kapitel9


9.   Über den Umgang mit den Menschen

9.1 Eine neue Klassengesellschaft?

Die Gesellschaftstheorie im real existierendem Sozialismus fußte hundertprozentig auf der Klassentheorie des KARL MARX.
Danach sind Klassen Menschengruppen, die sich wesentlich durch ihre Stellung zu den Produktionsmitteln, also zum vergegenständlichten Kapital und zum Geldkapital unterscheiden. D.h. also, ob sie Produktionsmittel  (Grund und Boden, Fabriken, Werkzeuge u.a.) besitzen oder nicht. In den sog. Ausbeutergesellschaften- also alles was vor dem Sozialismus war- mit Ausnahme des Urkommunismus, gab es stets eine oder mehrere herrschende, die Produktionsmittel besitzende und eine oder mehrere ausgebeutete, nur ihre Arbeitskraft vermarktende, Klassen.
Man verzeihe mir den Ausflug in die MARX'SCHE Theorie. Ich glaube aber, das ist zum Verständnis der folgenden Gedanken unbedingt erforderlich.
In den sozialistischen Ländern sollte es also nun nur noch die (herrschenden) Klassen der Arbeiter und Genossenschaftsbauern geben, dazu die -nicht beherrschten aber "geführten"- Schichten der Intelligenz und der Angestellten sowie der Klasse der - soweit noch vorhandenen- Kleingewerbetreibenden und Handwerker, als Überrest der ehemaligen "Ausbeuterklasse".
Dabei sollte also die Arbeiterklasse ihre Produktionsmittel gemeinsam mit allen "Werktätigen", ja sogar dem ganzen Volk, besitzen (volkseigene Betriebe), die Genossenschaftsbauern außerdem ihre genossenschaftlich verwalteten Güter und Ländereien, schließlich die Kleingewerbetreibenden und Handwerker ihre Kleinbetriebe.
Die so enstandene Anonymität der Produktionsmittel bei der zahlenmäßig größten Klasse mit den Schichten der Intelligenz und der Angestellten war einer der Hauptgründe für die Vernachlässigung der Pflege und sachgemäßen Nutzung der Produktionsmittel und Rohstoffe. Weiterentwicklung und Investitionen zuungunsten des unmittelbaren Verbrauches waren nur in der Frühzeit des Sozialismus vor der "herrschenden" Klasse vertretbar.
Es war eine "Klassengesellschaft" ohne eigentliche "Klassen" im marx'schen Sinne entstanden. Die Menschen unterschieden sich kaum noch durch ihren Besitz oder Nichtbesitz an Produktionsmitteln, sie waren alle gleich reich.(besser: arm!)
Wenn denn eine derartige Gesellschaft auf Dauer funktionieren sollte, müssten alle ihre Mitglieder stets zuerst das Allgemeinwohl im Auge haben, keinerlei egoistische Neigungen entfalten, auch keine besonderen, vor allem nicht vom Plan abweichenden Bedürfnisse besitzen, kurz: Alle gleich sein.
Da diese "Vermasssung" von den Gegnern und Kritikern des Marxismus -ja selbst von Freunden und Genossen in den eigenen Reihen- als Schreckgespenst angesehen wurde, ließ man auch keine Gelegenheit aus, gerade diesen Wesenszug des Sozialismus-Kommunismus abzuleugnen. Man verleugnete also schon in der Frühzeit die Notwendigkeit und Konsequenz des erklärten Zieles. Was ist aber eine Gesellschaftsform wert, die Untreue zu ihrer eigene Theorie zum Prinzip macht? Scheinbar ist das ein Wesenszug aller real erprobten Weltverbesserungsmodelle. Ein gewisser Grad an Untreue gegenüber den eigenen Maximen ermöglicht offenbar überhaupt erst den praktischen Versuch.

