Nationalsozialismus

 

Was ist eigentlich Nationalsozialismus?

 

Nationalsozialismus ist eine extrem nationalistische, völkisch-antisemitische, revolutionäre Bewegung in Deutschland, die sich unter der Führung Adolf Hitlers in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) organisierte und auf deren Basis Hitler 1933 in Deutschland ein faschistisches Regime errichtete.

 

Die Anfänge der Bewegung

Der 1. Weltkrieg mit all seinen tief greifenden Umwälzungen - das Trauma der Niederlage am Ende des Krieges, der Zusammenbruch des Kaiserreiches, die Erschütterung durch die Novemberrevolution, das so genannte "Friedensdiktat" des Versailler Vertrags - sowie die noch auf äußerst schwachen Füßen stehende Weimarer Republik und die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit waren der Nährboden, auf dem nach dem Krieg zahlreiche rechtsgerichtete, völkische, nationalistische Gruppierungen entstanden. Die Schuld für die "schmachvolle" Niederlage schrieb man völlig unkritisch und undifferenziert Kommunisten, Sozialisten, Bolschewisten und besonders den Juden zu, die man mit Marxismus und internationalem Kapitalismus gleichsetzte und denen man Weltherrschaftsstreben unterstellte.

Im Januar 1919 wurde eine dieser rechtsgerichteten Gruppierungen in München von dem Schlosser Anton Drexler gegründet. Später wurde sie in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt. Im September des Gründungsjahres trat Adolf Hitler der Partei bei.

Derxler und Hitler stellten am 24. Februar des Jahres 1920 ihren gemeinsamen 25-Punkte Plan vor. Die wichtigsten Punkte waren:

- Schaffung eines Großdeutschlands

- Revision des Versailler Vertrages

- Erweiterung des Lebensraumes zur Ernährung und Ansiedlung der deutschen Bevölkerung

- Durchsetzung "positiven" Christentums - auf der Grundlage des Sittlichkeits- und Moralgefühls der germanischen Rasse?

- Ausrichtung der Politik an rassischen Kriterien

- Verweigerung der Staatsbürgerrechte gegenüber Juden und ihre Ausweisung aus Deutschland

Das Programm war eine Mischung aus populärsozialistischen und nationalistisch-antisemitischen Ideen, die vor allem das Kleinbürgertum, aus dem sich anfangs zum großen Teil die NSDAP-Anhänger rekrutierten, ansprachen. In der Praxis allerdings war das 25-Punkte-Programm relativ bedeutungslos - von den 25 Punkten blieben schließlich lediglich vier relevant: Großdeutschland, Aufhebung des Versailler Vertrages, Erweiterung des Lebensraumes und Ausgrenzung der Juden -; programmatisch wirkte vielmehr Hitlers unermüdliche Agitation, mit der er sein relativ einfaches und eingängiges Konzept publikumswirksam verbreitete. Nationalistische Programmdiskussionen hatten sich als erfolglos erwiesen, wenn es darum ging, Anhänger zu mobilisieren; daher machte Hitler ein simplifiziertes, konkretes Freund-Feind-Modell zur Basis seiner Agitation: Um seinen Aufstieg zur Weltmacht, als die es durch seinen Elitecharakter prädestiniert sei, zu erreichen, müsse das deutsche Volk das Judentum, dass das deutsche Volk bedrohe, bekämpfen, insbesondere die "Judenherrschaft", die mit der Weimarer Republik über Deutschland hereingebrochen sei. Mit seiner radikalen, extrem antisemitischen Propaganda hob Hitler sich und die NSDAP deutlich von den anderen Rechtsgruppierungen ab.

Am 11. Juli 1921 trat Hitler aus der NSDAP aus. Grund waren Differenzen mit der Parteiführung wegen eines möglichen Zusammenschlusses mit anderen Rechtsparteien; Hitler befürchtete, dass dadurch seine bevorzugte Art der politischen Arbeit, die Massenagitation, zugunsten einer ausgearbeiteten Programmatik zurückgedrängt würde. Am 29. Juli wählte die NSDAP in Reaktion auf seinen Austritt Hitler zum Vorsitzenden mit nahezu absoluter Führerstellung, erklärte ihn in ihrer neuen Parteisatzung für unabhängig von Mehrheitsbeschlüssen des Vorstandes und bestätigte das 25-Punkte-Programm.

