Abgrund
Aus den Tiefen deiner Wogen
Da will ich Dürstender trinken
Vertrauend der glänzenden Sehnsucht
Verloren im Überschwang
Gefangen dem Blick gefolgt
Ja, du träumendes Dunkelgrau
Ja, du Widerhall der Sphären Klänge
Ja, ich will
In des Dunkelmeeres unendlicher Weite
Will ich in die Helligkeit schwimmen
Vergessend daß die Wellen schweigen
Das Horizonte schwimmend nicht erklimmt werden
Mißachtend der tief lauernden Gefahren
Ja, du ewiger Puls der Gezeiten
Ja, du verschlingende Woge
Ja, ich will
Und auf windigen Wolkengründen
Will ich hinab aufs Werden sehen
Auf irdene Reste hinunter lächeln
Von Strömen gebrochenes Treibgut hinterher schauen
Erkennend daß auf Wolkenburgen niemand wacht
Ja, du Schwester des Sturmwindes
Ja, du treibende Wolkenböe
Ja, ich will
In schwindelerregenden Höhen dann
Vor den Stufen der letzten Pforte
Träumte ich nicht allein es zu durchschreiten
Gedanken verknüpfend mit dem ewigen Ort
Allein – der Ort war gähnend leer
Ja, du Schatten ohne Worte
Ja, der du umgekehrt bist
Ja, ich will
Ein letzter Blick zum geöffneten Spalt
Noch kehrt kein Echo von meinem Ruf
Die letzte Endlichkeit ist noch nicht abgeschlossen
Ein Atemzug um den letzten Geist zu vertreiben
Ein Atemzug noch um am Leben zu bleiben
„Vergiß mich nicht“
Verheißt die Kälte des Schweigens
„Vergiß mich nicht“
Dann schweigt auch dieses Schweigen
Ja, mein Abgrund
Ja, ich will
© Kai-Uwe Götz
Abschied
Ich wollte dir
Ganz Haut sein
Streichelzart
Dich umspannen
Fühlen
Doch Dein Herz ist längst
Verstummt
Es hat mich aus sich raus
Geschwiegen
So wurde ich nur ein
Schweres Seufzen
Zum Abschied
Einer Nacht
Und ich atme mich
Nackt und blutig
Neu
© Kai-Uwe Götz
Chatterleben
Die Kirchenglocken weckten ihn
Der Mund war ausgedörrt, der Kater riesengroß
Man kann etwas ändern an diesem Zustand
Z.B. Aufstehen, Duschen, Zähneputzen
Dachte er
Während er sich umdrehte und weiterschlief
Die Mittagssonne weckte ihn
Das Bett war verdreckt, der Raum stank
Man kann etwas ändern an dieser Wohnung
Z.B. Aufräumen, Lüften, Saubermachen
Dachte er
Während er sich umdrehte und weiterschlief
Die Unruhe weckte ihn
Die Sonne verschwunden, der Tag war vertan
Ich muß etwas ändern an meinem Leben
Z.B. Verlieben, Freuen, Glücklichsein
Wußte er
Während er aufstand und sich in den chat einloggte
Zwei Jahre später erschoß er sich
© Kai-Uwe Götz
Dein Leben
Du denkst du hast alle Leiden durchlitten
Alle Fehler bezahlt
Du denkst du hast alle Träume verfehlt
Alle Schuld von dir gewiesen
Dich dürstet nach dem Trunke der Wahrheit
Und doch trägst du den Namen der Lüge
Je mehr ich dir sage was du bist
Um so größer wird dein Haß
Auf das Wenige das du zu wissen glaubst
Gleich wie mir
Bist du ein Kind fremden Ursprungs
Und unsicheren Endes
Es gibt kein Entrinnen für dich
Was du beginnst
Ist dem Ende schon nah
Vergebens verschleierst du dein Antlitz vor meinem Blick
Und ich sehe wie sehr du gesunken bist
Bei deinem mühsamen Emporkriechen
Ich habe dich getrieben
Den Blick zu wagen
Um deine Heuchelei
Dir zu offenbaren
Um dir zu zeigen
Das in deinem Innern
Sich die Gesamtheit verbirgt
