|
WOLGA SO LANG
> TEIL 1 / 2 / 3 / 4
|
Europa/Asien - Wolga so lang (c) von A. Beck
|
04
|
Wolga so lang Teil 1 |
|
| |
| |
| |
| W O L G A so lang Teil 1 |
| © Anneliese Beck, Muenchen, 2002 |
| |
| T o d i n S t a l i n g r a d |
| |
| Freitag, 30. August 2002! Eine Chartermaschine der Lufthansa brachte an die 280 Personen einschließlich der Crew und der begleitenden Assistentin der Kreuzfahrtdirektion, Irina B., (eine hübsche dunkelhaarige Russin, verheiratet in Deutschland, Schwiegermutter eines russischen Professors der Naturwissenschaften in Moskau) von Frankfurt nach Wolgograd. Der mehrstündige Flug war sehr bequem, Frau Irina ergriff mehrmals das Mikrophon, um uns auf die Einreise nach Russland vorzubereiten, wir hatten gut geschmaust und das Wetter wurde als sonnig und warm – an die 30 Grad - angesagt. Beim Landeanflug sahen wir unter uns ein riesiges leeres Flugfeld, an dessen Ende so etwa 12 Kleinstflugzeuge parkten, -(von einem größeren Vogel keine Spur!) und auf dem wir problemlos landeten. Vom Verlassen des hochbeinigen Jet war allerdings zunächst keine Rede, denn mit seiner Höhe hatte hier in Wolgograd auf dem Airport niemand gerechnet. Die an das Flugzeug geschobene Gangway war zu kurz! Irgendwie kam uns zu Ohren, dass nur einmal im Jahr eine so große Maschine auf diesem Rollfeld landen würde, und das sei eben gerade jene, mit welcher die Passagiere der MS Vatschenko hier ankommen, dem Schiff, mit dem wir von hier aus Wolga-abwärts in das riesige Delta dieses längsten Flusses Europas (3700 Km) und dann wieder zurück bis nach Moskau schippern wollten. |
| Aus welchem Winkel man schließlich doch noch eine ausreichend lange Aussteige hervorgezogen hatte, blieb ungeklärt! |
|
| Weiche, warme Luft der Steppe! Der Start in Frankfurt war am frühen Vormittag erfolgt, hier war heller Nachmittag, wir waren unserer heimatlichen Uhrzeit um 2 Stunden voraus. Zwischenzeitlich sollten wir ihr auf unserer Reise sogar um 3 Stunden voraus sein. |
|
| Zum fünften Mal betrat ich den Boden der ehemaligen Sowjetunion, und schon begegnete ich einem mir seit der ersten Reise wohlbekannten Phänomen, dessen Bewandtnis mir bis heute noch nicht einsichtig wurde: nämlich, dass in Russland grundsätzlich nur immer eine halbe – oder gar eine viertel - Türe geöffnet ist, mag ein Ding noch so sperrig, mag ein Menschen-Pulk noch so groß, ein Portal noch so breit sein: man hat sich grundsätzlich durch ein Nadelöhr zu zwängen und sich somit erst einmal in Geduld zu üben! Nur in Kazan, der Hauptstadt der tatarischen Republik, hörte ich eine Erklärung, allerdings dort im halbgeöffneten Eingang zur Kathedrale, nämlich: das Durchschreiten einer nur halb |
| geöffneten Türe bedeute Leben, das Durchschreiten einer vollständig geöffneten Türe jedoch den Tod! Um es gleich voraus zu nehmen: es gibt noch ein - vielleicht in der ganzen Welt einmaliges - Phänomen, dem man immer wieder in Russland begegnet: nämlich das des Bückens! Man glaube ja nicht, dass dies nur in der Zarenzeit üblich war – wie man von den russischen Dichtern weiß – Es hat sich bis heute erhalten: Steht man vor einem Fenster, z.B. vor einem Kiosk, so ist die jeweilige Öffnung so tief angebracht, dass der „Bittende“ sich zu bücken hat! Das habe nicht nur ich selbst immer wieder beobachtet, dies hörte ich auch wiederholt von Personen, die schön öfter in Russland gereist sind. |
|
| Man stelle sich also diesen Pulk von Passagieren auf dem riesigen einsamen Flugfeld vor, der sich vor einer nur halb geöffneten Türe zum Flughafengebäude zunächst drängt, dann jedoch ganz locker der faszinierenden Gepäckentladungs-Zeremonie zusieht: Es taucht nämlich plötzlich ein altmodischer voll beladener Vorderlader auf, von dem aus Männer die Koffer der Passagiere für etwa 1 – 1,5 m auf ein Mini-Laufband laden, um dann von anderen wiederum von schief nach schräg durch eine halb offene Tür gewuchtet werden. (Schlussendlich kam dann doch einer der Männer auf die Idee, die Türe ganz zu öffnen!) |
|
| Zwei Pass-Kontroll-Schalter gab es. Das bedeutet aber beileibe nicht, dass es schnell voran ging, denn bei jedem Passagier musste erst per EDV in Moskau rückgefragt werden, was sich bei zwei Passagieren mit einem US-amerikanischen Pass als besonders zeitraubend erwies. |
