bodenseelauf


In 5 Etappen 230 Kilometer um den Bodensee

Irgendwann entdecke ich bei der Suche nach einem Lauf einen Link zu einer Seite, die ich mir sehr genau anschaue:

www.bodenseelauf.beep.de

Da hat ein „Nordlicht“ die Idee, den Bodensee zu umrunden. Gut, die Idee ist nicht neu. Gab es doch schon mehrere Läufer, die den Bodensee per pedes umrundeten. Erst im Herbst 2006 konnte der Radolfzeller Jürgen Hugenschmidt sich kurz vor seinem 50. Geburtstag diesen Wunsch erfüllen. In ca. 27 Stunden hatte er die etwa 230 Kilometer im Alleingang geschafft.
Nun will da Einer einen Etappenlauf machen und sucht nach Informationen und Mitläufern. Einige haben sich schon gemeldet. Auch mein Interesse ist sofort geweckt. Doch zuvor will ich erst meinen 24-Stundenlauf in Scharnebeck bestreiten. Ob da 10 Tage Regeneration ausreichend sind? Die letztendliche Entscheidung lasse ich mir bis nach dem 24er offen, bekunde aber schon mal mein Interesse und schaue, ob noch die Möglichkeit besteht, in den Quartieren Platz zu finden, in denen die meisten „Bodenseeumrunder“ untergebracht sein werden.
Der 24er geht ohne Blessuren über die Bühne und meine Entscheidung steht fest!
Der Lauf um den Bodensee – quasi direkt vor der Haustür - wird mein erster Etappenlauf werden!
Doch noch gibt es etwas zu tun, denn da man vermutlich die bei der Planung entgegengebrachte Hilfsbereitschaft von vielen Seiten nicht so einfach verpuffen lassen wollte, suchte man sich eine Einrichtung aus, die man evtl. durch eine mit dem Lauf verknüpfte Spendenaktion unterstützen könnte. Die Wahl fällt auf das Kinderhospiz St. Nikolaus im Allgäu, eine Einrichtung, in der Familien mit einem schwer kranken, unheilbaren Kind einige Tage Aufnahme finden. Familien, die einfach Hilfe brauchen, weil deren Kind vielleicht nicht mehr lang am Leben sein wird und hier entsprechende Hilfe in dieser Situation finden.  Allein das bestätigt, dass mein Entschluss richtig ist.
Doch wie kann man helfen? Die Idee ist, dass sich die Läufer Firmen oder Bekannte suchen, die für die geplanten Kilometer eine Art Kilometergeld spenden, welches zu 100% dieser Einrichtung zufließt. Auch die Spende eines pauschalen Betrages ist möglich. Also mache ich mich an die Arbeit und stelle ein paar Seiten Papier zusammen, aus der der Leser etwas über die Entstehung und den Zweck des Laufes erfährt und wie er die gute Sache unterstützen kann.
Viel Zeit bleibt nicht, doch an 4 Tagen schaffe ich es, entsprechende Spender zu aktivieren, so dass am Ende dadurch wenigstens 380 Euro durch mein zutun dieser Einrichtung zufließen werden. Überrascht hat mich mein Kollege, der spontan bereit ist, 50 Euro zu spenden und nach kurzer Rückfrage bei seiner ganz frisch angeheirateten besseren Hälfte die Summe verdoppelt. Ein ganz großes „Danke!“ auch noch mal an dieser Stelle, Theresa und Oliver! Aber auch an die Raiffeisenbank Aulendorf, an den „Gipfelstürmer“ in Ravensburg, an die Firma Stark in Aulendorf-Zollenreute und nicht zuletzt an meine Schwester Beate ein herzliches Dankeschön! 

