Presseberichte

 

Pressebericht vom 04.05.2004

Mein Hauptproblem sind die Schmerzen, die großen Schmerzen, tagtäglich Schmerzen zu haben. Ich habe gelernt damit umzugehen, aber das können sich Außenstehende gar nicht vorstellen. Ich gehe abends mit Schmerzen ins Bett und wache früh wieder mit den selben Schmerzen auf. Tag für Tag."

Dreimal täglich muss xxxx morphiumhaltige Pillen schlucken, schmerzfrei ist er trotzdem nie. Vor 10 Jahren war er noch voller Pläne, sollte den kleinen Familienbetrieb übernehmen. Damals war er 21 Jahre alt. Im Mai '94 dann der Unfall: der gelernte Zimmermann springt von einem LKW, knickt um, bricht sich den Fuß. Das Bein wird eingegipst. xxxx glaubt, bald wieder fit zu sein. Als seine Zehen plötzlich kalt werden, blau anlaufen, kommen ihm erste Zweifel an einer normalen Heilung. Der behandelnde Arzt wiegelt ab.

 
 
"Man hat mir gesagt, ich soll mich zusammenreißen und sollte nicht so zimperlich sein, aber ich habe immer mehr Schmerzen bekommen, das war für mich unvorstellbar, weil ich mir gesagt habe, das ist jetzt vier Wochen her, da müsste ja eine Heilung eingetreten sein."

Ein fataler Fehler. Der Arzt hatte eine heimtückische Gewebeveränderung nicht erkannt. Erst Monate später diagnostiziert ein Kollege: Morbus Sudeck. Die schleichende Krankheit tritt meist nach Knochenbrüchen oder Prellungen an Armen und Beinen auf. Schon vor mehr als 100 Jahren hat der Arzt Paul Sudeck, die nach ihm benannte Krankheit entdeckt. Trotzdem weiß man bis heute viel zu wenig über ihre Entstehung.

Hoffnung auf Heilung gibt es nur, wenn Morbus Sudeck rechtzeitig erkannt wird. Bei xxxxxxxx aber ist es zu spät. Das Bindegewebe am Unterschenkel ist bereits geschrumpft, die Knochen sind entkalkt, die Nerven gelähmt. Die Ärzte an der Uniklinik in Jena können ihn nicht mehr therapieren.
Wenn man genau hinschaut...eine leichte Verfärbung, bläulich verfärbt, ein deutlicher Temperaturunterschied, die Störung der Beweglichkeit, die war sehr eindrucksvoll, auch im Sprunggelenk, weder aktiv noch passiv, quasi."

Trotz der dramatischen Folgen – Morbus Sudeck ist für viele Ärzte nach wie vor ein Fremdwort.


"Wenn man sehr starke Schmerzen hat, denkt man darüber nach, wenn es jetzt ab wäre, hättest du die Schmerzen nicht. Das wäre eine Möglichkeit durch eine Amputation wieder Lebensqualität zu kriegen."
 
 
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Bericht vom nzz Forum am 16.07.2007               Bild zur Sendung
 
                                                                       
 
 
Jeder sechste Erwachsene in Europa ist davon betroffen: Chronische Schmerzen sind heute die kostspieligste und häufigste Gesundheitsstörung in westlichen Industriestaaten. In den letzten 20 Jahren sind immer mehr spezialisierte Schmerzkliniken entstanden: Augenschein in der grössten Schmerzklinik der Schweiz am Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Immer genauer versteht man wie die Schmerzprozesse ablaufen, daraus entstehen auch neue Therapien. An der Universitätsklinik Bergmannsheil in Bochum werden Therapien angewendet, welche direkt am Hirn ansetzen. Chronische Schmerzen entwickeln sich zu einem Multi-Milliarden- Business. Bei der Medizinaltechnik-Firma ANS in Dallas, setzt man auf die Zukunft von Stimulatoren. Auf der Suche nach neuen Medikamenten und neuen Therapien: Was Schmerzforscher heute besonders interessiert.
 
