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Auf dieser
Seite möchte ich einige kürzere Vorträge, die ich erarbeitet und
gehalten habe vorstellen - manche sind "ex ärmelo", d.h. aus dem
Ärmel geschüttelt bzw. als Gelegenheitsarbeiten erstellt worden -
ich bitte also um nachsicht, falls sie Ihnen zu kurz, zu ungenau
oder zu wenig informativ sein sollten
Märtyrer - Zeugen für den Glauben.
Menschen die
ihr Leben in der Neuzeit für das Evangelium einsetzten, besonders
auch unter der Nationalsozialistischen
Diktatur. Der Begriff des Märtyrers führt uns weit in
die Vergangenheit zurück, denn der Ursprung dieses Begriffes liegt
in der Urkirche. Die Urkirche löste sich nicht ohne Widerstände aus
dem Judentum und machte sich auf den Weg, die damalige bekannte
Welt zu besiedeln und zu missionieren. Rund um das Mittelmeer
entstanden besonders in den größeren Städten Christengemeinden. Und
diese Gemeinden hatten immer wieder Auseinandersetzungen zu
bestehen, die auch in gewalttätige Auseinandersetzungen ausuferten.
Die Bezeichnung eines Menschen als Märtyrer wurde damals üblich,
wenn jemand um seines Glaubens willen das Leben hingab, wenn er
also ein sogenannter "Blutzeuge" wurde. Der Zeitpunkt, an dem
dieser ehrende Titel zum ersten Mal vergeben wurde, muss zwischen
dem Jahr 100 und der Mitte des zweiten Jahrhunderts liegen. Wenig
bekannt sind die mehreren hundert Märtyrer, die im Gefolge der
französischen Revolution ihr Leben für den Glauben ließen. Allein
während der sogenannten "Septembermorde" im Jahr 1792 verloren
nämlich in Frankreich über 200 katholische Priester ihr Leben. Vor
diesem Datum allerdings hatte sich schon ab der Entdeckung Amerikas
durch Christoph Kolumbus, eine neue Situation für die Kirche
ergeben. Ungeheuer große und weite Landstriche wurden der damals
bekannten Welt hinzugefügt und die dort lebenden Menschen mussten
natürlich mit dem Evangelium bekannt gemacht werden. Und die dort
tätigen Missionare waren bei ihrer Verkündigungsarbeit auf sich
gestellt und exponiert. Sie wurden mit den unterschiedlichsten
heidnischen Kulten ebenso wie mit den dort herrschenden
Stammesfürsten und Königen konfrontiert. Man mag nun dabei an
China, an Japan und Korea denken, an Länder also, in denen es im
Gefolge christlicher Missionstätigkeit zu großen
Verfolgungsaktionen und Repressionen gegenüber den Christen
kam. Nicht weniger hart und blutig war die
Missionsarbeit in Afrika und Amerika. Die Opfer dieser Verfolgungen
waren fast durchwegs die europäischen Missionare und die
engagierten Christen. Durch ihr Blutzeugnis legten diese Märtyrer
Zeugnis ab für die Wahrheit ihres christlichen Glaubens. Wer
wäre hier nun zu nennen? Paul Miki, SJ, und seine 25
Gefährten, die am 6. Februar 1597 in Nagasaki ihr Leben durch
Kreuzigung verloren, waren die ersten japanischen Christen, die
ihren Glauben durch ihr Blutzeugnis bekannten. Karl Lwanga und
seine 12 Gefährten, die am 3. Juni 1886 in Uganda zum Tode durch
Verbrennen verurteilt und hingerichtet wurden. Andreas Kim Taegon
und Paul Chong Hasang und ihre Gefährten, die zwischen 1839 und
1866 ihr Leben für das Evangelium gaben (20. September), Johannes
de Brébeuf (1593-1646) und Isaak Jogues (1607-1649), beide
Mitglieder der Gesellschaft Jesu, die mit ihren Gefährten zwischen
1642 und 1649 in Nordamerika ihren Einsatz in der Indianermission
mit dem Leben bezahlten . (Fest am 19. Oktober). Und ab Martin Luther und seinem
Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg (1519), im
sogenannten Zeitalter der Religionskriege, brachten auch in Europa
viele Christen ihr Leben für die Wahrheit ihres Glaubens dar.
Bereits 1917, nach der Oktoberrevolution in Russland, begann im
Herrschaftsbereich der Bolschewistischen Partei Lenins die erste
große Christenverfolgung. Getreu dem Motto "Religion ist Opium für
das Volk" wurden orthodoxe und katholische Kirche auf das schärfste
bekämpft. Nahezu 70 Jahre dauerte dieser Krieg gegen das
Christentum. Der christliche Glaube überlebte nur noch im stillen
Kämmerlein. In Deutschland selbst brach mit dem Jahr 1933
eine Zeit an, in der die christlichen Kirchen und jedes religiöse
Bekenntnis ums Überleben fürchten musste. Einige der bekanntesten
Opfer der Nazis waren: P. Josef Baumann, SJ, der angezeigt
wurde, weil er sich kritisch gegen Alfred Rosenbergs "Mythus des
20. Jahrhunderts" - das Evangelium der Nazis - geäußert hatte, P.
Rupert Mayer, der als der Feind Nr. 1 der braunen Machthaber galt.