| (eine unerwartete Regelwidrigkeit!) Langmütig und geduldig, lächelnd und damit deutlich Wiedersehensfreude bekundend nahmen die uns schon von unserer letzten Reise vor einem Jahr bekannten Dolmetscherinnen – Lehrerinnen aus Kazan – in Empfang. Gebeutelte Koffer standen in einer einigermaßen trockenen Wiese – es hatte länger nicht geregnet! |
|
| Der Name „Wolga“ ist finnischer Herkunft und bedeutet „helles, heiliges Wasser“, und an diesem „heiligen Wasser“ haben die russischen Herrscher, vornehmlich Ivan der IV., der Gestrenge (Wir nennen ihn den „Schrecklichen“) eine ganze Reihe von Festungen (Festung = Kreml) zum Schutz gegen die Tataren, Mongolen und auch andere Nomaden gebaut, aus denen dann die wunderschönen Städte an der Wolga entstanden. Wolgograd hieß ursprünglich Zarizyn, ein Name, der „gelber Sand“ bedeutet und aus dem türkischen kommt. Schon Peter der Große besuchte diese Stadt, und im Museum für Heimatkunde sind seine Mütze und sein Stock zu sehen. Zur Zeit des Bürgerkrieges nach der russischen Revolution wurde dieses Gebiet sehr umkämpft, da dass südliche Russland die Kornkammer des Reiches war. In einer Zeit der Wirren, auch des Hungers, bildeten die Roten eine Kommission, um Anbau und Ernten zu organisieren. An ihr war Stalin maßgeblich beteiligt. Nachdem nun St. Petersburg den Namen Lenins erhalten hatte, wollte auch Stalin eine Stadt seines Namens haben, und so wurde - 1924 - aus Zarizyn Stalingrad. Wie man weiß, hatte Stalin nach seinem Tod nicht mehr eine so gute Presse! Die Stadt bekam 1961 ihren dritten Namen: Wolgograd. Aber gerade jetzt hat die Duma dieser Region beschlossen, zu dem alten Namen Stalingrad zurückzukehren (viele alte Kommunisten sitzen in der Duma! Und insbesondere die Veteranen, die hier gekämpft haben, sind dafür.) Ob sie damit durchkommt, ist fraglich, denn erstens sind viele junge Leute dagegen, und zweitens, und das ist das Maßgeblichere: Putin muss seine Zustimmung geben! Und das ist wenig wahrscheinlich. |
|
| Wolgograd liegt auf der Höhe von Paris, und das Wolgograder Gebiet ist fast so groß wie die neuen Bundesländer zusammen. In Russland gibt es im Ganzen 77 Gebiete (Gouvernements) an deren Spitze der Gouverneur steht. Und auch heute heißt der Bürgermeister noch immer „Mair“! Relikte aus der Zeit Katharinas II., als das Französische in Mode war! |
|
| Auch hier, schon weit im Süden des Landes, friert die Wolga im Winter noch zu, denn es kann bis zu minus 40 Grad kalt werden. Es herrscht das für Russland typische kontinentale Klima, (hier insbesondere ein Steppenklima) mit klirrkalten Wintern und heißen Sommern, diese mit einer Durchnittstemperatur von plus 30 Grad. Außerdem fehlen die typischen Übergangsjahreszeiten. Frühling und Herbst, Jahreszeiten, die wir so sehr lieben, sind hier nur kurz. Allerdings: auch in Russland ändert sich das Klima: die Winter scheinen wärmer und schneereicher zu werden – was den Leute nicht gefällt, denn es macht sie anfälliger für grippale Infekte! – und die Sommer „kühler“. Das hören wir immer wieder auf dieser Wolgareise. |
| Den ganzen riesigen Fluss entlang gibt es viel Industrie: Schwer-Industrie, also Hüttenwerke, Stahlproduktion, Auto-Industrie und vor allen Dingen Flugzeug- und Raketen-Industrie. Hier an der Wolga befindet sich die Wiege der Raumfahrt, hier haben die Kosmonauten studiert und trainiert. Hier wurde Kernphysik betrieben. Mütterchen Wolga: sie ist die Lebensader Russlands! |
|
| Die fruchtbaren Böden im Wolgograder Gebiet müssen großzügig bewässert werden. Im 17. Jahrhundert führten die deutschen Kolonisten, in´s Land gerufen von Katharina, der Großen, den Senfanbau ein. Die einzige Senffabrik ganz Russlands befindet sich in Wolgograd, und der Senf wird nach alten deutschen Rezepten produziert! Allerdings ist der russische Senf furchtbar scharf! Soft-food-Liebhaber (wie z.B. ich!) lehnen ihn ab. |
|
