Bürgerkrieg und Wiederaufbau
1860-1877

Der Wahlsieg Lincolns hatte offenkundig gemacht, wie sehr die Machtposition des Südens innerhalb der Union im Laufe der letzten zehn Jahre erodiert war. Wenn der Süden seine Eigenständigkeit weiterhin bewahren wollte, dann mußte er jetzt sezedieren. Seine Reaktion ließ daher nicht lange auf sich warten. Am 20. Dezember 1860 erklärte South Carolina seinen Austritt aus der Union, und - anders als bei der Nullification Crisis - bis zum 1. Februar 1861, also noch vor Lincolns Amtsantritt am 4. März, waren alle sechs übrigen Staaten des Unteren Südens diesem Beispiel gefolgt. Wenige Tage später wählten sie Jefferson Davis aus Mississippi zum provisorischen Präsidenten der Konföderierten Staaten von Amerika.
Alle Bemühungen um Ausgleich verhallten ungehört, und selbst Lincolns versöhnliche Antrittsrede, die zwar kategorisch das Recht auf Sezession verneinte, sich aber aller Drohungen enthielt, zeigte keine Wirkung. Um so vordringlicher wurde die Suche nach einem Ausweg aus der Pattsituation. Lincoln beschloß, das im Hafen von Charleston, South Carolina, gelegene Fort Sumter mit seiner kleinen Bundesbesatzung als Testfall zu nehmen. Würde South Carolina Proviantnachschub durch die Bundesmarine erlauben, könnte dies ein Indiz des Einlenkens sein; würde es hingegen diesen gewaltsam zu verhindern suchen und das Fort angreifen, läge ein bewaffneter Aufstand gegen die legale Regierung des Landes vor.
Am 12. April 1861 eröffnete South Carolina das Feuer auf Fort Sumter. Der Bürgerkrieg hatte begonnen. Lincoln rief 75.000 Freiwillige auf die Dauer von drei Monaten zu den Waffen und verhängte eine Seeblockade über die Häfen des Südens. Die Reaktion aus dem Süden erfolgte umgehend. Bis zum 20. Mai hatten sich auch die vier Staaten des Oberen Südens, Virginia, Arkansas, Tennessee und North Carolina, der Konföderation angeschlossen. Doch vier weitere Südstaaten waren bei der Union verblieben: Delaware, Maryland, Kentucky, Missouri und die nordwestlichen Counties von Virginia, die seit 1863 als eigener Staat West Virginia Teil der Union sind. In diesen unter nachhaltigem Druck der Union stehenden Grenzstaaten (Border States) war der Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung zwischen 1830 und 1860 durch Verkäufe in den Süden kontinuierlich zurückgegangen, so daß hier ungeachtet verbreiteter Sympathien für den Süden bereits eine Öffnung zur kapitalistisch-individualistischen Marktwirtschaft des Nordens stattgefunden hatte. Wie es zunächst schien, war es ein Krieg der Ungleichgewichte.
Der Süden brauchte seine Position nur lange genug zu halten, bis der Norden kriegsmüde wurde, wohingegen der Norden zur Bewahrung der Union den Süden erobern mußte. Doch statt des allgemein erwarteten kurzen Feldzugs wurde es der blutigste Krieg, den die Vereinigten Staaten je geführt haben, mit mehr als einer Million Toten und Verwundeten, so viele Opfer wie das Land in allen seinen anderen Kriegen zusammen zu beklagen hatte. Mehrere Gründe waren dafür verantwortlich:
1. Der Bürgerkrieg war weltweit der erste moderne Krieg mit einem hohen Materialeinsatz, hoher Mobilität (Eisenbahn) und neuartiger Waffentechnik (vor allem das Repetiergewehr - die berühmte Winchester rifle - mit seiner deutlich gesteigerten Feuergeschwindigkeit und Zielgenauigkeit).