Die Saalschutztruppe, die durch ihre Hakenkreuzbinden kenntliche gemacht wurde, und später die Sturmabteilung (SA) bildete wurde umorganisiert. Deren Radikalität und Gewaltbereitschaft erwies sich z. B. auf dem von nationalen Verbänden einberufenen "Deutschen Tag" am 14./15. Oktober 1922 in Coburg, wo sich etwa 800 SA-Männer heftige Straßenkämpfe mit Linken lieferten.

Süddeutschland, speziell Bayern, war zunächst das Gebiet in dem die NSDAP vertreten war. Hier profilierte sie sich vor allem durch ihr Auftreten auf dem "Deutschen Tag" und ihre Massenveranstaltungen. Sie verstand sich eigentlich als Partei sondern als revolutionäre Bewegung. Ihre Mitglieder kamen vorzugsweise aus dem Mittelstand, vor allem dem unteren, der infolge der wirtschaftlichen Probleme der Nachkriegszeit seinen sozialen Status bedroht sah und daher besonders aufgeschlossen war für die Agitation gegen die Weimarer Regierung. Auch aus den verschiedenen Wehrverbänden schlossen die sich zu einer großen Zahl der SA an. Sie bekam durch ihren großen Zulauf ein bedrohliches Eigengewicht in der Partei. Hitler war überzeugt, dass die gesellschaftlich und politisch relevanten Kräfte wie Militär und Verwaltung als potentielle Machtmittel in Hinblick auf einen inneren Entscheidungskampf im Sinne der NSDAP beeinflusst werden mussten, und suchte und fand daher die Verbindung zu diesen Kräften, z. B. zu dem ehemaligen General Erich Ludendorff; durch solche Verbindungen begann sich Hitler gesellschaftlich und politisch zu etablieren.

In einer Atmosphäre wachsender Unsicherheit und Unruhe in der jungen Weimarer Republik schlossen sich auf einem weiteren "Deutschen Tag" am 1./2. September 1923 in Nürnberg, an dem etwa 50 000 Menschen teilnahmen, mehrere bayerische Kampfverbände zum "Deutschen Kampfbund" zusammen und am 25. September wurde Hitler dessen politischer Leiter.

Hitler schien die politische Situation im November geeignet um die "Judenherrschaft" zu beenden. Sein Putschversuch scheiterte jedoch. Er wurde von der bayrischen Staatsgewalt niedergeschlagen. Wegen Hochverrats wurde Hitler zu Festungshaft verurteilt. Die NSDAP, , die mittlerweile auf 55 000 Mitglieder angewachsen war, verboten. Bis zur Neugründung der Partei 1925 sammelten sich die Mitglieder in verschiedenen völkischen Gruppierungen.

 