Chronische Schmerzen


Jeder 6. Erwachsene in Europa hat chronische Schmerzen. Ein Viertel von ihnen leidet dauernd, d.h. 24 Stunden am Tag.


Chronische Schmerzen sind heute die kostspieligste und häufigste Gesundheitsstörung in westlichen Industriestaaten, sie rangieren vor Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs.


In Deutschland betragen die Kosten für Behandlungen, Arbeitsausfälle und Berentungen 25 Milliarden Euro im Jahr.


64% der Menschen mit chronischen Schmerzen haben zusätzlich Schlafstörungen,
52% sehen ihre sexuellen Beziehungen eingeschränkt,
25% geraten in soziale Isolierung und
20% entwickeln Depressionen.


In Nottwil am Sempachersee befindet sich das Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Es verfügt über die grösste Schmerzklinik der Schweiz. Paraplegiker leiden überdurchschnittlich häufig an chronischen Schmerzen. Deshalb hat man sich hier schon immer sehr intensiv mit Schmerztherapie auseinander setzen müssen.


Von dem grossen Erfahrungsschatz und einem sehr breiten Therapieangebot profitieren heute jährlich auch über 2000 externe Schmerzpatienten. Sie lernen z.B. im Aquatraining, dass sich regelmässige Bewegung, sportliche Aktivität bei chronischen Schmerzen äusserst positiv auswirkt.


Über 40 Mitarbeiter arbeiten heute in Nottwil an der Schmerzklinik, darunter 17 Ärzte der verschiedensten Fachrichtungen.


Chef ist Wolfgang Schleinzer – seit Jahrzehnten ein engagierter Schmerzmediziner.


Nach Nottwil kommen hauptsächlich Patienten, die schon seit Jahren an chronischen Schmerzen leiden. Seltener sind das solche, die erst weniger als einen Monat Schmerzen haben: im oberen Gesäss, im Rücken und in den Beinen.


1/3 aller Menschen mit chronischen Schmerzen hat Rückenprobleme. Heute weiss man, dass man viele chronische Schmerzerkrankungen vermeiden könnte, wenn man den akuten Schmerz frühzeitig effektiv bekämpfen würde, z.B. bei einem Bandscheibenvorfall.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Wenn da so eine Bandscheibe über Stunden, Tage vielleicht Wochen drückt, dann ist natürlich eine Mords-Reizflut von dieser Nervensituation ins Rückenmark. Und jetzt passiert Folgendes: Durch diese Reizflut werden neue Rezeptoren, neue Jonenkanäle, neue Neurotransmitter, also Botenstoffe, gebildet und plötzlich verselbständigt sich das Ganze auf Rückenmarksebene. »


Über das Rückenmark kommen noch immer dauernd Schmerzinformationen im Hirn an, obwohl die Bandscheibe z.B. schon längst nicht mehr auf den Nerv drückt: Die Reizflut verselbständigt sich, der Schmerz wird zur eigenständigen Krankheit.


Es gilt eine Chronifizierung möglichst zu verhindern.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Die Definition ist ja eigentlich bisher zwischen 3 und 6 Monaten, wenn der akute Schmerz über diesen Zeitraum anhält, dass man vom chronischen Schmerz spricht. Wir wissen aber heute, dass schon diese Chronifizierung oder diese Prozesse, die ich gerade benannt habe mit neuen Rezeptoren usw. je nach Reizflut schon im Stundenbereich, Tagebereich beginnen. Das heisst, wenn wir das wissen, müssen wir im Prinzip den akuten Schmerz so suffizient wie möglich behandeln, damit nicht diese Reizflut entsteht.


Aufkommende Reizflut therapiert man – z.B. bei einem Fersensporn – heute u.a. mit Stosswellen.


