Hitler & NSDAP

Aufstieg der NSDAP 1919 bis 1929  

   

Der Nationalsozialismus war ein Kind der Krisen. Seine Entstehung fiel in die krisenhaften, von Revolution und Gegenrevolution geprägten Anfangsjahre der Weimarer Republik, sein Aufstieg zur Massenpartei seit den Wahlen von 1930 war eng verbunden mit der Staats- und Wirtschaftskrise der Weimarer Republik. Während die erste Phase noch mit der Selbstbehauptung der von allen Seiten bekämpften parlamentarischen Ordnung der jungen Republik einerseits und dem fehlgeschlagenen Putsch der NSDAP vom 9. November 1923 andererseits endete, mündete die große Krise der dreißiger Jahre und der erneute Ansturm von rechts auf die Republik in der Etablierung der Diktatur. Dazwischen lagen die wenigen Jahre der Stabilisierung der Weimarer Republik, die für die NSDAP die bescheidene Existenz einer Splitterpartei bedeuteten, die sich dann 1928/29 im Augenblick neuer Wahlerfolge mitten in der organisatorischen Umgestaltung befand.

 

Frühgeschichte

Begonnen hatte die NSDAP als eine unter vielen Protestgruppen im völkisch-antisemitischen Milieu Münchens, wo die Nachkriegswirren noch durch die Münchener Räterepublik und die anschließende Gegenrevolution verschärft wurden. Aus dem "Alldeutschen Verband", dem mächtigsten nationalistischen und antisemitischen Agitationsverband der Vorkriegs- und Kriegszeit, hatten sich verschiedene völkisch-nationale Organisationen herausgebildet, unter ihnen auch die "Thule-Gesellschaft", ein "Germanenorden" mit geheimen, okkultistischen Ritualen, dessen Mitglieder vorwiegend aus dem bürgerlichen Milieu stammten. In ihrem Kampf gegen die politische Linke versuchte diese Gruppierung auch, Arbeiterzirkel zu bilden, was zur Gründung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) durch den Eisenbahnschlosser Anton Drexler zusammen mit dem Journalisten Karl Harrer am 5. Januar 1919 führte. Die DAP blieb zunächst eine unter vielen völkischen Splittergruppen, die sich ohne besonderes programmatisches Profil zunächst in Stammtischgesprächen echöpfte und durch einige zugkräftige Redner und Werbeveranstaltungen in den Münchner Bierhallen Aufsehen zu erregen versuchte.

 

Ein anderer Ableger des Alldeutschen Verbandes war die zunächst erfolgreichere antisemitische Sammlungsbewegung, der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund". Er unterhielt zahlreiche Querverbindungen zu Freikorps und rechtsstehenden Kreisen der Reichswehr bzw. Soldatenverbänden, bald aber auch zur jungen DAP/NSDAP, deren Funktionäre anfangs ebenfalls Mitglieder des Schutz- und Trutzbundes waren. Als dieser nach inneren Zerwürfnissen zerfiel und nach dem von Angehörigen der rechtsextremen völkisch-nationalistischen Organisation "Consul" an Außenminister Walther Rathenau begangenen Mord (24. Juni 1922) schließlich verboten wurde, trat die NSDAP deren Nachfolge an, die sich unter der Führung Adolf Hitlers mittlerweile zur lautstärksten Gruppe der völkischen Bewegung entwickelt hatte.

 

Am 12. September 1919 hatte der Reichswehragent Adolf Hitler im dienstlichen Auftrag eine Versammlung der DAP besucht. Das Bayerische Reichswehrgruppenkommando hatte ihn nach der Absolvierung politischer "Aufklärungskurse" abkommandiert, um Parteiversammlungen im Münchener Raum zu beobachten und unter Soldaten politisch zu agitieren. Ein Diskussionsbeitrag Hitlers bewog Parteigründer Drexler, diesen zum Eintritt in den Parteiausschuß der DAP einzuladen. Bald darauf schloß er sich der Splittergruppe an, da er hier nach seiner drohenden Entlassung aus der Reichswehr eine politische Betätigung und Heimat zu finden hoffte, die es ihm erlaubte, als Werbeobmann seine demagogischen Fähigkeiten einzusetzen. Binnen kurzem wurde er zum Hauptredner und "Trommler" des Grüppchens aus heimatlosen Soldaten und völkischen Weltverbesserern und machte sich für seine Partei zunehmend unentbehrlich.

 

Die politischen Ansichten, die er unermüdlich vortrug, waren im völkisch-nationalen Milieu nicht ungewöhnlich: Er rief zum Kampf gegen den als "Schanddiktat" gebrandmarkten Friedensvertrag von Versailles und zur Verfolgung aller als "Novemberverbrecher" denunzierten Repräsentanten der demokratischen Parteien auf, die er bezichtigte, für den "Dolchstoß" aus der Heimat in den Rücken der kaiserlichen Armee an der Front verantwortlich gewesen zu sein. Solche und andere maßlosen, von Haßtiraden geprägten Attacken richteten sich meist gegen Juden, Marxisten, Pazifisten und Demokraten. Auffallend war der Fanatismus, mit dem er seine Parolen vortrug, und die Unbedingtheit, mit der er sich diesen fast bis zur physischen Erschöpfung leidenschaftlich vorgetragenen Schlagworten und Appellen selbst verschrieb.