Die Ideologie

Während seiner Festungshaft verfasste Hitler den ersten Band von Mein Kampf (1925); in ihm sowie im zweiten Band (1926) von Mein Kampf und im Zweiten Buch (1928) legte er seine nationalsozialistische Weltanschauung nieder. Hitlers Ideologie ist keine stringent ausgearbeitete, in sich schlüssige Lehre, sondern eher ein Zielkatalog, der durchaus Abweichungen innerhalb des vorgegebenen Rahmens zuließ. Kern seiner Ideologie waren ein auf die Lehren Gobineaus und Chamberlains zurückgreifender rassisch motivierter, radikaler Antisemitismus und die Doktrin des Lebensraumes; die Vernichtung des Judentums und die Schaffung von Lebensraum war nach Hitlers Auffassung durch einen einzigen Krieg gegen die Sowjetunion zu erreichen; daran anschließen sollte sich die Erringung der Herrschaft auf dem ganzen europäischen Kontinent, dann das Ausgreifen nach Übersee und der Kampf mit den USA um die Weltherrschaft. Am Ende stünde die Herrschaft eines "Herrenvolkes". Hitler ging mit seinen sozialdarwinistisch und rassisch motivierten Vorstellungen davon aus, dass die Geschichte ein permanenter Kampf der Völker um Selbsterhaltung, Vermehrung und Erweiterung ihres Lebensraumes sei, an dessen Ende das "rassisch wertvollere" Volk über die "rassisch minderwertigen" Völker siegen werde. "Rassisch hochwertig" und allein kulturfähig sei einzig die arische, die nordische Rasse; "minderwertig" und kulturzerstörend seien z. B. die Slawen. Wie sich im universalen Rahmen das rassisch wertvolle Volk durchsetze, so setze sich im nationalen Rahmen die rassisch wertvolle Persönlichkeit durch, die die Führung der Volksgemeinschaft beanspruchen dürfe (siehe Führerprinzip). Die Juden seien rassisch minderwertig und unfähig, einen lebensfähigen Staat zu bilden, und versuchten deshalb, sich mit rassisch höheren Völkern zu verbinden bzw. sie zu versklaven, um sich selbst zu erhalten. Außerdem würden sie, da sie die Wertunterschiede zwischen den Rassen und die Notwendigkeit des Lebenskampfes zwischen den Völkern ignorierten, internationalistisch agieren und über internationale Bewegungen (z. B. Marxismus, Bolschewismus, Demokratie, Liberalismus, die folgerichtig ebenso wie das Judentum abzulehnen und genauso radikal zu bekämpfen waren) die Welt dominieren; das deutsche Volk als rassisch wertvolles habe daher die Aufgabe, die Juden, die Inkarnation des Bösen, zu bekämpfen und den Lebenskampf zwischen den Völkern wieder zu aktivieren.

Daraus folgte zwangsläufig die Legitimierung des Krieges sowie der Primat der Außenpolitik, dem alle anderen Bereiche der Politik zuzuarbeiten hätten. Konkret sollte der Weg zur Weltherrschaft folgendermaßen aussehen: Übernahme der Macht in Deutschland, weltanschauliche Indoktrination der Bevölkerung u. a. durch die Beseitigung der Gegensätze innerhalb der Bevölkerung, Aufrüstung sowie Bündnisse mit Italien und Großbritannien; sodann Krieg gegen Frankreich, um den Rücken für den anschließenden Krieg im Osten frei zu haben und den Versailler Vertrag endgültig zu revidieren; und schließlich die Gewinnung von neuem Lebensraum im Osten durch einen Krieg gegen die Sowjetunion.

Für die Massen bestechend und verlockend war die Tatsache, dass sich im Nationalsozialismus scheinbar die zwei Ideologien verbanden, die seit dem späten 19. Jahrhundert die politische Auseinandersetzung dominierten und die bislang als unvereinbar galten: Nationalismus und Sozialismus, d. h. nationale Stärke und sozialer Staat. Die Verbindung dieser beiden Begriffe in der neuen Formel "Nationalsozialismus" (unabhängig von dessen tatsächlichem ideologischen Inhalt) war nahezu ideal, um Wähler zu mobilisieren und gleichzeitig integrierend zu wirken. Neben dem Mittelstand, der das Gros der NSDAP-Wähler stellte, konnte sich auch die Arbeiterschaft durch die im Begriff Nationalsozialismus implizierte soziale Gerechtigkeit angesprochen fühlen; und da ein klar formuliertes, in sich abgeschlossenes Programm fehlte, die Partei vielmehr taktisch äußerst flexibel agierte, konnten sich zahlreiche Einzelinteressen in der NSDAP vertreten sehen. Weitere Gründe für den Erfolg der Partei waren die intensive Betonung der "Volksgemeinschaft", d. h. des Zusammengehörigkeitsgefühls der Deutschen, und die soziale Gleichberechtigung aller innerhalb der Gemeinschaft (die Gleichberechtigung aller "Arier"; Juden und andere "Minderwertige" waren von der Gemeinschaft ausgeschlossen); die Anerkennung, zum Teil sogar Förderung der nationalsozialistischen Ziele durch die etablierten Kräfte; die tiefe soziale und politische Krise im Deutschland der Weimarer Republik, und ein allgemeiner politischer Rechtsruck Mitte der zwanziger Jahre, der europaweit zur Entstehung von autoritären Regimes führte.