Ursprünglich hat man damit Nieren- und Gallensteine zertrümmert. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass man mit dieser Therapie auch erfolgreich die Chronifizierung von Schmerzen bekämpfen kann. Sollte sich bei dieser Patientin entgegen den Erwartungen mit den Stosswellen nicht die gewünschte Verbesserung einstellen, so ist sie hier in einer Schmerzklinik gut aufgehoben.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Je schwieriger der chronische Schmerzpatient oder der Verlauf der chronischen Schmerzkrankheit wird, je notwendiger sind spezialisierte Schmerzzentren, wo nach einem interdisziplinären, multimodalen Ansatz gearbeitet wird. Also verschiedene Schmerzmediziner mit verschiedener Grundausbildung eng zusammenarbeiten und durch ihre Verschiedenartigkeit auch verschiedene Therapieansätze mitbringen und so dem Patienten zur Behandlung zur Verfügung stellen können.»


Die Nottwiler Schmerzspezialisten kommen ursprünglich aus nicht weniger als 9 verschiedenen Fachgebieten: vertreten sind u.a. Rheumatologie, Psychologie, Neurologie, Orthopädie und Psychiatrie.


Die meisten sind allerdings wie Wolfgang Schleinzer von Haus aus Anästhesiologen, Narkoseärzte.


Den Schmerzspezialisten ist in den letzen 20 Jahren immer klarer geworden, dass chronische Schmerzen mehr sind als eine rein körperliche Plage. Chronische Schmerzen mischen sich in alle Lebensbereiche ein. Sie haben immer auch eine starke psychische und soziale Dimension.


Psychische und soziale Faktoren haben einen grossen Einfluss darauf wie stark sich eine Schmerzerkrankung ausbildet. Will man erfolgreich therapieren, muss man möglichst alle Aspekte kennen. Nur so kann man dann auch versuchen, die aufgetretenen Störungen auf allen Ebenen zu behandeln.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Ich brauche da die verschiedenen Fachdisziplinen, die eng miteinander zusammenarbeiten, um diese verschiedenen Facetten der Schmerzkrankheit sozusagen rauszuholen. Sie müssen sich vorstellen wie ein Puzzle: Sie haben 1000 Steine und am Anfang sind Ihnen 2 bekannt, und wenn Sie mit Ihren Kollegen, Kolleginnen dann vielleicht 300 Mal zusammenkriegen, haben Sie schon eine Vorstellung, wie das Puzzle aussehen kann.»


Die Universitätsklinik Bergmannsheil in Bochum wurde 1890 als erstes Unfallkrankenhaus der Welt gegründet. Heute ist sie auch eine der ersten Adressen in Deutschland für Schmerztherapie.


Wesentlich dafür verantwortlich ist Michael Zenz. 1986 wurde er in Bochum auf den ersten Lehrstuhl für Schmerzmedizin in Deutschland berufen. Er hat auch das erste Lehrbuch der Schmerztherapie in deutscher Sprache verfasst und ist hier an der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerztherapie als Direktor dafür verantwortlich, dass die Patienten nach neuestem Wissenstand untersucht und therapiert werden.


Menschen mit chronischen Schmerzen verlernen oft auch Fühlen und Bewegen. Dies hat auch mit den Veränderungen im Zentralnervensystem zu tun, die durch den Dauerschmerz hervorgerufen werden.


Die sogenannte Neuroplastizität steht heute im Mittelpunkt der Forschung.


Statement Michael Zenz, Klinikdirektor Bergmannsheil, Bochum:
«Wir wissen beispielsweise, dass die sogenannte Neuroplastizität – also die Veränderung aller Nervenstrukturen im Zusammenhang mit dem Schmerz – eine so weitgehende Bedeutung hat und das Gehirn und alles soweit verändert hat, dass wir völlig neue Therapien auch erfunden haben, die sich eben darauf stützen, da die Gehirnfunktionen zu beeinflussen. Jetzt nicht mit Medikamenten, sondern die Hirnfunktion, die Nervenleitung, die Verarbeitung zu beeinflussen.»


