Ein etwas anderer Feschtlesbericht
Deihe, Feuer, Internet, Deihetse, Russen und andere Zufälle
Jetzt haben sie auf Zypern schon kyrillische Schilder. Für die Russen. Und auf Teneriffa sind sie auch, die Russen. In Italien und in Deutschland sieht man sie. Wie sie sich benehmen und mit ihrem Geld angeben. Igitt, igitt. Und neulich in Berlin. Da waren sie auch nicht zu übersehen. Ts. Da hab' ich doch neulich im Internet ein Sonderangebot der Lufthansa für Hamburg-Stuttgart entdeckt. War sogar billiger als der ICE mit Bahncard. Da hab' ich bei der Lufthansa mal angerufen und wollte eins bestellen. Die wollten mich doch glatt abwimmeln. Da hab' ich mir einen Ausdruck aus dem Internet gemacht und bin zum Reisebüro gegangen. Da hat's ja dann geklappt. Man muss halt aufpassen. 14 Mark kostet das VVS-Ticket von Heumaden in die City. Dafür kann man ja ziemlich lange parken. Deutsche Urlaubersorgen anno 2000. Zufällig aufgeschnappt bei strahlendem Sonnenschein. Wo? Sie glauben es kaum. Auf einer Hocketse in Heumaden am verflossenen Tag der Einheit, am 17. Juni 2000 also: beim Backhausfest an der Heumadener Schwende.
Alles unvermeidbar mitgehört unter der schattenspendenen Trauerweide, direkt neben dem Holzlager gemütlich hockend bei strahlendem Sommerwetter. Gegenüber der Brunnentrog, im Rücken der Brotverkauf und links daneben der Ententeich, nunmehr abgesperrt zum Schutz des schwimmenden Angelgutes ... Umgeben von einem munteren Völkchen, das sich bei bester Laune über dieses und jenes unterhielt. Von Mosaiken in Ravennas Umgebung wurde erzählt, über Kindererziehung am anderen Tisch. Dazwischen spielende Kinder, die den Rasenhang hinaufkletterten, Fangerles spielten oder im Brunnentrog zu baden versuchten, es dann aber doch liessen: zu kalt.
Gemütlich eine Deihe verzehrt und dazu einen Becher Kaffee geschlürft. Eine Deihe, die zu bekommen, man einige Zeit anstehen dufte, zuerst an der Kasse, dann nochmal am Fenster der Backstube. Eine Deihe, deren Herstellung man live im Backhaus mit ansehen durfte. Sie wollen wissen, was eine Deihe ist? Ich hab' mich als Nicht-Heumäder getraut, danach zu fragen: eine Art schwäbische Pizza, création heumadensis. Hat nicht nur gut geschmeckt, sondern ich habe sie auch überlebt. Beweis: ca. 24 Stunden später bin ich doch tatsächlich imstande, diesen kleinen Milieubericht zu schreiben, den ich als Blättle-Sonderkorrespondent abliefern will.
Aber weiter im Text. Wohl geatzt, wendete ich mich an die freundliche Deihe-Ausgeberin und erkundigte mich danach, ob zufällig jemand vom Backhausvereinsvorstand anwesend sei; ich hätte ein paar Fragen zur Internetseite des Backhausvereins, die es seit einiger Zeit gibt. Blitzschnell tauchte aus dem Backhaushintergrund der Vereinsvorsitzende Klaus Scheerer auf und los gehen konnte es mit dem Überraschungsinterview. Das Backhaus sei früher (1774) als Waschhaus des gegenüberliegenden Pfarrhauses erbaut worden, etwa 1845 zum Backhaus umfunktioniert worden, wusste der Vorsitzende zu berichten. Es sei eine ganz verzwickte Besitzkonstellation. Das Backhaus stehe zum Teil auf einem Grundstück, das wohl der Kirche gehöre; der andere Teil befinde sich auf einer Art Niemandsland, dessen Nutzung de facto der Allgemeinheit zur Verfügung stehe. Darauf angesprochen, dass Backhäuser im Württembergischen als präventive Brandschutzmassnahme eingeführt wurden nach dem Motto, je weniger Feuerstellen im Dorf, desto weniger Brände im Dorf, ergänzte Scheerer, Backhäuser hätten aber auch die Funktion gehabt, den Holzverbrauch zu reduzieren.
Dann musste die weitere Befragung ziemlich abrupt abgebrochen werden: der Chef musste sich organisatorischen Aktivitäten widmen, die aus der allmählich ansteigenden Besucherzahl erwuchsen. Klaus Scheerer ist kein gebürtiger Heumadener, ist aber mit dem Ort seit über 35 Jahren fest verwachsen und kennt sich ziemlich gut aus in der Heumäder Ortsgeschichte.
Noch ein paar Notizen gemacht und ein kleines Fazit gezogen: Die Heumäder Deihetse, ein wunderbares Feschtle bei schönstem Wetter in einer äußerst anheimelnden Atmosphäre - frei vom Autoverkehr und dessen Lärm. Zwischenfrage: Wozu braucht Heumaden eigentlich einen Dorfplatz? Diese Idylle zwischen steinalter Dorfkirche und Ententeich, zwischen Pfarr-, Back- und Gewächshäusern am Dorfrand der Schwende: wo gibt's denn sowas in einer Großstadt noch?
Nach der Deihetse auf Umwegen nach Hause gewandert, dann noch die Backhausvereins-Homepage im Internet angeschaut und dort eruiert, dass sich der Backhausverein 1998 gegründet hat, dass er derzeit 45 Mitlieder hat (und noch welche sucht), dass die Mitglieder zweimal in der Woche backen können, dass zwischen der Wasch- und Backhausära das Gebäude vom städt. Tiefbauamt als Wärmestube für die Arbeiter genutzt wurde, und dass es kurz nach dem Wiedereinbau eines Kamins zu einem schlimmen Dachstuhlbrand kam, wohl wegen eines kleinen Konstruktionsfehlers.
Abschliessend noch etwas gegrübelt und sich erinnert, dass der Ententeich sein Entstehen einer Verfügung des Gröfaz Adolf verdankt, wonach jedes Dorf als Brandschutz kriegsvorbereitend einen Feuerlöschteich anzulegen hatte. Nach Kriegsende als Feuerlöschteich entbehrlich geworden, wurde daraus kurzzeitig das Heumäder Bädle. Das Sillenbucher Bädle hat überlebt. Der Riedenberger Feuerlöschteich (einst neben dem alten Feuerwehrhäusle = einstmals Turnhalle) gelegen, der wurde erst gar nicht zum Bädle. So ist die so international-weltstädtisch begonnene Geschichte unversehens zu einem Exkurs geworden über alte Ortsgeschichte(n).
Ach ja: die Web-Adresse des Backhausvereins Heumaden:
http://www.backhaus-heumaden.de; und (weil im Feschtlesbericht so viel vom Internet die Rede war): dieser Bericht wird ab Freitag, 22. Juni 2000 im Internet verfügbar sein unter der Adresse http://www.beepworld.de/members/heuback - damit alles richtig zu einander passt. Selle Heimädr Deihetse ond s'Intrnet.
Dietrich Hiller
Mit Ausnahme des ersten Absatzes ist der Bericht erschienen im Sillenbucher "Blättle" (Nussbaum-Verlag) am 22. Juni 2000.