 

Der Aufstieg des Nationalsozialismus

Nach seiner Entlassung aus der Festungshaft gründete Hitler am 27. Februar 1925 die NSDAP neu und revidierte zugleich die Strategie der Partei in zwei entscheidenden Punkten: Die Partei war nun, straff organisiert und regional untergliedert, in ganz Deutschland präsent, und die Partei gab ihre Putschtaktik auf und strebte die Macht auf legalem Wege an. Die Mobilisierung der Massen wurde daher noch intensiviert, u. a. durch die Gründung verschiedener nationalsozialistischer Kampfverbände (z. B. die spätere Hitler-Jugend sowie Berufs- und andere Sonderverbände), mit denen möglichst breite Schichten der Bevölkerung erfasst werden sollten.

Das erste Jahr nach der Neugründung der NSDAP war geprägt von ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Parteiführung und von den Rivalitäten verschiedener Gruppierungen innerhalb der Partei. Bereits im Mai 1925 trat Röhm aufgrund von Differenzen mit Hitler über den Status der SA - eigenständiger Wehrverband oder Organisation der Partei - als Leiter der SA zurück; am 9. November 1925 wurde die Schutzstaffel (SS) als innerparteiliches Gegengewicht zur SA gegründet. Bis zum Februar 1926 hatte sich Hitler mit seinem ideologischen Alleinvertretungsanspruch gegen die zentrifugalen Tendenzen der nord- und westdeutschen "linken" NSDAP-Gaue durchgesetzt, die versucht hatten, sich unter der Führung von u. a. Joseph Goebbels und Georg Strasser programmatisch von der Münchner Parteileitung abzusetzen, und am 22. Mai 1926 wurde Hitler von der Generalmitgliederversammlung einstimmig als Vorsitzender der NSDAP bestätigt. Goebbels und Strasser schwenkten auf Hitlers Linie ein; Goebbels wurde im November 1926 Gauleiter in Berlin und am 2. Januar 1928 Reichspropagandaleiter; Strasser wurde am selben Tag Reichsorganisationsleiter. Die Partei hatte sich entsprechend den Vorstellungen Hitlers konsolidiert, aber Wahlerfolge blieben vorerst aus: bei den Reichstagswahlen von 1928 erreichte die NSDAP 2,6 Prozent der Stimmen bzw. zwölf Reichstagssitze.

Die im Oktober 1929 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise sowie die sich zuspitzende Staatskrise der Weimarer Republik verhalfen der Partei zum Aufstieg: Bei den Reichstagswahlen vom September 1930 erhielt die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen, also 107 der 577 Reichstagssitze. Sie war damit zweitstärkste Fraktion nach der SPD und in der zersplitterten Parteienlandschaft eine nicht mehr zu übergehende Kraft, und sie verhinderte eine Mehrheit der Weimarer Koalition im Reichstag. Mit ihrer radikalen Agitation gegen die Weimarer Republik verschärfte die NSDAP deren wirtschaftliche und politische Krise, aus der sie wiederum Nutzen zog: Bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 bekam sie 37,3 Prozent der Stimmen und war nun die mit Abstand stärkste Fraktion.

Für den raschen Aufstieg der Partei innerhalb von zwei Jahren von der radikalen Splittergruppe zur Massenpartei waren mehrere Faktoren verantwortlich: Entscheidend war der Hitler-Kult, der Hitler als den Retter des deutschen Volkes erscheinen ließ. Daneben war in der sozialen und ideologischen Krise der ausgehenden Weimarer Republik die Parole von der "Volksgemeinschaft" äußerst wirksam: Sie versprach die Überwindung der politischen und sozialen Spaltung und suggerierte sowohl eine gerechte Sozialordnung als auch Sinnstiftung. Dazu kam eine äußerst wirkungsvolle Massenagitation, die auf konkrete, ausgearbeitete Programme verzichtete und sich auf die Formulierung ihrer Ziele in Schlagworten beschränkte. Die NSDAP erschien als entschlossene, starke Kraft, die in der Lage wäre, die Krise zu überwinden.

