Bitter kalt war es an jenem Freitagmorgen vor dem letzten 3. Advent im vorigen Jahrtausend, als sich zwischen der vorübergehenden U7-Endstelle Heumaden und dem Ortsanfang von Ruit, am sogenannten Abendeck (Flurname nahe der Ampelkreuzung der Kirchheimer Strasse mit der vor ei-nigen Jahren gebauten Strasse von Kemnat zum Ruiter Krankenhaus) bei schönstem Sonnenschein eine merkwürdige Personengruppierung ver-sammelte: etliche ganz junge Leute, wenig Mittelalter und einige, die dem Seniorenalter nahestehend auszumachen waren. Mancher der an der Ampel haltenden Autofahrer mag sich gefragt haben, was da vor sich gegangen ist. Wären sie ausgestiegen, dann hätten sie wahrnehmen können, was da geschah. Zwei gesetzte Herren hielten Ansprachen, eine Dame trug ein Gedicht vor, die Kinder sangen Lieder und versuchten, gefrorene Erdklum-pen umzuschaufeln.
Ausgegangen war die Aktion vom Verschönerungsverein Stuttgart e.V., dessen Vorsitzender, Fritz Oechßler (vielen Stuttgartern als Waldschützer von Berufs wegen bekannt), vorgeschlagen hatte, in der Nähe der früher für Heumaden charakteristischen Linde im Zuge des Stadtbahnbaus an ebenso markanter Stelle einen neuen Baum zu pflanzen. Die Stadtbahn-bauer griffen diese Idee auf und machten eine Stelle aus, die den Stadt-bahnbau auch dann nicht behindern würde, wenn die neue Linde, schnell wachsend, eines fernen Tages ihre Äste ebenso weit ausbreiten würde wie dies die bei der alten Linde (Bild) der Fall war, die 1970 nach Blitzschlag und/oder nach durch zündelnde Kinder verursachtem Brand entfernt wer-den musste. Dass der den Zuhörern zunächst etwas weit hergeholte Bezug zwischen einem unscheinbaren Baum und dem Verkehr durch "Lothar" noch im Altjahr offensichtlich werden könnte, hat am 17. Dezember im grellen Sonnenlicht am Abendeck niemand geahnt. Die Linde sei, Jahrhunderte alt, wirklich riesig gewesen und habe einen dicken Stamm, wird in einem Zeitungsbericht von 1970 erwähnt. Manche Sagen hätten sich um die Linde gebildet; so hätte sich einmal der Schin-derhannes, vor den Gendarmen fliehend, in einen Hohlraum in der Linde hineinzwängen können; Heumäder Dorfbewohner hätten ihm Essen ge-bracht; dadurch sei er so dick geworden, dass er aus der Linde nicht mehr hätte herauskommen können und elendiglich zugrundegangen sei. So die Mär von der Heumäder Linde, an der wahrscheinlich kein Wort wahr ist (weil sich der Schinderhannes sich zwar viel im Hessischen und Pfälzischen herumgetrieben hat, aber wohl kaum im Schwabenländle). Immerhin ist die Geschichte gut erfunden worden.
Waltraud und Walter Dreizler, das Ortsgeschichtsschreiber-Ehepaar aus Heumaden, wissen noch mehr aus eigener Anschauung über die Linde zu berichten. So hätten sich bei Kriegsende 1945 deutsche Soldaten in der Linde eingenistet, um die von Ruit her anrückenden französischen Truppen zu beschiessen; diese hätten natürlich zurückgeschossen, was der Linde nicht gut bekommen sei. Schon von 1943 an habe die Linde Schäden durch Bomben erlitten, die eigentlich dem beim Kemnater Hof stationierten Fliegerabwehrgeschütz gegolten hätten. Ein weiterer Schaden sei durch die Ende der sechziger Jahre durch den Strassenausbau Richtung Ruit entstan-den. Blitzschlag und/oder zündelnde Kinder hätten der Linde dann vollends den Rest gegeben. Die Linde sei immer Treffpunkt und Spielplatz für die Jugend gewesen.
Gerade nach den vielen Lothar-Waldschäden wäre es schon zu wünschen, dass die natürlich schon vor dem symbolischen Baumpflanzakt unter Zuhil-fenahme von Baggern neu gepflanzte Linde ein gedeihliches Wachstum er-fahren wird. Lothar hat sie zumindest schon ziemlich ungerupft überstan-den (sie wurde vom Sturm in 45-Grad-Position gedreht, ist aber inzwischen wieder senkrecht gestellt und mit einem Schutzgerüst versehen worden). Der jungen Linde ist es also nicht so ergangen wie manchem Verkehrs-schildmasten in der Umgebung, der vom Sturm umgeworfen wurde. Wenn es stimmt, dass zündelnde Kinder der alten Linde anno 1970 den Rest gegeben haben, dann war es ziemlich passend, dass die Schulklasse von der Grundschule Heumaden an der Baumpflanzung beteiligt wurde. Die neue Linde sei 1999 gepflanzt worden und werde nach dem Jahrtausend-wechsel erstmals ausschlagen, hiess es bei den Reden. Die Stadtbahn nach Nellingen sei noch im Bau und werde ab Herbst 2000 fahren. Irgendwie passte das alles gut zusammen.
Die Zeitenwende war auch spürbar am Ge-sang der Klasse, als Kinder mit ausländischer Muttersprache deutsche Volkslieder sangen.
Fritz Oechßler gab nach Studium alter Presseberichte über die vielen, für die Fildern offenbar gebietstypischen Linden die Anregung, in der Nähe der neuen Stadtbahnhaltestelle "Kreuzbrunnen" (zwischen Scharnhäuser Park und Nellingen) auch dort eine Linde zu pflanzen, als Ersatz für die früher dort vorhandene, landschaftsprägende Kreuzbrunnenlinde nahe der frühe-ren Kaserneneinfahrt an der Strasse Nellingen-Scharnhausen. Manfred Müller, Abteilungsleiter Bau bei der SSB, gab zu erkennen, dass man versuchen wolle, den Vorschlag zu realisieren. Da es entlang der U7 noch mehrere andere Punkte gibt, die einen markan-ten Baum als stadtplanerisches Element gut vertragen könnten (z.B. bei den Haltestellen Ruhbank, Schemppstrasse, Bockelstrasse und derzeitige End-stelle Heumaden) könnte aus der U7 die Lindenbahn werden. Der Ostfilder-bereich hätte dann nicht nur sonntags die Lindenstrasse im Fernsehen, sondern täglich seine Lindenbahn. Noch einige Jahrzehnten dauern wird das allerdings, denn schneller wachsen Linden auch im neuen Jahrtausend nicht.
Dietrich Hiller
Der Beitrag wurde noch im alten Jahrtausend konzipiert, in einem veralteten Programm geschrieben, im Sillenbucher "BLÄTTLE" (Nussbaum-Verlag) am 21. Januar 2000 abgedruckt und in diese Website am 13.Juli 2000 transferiert.
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