Kimble- oder auch "der Perfekte"


Image Hosted by ImageShack.us


Image Hosted by ImageShack.us
Image Hosted by ImageShack.us
 
Image Hosted by ImageShack.us
Shot at 2007-06-26
Shot with E8800 at 2007-06-26


 


Nobody is perfect - but he was


Ich kam in den Stall von Peter Thomsen, weil der damalige Lebensgefährte meiner Schwester im gleichen Dorf wohnte. Als er hörte, dass ich unglaubliche Mengen Geld für eine Woche Reiterferien bezahlen musste, hat er den Kontakt hergestellt. Ich durfte tatsächlich "Am schwarzen Berg" Boxen misten, Pferde putzen, Schritt reiten, Hallenbande streichen und alles was mein Herz begehrte, ganz ohne was zu zahlen. Unglaublich, aber wahr.

Eine meiner ersten Aufgaben war es dann zwei dunkelbraune vierjährige Pferde auf der Teerstraße vorzutraben. (Eine Aufgabe, die mich damals fast überforderte, kam ich ja schließlich doch nur frisch aus der Reitschule...)

Der eine, genannt Activ, hatte große Kulleraugen, eine handliche Größe, war verschmust und einfach traumhaft, stieg mir auf der Straße aber auf den Zeh. Darum wählte ich, als es dann darum ging, welches Pferd ich reiten soll, den anderen, alles ankauenden Riesen Cimbell. (jaja, so dachte ich damals)

Das war die Geburt meiner Liebe zu diesem großartigen Kerl. Lustigerweise ist er in den folgenden 19 Jahren wohl an die 200 Menschen auf den Zeh gestiegen, denn eigentlich war das seine große Stärke, aber so ist das nun mal im Leben, das Schicksal macht was es will.

Von da an war Kimble "mein" Pferd, so oft ich bei Peter war, was jede Ferienminute war, schließlich wohnte er ja in Flensburg und ich in München. Von und mit ihm habe ich sehr viel gelernt, er war immer "der Erste" mit dem ich neue Sachen erleben durfte.

Z.B. das erste Mal, dass ein Pferd im Gelände im Galopp nicht durchging, z.B. das erste Mal alleine ausreiten überhaupt, z.B. der Galopp, bei dem ich das erste Mal das erhebende Gefühl kennen lernte, wenn ein Pferd richtig Gas gibt und sich dafür tiefer legt, z.B. der erste Sprung meines Lebens, usw.

Schon bald hatte ich den Entschluss gefasst, dass er eines Tages bei mir seinen Lebensabend verbringen würde. Wie man das halt so beschließt, wenn man 14 Jahre alt ist und ein Mädchen.

So verging die Zeit, er wurde ein durchaus erfolgreiches Vielseitigkeitspferd (er brachte es auf die Titelseite der St. Georg, bis zum Reservepferd bei den WEG in Den Haag, flog 1994 mit seinem Kumpel Activ nach Atlanta, gewann in Burg Eltz, usw.) und war deswegen permanent auf Diät, weil er ja so groß und dick war.

Im Sommer sah er jeweils großartig aus, ein Modellathlet, wie Kirsten ihn zu nennen pflegte.

Im Winter, mit seinem Eisbärenfell und riesigem Kopf und ohne Hals, erkannte ihn der Bundestrainer nicht mal.


Als er 11 Jahre alt war, verletzte er sich in der Führmaschine (ja, er war eben etwas dusselig) und schied deswegen aus dem Sport aus.

Bumm, da hatte ich es, kaum angefangen zu arbeiten, schon hatte ich ihn plötzlich gekauft.

Anstatt in eine eigene Wohnung zu ziehen, bezahlte ich nun 670 DM monatlich für eine Box und war wohl einer der planlosesten Erstpferdebesitzer, die es gibt. Immerhin lernte ich schnell, dass er nicht nur auf trockenes Heu allergisch ist, sondern auch auf Stroh, dass man Pferde alle 6 Monate impfen muss, dass es Wurmkuren gibt und dass man sich mit Stallbesitzern tierisch anlegen kann, wenn man seinem Pferd Gutes tun will, z.B. eine Außenbox, damit es nicht hustet.