Und doch bin ich einsam
Werde beherrscht
Durch deine Angst
Ich habe dich getrieben
Den Blick zu wagen
Um dir zu zeigen
Wie allgegenwärtig dein Irrtum
Wie sehr du vorübergehst
An deinem Leben
An mir
Wie Treibholz in den Strudeln der Ausweglosigkeit
So trägt deine Zeit mich davon
Im Dunkeln deiner Vorsätze
Treiben meine Träume ins Leere
Was bleibt ist das Wasser
Das über deinen Abgrund tropft
Was bleibt ist der Wind
Der den Sand über dein Grab weht
Und mit dem Wind
Das Echo jedes einzelnen Schreis
Doch dein Schrei gilt es noch zu tun
Drum schrei endlich
Schrei um dein Leben
Schrei um mich
DEIN LEBEN
© Kai-Uwe Götz
Gewissen
Wie ein Schattenriß
Auf sumpfigen Pfaden
Schreitest du im finsterem Mitternachtslicht
Vorüber an Trümmern
Geplünderter Städte
Durch rostrote Lachen
Offenbart sich dir ein anrüchiger Ort
Du schleichst – Gespenstern ausweichend
Die ihr wachsbleiches Antlitz
In zitternden Handflächen vergraben
Innerlich alles verspottend
Und von innen längst verrottend
Despotische Sympathisanten gleich
Diktieren sie deine Gedanken
Gierig stieren dich frierend ihre Augen an
Augen erloschen vor stumpfer Scham
Spiegeln sie die Ruinen deiner Taten
Gleich den unheiligen Sakramenten
Blühen ihre gierigen Münder
In frohlockender Obszönität über dir
Wie angenommene Schuld
Kriechen ihre leblosen Küsse
Über deine Wangen
In solchen Nächten
In Träumen gleich Mooren
Die dich verschlingen
Rüttelt sie dich wach
Deine innere Leere
Und vom heftigem Schauder gepackt
Sinkst du auf die Knie
Vergräbst dein Gesicht
In tränennassen Handflächen
Still!
Hörst du das Kind
Das in dir
Um dich
Einsam weint?
© Kai-Uwe Götz
Glasaugen
Wenn du
Ein Messer nimmst
Dir die Arme zerschneidest
Um deine Gedanken
Die verzweifelt herumirren
Einen Ausfluß
Aus deiner Welt zu schaffen
Wenn du
Mit dem Schmerz
Sie wieder
An deinen Körper fesselst
Nur um nachzuschauen
Ob in dir drin
Wirklich rotes Blut ist
Und nicht nur
Weißes Schaumgummi
Wie bei deinen Stofftieren
Die dich vom Regal anstarren
Mit gläsernen Augen
Dann schaust Du aus wie sie
Denn in letzter Zeit
Wird es immer schwerer
Einen Unterschied zwischen
Deinem und ihrem Leben auszumachen
Gwuinevers Schicksal
Schau mich bitte nicht so an
Und glaube kein Wort von dem
Was ich dir heute Nacht sage
Von dem Himmel fallen silbern
Schwere Tränen auf unsere Welt
Berühre mich nicht heute Nacht
Wir werden heiße Tränen weinen
Sehnsuchtskrank Gedichte sprechen
Und hören, was wir dem anderen
Niemals wirklich sagen wollten
Nur die Nacht ist schuld daran
Die Träume werden zur Illusion
Ich werde mich in dir verraten
Mein trauriges Herz verspricht
Was es dir nie wird sein können
© Kai-Uwe Götz
Ich habe so viel verlernt
Damals kannte ich es noch
Als ich mit Schuppen und Kiemen
Durch alle Meere und Flüsse
Von Augenblick zu Augenblick glitt
In jedem Flossenschlag
Das Jetzt
Ich konnte es
Als ich pfotenleise
Im Geruch der Nacht
Die Beute suchte
Mit jedem Herzschlag
Mir selbst gegenwärtig
Jetzt gehe ich aufrecht
Und mit mir geht
Das Vorgestern und Gestern
Es flüstert mir in meinem Blut
Geheimnisvolle Ratschläge zu
Für das Morgen und das Übermorgen
