Kurzgeschichte


Schneewalzer für den Schützenkönig

Der alte Mann sitzt im Dunkeln und sinniert vor sich hin. Nur auf dem Beistelltisch neben seinem Ohrensessel flackert eine Kerze aus einem Adventsgesteck. Er fühlt sich allein hier im städtischen Altenheim, wo ihn kaum einer kennt. Er hat keine Lust, hinunter zu gehen und in einem illustren Haufen seniler Greise in den Advent hinein zu feiern. Was soll er da? Das ist nicht seine Welt.

Er ist woanders zuhause, weit weg, in den Bergen mit ihren Wäldern und Auen und in seinem Dorf. Dort war er noch wer als pensionierter Oberförster, der alljährlich den Erstklässlern auf ihrer ersten Wanderung die Geheimnisse der Berge erklärte. Mit welch großen Augen folgten sie ihm, wenn er ihnen die Wildwechsel der Rehe zeigte oder die Spechthöhlen in morschen Bäumen. Wie hingen die Kinder an seinen Lippen, wenn er während einer Rast auf der Alm die Legenden vom Alperer erzählte, den man mit einem freudigen Jodler begrüßen musste, damit er wusste, dass da ein rechtschaffener Mensch unterwegs war und kein Eindringling mit bösen Absichten. Wer darauf vergaß, dem Geist der Berge seinen Respekt zu erweisen, der lief Gefahr, in eine Nebelwand zu geraten und sich zu verirren oder von einem Steinschlag in die Tiefe gerissen zu werden. Und damit das nicht passierte, stimmte der Lehrer das Lied gleich an und alle sangen mit.

Die Erwachsenen zogen den Hut vor dem alten Oberförster als hochgeachteten Schützenkönig, dessen Brust an Festtagen viele Medaillen zierten. Kein Dorffest fand ohne ihn statt und wenn er zu den Jubiläen seiner Altersgenossen geladen war, erzählte er deren Enkeln von Abenteuern bei Schneesturm hoch droben im Fels oder bei Gewitter in der Wildbachschlucht. Und am Stammtisch beim Wirt schilderte er, wie er in Vollmondnächten auf die Pirsch nach Wilderern ging, damit alles sein Recht und seine Ordnung hätte. Nur einen Spitzbuben hatte er nie erwischt und es wurmte den alten Förster, dass ihm dieser letzte Triumph versagt blieb. Jedesmal, wenn er dem windigen Burschen auf den Fersen war, hatte der ihm zum Hohne das Lied vom Jennerwein angestimmt, an einer Stelle, wo es von unzähligen Echos widerhallte und er nicht zu orten war. Hin und her wiegt sich der Schaukelstuhl, der alte Förster beginnt in Erinnerungen schwelgend zu träumen:

 

„Wenn der Hund mit der Wurst übern Eckstein springt“ singt der Liederkranz und die Trachtenkapelle bläst den Siegern des Schützenfests den Marsch, als sie durch ein Spalier blankgeputzter Gewehre in den tannengeschmückten Saal des Dorfgasthauses einziehen. Der Breznkönig fordert die Bäckerstochter zum Tanz auf, der Wurstkönig die Metzgersfrau und er, der einschichtige Schützenkönig, leiht sich vom Dirigenten den Taktstock, den er lieber schwingt, als das Tanzbein. Plötzlich kracht es draußen. Ein Sturm heult los. Der Wirt wirft seinen Loden um und rennt hinaus, um die Fensterläden zu schließen. Die Leute stehen schreckerstarrt auf dem Tanzboden herum und murmeln aufgeregt durcheinander. Das letzte Wintergewitter hatte Hagelschäden auf einigen Dächern angerichtet...

Da kommt der Hausherr wieder herein – weiß, wie ein Schneemann – und schüttelt die weichen Flocken ab. Alles seufzt erleichtert auf: Die Jungen freuen sich schon aufs Skifahren, die Älteren sehen ihre Kinder mit dem Schlitten zur Schule rodeln und der Pfarrer nickt zufrieden, weil die Leut in einer weißen Weihnacht andächtiger das Christfest feiern. Der Schützenkönig ruft: „Schneewalzer“, die Blasmusik legt sich ins Zeug und bald singen alle laut mit, während sie im Dreivierteltakt herum wirbeln. Die Bläser am Podium stehen auf und schwingen glückselig im Takt mit – die Begeisterung nimmt kein Ende. Aus den Augen des Schützenkönigs strahlt eine mystische Euphorie. Siegesbewusst stiert er auf das Bild an der Wand und lässt die Königskette auf seiner stolzgeschwellten Brust klimpern. „Heit kriag i di“, raunt er zum Portrait des Jennerwein hinüber, schleicht vom Podium, erlöst den aus dem letzten Loch schnaufenden Dirigenten von der Tanzpflicht und empfiehlt sich mit dem Hinweis, er müsse noch seinen Hund Gassi führen. Der Förster ist als Eigenbrötler bekannt und so lässt man ihn gnädig lächelnd gehen.