2. Beiden Seiten gelang die Mobilisierung großer Heere.
3. Lange Zeit lag im Norden die militärische Führung in den Händen unfähiger Generale, während der Süden unter Führung von Robert E. Lee seine Angriffsstrategie zwar mit großem und meist dem Norden überlegenem taktischen Geschick durchführte, diese jedoch den politisch-militärischen Zielen des Südens nicht angemessen war. Daß dieser Krieg kein Spaziergang werden würde, machte schon die erste Schlacht von Bull Run (21. Juli 1861) deutlich, als der Vorstoß des Nordens nach Virginia scheiterte. Darauf verlagerte der Norden 1862/63 den strategischen Schwerpunkt des Krieges nach Tennessee, um von hier aus die Konföderation zu parzellieren und schließlich vernichtend zu schlagen. Zunächst sollte ein militärischer Vorstoß den Mississippi abwärts erfolgen, um die Trans-Mississippi-Region vom übrigen Süden abzuspalten. Darauf sollte vom Osten Tennessees aus ein Feldzug in das Herz der Konföderation führen, um damit den Krieg zu entscheiden. Zur Durchkreuzung dieser Absichten versuchte der Süden, den Krieg in den Norden zu tragen.
Als kriegsentscheidend sollte sich dabei das Jahr 1863 erweisen. Obwohl Lee bislang als überragender Feldherr keine wesentliche Schlacht verloren hatte - selbst Antietam (17. September 1862), der blutigste Tag des ganzen Krieges, war keineswegs ein Sieg des Nordens gewesen -, scheiterte er im entscheidenden Moment. Am 1. Juli 1863 überschritt er die Grenze nach Pennsylvania und traf bei Gettysburg auf erheblich stärkere Einheiten des Nordens. Nach drei Tagen hatte er 28.000 Mann verloren (ein Drittel seiner Soldaten) und mußte geschlagen den Rückzug nach Virginia antreten. Damit war mehr als nur der Plan, den Krieg in den Norden zu tragen, gescheitert. Es war offenbar geworden, daß der Süden den Krieg niemals gewinnen konnte. Am gleichen Tag, an dem Lee seine Niederlage eingestehen mußte, demonstrierte der Norden nicht nur seine ausschlaggebende Überlegenheit an Menschen und Material; er zeigte auch, daß er schließlich über einen Feldherrn verfügte, der es mit Lee aufnehmen konnte: Ulysses S. Grant, der am 4. Juli das strategisch entscheidende Vicksburg einnahm, mit dem der Mississippi in die Hand des Nordens geriet und das erste strategische Kriegsziel der Union erreicht war. Nun konnte die Konzentration auf den Osten Tennessees mit der Einnahme Chattanoogas erfolgen, von wo aus 1864 William Tecumseh Sherman mit 100.000 Mann nach Atlanta zog, das am 2. September 1864 in die Hände des Nordens fiel.
Statt die Südstaatentruppen zu verfolgen, beschloß Sherman, eine etwa 200 Meilen breite Schneise der Verwüstung durch Georgia zur Küste zu ziehen, um den Süden vollends zu demoralisieren und jeden militärischen Nachschub aus dem Unteren in den allein noch entscheidenden Oberen Süden zu unterbinden. Von Savannah ging der Zug im Februar 1865 nordwärts, und Mitte März stand Sherman in North Carolina in Reichweite, um sich mit Grants Armee in Virginia zu verbinden.
Lee versuchte verzweifelt, das Blatt noch einmal zu wenden. Doch sein Ausbruchversuch mißlang; am 9. April 1865 mußte er bei Appomattox Court House in Virginia kapitulieren. Fast auf den Tag genau vier Jahre nach den ersten Schüssen bei Fort Sumter war der Bürgerkrieg zu Ende.
Warum hatte der Süden verloren ?
Sicherlich war die erdrückende Überlegenheit des Nordens an Menschen und Material ein entscheidender Faktor.
Die Mobilisierung kriegswichtiger Ressourcen gelang im Süden- ohne städtische und industrielle Infrastrukturen - letztlich nicht im erforderlichen Maße. Noch verhängnisvoller war, daß die Mobilisierung seiner Menschenreserven gescheitert war. Im Süden lebten über vier Millionen Sklaven, doch man war nicht bereit, diese zu befreien und zu bewaffnen, um sie zur Verteidigung einzusetzen. Vielmehr fand man den Gedanken keineswegs absurd, sie als Sklaven an der Seite ihrer weißen Herren ihre eigene Unfreiheit verteidigen zu lassen. Die militärische Niederlage wurde zum moralischen Trauma, in dem eine Welt zusammenstürzte, die man stets für die reale Welt gehalten hatte, weil man sie sich anders nicht vorstellen konnte und wollte, aber auch, weil der bestehende Konformitätsdruck im Innern, unter dem Eindruck des immer sinnloser werdenden Kriegs, an Wirkung verlor und nunmehr Friktionen aufbrechen ließ, die man zuvor nie hatte wahrnehmen wollen.
