem, was in der christlichen Soziallehre ausgedrückt wird. Es wäre ein Frevel diese Verfassung im Namen Gottes abzusegnen, weil Gott immer auf Seite der Menschen steht und weil es ihm um die Würde und das Wohl eines jeden Menschen geht. Ich brauche keinen "Gott", so wie ihn der Herr Bush gebastelt hat, mit dem er seine Kriege rechtfertigen will. Auch die christliche Soziallehre sagt, dass der Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen soll.

Bei der EU-Verfassung steht aber nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern nur das Geld. Diese Verfassung betet nicht Gott, sondern betet nur den Mammon an.

In manchen Passagen gibt sie sich zwar sozial und menschlich - wenn sie sagt, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit hat und wenn sie allgemein redet von Frieden und Solidarität, von Gleichheit und Würde des Menschen.

In der Bibel gibt es einen Schlüsselsatz, der heißt: "Wenn du alles, was du besitzt, den Armen austeilen würdest, hättest aber die Liebe nicht, dann wäre alles umsonst." Dieses "hättest du aber die Liebe nicht" heißt: Würde es dir in deiner Intention nicht wirklich um den Menschen gehen, dann ist dein scheinbar äußerlich soziales Handeln und Reden nicht ehrlich, sondern nur eine Phrase.

Die EU-Verfassung ist ein Produkt der neoliberalen Wirtschaft. In der europäischen Verfassung wird die Gesinnung der Habsucht, die Gesinnung des Egoismus in eine Form gegossen. Sie wird manifestiert in Strukturen.

Ich möchte nur zwei Bereiche benennen, wo eklatant sichtbar wird, dass die EU-Verfassung im Widerspruch steht zu den christlichen Werten. 

Das erste ist das Aufrüstungsgebot. Ich möchte diese verfassungsmäßige Verpflichtung zur Aufrüstung nicht nur als unchristlich, sondern auch als verbrecherisch bezeichnen. 600 Milliarden Euro sollen bis 2012 zusätzlich in die Rüstung gesteckt werden. Das ist ein Verbrechen.

Der Aufrüstungsbeschluss beinhaltet ja auch ein Aufrüsten zur Atommacht. Die Massenvernichtungswaffen sollen abgebaut und beseitigt werden - nicht nur im Irak und im Iran, sondern auch in Europa und in den Vereinigten Staaten. Das Geld, das in die Rüstung gesteckt wird, wird den Armen dieser Welt vorenthalten. Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Kind an Hunger - das ist soviel wie wenn jede Viertelstunde ein Jumbojet mit Kindern abstürzen würde. Rüstung tötet auch ohne Krieg.

Das zweite, das ich anklage und als unchristlich bezeichne, ist  die sozialschädliche und menschenverachtende Wirtschaftspolitik, die in den Verfassungsrang erhoben wird. Wir brauchen ein Zähmung des Kapitalismus und nicht, dass durch verfassungs mäßige Strukturen den Wirtschaftsmagnaten schrankenlose Freiheit eingeräumt wird. Eine Freiheit, die eine kleine Gruppe immer reicher macht, durch die aber Millionen Menschen in Europa verarmen und weltweit Millionen von Menschen an Hunger sterben. Der Markt total wird heilig gesprochen. Wer in diesen Markt nichts einzubringen hat, der / die ist uninteressant, der / die bleibt draußen und der / die kann
verrecken. Die Spielregeln der EU erlauben durch diese Verfassung eine Privatisierung der Dienstleistungen - es deutet darauf hin, sukzessive GATS einzuführen. Niemand hat dann mehr das Recht, den Spielern (innen) auf den Finanzmärkten und den Vertreter(inne)n der multinationalen Konzerne die gelbe oder rote Karte zu zeigen. Zur Bolkestein-Richtlinie möchte ich nur sagen, dass das Ausbeutung pur ist.

Die Katholische Soziallehre sagt eindeutig, dass das Privateigentum für niemand ein unbedingtes und uneingeschränktes Recht ist. Niemand hat das Recht, im Überfluss zu leben, wenn anderen das Notwendigste fehlt. Der heilige Ambrosius, einer der großen Kirchenväter, sagte schon im 4. Jahrhundert: "Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich den Armen gegenüber großzügig erweist, du gibst ihnen nur zurück, was ihnen gehört." Die Erde ist für alle da - nicht nur für die Reichen.