 

Auch das 25-Punkte-Parteiprogramm, das von Drexler und Hitler zusammengestellt worden war und aus Anlaß der Umbenennung in "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) am 24. Februar 1920 vorgestellt wurde, stellte einen Querschnitt des damaligen rassistisch-nationalistischen Ideengemenges vermischt mit antikapitalistischen Tönen dar: Die Forderung nach dem Anschluß Österreichs und dem Rückerwerb der Kolonien, nach Wiederherstellung deutscher Großmachtstellung; nach Durchführung einer Bodenreform und der Verstaatlichung der Großunternehmen. Ferner wurde unermüdlich von dem völkischen Weltverbesserer und selbsternannten "Wirtschaftstheoretiker" der Partei, Gottfried Feder, die Forderung nach der "Brechung der Zinsknechtschaft" vorgetragen, die in der Politik der Banken und Börsen das Grundübel sah und deren Verstaatlichung verlangte. Schließlich propagierte man die Forderung nach der Einziehung der Kriegsgewinne sowie der Ausbürgerung der Juden aus dem Deutschen Reich.

 

Auch wenn dieses aus bereits Vorhandenem zusammengetragene Parteiprogramm 1926 sogar noch für "unabänderlich" erklärt wurde, kümmerte es Hitler wenig. Es sagt weder etwas über das politisch-ideologische Profil Hitlers und der NSDAP noch über deren spätere Attraktivität aus. Hitler benutzte das Parteiprogramm nur, um sich als "Hüter der nationalsozialistischen Idee" darzustellen und zu rechtfertigen.

 

Die Anziehungskraft, die die Partei zunächst auf das völkisch-antisemitische Lager ausübte, hatte ihre Ursachen zum einen in der Radikalität, mit der die Partei die Vernichtung des Judentums aus dem deutschen "Volkskörper" als Voraussetzung für eine "nationale Gesundung" forderte, und zum anderen in der propagandistisch-rhetorischen Wirkungskraft, mit der Hitler diese Parolen vortrug und bündelte.

 

Er nutzte den Antisemitismus vor allem in der Entstehungs- und Aufstiegsphase der NSDAP als Integrationsideologie, um die in sich zerstrittenen völkischen Gruppen zu einer "Bewegung" zusammenzuschweißen und die diffusen völkisch-antisemitischen Vorstellungen zu bündeln. Denn mittlerweile war die Saat des Antisemitismus, die im wilhelminischen Deutschland gesät worden war, durch die politische Ideologisierung und Polarisierung im Ersten Weltkrieg aufgegangen. In der Weimarer Republik war sie dann von zahlreichen antisemitischen Organisationen in unterschiedlicher Ausprägung verbreitet worden - einmal schrill und primitiv, dann wieder gemäßigt und mit dem "Anstrich von Wissenschaft" (Uwe Lohalm) versehen.

 

Das Vordringen antisemitischer Einstellungen läßt sich vor allem an der Einführung des "Arierparagraphen" in den Satzungen zahlreicher Vereine und Verbände ablesen, die die Mitgliedschaft von Juden ausschlossen. Ihr Spektrum reichte von den Soldatenverbänden über den mitgliederstarken und einflußreichen "Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband", den "Reichslandbund" bis hin zu Jugendbünden und Studentenschaften. Das zeigt, daß das antisemitische Vorurteil vor allem in mittelständischen Bevölkerungsschichten auf einen fruchtbaren Boden fiel, die sich durch Statusverlust und Existenzgefährdung bedroht fühlten und nach einem Sündenbock suchten. Dieses große Wähler- und Mitgliederreservoir suchte der Antisemit und Rassist Adolf Hitler mit Erfolg hinter sich zu vereinigen, indem seine eigenen antisemitischen Ressentiments sich mit denen seiner Zuhörer trafen. Das setzte einerseits möglichst allgemeine und vage Formulierungen voraus, um zwischen den zerstrittenen Strömungen vermitteln zu können. Andererseits bedurfte es jener vordergründigen Glaubwürdigkeit und Hingabebereitschaft, die der Agitator Hitler wirkungsvoll verkörperte.

 

Hitlers Kindheit und Jugend

 

Wann und wie er sich dieses rassistische und antisemitische Weltbild angeeignet hat, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Entscheidender ist ohnehin die Wirkung, die davon ausging. Hitler war bis zu dem Zeitpunkt seines "Eintritts in die Politik" ein politischer und sozialer Niemand, der 30 Jahre seines Lebens am Rande der Gesellschaft, ohne Berufsausbildung und ohne politische Erfahrungen bzw. Aktivitäten zugebracht hatte. Offenbar wurde in dieser Zeit im Wien der Vorkriegszeit sein "Weltbild" in den Grundzügen geprägt. Sein eigentlicher weltanschaulicher Formierungs- und politischer Lernprozeß vollzog sich dann in der relativ kurzen Zeit zwischen 1919 und 1925 in München.

 

Vieles von dem, was er später in seiner Rechtfertigungs- und Propagandaschrift "Mein Kampf" über seine Kindheit und Jugend geschrieben hat, ist stilisiert oder nur halbwahr. Alles deutete in den frühen Jahren auf eine bescheidene, aber unbedeutende Zukunft, nichts auf eine politische Karriere, die einmal die Welt in Faszination und Schrecken versetzen sollte.