Der Wert dieser Therapien besteht zunächst darin, dass die Patienten selbst wieder lernen etwas zu tun. Das ist schon einmal grundsätzlich etwas anderes, als passive Therapien über sich ergehen zu lassen oder Medikamente zu nehmen.


Hier sollen nicht Reize unterdrückt werden, sondern umgekehrt: stimuliert werden.


Ganz grundsätzlich weiss man in der Medizin, dass überall da, wo Stimulation klappt, die Langzeitergebnisse sehr gut sind.


Auch die Spiegeltherapie beruht auf Stimulation.


Sie kommt primär bei Phantomschmerzen zum Einsatz. 60% der Menschen, die Gliedmassen ganz oder teilweise verloren haben, leiden unter Schmerz im verlorenen Körperteil.


Dank dem Spiegel können sie diesen Körperteil wieder sehen.


Statement Christoph Mayer, Leitender Arzt Schmerztherapie, Bergmannsheil Bochum:
«Der Schmerz nach einer Amputation erklärt sich wahrscheinlich daher, dass das Gehirn versucht, die Erinnerung an die verlorene Extremität wieder zu bekommen. Wir haben eine Landkarte im Gehirn, wo unser ganzer Körper mehr oder weniger genau, bei der Hand und beim Fuss sogar sehr genau, dargestellt ist. Nach einer Amputation, einem Verlust eines Körpergliedes sind es nur noch die Erinnerungen, und das wird zum Teil einfach ersetzt durch schmerzhafte Reize. Und so bildet das Gehirn – wenn oft auch schlecht und oft auch verzerrt – die verlorene Hand wieder. In dem Moment, wo man durch das optische System, die Augen, Informationen bekommt, kann die Landkarte wieder anders – wir sagen – rekonstruiert werden. Und diese Prozesse führen praktisch schlagartig auch dazu, dass sich das Gefühl für das Phantom und den Schmerz sofort verändert.»


Heinz-Joachim Donner hat seinen Arm vor über 20 Jahren verloren. Die Spiegeltherapie bringt ihm noch nicht ganz so viel Linderung, wie er sich wünschen würde.


Statement Heinz-Joachim Donner:
«Im Moment hält es nicht ganz so lange vor, aber während der Therapie bin ich nahezu schmerzfrei und auch noch eine gewisse Zeit danach, aber länger als eine Stunde hält das im Augenblick nicht an. Mag daran liegen, dass das bei meinem Unfall schon so lange her ist.»


Die klassische Physiotherapie hat nicht nur in Bochum, sondern in allen Schmerzkliniken nach wie vor einen hohen Stellenwert. Sie ist bis heute ein wichtiger Schlüssel zur Schmerzfreiheit oder zumindest zur Linderung. Allerdings haben viele Patienten oft so starke Schmerzen, dass sie eine Physiotherapie nur besuchen können, wenn sie gleichzeitig auch Medikamente nehmen.


Den Schmerzmedizinern von heute steht ein reichhaltiges Therapiespektrum zur Verfügung, und Medikamente spielen nach wie vor eine Schlüsselrolle. Die Fortschritte bei den Schmerzmitteln sind neben dem ganzheitlichen Zugang für den Schmerzpionier im Haus rückblickend gesehen die wichtigsten Errungenschaften der letzten 20 Jahre.
 
 

Statement Michael Zenz, Klinikdirektor Bergmannsheil, Bochum:
«Wir haben inzwischen gelernt, man kann Schmerzen nicht wegschneiden, nicht wegspritzen, sondern Schmerz ist eben mehr als eine rein körperliche Empfindung. Dann war der nächste Punkt – vielleicht ein sehr grosser Einschnitt – als die sogenannten spinalen Opioide erfunden wurden, also als man wusste: Man kann nicht nur mit Lokalanästhetika am Nerv eine Wirkung auslösen, sondern auch mit morphinen Substanzen am Nerv eine lang anhaltende Schmerzlinderung erreichen. Und dann war eine der grossen Schritte, dass die retardierten Opiate eingeführt wurden, d.h. also Schmerzmittel, die 2x am Tag genommen, 24 Stunden-Schmerzlinderung für den Patienten gebracht haben.