9.2    Arbeitskräftemangel und Zwangsarbeit

Der sog. Arbeitskräftemangel zog sich schon seit frühester Zeit sozialistischen "Wirtschaftens" wie ein roter Faden durch die reale Produktion. Dabei ist gerade dieses Phänomen so recht dafür prädestiniert, die Unmöglichkeit der Realisierung des sozialistischen Gedankengutes zu demonstrieren.
Wie entstand der Mangel an Arbeitskräften?
Ursprünglich gab es auch in der sowjetisch besetzten Zone (wie die nachmalige DDR bis 1949 genannt wurde) Arbeitslosigkeit wie überall im Nachkriegseuropa. Die von den Siegermächten, vor allem aber der Sowjetunion, demontierten Reste der noch betriebsfähigen  Industrie hatten Arbeitskräfte freigesetzt. Andererseits brauchten die zerstörten Städte, die daniederliegende Landwirtschaft  die menschliche Arbeitskraft in hohem Maße. Nur, es war kein Gegenwert für die Arbeit vorhanden. Es musste, sollte es wieder aufwärts gehen, zuerst ohne Lohn oder zumindest gegen sehr geringes Entgeld gearbeitet werden.
Und das wurde in der allerersten Zeit auch getan!
So wurden, mit einer Kraftanstrengung, die historisch genannt werden darf, innerhalb weniger Jahre die schlimmsten Kriegsfolgen beseitigt, die Industrie wieder angekurbelt, die landwirtschaftliche Produktion wieder zu Erträgen gebracht.
Vollbeschäftigung  war angesagt. Und das in beiden Teilen Deutschlands.
Während sich aber in der Bundesrepublik die Arbeit sichtbar und zunehmend auch für jeden persönlich lohnte, das Erhard'sche Wirtschaftswunder sich unmittelbar im Lebenstandart der Bürger auswirkte, sollten die Menschen der Deutschen Demokratischen Republik auf das geschaffene gemeinschaftliche Eigentum stolz sein.Unter Zurücksetzung der eigenen Bedürfnisse hätte das aber einen weder damals noch später in weiten Kreisen vorhandenen, geradezu heldenhaften, Bewusstseinsstand gefordert. Die Unzufriedenheit wuchs.
Unverstand, Unkenntnis ökonomischer und massen-psychologischer Zusammenhänge und ein übersteigertes Macht- und Sendungsbewusstsein führten zum Bruch der Führungsschicht der SED mit dem Volk. Der Volksaufstand am 17.Juni 1953 konnte letztlich nur noch mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen werden.
Um die so mühsam wiedererrungene Macht nunmehr wirklich und dauerhaft zu erhalten, waren Zugeständnisse notwendig, die, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, durch keinerlei Leistungen gedeckt waren. (Die "gewährten"  bürgerlichen Freiheiten -so etwa die Reisefreiheit- wurden ohnehin später Schritt für Schritt, besonders drastisch nach dem 13.August 1961, wieder zurückgenommen)
Die Führungsschicht der sich zur Staatspartei entwickelnden SED sah sich mehr und mehr als echte Vertreterin der "herrschenden Klasse". Was sie sich in ökonomischer Hinsicht an Fehlgriffen leistete, entsprach zwar weitgehend den (persönlichen) Interessen der Angehörigen der Arbeiterklasse, nicht jedoch den Grundsätzen ökonomischer Vernunft.
Ein beredtes Zeichen für diese Behauptung ist das "Gesetzbuch der Arbeit", das  zwar enorme Rechte für die Beschäftigten einräumte, die Arbeits- und Leistungspflicht aber an fast unreale Bedingungen knüpfte. Recht hatte grundsätzlich der Werktätige in seinem Bestreben, von dem gemeinsam erarbeiteten Werten einen möglichst großen Teil ohne eigene Gegenleistung zu erhalten. "Im Wege" standen dem nur immer wieder die Leitungskräfte, deren Aufgabe es war, trotzdem möglichst gute Ergebnisse zu
erwirtschaften.