 

Adolf Hitler wurde am 20. April 1889 in der österreichischen Grenzstadt Braunau als Sohn eines kleinen Zollbeamten geboren, der auf Aufstieg und Respektabilität bedacht war. Die Familie bot ihm auch nach dem Tod des Vaters (1903) durchaus materielle Sicherheit und Geborgenheit. Das galt ebenfalls für die Zeit, als er nach dem 9. Schuljahr seinen Schulbesuch abbrach und in tatenloser Muße zunächst bei der Mutter in Linz (1905 bis 1907) und dann in Wien (1907 bis 1913) zubrachte. Nach zwei vergeblichen Anläufen, in die Wiener Kunstakademie aufgenommen zu werden, führte er ohne Ausbildung ein unstetes Leben, in dem er sich "Kunststudent" oder "Schriftsteller" nannte. Tatsächlich lebte er von dem Verkauf selbstgefertigter Architektur-Ansichtskarten und vertrieb sich seine Zeit mit Aushilfsarbeiten, Theaterbesuchen und Zeichnen.

 

Aus dieser Zeit stammen auch einige Elemente seiner völkisch-antisemitischen Weltanschauung, die er sich aus wahlloser Lektüre und der Beobachtung des politischen Geschehens aneignete. Eindruck auf ihn machten die wüsten antisemitischen und rassistischen Ausfälle des verkrachten Mönches Lanz von Liebenfels, der in seiner Zeitschrift, den "Ostara"-Heften, in trivialster Form reproduzierte, was sich im Wien der Jahrhundertwende an völkischen Wunschträumen und antisemitischen Ressentiments angestaut hatte. Auch die antisemitische und antisozialistische Demagogie des christlich-sozialen Wiener Oberbürgermeisters Karl Lueger verfehlte ihre Wirkung auf den jungen Hitler ebensowenig wie der österreichisch-großdeutsche Nationalismus des Alldeutschen Georg von Schönerer. Hier begegnete Hitler der gleichen zwanghaften Neigung, mit der er später selber alles Böse dieser Welt auf die Juden zurückführte. Hier fand er die gleiche Radikalität in der Kampfansage gegen die Kräfte der "Zersetzung", die später den Kern der eigen Weltanschauung ausmachten. Schon in der Wiener Zeit war für Hitler der Antisemitismus offenbar "das ideologische Passepartout" (Wendt), mit dem er für sich die Welt und das eigene private Schicksal der drohenden sozialen Deklassierung erklären konnte.

 

Kriegserlebnis

 

Einen entscheidenden und prägenden Abschnitt stellte für Hitler, der sich 1913 vor einem drohenden Einberufungsbefehl nach München abgesetzt hatte, das Kriegserlebnis 1914 bis 1918 dar. Ein Foto zeigt ihn mit begeistertem Gesicht in der jubelnden Menge auf dem Odeonsplatz in München am 2. August 1914, dem Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Rußland. Die allgemeine Begeisterung des August 1914 ergriff den Außenseiter um so mehr, als er nun aus seinem ziel- und nutzlosen Dasein befreit schien. Hier eröffnete sich ihm eine feste Ordnung, die jene nationalen und sozialen Erwartungen und Einstellungen befriedigte, von denen er bisher nur geträumt hatte. Der Krieg befreite ihn von allen Zurückweisungen einer Gesellschaft, in der er bisher nicht hatte Fuß fassen können.

 

Am 3. August 1914 richtete Hitler ein Gesuch an den bayerischen König, um als Österreicher in ein bayerisches Regiment aufgenommen zu werden, was ihm bereits einen Tag später gewährt wurde. Als Meldegänger zwischen dem Regimentsstab und vorgeschobenen Stellungen zeichnete er sich durch seine Tapferkeit aus. Einzelgänger blieb Hitler auch als Gefreiter, der nach dem Urteil seiner Vorgesetzten keine "Führungseigenschaften" besaß. Das Fronterlebnis prägte Hitlers starres Festhalten an militärischen Befehls- und Werthierarchien, die später zum bestimmenden Prinzip der Organisationsstruktur der NSDAP und der von den Nationalsozialisten propagierten "nationalen Volksgemeinschaft" werden sollten. Für Hitler war das Regiment, wie ein ehemaliger Vorgesetzter später bestätigte, "Heimat". Schließlich verstärkte das Kriegserlebnis seine Vorurteile, seine vagen völkisch-nationalistischen Wunsch- und Zielvorstellungen. So meinte er zu wissen, daß man nach dem Krieg den "inneren Internationalismus" zerbrechen müsse, und entwickelte einen Haß auf alles Fremde, verbunden mit einer Furcht vor dem inneren und äußeren Feind. Später schrieb er, daß der Krieg für ihn die "unvergeßlichste" und "größte" Zeit seines Lebens gewesen sei.

 

Um so schockierender mußte auf jemanden, der im Krieg zu sich "gefunden" hatte, die Nachricht von der Niederlage vom November 1918 wirken, von der er nach einer Augenverwundung durch Gasbeschuß im Lazarett erfuhr. Nun gewann der Kampf um die nationale Sache für ihn eine existentielle Dimension. Das war die Quelle der "fanatischen Energie, mit der nun Hitler den Krieg in Permanenz zu seinem Leitbild erhob" (Bracher). Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sollte zum ersten und wichtigsten politischen Anliegen Hitlers werden. Sie wurde auch zur Voraussetzung seines politischen Wirkens, denn damit traf er die Gefühle großer Teile der Frontgeneration.