Bei den retardierten Opiaten fällt die berauschende Wirkung weg, die Suchtgefahr kann so vermieden werden. Bei der medikamentösen Therapie geht man heutzutage nach dem seit vielen Jahren etablierten WHO-Stufenschema vor. Es geht von drei Stufen aus. Auf der ersten Stufe kommen keine Opioide zum Einsatz, bei der zweiten sind es dann schwache oder mittelstarke opioidhaltige Schmerzmittel und bei der dritten sind es dann stark wirksame opioidhaltige Medikamente wie Morphium.


Solche werden hier in Nottwil gerade zur Abgabe vorbereitet.


Die Patientin leidet seit 10 Jahren an extrem starken chronischen Schmerzen. Vor 12 Jahren hatte sie einen Bagatellunfall. Die zwei anschliessenden Operationen sind schlecht verlaufen.


Seit 5 Jahren kommt sie regelmässig an die Schmerzklinik, um sich Opiate in ihr Depot unter der Haut verabreichen zu lassen.


Angst vor der Sucht hat sie im Gegensatz zu vielen andern Patienten keine.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Ich glaube dieses Schreckgespenst, das sollte man in die Schublade legen, das gibt es nicht. Natürlich haben wir die Opiate primär beim Karzinom-, beim Krebspatienten, als wirksame Komponente kennen gelernt, aber wir wissen heute auch, dass Opiate hervorragende Medikamente beim Nicht-Krebs-Patienten sind, wenn ich sie indiziert einsetze.»


Richtig verabreicht, so sind sich die Schmerzmediziner heute einig, sollen diese Opiate heute möglichst bei allen Patienten verabreicht werden, die sie wirklich benötigen.


Natürlich versucht man die Dosis möglichst gering zu halten.


Um das Medikament direkt an den Wirkungsort zu bringen, implantiert man in Fällen von extremen Schmerzen eine Pumpe, die von aussen gesteuert werden kann.

Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Diese Pumpe wird eingebaut, Sie sehen es hier schön im Röntgenbild, unterhalb der Haut wird hier mit einem Katheder verbunden. Dieser Katheder läuft dann ins Rückenmarkwasser. Über diese Pumpe können natürlich wesentlich niedrigere Mengen an Wirkstoff ins Rückenmarkwasser, direkt an das Zielorgan, transportiert werden.»


Invasive Verfahren, also eingreifende Verfahren, werden nur angewandt, wenn es wirklich angezeigt ist. Nervenblockaden – so wie gerade hier eine durchgeführt wird – wurden früher sehr häufig gegen den Schmerz an sich praktiziert. Heute wird dieses Verfahren primär zu diagnostischen Zwecken eingesetzt, zum Beispiel, wenn man herausfinden muss, wo an der Wirbelsäule der Ausgangspunkt für den Schmerz liegt.


Invasive Verfahren rund um das Rückenmark haben bis heute eine grossse Bedeutung in der Schmerzmedizin.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Wichtig ist die sogenannte Spinal-Cord-Stimulation oder Hinterstrang-Stimulation. Hier legen wir ebenfalls wieder in die Nähe des Rückenmarks 8 Elektroden, und über diese Elektroden kann ich ein elektrisches Feld in die Tiefe projizieren, also ich will erreichen, dass genau da, wo ich den Schmerz empfinde, dass ich dort nicht mehr Schmerz habe, sondern so ein feines, angenehmes Kribbeln.»


Dallas im amerikanischen Bundesstaat Texas. Rund eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt befindet sich die Firma ANS Advanced Neuromodulation Systems. Hier werden solche Stimulatoren produziert, die dieses angenehme Kribbeln – anstelle des Schmerzes – bewirken.