Haft, Konzentrationslager und Verbannung waren die Stationen seines
Martyriums. P. Alfred Delp, SJ wurde vom Volksgerichtshof unter
Roland Freisler zum Tode verurteilt. Der Berliner Domprobst
Bernhard Lichtenberg (1875-1943) gedachte bereits 1938 in
Gottesdiensten und Gebeten der Juden und leitete in Berlin das
"Bischöfliche Hilfswerk für nichtarische Juden". 1941 wandte er
sich - wie Bischof von Galen, der "Löwe von Münster" - auch
entschieden gegen das Euthanasieprogramm der Nazis, die
Geisteskranke und sonstiges sogenanntes "lebensunwertes Leben"
einfach vernichteten. Am Abend des 5. November 1943 auf der
Überführung ins KZ Dachau erlag er im Stadtkrankenhaus in Hof
seinem schweren Herzleiden. Schwester Theresia Benedicta a Cruce,
eine Karmelitin, besser bekannt unter ihrem bürgerlichen Namen
Edith Stein, lebte die Solidarität mit den Juden anders: Am 9.
August 1942 ging sie in Ausschwitz mit ihrer Schwester Rosa in den
Tod - Ihre letzten Worte waren: "Komm, Rosa, gehen wir für unser
Volk." (vgl. Fuchs, G. (Hg.): Glaube als Widerstand. Edith Stein,
Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer, 1986;) Drei Männer aus den Reihen der Katholischen
Arbeitnehmerbewegung, damals noch "Werkvolk" genannt, müssen
genannt werden, wenn es um den Einsatz für die Freiheit des
Menschen und um eine freiheitliche Gesellschaftsordnung geht:
Nikolaus Groß (1898-1945), Bernhard Letterhaus (1894-1944) und
Prälat Otto Müller (1870-1944). Diese Männer wollten, beeinflusst
von der katholischen Soziallehre, an einer Neugestaltung
Deutschlands mitarbeiten. Und deshalb standen sie auch im Kontakt
zu Carl Friedrich Goerdeler. Dieser aber war in das Attentat vom
20. Juli 1944 verwickelt und über ihn wurden auch diese drei Männer
von der GeStaPo verhaftet und vor Gericht gestellt. Alle drei
wurden wegen Hoch- und Landesverrat zum Tode verurteilt. Groß und
Letterhaus wurden hingerichtet, Prälat Müller erlag vor der
Hinrichtung einer schweren Erkrankung (vgl. Buchstab, G. u.a.:
Verfolgung und Widerstand 1933-1945. Christliche Demokraten gegen
Hitler, 1986;). Im selben Zusammenhang muss ein weiterer Mann
genannt werden: Eugen Bolz (1881-1945). Als christlicher Politiker
- er war Staatspräsident von Württemberg - stellte er sich der
geplanten neuen Regierung, die nach dem 20. Juli 1944 ihr Amt
aufnehmen sollte, zur Verfügung, um ein Ministeramt zu übernehmen.
Auch er wurde zum Tod verurteilt und am 23. Januar 1945 in
Berlin-Plötzensee gehenkt. Christliche Politik zu planen und
christlichen Grundsätzen sein Tun unterzuordnen war
tödlich. Die Würde des Menschen, die während der 12
Jahre brauner Diktatur mit Füßen getreten wurde, war ein weiteres
wichtiges Thema. Pastor Paul Schneider (1897-1939), ein Mitglied
der von Pastor Niemöller und Dietrich Bonhoeffer gegründeten
"Bekennenden Kirche", wandte sich in aller Öffentlichkeit gegen die
Hetzschriften eines Alfred Rosenberg und des Stürmers und des
Völkischen Beobachters. 1938 weigerte er sich, die Hakenkreuzfahne
zu grüßen und ging lieber in das KZ Buchenwald. Dort wurde er am
18. Juli 1939 durch eine Giftspritze umgebracht (vgl. Vogel, H.
(Hg.): Der Prediger von Buchenwald, 1968). Ihm ebenbürtig an der
Seite steht Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Er verfolgte von
Anfang an die Machenschaften und die Pläne der Nationalsozialisten
und begründete gerade aus dem Terror gegen die Juden die Pflicht
der Christen zum Widerstand. Einer seiner bekanntesten Aussprüche
dazu lautet: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch
gregorianisch singen." Durch seine Mitarbeit in der Abwehr des
Admirals Canaris war er in die Verschwörerpläne um Ludwig Beck und
Carl Friedrich Goerdeler eingeweiht. Bereits Anfang 1943 wurde er
verhaftet und zwei Jahre lang gefangengehalten. Erst nach dem
misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 konnte ihm die GeStaPo
etwas beweisen und am 9.April 1945 wurde er - gemeinsam mit Admiral
Canaris - im KZ Flossenbürg gehenkt (vgl. Bethge, E.: Dietrich
Bonhoeffer. Theologe, Christ, Zeitgenosse,
51985). Der priesterliche Dienst und die Treue zur
Kirche. Hier ergaben sich natürlich Interessenkonflikte: Entweder
war man für die Nationalsozialisten und ihre Weltanschauung oder
für das Christentum und seinen oft völlig anderen Zielsetzungen.
Das erlebte am eigenen Leib Karl Leisner (1915-1945), der wegen
einer regimekritischen Äußerung für fünf Jahre in das KZ Dachau
eingeliefert wurde und dort - schwer tuberkulosekrank - am 17.