Tag 1: Friedrichshafen-Langenargen-Kressbronn-Nonnenhorn-Lindau-Bregenz
Am Mittwoch fahre ich mit Jürgen, der an diesem Tag Geburtstag hat, nach Friedrichshafen zur Jugendherberge, an der der Start erfolgen soll. Es ist kalt geworden und es regnet. Wir sind früh dran und haben noch jede Menge Zeit im Foyer der Jugendherberge mit den dort sich sammelnden Läufern die ersten Worte zu wechseln. Ich bin sehr erfreut, erstmals Walti aus St. Gallen zu treffen, den ich schon von Ferne, aber eben nicht persönlich kennen lernen durfte. Irgendwann gehen wir dann raus. Achim Linder, der Laufschuhspezialist aus Kißlegg im Allgäu läuft die erste Etappe selbst mit und hat sich im Vorfeld bereit erklärt, ein Begleitfahrzeug nebst Anhänger für den Gepäcktransport und die Streckenverpflegung bereit zu stellen. Ein guter Freund von ihm, Arno, wird uns auf den Etappen 1, 2 und 5 tatkräftig unterstützen. René aus Tettnang wird das Fahrzeug fahren und später wird auch seine Frau dazu stoßen und behilflich sein.
Vor dem Start kommen noch zahlreiche Medienvertreter zum Zuge. Radiosender, lokale Presse und der Fernsehsender EURO3, der in der Bodenseeregion über Kabel empfangbar ist, nehmen die Gelegenheit war, hier Informationen zu sammeln, die dann in den entsprechenden Berichten ihren Eingang finden werden. Dann kurze Ansprachen von Achim Linder, Matthias, dem „Urheber“ und von Monika, die das Hospiz vertritt und der die Begeisterung anzumerken ist.