Diese "Leiterfeindlichkeit" des AGB wäre ja noch hinzunehmen, wenn es denn den ökonomischen Interessen der Betriebe und der Volkswirtschaft gedient hätte. Aber gerade  die Leiter waren es ja, die beauftragt waren, im Namen der "Arbeiterklasse" und in deren Interesse die Wirtschaft zu leiten.
Der Widerspruch also nur dieses einen Gesetzes: Arbeiterfreundlichkeit im persönlicher Vorteilsbildung, Arbeiterfeindlichkeit in Bezug auf die ökonomische Stärkung des Arbeiter-(und Bauern-)Staates.
Die hier am konkreten Beispiel gezeigte Desinteressierung weiter Kreise der
arbeitenden Bevölkerung an echten Leistungen führte letztendlich zu einem kaum noch zu beherrschenden Arbeitskräftemangel im produktiven Bereich. Verständlich, dass es sich dabei um vorwiegend schwere und/oder gefährliche Arbeiten handelte, die in der freien Marktwirtschaft durch entsprechende Löhne und dem weitestgehendem Einsatz der Technik gemeistert wurden.
Das Problem kannte STALIN schon. Er löste es auf seine Weise, da er, wie seine Nachfolger in fast allen sozialistischen Staaten auch, weder in der Lage  noch gewillt war, für derartige Arbeiten entsprechende Löhne zu zahlen oder teuere Technik einzusetzen.
Das Zaubermittel zur Lösung des Teufelskreises fand er in der Zwangsarbeit. Sie war hauptsächlich für politische Gegner, aber auch Strafgefangene aller Art, anzuwenden. Die dort eingesetzten Menschen büßten mit harter körperlicher Arbeit die Unfähigkeit des Systems, die eigenen Grundsätze zu realisieren.
Auch in der DDR waren die Strafgefangenen ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Ich entsinne mich noch der enormen Produktionseinbrüche, die bei bestimmten Industriezweigen, etwa der Braunkohlenindustrie, jedesmal dann auftraten, wenn wieder einmal -aus welchem Grunde auch immer- eine Amnestie ausgesprochen worden war. 
Zusammenfassend möchte ich sagen: In der Herrschaft der Arbeiterklasse gehören Arbeitskräftemangel ("Vollbeschäftigung" genannt) und Zwangsarbeit für missliebige Personen zusammen, wie die zwei Seiten einer Medaille.
Ergänzend sei aber, der Wahrheit zu Ehren, hinzugefügt, dass es selbstverständlich auch noch andere Methoden gab, schwere und unangenehme Arbeiten verrichten zu lassen:
So wurde bei fast jedem "Großbau des Sozialismus" auch an die Jugend appeliert, ihre Arbeitskraft gerade dort einzusetzen. Da der Einsatz aber (fast) freiwillig erfolgte, mussten entsprechende Angebote gemacht werden. Das war meist neben einer guten Bezahlung die Aussicht auf eine Neubauwohnung, der Erwerb der Fahrerlaubnis (=Führerschein, im normalen Leben nur mit langen Wartezeiten zu erwerben), oder die bevorzugte Belieferung mit anderen Mangelwaren. (Ferienreisen, vor allem ins Ausland,
Farbfernseher, Autos)
Insgesamt ist aber festzustellen, dass dieser beinahe marktwirtschaftliche Umgang mit den Menschen und ihrer "Ware Arbeitskraft" eher die Ausnahme, denn die Regel bildete. Ja, die Ausnahme bleiben musste. Hatte man nicht der Marktwirtschaft und ihrem Handel, eben auch gerade mit der Ware Arbeitskraft, abgesagt?

9.3 Eine Partei "neuen Typus"

Eine neue, eine andere Partei wollte sie sein, die "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands", deren Name schon aus Widersprüchen zur Realität bestand. Nichts gemein haben wollte man mit den "bürgerlichen" Wahlparteien der westlichen Demokratien.