Dezember 1944 heimlich zum Priester geweiht wurde. Einige Dutzend
Priester versammelten sich in der armseligen Lagerkapelle vor dem
aus Kisten und Blechbüchsen zusammengenagelten Tabernakel. Unter
feierlichem Gesang zog ein Bischof ein, in einem heimlich genähten
Pontifikalgewand, unter dem die Sträflingshosen hervorschauten, mit
einem Bischofsstab, den ein inhaftierter Bildhauer und Benediktiner
aus Eichenholz geschnitzt und mit der hintergründigen Inschrift
,,Victor in vinculis - Sieger in Fesseln" versehen hat, an der Hand
einen Bischofsring, den ein Russe in der lagereigenen
Waffenschmiede aus Messing getrieben hat. Auf einem Holzschemel saß
bleich und vor innerer Erregung zitternd ein schmächtiger Häftling,
dem jetzt alle anwesenden Priester in ihrem Sträflingsaufzug
einzeln die Hände auflegten. Um die vorbeipatrouillierenden
Wachposten abzulenken, spielt draußen vor der Baracke ein jüdischer
Freund der Geistlichen Geige, verzaubert diese Hölle auf Erden mit
seinen Himmelstönen. Der Bischof ist Gabriel Pigue (gestorben 1952)
aus Clermont-Ferrand in der französischen Auvergne, den man wegen
Unterstützung der Widerstandsbewegung verhaftet und
interniert hat. Der 29jährige Karl Leisner aus Nees am Niederrhein,
Sohn eines kleinen Gerichtssekretärs war schon als Zwölfjähriger
Gruppenführer in der katholischen Jugend. Sie gehen für ihn durchs
Feuer, seine Jungs, sie lieben und bewundern ihn, weil sie spüren:
Der Karl will nicht bloß was von uns, der verlangt sich selbst das
letzte ab. Und recht haben sie. ,,Wage dein Leben", steht in seinem
Tagebuch. ,,Wage dich!" Glaube ist für diesen jungen Mann keine
vage Gefühlssache, sondern erfordert eisernen Willen. ,,Nicht
sentimental" wird er sein, hat er sich vorgenommen, ,,sondern mutig
unter dem Kreuz', fest, felsig!" Die kurzen Gebete in Karls
Tagebuch lesen sich wie Liebesbriefe: ,,Christus, du mein Leben,
meine Liebe, du meine Leidenschaft, entflamme, erleuchte mich!" -
,,Christus steht vor mir fordernd, und er schaut mich ernst an. Er
schaut bis ins letzte, heimlichste Fältchen des Herzens! Bin ich
stark genug?" Kein Wunder, daß so ein leidenschaftlicher Glaube
schon früh mit dem Allmachtsanspruch der braunen Götter aneinander
geriet. ,,Soll ich mitlaufen, mitschreien, mitziehen?" fragte sich
Karl in seinem Tagebuch. ,,Nein, das tu ich nicht; es sei denn, daß
man mich mit Gewalt oder durch Staatsgesetz dazu zwingt, aber
innerlich folge ich ihnen nicht. Der Drill, die Schnauzereim die
Lieblosigkeit gegen ihre Gegner, ihre fanatische, tamtamschlagende
Nationalitätsbesessenheit kann ich nicht teilen." Als mitreißender
Jugendführer hat sich Karl Leisner erfolgreich abgemüht, junge
Menschen vor dem Zugriff der faschistischen Rattenfänger zu
bewahren. Anders als die Herrenmenschen mit ihrer Lust am Zerstören
und ihrem dumpfen Rassismus träumte er von einer friedlichen Welt
und von der Versöhnung zwischen den Völkern. ,,Verflucht sei der
Zwang der Gewissen!" notierte er empört. Wer sich den Luxus eines
derart selbständigen Denkens leistete, an einen anderen ,,Führer"
zu glauben wagte als an den gerade inthronisierten und das auch
noch frech herausposaunte, der musste Schwierigkeiten bekommen.
Karl wäre von der Schule geflogen, wenn es nach dem Willen einiger
stramm nationalsozialistischer Lehrer gegangen wäre. Als er 1934
sein Theologiestudium in Münster begann, hatte die Gestapo bereits
eine Akte über ihn angelegt. Spitzel beschatteten den zum
Diözesanjungscharführer Avancierten, kontrollierten seine Post. Er
entkam ihnen auch nicht, als er nach Freiburg im Breisgau
wechselte. Bei einem Pfingsturlaub in Rom ließ sich Papst Plus XI.
