1. Arm und Reich-
Arme und Reiche hat es schon immer gegeben, und ebenso steht fest, dass in der Geschichte der Menschheit immer wieder Heilsbringer aufgetreten sind, die eben diese Wahrheit bestritten, oder diese Tatsache zu verändern versuchten. Kollektiven Reichtum statt persönlichen schaffen wollten, und teilweise auch solche Modelle zu realisieren trachteten.
Zumindest in abgeschlossenen Räumen, Klöstern etwa, oder abgeschlossenen Dörfern, mag das auch hin und wieder gelungen sein. Mit unterschiedlichem Erfolg. Die meisten dieser Religions- oder Weltanschauungsbegründer versprachen ihren Anhängern als Ersatz für das ärmliche Leben ein freudvolleres nach dem Tode. Das wurde auch von der überwiegenden Mehrheit geglaubt und als Lebensmaxime angenommen.
Mit Entstehen des Industrieproletariats tauchte aber eine Massenarmut auf, der die religiöse Heilslehre nicht mehr glaubhaft genug erschien. Sicher auch deshalb, weil mit dem Entstehen der großen Industrie auch die naturwissenschaftlichen Grundkenntnisse in weiten Teilen des neuentstandenen Industrieproletariates verbreitet wurden. Und die
Religion tat sich schwer, darauf schlüssige und allgemeinverständliche Antworten zu finden.
Damit war die Zeit solcher materialistischen Philosophen wie KARL MARX und
FRIEDRICH ENGELS gekommen.
Im Gegensatz zu religiösen Heilslehren verbreiteten sie die Auffassung, dass mit der Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat nicht die materiellen Unterschiede in dem Sinne eingeebnet würden, dass sich alle einem Glück der Armut und Bescheidenheit hingeben sollten, sondern, dass vielmehr alle in größtem Reichtum leben würden.
Sinngemäß wäre das auf den einfachen Nenner zu bringen:
"Wenn wir den Reichen ihren Reichtum nehmen, sind wir alle reich."
Dieser Grundsatz beherrschte auch die Wirtschaftspolitik der DDR. Dabei wurde immer wieder der Neid angestachelt, weil für Versorgungsengpässe diejenigen verantwortlich gemacht wurden, die es, meist aus persönlicher Tüchtigkeit heraus, zu einem etwas höherem Lebensstandart als die große Masse gebracht hatten.
Dabei kam es zu kathastrophalen Irrtümern. So wurde die Verstaatlichung der nach der "Enteignung der Kriegs- und Naziverbrecher" - übrigens gestützt durch das Ergebnis einer Volksbefragung im Jahre 1946-, noch verbliebenen Privatindustrie laufend weiter vorangetrieben. Und das, obwohl gerade der Mittelstand zur Minderung der durch die Unfähigkeit der Planwirtschaft, alle Bedürfnisse der Menschen überhaupt zu erkennen, geschweige denn zu befriedigen, entstandenen Engpässe, nicht unwesentlich beitrug.
So war immer wieder festzustellen, dass sich die allgemeine Versorgungslage,
besonders bei den vielen kleinen Dingen des täglichen Bedarfs, nach jeder
Verstaatlichungswelle deutlich verschlechterte.
Dann mussten oft die unsinnigsten Argumente herhalten, um offenbare Planungsfehler oder in der Planung nicht berücksichtigte Hemmfaktoren und ihre Auswirkungen mit Argumenten zu kaschieren. Beliebtester Sündenbock waren natürlich die gerade Enteigneten, die angeblich durch
Schiebungen, Wirtschaftssabotage oder durch für persönliche Zwecke verbrauchten "Profit" die Missstände herbeigeführt haben sollten.
Solange es sich um mindestens mittelgroße Betriebe handelte, deren Besitzer persönlich den meisten Beschäftigten nicht bekannt waren, war das wohl auch noch machbar. Als aber die Verstaatlichungswellen immer kleinere Betriebe ergriffen, deren Besitzer persönlich meist als arbeitsame Fachleute bekannt waren, stieß diese Methode auf Schwierigkeiten. Die ungerechte Behandlung der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden erregte das Mitgefühl weiter Bevölkerungskreise.
Vor allem deshalb, also um einer Solidarisierung der Bevölkerung mit den Enteigneten zu begegnen, wurde eine Abfindung erfunden, ja die ehemaligen Besitzer konnten teilweise sogar als Werkleiter in ihren Betrieben verbleiben. Natürlich setzte eine unbarmherzige staatliche und parteiliche Kontrolle ein, die die ehemaligen Eigentümer entweder zu Marionetten des Regiemes machen oder doch noch zum Aufgeben zwingen sollte.
Viele konnten das nicht ertragen und zogen ihre, wie auch immer gearteten
Konsequenzen.
|