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O1 .Einige Gedanken zuvor
Als Ende 1989 die Menschen auf die Straße gingen, konnten sich wohl nur die wenigsten unter ihnen vorstellen, wie es nur wenige Jahre später im "Staat der Arbeiter und Bauern " aussehen würde. Sie ahnten noch nicht, dass es nicht um kleine oder größere Verbesserungen ging, sondern dass der Sozialismus in Deutschland im weitern Verlauf der "Wende" endgültig zu Ende ging. Noch waren die meisten der Demonstranten der Meinung, die "Macht der Arbeiterklasse" ließe sich einfach besser als bisher einrichten. So demonstrierten sie anfangs eben fast ausschließlich für nichts weiter als eine bessere DDR. Der Staat wusste dieser geballten Kraft seiner Bürger nichts entgegenzusetzen. Ja, diejenigen, die die tatsächliche Macht besaßen, stolperten von einem Zugeständnis zum anderen, kaum ahnend, dass damit die "Macht der Arbeiterklasse" ihrem endgültigem Aus unwiderruflich entgegenging.
Das Paradoxon liegt auch in der Beendigung dieser Klassenherrschaft selbst: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich eine herrschende Klasse selbst abgesetzt. Das blieb der Arbeiterklasse vorbehalten, die mit dem Ruf "WIR SIND DAS VOLK" sowohl ihre Macht begründete, als auch wieder aufhob.
Der politischen und philosophischen Unwissenheit weiter Kreise dieser Klasse ist es zuzuschreiben, dass sie nicht erkannte, dass eben gerade diese, ihre Vertreter, die sie jetzt abzusetzen gewillt waren, tatsächlich ihre Interessen vertreten hatten und in ihrer großen Masse aus Kindern der eigenen Klasse hervorgegangen waren. Nur in der Frühzeit der Arbeiterbewegung waren die führenden Köpfe in der überwiegenden Mehrheit aus bürgerlichen Kreisen, vor allem aus der Intelligenz gekommen.(Marx, Engels, Lenin, Trotzki) Erst mit der nächsten Generation der Führungskräfte tauchten in zunehmenden Maße Kinder der Arbeiter selbst auf. In Deutschland z.B. Thälmann; hin und wieder kamen aber auch Vertreter des Lumpenproletariats an die Schalthebel der Macht (Walter Ulbricht, Erich Ferl).
Heute gibt es eine ganze Anzahl von Leuten, vor allem aus Kreisen ehemaliger Genossen der SED, die der Meinung ist, dass der Sozialismus nur deswegen an der Geschichte und am Volkswillen gescheitert sei, weil in den Leitungen aller Ebenen entscheidende Fehler gemacht wurden.
Und eben diese Ansicht kann ich nicht teilen. Vielmehr hat sich in mir, auch in zahllosen Gesprächen, vor allem mit z.T. auch ehemals führenden Genossen der SED, die Überzeugung von der Nichtmachbarkeit dieses oder wie auch immer genannten und gearteten Weltverbesserungssystems festgesetzt. Im Folgenden werde ich diese Meinung ausführlich begründen, auch in der Absicht, derartige Versuche für die Zukunft mit vermeiden zu helfen.
Denn eines steht sicher nach diesem misslungenem Versuch fest: er hat immense Werte, menschliche und materielle, freigesetzt- und wieder vernichtet. Er hat unzähligen Menschen Hoffnung gegeben - und sie dann betrogen.
Er hat in den siebzig Jahren, die er bestand, davon über vierzig Jahre in Deutschland, Menschen ein Ziel gegeben, ein ihrer Ansicht nach erstrebenswertes- und sie dann letztlich doch enttäuscht.
Glücklich schätze ich mich, dass es mir persönlich vergönnt war, Aufbruch und Niedergang dieses Systems hautnah mit zu erleben. Und vor allem, dass ich die Gelegenheit bekam, wenigstens noch einige Zeit in einer wirklich freien Gesellschaft, die sich ökonomisch in den Regeln der Marktwirtschaft organisiert, zu leben.