- bekanntlich ein entschiedener Gegner der Rassisten -
höchstpersönlich von Karl und ein paar Freunden über die brisante
Situation in Deutschland unterrichten. Am 8. November1939
installierte der Tischlergeselle Georg Elser im Münchner
,,Bürgerbräukeller" eine Höllenmaschine, die Hitler und seine
engste Gefolgschaft beim jährlichen Traditionstreffen zur
Erinnerung an den braunen Putsch 1923 töten sollte. Doch Hitler
verließ die Versammlung vorzeitig und entging dem Attentat. Leisner
hörte die Nachricht im Radio, gab unvorsichtigerweise einen
bedauernden Kommentar ab, wurde denunziert - und sofort schlug die
Gestapo zu. Schon am 9. November passierte der schwerkranke, von
einer Lungenkur weg verhaftete - 24jährige im Freiburger Gefängnis
ein. Im März 1940 wechselte er in das KZ Sachsenhausen bei Berlin,
im Dezember nach Dachau. Überlebende Mithäftlinge berichten, mitten
in dieser Hölle habe er heitere Gelassenheit verbreitet, Lieder zur
Klampfe gesungen sowie Brot und Kleidung von der eigenen knappen
Ration an Leidensgenossen verteilt, denen es offenbar noch
dreckiger ging. Die ständigen Schmerzen und die zunehmende Schwäche
ließ sich der an hochgradiger Tbc (und unter dem feuchten, rauen
Klima der sumpfigen Dachauer Landschaft) leidende Häftling nicht
anmerken. Um sich mit den vielen sowjetischen Gefangenen
unterhalten zu können, lernte er Russisch. 1944, nach fünfeinhalb
Jahren Haft, erfüllte sich mit der Priesterweihe sein
Herzenswunsch. Leisner erlebte noch die Befreiung des Lagers durch
amerikanische Truppen, man bemühte sich im Lungensanatorium Planegg
liebevoll um ihn, doch der Körper war zu geschwächt. Am 12. August
1945 war der Kampf zu Ende, Karl Leisner war nur 30 Jahre alt
geworden. Er ruht in der Krypta des Xantener Doms neben zwei
anderen Opfern des Nazi-Terrors und umgeben von Urnen mit Asche aus
Dachau, Bergen-Belsen und Auschwitz. Papst Johannes Paul II. hat
den mutigen Studenten bei seinem Deutschlandbesuch 1996
seliggesprochen. Der Franziskanerpater Maximilian Maria Kolbe
(1894-1941) schließlich ging für seine Überzeugung, daß dem
Christentum auch eine freie Presse zustände und daß man seine
Meinung gegenüber der braunen Diktatur äußern müsse, ins KZ und
schließlich in den Tod. In Auschwitz nämlich meldete Maximilian
Kolbe sich freiwillig, um anstelle eines Familienvaters in den
Hungerbunker zu gehen. Weil er sich Gedanken darüber gemacht hatte,
wie der Krieg beendet werden könnte und wie der zukünftige Frieden
auszusehen habe, wurde der Pfarrer Max Josef Metzger (1887-1944)
wegen Defätismus und Wehrkraftzersetzung hingerichtet (vgl.
Kempner, Benedicta M.: Priester vor Hitlers Tribunalen, 1996;).
Ähnlich erging es drei Stettiner Priestern: Carl Lambert
(1894-1944), Friedrich Lorenz (1897-1944) und Herbert Simoneit
(1908-1944) hatten sich über die Politik der Nazis und über den
verhängnisvollen Krieg zu äußern gewagt und wurden durch einen
Spitzel der GeStaPo angezeigt. Alle drei wurden zum Tode verurteilt
und am 13. November 1944 in Halle/Saale hingerichtet. Frieden und
Freiheit - das waren gefährliche Gesprächsthemen im
"Tausendjährigen Reich"! Die voranstehenden Beispiele zeigen uns eines
auf: Märtyrer und Blutzeugen gab es immer und überall; es gab sie
in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts und es gibt sie auch
heute noch. Nur eines hat sich geändert: Der Schwerpunkt liegt
heute wo anders. Nicht mehr der Einsatz für die Wahrheit des
Evangeliums liegt heute an erster Stelle, sondern die Wahrung und
Beachtung der Menschenwürde ist heute vielfach der Punkt, der einen
Christen zum letzten Einsatz bringt. Allen diesen eben erwähnten
Blutzeugen ging es im letzten um eine menschenwürdige
Lebensordnung, in der die Menschen in Freiheit und Gerechtigkeit
zusammenleben konnten. Denn nur in einer Menschenwürdigen
Gesellschaft können - wie Alfred Delp es in der Verhandlung vor dem
Volksgerichtshof zu Roland Freisler sagte - die Menschen denken,
beten und menschenwürdig leben. Märtyrer im ausgehenden 20.
Jahrhundert Sie glauben, Märtyrer gibt es heute nicht
mehr? Ich werde ihnen das Gegenteil beweisen. Als Beispiel soll mir
der große Bischof Oskar Romero dienen. Am 15. August 1917 in
Ciudad Barnos, einem kleinen Ort in der Nähe von San Miguel in El
Salvador geboren, wurde er am 4. April 1942 zum Priester geweiht.
Zunächst Pfarrer einer kleinen Pfarrei wurde er bald Generalvikar
der Diözese San Miguel. 1970 wurde er Weihbischof, 1975 Bischof der
Diözese Santiago di Maria und schließlich am 3.Februar 1977
Erzbischof von San Salvador, der Hauptstadt der Republik El
Salvador. Trotz seiner Vorbehalte gegenüber der marxistisch
geprägten Theologie der Befreiung - wahrscheinlich der Grund, warum
die Machthaber in El Salvador ihn zuerst tolerierten - aber setzte
er sich entschieden für die Einhaltung der Menschenrechte, für die
Rechte der Armen und für soziale Gerechtigkeit ein. Er ging dazu in
seinen Predigten immer nach dem selben Schema
vor: 1.