Nach 10 Uhr dann der Start für etwa 35 Laufbegeisterte, von denen aber der größte Teil nur diese erste Etappe und eventuell einen Teil der letzten Etappe in Angriff nehmen wird. Das Wetter hat sich gebessert. Es regnet nicht mehr. Noch eine ganze Weile macht der Fernsehsender Aufnahmen von den Läufern auf der Strecke, fährt jeweils voraus, um sich immer wieder neu zu postieren.
Man versucht sich im Feld untereinander bekannt zu machen. Hilfreich dabei sind die Startnummern, die jedoch keine Nummer, sondern den Namen des jeweiligen Trägers enthalten. Drei verschiedene Farben wurden für diese Namensschilder verwendet: gelb für die Einzel-Etappenläufer, grün für die, die mindestens an zwei Etappen teilnehmen wollen und blau für die, die sich die ganze Umrundung vorgenommen haben.
Einer davon ist Günter, der schon den Deutschlandlauf 2005 erfolgreich beendet hatte und sich hier auf den Trans Gaule, einem Lauf über 18 Etappen quer durch Frankreich vorbereitet. Irgendwann mache ich Fotos und Günti eine Pause, um sich des vom Körper nicht aufgenommenen Wassers zu entledigen. Wir versuchen wieder aufzuschließen. Er hat einen eher schleichenden Gang, wie ihn Ultraläufer eben an sich haben. An seinem Mützenschild sammelt sich reichlich Kondenswasser, das vorn heruntertropft. Er sollte Recht behalten, als er äußert, dass das Tempo für einen Etappenlauf zu schnell ist. Es ist sehr daran zu zweifeln, dass es die nächsten Tage noch immer so sein wird. Vor allem die Mädels, ich meine, die Frauen vom Lauftreff Lindau/Reutin drücken gnadenlos auf die Tube. Als ich wieder ein Foto machen will, bekomme ich das zu spüren, muss ich doch ganz schön loslegen, um wieder Anschluss zu finden.
Schnell geht es durch Kreßbronn und Nonnenhorn. Die Lindauer Läufer sind sehr engagiert, uns die schönsten Wege entlang des Ufers zu zeigen. Ein Abstecher auf die Lindauer Insel ist also Pflicht. Ein kräftiger Wind bläst uns auf dem Anmarsch der Insel an. Kaum biegen wir um die Ecke, hinter der der Blick auf den Lindauer Hafen mit dem riesigen Lindauer Löwen und dem einzigen bayrischen Leuchtturm freigegeben ist, wird der Wind schlagartig weniger. Wir laufen quer über die Insel, durch viel schöne Gassen und Geschäftsstraßen. Hier prägt der Tourismus maßgeblich das gewonnene Bild. Über die Brücke geht es wieder aufs „Festland“. Rechts von uns ist schon der Pfänder zu sehen eine über 1000 Meter hohe Erhebung an der nicht wirklich wahrnehmbaren deutsch-österreichischen Grenze. Bevor wir deutsches Gebiet verlassen, erwartet uns eine Verpflegungsstelle. Eine der Frauen des Reutiner Lauftreffs hat für uns Kuchen gebacken und was für welchen!!! Erste Sahne, kann man dazu nur sagen. Dazu noch Kaffee. Es ist wie zu Hause! Und da der Weg nach Bregenz nicht mehr weit ist, so bleibt auch vom Kuchen nicht mehr allzu viel übrig.
Die Strandpromenade entlang des Sees zieht sich gewaltig: Zwar ist Bregenz mit seiner Seebühne schon von Ferne zu sehen, doch die Distanz ist noch recht groß. Monika von der Insel Reichenau, die z. Bsp. schon manche Hochland-Expedition in Südamerika bestanden hat, als das noch nicht in den Reisekatalogen angeboten wurde, muss etwas abreißen lassen. Ich nehme ihr Tempo an. Wir laufen lang nebeneinander ohne zu sprechen. Das Laufen braucht schon genug Luft, denke ich bei mir. Dagegen sind andere am Nachmittag heißer vom vielen Erzählen. Auch ich unterhalte mich gern beim Laufen, tausche mich aus, wenn ich vermute, dass das andere nicht stört.
Wir schaffen es, dass die Gruppe zusammen bleibt und kommen alle gemeinsam in Bregenz an. Die Passanten schauen etwas neugierig. Beate, die ihre Haare zu winzig kleinen Zöpfe geflochten hat, verteilt kleine Zettel mit Informationen über unseren Lauf. Die Vorfußläuferin war letztes Jahr mit einer Zeit unter drei Stunden die schnellste Frau beim Ulm-Marathon. Ihrem Laufstil ist keinerlei Anstrengung anzumerken. Auch ihr Mann Thomas gehört zum Begleittross. Er berichtet für die Memminger Zeitung und hilft auch sonst, wo es geht.
Wir erreichen die Seebühne und da der Eingang geöffnet ist, geht unsere Route mitten durch und auf der anderen Seite wieder hinaus. Die erste Etappe endet an unserem Begleitfahrzeug, an dem nochmals der Verpflegungsstand aufgebaut ist.
Wir sind bis auf ein paar Minuten Nieselregen trocken und wohlbehalten in Bregenz angekommen und verabschieden uns von den Tagesläufern, bevor wir in der Jugendherberge in Stadionnähe unser Zimmer für die kommende Nacht beziehen. Die Tageswertung in der Wertung „Wer bestellt das erste Bier“ hat eindeutig Bierli-Walti gewonnen. In Null-Komma-Nix war er geduscht und saß an der gemütlichen Bar der Jugendherberge. Peter, der Orinoco-Kanute und 7000er-Bergsteiger, der Pfälzer Tilman und „Alsterjogger“ Matthias gesellen sich dazu. Auch ich werde mit ein Weißbier genehmigen und stelle fest, dass es nicht ganz ohne Wirkung bleibt, obwohl die erste Etappe mit 37 Kilometern die kürzeste war. Kann aber auch daran liegen, dass bei mir seit Monaten nur noch alkoholfreies Erdinger im Keller lagert.
Der Abend klingt läufergerecht – wo sonst? - beim Italiener aus. Jeder bestellt etwas. Nach kurzer Zeit kommt der Kellner und fragt, wer denn Nr. 118 bestellt hätte. Matthias meldet sich. Der Kellner informiert, dass das ein Essen für zwei Personen wäre, worauf Matthias nickend antwortet. Der verdutzte Kellner zieht wieder ab und wir müssen richtig schmunzeln. Nach einem gemütlichen Abend beschließen wir, doch recht zeitig schlafen zu gehen, was keine falsche Entscheidung gewesen zu sein scheint, denn keiner musste am nächsten Morgen über Einschlafschwierigkeiten klagen...