Der Süden hatte den Krieg durch Papiergeld, das zu immenser Inflation geführt hatte, und durch Steuern finanziert. Beides hatte die ärmeren Weißen besonders hart getroffen, die durch die Zwangsrekrutierung oft ihr einziges Pferd, ihre einzige männliche Arbeitskraft u. a. verloren hatten. Kein Wunder, daß es bei ihnen schon bald hieß, dies sei ein Krieg der reichen Leute. Wachsende Disloyalität war die Folge. Als sich schließlich die Versorgungslage zumal der ärmeren Landbevölkerung dramatisch verschlechterte, häuften sich Desertionen derart, daß sich Ende 1864 bereits die Hälfte aller Soldaten unerlaubt von der Armee entfernt hatte. Im Frühjahr 1865 war die Lage katastrophal:
Der Süden war von seinen Widersprüchen eingeholt worden. Ein weiterer Grund für die Niederlage war das Unvermögen, ausländische Unterstützung für seine Sache zu mobilisieren. Die Blockade des Nordens schirmte die Südstaaten-Häfen ab, und als ab 1863 erkennbar wurde, daß der Süden den Krieg nicht würde gewinnen können, war jede Hoffnung auf internationale Anerkennung dahin. Die Gründe lagen aber nicht nur im Süden, sondern ganz wesentlich bei Lincoln. Zwar hatte er in den ersten Jahren Probleme mit seinen Generalen, doch politisch hatte er den Krieg mit unbeugsamer Entschlossenheit, interner Kompromißlosigkeit und mit Weitblick geführt. So hatte Lincoln angesichts seines primären Kriegsziels, des Erhalts der Union, in der Sklavenfrage große Zurückhaltung bewahrt, um die Border States nicht in das Lager des Südens zu treiben, zumal er im ersten Halbjahr 1862 erkennen mußte, daß dort ein Plan zur Sklavenemanzipation gegen Entschädigungszahlungen keine Resonanz fand. Am 22. September 1862 veröffentlichte Lincoln darauf eine vorläufige Emanzipationserklärung, aus der die am 1. Januar 1863 verkündete Emancipation Proclamation wurde.
Trotz ihrer zunächst eher begrenzten praktischen Wirkung waren damit Sklavenbefreiung und politisch-soziale Neugestaltung des Südens zu Kriegszielen geworden. Lincoln sprach sie mit allgemeineren, aber um so eingängigeren Worten in seiner zweiten bedeutenden Erklärung während des Krieges, der Gettysburg Address vom 10. November 1863, mit der Verpflichtung aus, »daß die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk nicht von der Erde verschwinden werde«. Beide Erklärungen mochten nicht zuletzt Europa signalisieren, daß der Norden für allgemeingültige moralische Werte kämpfe. Der Bürgerkrieg beendete zwar die Sklaverei in den Vereinigten Staaten, änderte aber nichts an dem Verhältnis der Rassen zueinander. Hingegen ist die Rolle der Staaten in der Union neu geordnet worden, zumal die seit den Tagen der Kentucky-und-Virginia-Resolutionen in den Südstaaten virulente Staatsrechtsdoktrin nun offiziell begraben war. Die Suprematie des Bundes war fortan unbestritten. Schließlich war die politische Landschaft aufgrund eines neuen Zweiparteiensystems neu geordnet, wobei die »Demokraten« eindeutig die Partei des Südens und damit die der Minderheit waren, bis sie Franklin D. Roosevelt 68 Jahre nach Ende des Bürgerkriegszur neuen Mehrheitspartei machte.
Letztlich hat der Bürgerkrieg wesentlich zur Belebung der Wirtschaft und zur Freisetzung einer neuen ökonomischen Dynamik beigetragen, die sich unmittelbar nach dem Krieg in einem rasanten Anstieg der Industrieproduktion niederschlug, ohne daß man ihn deswegen als eine zweite amerikanische Revolution bezeichnen kann. Denn vieles im Bereich der Hochindustrialisierung, des transkontinentalen Eisenbahnbaues u. a. war bereits vor dem Krieg angelegt, und jene einschneidenden Veränderungen in der Zukunft vollzogen sich dort, wo sie auch ohne den Bürgerkrieg vor sich gegangen wären, nämlich im Norden. Mit dem Ende des Bürgerkriegs setzte jene Ära ein, die man als das Zeitalter der »Wiedererrichtung« (Reconstruction) bezeichnet. Damit war mehr gemeint als allein ökonomisch der Wiederaufbau der zerstörten Städte und Eisenbahnlinien im Süden. Entscheidender war die soziale Komponente, die, über die zukünftige Sozialordnung des Südens hinausgehend, auf die Frage der Rolle der Schwarzen im amerikanischen Leben zielte. Beides aber bedeutete, daß nicht die ganze Nation in gemeinsamer Anstrengung wiedererrichtet werden mußte, sondern lediglich der Süden nach Vorgaben des Nordens. Insofern unterschied sich dieser Krieg von anderen Bürgerkriegen des 19. und 20. Jahrhunderts; hingegen kam es, ähnlich wie in der Schweiz 1847, zu keinen Gebietsveränderungen.
