7.6 Oekonomische Fehlgriffe
Es ist schon etwas Eigenartiges um die Ökonomie, vor allem um die des Sozialismus.
Einesteils wollte man die Wirtschaft ankurbeln, andererseits sollte dabei dem
Bestreben, mit möglichst wenig Arbeit zu möglichst großem Wohlstand zu kommen, und das bei der breiten Masse der Bevölkerung, nicht zu viel im Wege stehen.
Das mag ja auf den ersten Blick nicht als Widerspruch erscheinen, aber wenn dieses Bestreben als Maxime allen zugestanden wird, dann ist eben auch das beste "Lehrbuch der politischen Ökonomie des Sozialismus" nicht mal das Papier wert , auf dem es gedruckt wurde.
Es begann alles eigentlich mit dem Geld, dem "allgemeinsten Äquivalent" nach KARL MARX. Nun hätte man ja darauf vertrauen können, dass der Wert eben dieses "allgemeinsten Äquivalentes" sich von selbst auf die Tauschwerte einpegelt. Bei der noch geringen Arbeitsproduktivität und den geringen Kapitalwerten der ersten Nachkriegsjahre hätte diese sich so selbst produzierende Wahrheit das Elend und die weitere Verarmung aller derjenigen bedeutet, die weder Kapital besaßen, noch arbeiteten (aus welchem Grunde das auch immer sein mochte).
So kam es denn, dass man eine Anleihe bei der Naziökonomie machte, d.h. eine nicht konvertierbare Währung schuf (1948).
Die "Vorteile" lagen auf der Hand: Man konnte beliebig Preise und Löhne festsetzen, je nach den augenblicklichen Gegebenheiten und den politischen Erfordernissen. So war es möglich, über Jahrzehnte die Preise der Grundnahrungsmittel und der übrigen Grundversorgung der Bevölkerung so niedrig zu halten, dass absolut jeder sich alle die Dinge leisten konnte, die er zum unmittelbaren Überleben brauchte. ( So sie denn vorhanden waren)
Unter den Bedingungen der anfangs noch offenen Grenze zu Westdeutschland sah es dann so aus, als ob die DM-Ost tatsächlich einen höheren Wert als die DM-West hätte.
Aber die freien Wechselstuben Westberlins zeigten den wahren Wert dieses
"Geldes".(Der Kurs schwankte fast immer zwischen 5-7 Ost- für eine Westmark)........
Natürlich wurde das mit Hinweis auf die preiswerte Grundversorgung als
"Schwindelkurs" abgetan, wohl wissend- und verschweigend- dass es sich schließlich keine Wechselstube hätte leisten können, einen anderen als den reinen Angebots- und Nachgfragekurs zu bieten....
Aber warum wurden denn so viel mehr Ost- als Westmark den Wechselstuben angeboten?
Der Grund lag einfach darin, dass man für die Westmark eben alles frei erwerben nkonnte, dass ernsthafter Mangel sehr bald völlig unbekannt wurde, weil die Preise sich nach Angebot und Nachfrage richteten, und nicht nach politisch vorgegebenen Zielen.
Mag man das als einen ökonomischen Fehler ansehen- ich bin eher geneigt, in der Nichtkonvertierbarkeit der Währungen in den sozialistischen Ländern eine Systemeigenschaft zu sehen, ohne die es dem Sozialismus nicht einmal das knappe dreiviertel Jahrhundert zu überleben möglich gewesen wäre. Schließlich hätte man dann ja nicht nur die Grundversorgung der eigenen Bevölkerung subventioniert, sondern die Subventionspreise hätten den Nachbarstaaten, vor allem den kapitalistischen, genutzt.(oder auch nicht, weil sie z.B. deren Landwirtschaft ruiniert hätten)
Und diese Unterstützung der Preise der Grundversorgung fiel immer schwerer, hatte man sich doch im Laufe der Jahre, statt die erreichten
Arbeitsproduktivitätssteigerungen in sinkenden Preisen weiterzugeben, dazu
entschieden, gezielt die Löhne für diejenigen zu erhöhen, die gerade am dringendsten in der Volkswirtschaft gebraucht wurden. Das provozierte ein beständige Fluktuation von Arbeitskräften, machte weitere Vergünstigungen zwingend, wenn diese Wanderungen nicht mehr anders aufzuhalten waren. Und das geschah dann auch schon auch mal ohne die dafür eigentlich erforderliche Produktivitätssteigerung.