| Südlich von Wolgograd wird der Fluss nicht mehr aufgestaut. Breit, träge, in mehreren Armen, mit vielen Inseln fließt er in der kaspischen Senke durch die Steppenlandschaft zum kaspischen Meer, in das er in einem riesigen Delta (von der Größe Hollands) mit einer Breite von 150 Km und einer Länge von 200 Km in vielen, vielen kleinen Flussläufen mündet. Noch gut 500 Km sind es von Wolgograd bis zur Mündung. Auf dem Ausflug zum Delta, von Astrachan aus mit dem Bus unternommen, zeigt das versteppte, zumeist mit Erlen verbuschte Land, durchzogen von kleinen Wasserläufen, an deren Ufern übermannshohes Schilf wächst, grün-braun-rote Farben. Reichlich Kuhherden, kleinen Häusern zugehörig, weiden, - von der EU bisher verschont, haben sie noch ihre Hörner! - und die Friedhöfe erinnern an die der Muslime, denn die Gräber sind bar jeden Schmucks.. Je öfter man in Russland reist, desto eindringlicher kommt einem die riesige Weite des Landes zu Bewusstsein, am stärksten hier in der Steppe. Die deutschen Soldaten des II. Weltkrieges fühlten sich hier bereits in Asien. (Immerhin grenzt diese Region an Kasachstan) Ich sah fotografische Dokumentationen, wo sie sich in dieser Gegend in Gesellschaft von Kamelen und Pferden befinden, denn diese Tiere wurden von den Deutschen aus der Steppe rekrutiert!. Wunderbar kann man sich hier die Horden der Mongolen, Skythen, Hunnen, Awaren und anderer Nomadenvölker vorstellen, wie sie auf ihren kleinen Steppenpferden einherstieben! Hier war die goldene Horde „zu Hause!“ Das Delta selbst steht als Biosphärenreservat unter dem Schutz. der Unesco. Hier leben über 300 Vogelarten, davon mehrere Arten von Kormoranen und Schwänen, auch Adler. Hier im niedrigen Buschwerk und im Schilf wohnen auch Wölfe, Füchse und Wildschweine, und hier werden neben Hechten noch der riesige Stör gefangen (90% der Störe der Welt stammen aus dem Kaspischen Meer), vornehmlich aber der Beluga, dessen Weibchen den köstlichsten Kaviar liefert (den wir natürlich ebenfalls auf dieser Reise genießen!). Über viele Stunden schippern wir in diesem paradiesischen Delta, und schließlich sehen wir sie: die Lotosgärten! Noch ist Blütezeit! Hunderte um Hunderte dieser herrlichen großen blassroten Blüten ragen aus den großen runden sattgrünen Blättern, die einen Wasserteppich bilden, dazwischen wiegen sich die Kolben von weißer bis brauner Farbe. Nur hier im Wolgadelta, kurz vor der Mündung des Stromes, gedeiht sie in Europa: diese herrliche asiatische Wasserblume, die so viele Dichter inspiriert hat! |
| Und unvergesslich wird mir auch der Sonnenuntergang über der Steppe bleiben. |
|
| Stalingrad! Schon bei der ersten Stadtbesichtigung fühlt man ein Weh, wenn man sich den Einzelheiten der Tragödie, die über diese Stadt im Winter 1942/43 hereinbrach, gegenüber sieht! |
|
| Nüchtern: Über eine Don-Wolgalinie wollten die Deutschen in den Kaukasus vorstoßen. Das war ihr Ziel. Am 23.08.1942 erreichte General-Feldmarschall Paulus mit der 6. Armee die Wolga und eroberte zunächst in schweren Straßenkämpfen zwei Drittel der Stadt. Mit der 62. Armee konnte der sowjetische General Tschuikow jedoch die Stellung halten. |
| Am 19.11.1942 begann am Don eine Offensive der sowjetischen Südwest-Front unter General Watutin und am folgenden Tag eine der Stalingrad-Front unter General Rokowski. Im Verlauf der Schlacht wurde die 6. Armee der Deutschen eingeschlossen. Hartnäckig verbot Hitler sowohl einen Ausbruch wie auch eine Kapitulation. Sein Entschluss: war:„von der Wolga gehe ich nicht weg!“ Jedoch: Es scheiterte ein Entsatzversuch, und die Versorgung der Truppen aus der Luft brach zusammen. |
| Letztendlich mussten am 31.1.1943 General-Feldmarschall Paulus für den Hauptteil der Armee und General von Seydlitz für ihren Rest die bedingungslose Kapitulation unterzeichnen. |
| ! |
| Während der Schlacht saß Paulus im Keller eines Kaufhauses in der Stadtmitte, denn am 28.8. wurde die Stadt durch einen Bombenangriff fast total zerstört. Dabei kamen 40 000 Zivilpersonen um`s Leben! Stalin hatte die Evakuierung der Bevölkerung unterbunden, da er keine Panik in der Stadt wollte. Erst nach dem Bombenangriff wurde die restliche Zivilbevölkerung auf die andere Seite des Flusses evakuiert. Über 230 Tage lang tobte diese mörderische Schlacht, und das im bitterkalten russischen Winter! Inmitten der Stadt findet sich in einem Park ein Heldengrab, in dem ein Russe, ein Tatare und andere Verteidiger der verschiedensten Nationalitäten beigesetzt sind. In der Nähe des Grabes gedeiht ein schöner großer Baum, der fast völlig zerschossen war und den man eigentlich entfernen wollte. Aber im Frühling schlug er aus: Zeichen der Hoffnung! Auch er ist ein Mahnmal! Vereinzelt sieht man noch Ruinen in der Stadt, die man zum Gedenken erhalten hat. Hoch über der Wolga hat man auf einer Plattform ein riesiges Panorama-Museum errichtet, in dem die Schlacht in einem Rundgemälde dargestellt ist. Umgeben ist dieses Museum von Flugzeugen (kein Mensch würde heutzutage in so eine wackelige Maschine steigen, deren durchsichtige Kanzel einen besonders vertrauenerweckenden Eindruck macht!), Kanonen und Panzern...... |