Ich habe alle Sinne voll zu tun
Und muss mich rückwärts wenden
Um vorwärts
Stolperfrei gehen zu können
Doch wo ich gerade stehe
Das habe ich vergessen
© Kai-Uwe Götz
In dir
Du kennst mich und du fürchtest mich
In mancher Nacht besuche ich dich
Ich raube dir den sanften Schlaf
Mit meinen Gedanken spitz und scharf
Zerreiße ich dir deine Träume
In der Nacht da gehörst du mir
Denn ich bin das Böse in dir
Du siehst mein schreckliches Gesicht
Doch dein Gewissen schützt dich nicht
Es ist zu fein, es ist zu schwach
Mit meinen Händen kalt und hart
Umklammere ich dein Herz
In der Nacht da gehörst du mir
Denn ich bin das Böse in dir
Du gibst mir deinen Lebenssaft
Ich nehme ihn mir, er gibt mir Kraft
Du hältst nicht stand, ich bin zu stark
Mit meinem Inneren wüst und leer
Sauge ich sie ein, deine schöne Maske
In der Nacht da gehörst du mir
Denn ich bin das Böse in dir
Du flüchtest dich in guten Gedanken
Damit ich dir nicht schaden kann
Doch das hilft dir nur für kurze Zeit
Mit meinen Füßen schwer und groß
Zerstampfe ich deine Seelenruhe
In der Nacht da gehörst du mir
Denn ich bin das Böse in dir
Du liegst in deinem Bett allein
Kein Mensch will noch bei dir sein
Der deinen Schmerz zu lindern weiß
Mit meinen Lippen krank und heiß
Hauch ich den Todeskuß dir ein
In der Nacht da gehörst du mir
Denn ich bin das Böse in dir
Du brauchst mich doch, ich kenne dich
Liebst du mich, verabscheust du dich
Diese Fessel läßt dich nicht los
Mit meinem Körper fest und groß
Verschlinge ich dich, gebäre mich
In der Nacht da gehörst du mir
Denn ich bin das Böse in dir
© Kai-Uwe Götz
Meeresrauschen
Wie übersetzten sie doch berauscht
Die Sprache der tiedenden Wasser
Die Ahnen mit den Schreibfederseelen?
Dante, der die Hölle durchquerte
Um den Gestaden des Läuterungsberges zu lauschen
Stevenson, der mit der Ebbe flüchtete
Und den Schatz entdeckte
Melville, der dem Leviathan huldigte
Hemingway, der mit den Schwertfischen sprach
Ende, der sich neue Inseln ersann
Tolkien, der Luthien in Mandors Hallen am Westmeer
Zwischen ewiges Leben und Sterblichkeit wählen ließ
Ein Narr, der behauptet, das Meer sei stumm
Seine Winde drücken Geschichten in das Land
Ihre Lüfte sind so alt wie die Welt
Die Wasser wissen, wo die alten Zeiten den Heldentod starben
Wo ihre Spuren der Vergangenheit anheim gegeben sind
Sie warten darauf, ihre Geschichten zu erzählen
Ihre Weisheit in willige Ohren zu wehen
Sie wollen die Zeiten erklären, die sie geflutet haben
Inseln sind umgeben von Sprache
Aus der Brandung brüllen uns die Geschichten zu
Wir müssen sie nur verstehen wollen
Ihren Dialekt in Zeilen übersetzen
Ich sehe mich in den Dünen sitzen
Brüderschaft trinkend mit den Gezeiten
Bedächtig nippe ich an der Flut
Bis sie mir zu Kopfe steigt
Philosophiere mit der Ebbe über die Sehnsucht
Des täglichen Kommen und Gehens
Mit schwingendem Echo in den Ohren
Und Wellenstimmen in meinem Kopf
Meine Hand als Fahrtenschreiber der Wellenpoesie
Suche ich für das Meer die willigen Ohren
© Kai-Uwe Götz
Nachts
Nachts
Wenn du in Träumen liegst
Sammle ich deine Atemzüge
Auf meiner Feder
