Liebe Nele Böhm Fans,
hier finden Sie in unregelmäßigen Abständen Textausschnitte aus meiner aktuellen Arbeit. Mein dritter Roman trägt den Arbeitstitel "Ein Unglück kommt selten allein". Im Zentrum des Geschehens steht diesmal Lutz - damit erfülle ich den Wunsch zahlreicher Leserinnen, mehr über seine Geschichte zu erfahren.
Ausschnitt 1: Romananfang (variante 1)
Die Sekretärinnen von Carter Productions Inc. wussten schon, bevor Lutz an diesem Morgen die Firma betrat, dass er richtig gute Laune hatte: I am what I am, schallte es aus dem Eingangsbereich. Eine hervorragende Wiedergabe des alten Shirley Bassey Hits. Er grüßte die Damen, öffnete die Tür zu seinem Büro und ... brach mitten im Lied ab. Eine Sekunde später ertönte Simply the best. Lautstark. Allerdings sang Lutz I’m simply the best und nicht, wie Tina Turner, You’re simply the best. Der Grund für seinen Triumphgesang befand sich an der weiß getünchten Wand gegenüber der Tür, war etwa zwei Meter hoch und anderthalb Meter breit. Ein Kinoplakat. Darauf ein dunkel gekleideter Mann, dessen Gestalt an Humphrey Bogart erinnerte. Eine aparte Blondine, die sich an ihn schmiegte. Im Hintergrund die Skyline von San Francisco im Abendlicht. Darüber in großer schwungvoller Schrift der Titel Agenten sterben zweimal. Und darunter, nur unwesentlich kleiner geschrieben: Drehbuch Lutz Hansen.
copyright Nele Boehm 2011
Ausschnitt 2: Szene im Imbiss von Lutz' Onkel Paul
Paules Imbiss war eine Institution im Frankfurter Gutleutviertel.Wie üblich, ertönte Opernmusik aus der Bude. Lutz grinste. Bei Onkel Paul aufgewachsen zu sein, bedeutete jede, aber auch wirklich jede italienische Oper zu kennen. Auswendig. Gerader hörte er die Ouvertüre aus Rossinis La gazza ladra.
Lutz wippte mit dem Fuß im Takt zu der mitreißenden Musik. Diese Oper war die allererste gewesen, in die sein Onkel ihn mitgenommen hatte. Er hatte damals gesagt: „Entweder man hasst die Oper, oder man liebt sie. Wenn man sie liebt, dann ist es für immer.“
Lutz erinnerte sich auch noch an das, was Paul ihm über die Entstehung der Oper erzählt hatte: Rossini hatte das Vorspiel zur Diebischen Elster am Tag der Uraufführung unter dem Dach der Scala geschrieben, wo ihn der Direktor gefangengesetzt hatte. Er wurde von vier Maschinisten bewacht, die die Anweisung hatten, seinen Originaltext Blatt für Blatt den Kopisten aus dem Fenster zuzuwerfen, die ihn unten zur Abschrift erwarteten. Falls das Notenpapier ausbleiben sollte, hatten sie die Anweisung, Rossini selbst aus dem Fenster zu werfen.
Der kleine Lutz war begeistert gewesen – was für eine Geschichte!
Der große Lutz hoffte immer noch, eine Aufnahme der kompletten Oper zu finden. Er würde Onkel Paul (und auch sich selbst) damit eine Riesenfreude machen. Leider gab es derzeit nur noch Aufnahmen der Ouvertüre.
copyright Nele Böhm 2011
Ausschnitt 3: In der Boutique
Er stieß die Tür zur Armani-Boutique auf. Und stand vor Corinna, der Frau, die seinen Freund Nick abserviert hatte, um künftig auf La Gomera mit ihrem Seelenpartner zu leben. Weiber, wirklich! Lebten ständig mit dem Kopf in irgendwelchen Hirngespinsten. Sogar toughe Karrierefrauen wie Corinna Grote fielen auf so einen Mist rein!
Lutz grüßte freundlich und wollte sich an Corinna vorbei schieben. Was sich als nicht so einfach erwies. Sie rückte keinen Millimeter zur Seite und fixierte ihn unverhohlen von oben bis unten. Bildete er sich das ein, oder blieb ihr Blick eine Sekunde zu lange unter seinem Gürtel hängen? „Sieh mal an, der liebe Lutz!“ Ein maliziöses Lächeln. Eine Alphatier-Haltung. Unverhohlener Spott in der Stimme. Der musste es echt zu gut gehen! „Schon gelangweilt von Seelenpartnern und Sonnenuntergangsstimmung?“ fragte Lutz so laut, dass ein paar Kunden sich umdrehten und ging an ihr vorbei. Tolles Parfum, das musste man ihr lassen. Die Frau hatte Klasse.
Corinna parierte sehr gelassen. „Die Spanier sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“
Lutz, der schon vor dem Ständer mit der neuen Hemdenkollektion stand, drehte sich neugierig zu ihr um. Sie hatte einen Mann verlassen, der für sein Nettsein bekannt war. Dann einen Spanier auf La Gomera zurück gelassen, der offensichtlich nicht Manns genug gewesen war. Was wollte sie eigentlich?
Er hielt sich probeweise ein Seidenhemd an. Während er an den Ärmeln herum zupfte, fragte er über die Schulter „Sag mal, Schatz, was willst du eigentlich?“
Corinna verzog keine Miene angesichts dieser plumpen Vertraulichkeit. Wieder taxierte sie ihn, und dieses Mal war er sicher – ihr Blick hing unter seinem Gürtel. „Vielleicht einen richtigen Mann. Einen, der auch gern ein bisschen Spaß haben will und mir nicht gleich mit Verpflichtungen und diesem bis-dass-der-Tod-euch-scheidet-Quatsch kommt.“
„Soso!“ Lutz’ gesamte Aufmerksamkeit war auf das Hemd in seiner Hand gerichtet. So einfach würde er es ihr nicht machen. „Dann viel Glück bei der Suche!“
Sie würdigte ihn keines Blickes mehr und rauschte aus dem Laden. Was für eine Frau. Er hatte es immer geahnt, jetzt hatte er die Bestätigung – die war von seinem Kaliber.
Fröhlich pfeifend ging er mit dem Hemd und einer schwarzen Lederhose in die Umkleidekabine. Die Frau war scharf auf ihn. Er auf sie auch. Aber er konnte warten.
copyright Nele Böhm 2011