ANS hat einen weltweiten Marktanteil von 28%. Ähnlich wie bei den Herzschrittmachern vor 45 Jahren – heute ein 10 Milliarden-Dollar-Business – setzt man grosse Hoffnungen in das zukünftige Geschäft mit elektrischen Stimulatoren.


In 10 bis 15 Jahren, so ist man in der Branche überzeugt, wird man den Umsatz der Herzschrittmacher sogar noch übertreffen.


15’000 Dollar ist heute ein stolzer Preis für Implantate, die momentan noch alle 5-7 Jahre ausgewechselt werden müssen. Der Markt wird wachsen, und die Preise werden fallen, sobald der häufig positive Effekt von Hinterstrang-Stimulatoren bei chronischen Schmerzen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein wird.


Statement Christopher G. Chavez, Präsident ANS:
«Wir glauben, dass der Markt der Schmerzbekämpfung ein enormes Wachstumspotenzial hat. Chronische Schmerzen sind unterversorgt. Zu viele Menschen leiden für nichts. Sobald sich der Erfolg dieser Technik genügend unter Beweis gestellt hat, wird das Wachstum erheblich sein.»


In den letzten Jahren brachte die Produktion der elektrischen Hinterstrang-Stimulatoren ANS regelmässig Wachstumsraten von 20-30 %. ANS gehört zu den 100 am schnellsten wachsenden Unternehmen der USA.


Neuromodulation gilt nicht nur hier als Zukunftsmarkt. Die kommenden Jahre werden eine Miniaturisierung aller Bausteine bringen. Kleinere Batterien z.B., die länger halten werden, werden dazu führen, dass Neurostimulatoren über Jahrzehnte von aussen steuerbar sein werden, ohne ausgetauscht werden zu müssen.


Grosse Wachstumsraten verspricht man sich neben den Schmerzschrittmachern in Zukunft auch vom Einsatz der Neurostimulatoren für eine Vielzahl von anderen Krankheiten. Dabei geht es dann mit den Elektroden direkt ins Gehirn. Bei ANS laufen verschiedene Studien.


Statement Rohan Hoare, Forschungs- und Entwicklungschef ANS:
«Wir haben 3 wichtige Studien, die hier in den USA laufen. Die erste betrifft Parkinson, wo wir im Hirn selbst stimulieren. Die zweite beschäftigt sich mit dem essentiellen Tremor, dem rhythmischen Muskelzittern. Die dritte betrifft chronische Migränekopfschmerzen, hier stimulieren wir am Hinterkopf unter der Haut, so, dass erst gar keine Migränegefühle aufkommen.»


Darüber hinaus laufen auch erste Tests bei Menschen mit Depressionen.


Und ganz besonders hat man bei ANS auch den Wachstumsmarkt der Übergewichtigen im Auge. Ihnen sollen zukünftig Neurostimulatoren ein Völlegefühl vermitteln und so als Appetitzügler dienen.


Das Pharmakologische Institut der Universität Zürich hat bei der Erforschung von chronischen Schmerzen einen hervorragenden Ruf. Internationales Aufsehen haben Hanns Ulrich Zeilhofer und seine Mitarbeiter erregt, weil ihnen gelungen ist, gewisse Mechanismen im Rückenmark, die für die Schmerzempfindung wichtig sind, zu identifizieren.


In den letzten 10 Jahren ist in der Schmerzforschung viel gelaufen. Trotzdem wird man weltweit noch sehr lange in den Labors forschen müssen bis man über alle Mechanismen Bescheid weiss, die bei chronischen Schmerzen im Rückenmark ablaufen, bis man alle an der Reizflut beteiligten Faktoren bis ins kleinste Detail kennt.


Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei die den Schmerz hemmenden Nervenzellen.