Die Folge war, dass, wenn auch anfangs verhältnismäßig langsam, aber eben doch, der "Wert" des Geldes sank. Das durfte aber- schon aus politischen Gründen, hatte man doch immer wieder als einen der Vorzüge des Sozialismus die Geldwertstabilität gepriesen, nicht ruchbar werden. Mit steigendem Kraftaufwand wurden so die Preise der Grundversorgung gehalten- auch um den Nachteil, dass entsprechend alle anderen Dinge weit über ihrem Wert eingestuft werden mussten, wollte man wenigstens im
Inland die Parität waren. Das Ende sah so aus, dass nichts mehr kostete, was es kostete, das Geld also vom "allgemeinsten Äquivalent" zur reinen Verrechnungseinheit, dargestellt in geldähnlichen Stücken, verkommen war.
Und es war maßlos: Schließlich wurde fast der ganze, durch die vielen dämpfenden Faktoren ohnehin nicht allzu große Gewinn der Volkswirtschaft, zu diesen sinnlosen Stützungen verbraucht. Investitionen kamen kaum mehr in Frage, außer wenn es sich um solche in die Landesverteidigung handelte. Das hatte einen beispiellosen Niedergang der gesamten Volkswirtschaft zur Folge, von dem der Mann auf der Straße noch kaum etwas ahnte. Nur einige höher Gebildete, die Einblicke in die tatsächlichen
volkswirtschaftlichen Zusammenhänge und Zustände hatten, ahnten, dass über kurz oder lang- aber vermutlich eher über kurz, das ganze System an sich selbst zugrunde gehen würde.
Nur wenige konnten sich ausmalen, welches Elend auf die Massen zukommen würde, ginge man diesen Weg "unbeirrt" weiter, wie das die "standhaften" Genossen forderten.
Von dieser Massenverelendung im Gefolge 45-jähriger Misswirtschaft hat uns Ostdeutsche schließlich nur die Tatsache bewahrt, dass es dem deutschen Volke gelang, die staatlich Einheit, eine Trophäe der Siegermächte des zweiten Weltkrieges, eben von diesen in den Wirren der weltweiten Auflösung der Machtblöcke zurück zu bekommen.
Der mangelnden Einsicht weiter Kreise der "herrschenden" Klasse, und der sie zu vertreten vorgebenden Partei, ist es zu "danken", dass , nachdem die ersten großen Investitionen getan waren, nunmehr auf das "Recht" an einem höherem Lohn für die (vermeintliche) Leistung gepocht wurde, nicht bedenkend, dass nur ständig neue Investitionen sichere Weiterentwicklung bedeuten.
Auf konkrete Fehlentwicklungen kann ich nur aus dem Bereich des (Eisenbahn-)Verkehrs eingehen, denn nur in diesem Bereich besitze ich das nötige Insiderwissen, um konkret die Auswüchse sozialistischen Wirtschaftens schildern zu können.
Aber gerade hier waren sie gravierend und folgenschwer, war doch der
Eisenbahnverkehr das Rückgrat des Verkehrs in der DDR überhaupt. Anfangs wurden auch in den Schienenverkehr zum Wiederaufbau erhebliche Investitionen eingebracht.
Die hohen Kosten und der Verbrauch an Baukapazität, ließen jedoch die begonnene Entwicklung langsamer werden. Der Wiederaufbau z.B. der zweiten Gleise verzögerte sich. Die Elektrifizierung, bereits 1954 mit einigen (schon vor dem Krieg elektrisch betriebenen) Strecken begonnen, machte anfangs gute Fortschritte. Das reichliche Angebot sowjetischen Erdöls durch die neue Pipeline und die Festlegungen des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe", führten jedoch zum Stop der Elektrifizierung der
Eisenbahn. Die Folgen für die Volkswirtschaft wurden erst Jahre später deutlich, als die Erdölpreise weltweit in ungeahnte Höhen kletterten. Schließlich sah man sich gezwungen, die eingefrorene Elektrifizierung mit fast 10 Jahren Zeitverlust dann doch noch fortzusetzen.