 

Eintritt in die Politik

 

Hitlers Eintritt in die Politik vollzog sich wesentlich undramatischer, als er dies später behauptet hat. Wieder waren es der Zufall und seine Sorge um ein bescheidenes Auskommen wie um mentale Geborgenheit, die ihn aus Furcht vor der Demobilisierung zurück zu seinem alten Regiment nach München trieb. Nach Niederschlagung der Münchener Räterepublik im April 1919 stellte er sich einer Untersuchungskommission zur politischen Säuberung der Truppe von "revolutionären Elementen" zur Verfügung und begann damit nach eigenem Urteil seine "erste mehr oder weniger rein politische aktive Tätigkeit". Da er seine Aufgabe mit großem "nationalen Eifer" zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erfüllte, schickte man ihn im Juni 1919 zu einem politischen Schulungskurs. Für Hitler war das vor allem die Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen, bis er als "Verbindungsmann" der Reichswehr einem "Aufklärungskommando" zugewiesen wurde und zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber politische Agitation betrieb, als "ein geborener Volksredner, der durch seinen Fanatismus und sein populäres Auftreten die Zuhörer unbedingt zur Aufmerksamkeit und zum Mitdenken zwingt."

 

Wie sehr sich seine antisemitischen Vorstellungen zu diesem Zeitpunkt schon zu radikalen Postulaten verfestigt hatten, zeigt ein Antwortschreiben, das Hitler im Auftrag seines Hauptmanns an einen anderen Verbindungsmann über die "Gefahren des Judentums" verfaßte, seine erste überlieferte politische Äußerung. Dort war von einem "Antisemitismus der Vernunft" die Rede, der "zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte der Juden" führen müsse. Das letzte Ziel aber, so Hitler in diesem Brief weiter, "muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein." Das waren ideologische Glaubenssätze, die bis zu Hitlers Ende im Berliner Bunker für ihn Gültigkeit behielten, die aber trotz ihrer erschreckenden Kontinuität noch nicht erklären, warum aus diesen antisemitischen Tiraden, die Hitlers Eintritt in die Politik begleiteten, einmal politische Realität werden sollte. Als Verbindungsmann der Reichswehr kam Hitler dann auch zur Deutschen Arbeiterpartei (DAP), einer von etwa 70 rechtsextremen Splittergruppen, die in der ersten Nachkriegszeit überall im Reich entstanden waren. In ihr fand er eine politische Gruppierung, die ähnliche nationalistische und antisemitische Parolen vortrug wie er selbst. Hier fand er nach seiner Entlassung aus der Reichswehr im Mai 1920 eine neue Betätigung.

 

Führungsclique

 

Schon bevor Hitler als Bierkeller-Agitator von sich reden machte, war im politischen Lager der nationalen Rechten der zwanziger Jahre die Sehnsucht nach einem großen Führer verbreitet. Er selbst hatte sich anfangs auch nur als "Trommler" für eine nationale Erlösergestalt verstanden, bis er sich schließlich selbst als Anwärter für eine solche charismatische Führergestalt anpreisen konnte. Dies war erst möglich, nachdem er die inzwischen in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannte völkische Gruppierung übernommen und zu einer Führerpartei umorganisiert hatte.

 

Zudem verstand Hitler es, zunehmend Männer seiner Wahl in den Parteivorstand zu schleusen und damit seine Position zu sichern. Dazu gehörte einmal die Gruppe der völkischen Ideologen, die aus der Thule-Gesellschaft stammten: Der antisemitische Schriftsteller Dietrich Eckart, der auf Hitlers politisch-ideologischen Bildungsprozeß einen nicht unerheblichen Einfluß hatte; ferner der Baltendeutsche Alfred Rosenberg, dessen Erfahrungen in Rußland ihn zu einem entschiedenen Antibolschewismus gebracht hatten, den Hitler mit antisemitischen Ideen zur Vorstellung einer "russisch-jüdischen Revolution" verschmolz. Schließlich auch Gottfried Feder, der das Schlagwort von der "Brechung der Zinsknechtschaft" in Umlauf gebracht hatte.

 

Einflußreicher wurden bald die Militärs: Der Hauptmann Ernst Röhm, der sich zum Verbindungsmann zur Reichswehr und zum Waffenbeschaffer der nationalsozialistischen Parteiarmee entwickeln sollte; der hochdekorierte Jagdflieger des Weltkrieges Hermann Göring, der 1923 das Kommando der SA übernahm; schließlich Oberstleutnant Hermann Kriebel, der über enge Kontakte zu den völkischen Wehrverbänden verfügte.

 

Darüberhinaus fanden auch einige akademisch gebildete Ex-Offiziere ihre Heimat in der NSDAP: Der fanatische Hitler-Anhänger Rudolf Heß, ferner Max Amann, der den Parteiverlag der NSDAP gründete, schließlich Walter Buch, der später das Parteigericht der NSDAP leiten sollte. Außerdem gehörten zu Hitlers Umgebung die beiden fanatischen Antisemiten Hermann Esser und Julius Streicher. Sie alle unterstützten Hitler in seinem Aufstieg zur Parteiführung und bei seiner Kontaktaufnahme mit Gönnern in Reichswehr und Münchener Bürgertum. So war es auch Ernst Röhm, der die 60000 Reichsmark vermittelte, die für den Ankauf des Parteiblattes "Völkischer Beobachter" erforderlich waren.