Statement Hanns Ulrich Zeilhofer, Pharmakologe Universität Zürich:
«Im Rückenmark finden sich sowohl Nervenzellen, die die Weiterleitung von Schmerzsignalen verstärken können, das sind erregende Neurone, und es finden sich solche, die hemmend wirken, die Weiterleitung also verhindern. Verschiedene chronische Schmerzformen können entweder darauf beruhen, dass der Körper im Rückenmark permanent Substanzen produziert, die diese Hemmung reduzieren oder auch dadurch, dass hemmende Neuronen im Rückenmark zugrunde gehen. Beides wird dazu führen, dass Schmerzsignale aus der Peripherie leichter durchs Rückenmark hindurch ins Gehirn geleitet werden.»


Wichtig war es deshalb, möglichst viel über die Funktionsweise der schmerzhemmenden Nervenzellen zu erfahren. Studien – u.a. an Rückenmarksschnitten von Mäusen – haben erfolgreich mitgeholfen zu verstehen, was im Rückenmark vorgeht, wenn die hemmenden Nervenzellen nicht mehr funktionieren.


Statement Hanns Ulrich Zeilhofer, Pharmakologe Universität Zürich:
«Wir und andere konnten verschiedene Mechanismen aufklären, wie dieser Verlust an Hemmung zustande kommt. Und im Augenblick interessiert uns als Pharmakologen besonders, wie Medikamente aussehen können, die diesen Verlust unter Umständen wieder kompensierend ausgleichen können.»


Die Herausforderungen an die Forschenden sind gross. Die Suche nach einem Medikament gleicht oft einem langen Hindernislauf.


Elektrophysiologische Analysen – wo Ströme und Spannungen in Zellen gemessen werden – können dabei helfen herauszufinden, welche Substanzen die Schmerz hemmenden Nervenzellen stärken können.


Das Ziel dabei ist, die Hemmung so stark zu machen, dass die Schmerzsignale gar nicht mehr ins Gehirn geleitet werden, dass also gar kein Schmerz mehr entsteht.


Diese Blutproben stammen von Migränepatienten. Die DNA wurde isoliert. Genetische Tests sollen mehr Klarheit über diese Krankheit bringen, von der mehr als 10% der Schweizer Bevölkerung betroffen ist.


Statement Hanns Ulrich Zeilhofer, Pharmakologe Universität Zürich:
«Die Veranlagung zu Migräneanfällen wird genetisch vererbt. Und hier untersuchen wir genetische Varianten, die beim Migränepatienten vorkommen im Vergleich zu gesunden Kontrollprobanden. Wir hoffen, auf diese Weise Gene zu identifizieren, die für das Auftreten von Migräne prädisponieren.»


Hat man diese einmal gefunden, wird man auch die Mechanismen der Migräneentstehung besser verstehen können und kann dann so den Betroffenen dieser immer noch sehr rätselhaften Krankheit eines Tages besser helfen.

Rohini Kuner lehrt und forscht an der Universität Heidelberg. Für ihre Entdeckungen auf dem Gebiet der chronischen Schmerzen hat sie erst kürzlich einen wichtigen Forschungspreis erhalten.


Zusammen mit ihren Mitarbeitern ist es ihr gelungen, wichtige Player in der Reizflut zu identifizieren.


Hier am Pharmakologischen Institut in Heidelberg wurde eine weitere – bisher unbekannte – körpereigene Schmerzbremse gefunden, die Hoffnungen auf neue Therapien weckt.


Statement Rohini Kuner, Pharmakologin Universität Heidelberg :
«Die Herausforderung ist immer, ein Molekül zu finden, wo man die Funktion einschalten kann oder ausschalten kann, ohne irgendwelche anderen körperlichen Funktionen zu beeinträchtigen, d.h., dass wir gezielt nur die Schmerzsensibilisierung unterdrücken möchten, nicht aber andere Körperfunktionen in irgendeiner Form beeinträchtigen möchten und solche Moleküle zu finden, ist sehr schwierig.»


Gefunden hat man in Heidelberg im Rückenmark die sogenannten «Homer 1a Proteine». Ihre Gegenspieler sind die – hier stark giftgrünen – Kalzium-durchlassenden AMPA-Rezeptoren.


