kapitel10


10. Der "rote Adel"

Es ist schon eigenartig: Hat sich erst einmal eine Macht etabliert, und das ganz besonders in einer Diktatur, so sucht sie diese über den Tod der Mächtigen hinaus in der Gruppe, möglichst sogar innerhalb der Familie, festzuhalten.
Auch die sozialistisch-kommunistische "Diktatur des Proletariats" machte da keine Ausnahme. Ursprünglich wurden die Begabtesten aus der Klasse der ausgebeuteten zu deren Führern, sogar Bürgerliche und Teile der Intelligenz fanden sich zu Leitungsaufgaben in der Arbeiterklasse bereit. (Gerade sie wurden aber beargwöhnt, misstrauisch beobachtet und schließlich von der Macht entfernt, um als Ersatz dann "zuverlässige" Leute an deren Stelle zu setzten.) Wer aber war zuverlässig? Von vornherein über (fast) jeden Zweifel erhaben waren natürlich die Kinder der Mächtigen selbst. Schon der geringste Zweifel an deren Loyalität war selbstzerstörerisch für jeden Kritiker.
Langsam, anfangs fast unmerklich, bildete sich schließlich eine erbliche Macht heraus, deren Vertreter über eine gediegene Halbbildung, erworben vor allem an Parteischulen, verfügten. Ihr Ein- und Durchblick in echte wirtschaftliche und politische Zusammenhänge war aber durch die selbst errichteten Erkenntnisschranken fast immer begrenzt.
Fehlschläge blieben deshalb nicht aus. Entwicklungen wurden nicht richtig interpretiert und schon überhaupt nicht real vorausgesehen. Das Misstrauen gegenüber dem "Klassenfeind", der eigenen Bevölkerung und sogar
den eigenen Genossen wuchs. Beileibe aber nicht das in die eigenen Fähigkeiten: Die erbliche Führungsschicht hielt sich für unfehlbar. ("Die Partei, die Partei, die hat immer recht"- so der Text eines "Arbeiterkampfliedes").
Kritik an Führungsstil und -leistungen war gefährlich. Die "führenden Genossen" hielten sich für absolut unfehlbar, bis sie die harte Wirklichkeit überfuhr. Dann wurde versucht, alte Fehler zu korrigieren, wobei meist neue gemacht wurden. Eine "Fehlerdiskussion" wollte man jedoch immer vermeiden. Das Volk hatte dankbar zu sein, dass es der "Klugheit und Weisheit" der Partei und ihrer Führer selbst auffiel, wenn etwas im Argen lag, dass etwas verändert werden musste. Kritik war allenfalls an unteren Wirtschaftsführungen, jedoch niemals an der Partei, den "Massenorganisationen" oder gar staatlichen Organen als solchen erlaubt. Hin und wieder durften kritische Hinweise über einzelne Mitarbeiter gegeben werden, selten gab es ein Bauernopfer. Kurz, der Unfehlbarkeitswahn, der den "roten Adel" umgab, war fast größer als der, den der echte Adel jemals für sich in Anspruch genommen hatte.
Wenn nun aber keine leiblichen Erben der Ideen vorhanden sind, ja sich nach eigener Überzeugung noch nicht einmal aus dem Kreise der engsten Freunde ("Kampfgefährten" nannte man das) Erben leiblich oder ideell finden lassen- nun, dann bleibt man eben selbst an der Macht- bis der eigene Tod die Nachfolgefrage unerbittlich stellt.