|
| Von den 284.000 eingeschlossenen deutschen Soldaten konnten 34.000 ausgeflogen werden. Man zählte 146.000 Gefallene und 14.000 Vermisste. 90.000 Deutsche gerieten in russische Gefangenschaft, und davon kehrten nur 6.000 (!) zurück, durch Verhandlungen des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer heimgeholt. Alle anderen waren umgekommen. |
| |
| Bis 1947 befand sich auch der deutsche General-Feldmarschall Paulus in sowjetischer Gefangenschaft. Er lebte dann in Dresden und lehrte dort an der Kriegsakademie der DDR. |
|
| Dass auch die Russen ungeheure Verluste hatten, lässt sich denken. Im Herbst 1942 kam Stalins Befehl: „keinen Schritt zurück!“ Wer sich als sowjetischer Soldat zurückzog, galt als Deserteur mit den für ihn entsprechenden Folgen! Nach dem Krieg erhielt die Stadt den Lenin-Orden, die höchste Auszeichnung des Sowjet-Staates. |
|
| Wie so viele durch den Krieg zerstörte Städte in diesem Land wurde auch Stalingrad von deutschen Kriegsgefangenen wieder aufgebaut, und der Wiederaufbau begann sofort. Schachbrettartig mit schnurgeraden breiten baumbestandenen Straßen (in Russland hat man viel Platz!) und – wie auch im ganzen Land üblich - mit schönen Parks, die immer einen herrlichen üppigem Baumbestand aufweisen - (Russland ist ein Land der Bäume, weniger der Blumen!) – sowie vier- bis sechsstöckigen Häusern mit hübschen aufgelockerten Fassaden zeigt sie sich in einem „Out fit“ der vierziger Jahre. Hinweise auf Einflüsse „moderner“ westlicher Architektur, wie sie sich bei uns nach dem Kriege .durchsetzten, sieht man hier nirgends. Der erste Straßenzug, der fertig wurde, wurde von der Bevölkerung „Friedensstrasse“ benannt. Er ist Wolgograds heutige Hauptstrasse. |
|
| Wie in allen russischen Städten sind auch in dieser Millionenstadt die Außenbezirke nicht schön. Übrigens verhält es sich in anderen europäischen Ländern vielfach auch nicht so viel anders, auch nicht in West-Europa! |
|
| Der Mamajew-Hügel, die „Höhe 102“, liegt fast an der Peripherie der Stadt. Mamai war zu seiner Zeit ein berühmter Khan, der, - gegenseitige Verpflichtung, denn die russischen Fürsten hatten lange Zeit den ansässigen Khanen Tribut zu zahlen! -, mit seinen Kriegern die Stadt vor tatarischen Überfällen schützte. Wer während der Schlacht von Stalingrad die Spitze dieser Höhe 102 besetzt hatte, hatte sozusagen den Schlüssel in der Hand, da er von hier aus die ganze Stadt mit seinen Geschützen bestreichen konnte. Die Kämpfe am Mamajew-Hügel dauerten insgesamt 135 Tage und Nächte! Sofort nach der Schlacht beschloss man, den ganzen zerschossenen Hügel mit Bäumen zu bepflanzen. 220 Bäume wurden gesetzt. Inzwischen ist der gesamte Berg eine große Gedenkstätte mit einem eindrucksvollen vielstufigen monumentalen Aufgang zu einer schon von weitem sichtbaren 70 m hohen Statue, der „Mutter Heimat“ (matj rodina), die in der rechten Hand ein 15 m langes Schwert in den Himmel streckt. An den Seiten des Aufganges stehen in ihrer Größe beeindruckende Plastiken, die russische Soldaten im Grauen des Krieges darstellen. An Mauern aus alten Ziegeln der zerschossenen Häuser hat man riesengroße Reliefs mit erschütternden Kriegszenen geschaffen, sozusagen das „umgekehrte, das Grauen vermittelnde Heldentum“ der vielen, vielen Soldaten darstellend. Bäume und Skulpturen spiegeln sich in Wasserbecken. Schließlich erreicht man eine erhaben große runde Helden-Gedenkhalle. An ihrer Außenwand befindet sich ebenfalls ein elfenbeinfarbenes Flach-Relief, welches in einem oberen Band die siegreichen Soldaten, in dem darunter verlaufenden gleicher Höhe die geschlagenen und in Gefangenschaft ziehenden deutschen Kämpfer in ihrem erbarmungswürdigen Zustand darstellt. .Gegenüber der Gedenkhalle befindet sich eine überdimensional große in Stein gehauene Pieta, die einen toten Soldaten im Schoß hält |
