Klaus Schmeing

     
 
 
     

Klaus Schmeing

 geb. Juli 1966 - Gladbeck

  Verheiratet- Vater zwei Kinder 

Erzieher in der Jugendhilfe - Betreutes Wohnen - Psychiatrie

Seit 2003 monatl. Lesung im Lokalfunk „Die Jungs können lesen“

Live-Lesungen im Ruhr-Gebiet

Veröffentlichungen in Anthologien vom Alheimer Verlag Nordhessen,

Verstärker-online-Magazin Berlin

Recklinghäuser Autorennächste der NLGR.

Zahlreiche Veröffentlichungen im Internet.

 


Kurzgeschichten

Tod auf Urlaub - Ansichten einer Alten Frau


 



Tod auf Urlaub

Ich war hoffnungslos überarbeitet. Mein Psychiater hatte mir dringend geraten mal auszuspannen. Dann habe ich Urlaub beantragt, ... und siehe da, auch bekommen.

Ich fuhr für ein paar Tage an die See. Und da das Wetter hervorragend mitgespielt hatte, nahm ich die Decke und legte mich an den Strand. Kommt ein rundlicher Herr mittleren Alters daher, entfaltet sein Bambusgeflecht neben mir und legt sich in den  Sonnenschein.

Ich spüre, wie seine Anwesenheit mich stört, aber ich ignoriere ihn und drehe mich ins Licht.

„Tschuldigung.“, kommt kurze Zeit später von ihm. „Würden sie mir mal den Rücken einreiben?“

Ich fühle mich nicht angesprochen. Dann höre ich: „Hey. ... Sie.“

„Meinen sie mich?“, frage ich ihn.

„Ja. Sie.“, er hält mir die Sonnenmilch hin. „Würden sie mir den Rücken eincremen?“

„Tu ich besser nicht.“, erkläre ich ihm und lege mich in die Sonne zurück.

„Von Hilfsbereitschaft haben sie wohl auch nichts gehört?“, beschwert er sich und schmiert sich die Oberarme ein.

„Glauben sie.“, erkläre ich. „Es ist besser, wenn ich es nicht tue.“

Unverständig schüttelt er den Kopf und schmiert sich das Zeug auf die Stirn. Dann legt er sich hin.

Ein Augenblick vergeht. Ich lausche den Geräuschen am Strand und genieße die wärmende Sonne in meinem Gesicht.

„Wieso haben sie mir den Rücken nicht eingecremt?“, kommt von der Seite. „Haben sie Berührungsangst? Wirke ich unästhetisch auf sie?“

„Nein, nein, keine Sorge.“, erkläre ich. „Hat wohl eher etwas mit meinem Beruf zutun.“

„So? Was machen sie denn?“

„Ich bin der Tod.“

„Der Tod?“

„Ja. Der Tod!“

Ich höre ein grinsendes Schnaufen. Dann setzt er sich. „Sie meinen sie sind der Tod.“

„Habe ich das nicht gesagt?“

„Sie meinen sie sind DER Tod?“

Allmählich fühle ich mich belästigt und sehe ihm entschieden ins Gesicht. „Habe ich das nicht gerade eben gesagt?“

Er kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Kopfschüttelnd lässt er sich auf die Decke zurück.

Hoffentlich hält er wenigstens jetzt die Klappe, denke ich mir, als er im selben Augenblick die nächste Frage stellt. „Wie arbeiten sie denn? ... Ich meine, wie machen sie die Leute tot?“

„Das ist nicht schwer.“, erkläre ich ohne die Augen zu öffnen. „Ich berühre sie einfach.“

„Berühren?“

„Ja. Antippen reicht.“, ich spüre, dass ein angespannter Ton in meinen Worten sich nicht mehr verhindern lässt.

Der Dicke richtet sich auf. „Dann haben sie ja eine ganze Menge zu tun, was?“ Der Klang seiner Stimme verrät, dass er mich nicht ernst nimmt.