Innerhalb der traditionellen Eliten fand die NSDAP Anlehnung an andere völkisch-nationale Gruppierungen und Parteien, wie z. B. an die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) unter Alfred Hugenberg und an den Stahlhelm, mit denen sie sich im Oktober 1931 als "Nationale Opposition" zur Harzburger Front zusammenschloss; dabei betonte Hitler jedoch immer die Eigenständigkeit seiner Bewegung und baute unabhängig von den anderen konservativen Gruppen seine Massenbewegung kontinuierlich weiter aus. Die Bündnisse zwischen etablierten nationalkonservativen Kräften und der NSDAP waren von beiden Seiten Zweckbündnisse: Hitler brauchte die Unterstützung der Etablierten, um mit seiner nichtetablierten Bewegung auf legalem Wege an die Macht zu kommen; die Nationalkonservativen erwarteten sich von der Massenbewegung NSDAP die Legitimierung ihres autoritären Kurses. Eine weitere Elite, die Großindustrie, hielt sich vorerst noch von Hitler fern und unterstützte ihn bis März 1933 kaum. Sie leistete ihm jedoch insofern Dienste, als sie zusammen mit anderen Eliten im Staat den Niedergang der Demokratie und die Hinwendung zu einem autoritären System förderte.

Bereits knapp zwei Monate vor den Reichstagswahlen vom Juli 1932, unmittelbar nach dem Sturz des Reichskanzlers Heinrich Brüning, hatte dessen Nachfolger Franz von Papen Hitler zur Tolerierung seines "Kabinetts der nationalen Konzentration" aufgefordert und erbrachte Hitler gegenüber Vorleistungen: Papen beraumte die Juli-Neuwahlen an und hob das im April 1932 erlassene SA-Verbot auf. Nach der Wiederzulassung der SA brachen überall im Reich bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen der SA und Linken aus; diese Kämpfe lieferten Papen den Vorwand, über Preußen den Ausnahmezustand zu verhängen und die preußische Regierung im so genannten Preußenputsch absetzen zu können.

Nach seinem Erfolg bei den Juli-Wahlen lehnte Hitler eine Regierungsbeteiligung ab und forderte vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die volle Regierungsverantwortung. Papen fand keine parlamentarische Mehrheit, der Reichstag wurde aufgelöst. Bei den folgenden Wahlen am 6. November verlor die NSDAP über vier Prozent. Eine Alleinregierung schien in weite Ferne gerückt; trotzdem verweigerte sich Hitler im Bewusstsein, dass eine Regierung ohne die NSDAP nicht möglich war, erneut einer Regierungsbeteiligung. Innerparteiliche Kritiker wie z. B. Georg Strasser sprachen sich für eine Regierungsbeteiligung im Kabinett Kurt von Schleichers, Papens Nachfolger, aus, konnten sich jedoch gegen Hitlers kompromisslosen Kurs nicht durchsetzen. In der zweiten Januarhälfte 1933 erbrachten informelle Verhandlungen zwischen Vertretern der "Nationalen Front" (u. a. Hitler, Hugenberg, Papen und der Sohn des Reichspräsidenten) den Plan einer Regierung aus NSDAP und Konservativen, wobei die bürgerlichen Konservativen den Reichskanzler Hitler sozusagen ?einrahmen? und ?zähmen? sollten. Nach dem Rücktritt des Reichskanzlers Kurt von Schleicher am 28. Januar 1933 ernannte der Reichspräsident unter massivem Druck am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler eines nationalen Koalitionskabinetts. Zuvor hatte Hitler offen das Ende des Weimarer Systems zu seinem vorrangigen innenpolitischen Ziel erklärt.

 

Nationalsozialistische Gewaltverbrechen

Kernstück der nationalsozialistischen Ideologie war die Rassenpolitik, d. h. die Durchsetzung der "höher-" bzw. "hochwertigen" Rasse sowie deren Weltherrschaft und dementsprechend die Verdrängung bzw. Vernichtung der ?minderwertigen? Rassen und "reichsfeindlicher" Personen.

"Nationalsozialistische Gewaltverbrechen" (NSG) bezeichnet als offizieller Begriff diejenigen rechtswidrigen Tötungshandlungen, die nicht im direkten Kriegszusammenhang von staatlichen Organen an Juden, Sinti und Roma, Geistesschwachen, Homosexuellen und politischen Gegnern begangen, veranlasst oder geduldet wurden und die, weil im Einvernehmen mit der Staatsmacht begangen, nicht verfolgt wurden. Die während des Krieges von Deutschen besetzten Länder begannen sofort nach Kriegsende mit der Strafverfolgung der NSG. Die deutschen Gerichte beschränkten ihre Strafverfolgung nach Anweisung der Alliierten zunächst auf Verbrechen von Deutschen an Deutschen; nur die von den Alliierten geführten Nürnberger Prozesse gingen weit über diesen Rahmen hinaus. In der Bundesrepublik Deutschland setzte die systematische Strafverfolgung erst in den fünfziger Jahren ein.