Tag 2: Bregenz-Hard-Höchst-Rheineck-Rorschach-Arbon-Romanshorn
Nach dem obligatorischen Blick aus dem Fenster der Bregenzer Jugendherberge kräftigen wir uns am Frühstücksbuffet. Alles bestens, lediglich die „gekochten“ Eier haben ein paar Minuten zu wenig im kochenden Wasser gelegen – so genannte „Weicheier“ eben

Wir machen uns fertig und verlassen die Zimmer. Draußen treffen wir auf die, die anderweitig Quartier bezogen haben. Das Gepäck wird verladen und zu meiner Überraschung steht Okyar in Laufsachen vor uns, der bei mir am Ort zwei Lauftreffs betreut und in dieser Funktion den Kontakt zu Matthias gehalten hat, um so vor allem für die letzte Etappe möglichst viele „Mitläufer“ zu motivieren.
Heute stehen 48 Kilometer auf dem Programm. Von Bregenz geht es über Rohrschach nach Romanshorn. Entlang der Bregenzer Aach geht es auf romantischen Pfaden direkt am teilweise rauschenden Wasser. An einem Hundertwasser-Haus machen wir Rast. Etwas utopisch steht es da mit seinen zwei vergoldeten Zwiebeltürmchen. Etwas bunt und eben ungewöhnlich – unverwechselbar eben. Walti zeigt uns hier sein Laufrevier, stößt an einer unscheinbaren Stelle eine Gartenpforte auf, so dass wir in den Genuss kommen, direkt am Wasser laufen zu können. Irgendwo müssen wir uns für einige hundert Meter vom Seeufer entfernen und schon kommen auch ein paar Höhenmeter auf den Tacho. Aber die sind wirklich nicht nennenswert. In Romanshorn gibt es die letzte Verpflegung in Bahnhofsnähe.
Ich fahre mit zu Waltis Familie nach St. Gallen. Die Zeit bis zum nächsten Zug verkürzen wir uns und kaufen je ein Bier, das dann im Zug seiner Endbestimmung übergeben wird. Ich lerne Waltis Familie kennen und darf nach den besten Pesto-Spaghettis meine Bilder aus der Kamera laden. Wir machen eine lange Diaschau und sprechen über vieles. Ich kann Rennmäuse bestaunen und eine wunderbare Aussicht nach allen Seiten aus Waltis zu Hause. Nach einem familiären Abend darf ich die Nacht in einem Siegerbett verbringen: Waltis Sohn Phillip ist zwar erst 10, kann aber auf eine Unmenge Medaillen verweisen. Ich bin echt überrascht, was er da für eine Riesensammlung zusammen hat!