Oder der Ausbau der Streckenkapazität überhaupt: Der Aufbau war, wie schon gesagt, teuer, und bei dem ständigen Mangel an Material und Arbeitskräften (der zum größten Teil hausgemacht war) langwierig und nicht immer populär. So glaubte man, mit der Übernahme des sowjetischen Dispatchersystems das Problem lösen zu können.
Welches Unrecht man den Eisenbahnern zufügte, die in diesem System arbeiteten, will ich hier kurz darstellen:
Die Streckenkapazität reichte bei weitem nicht aus, um einen reibungslosen und schnellen Transport zu gewährleisten. Das konnte und wollte man aber dem schon hin und wieder wegen der dauernden Verspätungen im Reiseverkehr laut murrenden Reisenden nicht eingestehen. Viel weniger noch der Berufsgruppe der Lokführer, deren Dienstzeiten alles bis dahin dagewesene übertrafen.
Ein willkommener Sündenbock war der Dispatcherdienst und vor allem die darin Beschäftigten. Waren sie doch nach Auslegung der Partei keine Arbeiter -und somit über jede Kritik erhaben-, sondern Angestellte, obwohl sie im Schichtdienst unmittelbar an der Organisierung der Produktion arbeiteten.
So wurde für die Reisenden das Ventil des "Eingabenerlasses des Staatsrates", für die Lokführer und alle anderen unzufriedenen Eisenbahner das der sog. "Notizen zum Plan" geschaffen. Jeder "durfte" seiner Unzufriedenheit Ausdruck verleihen. War es nicht gerade so formuliert, dass die Politik der Partei und des Staates direkt angegriffen wurde, mussten diejenigen, die den Missstand zwar nicht verschuldet, aber damit zu tun
und sich selbst herumzuplagen hatten, Rede und Antwort stehen. Und wehe, sie enthüllten die wahren Ursachen der Verkehrsmisere! Da die Dispatcher
diese natürlich sehr genau kannten, wurde alle Kraft dafür verwandt, in ihnen ob ihrer "ungenügenden" Leistungen immer wieder ein schlechtes Gewissen aufzubauen.
Der hohe Anteil an Genossen der SED, entstanden durch ein strenges
Auswahlverfahren in diesem Bereich, erleichterte das etwas. Sie waren der
"ideologischen Arbeit" der Partei mehr noch als die parteilosen Kollegen ausgeliefert. Fanden sich dann trotzdem einige, die diese Ehrabschneiderei nicht mitmachen, oder die dauernden Vorwürfe auf sich sitzen lassen wollten, wurden sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, bis hin zu entehrenden Auslassungen in der Eisenbahnerpresse ("Fahrt Frei"z.B.) mundtot gemacht bzw. der Unwahrheit bezichtigt.
Und ich weiß, wovon ich spreche. Einige meiner Artikel in der Fachzeitschrift des Eisenbahnbetriebes ("Die Eisenbahnpraxis") mussten solange geändert werden, bis auch die kleinste Kritik an der Verkehrspolitik der Partei und des Staates verschwunden war.
Soweit nur diese kleinen Beispiele.
Schließlich ist es sicher nicht einfach, eine völlig neue Wirtschaftsform -noch dazu ohne Vorbild- aufzubauen. Aber die grundlegenden Erkenntnisse eben auch und vor allem der eigenen Philosophen hätten eigentlich vor diesem Experiment warnen müssen, anstatt es zu begründen.
Die Annahme, dass sich die Grundeinstellung der Menschen so gravierend ändern könnte, dass das Allgemeininteresse alle anderen Bedürfnisse als unwichtig und klein erscheinen ließe, war schlicht falsch.
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