Und so war sie es denn auch. Schon die Worte des Namens zeigten eine Entwicklung: "Sozialistisch", ja das war wohl noch das erklärte Ziel. In den letzten Jahren der DDR gefiel man sich jedoch zunehmend darin, die Mitglieder der Partei als "Kommunisten" zu bezeichnen, endgültig und nunmehr auch offiziell die Vereinigung mit der ursprünglich mitgliederstärkeren SPD vergessen machend.
"Einheitspartei", das deutete noch auf die Vereinigung der KPD mit der SPD im Jahre 1946 hin, sollte ursprünglich auch das Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands dokumentieren. Nunmehr war es auch so zu verstehen, dass es außer dieser SED kaum noch ernstzunehmende andere Parteien gab.
"Deutschlands". Auch hier die Andeutung des ursprünglichen Vereinigungszieles. Das hatte man längst über Bord geworfen, es sei denn als Vorstellung eines geeinten Deutschlands unter kommunistischer Flagge. Dafür gab es jedoch keinen irgendwelchen Realitätsbezug mehr. Insbesondere als sich die Marktwirtschaft der BRD zur sozialen Marktwirtschaft wandelte, hatte die DDR kaum noch etwas dagegen
zu setzen. Wurden doch die "sozialen Errungenschaften", auf die man ursprünglich so stolz gewesen war, besser und gerechter auch in der kapitalistischen BRD geboten.
Zudem noch besser gegen Mitnahmeeffekte abgesichert.
Gerade das Problem der Mitnahme eigentlich nicht zustehender Sozialleistungen wurde niemals auch nur erwähnt, obwohl es gerade in der DDR zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen führte.
Man sieht, dass es durchaus auch Diskussionsstoff innerhalb der sich so "geschlossen" darstellenden Partei gegeben hätte. Wie sah es aber aus?
Geredet wurde möglichst viel und lange, aber wehe, es wurde dabei auch etwas gesagt. Vielleicht gar etwas, was nicht ganz in der gerade geforderten Parteilinie lag! Im geringsten Fall war es dann ein "falscher Zungenschlag", im schwereren Fall trat ein sog. Parteiverfahren ein. Darunter war ein von der in der Kreisleitung installierten Parteikontrollkommission gesteuertes Strafverfahren zu verstehen, das in zusätzlichen Versammlungen, Protokollen und Parteistrafen bestand. Die schwerste Parteistrafe war
der Ausschluss. Das hätte ja niemand übermäßig getroffen, besonders wenn der Straffällige ohnehin nicht mehr mit der Parteilinie einverstanden war, aber es hing damit in unzähligen Fällen auch der Verlust des Arbeitsplatzes zusammen.
Damit es richtig verstanden wird: selbstverständlich gab es keine Arbeitslosen, auch nicht, wenn die Betreffenden aus der Partei ausgeschlossen worden waren. Sie hatten dann eine andere, meist schlechter bezahlte oder unangenehmere Arbeit zu verrichten um sich "zu bewähren" und "von der Arbeiterklasse zu lernen".
Die Herrschaft der Parteihirarchie durfte in keinem Fall angetastet werden. Da halfen auch die so oft zitierten LENINSCHEN "Normen des Parteilebens" nichts, die eigentlich die innerparteiliche Demokratie gefordert hätten. Diese bestand aber praktisch nicht. Die Führungskräfte waren allenfalls in den unteren 2, maximal 3 Stufen kritisierbar. Weiter nach oben war bestenfalls noch persönliche Kritik bei erwiesenermaßen "unmoralischem" Verhalten möglich. Auf keinen Fall jedoch, wenn es die Linie der Partei oder deren Durchsetzung betraf.
Deutlich wurde das auch bei den Parteiwahlen, die in der unteren Ebene aller 1-2 Jahre stattfanden, in den mittleren Ebenen noch aller 2-3 Jahre, an der Spitze jedoch nur zu den Parteitagen.