Bleibt die Frage zu beantworten: Ist das Herausbilden eines erblichen "roten Adels" eine Fehlentwicklung- oder ist es systemimmanent?
Ich glaube, das Letztere ist der Fall. Und damit sollte es als ein weiterer Grund für das Scheitern des Sozialismus erkannt werden. Es war eine schleichende, erst mit der Zeit wirkende Krankheit.
Der Begriff des "roten Adels" hatte sich übrigens nicht nur aus Ärger über die Erblichkeit der Macht herausgebildet, sondern vielmehr aus Unmut über die Lebensweise der "führenden Genossen" selbst.
Was diese sich nicht schämten der staunenden Bevölkerung an Lebensart vorzuführen, grenzt schon manchmal ans Unglaubliche, um nicht zu sagen, Groteske. Man denke nur an die "Staatsjagten", die "Staatsempfänge", die "Gästehäuser", die vielen kleineren und größeren "Feiern", die auch die unbedeutendsten Machthaber bis hin zum kleinem Parteisekretär (nur die hauptamtlichen selbstverständlich!) ausrichten ließen. Da war an Getränken und Speisen immer alles da, auch das, was es gerade nicht in den Läden zu kaufen gab- und irgendetwas fehlte ja immer. Oft hatte man den Eindruck, es werde absichtlich gezeigt, was den Herrschenden für Möglichkeiten gegeben waren. Oder wussten sie wirklich nicht, dass die Versorgung von einem Engpass zum nächsten wankte?
Jedenfalls wurde der Abstand, den der Adel, ganz gleich welcher Farbe, nun einmal vom Volk hat, auch auf diese Art demonstriert. Schließlich kamen die vielfältigen Privilegien hinzu, die man sich zu verschaffen gewusst hatte. Das ging über besondere Ferienheime, die ganz anderen Standart zu bieten hatten als selbst die besten FDGB-Heime (Ferienheime des
Gewerkschaftsbundes), über Bevorzugung bei der Belieferung mit Industriewaren, auf die der Bürger oft jahrelang warten musste (z.B. Kraftfahrzeuge) bis hin zu besonderen Einkaufsmöglichkeiten, die in den Gebäuden höherer politischer Leitungen eingerichtet waren, selbstverständlich für den Normalbürger unsichtbar und unerreichbar, und die ein Sortiment führten, das genau die Dinge enthielt, die dauernd oder gelegentlich knapp waren (z.B.Südfrüchte, Spargel, Aal, Pilze u.v.a.m.).
Ein Kuriosum sei hier noch am Rande erwähnt. Die hauptberuflichen Parteifunktionäre waren, um alle Vorteile ausschöpfen zu können, nicht nur als "Parteiarbeiter" in die Arbeiterklasse integriert, sondern bekamen den monatlichen Parteibeitrag, der mit bis zu 3% des Bruttolohnes doch schon ganz erheblich zu Buche schlug, ersetzt!
Selbst bei derartigen Nebensächlichkeiten wurde also fein säuberlich zwischen dem einfachen Parteivolk und der herrschenden Schicht getrennt. Und das in einer Partei, die sich kommunistisch nannte und die Gleichheit aller Menschen auf ihre Fahnen geschrieben hatte! Nicht einmal bei ihren eigenen Mitgliedern war sie in der Lage, diesen Anspruch zu realisieren.
Hinzu kamen die Titel.
Dass jeder wirkliche Genosse als solcher anzusprechen war, ist wohl selbstverständlich. Völlig absonderlich aber wurde es, wenn auch Nichtmitglieder der Partei sich als Genossen ansprechen lassen mussten. So gab es z.B. den Genossen Polizist, Genossen Offizier, ja selbst die einfachen soldaten wurden so angesprochen,  ebenso wie den Leiter überhaupt -immer unabhängig von der Parteimitgliedschaft!- Natürlich wollten alle die Parteigrößen, angefangen vom kleinen Gruppensekretär, als solche angesprochen werden.
Dass man dabei, im Zuge der Herausbildung des "roten Adels" vom ursprünglichen, verbindenden "Du" wieder zum abständlichen "Sie", angereichert möglichst noch mit anderen Titeln, zurückgekehrt war, bedarf wohl nun keiner Erwähnung mehr.

 

----------------------------------------------------------------------Anhang


Es ist keinesfalls so, dass KARL MARX als erster versucht hätte, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern. Das hatten vor ihm schon einige andere erprobt, die Gruppe der Religionsgründer. Es mag eigenartig erscheinen, hier gläubige Menschen mit dem erklärten Atheist MARX auf eine Stufe zu stellen, bei genauer Betrachtung zeigen sich aber außer oberflächlichen Unterschieden auch zahlreiche innere Gemeinsamkeiten.
Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie dem einfachen Menschen in dieser oder jener Welt Besserung versprachen, dass sie aber, von begrenzten Ausnahmen abgesehen, dieses Ziel, zumindest auf Erden, niemals realisieren konnten. Zu groß waren immer wieder die Gegensätze zwischen den gemeinschaftlichen Interessen und den persänlichen Bedürfnissen.
Um die Menschen dennoch dabei zu halten, blieb in allen realisierten Fällen nur die Abschottung des Systems gegenüber der Außenwelt. Nur so konnte die "Einsicht in die Notwendigkeit", die schließlich LENIN endgültig als "Freiheit" formulierte, auch realisiert und durchgesetzt werden.
Schon JESUS CHRISTUS konnte, ebenso wie KONFUZIUS, BUDDA oder MOHAMMED, seine Ideen nur in der kleinen Gruppe der "Jünger", unter seinen Nachfolgern dann der Mönche und Nonnen, realisieren. Nur in Klöstern, bestenfalls noch in kleineren, fast abgeschlossenen Dorfgemeinschaften, oder anderen ähnlichen, nicht offenen Systemen ist eine Realisierung all dieser Weltverbesserungsmodelle, zumindest teilweise, möglich.
Das -natürlich nicht erstrebte oder beabsichtigte- weltgeschichtliche Verdienst der Verwirklicher des Sozialismusmodells besteht wahrscheinlich in der Demonstration der Unmöglichkeit der Realisierung solcher Systeme im Großmaßstab.


Schon allein wegen der dazu notwendigen, mit der Würde des Menschen unvereinbaren absoluten Abschottung

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