 

Im Zentrum von Hitlers Aktivitäten standen nun weniger programmatische Aussagen als Propagandakampagnen zur Werbung von Mitgliedern und Wählern. Was er von Parteitrupps wirkungsvoll untermauert an antisemitischen, antisozialistischen, völkisch-nationalistischen und antidemokratischen Parolen vortrug, fand auf dem Hintergrund des verlorenen Krieges und der Revolution, des Bewußtseins sozialer Statusbedrohung, aber auch dem Bedürfnis nach Erlösung und politischer Orientierung zunehmend Aufmerksamkeit und Zustimmung. Hitler wurde bald zum Medium vielfacher Ressentiments und Erwartungen. Nicht seine Persönlichkeitsmerkmale und die Originalität seiner politischen Ideen verschafften ihm eine wachsende Aufmerksamkeit und Anziehungskraft, die ihm schließlich auch über die bayerischen Grenzen hinaus den Nimbus eines omnipotenten Führers verlieh, sondern der neuartige politische Stil, der die NSDAP aus dem Gefecht völkischer Verbände heraushob.

 

Erst die Verbindung von Weltanschauung und Organisation bzw. Propaganda machte die NSDAP unverwechselbar und charakterisierte Hitlers Politikverständnis. Eine "einheitlich organisierte und geleitete Weltanschauung" erklärte Hitler, bedürfe einer "sturmabteilungsmäßig organisierten politischen Partei." Die Weltanschauung könne in knappen Formeln zusammengefaßt werden und müsse nicht in einem wortreichen Programm ihren Ausdruck finden. Endlose weltanschauliche Debatten hielt er für abträglich; sie schadeten der Massenwirksamkeit wie der eigenen Machtposition. Stattdessen müsse die Organisation darauf ausgerichtet sein, die politische Propaganda wirkungsvoll zu verbreiten und der Entschlossenheit der Partei symbolisch Ausdruck zu verleihen.

 

Wichtigste Elemente der Propaganda, wie sie von Hitler entwickelt und praktiziert wurde, waren die Rede, die Einfachheit der dort vorgetragenen dualistischen Weltsicht und die Gewißheit, mit der Hitler seine Glaubenssätze verkündete; seine Fähigkeit, die eigenen Ängste und Visionen zu einer persönlichen Weltanschauung zu bündeln und sich dabei zum Medium all derer zu machen, die sich von ähnlichen Erfahrungen und Erwartungen bestimmt sahen. 

 

Hitlers Weltanschauung  

   

Gleichwohl kommt Hitlers Weltanschauung für sein Selbstbewußtsein wie für seinen Machtanspruch in der Partei und später im Regime große Bedeutung zu. Das Gefühl über ein festes Gedankengebäude zu verfügen, in das sich scheinbar alle Erfahrungen und Wahrnehmungen einbetten ließen, gab dem Außenseiter und Autodidakten Sicherheit. Die Behauptung, er allein verfüge über ein gültiges, in sich geschlossenes System der Welt- und Politikerklärung festigte seine diktatorische Machtfülle im Nationalsozialismus. Schließlich sollten die Entscheidungen über Krieg und Rassenpolitik, die beiden zentralen Dimensionen der nationalsozialistischen Politik, auf Hitlers weltanschaulichen Willen zurückgehen. Doch daß Hitlers Weltanschauung schließlich Staatsdoktrin wurde, setzte einen langen und komplizierten Prozeß der Umsetzung einer Ideologie voraus, die sich zuerst aus individuellen Erfahrungen und Einflüssen bildete.

 

Die Außenwirkung einer solchen Ideologie, die über ihre Politik und Konsensfähigkeit entscheiden sollte, hing ganz wesentlich davon ab, daß viele der ideologischen Formeln vertraut klangen, zugleich griffig und populistisch formuliert wurden und scheinbar eine einfache Antwort auf eine komplizierte und bedrohliche Wirklichkeit boten. Sie mußten dem Bedürfnis nach Sündenböcken eine klare Richtung für die Kanalisierung der kollektiven Frustrationen und Haßgefühle geben. Dazu war es notwendig, daß viele der Hitlerschen Weltanschauungs- und Propagandaangebote schon verbreitet und der Boden für ihre Politisierung und Organisation schon vorbereitet war. Eine solche Politikfähigkeit setzt nicht unbedingt denkerische Originalität voraus, denn die hatte Hitlers Weltanschauung ganz gewiß nicht. Sie war keine eigenständige Erfindung, sondern stammte aus dem "Ideenschutt" (Joachim C. Fest) des 19. Jahrhunderts.

 

Bis zur Mitte der zwanziger Jahre hatte Hitler aus den verschiedenen Versatzstücken der völkisch-antisemitischen, rassenbiologistischen und sozialdarwinistischen, nationalistischen und imperialistischen, antidemokratischen und antimarxistischen Vorstellungen sein persönliches Weltbild zusammengetragen, das von zwei Ideensträngen zusammengehalten wurde: von einem radikalen, universalen Rassenantisemitismus und von der Lebensraumdoktrin. Verbunden war dieser ideologische Kern mit dem Glauben, die Geschichte sei von einem permanenten "Kampf der Völker um Lebensraum" bestimmt, der nur dann siegreich geführt werden könne, wenn die "Rassereinheit" gewahrt bliebe bzw. hergestellt würde. Dieses sozialdarwinistische Geschichtsbild und die beiden damit verbundenen Ideenstränge des Rassenantisemitismus und der imperialistischen Lebensraumdoktrin waren anderswo schon vielfach vorgetragen worden und durch entsprechende politische Bewegungen in der Weimarer Republik einem größeren Publikum vertraut.