Das Wort "Wahlen" ist aber irreführend. Wählen heißt auswählen. Eine Auswahl an Kandidaten gab es jedoch nie. In den unteren Ebenen, wo es sich nur um "Ehrenamtliche" handelte, ohnehin nicht -wer bewirbt sich schon darum, seine Freizeit zusätzlich zu belasten- war es oft schwierig, überhaupt Genossen für "Wahlfunktionen" zu gewinnen. In den mittleren und höheren Bereichen, also in der bezahlten Parteiarbeit wurden die Kandidaten, die dann auch auf alle Fälle gewählt werden mussten, weil es keine Auswahl gab, von dem jeweils höherem Gremium festgelegt und praktisch ernannt. So waren die häufig wiederkehrenden Parteiwahlen eigentlich nur geschaffen,
um -vor allem die mit der unmittelbaren Praxis des "entwickelten" Sozialismus konfrontierten kleinen Genossen- in Bewegung zu halten und auch mit Hilfe der dabei ausufernden Bürokratie wirkliche, gar konträre Diskussionen zu vermeiden.
Dabei war man bemüht, wohl ahnend, dass auch an der "ideologischen Front" Auflösungserscheinungen auftraten, gewisse Ventile zu aktivieren.
Ein beliebtes Mittel waren die sogenannten "persönlichen" Gespräche, die anlässlich der periodisch angeordneten Mitgliedsbuch-Umtausch-Aktionen von den jeweils vorgesetzten Genossen- natürlich in einer Kommission- mit den nachgeordneten Mitgliedern zu führen waren. Die "aufgeworfenen Fragen" waren dabei entweder sofort zu beantworten oder der nächsthöheren Leitung - möglichst den sog."staatlichen Leitungen", zur Klärung vorzulegen. Das war die besonders bequeme Form, hatten doch die Parteileitungen ein Kontrollrecht gegenüber den Wirtschaftsleitern, konnten so also wieder einmal ihre Macht demonstrieren.
Natürlich darf man nicht denken, dass dabei tatsächlich Veränderungen eintraten. Das war nach Lage der Dinge auch gar nicht möglich: Wirkliche Veränderungen hätten ja die Aufgabe der "führenden Rolle" der Partei und anderer heiliger Grundsätze bedeutet und damit das System als solches in Frage gestellt.
Schwierig war der Umgang mit den auftauchenden Fragen allemal, war doch in diesen Befragungen tatsächlich den befragten Mitgliedern absolute Redefreiheit zugesichert und im allgemeinen auch eingehalten. Aus persönlicher Erfahrung, gemacht bei der letzten, nicht mehr abgeschlossenen Umtausch-Aktion, gebe ich hier einmal einige der gravierendsten und gefährlichsten Fragen wieder. Zu bemerken ist dabei, dass sie eigentlich alle aus Sorge um den Fortbestand des Sozialismus gestellt wurden, wohl kaum aus echter Gegnerschaft zum bestehenden System. Da aber die einfachen Genossen praktisch gegenüber der
sonstigen Bevölkerung keinerlei Privilegien besaßen, spürten sie tagtäglich die Unvollkommenheiten des "entwickelten" Systems des Sozialismus am eigenem Leibe.
Hier also einige Fragen, die in der letzten Umtauschaktion 1989 so oder ähnlich fast überall auftauchten:
-Warum ist der Satz "von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" nicht mehr so aktuell, wo doch die UdSSR gerade jetzt Reformen vornimmt?
-Warum wurde die sowjetische Zeitung "Sputnik" verboten?
-Warum hält man, obwohl die Verschwendung unübersehbar ist, an den
Subventionierungen des Grundbedarfes so eisern fest?
-Warum gibt es die Exquisit- und Delikatläden, wo wir doch eigentlich allen die Vorzüge des Sozialismus bringen wollen?
-Warum wird die gesamte Baukapazität nach Berlin gebracht, obwohl fast überall Wohnungsnot herrscht?
-Warum werden durch die -auch für unterbelegte Wohnungen subventionierten- Mieten keine Anreize zum Umzug einzelner Personen aus großen Wohnungen geschaffen?