Kein Territorium wurde annektiert; alle Staaten blieben - vom Sonderfall Virginia abgesehen- in ihren Vorkriegsgrenzen unangetastet. Zwar waren die Schwarzen mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung 1865 aus dem Sklavenstatus befreit, blieben aber nach allgemeinem Verständnis der Weißen im Norden wie im Süden Angehörige einer untergeordneten Rasse und bestenfalls Bürger zweiter Klasse, denen kein gleichberechtigter Teil am politischen und sozialen Leben der Nation zukam. Damit war nicht nur das weitere Zusammenleben der Rassen in den Vereinigten Staaten vorgezeichnet; es war auch der Stab über die Politik der Reconstruction gebrochen, noch ehe sie überhaupt abgeschlossen war. Das jeweilige Verhältnis der Rassen zueinander hat daher stets die historische Bewertung der Reconstruction bestimmt, so daß heute die Politik des Nordens als zu zaghaft und zu sehr von den eigenen, meist materiellen Interessen geprägt, zu opportunistisch und wirtschaftshörig erscheint.
Um was ging es konkret?
Wie konnte das Land nach dem Krieg wieder geeint werden?
Welchen Status hatten die sezedierten Staaten?
War die Sezession lediglich ein illegaler Schritt gewesen, und waren sie rechtstheoretisch stets Teil der Union geblieben- eine Theorie, zu der der Präsident neigte? Oder hatten sie durch die Sezession ihren Platz in der Union verwirkt und waren nun eroberte Provinzen, die neu geordnet werden mußten - eine Auffassung, die von der Mehrheit des Kongresses geteilt wurde? Welche Theorie sollte der Politik verbindlich zugrunde liegen, und wer war mithin prinzipiell handlungsbefugt? Im Dezember 1863 hatte Lincoln die Proclamation of Amnesty and Reconstruction verkündet, die allen Südstaatlern Pardon gewährte, die den Eid auf die Verfassung der USA leisteten und die Sklavenemanzipation als verbindlich anerkannten. Hatten mindestens 10% der wahlberechtigten Bevölkerung eines besetzten Staates dies getan, konnten sie eine neue Regierung einsetzen und damit wieder in die Union zurückkehren. Noch 1864 bildeten Lousiana und Arkansas auf dieser Grundlage neue Regierungen. Der Kongreß weigerte sich jedoch, dieser Politik zu folgen, und warf Lincoln vor, seine Kompetenzen überschritten und die Rechte der Schwarzen unberücksichtigt sowie nicht auf ihrem Wahlrecht bestanden zu haben. Die Lösung der politischen Pattsituation fiel Andrew Johnson zu, der nach der Ermordung Lincolns am 14. April 1865 über Nacht Präsident geworden war und nun Lincolns Versöhnungspolitik fortzusetzen suchte.
Johnson überwarf sich aber darüber mit dem Kongreß und seiner eigenen Republikanischen Partei und führte das politische System des Landes im Blick auf die Beziehungen zwischen Exekutive und Legislative in seine bislang schwerste Krise. Zunächst hatten radikale Republikaner Johnson als Exponenten jener Südstaatenpolitiker im Amt des Präsidenten begrüßt, die schon vor dem Krieg die alte Elite und ihre sezessionistische Politik bekämpft hatten. Doch die von Johnson Ende Mai 1865 eingeleitete Versöhnungspolitik stieß auf immer heftigere Ablehnung, vor allem weil sie untätig blieb gegenüber den in den Südstaaten rasch in Kraft gesetzten sog. Black Codes, die die ehemaligen Sklaven besonderen Regelungen und Restriktionen unterwarfen und ihnen Rechte vorenthielten, die für Weiße selbstverständlich waren. Darunter fielen die Verweigerung der freien Wahl des Arbeitsplatzes, Zwangsarbeit, spezielle Strafgesetze, Verbot der Aussage vor Gericht u. a., für viele im Norden wurden damit die alten Sklavenbestimmungen unter neuem Namen fortgeführt.