Zunächst die Erschließung des liturgischen Textes,
dann 2.
ein Bericht über die Geschehnisse in den Gemeinden, und zum
Schluss 3.
die Anprangerung sozialer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und
politischer Missstände (vgl.Stehle, E.L. (Hg.): Romero, Oscar A.:
In meiner Bedrängnis. Tagebuch eines Märtyrerbischofs 1978-1980,
1993;). Es ist deshalb kein Wunder, daß ein so
engagierter Mann im höchsten Maße gefährdet war. Die gegen ihn
erhobenen Morddrohungen hatte er mit den Worten zurückgewiesen:
"Wie darf man schweigen, wenn durch das öffentliche Wort eines
Bischofs das Leben vieler gerettet werden kann?" Und während eines
Gottesdienstes in der Kapelle des Krankenhauses zur Göttlichen
Vorsehung am 24. März 1980 während er zum Schluss seiner Predigt
kam, traf ihn der tödliche Schuss eines Scharfschützen. Seine
letzten Worte waren: "Wir wissen, daß niemand für immer stirbt und
daß diejenigen, die ihre Aufgabe mit tiefem Glauben und Hoffnung
und Liebe erfüllt haben, die Krone erhalten
werden." Jan Hus -
ein angeblicher Ketzer, geopfert, um des politischen Vorteils
seines Königs willen. Sechs Jahrhunderte nach seiner Hinrichtung in
Konstanz scheiden sich an Jan Hus aus Husinec noch immer die
Geister. Husinec heißt übersetzt ,,Gänsedorf". Dort in Südböhrnen
wurde Jan um 1370 als Sohn armer Bauersleute geboren. An der
Universität Prag begann er Philosophie und Theologie zu studieren -
um sich eine Existenz zu sichern. Jan - oder; latinisiert, Johannes
- Hus machte seinen Magister, begann zu lehren, wurde zum Priester
geweiht. Bald sah er den Dienst am Wort Gottes nicht mehr als
Möglichkeit, Karriere zu machen, sondern als Herausforderung, dem
Evangelium gemäß zu leben. Als Dozent, Magisterprüfer, später Dekan
seiner Fakultät begegnete er tschechischen Reformern, die von einer
arme Kirche träumten. Und er las die umstrittenen Schriften des
englischen Gelehrten John Wyclif. Für Wyclif war die Gemeinschaft
der von Gott Erwählten nicht mit der sichtbaren Kirche identisch,
und er übte harte Kritik an Mönchturh, Beichte und Ablaß. Wyclif
wertete den Laienstand auf und forderte von der weltlichen Macht,
die in Reichtum und Politik verliebte kirchliche Hierarchie zu
enteignen. Wyclifs Visionen wurden natürlich auch in Prag heiß
diskutiert. Die Universität war eng mit der Kirche verbunden, der
Erzbischof von Prag war ihr Kanzler. Da verwundert es nicht,
daß eine Vollversammlung sämtlicher hier lehrenden Magister 1403
mit Mehrheit beschloß, Wyclifs Thesen dürfe niemand dozieren oder
predigen oder auch nur bejahen. Ein Jahr vor dem folgenschweren
Universitätsbeschluß hatte man den jungen Priester Hus zum Prediger
an der kürzlich erbauten Bethlehemkapelle in der Prager Altstadt
bestellt. Eine überaus delikate Aufgabe, denn die Bethlehemkapelle
- eine geräumige vierschiftige Halle, die dreitausend Menschen
faßte war für tschechische Predigten reserviert. Im Hintergrund
steht das nationale Erwachen im Land. Die Ansiedlung deutscher
Bauern, Handwerker und Kaufleute in den Jahrhunderten zuvor hatte
Böhmen zwar einen Modernisierungsschub gebracht, Wirtschaft und
Ackerbau beflügelt, aber auch für Konflikte gesorgt. Die Tschechen
fühlten sich zunehmend benachteiligt, begegneten dem reichen
deutschen Stadtpatriziat mit Mißtrauen, begannen ihre eigenen
kulturellen Werte wiederzuentdecken, forderten von den Ämtern und
von der Kirche Gleichberechtigung für die tschechische
Sprache. Mit seiner neuen Rolle als Prediger an einer,
wenn man so will, Nationalkirche geriet Hus voll in den Strudel
politischer, gesellschaftlicher, sozialer Konflikte hinein. König
Wenzel, der von Prag aus das Deutsche Reich regierte, lag nicht nur
im Streit mit den mächtigen rheinischen Kurfürsten, sondern auch
mit dem böhmischen Hochadel. 1400 setzten ihn die Kurfürsten in
einem Handstreich ab, konnten aber nicht verhindern, daß er seine
Herrschaft über Böhmen behielt. Dafür unterstützte er seinen in
Deutschland regierenden Halbbruder, König Sigmund, bei dessen
Bemühen um die Kaiserwürde. Um ihre ziemlich labile Machtposition
zu stärken, waren beide - Wenzel und Sigmund - auf das Wohlwollen
der Kirche, des Papstes und der mit ihm verbündeten Habsburger
angewiesen, und deshalb fuhren sie einen harten Kurs gegen
sämtliche vermeintlichen Ketzer in Böhmen. Zu allem Überfluß
standen auch noch zwei - später drei - konkurrierende Päpste zur
Auswahl. Prediger an der Bethlehemkapelle zu sein,
bedeutete vor diesem Hintergrund eine Art Himmelfahrtskommando.