Verspinne sie
Mit meinen Gedanken
Zu geheimnisvollen Wörter
Schreibe daraus ein zartes Gedicht
Füge sanfte Liebkosungen ein
Benetze es mit deinem Duft
Lies es in den Momenten
Wo ich nicht da bin
Um die frierende Seele zu wärmen
Schlinge die Wörter mit deiner Zärtlichkeit
Um deinen Leib
Verknote es mit mir
Nachts
Wenn du in Träumen liegst
© Kai-Uwe Götz
Nachtstücke
Mit verlorengegangenen Träumen
Suche ich die Seelenfreiheit
Meines gefangenen Selbst
Das verborgen am Wegesrand
Zwischen Herzenswunsch
Und Lippenbekenntnis liegt
Ungeschriebene Worte
Unterdrückter Phantasiewelten
Eingesogen ins schwarze Nichts
Verschütten sie die Schönheit
Im dornigen Reich der Finsternis
Schmerzbewohnt die Sprache
Im Kältebad dunkler Monde getauft
Von toten Tagen getrübt
Tropfen mühsam die Wörter
Nicht vergessener Momente
Ins silberne Himmelslicht
Die Nacht und ich
Wir teilen uns denselben Raum
Im Echo alter Worte
Warte ich
Wissend daß ich
Zuviel vom Morgen weiß
© Kai-Uwe Götz
Seele der Erde
Die Seele der Erde ist wie ein blühender Kirschbaum
In blutigem Morast
In seinen Ästen sitzen fröhlich trällernd
Bunt schillernde Paradiesvögel
Die die Luft mit beißendem Verwesungsgeruch erfüllen
Ihre flinken messerscharfen Schnäbel
Putzen das zerzauste pestverseuchte Gefieder
Lassen blutbefleckte Federstücke
Auffliegen ins Zwielicht
Der blaßgelben Sonne die tief am Himmel steht
Die Weltordnung ist unter Trümmer begraben
Das Böse lechzt nach fruchtbaren Blute
Das die Äcker der Apokalypse düngt
Die Seele der Erde ist wie ein blühender Kirschbaum
In blutigem Morast
Unter dem sich die Liebenden
Nach inniger Umarmung
Zärtlich haßerfüllt die Augen ausstechen
Ehe ihre Haut in Fetzen verfault
Für die fetten Leichenmaden
Und die immerhungrigen Aasfresser
Bleibt nichts als schwarze Asche
Aus der die ausgestochenen Augen leuchten
Wie die frischen Blüten des Kirschbaums
Trotzend den letzten Frösten
Aus den leidüberladenen Nächten der Apokalypse
Die Seele der Erde ist wie ein blühender Kirschbaum
In blutigem Morast
Einstmals gepflanzt
Von erbkranken mutterlosen Mißgeburten
In mond- und sternenlosen gottverlassenen Nächten
Geweiht mit den verfaulten Gebeinen
Verstorbener Wahrheiten
Gesegnet mit dem Auswurf zerfressener Lungen
Bar jeder Vernunft und Hoffnung
Pumpen sie noch heute
Voller Mordgier und geiler Zerstörungswut
Fauliges Aas mit rasselndem Atem in sich hinein
Und würgen es halbverdaut
Wieder heraus aus dem blutverschmierten Rachen
Mit den gurgelnden Schmerzensschreien
Der vier Reiter der Apokalypse
Die Seele der Erde ist wie ein blühender Kirschbaum
In blutigem Morast
Der sich rauschend schüttelt
Im aufbrausenden Wind
Der zum gewaltigen Sturm anwächst
Ein flimmerndes federleichtes Meer
Von weißrosa Blütenflocken
Aus Unschuld und endlicher Reinheit
Auf das Land um und unter sich schneiend
Das so verzweifelnd an seinem Dasein trägt
Zeichen der Hoffnung und Zuversicht
Mahnung gegen den Haß und die Lüge
Treueschwur an das keimende Leben
Vorahnung ewiger menschlicher Werte
Und unter der Blütenpracht schlummert
Der Alptraum aus apokalyptischen Nächten
© Kai-Uwe Götz