Draußen herrscht die Ruhe nach dem Sturm: Am Himmel sternklare Nacht und ein dünner Flockenteppich auf Erden. „Zwei Spuren im Schnee“ singt der Oberförster vergnügt in seinen Bart und schwingt seinen Rucksack voller Fleischabfälle über die Schultern. Zuhause macht sich der Hund gleich über die Gasthaus-Schmankerln her und sein Herrchen tauscht die Haferlschuh gegen gefütterte Bergstiefel. Den Flachmann voller Enzian in der Hose, das Fernglas um den Hals und den Filzhut tief in die Stirn gezogen, schultert er seine Büchse und zieht alleine los! Bello soll das Haus hüten, anstatt den Wilderer zu verbellen. Heute braucht der Förster keine Hundenase, um die richtige Spur zu finden. Der Mond scheint rund auf die zarte Schneedecke. Jeder Fußtritt hinterlässt eine deutliche, dunkle Spur.

 Lalala, lala, lala, lala“ fast lautlos haucht der Schützenkönig sein Ehrenlied in die eisige Luft, schnalzt im Walzertakt Atemwölkchen zwischen den Zähnen hervor und tänzelt in Richtung Wildgehege. Wo die vollen Futterkrippen stehen, zieht es bestimmt auch den Wildschützen hin. Der hat es offenbar auf den 16-Ender abgesehen – ein Sakrileg! Dem Heger aus dem Forsthaus gilt dieser Hirsch aller Hirschen als Heiligtum. Nun zieht er als frisch gekrönter Schützenkönig aus, den stolzen König des Waldes zu beschützen – Ehrensache!

Zwei Spuren im Schnee finden sich bald, führen schnurstracks in die Talsenke, wo das Hirschrudel sein Winterquartier hat. „Du denkst wohl, i danz’ auf ‘m Schütznball – host di deischt, Bürscherl“ murmelt der Förster voller Schadenfreude in seinen Bart und schleicht sich an. Und da steht er auch schon, der Wildschütz, inmitten der mondbeschienenen Landschaft, die äsenden Hirsche im Visier. Schon legt er auf den herrlichen Platzhirschen an...

 „Halt!“ schreit der Förster und rennt bierselig im Kopf, auf den Übeltäter zu, wie ein Kind, das seine Ohnmacht verkennt. Es knallt durch die Nacht, der Platzhirsch stürzt zu Boden. „Nein!“ schreit der Oberförster aus tiefster Brust. Da reißt der Übeltäter seine Flinte herum und ein zweiter Schuss trifft den Hüter des Waldes in die Brust. Mit durchbohrtem Herzen sinkt der Schützenkönig in die Knie, das Blut quillt wie glühende Lava aus seinem Herzen, ergießt sich über sein weißes Hemd, umrahmt von einer Ehrenkette blitzender Theresientaler. Sein letzter Blick gilt dem König der Hirsche, der im gleichen Moment sein Leben aushaucht.  

Blut rieselt in die Schneedecke, zwei Seelen entsteigen ihren Leibern. Da öffnet sich der Himmel, Engel bilden ein Spalier zu den Entschlafenen. Die Försterseele schwingt sich auf den Hubertushirschen, und über eine Treppe aus Schneewolken galoppieren sie im Zeitlupentempo der Ewigkeit entgegen, während die Engel mit goldenen Kuhglocken den Schneewalzer läuten....

 

Welch honoriger Abgang für einen Gebirgsschützen! Der alte Mann schaut verwirrt um sich, packt das Hirschgeweih bei den Hörnern, schlafwandelt hinaus in den Mondschein, rutscht auf dem frischen Schnee aus und haucht im Fallen sein Leben aus.
Die Stationsschwester stürzt zur Tür hinein: „Sind Sie verrückt?“ schreit sie in den Raum und stellt den Plattenspieler ab. Verdutzt hält sie inne. Keiner da nur die Balkontür steht offen. Der alte Mann liegt im rieselnden Schnee, sein Hirschgeweih im Arm. Der Vollmond scheint auf die dünne Schneedecke. „Exodus“, stellt der Arzt wenig später fest, „Herzinfarkt. Hat er sich über irgendwas aufgeregt?“

"Sie haben das Lied vom Wildschütz Jennerwein gesungen“, weiß der alte Korbinian zu berichten. „Die Verherrlichung eines Wilderers ging gegen seine Förster-Ehre. Im Krieg war er ein hochdekorierter Gebirgsschütze ─ und so einer kennt keinen Spaß nicht, wenn’s um die Waidmannsehre geht.

Jeder stirbt auf seine Weise“, bemerkt der Arzt lakonisch, die Stationsschwester schüttelt den Kopf. Der Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schneewalzer...“ klingt es von unten herauf...

Der alte Korbinian tanzt sinnierend den Gang entlang, bleibt am Treppenabsatz stehen und trinkt einen Schluck Enzian aus dem stibitzten Flachmann: „Auf Dein Wohl, Schützenkönig! Und gute Himmelfahrt.“

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