Tag 3: Romanshorn-Kreuzlingen-Konstanz-Steckborn-Stein am Rhein
Die Ansprache von Matthias, unserem „Anführer“, möchte ich zunächst gar nicht recht hören: Bevor wir starten, appelliert er an alle, dass es oberstes Gebot sei, dass wir gemeinsam ankommen. Ein ehrbares Ziel und mit etwas Magengrummeln akzeptiere ich diese Vorgabe, auch wenn es mir schwer fällt, weil ich diese dritte und längste Etappe eigentlich am liebsten so schnell wie möglich hinter mich gebracht hätte, um anschließend etwas länger entspannen zu können. Doch ich arrangiere mich, versuche bewusst, so lang es geht, hinten zu bleiben. Manchmal zweifle ich daran, ob Matthias noch ein Tempogefühl besitzt, welches der Beanspruchung angemessen ist. Er bildet fast immer den Schlusspunkt. Ich kann mich nicht entscheiden, ihn auf Dauer zu begleiten. Vielleicht will er auch nur allein gelassen werden und einfach mal abschalten?! Also versuche ich zumindest, wenn ich hinten laufe, nicht zu viel zu reden.
Für kurze Abwechslung sorgt eine Gruppe von Kindern, die uns anfeuern und die Hände zum Abklatschen dabei ausstrecken. Da bin ich dabei: Jede Hand wird von mir gebührend abgeklatscht. Dann kommt Matthias, doch ehe er durch ist, laufe ich eine Schleife und bereite damit den Wanderzwergen ein erneutes Vergnügen, welches diese kichernd wohlwollend genießen. Ich übrigens auch! Weiß ich doch, dass meine zwei Zwerge zu Hause dies ebenso genießen würden.
Die Schweizer Seite ist nicht ganz so touristisch erschlossen, wie die deutsche Seite, aber mir fällt auf, dass dafür hier eben viele Gruppen mit Kindern unterwegs sind und auch Spielplätze gibt es reichlich, öffentliche Grillstellen ebenso. Die Wege sind auf dieser Etappe meist keine Radwege, so dass man hier wirklich entspannt laufen kann. Schmale Pfade, teilweise direkt am Ufer gelegen, machen diesen Abschnitt zum Genusslauf. Walti erklärt uns, dass er hier häufig unterwegs ist, was sich bestätigt, als er die „Beizlis“, die kleinen Gaststätten, teilweise mit Biergarten, hier mit Namen und Hausnummer kennt. An einer dieser „Beizlis“ ist auf einem Schild zu lesen: „Leere Flaschen“, was etwas seltsam anmutet, aber doch für den Fall ganz praktisch ist, wenn denn mal Gäste kommen sollten, die keinen Durst haben sollten... ;-)
Das Tempo ist auf dieser Etappe dann doch merklich geringer als auf der ersten Etappe. Im Abstand von etwa 6 Kilometern ist jeweils der Verpflegungsstand aufgebaut. René und auch Hans-Jörg, Monikas Mann, erwarten uns, stehen stets hilfsbereit an den Verpflegungspunkten. Hans-Jörg hat sein schweres Motorrad dabei und ist vor allem auf den letzten Etappen ob seiner Lederkleidung nicht zu beneiden. Überhaupt ist er ein Ruhepol, ein Fels in der Brandung: Stets gut gelaunt verbreitet er den Optimismus, den die Gruppe braucht. Für mich undenkbar, wäre er nicht dabei gewesen.
Unterwegs bekommt Thomas Probleme: An den Verpflegungsstellen hat er Mühe, wieder anzulaufen. Er möchte am liebsten sein eigenes Tempo anschlagen und zum Trinken nur kurz halten. Ich habe meinen Laufrucksack dabei und hole mir aus meiner Tasche im Gepäckanhänger zwei Trinkflaschen, die ich fülle. Die Gruppe akzeptiert, dass wir beide so weiterlaufen, wie es Thomas am besten behagt. Doch welcher Schreck: Nach dem Flaschenfüllen stelle ich fest, dass mein „Unterwegsgeldbeutel“ und meine kleine Digitalkamera fehlen. Die Gruppe ist längst schon wieder losgetrabt... Im Gepäckanhänger muss ich beides wohl abgelegt haben. Direkt neben der wunderschönen Gaststätte „Drachenburg“. Zum Glück ist alles da, wo ich es vermutet hatte. Ich mache mich auf die Verfolgung. Nach etwa zwei Kilometern komme ich wieder ran. Das Feld ist jetzt sehr lang gezogen. Hinten Beate und Monika, die etwas sehr still nebeneinander her laufen. Dann Matthias, dann die anderen. Nur Thomas ist nicht zu sehen. Er ist ganz vorn, schlägt ein höheres Tempo an. Ich erreiche ihn. Bald schon kommt die nächste Verpflegung. Wir machen nur ganz kurz halt und sind dann wieder gut unterwegs. Heute werden wir 53 Kilometer in die Beine bekommen. Das hinterlässt Spuren. Irgendwann kommen wir am Bernina-Werk vorbei. Wieder eine Rast, die gerade erst aufgebaut wird. An der Bahnschranke ein paar Meter weiter geht das Signal an. Thomas schaut mich an: „Schaffen wir das noch?“ Ohne ein weiteres Wort spurten wir los und schaffen es noch. Jetzt geht es etwas abseits des Ufers. Irgendwann kommen wir an eine schmalen Pfad, der sehr uneben ist. Ich merke an Thomas Reaktion, was er da gerade durchmacht. Aber gerade die letzten 10 Kilometer dieser Etappe sind ihm sehr wichtig. Wenn er die schafft, steht eine Spende seines Bekannten ins Haus... Irgendwann kommt ein Scheideweg: asphaltierter Radweg oder weiter in Ufernähe. Wir entscheiden uns fürs Ufer. Heute bekommt Thomas Besuch: Seine Frau Barbara wird heute im Etappenziel auf ihn warten. Wir wissen, dass es bis Stein am Rhein nicht mehr weit ist und beschließen, dass wir vor der ersten Brücke, über die auch der Radweg führen müsste, warten wollen, bis das ganze Feld wieder aufgeschlossen hat. Wir erreichen die Brücke über eine schmale Gasse und Thomas entdeckt schon Freude strahlend seine Barbara nebst Hund. Barbara macht ein paar Fotos und holt dann ein Ass aus dem Ärmel, ach was: kühle Bionade aus ihrem Fahrzeug – eine Wohltat! Ein paar Meter weiter steht ein Ehepaar. Der Mann trägt ein Biel-Finisher-Shirt, das ich unschwer erkenne. Natürlich spreche ich ihn an, ob er nicht morgen eine Etappe mit uns laufen würde. Wir kommen schnell ins Gespräch, doch er musste dieses Jahr Biel wegen einer Erkrankung ausfallen lassen. Er ist noch nicht wieder ganz fit. Die so verkürzte Wartezeit vergeht schnell und schon kommen auch die anderen auf dem Radweg „angerollt“.
Kurzer Stopp und dann geht es die letzten Meter gemeinsam weiter. An der Jugendherberge erwartet uns eine Massage – ein Luxus-Service! Ich beziehe mein Zimmer „Frankreich“. Ein 6-Bett-Zimmer für mich allein? Nach einiger Zeit kommt doch noch Matthias auf die Bude. Dann geht es Duschen. Wir sind gerade wieder gestylt, da klopft es und Ren(t)ner Konrad kommt herein. Nach einer herzlichen Begrüßung übergibt er Matthias eine Spende und einen Bildband über die „Höri“. Er ist am Abend auch mit dabei, wenn wir wieder die größten (oder zwei) Portionen beim Italiener verdrücken. Die Bedienung dort scheint für große Gruppen nicht ausgebildet zu sein. Doch unsere Stimmung ist durch nichts zu erschüttern. Auch dass es eine zeitlang kein kaltes Bier gab, war eher nebensächlich.