Wenn schon die Multis und Wirtschaftsmagnaten immer mehr unsere Gesellschaft bestimmen, dann sollten die Politikerinnen und Politiker - ob in der EU oder in Österreich - wenigstens jenen Spielraum, den sie noch haben, nützen, um ein Anwalt / eine Anwältin der Kleinen und Zukurzgekommenen zu sein.

Als Vertreter der Kirche möchte ich sagen: Ein Christ / eine Christin kann eigentlich nur eine Partei wählen, die eine Politik für die Schwachen der Gesellschaft macht und nicht eine Politik für die Reichen.

Eine Politik für die Schwachen zu machen, heißt auch die vorliegende EU-Verfassung zu verhindern.
(Auf Wunsch schicken wir Ihnen / dir diese Rede auch als Word- oder RTF-Datei.)

Zu diesem Thema gibt es NEU unter INHALTLICHES einen Artikel
des Theologen und Ökonomen Univ.-Prof. Dr. Ulrich Duchrow über den "Gott der EU-Verfassung".

 

 

Kaplan Franz Sieder

Predigt bei der Diözesankonferenz der KAB St. Pölten
am 19. März 2005 in Krems

 

Liebe Freunde! Liebe Freundinnen!

 

Wir feiern heute das Fest des Heiligen Josef. Josef wird am 1. Mai nochmals gefeiert. Als Katholische ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) feiern wir auch heute das Fest „Josef, der Arbeiter“. Er ist so etwas wie ein Patron der KAB.

 

Msg. Otto Mauer war der berühmte Domprediger in der Stephanskirche in Wien. Er wurde auch bekannt als Förderer der Kunst. Otto Mauer hat einmal am Fest des Heiligen Josef eine Predigt im Stephansdom gehalten. Er hat diese Predigt mit dem Satz begonnen: „Es ist nur jammerschade, dass dieser Heilige Josef immer als impotenter Trottel hingestellt wird.“ Er wollte damit sagen: „Josef ist für viele eine weltfremde Figur – einer, der nicht wirklich im Leben stand.

 

Was wissen wir von Josef wirklich: In der Kindheitsgeschichte ist uns in der Bibel einiges berichtet: Es wird auch berichtet, wie er mit seiner Frau Maria und dem zwölfjährigen Jesus auf einer Wallfahrt von Nazareth nach Jerusalem war. Er hat mit seiner Familie in einer ganz einfachen Wohnung in Nazareth gelebt – wahrscheinlich war die Wohnung eine Felshöhle. Es gilt als ziemlich sicher, dass er Zeforis – einer Stadt, die 6 Kilometer von Nazareth entfernt war – als Zimmermann, Maurer und Tischler gearbeitet. Er hat also jeden Tag 12 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, um zur Arbeit zu gehen. Wie sein Sohn Jesus 14 Jahre alt war, ist er ziemlich sicher auch täglich mit seinem Vater Josef mitgegangen in die Arbeit nach Zeforis. In Nazareth gab es damals keine Arbeit. Das war ein unbedeutendes Nest. Das Leben hat sich in Zeforis abgespielt und dort wurde auch gebaut. Heute kann jede/r Heilig-Land-PilgerIn die Ausgrabungen von Zeforis besuchen.

 

Ich möchte heute bei der KAB-Konferenz die Frage aufwerfen, was uns der Hl. Josef zu sagen hat. Wenn er gleichsam der Patron der Arbeiterinnen und Arbeiter ist, dann ist er auch der Patron der KAB. Ich möchte gleichsam einige Mosaiksteine zusammentragen, um den heiligen Josef als Vorbild der arbeitenden Menschen hinzustellen.

