mythen


Der Lebensbaum

Die Welt war düster und die Menschen vegetierten dahin. Rumpelschrumpel gefiel dies Leben nicht - er träumte vom Paradies.

Eines Tages rief er so laut, dass es durch die ständig dahin ziehenden Nebelschwaden hallte: „Ich möchte im Sonnenschein leben!"  

Da kam eine Zauberfee, trug ihn in lichte Höhen und setzte ihn in einen sonnigen Garten. Dort spazierte er umher, aß süße Früchte und genoss den Duft von tausend Blumen. 

Da sah er den Baum des Lebens im Garten stehen. Es war eine Kastanie und an ihren Ästen hingen Unmengen stachliger Kugeln. 

Rumpelschrumpel gelüstete es sofort nach süßen Maronen. Ohne lang nachzudenken hüpfte er in die Höhe, bis er eine Schote erreichte und riss sie ab. Wie er sich da verletzte! Die Stacheln drangen in seine Hände, dass das Blut nur so spritzte.

Gierig löste er die abschreckende Pelle mit einem Messer ab - doch die Kastanie im Innern war noch grün. Als er danach langte, um sie trotzdem zu verspeisen, sprang ein nacktes Mädchen mit nassen Haaren heraus und schrie:

„Kannst Du nicht warten, bis ich reif bin?"

Ehe der verdutzte Glücksritter eine Entschuldigung vorbringen konnte, entschlüpfte sie in die Büsche. Rumpelschrumpel verbarg sein Gesicht im Gras und weinte, bis die Erde unter ihm davon schwamm.

Da saß er plötzlich wieder im kalten Niflheim. Voll Sehnsucht nach dem Paradies begann Rumpelschrumpel nun, mit dem Messer Blumen in Steine zu ritzen. Doch die Blüten sahen farblos aus und ihnen fehlte der Duft.

Eines Tages riss der Himmel auf, ein Regenbogen wölbte sich vor seine Füße und eine eigenartige Melodie lockte ihn zurück ins Paradies. Rumpelschrumpel lief mit strahlenden Augen zwischen den Blumen umher und stand auf einmal wieder vor dem Kastanienbaum. Die Schoten waren schon geplatzt und aus den Rissen glänzte die dunkelbraune Haut der Nüsse. Doch Rumpelschrumpel wagte nun nicht, sie zu pflücken. Sittsam setzte er sich unter den Baum des Lebens und wartete, dass ihm die süßen Früchte in den Schoß fielen.

Da knallte eine Kastanie auf seinen Kopf, die Glückselfe sprang heraus - und weil er nicht nach ihr griff, lief sie enttäuscht davon. Jetzt sitzt er verdutzt im Garten Eden, kratzt sich am Kopf und denkt:  

„Wie man's macht, ist's verkehrt...”

 

 

51 Fabeln, Parabeln, Allegorien, Mythen, Utopien,
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"Märchen im Spiegel der Zeit"

ISBN 978-3-86858-410-3

228 Seiten, s-w illustriert, für 19,70 € im Buchhandel

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