„Warum reden sie denn überhaupt mit mir?“, frage ich.

„Schließlich trifft man den Tod ja nicht jeden Tag.“

„Stimmt.“, erkläre ich. „Man trifft ihn nur einmal.“

„Was tun sie hier überhaupt?“, will er wissen. „Immerhin ist in vielen Ländern ja Krieg.“

Er kratzt an mir. Will mich kitzeln. Ich denke, dass er mich auf eine Probe stellen will.

„Die schießen heute alle vorbei.“

„Wie? Ein Tag im Krieg, an dem es keine Tote gibt?“

„Drei Tage.“, korrigiere ich. „Ich habe Urlaub. Heute ist der letzte Tag.“

„Ich werde mal heute Abend mal die Nachrichten ansehen.“, klärt er mich auf. „Mal sehen von wie viel Toten sie mir erzählen.“

„Tun sie, was sie nicht lassen können.“

Ich spüre, wie er näher zu mir rückt. Er macht sich ein Bier auf. „Über Arbeitslosigkeit können sie bestimmt nicht klagen. Der Zweite Weltkrieg, die beiden Irak-Kriege, der Tsunami, zwischendurch ein Erdbeben...“

„Leberzirrhose und Fettleibigkeit.“, vervollständige ich und sehe ihn vorwurfsvoll an.

Er schluckt.

Der Dicke nervt. Bemerkt der das eigentlich selbst nicht? Ich habe Urlaub. Seit ein paarhundert Jahren jetzt wieder zum ersten mal. Begreift er denn das eigentlich nicht?

„Wie machen sie das nur?“, fragt er interessiert. „Ich meine hier zu sein, und dann da zu sein um die Leute zu berühren...“

„Man muss nur schnell sein. Das ist alles.“, erkläre ich ... und ich spüre genau, wie ich darüber nicht reden will. Aber der Kerl lässt nicht locker. Ich öffne die Augen einen Spalt und entdecke, wie er bereits ganz nah bei mir sitzt.

Plötzlich piepst mein Handy. Ich ziehe es aus meiner Tasche heraus.

„Was ist das?“, will er wissen und ich merke, dass er etwas erschrocken wirkt.

„Eine SMS.“, kläre ich auf. „Eine Message vom Chef.“

„Was schreibt er?“, saugt er sich penetrant fest.

„Er schreibt, dass mein Urlaub jetzt beendet ist.“

Ich erhebe mich. Rolle die Decke zusammen. Er sitzt mit dem Bier vor mir im Sand. Schaut erwartungsvoll zu mir rauf. „Und? ... Was jetzt?“

„Tja.“, meine ich. „Jetzt muss ich an die Arbeit zurück.“

Dann klopfe ich ihm auf die Schulter und geh.


 

                                                                                                             copyright Klaus Schmeing





Ansichten einer alten Frau


Das nächste was ich sah war das schlecht gelaunte Gesicht meiner Frau. Sie schimpfte mit mir, was ich nicht hörte. Stattdessen wurde ihre Wut von seichter Musik untermalt. Ich hatte den MP3-Player auf. Ich habe ihn immer dabei, wenn wir mit dem Rad unterwegs sind.

Überhaupt laufen unsere Radtouren scheinbar nach einem festen Schema ab. Meist fahre ich vor, höre dabei dem Tempo entsprechende Musik. Ich fahre zügig, aber entspannt, im höchsten Gang. Hundert Meter danach kommt unser neunjähriger Sohn. Er hat einen roten Kopf. Wirkt gehetzt. Hat wohl Angst, dass er den Anschluss verliert. Danach passiert für knapp zehn Minuten nichts, bis das Eintreffen meiner Frau durch das Quietschen und Klappern ihres Rades angekündigt wird. So war es früher. Dann hat sie sich zum letzten Geburtstag ein Trekking-Rad gekauft. 21 Gänge. Ein edles Teil. Ich hatte mich schon darauf gefreut mit ihr im Tempo bis an die Grenze zu gehen, bis ich festgestellt hab, dass sie auch mit dem neuen Rad wieder dieselbe Position einnahm. Ich bremste. Der Kleine fuhr an mir vorbei. Schien dabei erleichtert zu sein, dass er wenigstens jetzt mal einige Meter voraus kam. Ich nahm den MP3-Player ab und wartete auf meine Frau. Dann fuhr ich neben ihr her. „Warum so langsam, mein Schatz? Hast doch 21 Gänge.“