Als dann noch im Herbst 1865 einige dieser Staaten prominente Vertreter der alten Konföderation in Staats- und Bundesämter wählten, war für die Mehrheit der Republikaner das Maß voll. Der Kongreß verweigerte den südstaatlichen Vertretern das Sitzrecht und berief ein Komitee ein, um neue Bedingungen zur Wiederzulassung der Südstaaten festzusetzen. Letztlich ging es um die Frage nach den Resultaten des Bürgerkriegs. Johnson wollte die Vorkriegszustände so rasch wie möglich wieder herstellen- mit Ausnahme von Sklaverei und Sezession. Die Mehrheit des Kongresses hielt es für unerläßlich, einige Minimalgarantien aufzustellen, um zu verhindern, daß die alte Südstaatenelite erneut die Schwarzen unterjochte. Dies erforderte eine Stärkung der Bundesgewalt, um den Schwarzen einen Mindestschutz ihrer Bürgerrechte zu sichern. Zumal die Rassenunruhen des Winters 1865/66, deren Opfer praktisch immer Schwarze oder Weiße waren,die sich mit ihnen solidarisierten, hatten deutlich gemacht, was drohte, wenn der Bund hier keine Verantwortung übernahm.
Zwei Gesetze sollten diesem Zweck dienen; zum einen die Fortführung der noch aus dem Krieg stammenden Freedmen's Bureaus, um den ehemaligen Sklaven Hilfe, Unterstützung und Rechtsschutz - von der Erziehung über Hilfe beim Landkauf bis zur Arbeitssuche - zugewähren, und zum anderen ein Bürgerrechtsgesetz, um die Black Codes zu annullierenund den Schwarzen alle Rechte an Person und Eigentum zu sichern, die auch Weißen zustanden. Johnson versuchte vergeblich, beide Gesetze zu verhindern und vertiefte auf diese Weise den Graben zwischen ihm und dem Kongreß immer mehr. Überdies gab er zu verstehen, er werde sich an die Spitze einer neuen konservativen Partei aus rechten Republikanern und Demokraten setzen, um seine Politik zu erzwingen.
Angesichts dieser Lage beschloß die republikanische Mehrheit den 14. Zusatzartikel zur Verfassung, um die Union verfassungsrechtlich zu stärken und allen Bürgern gleichen Rechtsschutz zu gewähren. Damit wurde erstmals eine amerikanische Staatsbürgerschaft, unabhängig von den Einzelstaaten, und der Grundsatz der equal protection of the Iaws für alle Bürger eingeführt, der das amerikanische Verfassungssystem revolutionieren sollte. Es war klar, daß die Kongreßwahlen im November 1866 zur Abstimmung über den vorgeschlagenen Verfassungszusatz werden würden, zumal der Präsident den Südstaaten seine Ablehnung empfohlen hatte. Dennoch erreichten die Republikaner eine solide Zweidrittelmehrheit im Kongreß, und die Radikalen bestimmten nun den Gang der Politik.
Mit der jetzt einsetzenden radikalen Reconstruction-Politik wurde der Süden unter Militärverwaltung gestellt und nach Auflösung der Staatsregierungen in fünf Militärbezirke eingeteilt. Unter militärischer Überwachung wurden neue Verfassungskonvente mit Beteiligung der Schwarzen und unter Ausschluß aller Amtsträger der ehemaligen Konföderation gewählt. Als Voraussetzung für die Wiederaufnahme in die Union mußten die von ihnen entworfenen Verfassungen von der Mehrheit der männlichen Bevölkerung (einschließlich der Schwarzen) ratifiziert und der 14. Zusatzartikel angenommen werden. Doch der Gedanke einer langfristigen Unterstützung der Schwarzen war damit aufgegeben. Johnson versuchte dagegen auf allen Wegen, seine Politik durchzusetzen oder zumindest die des Kongresses zu hintertreiben.