 

Als erstes möchte ich sagen, dass er ein gut sorgender Vater für seine Familie war. Ich denke, dass ihn der weite Weg nach Zeforis und die Zimmermanns- und Maurer-Arbeiten nicht immer getaugt haben. Er ging aber arbeiten aus Liebe zu seiner Familie. Ich denke, dass die meisten von euch auch treu sorgende Väter und Mütter in ihrer Familie waren und vielleicht noch sind. Ihr habt in dieser Aufgabe oder Berufung wahrscheinlich den größten Teil von Berufung gelebt oder erfüllt. Ich habe einmal ein Referat des berühmten Sozialethikers Oswald von Nell-Breuning gehört. Er hat über die Arbeitszeitverkürzung gesprochen und dass uns einmal die Arbeit ausgehen wird. Er hat dabei auch gesagt: Der Beruf der Zukunft wird in erster Linie der Vater- und Mutterberuf sein. Ich denke, dass diese Aufgabe als Vater und Mutter – aber auch Großvater und Großmutter – für euch auch eure wesentliche Berufung eures Lebens sein kann und dass euch der Hl. Josef ein Vorbild ist.

 

Ein weiteres Merkmal, wo uns der Hl. Josef Vorbild ist – das ist seine Arbeit. Die Arbeit gehört auch zum Leben dazu. In der Bibel ist auch die Rede von der Mühsal der Arbeit. Die Arbeit ist auch mit Mühsal und persönlichen Opfern verbunden. Die berufliche Arbeit ist für die meisten Menschen kein Honiglecken. Wir müssen uns aber wehren, wenn Menschen durch unmenschliche Arbeitsmethoden krank und kaputt gemacht werden. Ich war in dieser Woche beim Betriebsrat der Firma Umdasch. Einer der freigestellten Betriebsräte sagte mir, dass bei ihnen sehr viele Menschen durch die Arbeit krank werden. Wir dürfen als KAB die Sensibilität für die Ausbeutung bei der Arbeit nie verlieren. Wir sollen uns auch immer wieder nach den Sinn der Arbeit fragen.  Arbeit hat den Sinn, die Bedürfnisse des Menschen zu befrieden. Arbeit hat den  Sinn, damit die Familie zu ernähren oder seinen eigenen Unterhalt zu verdienen. Arbeit um der Arbeit willen macht keinen Sinn und Arbeit nur deshalb,  damit die Gewinne einiger Weniger noch mehr steigen, kann auch keinen Sinn machen. Wenn sich jemand um den Sinn der Arbeit Gedanken macht, dann müsste es auch hier in erster Linie die KAB sein.

 

Der Hl. Josef war ein Mensch, der einen ungewöhnlichen Weg gegangen ist. Wenn es stimmt, was die Bibel sagt, dass Gott ihn mitgeteilt hat, dass das Kind, das Maria empfangen hat, durch ein Wunder des Heiligen Geistes gezeugt wurde und dass er trotzdem Maria als seine Frau zu sich nehmen soll, um sie nicht bloßzustellen, den eine uneheliche Mutter war damals völlig diskriminiert. Josef hat bei all dem sicher vieles nicht verstanden – er hat nur das verstanden, dass es Gottes Wille ist – auch die Flucht nach Ägypten. Wenn wir sensibel sind, für den Willen Gottes, dann haben auch wir oft ungewöhnliche Wege zu gehen. Josef lehrt uns, dass wir in unserer Gottesbeziehung nicht nur als Bittsteller zu Gott kommen sollen, sondern dass wir offen sind für das, was er von uns will und dass wir den Kairos in unserem Leben erkennen.

 

Für jene von euch, die in Pension euch, die in Pension sind, heißt das auch, dass du nachdenkst und dich Gott öffnest und fragst: Was will Gott in dieser letzten Lebensphase von mir? Wozu beruft er mich? Die Berufung besteht sicher nicht nur darin, dass ich es mir gut gehen lasse, dass ich möglichst viel reise, dass ich nur noch auf dem Gesundheitstrip bin oder dass ich resignierend die mir noch verbleibenden Tage und Jahre herunterspule.

 

Der Hl. Josef  hat kein außergewöhnliches Leben gelebt. Er ist nicht als Märtyrer gestorben – er hat auch keine Heldentaten vollbracht, so wie es oft von anderen Heiligen berichtet wird. Der Heilige Josef hat ein sehr gewöhnliches, alltägliches Leben gelebt – so wie auch die meisten von uns. Er lehrt uns, dass Christsein und Christinsein nichts Außergewöhnliches ist – dass es heißt, im Alltag Gottes Willen zu erkennen und ihn auch zu tun.

 
 
 

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