Kalzium spielt eine zentrale Rolle bei chronischen Schmerzen.


Kalzium bringt die Reizflut so richtig auf Trab und regt wichtige schmerzverstärkende Player an.


Das Schmerzgedächtnis kommt umso mehr in Betrieb, je mehr Kalzium freigesetzt gesetzt wird.


Statement Rohini Kuner, Pharmakologin Universität Heidelberg:
«Wir versuchen herauszufinden, wie wir diese Freisetzung verhindern können, damit wir die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses dämpfen oder ein bestehendes Schmerzgedächtnis auch auslöschen können.»


In Heidelberg denkt man dabei natürlich primär an ein Medikament.


Es soll möglichst der im Rückenmark entdeckten körpereigenen Schmerzbremse Homer 1a nachempfunden sein. Und der schmerzintensiven Kalziumflut für immer ein Ende bereiten.


Zurück in die Schmerzklinik am Paraplegikerzentrum in Nottwil.


Wie in allen Schmerzzentren hat auch hier die Komplementärmedizin neben der klassischen Schulmedizin einen hohen Stellenwert.


Diese Patientin hat seit 2 Jahren fast unerträgliche Kieferschmerzen.


Sie hat schon die verschiedenste Therapien ausprobiert und nimmt regelmässig Medikamente.


Sie ist heute zum ersten Mal in der Ohrakupunktur und erhofft sich viel davon.


Jede Therapie, die hilft, ist wichtig, so ist man in Nottwil überzeugt.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Wir wissen natürlich, dass wir durch Reizung der verschiedenen Organsysteme, ob das jetzt elektrische Reizung ist, ob das jetzt über so genannte Akupunkturpunkte eine Veränderung bringt, all das kann ja nur sinnvoll sein, wenn wir das zusammenführen, um schlussendlich im Ergebnis dann einen verbesserten Patienten zu haben.»


Corinne Schärer kommt seit 1 1/2 Jahren zur Akupunktur. Sie wurde vor 6 Jahren von einem Auto angefahren und leidet seither an den Folgen eines Schleudertraumas. Mit der Akupunktur macht man in der Schmerztherapie schon seit längerem sehr gute Erfahrungen, obwohl ihre Wirksamkeit bis heute kontrovers diskutiert wird. Wie verschiedenste Studien belegen, zeigt sich bei über 60% der Behandelten ein Besserung. So auch bei Corinne Schärer .


Statement Corinne Schärer:
«Ich habe ständig Kopfweh, und ich habe so viel schon gemacht und es hat sich einfach nicht verbessert. Es ist immer schlechter geworden. Hier ist es nicht so, es verbessert sich stetig.»


Eine Verbesserung ist denn auch das entscheidende Ziel bei einer Therapie, denn oft kann man – zumindest bis heute – chronische Schmerzen nicht vollständig beseitigen. Patienten und Ärzte tun gut daran, die Ansprüche nicht allzu hoch zu schrauben.


Statement Wolfgang Schleinzer, Chefarzt Schmerzklinik Nottwil:
«Unser Anspruch ist, bei mehr als 50% der Patienten den Schmerz zu mehr als 50% zu reduzieren. Das hört sich vielleicht jetzt wenig an, 50%, aber ein Schmerzpatient, der Tag und Nacht vielleicht geplagt ist, wenn der plötzlich nur die Hälfte seiner Schmerzen hat, dann ist das wie ein neues Leben.»


Und in diesem Leben kann man dann vielleicht mit einem Biofeedback-Training noch zusätzliche Linderung erreichen. Hat man z.B. chronische Nackenschmerzen, und schafft man es, sich so zu entspannen, dass auf dem Bildschirm die Sonne untergeht, so kann man getrost auf den nächsten Sonnenaufgang warten, im Bewusstsein, dass sinnvolle, aktive Schmerzbekämpfung ein wesentlicher Schlüssel ist im Kampf gegen chronische Schmerzen.
 
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