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O2 "Volksmeinung" in Leserbriefen
Die geschichtliche Entwicklung im Spiegel
von Leserbriefen
"Die Redaktion behält sich das Recht vor, Leserbriefe zu kürzen". So ließt man das vor den Leserbriefrubriken fast aller Zeitungen. Sicher. Aber trotzdem geben sie, die sog. Leserbriefe, wie kaum andere Quellen die Meinung breiter Kreise wieder, vorausgesetzt natürlich, die Redaktion der Zeitung oder Zeitschrift ist bestrebt, bei aller Kürzung den wesentlichen Inhalt zu erhalten und auch eine gewisse Ausgewogenheit herzustellen.
Ich lasse diese Rubrik beim Lesen der Publikationen nie aus. Interessant ist, dass die Schreiber der Briefe sich und ihre Geisteshaltung offenlegen, wie sie das selbst sicher kaum für möglich halten.
Manchmal können mich diese Ergüsse richtig aufregen, wie z. B. dieser:
"Als Arbeiter sind wir Menschen 2. Klasse"
(Zu einem Leserbrief, der das ewige "Rummeckern" an den derzeitigen Zuständen nicht für gut hielt)
"So einen Brief kann wirklich nur eine Rentnerin schreiben.Weiß sie überhaupt, was wir als Arbeiter uns seit der Wende täglich anhören müssen? Mein Mann und ich sind beide Arbeiter und bekommen es dauernd zu spüren, dass wir Menschen zweiter Klasse sind. Wir haben ein so geringes Einkommen, manche Rentner bekommen mehr. Wir aber müssen eine vierköpfige Familie ernähren. Uns ging es vor der Wende besser, obwohl wir "nur" Arbeiter waren und keine Privilegien hatten" Wassilew, Lauchhammer an: "Auf einen Blick",Hamburg.
Dieser Brief ist in so vielem Gedanken bemerkenswert. Hier hat einmal eine Angehörige der ehemals "herrschenden Klasse" offen dargelegt, was jahrzehntelang Staatspolitik und -doktrin war:
- "Rentner haben einen viel zu hohen Lebensstandart, es genügt, wenn sie sich von ihren Bezügen gerade mal ernähren können"....oder ähnliche Denkweisen.
Kommt hier nicht die menschenverachtende Einstellung zum Alter zum Ausdruck, die den Lohn für ein arbeitsreiches Leben in Renten ausdrückte, die so niedrig waren, dass fast jeder Rentner förmlich gezwungen war, so lange wie möglich einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen?
- "Wir Arbeiter werden seit der Wende wie Menschen zweiter Klasse behandelt"
Hier kommt die Trauer über verlorene Machtpositionen so recht zum Ausdruck. Es muss doch ein wunderbares Gefüphl gewesen sein, gesellschaftlich weit über denjenigen zu stehen, die im täglichen Arbeitsprozess die (technisch-technologische) Richtung anzugeben hatten.
Es fragt sich nur, warum haben dann eben jene Arbeiter ihren Staat hinwegdemonstriert? Oder war es nicht so?
Waren die Demonstranten vom Herbst 1989 nur Intelligenzler? Und wenn dem so war, warum haben dann große Teile der "Arbeiterklasse", die doch die Masse der Bevölkerung ausmachte, in den 4 (!) Wahlen des Jahres 1990 nicht ihre Vertreter, sondern die der Intelligenz und des Kapitals gewählt?
Es muss schon so stehen bleiben: Die Arbeiterklasse ist nicht fähig und in der Lage, die Gesellschaft zu führen, einen Staat zu lenken.
Die drei Grundübel: Zu hoher Konsumtionsanteil am Gesamtprodukt , die Förderung der Verschwendungssucht durch ein sinnloses Subventionssystem und die Ausschaltung jeglicher Konkurrenz in Wirtschaft und Gesellschaft haben die Herrschaft der Arbeiterklasse ihren Mitgliedern selbst als unmöglich dargestellt und sie schließlich beendet.
Doch noch zu einigen weiteren Briefen an die gleiche Zeitschrift:
"...Es gab auch nicht nur das Einheitsbrot, sondern viele Sorten. Ich meine, dass das reichte. Einen Unterschied gab es allerdings: Es war viel billiger als heutzutage. Wenn man bedenkt, dass ein Stück Kuchen nun das Vierfache kostet."
Eben das war ja einer der schlimmsten wirtschaftlichen Fehlgriffe. Die Briefschreiberin vergisst zu sagen, wieviel Brot im Abfall landete. Sie vergisst auch, wie lang die Schlangen Samstags vor den Bäckerläden waren, weil die Leute mit dem Kaufhallenangebot unzufrieden waren.