 

Ideologische Wurzeln

 

Rassismus und Antisemitismus wurden seit dem späten 19. Jahrhundert in kleinen Zirkeln ideologisch miteinander verbunden und durch die Agitation antisemitischer Gruppierungen seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts populär gemacht. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung und Vermittlung rassistischer und antisemitischer Vorstellungen spielte der Wagner-Kreis in Bayreuth, der den Mythos von "Ariern" und Germanen durch Bühnenweihespiele für ein gebildetes Publikum hoffähig machte. Nicht nur, daß Richard Wagner, den Hitler zutiefst verehrte, selbst Antisemit und Rassist war; durch seinen Kreis wurden zudem die Werke des wichtigsten "Rassetheoretikers", des französischen Grafen Arthur de Gobineau, ins Deutsche übersetzt, während der andere "Klassiker des Rassismus", der britische Publizist Houston Stewart Chamberlain, seit Anfang 1880 selbst zum Bayreuther Kreis gehörte. In seinem 1855 erschienenen Buch "Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen" hatte Gobineau die Menschheitsgeschichte nach rsischen Gesichtspunkten gedeutet.

 

Der Graf behauptete den Vorrang der "weißen Rasse" vor allen "anderen Rassen" und sah im "Arier" das eigentlich kreative Element, den Schöpfer jeder höheren Kultur, während die "niederen Rassen" allein zur Knechtschaft taugten. Die politisch-ideologische Absicht solcher abstruser Geschichtsbilder war klar: Es ging um die Rechtfertigung einer überkommenen, europäisch beherrschten Gesellschafts- und Weltordnung. Dahinter standen soziale Ängste und Abwehrmechanismen, die auch in der Furcht vor der "rassischen Degeneration" zum Ausdruck kamen. Gobineau sah die "Arier" vom "Rassetod" bedroht und prophezeite deren Niederlage im Kampf zwischen den "niederen" und "höheren" Rassen. Nur wenn sich die "höheren Rassen reinhielten", könnten sie diesem Untergang entgehen.

 

Damit war auch der zutiefst inhumane Züchtungsgedanke angedeutet, der dann durch den Einfluß biologistischer Denkmuster verstärkt wurde, wie sie durch Charles Darwin begründet und populär wurden. Die auf der Erde lebenden "Rassen", so Darwin, seien das Ergebnis eines Prozesses der natürlichen Auslese, der sich im Kampf um das Dasein manifestiere. Was bei Darwin noch wertneutral gemeint war, erhielt bei den Sozialdarwinisten eine politische und sozial ausgrenzende Bedeutung und fand eine große Verbreitung. Von der Ausschaltung aller "Untüchtigen", der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" war nun die Rede, ebenso von dem Versuch, die Eignung für den Überlebenskampf durch das Messen von Kopfgröße und Nasenlänge zu ermitteln. Auch die Kräfte, die dem natürlichen Ausleseprozeß entgegenstünden, wurden denunziatorisch herausgestellt: Die christliche Moral, der aufgeklärte Rechts- und Toleranzbegriff und die moderne Zivilisation schlechthin, die allein die Schwachen schütze.

 

Waren Gobineau und Darwin keine Antisemiten, so erhielt die biologistisch begründete Rassenlehre eine noch gefährlichere Bedeutung, wenn sie sich mit antisemitischen Vorurteilen verband und die von Gobineau beklagte "Degeneration der Rassen" mit der angeblichen "Zersetzungstätigkeit der Juden" verband. Man leitete daraus die Forderung nach einer "Auslesepolitik" ab, die den Prozeß der Degeneration stoppen solle. Die neue Rassenlehre, wonach "Judesein" eine "unveränderte negative Eigenschaft" darstelle, war zur selben Zeit in Frankreich durch George Vacher de Lapouge und Edouard Drumont sowie in Deutschland durch Eugen Dühring, Wilhelm Marr und durch Houston Stewart Chamberlain publizistisch verbreitet worden. Sie alle forderten mehr oder weniger offen die Vernichtung der Juden, um die Reinheit und Herrschaft der "Arier" zu sichern. Dabei mündeten ältere aus dem Spätmittelalter überkommene und christlich-religiös motivierte antijudaistische Stereotype in den neuen, scheinwissenschaftlichen Rassismus ein. Sie rstärkten damit seine Resonanz bei einem Publikum, das ähnlich alte Vorurteile mit Wissenschaftsglauben und sozialen Ängsten verband.

 

Imperialismus und Kolonialismus

 

Einstweilen blieben die sozialdarwinistischen und rassenantisemitischen Entwürfe noch Gedankenkonstruktionen. Aber die Leserschaft einschlägiger Publizisten wie Marr und Chamberlain, die die antisemitischen Schmähungen mit kulturpessimistischen Visionen verbanden, nahm zu. Derartige Autoren machten den Antisemitismus unter einem bürgerlichen Publikum ebenso gesellschaftsfähig wie die Aufnahme antisemitischer Forderungen in das Programm der Deutschkonservativen Partei (1892) und in die Satzungen von Interessen- und Agitationsverbänden (Alldeutsche, Bund der Landwirte) den Antisemitismus allmählich politikfähig machte. Der Haß auf alles Fremde und der Antisemitismus waren im ausgehenden 19. Jahrhundert überall in Europa auch in den Nationalismus eingegangen, besonders aber in Deutschland und Italien.