-Warum sollen nur in Berlin die "Vorzüge des Sozialismus" elebbar werden? (Und in Berlin auch nur in Marzahn und einigen anderen Neubaugebieten)
-Warum gibt es noch nicht einmal Reisefreiheit innerhalb des Sozialismus, warum wird sie durch allerlei Polizeivorschriften praktisch auch noch beschnitten?
Vollständig ist diese Liste nicht. Es ist nur das, was mir als wesentlichstes in
Erinnerung blieb. Ich war als "ehrenamtlicher" APO (Abteilungs-Partei-Organisations) -Sekretär verpflichtet, mit einer Kommission die Befragung der "einfachen" Genossen vorzunehmen.
Für den Uneingeweihten interessant ist, was dann mit den Fragen geschah:
Als erste wurde ich (als APO-Sekretär) gefragt, was ich geantwortet hätte. Da es aber Grundfragen der Politik der Partei waren, konnte ich sehr oft auch keine Antwort geben. ( Und das vor allem auch deshalb, weil sich die gleichen Fragen mir selbst stellten) Für diese ungeklärten Fragen wurden dann Formulierungen gesucht- und gefunden, die alles andere als eine Kritik an der Politik der "Partei der Arbeiterklasse" darstellten. Es wurde dann, von "einzelnen Unklarheiten" unter den Genossen gesprochen, die mit "der
Kraft der Partei und des Kollektives" einer Kläung zuzuführen wären. Tatsache ist, dass von den wirklich entscheidenden Fragen wohl kaum eine bis zur Kreisleitung, geschweige den höher hinauf bekannt wurde. (Bezirksleitung, Zentralkommitee)
Die Parteibürokratie hatte es wieder einmal geschafft, die "führenden Genossen" in Sicherheit zu wiegen, die ernsten Kritiken an der realen "Durchführung" des Sozialismus als "einzelne Unklarheiten" abzutun.
Die wirklichen Sorgen und Nöte der Bevölkerung -die einfachen Genossen
eingeschlossen- waren der Parteihirarchie- also den bezahlten Mitgliedern der Partei, die sich als "Parteiarbeiter" als zur herrschenden Arbeiterklasse zugehörig zählten, nicht bekannt.
Sie hatten ihre eigene Versorgung aus abgeschirmten Läden, in denen der Slogan: "Haben wir nicht" unbekannt war, sie hatten ihre eigenen Ferienheime mit gehobenem Niveau, deren Inneres sorgfältig vor den Blicken der normalen Urlauber geschützt wurde, ja sie zahlten noch nicht einmal die hohen Mitgliedsbeiträge, die manchen Genossen jeden Monat die Zornesröte ins Gesicht trieben (bis zu 3% des Bruttolohnes!)
aus der eigenen Tasche. Sie erhielten diese Beiträge als Gehaltszulage!
Ob aber, wenn die Sorgen der einfachen Parteimitglieder bekannt gewesen wären, Veränderungen möglich und real gewesen wären, darf bezweifelt werden.
In 40 Jahren DDR, in über 70 Jahren Kommunismus in Russland und der Sowjetunion hatten sich feste, betonartige Strukturen innerhalb der kommunistischen Parteien herausgebildet. Ohne Aufgabe des Ganzen waren kaum noch Veränderungen möglich.
Als sich die Partei unter dem Druck hunderttausender einfacher Menschen, darunter nicht weniger kleiner Genossen, endlich zu Kompromissen auch innerhalb ihrer eigenen Strukturen gezwungen sah, war die Zeit der Herrschaft mit und für die Arbeiterklasse, vor allem aber über den Staat, bereits vorbei.

Ich habe in diesem Abschnitt die typischen Worte und Redewendungen in Anführung gesetzt, um zu zeigen, wie weit man sich sogar im Gebrauch der deutschen Sprache von
den normalen Menschen entfernt hatte.

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