Tag 4: Stein am Rhein-Öhningen-Iznang-Radolfzell-Bodman
Das Frühstück in der Herberge ist okay: Der Kaffee, frisch aus der Saeco-Maschine, schmeckt bestens. Auch der Orangensaft ist okay, wenngleich ich mir bei dieser Kombination ein paar Gedanken mache... Brot, Käse, Wurst, Quark – was will man mehr. Nach dem Räumen des Zimmers traue ich meinen Augen kaum: Dietmar, dem es wohl am Vorabend sehr nahe ging, als er sich verabschiedete, steht in Lebensgröße vor mir. Er kann mir meine Überraschung ansehen und grinst wie ein Honigkuchen. Heute ist auch wieder Okyar von der Partie, ebenso wie Michael und noch eine Monika, die später einsteigen will, sowie Andreas Sch., der noch immer beim Brüder-Grimm-Lauf in Hanau die Bestzeit innehat. Das ist übrigens auch ein 5-Etappenlauf, allerdings an drei Tagen über ca. 81 Kilometer total.
Irgendwie nehmen wir gleich am Anfang einen falschen Weg, denn Konrad wollte uns beim Vorbeilaufen aus dem Schwimm- oder Strandbad zuwinken. Doch wir kommen daran gar nicht vorbei... Ich nehme für einen Stempel in meine Stempelkarte die ich von Begin der Tour bei mir trage einen Umweg in Kauf. Melde mich ordentlich ab. Am Tag zuvor hatte es einen Rüffel gegeben, da wohl nicht jeder gehört hatte, als ich sagte, dass ich nachkomme. Oder traute man mir nicht zu, den Uferweg zu finden? Heute sollte es tatsächlich mal für einige Zeit nicht am Wasser lang gehen. Irgendwie haben heute alle so ein wenig ihr eigenes Lieblingstempo gefunden. Die Gruppe war streckenweise weit auseinander gezogen, sammelte sich jedoch immer wieder an den Verpflegungspunkten. Mir behagte dieser kleine Freiheitsgrad sehr.
Es war für mich eigentlich, neben der dritten, die Etappe, die mir läuferisch den meisten Spaß bereitete. Auch die Waldwege und die schmalen, gekiesten Pfade durch die Obstspaliere trugen ihren Teil dazu bei. An einer Stelle hinter Radolfzell laufe ich mit Michael ein wenig vor der Gruppe. Prompt hätten wir uns beinahe verlaufen, nachdem wir irgendeine Schnellstraße unterquerten. Wie vom Himmel geschickt, fuhr gerade in diesem Moment Hans-Jörg auf der anliegenden Straße mit seiner Honda heran, sah, wie ich meine Schultern fragend zuckte und wies uns den richtigen Weg. Unglaublich diese Fügung!