Als er den letzten Radikalen aus der Regierung entlassen wollte, beschloß das Repräsentantenhaus am 24. Februar 1868 mit überwältigender Mehrheit, erstmals einen Präsidenten vor dem Senat wegen Amtsverfehlung anzuklagen. Um eine Stimme wurde die zur Amtsenthebung erforderliche Zweidrittelmehrheit verfehlt, nicht weil Johnson schließlich doch Zustimmung gefunden hätte, sondern aus der Überzeugung, daß die Amtsenthebung eines Präsidenten aus politischen Gründen die Verfassungsbalance zwischen Exekutive und Legislative zerstören und das Präsidentenamt zum Spielball der politischen Mehrheit in der Legislative machen könnte. Doch trotz dieser Niederlage hatten die Radikalen erreicht, daß Johnson ihre Politik nicht mehr durchkreuzen und unter seinem Nachfolger Ulysses S. Grant ihr Einfluß auf die Politik gewahrt bleiben würde.
Dessen Politik war sicher nicht korrupter und unfähiger als jede andere der Zeit. Viel eher wird man den Radikalen vorhalten müssen, daß sie nicht radikal genug waren. Die soziale Neuordnung des Südens blieb aus. Das Versprechen von »Vierzig Morgen und einen Esel« für die befreiten Schwarzen wurde nirgendwo eingelöst,und ebensowenig wie der Rebellenbesitz wurde die Staatsdomäne unter den Schwarzen und armen Weißen aufgeteilt. Die Neugestaltung der Wirtschaft des Südens wurde nicht erreicht, und die aus dem Norden eingeströmten, mitunter höchst dubiosen Weißen (Carpetbeggars) und die teilweise ähnlich fragwürdigen Weißen im Süden, die hier mitzuwirken suchten (Scalawags), waren in der Regel dazu auch nicht in der Lage. Hinzu kam, daß die Bundeskräfte nicht ausreichten, um gegenüber den alten Südstaateneliten und der offenen weißen Gewalt bestehen zu können.
Als Folge brachen die radikalen republikanischen Regierungen in den Südstaaten nach deren Wiederaufnahme in die Union meist rasch zusammen. Zumindest indirekt hatte dazu der unbeliebte und politisch unfähige Grant beigetragen, der sich insbesondere durch seine Loyalität gegenüber jenen auszeichnete, die ihn unterstützten. Er unternahm nichts gegen die sich während seiner achtjährigen Amtszeit immer verheerender ausbreitende Korruption, er versuchte mitunter sogar, Schuldige vor der gerichtlichen Verfolgung zu schützen. Die letzte große Maßnahme der Radikalen war der 1869 verabschiedete 15. Zusatzartikel zur Verfassung, der den Schwarzen, nicht jedoch den Frauen, das Wahlrecht verbriefte. Danach erlahmte im Norden zusehends das Engagement für die Schwarzen im Süden - auch wenn der Kongreß 1875 ein Bürgerrechtsgesetz verabschiedete, das der Supreme Court jedoch bereits 1883 wegen Kompetenzüberschreitung des Bundes wieder aufhob -, zumal inzwischen viele einstige Radikale aus einer Politik ausgeschieden waren, die durch viele unrühmliche Vorkommnisse diskreditiert war und in der Öffentlichkeit zunehmend an Glaubwürdigkeit verloren hatte. Um so mehr Gehör konnten die Konservativen im Süden mit ihrer Forderung nach Beendigung der Militärverwaltung und der Rückkehr zur Selbstverwaltung finden. Die Interessen von Schwarzen und armen Weißen wurden zunehmend den Kapitalisten im Norden und der konservativen alten Elite im Süden geopfert.
Formal kam das Ende der Reconstruction mit der Präsidentenwahl von 1876. Die Republikaner nominierten den Gouverneur von Ohio, Rutherford B. Hayes, der von Skandalen der Grant-Zeit unberührt geblieben war. Für die Demokraten trat Samuel J. Tilden, der Reform-Gouverneur von New York, an. Tilden gewann die Volkswahl und schien auch im Wahlmännerkollegium die Mehrheit zu erreichen. Doch die war fraglich geworden, als man die Ergebnisse in South Carolina, Florida und Louisiana anfocht, den letzten Südstaaten, die noch von den Republikanern kontrolliert wurden. In der sich anschließenden Krise verständigten sich schließlich die Republikaner mit den konservativen Demokraten des Südens: Hayes wurde gewählt, und im Gegenzug zogen die Republikaner die letzten Truppen aus dem Süden ab, der damit auf Kosten der Schwarzen und armen Weißen sich selbst überlassen blieb.