|
|
| Der Besuch der Halle ist erschütternd! Inmitten des riesigen Rondells ragt eine große Hand, die eine ewig brennende Fackel hält, in die Höhe. Vor ihr steht eine Ehrenwache, die jede Stunde mit Zeremoniell (Stechschritt!) abgelöst wird. Der Unteroffizier sorgt dafür, dass die Uniform der jungen Soldaten, die die Wache halten, 100%ig sitzt,(an allen zupft er herum, nachdem sie ihren Positur eingenommen haben) denn es kann sich leicht beim Anmarsch ein Fältchen irgendwo eingeschlichen haben!. Rund um die Uhr steht die Ehrenwache, starr wie aus Stein, und rund um die Uhr ertönt leise Schuhmanns „Träumerei!“ Die meisten Besucher weinen. Einige Deutsche legen Blumen nieder....... |
|
| Seit 1996 gibt es auch einen Soldatenfriedhof in der Nähe von Wolgograd, in dem russische und deutsche Soldaten getrennt gebettet wurden, jedoch durch einen Weg miteinander verbunden sind, dies ein Zeichen, dass die ehemaligen Kämpfer im Tode nichts mehr trennen soll. Ich habe diesen Friedhof im Gegensatz zu anderen Mitreisenden nicht besucht. |
|
| Graf Y. 81 jährig und ebenfalls als Pilot Kriegsteilnehmer ( wenn auch nicht im Osten) und schwer verwundet, erlitt unmittelbar nach dem Besuch der Gedenkstätte eine Herzattacke, der er trotz der von mir sofort eingeleiteten Erste-Hilfe-Maßnahmen, von der Gräfin und einem befreundeten Ehepaar tatkräftig unterstützt, nach etwa 10 Minuten erlag. Auch ein sich zufällig in der Nähe aufhaltender US-amerikanischer Arzt, der zu dieser Zeit privat in Wolgograd weilte, um Kontakte mit russischen Kollegen zu pflegen, und der mir sofort zu Hilfe eilte, konnte nicht mehr rettend tätig werden. Ich erwähne diesen Vorfall deshalb, weil ich durch ihn Einblicke in „Strukturen“ gewann, derer man als gewöhnlicher Tourist sonst nie gewahr wird. |
| Der Sterbende war, auf einer niedrigen Mauer sitzend, nach hinten über gekippt, seine Frau und seine Freunde konnten ihn gerade noch halten und ihn dann auf einer durchwässerten Wiese betten, auf der ein sprudelnder Wasserschlauch lag. |
| Ein in der Nähe „herumhängender Wachsoldat“ nahm sofort seine Beine in die Hand und stürmte den Berg hinauf, denn nur dort, - und überhaupt nicht so nah, wie ich später feststellen konnte - in der Kaserne, befand sich das nächste Telefon. Die hilflose örtliche Reiseleiterin, des Deutschen natürlich tadellos mächtig, - aber, wie in diesem Land nicht anders zu erwarten, haperte es mit der Flexibilität - wurde von mir in Richtung Schiff in Marsch gesetzt, um dort den Kapitän und die Kreufahrtdirektion zu benachrichtigen mit der gleichzeitigen Bitte um einen Wagen, (die Begleitung einer Dolmetscherin selbstredend voraussetzend ) denn in nur wenigen Stunden sollten wir ablegen. Mir war klar, dass da noch einige Formalitäten auf uns zukommen würden. Niemand von uns hatte eine Telefon-Nr. vom Schiff, und schon gar nicht von der Schiffsärztin, die es natürlich gab – eine junge Dame – die aber angeblich das Schiff nicht verlassen durfte! |
|
| Es begann eine unendlich lange Zeit des Wartens!. Der Verstorbene mit einem in Deutschland nicht unbekannten Namen lang in der nassen Wiese. Die Gräfin hatte ihm ein Taschentuch auf das Gesicht gelegt, nachdem ihm der amerikanische Kollege die Augen zugedrückt, sich bekreuzigt und der Witwe gegenüber Beileid und Trost ausgedrückt hatte (da waren die Freunde und ich die Dolmetscher), In dem ständig fächelnden Wind da oben auf dem Berg drohte es immer wieder davon zu wehen...... |
|
| Wir warteten. Es passierte nichts. Und es passierte wieder nichts. Wir warteten auf eine Weise hilflos, ausgesetzt auf der Höhe 102, auf der vor 60 Jahren so viele, viele Menschen starben! Heute war es an uns, Totenwache zu halten, und das ohne einen Dolmetscher!. Dazu muß man sagen, dass nur wenige Russen des Englischen mächtig sind und man eher einen deutsch sprechenden als einen englisch sprechenden Russen in diesem großen Land antrifft. (Was uns in diesem Falle sehr lieb gewesen wäre!) |