"Es ist nicht ganz richtig, dass es damals nichts zu kaufen gab. Natürlich keine Feinschmeckerspezialitäten wie jetzt, auch Südfrüchte waren fast tabu, und Waschmaschinen und TV-Geräte hatten Wahnsinnspreise. Aber es gab auch gute Seiten. Wir sind ein Rentnerehepaar und haben schon seit 20 Jahren eine AWG-Wohnung (2-Raum, Bad) -AWG=ArbeiterWohnungsbauGenossenschaft- für 26 DM Miete. Heute kostet sie ohne jede Veränderung 280 DM."
Der Briefschreiber denkt offenbar, seine Wohnung wäre mit 26 Mark Miete bezahlt gewesen. Offenbar meint er, wie übrigens viele AWG-Mitglieder, mit ihrer Eigenleistung, die einschließlich der körperlichen Arbeit auf dem Bau so bei etwa 5000.- Mark gelegen haben dürfte, sei die Wohnung bezahlt.
Dabei lagen die Herstellungspreise einfacher Neubau-Platten-Wohnungen auch in den besten Zeiten selten unter 40 000.- Mark (der DDR natürlich). Eine sinnlose Subventionspolitik vertuschte diese wie auch fast alle anderen Kosten und Preise.
Der Preis für die ach so günstigen AWG-Wohnungen war aber doch auch der Zerfall der übrigen Bausubstanz, weil die gesamte, ohnehin nicht reichliche Baukapazität, in den Neubau gesteckt wurde. Im Endstatium des Sozialismus führte das dazu, dass der Verfall und der meist folgende Abbruch fast größer als der Neubau war und schon in die Größenordnung der Kriegszerstörungen des 2. Weltkrieges rückte.
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O3 Wie es begann
In der Oberschulklasse "b3" der Leibnitzschule zu Leipzig waren Söhne und Töchter des Jahrganges 1936 zumeist "gutbürgerlicher" Eltern vereint.
Entsprechend waren Grundeinstellung und Ansichten dieser jungen Leute alles andere als "fortschrittlich" im Sinne des sich entwickelnden SED-Staates. Es gehörte in diesen Kreisen einfach zum guten Ton, dagegen zu sein. Nur wenige dachten daran, sich mit dem neuen Gesellschaftssystem ernsthaft zu befassen.
Andererseits sind aufgeweckte junge Menschen in diesem Alter gerade dabei, sich ein Weltbild zu erarbeiten, das, ewiges Generationenproblem, fast immer im Gegensatz zu dem der Väter steht. So empfanden wir die Stunden in "Gegenwartskunde", wie das Fach damals noch hieß, nicht als absolut verlorene Zeit. Machten uns doch die Lehrer mit den Grundzügen der Philosophie vertraut, und wenn es auch vorerst mal nur die Marx'sche war.
Einiges daran erschien uns schon rätselhaft, ja unwahrscheinlich, und deshalb absolut nicht realisierbar. Besonders angetan hatten es uns die Gesellschaftsziele, die so formuliert wurden:
Sozialismus: Jeder nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Leistungen.
Kommunismus: Jeder nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Bedürfnissen.
Das erste schien ja noch ein mögliches, ja erstrebenswertes Ziel zu sein, das zweite wurde von uns schlicht als unmöglich abgetan- trotz alledem aber interessiert und ernsthaft diskutiert. Besonders die als Folge des Gesellschaftszieles eintretende Abschaffung des Geldes- es wäre, da jeder ohnehin nicht mehr nach seinen Leistungen, sondern nach seinen Bedürfnissen Waren und Leistungen erhielte, einfach nicht mehr nötig- erhitzte die Gemüter.
Hätten wir nur damals geahnt, dass gerade dieses "Hineinwachsen" des Sozialismus in den Kommunismus, d.h. die Abschaffung des Geldes durch laufende Senkung seines Wertes infolge sinnloser Subventionspolitik einerseits und Rationierung fast aller Werte andererseits einer der wesentlichen Gründe für das Scheitern des Sozialismus berhaupt war!