Ohne mich eines Blickes zu würdigen erklärte sie mir, sie wolle gemütlich fahren. Sich dabei die Umgebung ansehen. Auf meine Frage hin, ob sie sauer auf mich sei, tat sie mir ihren Unmut darüber kund, dass sie es unverschämt empfände, dass ich beim Ausflug ständig den MP3-Player im Ohr hab. Ich war erstaunt. Sie klärte auf, es sei jetzt das hundertste mal, dass sie mir das gesagt hätte. Merkwürdig. Ich dachte darüber nach, warum mir  wohl die ersten 99 male entgangen sind. Vermutlich hatte ich gerade den Player im Ohr. Ich entschloss mich ihrem Wunsch zu entsprechen und packte ihn weg. Dann fuhr ich wieder neben ihr her. Ich streckte ihr meine Hand entgegen. Wollte händchenhaltend mit ihr weiterfahren. Sie ignorierte das Angebot. Ich wies darauf hin und erst als es sich nicht mehr vermeiden ließ davon Notiz zu nehmen, tat sie als hätte sie meine Hand schier in diesem Augenblick entdeckt. Ich streckte meine Hand intensiver zu ihr. Sie schlug aus. Begründete das damit keine 17 mehr zu sein.

„Was hat das denn damit zu tun?“, fragte ich.

Sie erklärte, das sei das Verhalten von Teenagern. Sie sei jetzt 36, sei Mutter und für so etwas zu alt. Ich zog meine Hand zurück. Dachte darüber nach, dass ich doch ein paar Jahre älter bin. Ein paar Minuten später kehrte ich aus der Gedankenwelt zurück.

„Schatz. ... Weißt du noch damals? Als wir es im Wald getrieben haben. ... Als uns der Förster beinahe erwischt hätte.“

Meine Frau erinnerte sich nicht. Ich hatte den Verdacht, dass sie sich nicht erinnern will. Stattdessen rief sie unserem Sohn eine Anweisung zu.

„Weißte denn nicht mehr?“, hakte ich nach und merkte dabei, dass ihr das Thema unangenehm zu sein schien. „Damals mussten wir so schnell abhauen, dass du beinahe deinen Schlüpfer verloren hast.“

Jetzt erinnerte sie sich - und ich glaube auch nur deshalb, dass ich endlich aufhöre davon zu erzählen.

            Die Zeit sei vorbei, erklärte sie mir. Das sei die Sturm- und Drangzeit gewesen. Für
            so etwas sei jetzt kein Platz mehr. Dabei sah sie ihre Philosophie durch nochmaliges
            Nennen ihres Alters unterstützt.

Ich schüttelte den Kopf. Wurde das Gefühl nicht los, als spräche ich mit einer Mittsiebzigerin. Zum letzten mal streckte ich meine Hand auf sie zu, in der Hoffnung doch noch etwas Jugendlichkeit zu spüren. Sie schlug aus. Sah mich strafend an. „Ja ja.“, äußerte ich, „Und morgen kaufste dir’ n röhrenden Hirsch für die Wohnzimmerwand und wählst die CSU.“

„Das du immer so extrem sein musst.“, schollt sie mich und ich wusste genau welche Debatte jetzt wieder kommen würde. Ich gab Gas. Fuhr an meinen ursprünglichen Platz. Gottseidank hatte ich ja den Player dabei. Und ne Ersatzbatterie hatte ich auch.

© Schmeing


 

 



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