Hus, der hier pro Jahr zweihundert Ansprachen hielt, konnte sich
freilich auf eine breite Reformbewegung im Land stützen. Der Prager
Erzbischof ließ ihn auf Klerussynoden sprechen, und seine harte
Kritik an den Lastern der Geistlichkeit, an ihrem wenig moralischen
Lebenswandel und ihrer Besitzgier hörten sich die versammelten
Priester teils zustimmend, teils reumütig an. Ein anderer
Reformprediger hatte weniger Glück: Weil er auch den Laien das
Recht zur geistlichen Rede zugestand, lieferte ihn die
erzbischöfliche Behörde ser Inquisition aus. Hus protestierte
voller Leidenschaft gegen diese Maßnahme. Der wütende Erzbischof
verbot ihm daraufhin, die Messe zu lesen und Beichte zu hören. An
der Universität war währenddessen das Chaos ausgebrochen: König
Wenzel hatte die Nichtböhmen so in ihren Rechten beschnitten, daß
sie Prag fast geschlossen verließen und nach Leipzig gingen. Von
dort machten sie Front gegen die böhmischen ,,Ketzer". An der
Hochschule wiederum trieb der Übereifer des Erzbischofs auch so
bedächtige Leute wie Jan Hus in die Rebellion. Erzbischof Sbinko
erwirkte eine päpstliche Bulle gegen die sogenannten ,,freien
Volkspredigten", wie sie an der Bethlehemkapelle gehalten wurden.
Er ließ sämtliche erreichbaren Exemplare von Wyclifs Schriften
publikumswirksam verbrennen, unter dem Läuten der Totenglocke - die
Universität protestierte. Es ist eine schrecklich verworrene und
komplizierte Geschichte. Was Hus nun wirklich predigte, geschweige
denn was er dachte, war kaum von Bedeutung. Es zählte nur, daß es
in Böhmen Leute gab, die der Obrigkeit nicht mehr gehorsam sein
wollten, die sich ihre eigenen Gedanken machten, selbständig die
Bibel lasen, Leute, die sich der Kontrolle entzogen: Ketzer. Eine
Kirchenspaltung schien bevorzustehen: Bis zu fünftausend Menschen,
so ist überliefert, lauschten gebannt, wenn Jan Hus predigte. Die
einfachen Leute aus dem Volk, vorwiegend Tschechen, vergötterten
ihn, während die deutsche Obrigkeit auf Distanz ging. Und eignete
er sich nicht hervorragend als Sündenbock? Seine Predigten wurden
härter, aggressiver. Schneidende Kritik übte er an den
AbIaßhändlern, die jetzt im Auftrag des Papstes die Lande
durchzogen. Sollte Gottes Gnade tatsächlich käuflich sein? Auf der
Kanzel der Bethlehemkapelle redete Hus Klartext: ,,Christus gibt
Ablässe nicht für Geld, sondern denjenigen, die mit aufrichtigem
Herzen zu ihm kommen und ihm mit einem anständigen Leben
nachfolgen." Abgesehen von den wirtschaftlichen Interessen
der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit, die beide am Ablaßhandel
verdienten: Hus sprach allzu deutlich aus, daß Christus allein
Schuld vergeben konnte und die Macht der Hierarchie ihre Grenzen
hatte; das verziehen ihm die Kirchenfürsten nicht. Genauso wenig
wie seine anderen Thesen, die er mit zunehmender Radikalität
vertrat: Mit dem Felsen, auf dem die Kirche erbaut werden sollte,
sei Christus selbst gemeint und nicht der Apostel Petrus. Kein
Papst könne als Stellvertreter Christi handeln, wenn er ihm nicht
in seiner Lebensweise nachfolge. Hus in einem Brief: ,,Ich halte
den Papst für den Stellvertreter Christi in der römischen Kirche,
aber das ist für mich kein Glaubensinhalt ... Wenn er im
Widerspruch zu Christus lebt, dann ist er ein Dieb, ein Räuber, ...
ein Heuchler.? Für Erzbischof Sbinko war das Maß voll. Er
verhängte den Kirchenbann über Hus und seine Freunde. Hus floh aufs
Land - zumal sich der König auf die Seite der Ablaßbefürworter
schlug und die Reformpartei an der Universität bröckelte. Eine
Vorladung an die römische Kurie schlug Hus in den Wind, er
fürchtete wohl mit Recht um sein Leben. Stattdessen veröffentlichte
er eine dramatische Appellation an Jesus Christus, der ihn gegen
seine kirchlichen Verfolger verteidigen solle: ,,Reiß mich aus den
Armen meiner Feinde!" Der böhmische Adel deckte ihn - ähnlich wie
es später Luther in Deutschland geschehen sollte. Hus
versteckte sich auf irgendwelchen Burgen und schrieb eifrig
theologische Abhandlungen in tschechischer Sprache.
Mittlerweile war der Ruf nach einem Konzil immer lauter
geworden, das die blamable Rivalität von drei Päpsten beenden
und eine gemeinsame Strategie der abendländischen Chnstenheit
gegen die muslimische Expansion auf dem Balkan ermöglichen sollte.