Unser Ziel Bodman erreichten wir gegen
15:30 Uhr. Das kam mir sehr zu passe, wollte ich doch an diesem Tag noch nach Ravensburg zum Stadtlauf. Nein, ich wollte nicht wirklich da laufen, es sei denn... Nein, ich hatte mir vorgenommen, meine Vereinskameraden anzufeuern. Und meine Frau natürlich, die jetzt eifrig trainiert. Mit meinen zwei Kindern suchte ich mir einen hervorragenden Platz in einem der zahlreichen Straßencafes direkt an der Strecke. Ich genoss es, die anderen laufen zu sehen, wusste ich doch, dass auch ich an diesem Tag schon meine Strecke hinter mich gebracht hatte...

Tag 5: Bodman-Ludwigshafen-Sipplingen-Überlingen-Uhldingen-Meersburg-Hagnau- Friedrichshafen

Es ist Sonntag: Schlussakkord. Der Wecker klingelt um 6 Uhr. Dabei konnte ich zu Hause bestens schlafen... Um 7 Uhr fahren wir zu sechst los: Arthur, der schon einen Wüstenlauf bestritten hat, Okyar, der schon 9 mal Biel gefinisht hat, Andreas F., noch ohne Halbmarathon und ohne Marathon, aber mit einem Ultra auf dem Konto, Markus, der es bisher bis zur Halbmarathondistanz geschafft hat und Jürgen, der schon die erste Etappe gelaufen ist. Alle wollen sie heute die komplette Strecke laufen und alle schaffen das - Gratulation!

Wir haben in Bodman noch viel Zeit. Man unterhält sich. Die Bodman-Schläfer schwärmen von einer Gruppe Mädels, die wohl die Nacht zwecks Abschlussfeier im gleichen Haus verbrachten. Na so was... Achim Linder und Crew trifft ein: Arno hat noch ein Familienmitglied zur Unterstützung dabei. Heute sollen geschätzte 150 Läufer zu uns stoßen, da gibt es viel zu tun. Um 9 Uhr geht es los, eine Stunde früher als an den anderen Tagen. Auch Barbara will die ganze Strecke mitlaufen - Hut ab! Auch Thomas’ Vereinskamerad Gregor ist mit von der Partie.
Wir verlassen gerade Bodman, da muss ich schon für kleine Jungs... Ein etwas schwergewichtiger Läufer kommt gerade des Weges, welcher mich gleich anspricht, was denn das da vorn für eine Gruppe sei. „Wir laufen nach Friedrichshafen“ antworte ich. Er schaut mich an, als fühlt er sich veralbert. Als ich dann ansetze und die Geschichte des Laufes erzähle und wofür wir unterwegs sind, ist er sichtlich beeindruckt.
Dann hält er bewusst einen   g r ö ß e r e n   A b s t a n d   zu mir, vermutlich, damit ich ihn im Lauf besser betrachten kann und meint wörtlich: „Was meinst Du, kann aus mir noch ein richtiger Läufer werden?“ „Na klar," antworte ich, "Du musst nur regelmäßig laufen, dann macht es irgendwann richtig Spaß.“ Ich frage nach seinem Namen und dann berichtet mir Nihat, dass er erst seit 4 Wochen läuft. Er will vor allem abnehmen und der Gesundheit würde das ja auch gut tun... Ich stimme ihn zuversichtlich und wir schaffen es, zu den Bodenseeläufern aufzuschließen, was ihm aber sichtlich schwer fällt. In Ludwigshafen verabschieden wir uns und Nihat ist stolz, wenigstens ein paar Meter mit uns gelaufen zu sein, was er gleich seiner Freundin berichten will...