 

Die Wendung des Nationalismus zum radikalen Imperialismus, der dann auch in der Weltanschauung Hitlers eine zentrale Rolle spielen sollte, hatte in Europa um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt und sich mit der Zuspitzung der sozialen Konflikte in den sich entfaltenden Industriegesellschaften beschleunigt. Der überkommene Nationalismus verband sich mit machtstaatlichen und imperialen Tendenzen zu einer nationalistischen Sendungsideologie. Der neue Nationalismus rechtfertigte nicht nur die nationalen Machtansprüche in Übersee, sondern präsentierte sich als Instrument der Abwehr und Ausgrenzung im Inneren: Gegen das sozialistische und internationalistische Proletariat ebenso wie gegen die "goldene Internationale des Bankkapitals", das vor allem in jüdischer Hand gesehen wurde. Das Gegenmodell eines "nationalen Sozialismus" verhieß nationale Geschlossenheit statt Klassenkampf, bedeutete Mobilisierung nach außen statt Verbrüderung über die Grenzen.

 

Der Ablenkung von inneren Spannungen nach außen diente das imperialistische Moment im neuen Nationalismus. Der Kolonialgedanke faszinierte nationale Agitationsvereine, die ihre Anhänger im Bürgertum, weniger bei Unternehmen fanden. Kolonialträume trieben das nationale Lager auch noch in der Weimarer Republik um, als die wenigen deutschen Kolonien, die ökonomisch zudem nicht profitabel waren, durch den Versailler Vertrag abgetreten werden mußten. Um so faszinierender wirkte dann der Mitteleuropagedanke, der sich durch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit Deutschlands mit den südost-europäischen Staaten einen gesicherten Rohstoff- und Absatzmarkt erhoffte.

 

Rassegedanken

 

Im Mittelpunkt von Hitlers Geschichtsdenken standen die Begriffe "Volk" und "Rasse", die weitgehend identisch verwandt wurden. Völker und Rassen galten ihm als in sich abgeschlossene Arten; jede Vermischung war ein Verstoß gegen die Natur und ein Grund für den Verfall. Zwischen den Rassen und Völkern aber herrsche das Gesetz des ewigen Kampfes. Der Lebenskampf als Gesetz der Geschichte gelte vor allem der Selbsterhaltung. Die Funktion solcher rassentheoretischer und sozialdarwinistischer Gedanken war eindeutig:Sie dienten der Rechtfertigung innerer Abwehr und außenpolitischer Expansion.

 

Bei dem Kampf um die Selbsterhaltung stießen die Völker, und damit verbindet sich die Rassenlehre mit dem Raumgedanken, an die Grenzen des Raumes. Der Widerspruch zwischen der Begrenztheit des Raumes und dem unbedingten Erhaltungstrieb der Völker war für Hitler Ursache für den "ewigen Kampf um den Raum". Hitler meinte, als Grundgesetz der Geschichte erkannt zu haben: "Lebenskampf der Völker" um "Lebensraum". Zugleich war damit sein Rassen- wie sein Raumeroberungsprogramm begründet. In seiner zutiefst inhumanen naturalistisch-biologistischen Weltsicht war auch der Gedanke der "Rassenzüchtung" des Menschen angelegt.

 

Aus diesen vermeintlichen Gesetzen der Geschichte ergab sich für Hitler als Aufgabe der Politik: "Politik ist die Kunst der Durchführung des Lebenskampfes eines Volkes um sein irdisches Dasein. Außenpolitik ist die Kunst, einem Volk den jeweils notwendigen Lebensraum in Größe und Güte zu sichern. Innenpolitik ist die Kunst, einem Volk den dafür notwendigen Machteinsatz in Form seines Rassenwertes und seiner Zahl zu erhalten." Das waren Schlagworte, die vom Parteiführer Hitler vielfach wiederholt wurden, die zwar nicht die einzelnen Schritte und Instrumente seiner Machtpolitik ankündigten, wohl aber deren Fernziele angaben. Bevölkerungspolitik und Rassenpolitik wurden damit in einen gleichsam dialektischen Zusammenhang gebracht, der an einem vorindustriellen Konzept von Raum, Rasse und Ernährung orientiert war. Jedes Anwachsen der Bevölkerungszahl führte danach zu einer Verknappung des Raumes und damit zum Lebensraumkrieg. Umgekehrt würde ein Stagnieren oder Sinken der Bevölkerungszahl die anderen Völker stärker werden lassen und zum Verlust von Lebensraum führen.

 

Antisemitismus

 

Alle Vorgänge in der modernen Welt, die Hitler beunruhigten, wurden auf die Juden zurückgeführt. "Nichts ist mehr verankert, nichts mehr wurzelt in unserem Innern. Alles ist äußerlich, flieht an uns vorbei. Unruhig und hastig wird das Denken unseres Volkes. Das ganze Leben wird vollständig zerrissen." Das waren Ängste vor der Moderne, die auf einen "Schuldigen" zurückgeführt wurden; das war eine ideologische Kampfansage an den gesamten emanzipatorischen Prozeß der Neuzeit. Die Juden wurden für den historischen Wandel verantwortlich gemacht und ebenso universal verstand Hitler seine historische Mission. Mit dem deutschen und dem jüdischen Volk standen sich im Urteil des Rassenideologen zwei Grundprinzipien der Geschichte gegenüber: Das deutsche Volk sei das typische "Raumvolk", das jüdische Volk sei immer ein "raumloses" Volk, ein Volk ohne Staat mit festen Grenzen, unfähig zur festen Staatsbildung.

 

Die Juden waren für Hitler auch Urheber und Träger der politischen Prinzipien der Gegenwart, durch die er die natürlichen Lebensformen der "Rassen" bedroht sah. Sein Haß galt darum vor allem dem Internationalismus, dem Pazifismus und der Demokratie. Sie stünden im Gegensatz zu den von ihm für positiv gehaltenen Werten des Nationalismus, des Heroismus und des Führerprinzips.