Der deutsche König Sigmund gedachte auf diesem Konzil als
Vorkämpfer des Glaubens zu glänzen und einem Aufwasch auch gleich
das Ketzerproblem zu lösen; schließlich wollte er immer noch Kaiser
werden, und nach dem Tod seines erheblich älteren Bruders Wenzel
würde er auch die böhmische Krone erben. Das Konzil wurde nach
Konstanz einberufen. Im Frühjahr 1414 erging die Einladung an Hus,
sich dort dem Urteil des Lehramts zu stellen. Gegen die Warnungen
seiner Freunde stimmte Hus zu. Den versammelten Repräsentanten der
ganzen Kirche wollte er sich ausliefern. Naiv, oder aber das Risiko
bewußt auf sich nehmend, hoffte er auf die langersehnte
Gelegenheit, ein für allemal seine Rechtgläubigkeit beweisen zu
können. Und dann gab es ja den Geleitbrief von König Sigmund. Um
dessen Wert streiten die Historiker freilich bis heute. Es ist
unklar, ob das Dokument sozusagen als Rückfahrkarte gedacht war
oder ob es Hus lediglich auf der Hinreise nach Konstanz schützte.
Für überführte Häretiker gebe es grundsätzlich kein freies Geleit,
argumentierten Kirchenjuristen. Und König Sigmund war es ohnehin
ziemlich gleichgültig, was mit Hus greschah. D4er Mann war ihm zwar
wsympathisch, aber von Theologie verstand er nichts, und wenn es
den Interessen des Reichs und der Wiederherstellung der kirchlichen
Ordnung diente, kam es ihm auf einen verbrannten Ketzer mehr oder
weniger nicht an. Am Eröffnungsgottesdienst des Konzils konnte
Hus noch unbehelligt teilnehmen. Drei Wochen später standen dann
doch die Häscher vor der Tür. Hus landete in einem stinkenden
Kerker im Dominikanerkloster vor der Stadt. Vergeblich bat er um
eine Bibel und um Schreibzeug. Vergeblich hoffte er auf seine
Freunde - und auf die versprochene Audienz vor der
Konzilsversammlung. Es gab lediglich unregelmäßige Verhöre durch
mißgünstige Theologen, die keinen Zweifel daran ließen, daß seine
Verurteilung als Erzketzer bereits feststand. Monate vergingen.
Eine plötzliche Chance für Hus ergab sich erst, als Papst Johannes
- eines von drei rivalisierenden Kirchenoberhäuptern - die
Rückendeckung des Konzils verlor und. verkleidet aus der Stadt
entwich. Ein allgemeines Chaos war die Folge. Hus konnte eine
Botschaft an einen befreundeten Adeligen aus der Zelle schmuggeln:
,,Meine Wächter sind alle geflohen, ich habe nichts zu essen und
ich weiß nicht, was mir im Kerker passieren wird. Bitte geht mit
den anderen Herren zum König, er soll irgendein Ende mit mir
machen.? Doch König Sigmund, dem man die
Kerkerschlüssel überbrachte verpaßte die Gelegenheit. Längst
betrachtete er den armen Prediger als Faustpfand, um die
Konzilsväter besser beherrschen zu können. Daß mehrere große
Adelsversammlungen für Hus eintraten, rührte den König
nicht. Der Bischof von Konstanz ließ Hus mit Sigmunds
Einverständnis auf seine Burg bringen und die Haftbedingungen
verschärfen: Tagsüber Fußfesseln, nachts wurde der auf seiner
Pritsche liegende Gefangene mit Handschellen an die Wand
gekettet. An der Kirchenspitze herrschte jetzt zwar Anarchie, doch
der Vorzeigeketzer mußte nun erst recht verdammt werden. Der
Tübinger Historiker Peter Husch erklärt, warum: ,,Nicht
zuletzt, um sich selbst zu legitimieren, betrieb das Konzil
... den Fall Hus mit Energie weiter. Gab es eine bessere
Möglichkeit für die Konzilsväter, ihre Souveränität und zugleich
ihre Rechtgläubigkeit zu beweisen?" Im Juni 1415, ein halbes Jahr nach seiner
Gefangensetzung, begann endlich das eigentliche Verfahren gegen Jan
Hus vor dem fast vollständig versammelten Konzil. Es war eine
elende Farce. Man deckte ihn mit einem Trommelfeuer von Zitaten
ein, Zitate aus seinen eigenen Schriften, Zitate von Wyclif's Werk,
Aussagen, die Zeugen von ihm gehört haben wollten, und verlangte,
er solle alles widerrufen. Hus wollte erklären, Hintergründe
erläutern, Falschinformationen zurückweisen, da schrien seine
Gegner von allen Seiten auf ihn ein: keine Ausflüchtel Ja oder
nein! Als er verwirrt schwieg, triumphierten sie: Aha, er bekennt
sich schuldig! Seine Belege aus der Bibel und aus den Kirchenvätern
wollte kein Mensch hören. Als er die Appellation an Christus
verteidigte, erhob sich schallendes Gelächter: Christus war als
Berufungsinstanz in so einem Prozeß nicht vorgesehen.
Gebetsmühlenartig hielt man ihm Sätze von John Wyclif vor - von
denen er keinen einzigen jemals vorbehaltlos anerkannt hatte.
Lediglich als ,,möglich" bezeichnete er die eine oder andere These
auch jetzt noch. Im Protokoll ist mehrfach seine vorsichtige
Antwort verzeichnet: ,,Das wage ich weder zu behaupten noch
abzulehnen.? Spiegelfechtereien, Sophismen nach Ansicht
der meisten Konzilsväter. Hus sollte gefälligst einen kompletten
Widerruf leisten, wie verlangt, und der heiligen Versammlung keine
unnötige Mühe bereiten. Verzweifelt appellierte Hus an den
gelangweilt dabeisitzenden König: Er könne doch nicht etwas
widerrufen, was er niemals behauptet habe, und er könne nur
Irrtümer bekennen, die man ihm nachweise!