Vorerst stand die Realisierung derartiger Pläne noch sehr, sehr weit in der Ferne, ging es doch in den frühen Fünfzigern zuerst einmal darum, die einfachsten Bedürfnisse, die nach Essen, Trinken, Wohnen und nicht zu vergessen, die nach Bildung, zu befriedigen.
Und solange eben die kommunistischen Vorboten, etwa (so erschien es dem Einzelnen) kostenlose Dienstleistungen und kostenlose Waren des täglichen Bedarfes noch nicht realisierbar waren, solange gab es einen unverkennbaren wirtschaftlichen Aufschwung. Im Gegenzug gab es ja auch noch leistungsbezogene Entlohnungen, Stücklohn war weit-verbreitet. Höhere Qualifikation wurde honoriert.
Als Beispiel möge die Entlohnung einfacher Eisenbahner dienen ( ich musste nach meinem Abitur erst ein Jahr in
der Praxis als einfacher Rangierarbeiter arbeiten, ehe ich für ein Studium als "würdig" erachtet wurde. Schließlich hatte mich dann ja die "Arbeiterklasse" und nicht meine bürgerlichen Eltern delegiert.)
Kurz, auf dem Bahnhof bekam ich, als einfacher Arbeiter 1,29 Mark/Stunde (man beachte die Größenordnungen!), ein Rangierleiter 1,54 Mark und schlieálich der Rangiermeister 2,10 Mark. Zur Verdeutlichung für Leser, die das Leben in der DDR nicht so gut kennen: bis zum Ende des Sozialismus hatte man das Lohnsystem so verbogen, dass der Rangierarbeiter deutlich mehr als der Rangierleiter und -Meister Netto in der Lohntüte hatte. Leitungskräfte hatten nur noch den höheren, voll zu versteuernden Grundlohn, während die zahlreichen Zuschläge, vor allem bei den Arbeitern, praktisch unversteuert und ohne Sozialversicherungsbeiträge, also Netto, zur Auszahlung kamen.
Übrigens hat die damalige "Besserstellung" der einfachen Arbeiter gegenüber Angestellten einen späten Ausgleich bei der heutigen Rentenberechnung gefunden. Es gibt eben tatsächlich so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit.
Das war aber nicht der einzige Schwachpunkt des entstehenden Systems. Ein anderer, die eingeschränkte persönliche Freiheit der Bürger, wurde zwar mit den Sloans von der "Einsicht in die Notwendigkeit, bewussten Disziplin, Vertrauen in die Politik der Partei der Arbeiterklasse" kaschiert, aber sie fehlte eben doch. Noch konnte man aber damit leben. Noch war die Einsperrung eines ganzen Volkes auch nicht restlos vollzogen. Im Gegenteil, als im Juni 1953 die Menschen für mehr Freiheit auf die Straße gegangen waren, wurde die Reisefreiheigt erst einmal gewährt- und nur ganz allmählich wieder abgebaut- bis es schließlich zur endgültigen Schließung der Grenzen im August 1961 kam.
Andererseits muss man sehen, dass ohne diese Abschottung ein tatsächlicher Aufbau des Sozialismus nicht möglich ist. Lenin hatte die Theorie entwickelt, dass auch ohne Weltrevolution nur in einem einzelnen Land der Sozialismus aufgebaut werden könnte. Er hatte sicher auch gewusst, aber natürlich nicht so deutlich ausgedrückt, dass eine der Bedingungen dafür das Abschließen des Systems sein muss.
In der ursprünglichen Theorie von der "Weltrevolution" wäre das nicht erforderlich gewesen- zumindest theoretisch nicht.
Bringt die Gewährung besonderer Vergünstigungen und Vorteile schon im eigenen Land Schwierigkeiten bei der Ruhigstellung der Gemüter der nicht gleichermaßen Geförderten, so ist ein offenes System schon gar nicht in der Lage, frei, ohne Beachtung des Wertgesetzes, sozialistische Züge der Gesellschaft aufzubauen. Der Mitnahmeeffekt, der im Inland schon kaum zu steuern, besser: zu bremsen ist, ist im freien Welthandel überhaupt nicht zu beherrschen. Nur durch die Schaffung einer Binnenwährung, die möglichst unabhängig von den Gegebenheiten des Welthandels funktioniert, sind überhaupt wenigstens einige sozialistische Züge der Gesellschaft realisierbar.
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