Mein Vater flachste, dass ich, wenn ich so weiter mache, irgendwann einen Stall in Österreich haben würde, weil wir immer weiter raus aus München zogen.


An diesen Aufgaben wuchs ich, wurde quasi erwachsen, denn ich hatte ja jemand für den ich kämpfen musste.

 

Da er auch bei Peter schon immer ein Montagspferd war, ließen die Lahmheiten und Zipperleins nicht lange auf sich warten, aber trotzdem bekam ich durch seine Frührente ein leistungsfähiges und toll reitbares Lehrpferd, was ich sehr genossen habe.


Wir hatten unglaublich viel Spaß miteinander:

Als er (weil er schon seit 6 Wochen nur Schritt gehen durfte) völlig panisch wurde, wenn auf der anderen Seite der Halle ein Schecke (!!!!!!) entgegen kam, oder gar ein Norweger! Nur mit der Reitbeteiligung allerdings, mit der Besitzerin war der Norweger ungefährlich.

Als meine Freunde mir ein Wochenende in einem Hotel mit Stall schenkten, wo es eine Geländestrecke gab und er mir beibrachte, wie das geht mit den festen Sprüngen.

Als er in einen Offenstall umzog und wir dadurch viele sehr liebe Leute kennen lernten.

Als er mir die fast unmögliche Aufgabe stellte ihn zu clickern, obwohl er definitiv NICHTS ohne Auftrag macht.

Als wir bei einem stallinternen "Turnier" ein E-Springen bestritten und er trotz gehirnamputierter Reiterin einfach nur ein Superheld war, als er merkte, dass seine Reiterin noch nervöser ist als er.

Als er beim Ausritt so doll bockte, dass ich die Steigbügel oben am Fuß spürte und nur durch Zufall wieder auf ihm landete.

Als er tatsächlich das erste Mal den Kopf hob, um mich zu begrüßen, obwohl er grade was zu fressen hatte.

Als ich eine Springstunde bekam, bei der ich kapierte, wie das tatsächlich geht mit dem leichten Sitz über dem Sprung, weil er alles so perfekt und in Zeitlupe für mich machte.

Als er zufrieden wie nur irgendwas im Paradies in Rente ging und sein Leben mit seinen Kumpels genoss.

Als ich anfing ihn vom Boden aus zu fahren und er das machte, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht.

Als er als Therapiepferd dafür sorgte, das sich Menschen besser fühlen.

Als ich das 278. Mal nach einer Lahmheit mit wochenlanger Schrittpause die Zügel wieder aufnahm und er so laut "Hurra! Wir arbeiten was!" jubelte, dass die Wände wackelten.

Als ich irgendwelche Anfänger auf ihn drauf setzte und er in Zeitlupe trabte, damit niemand zu doll geschüttelt wird.

Als er links abbog, obwohl meine Mutter am rechten Zügel zog, aber sie konnte ja nur links meinen, wenn rechts der Zaun war.

Als ich endlich kapiert hatte, dass er keine Koliken hat, sondern nur hysterisch wird, wenn eine Hirschlausfliege auf ihm landet und ich also mit so einem Vieh ein wild um sich schlagendes Pferd "machen" konnte.

Als er mir glaubhaft versicherte, dass er unmöglich durch die wahnsinnig gefährliche Pfütze laufen kann und deswegen in schönster Manier drüber sprang. Auch noch 2 Tage, nachdem die Pfütze verschwunden war.

Als ich 20 Tage vor seinem Tod mit ihm über eine Wiese ritt und er wie vor 15 Jahren beim Galopptraining loslegte, genau wusste, ab wo man galoppieren sollte, sicher den Berg hoch, oder?

 

 

Es gab in den 12 Jahren die er bei mir war noch tausende solcher Momente, die ich nie vergessen werde.

Es war ne geile Zeit...

 

 

 

 

Die letzten beiden Bilder sind auch die letzten, die es von ihm gibt, ca 14 Tage vor seinem letzten Tag.

 




 



 

powered by Beepworld