Geschwätz, knurrte der König. Warum war er auch so eigensinnig, der
Magister Hus! Warum machte er nicht einfach gute Miene zum
bösen Spiel und schwor allen gefährlichen theologischen Meinungen
ab, auch wenn er sie nie vertreten hatte? Weil er seine treuen
Freunde, die für ihn durch dick und dünn gingen, nicht in
Verwirrung bringen mochte. Weil er seine Seibstachtung bewahren
wollte. Vor allem aber: Weil er die letzte Autorität über sein
Gewissen keinem Papst und keiner Kommision zugestand, sondern Gott
allein, und wenn man ihm nicht aus der von Gott inspirierten
Schrift nachwies, daß er Unrecht hatte, dann gab es auch nichts zu
widerrufen. Das war der eigentliche Streitpunkt in diesem
Machtspiel: Hus erinnerte die selbstgefälligen Hierarchen
unüberbietbar deutlich daran, daß nicht sie die Herren der Kirche
waren, sondern Christus, ihr einziges Haupt. Am 6. Juli 1415 erklärte das Konzil Johannes
Hus zum hartnäckigen und offenbaren Ketzer, verfügte die
Verbrennung seiner Bücher, nahm ihm sein Priesteramt und
verurteilte ihn zum Tod. Man setzte ihm die papierene Ketzermütze
auf, die mit drei greulichen Teufeln bemalt war, führte ihn zur
Stadt hinaus und zündete den Scheiterhaufen an. Von den Flammen
umlodert, soll er je nach Einstellung der Chronisten - jämmerlich
geschrieen oder aber singend die Barmherzigkeit Gottes angerufen
haben. Seine Asche streute man in den Bodensee. Der verbrannte Prediger stieg in rasantem
Tempo zum Helden der böhmischen Nation auf, und ein ganzes Volk
erhob sich gegen die übrige abendländische Christenheit. Der
Hussitensturm, der in Böhmen vier Jahre später losbrach und fünf
deutsche Kreuzheere in die Flucht zwang, war gar nicht das
entscheidende Phänomen, die Kämpfe fanden irgendwann ihr Ende. Viel
schlimmer war es, dass die Tschechen für Jqahrhunderte ihr
Vertrauen in die Gesamtkirche verloren. Eigensinnig verfolgte
nationale Sonderwege, Abschottungstendenzen, eine Neigung zum
Atheismus: Zeitgenössische Historiker meinen, daß das Bluturteil
gegen Hus die tschechische Mentalität bis heute
prägt. Sicher hat Papst Johannes Paul II. auch diese
jahrhundertealten Spannungen und Spaltungstendenzen im Auge, wenn
er jetzt im Heiligen Jahr eine Versöhnungsgeste setzt. Die Lehre
des tschechischen Reformers hat unter katholischen Hus-Forschern in
den letzten Jahren eine ziemlich positive Neubewertung erfahren:
sein Wahrheitsfanatismus, seine Konzentration auf Christus als
alleinigen Herrn der Kirche und auf die Schrift als letzte
Glaubensnorm, seine Hochschätzung des persönlichen Gewissens, seine
,,Theologie der Hoffnung", die das Kommen des Reiches Gottes im
Blick hat - nicht zuletzt auch seine Parteinahme für die
gesellschaftlich. an den Rand Gedrängten und seine Vision einer
,,Kirche der Armen". Wenn er auch an der Gesellschaftsordnung
seiner Zeit grundsätzlich nicht rüttelte; aber das tat damals
niemand. Die neunjährige Arbeit jener vom Papst angeregten
ökumenischen Wissenschaftler-Kommission hat jedenfalls für ein
deutlich verändertes Klima gesorgt. 1996 nahm mit dem Prager
Kardinal Miloslav Vlk erstmals ein offizieller Vertreter der
katholischen Kirche an den alljährlichen Hus-Feiern im
südböhmischen Husinec teil. Vlk sprach sich klar dafür aus, das
Urteil gegen Hus aufzuheben. Der Reformer sei dem ,,politischen
Kalkül" von König Sigmund zum Opfer gefallen und in der Kirche
hätten damals ,,chaotische Zustände" geherrscht. Natürlich gibt es
auch Gegenstimmen. Der Augsburger Kirchenhistonker Walter
Brandmüller - mittlerweile ementiert und Domherr in Rom - hält eine
Rehabilitierung für unmöglich. Denn man könne ein Konzil, das eine
Lehre als häretisch verdammt habe, schließlich nicht sechs
Jahrhunderte später desavouieren. Ganz anders klang die Rede; die
der Papst im Dezember vergangenen Jahres vor dem internationalen
Historikerkongreß in Rom hielt, der die Arbeit der tschechischen
Kommission zusammenfaßte: ,,Hus ist aus vielerlei Gründen eine
denkwürdige Figur. Es ist aber vor allem sein moralischer Mut im
Angesicht der Widrigkeiten und des Todes, der ihn zu einer
herausragenden Gestalt für das böhmische Volk gemacht
hat."
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