| Es dauerte mindestens 35 Minuten, als endlich ein klappriger Sanka eintraf, dem ein Sanitäter, und eine mittelalterliche hagere, strenge und n u r russisch sprechende Ärztin mit schaukelnden Ohrringen, beide in schmuddeligen Kitteln, entstiegen. .Letztere warf nur von Ferne einen flüchtigen Blick auf den im Sumpf liegenden Leichnam und sagte, den Kopf schüttelnd: „Njet!“ Dann erfolgte ein Palaver zwischen ihr und dem Helfer, während welcher Zeit ich verstohlen einen Blick in das Innere des Sankas warf! |
| Oh Jemineh! Die Ausstattung vermittelte den Eindruck, das Sanitätsmobil sei ein Veteran aus der Schlacht von Stalingrad: ich erspähte eine alte, vergammelte unbezogene, graue, um nicht zu sagen „grindige“ harte Trage, irgend so etwas Ähnliches wie eine Sitzgelegenheit und ein vasenähnliches Gefäß, sicher um Erbrochnes oder andere Ausscheidungen aufzufangen! Das sah mir doch verdammt nach einem Pisspöttchen aus! Und sonst gab es n i c h t s!! Keine Infusionshalterung, von EKG oder gar Geräten zur Beatmung ganz zu schweigen! (In Gorki linste ich noch einmal in einen Sanka, der dort vor einer Kinderklinik parkte. Dasselbe Interieur, nur gab es da noch ein durchgesessenes Sofa!) |
|
| Mittels einer Verständigung „mit Händen und Füssen“ wurde uns klar, dass die Miliz in diesem Falle zuständig sei. Würde sie, die Doktorin, das in die Hand nehmen? „Da! Da!“ (Ja, ja) |
| In ihren schmuddeligen Kitteln stiegen die Beiden wieder ein und ................wir warteten! Wir warteten! Der alte Offizier hatte nie in Stalingrad gekämpft, dennoch musste er hier sein Leben lassen, wenn auch 60 Jahre nach der Schlacht! Sein Leichnam lag im immer noch Sumpf, uns klebte der Morast an Händen und Füssen, ich versuchte meine Schuhe in dem Wasserbecken vor der Pieta zu reinigen, alle gebührliche Ehrfurcht außer Acht lassend – vergeblich! Und wir warteten..............Ich setzte erneut einen Wachsoldaten in Marsch....... Plötzlich erschien ein rundliches niedrig gewachsenes Paar. Sie war so enorm dick, dass sie kaum gehen konnte. Hochmütig schlappten die beiden „mittelalterlichen“ Gestalten auf uns zu.. Sollte das vielleicht die Miliz sein? Was ist in Russland nicht alles möglich, besonders, wenn man gar nichts darüber weiß...? |
| .„Miliz?“ „Njet! Administration!“ Ein flüchtig-neugieriger Blick auf die Leiche, und sie schlappten davon. |
|
| Wir warteten und warteten, ausgesetzt auf dem Mamajew-Hügel, des Grafen Freund ständig mit nacktem Oberkörper, denn er hatte sein Hemd unter den Kopf des Sterbenden geschoben (und sich auch prompt erkältet!). Nach 1 ½ Stunden kam sie endlich, die Miliz, gerade, als ich mich aufmachte, irgendwo ein Telefon ausfindig zu machen, um irgendwie an ein Taxi zu gelangen – es hätte sowieso nicht funktioniert. In einem Jeep, der vielleicht den Afghanistan-Krieg mitgemacht hat, kamen 3 Männer (davon trug einer einen schmuddeligen Kittel und war vielleicht ein Leichenfahrer der Pathologie - oder der Gerichtsmedizin?) Die beiden anderen Herren und eine junge Frau waren in Zivil. Letztere, auf inzwischen aus der Mode gekommenen hohen Schuhen, etwa Anfang 20, etwa 10 Worte englisch sprechend, war ganz lieb und rührend! Und das war Frau Leutnant! - Später, auf dem Schiff, musste sie mein Protokoll zweimal schreiben, weil es beim ersten Mal überhaupt nicht gestimmt hat! |
|
| In diesem klapprigen, zugigen Jeep fuhr uns einer der Offiziere in mörderischem Tempo den Berg hinunter. Auf den Rücksitzen saßen wir vier Frauen eingeklemmt, (zum Glück war Frau Leutnant ganz dünn, - sie hielt sicherheitshalber auch die Tür mit der Hand zu - und wir anderen waren auch nicht zu dick) Vor dem Schiff, wurden wir vom Kapitän und vom ersten Offizier in Empfang genommen. |
|
| Und wie endete die Geschichte? Dass dem Wunsch der Witwe entsprochen würde, sie könne ihren Mann hier in Russland einäschern lassen um ihn dann mit nach Hause zu nehmen, konnten wir nicht glauben. Aber es geschah!. Gräfin Y. verließ das Schiff und kam zunächst in Wolgograd in einem Hotel unter. Hier kümmerte sich die örtliche Reiseleitung um sie, wobei natürlich auch die Zentrale in Bremen eingeschaltet war. Ob eine Obduktion durchgeführt wurde, die in diesem Falle angezeigt gewesen wäre und von der auch die Russen behaupteten, sie sei unumgänglich, haben wir nie erfahren. Die Einäscherung jedenfalls, die nur in Moskau möglich war (hier befindet sich das einzige Krematorium des ganzen Landes), geschah überraschend schnell. Und tatsächlich konnte die Witwe die sterblichen Überreste ihres Gatten in einem der Koffer im Flugzeug mit nach Hause nehmen. Zunächst war der bewusste Koffer zwar verschwunden, fand sich jedoch nach kurzer Zeit wieder. Als er zu Hause geöffnet wurde, blies der Familie eine „Staub-Wolke“ entgegen. Entsetzt hielten alle den Atem an!! Nein, nicht das was alle schockiert dachten...nur die marmorne Ummantelung der Urne war zertöppert.... |