Zu den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen zählen u. a.:

- Die willkürliche Tötung politischer Gegner (vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten) in spontan errichteten Konzentrationslagern und Folterstätten unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933.

- Die Tötungsaktion im Rahmen des so genannten Röhm-Putsches.

- Die über 16 000 Todesurteile, die der Volksgerichtshof und andere Sondergerichte im Widerspruch zu allen rechtsstaatlichen Grundprinzipien verhängten.

- Die Tötung von etwa 100 000 geistesschwachen und gebrechlichen Personen im Zuge der so genannten "Euthanasie-Aktion".

- Die willkürliche Ermordung Zehntausender in Konzentrationslagern und Zwangsarbeitslagern internierter Personen; außerdem starben Tausende aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in den Lagern.

- Die Ermordung von etwa 80 000 bis 100 000 als "reichsfeindlich" eingeschätzter Polen während des Polenfeldzuges und die Ermordung von weit über einer Million Juden, Sinti und Roma und anderer politisch und rassisch missliebiger Personen während des Russlandfeldzuges.

- Die Ermordung von schätzungsweise 50 bis 200 jüdischen Bürgern im Rahmen der so genannten Reichskristallnacht sowie die Vernichtung von vier bis sechs Millionen vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma in den Gaskammern der Vernichtungslager im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage".

 

Politische Bewältigung und historische Bewertung

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 7./9. Mai 1945 wurde die NSDAP mit all ihren angeschlossenen Organisationen von den Alliierten aufgelöst und verboten, die führenden Nationalsozialisten wurden vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg verurteilt und die Anhänger und Mitläufer des Systems im Zuge der Entnazifizierung in - je nach Besatzungszone - unterschiedlichem Maße aus ihren Ämtern und Stellungen entfernt. Die politische Bewältigung des Nationalsozialismus setzte mit den Nürnberger Prozessen ein, wurde mit der Entnazifizierung in den vierziger und fünfziger Jahren fortgesetzt und begann mit dem im August 1965 beendeten Auschwitz-Prozess und den Verjährungsdebatten in den sechziger Jahren ein kontrovers diskutiertes öffentliches Thema zu werden, das bis in die Gegenwart in der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung nichts an Brisanz verloren hat.

Die Zeit des Nationalsozialismus ist die am gründlichsten erforschte Epoche der deutschen Geschichte; zahlreiche Institute und Einzelforscher im In- und Ausland beschäftigten und beschäftigen sich mit dem Phänomen des Nationalsozialismus, seinen Bedingungen und seinen Auswirkungen, seinen Führern und seinen Parteigängern; sie erforschten und erforschen die Frage nach der Kontinuität des Nationalsozialismus im Rahmen der Traditionen deutscher Politik, die nationalsozialistische Judenpolitik, insbesondere die "Endlösung", sowie die verschiedenen Facetten des Widerstands.

Mitte der achtziger Jahre kam es im so genannten Historikerstreit zu einer intensiven öffentlichen, zum Teil polemisch ausgetragenen Debatte über Bewertung und Einordnung des Nationalsozialismus und seiner Gewaltverbrechen: Eine Gruppe von Historikern, Publizisten und Philosophen, allen voran Jürgen Habermas, wandte sich strikt gegen eine Relativierung des Nationalsozialismus, wie sie ihrer Auffassung nach von Ernst Nolte und anderen Geschichtswissenschaftlern betrieben wurde; und sie warf die Frage auf, inwieweit der Nationalsozialismus überhaupt historisiert werden dürfe. Zehn Jahre später brach erneut eine heftige Kontroverse über die Bedingungen des Nationalsozialismus aus. Sie entzündete sich an einer Untersuchung des Amerikaners Daniel Goldhagen, in der er praktisch dem ganzen deutschen Volk eine Mitverantwortung am Holocaust zuschreibt.

 

 



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