 

Sein Haß gegen Internationalismus, Pazifismus und die Gleichheit der Menschen und Völker mündete in die Kampfansage an Marxismus und Kommunismus, die seit der Revolution von 1917/18 in Rußland nicht nur für Hitler einen festen Bestandteil des eigenen ideologischen Bedrohungs- und Abwehrszenarios ausmachten. Im Kommunismus sah Hitler die radikalste und letzte Angriffswaffe des Judentums im Kampf um die Herrschaft über die ganze Welt. Wenn der Kommunismus nach Meinung Hitlers nichts anderes war als der erneute Versuch der Juden, "ihre alten Träume der Weltherrschaft zu verwirklichen", dann war nicht nur das Ziel des nationalsozialistischen Angriffs erkennbar, sondern auch die daraus abgeleitete Verpflichtung der Nation zum "Selbsterhaltungskampf". Es charakterisiert den Ideologen und Propagandisten, daß er seine eigenen verborgenen Ziele dem Gegner unterstellte und seine Eroberungspläne darum als Verteidigungsmaßnahme zu rechtfertigen versuchte.

 

Die "Rassenpolitik" war schließlich auch letzte Begründung des außenpolitischen Programmes. Wie aus dem konventionellen Antisemiten ein radikaler Rassenideologe mit einem universellen "Heilungs"- und Vernichtungsanspruch geworden war, so hatte sich in wenigen Jahren der konventionelle außenpolitische Revisionist zum Ideologen der Lebensraumeroberung gewandelt, der nicht mehr nur eine Aufhebung des Versailler Vertragssystems anstrebte, sondern ganz im Sinne imperialistischen Denkens Raum für ein deutsches "Herrenrassen-Imperium" gewinnen wollte. Das freilich sollte nicht mehr in Übersee, sondern im europäischen Osten liegen.

 

Auch diese imperialistischen Elemente von Hitlers Weltanschauung waren im ideologisch-propagandistischen Weltbild der Deutschen nicht unbekannt. Die Forderung nach einer "Revision" des Vertrages von Versailles war in fast jeder bürgerlichen Parteiversammlung zu hören. Sie besaß eine große politische Integrationskraft, die sich gegen die Republik richten ließ. Wer sich ihr in propagandistisch erfolgreicher Weise bemächtigte, der konnte mit breiter Zustimmung rechnen. Dasselbe galt für altbekannte imperialistische Forderungen, vom Kolonialgedanken über das Mitteleuropakonzept bis hin zu Annexionsforderungen nach Osten.

 

Anti-Positionen

 

Um diesen weltanschaulichen Kern rankten sich weitere ideologische Anti-Positionen, wie sie sich in anderen nationalistischen und faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit auch fanden: Antimarxismus, Antiliberalismus, Antiparlamentarismus, Antikapitalismus und auch ein tendenzieller Antikonservativismus. Als Gegenbilder standen dem Elemente des neuen radikalen Nationalismus der Jahrhundertwende gegenüber: Ein völkischer Nationalismus, verbunden mit dem Konzept eines nationalen Sozialismus und einer nationalen Volksgemeinschaft unter Führung einer neuen politischen Elite. Diese sollte sich durch die Bereitschaft zum Glauben, zum Gehorsam und durch den Willen zur Tat bzw. zum Kampf auszeichnen.

 

Daneben stellte das Führerprinzip ein konstitutives Element für Ideologie und Organisation des Nationalsozialismus dar: Es war Gegenmodell zu Liberalismus und Demokratie und zugleich Legitimations- und Integrationsmittel für die Partei und ihre Anhänger. Der "Führer" hielt die widersprüchlichen Elemente der nationalsozialistischen Programmatik und Propaganda zusammen. Seine Rolle als Vermittler zwischen rivalisierenden Zielvorstellungen und als Interpret der wahren Lehre begründete Hitlers absolute Führungsstellung in der Partei.

 

Die nationalsozialistische Weltanschauung mit ihrem Anspruch auf Totalität muß bei der Erklärung von Hitlers Macht ernstgenommen werden, auch wenn sie kein Regierungsprogramm darstellte und Hitler jede programmatische Präzisierung und Ausgestaltung, die auf die Interessen einzelner sozialer Gruppen und politischer Fraktionen Rücksicht nahm, unterbunden hat. Eine Vermittlung zwischen verschiedenen Interessen sollte nicht durch ein Programm, sondern durch Propaganda und das Charisma des "Führers" stattfinden. Das ließ ihm genügend Raum, seine Allmacht zu demonstrieren, und suggerierte das Bild von (programmatischer) Geschlossenheit. Überdies ließen die teilweise sehr vagen und widersprüchlichen Zielvorstellungen, die innerhalb der nationalsozialistischen Führungsclique bestanden, taktische Anpassungsmanöver zu und erlaubten es Hitler, seine weltanschaulichen Kernvorstellungen unter geschickter Ausnutzung der jeweiligen politischen Konstellationen stufenweise zu realisieren. Denn Hitler hat nicht nur mit großer Hartnäckigkeit bis zu seinem Ende im Führerbunker der Reichskanzlei an seiner Weltanschauung festgehalten, sondern sie auch bei aller taktischen Flexibilität und Improvisation zur treibenden Kraft seiner Politik gemacht. 

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