| Ich nehme an, dass sich zwei Botschaften in Moskau sofort um die Angelegenheit kümmerten, denn der Verstorbene war in einem angrenzenden EU-Land ansässig, besaß zwei Pässe und bekleidete ein prominentes Ehrenamt..... |
|
| Nachtragend möchte ich noch Folgendes hinzufügen: Die Ausstattung der Ordination der Schiffsärztin war als m i n i m a l s t zu bezeichnen. Ich konnte sie flüchtig in Augenschein nehmen, hörte aber, dass Frau Doktor für jedes verordnete Medikament erst in die nächst angelaufene Stadt zu hasten hatte, um es in einer Apotheke zu besorgen. Ich selbst erhielt unter „strenger Geheimhaltung“ die Handy Nummern der Kreuzfahrtdirektorin und ihrer Assistentin – für den - Gott sei Dank nicht wieder eingetretenen - Notfall..... |
| |
|
|
| |
04 Wolga so lang zurück zu REISEERLEBNISSE |
|
Europa/Asien - Wolga so lang (c) von A. Beck
|
|
Wolga so lang Teil 2 |
|
| |
| W O L G A so lang Teil 2 |
| © Anneliese Beck, Muenchen, 2002 |
| D i e P e r l e n d e r W o l g a |
| |
| “Ach, du mein schmutziges Mütterchen Rußland!” klagte der junge Dichter Lermontow voller Heimweh, als er in den Kaukasus verbannt war. Also: schmutzig fand ich es nirgends, wenn man nicht veraltete Industrieanlagen, die man an der Wolga auch hin und wieder sieht, oder alte Schleppkähne, an denen sich der Rost unübersehbar festgefressen hat, als schmutzig bezeichnen möchte......Alle Städte, die wir auf dieser Reise besuchen, waren geputzt, „hatten sich fein gemacht!“ Natürlich fehlt es oft noch an Vielem, Vieles ist noch dringend restaurierungsbedüftig, aber wenn man meinen sollte, es herrsche in dieser Hinsicht eine Lethargie, ein Fatalismus vor – weit gefehlt: es geht voran!. Immer wieder dürfen wir dies feststellen! (Seit 1996 reise ich zum 5.Mal in der ehemaligen Sowjetunion, und der |
| Fortschritt ist unübersehbar!) Anzumerken gilt, daß Touristen, wie in anderen Ländern auch, vorwiegend in den alten, hier z.T. wunderschön „aufgeputzten“ Innenstädten herumspazieren, will man doch die Kulturgüter vergangener Zeiten sehen und bewundern.! |
|
| „St. Petersburg“ sagt man „ist der Kopf Mütterchen Russlands, Astrachan sind ihre Füße, aber Moskau! Das ist ihr Herz!“( und ihr Geldbeutel ist Nischni-Nowgorod!) |
|
| Zunächst befinden wir uns zu Rußlands´ Füßen: in Astrachan, 100 Km vom kaspischen Meer entfernt! Hier beginnt das Wolgadelta! Die Stadt verteilt sich auf mehrere Inseln, die durch Brücken miteinander verbunden sind. In seinem leichten „südlichen Flair“ erinnert es mich ein bisschen an Odessa. (Aber bitterkalt wird es auch hier im Winter!) Hier leben neben Russen Tataren, Kirgisen und Kalmücken. |
| Mit der Eroberung Astrachans (1554) war endlich die ganze Wolga von der Quelle bis zum Delta vollständig in russischer Hand. Und was baute man sofort? Natürlich einen Kreml, eine sehr eindrucksvolle Anlage mit einer bemerkenswerten Kathedrale. Immer finden sich in einer ummauerten Festung Wohnanlagen, Verwaltungsgebäude und eine oder mehrere repräsentative Kirchen. Der Kreml hier Astrachan hat noch eine Besonderheit: Es gab eine Richtstätte, wo in früheren Zeiten die Gesetze verlesen wurden und Hinrichtungen stattfanden. Sie war die einzige im ganzen Land außerhalb von Moskau. Und auch dort befand sie sich natürlich innerhalb des Kreml. Die Stadt war im Krieg unversehrt geblieben. So wechseln Holzhäuser mit ihren geschnitzten, Verzierungen – wie man sie überall in Rußland, auch in Sibirien, sehen kann, - mit schönen mehrstöckigen Backsteinbauten, auch schicken, verputzten, geschmückten vornehmen Häusern ab. Wie in allen Wolgastädten begann der Bau der Wohnhäuser aus Stein erst Mitte des 19. Jahrhunderts, denn vorher baute man nur aus Holz und brannte dementsprechend oft ab!. Zunächst waren es die reichen Geschäftsleute, die sich die eleganten Häuser hinstellten, und oft in der „Straße der Adeligen“, die es natürlich auch hier gab. So findet man in den Wolgastädten zumeist die Architektur des Klassizismus, des Eklektizismus und des Jugendstils. Das macht die Städte in ihren Stadtkernen so anziehend. |
