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Hilf Dir selbst - sonst hilft Dir keiner
Vor den Toren einer Stadt lebten vier Brüder. Jeder besaß ein kleines Bauernhaus, eine Kuh, ein Schwein, ein Getreidefeld und einen Kartoffelacker.
Eines schwülen Sonnabends im August braute sich ein schlimmes Gewitter über der Stadt zusammen. Die Brüder bemerkten die Bedrohung nicht gleich, denn sie hatten gerade ihre Kuh in den Stall geholt, um sie zu melken, während die Schweine noch freudig grunzend den abgeernteten Kartoffelacker durchwühlten. Die Menschen in der Stadt flüchteten in ihre Häuser und fürchteten sich sehr.
Blitze zuckten vom Himmel, Donner grölten über den Horizont. Es war, als wolle ein ungeheurlicher Riese die Welt in tausend Stücke zerschlagen. Den Kühen gerann die Milch im Euter, sodaß die Brüder an jenem denkwürdigen Abend nur Sauermilch gewannen. Die Schweine aber lagen vom Blitz erschlagen auf dem Acker und zwischen den sorgsam aufgeschütteten Kartoffelhorden schwelten Himmelsfeuer. Der Bruder am Nordtor besah sich den Schaden, dachte kurz nach und sprach dann zu sich selbst: Wenn es meinen Brüdern genauso gegangen ist, wie mir, dann werden gebackene Kartoffeln und frisches Schweinefleisch demnächst billig auf dem Markt gehandelt werden. Lieber will ich Vorräte anlegen und meine Waren dann im Winter feilbieten.“ So ging er hin, baute aus den schwelenden Kartoffelhorden einen Kohlenmeiler, schnitt sein Schwein in kleine Teile und dörrte sie im Rauch. Die Sauermilch aber verarbeitete er zu feinem Räucherkäse.
Der Ostbauer kündigte daraufhin an, zur Nachtmesse noch sein totes Schwein zu opfern. Das rührte den Priester so ans Herz, dass er eine mitreißende Predigt schrieb über die Gottgefälligkeit dieses schlichten Bauern. Dieser garnierte seine tote Sau mit allerlei wilden Blumenranken, die er am Feldrand fand, und erschien just in dem Moment am Kirchenportal, als der Priester seine Predigt beendigt hatte. Wie ein Heiliger trat er ein, lüftete demütig seinen Hut und legte ihn umgekehrt auf den Opferstock. Dann schritt er mit der geschmückten Sau im Arm feierlich zum Altar, legte das schweinische Blitzopfer auf den allerhöchsten Gabentisch und bat den Priester um seinen Segen. Betend verharrte er dort, bis alle Gläubigen das Gotteshaus verlassen hatten. Dann verhüllte er sein Angesicht und eilte durch die leeren Reihen. Sein Hut am Ausgang war gefüllt mit Gold- und Silberstücken, die schwerer wogen, als sein Verlust. Zufrieden steckte er die Liebesgaben ein und beschloss, alljährlich so eine einträgliche Gedenk-Wallfahrt zu veranstalten.
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Der Bruder im Westen war ein trauriger Zeitgenosse. Bis zum Nachmittag warfen die hohen Stadtmauern ihre grauen Schatten über seine Existenz, die kalten Westwinde peitschten ihm Regen und Schnee ins Gesicht, wehten ihm die Schindeln vom Dach, und weil er die Sonne nur untergehen sah, überkam ihn oft eine Weltuntergangsstimmung.
Als er nun auch noch seine einzige Sau dahingestreckt liegen sah, überkam ihn Da schloss er sich verbittert ein und begann, Trübsal zu blasen. Die Sau lag noch immer auf dem Acker und verweste...
Üble Gerüche stiegen von ihr empor und der Westwind trug den Gestank in die Stadt: „Was ist das für eine üble Botschaft, die der Wind da zu uns trägt?“ fragten die Leute empört und schickten eine Abordnung von sieben Ratsherren zum Westtor hinaus. Die Räte gingen der Nase nach und fanden das stinkende Schwein. Der Älteste klopfte an die Tür des Westbauern und rief: „Auf Deinem Grund liegt eine Tierleiche, die üble Gerüche von sich gibt.“ „Ist es etwa meine Schuld, wenn der Blitz meine einzige Sau erschlägt?“ antwortete der Bauer. „Die Sauerei stinkt uns“, erwiderten die Räte, „die Sau muss begraben werden.“ „Sieh’ mal einer da“, entgegnete nun der Bauer. „Als das Unglück geschah, habt ihr mein Wehgeschrei überhört. Erst jetzt, wo mein Unglück zum Himmel stinkt, bequemt ihr Euch zu meinem Haus - nicht aber, um mir Trost zu spenden und mir beizustehen, sondern weil Euch die Nachbarschaft eines gärenden Unglücks nicht behagt.“ „So war es ja nicht gemeint“, versuchte sich der Älteste herauszureden, „hier hast Du ein paar Kupfermünzen für Deine Arbeit als Totengräber. Falls Dir jedoch der Verlust des Schweins zu schaffen macht, dann gehe zum Priester - für Almosen sind wir nicht zuständig.“
Der Westbauer war wütend über das herablassende Gehabe der Stadträte. Um sich jedoch weiteren Ärger zu ersparen, nahm er seinen Spaten, ging auf den Acker und hub neben der stinkenden Sau ein Loch aus. Wie er so im Schweiße seines Angesichts in den Tiefen seiner Muttererde wühlte, entdeckte er einen Schatz - weit wertvoller, als
An Martini trafen sich die vier Brüder zum Markttag. Diesmal hatten sie viel zu erzählen. Der Nordbauer hatte gerade sein Rauchfleisch zu Höchstpreisen verkauft und heizte sein Haus mit Kartoffelkohlen. Der Ostbauer hatte sich von den mildtätigen Spenden drei trächtige Sauen gekauft, inzwischen drei Dutzend Jungmastschweine zu Markte getragen und freute sich schon auf seine erste Gedenk-Wallfahrt. Der Südbauer betrieb längst einen florierenden Landgasthof - und der Westbauer? Nun, der verheimlichte seinen nutzlos daheim liegenden Geheimschatz - und seinen Hunger.
Seitdem weiß er: Wer sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, der hat auch Gottes Segen.
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