Diese Etappe hält viel straßennahen Asphalt für uns bereit... Martin, der diese tollen Shirts organisiert hat und keines mehr für mich übrig haben wollte - ich habe zu spät geschnallt, dass es da eine Bestellfrist gab... :-(    - läuft heute ziemlich unauffällig. Nicht wirklich ernst gemeinte Frage: War er überhaupt immer dabei??? ;-) Auch Tilman, der nur die dritte Etappe wegen eines anderen Anliegens nicht mitlaufen konnte, merkte man nicht an, dass er in diesen Tagen so viel unterwegs war.
Irgendwann bin ich wieder auf Stempel-Pirsch und das Feld ist vorbeigezogen. Nur Peter kommt da noch. Ich frage nicht viel. Plötzlich eine Weggabel: rechts der Strandweg, links der Radweg. Wir entscheiden uns für den Strandweg – ein Fehler! Irgendwoher kommt noch Angela „Angie - die bessere Hälfte“, steht auf ihrer Startnummer. Sie hat ein GPS-Teil am Arm und ich habe die Entfernung zur nächsten Verpflegung im Kopf... Wir sind schon zu weit! Umdrehen? Nein! Ich krame mein Mobiltelefon aus dem Rucksack und informiere Matthias über unser Versehen. Irgendwo warten wir und können die herannahende Läufertraube mal genüsslich von vorn anschauen. Überwältigend diese Walze, die da heranrollt. Vorn mit dabei, Helmut, das laufende Lexikon. Er weiß so viel und versucht uns das unterwegs zu vermitteln, phantastisch! Auch unser Newcomer in der Region, ein „noch Schüler“ aus Bad Waldsee, Konstantin, ließ es sich nicht nehmen, uns zu begleiten. Noch am Vorabend hatte er in Ravensburg hinter vier professionellen Läufern den 5. Platz belegt.

Witzig: Während üblicherweise auf den kombinierten Fuß-Radwegen häufig mit der Warnung „Achtung Radfahrer“ um entsprechende Vorsicht gebeten wurde, war doch tatsächlich auch mal der Ausruf „Achtung Taucher“ zu vernehmen (siehe Bilder!).

Fazit:
Die letzte Etappe kann man eigentlich gar nicht so recht beschreiben. Es war ein einziger Gefühlsrausch, den man nicht jeden Tag erleben kann. Dieser immer größer werdende Pulk von Läufern, zumal noch viele, mir bekannte Gesichter auftauchten, die ich mit vielen schönen Läufen in Verbindung bringen kann. Das war einfach nur spitzenmäßig! Die Radfahrer, die zu Beginn noch eifrig die Klingeln betätigten, blieben im Gegenverkehr an engen Passagen angesichts der Läufermenge kurzerhand stehen, was wir eigentlich vermeiden wollten... Vielen Dank!

Ja, und nicht nur auf den letzten Metern gab es dieses „Gänsehautfeeling pur“, da blieb so manches Männerauge eben nicht trocken.  Und das ist gut so!

… noch was ...

Auch wenn es manchmal ein klein wenig geknistert hat, denn ich merkte: nicht jedem behagte das „Schäfchenzählen“, so verstanden wir es doch, uns zu arrangieren.
Sich den gegebenen Bedingungen zu stellen, wiegt mindestens so viel, wie die zurückgelegten Kilometer. Ein wunderbares Abenteuer, das ohne die fleißigen Helfer nicht zu diesem geworden wäre, wird mir stets in Erinnerung bleiben. Ich hoffe sehr, dass sich unsere Wege irgendwo und irgendwann mal wieder kreuzen. Habt alle Dank für dieses schöne Erlebnis!

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