| Peter der Große hat die Stadt nach „modernen Gesichtspunkten“ ausgebaut: „seine Hauptstadt der 5 Meere!“ Sie sollte so schön werden wie St. Petersburg. Zu seiner Zeit mochte man diese Hoffnung nicht grundlos hegen – heute führt natürlich kein Weg dort hin! Wie auch der „physische“ Weg allein schon nach Moskau unendlich weit ist: mit der Bahn z.B. fährt man 48 Stunden lang! Und dann erst nach St Petersburg!!! |
| Der Bau von Schiffen! Schon immer war Astrachan ein Zentrum des Schiffbaus und ist es auch heute noch! Als wir dort waren, fand gerade eine Ruder-Regatta statt! |
|
| Auf dem Rückweg nach Wolgograd machen wir in der Nähe von Achtubinsk an einem grünen Anleger am westlichen Ufer fest. Es ist ein heißer Spätsommer-Nachmittag. Etliche Passagiere gehen zum Schwimmen, oder wandern barfüßig auf den einzelnen Sandbänken. Zu drei Freundinnen erleben wir auf einem ausgedehnten Waldspaziergang hoch über dem Fluß in der Stille der einsamen Wege, (an deren Rändern wir nach nach Zweigen, Blüten und Beeren suchen, denn wir wollen an einem Wettbewerb teilnehmen), in der Lautlosigkeit also, die wie „zum Anfassen“ ist, die Schönheit und die Freude, wie sie nur die Natur zu vermitteln vermag.. Und da ist ja auch noch Joachim Ringelnatz, der uns begleitet und in seiner schnoddrigen Art das zum Ausdruck bringt, was wir empfinden: |
| „Überall ist Wunderland! Überall ist Leben! |
| (Bei meiner Tante im Strumpfenband und irgendwo daneben! |
| Wenn du einen Schneck behauchst, schrumpft er in´s Gehäuse... |
| Wenn du ihn in Cognac tauchst, sieht er weiße Mäuse.....“) |
| Mit dem Arrangement unserer „Ausbeute“ (Titel: „Ein Spätsommernachmittag an der Wolga“) gewinnen wir übrigens den 4. Preis! |
|
| Nördlich von Wolgograd wird der Fluß immer wieder zu einem See, da er verschiedentlich aufgestaut wird. 5 große Stauseen werden wir zu durchqueren haben (Ufer sind da nicht mehr auszumachen!), bevor es auf dem Moskau-Wolgakanal in die Hauptstadt gehen soll. Dem entsprechend müssen die Schiffe immer wieder in großen Schleusen „gehoben werden“, so auch die MS Vatschenko, und obgleich dies meinen Freundinnen und mir als „gewieften Fluss-Schiffern“ nichts Neues mehr ist: es ist dennoch jedes Mal ein Erlebnis: das Einfahren in die Schleuse, dann das Schließen der Tore! Wie in einem Gefängnis sitzt man erst einmal fest, graue feuchte Mauern anstarrend, bis man endlich, endlich ganz oben ist, inmitten der weiten Wasserfläche!. Bis zu 30 m hoch hat man zu steigen. (in der Regel sind es so 15m – 20m) Übrigens hat schon Peter der Große im 18. Jahrh. damit begonnen, die Wasserstrassen in seinem Reich miteinander zu verbinden. Wird die Wolga in ihrem nördlichen Teil von feuchten Waldgebieten begrenzt, so geht die Landschaft, je südlicher man kommt, immer mehr in Steppe und Halbwüste über. Im mittleren Lauf des Stromes ist der Unterschied zwischen dem westlichen Bergufer – hier kann man die faszinierendsten Ufer-Formationen sehen – und dem flachen östlichen Wiesenufer sehr ausgeprägt. |
| Aber noch schippern wir so ziemlich im Süden: 385 Fluss-Km nordöstlich von Wolgograd liegt Saratow am westlichen Ufer – und gegenüber, am Ostufer: Engels! |
|
| 1764 versprach Zarin Katharina die Große Ausländern, die sich ansiedeln wollten, attraktive Privilegien. Damals kamen viele Deutsche ins Land, denn die Bevölkerung war vom siebenjährigen Krieg reichlich gebeutelt. Die Kolonisten kamen vorwiegend aus Süddeutschland und aus dem Rheinland und siedelten sich an der Wolga, aber auch in der Ukraine, auf der Krim und in Bessarabien an. 106 deutsche Kolonien an der Wolga gab es nach der Zeit der Katharina II. Sie sollten einen Vorposten gegen die Kosaken und die Nomadenstämme im Süden bilden .Die Privilegien wurden unter den folgenden Zaren allerdings immer mehr abgebaut. Die Deutschen haben sich aber immer den Zaren gegenüber verantwortlich gefühlt und haben auch in ihren Kriegen mitgekämpft. Sie etablierten sich als erfolgreiche Landwirte. 1914 zählte man im Wolgagebiet etwa 700 000 Deutsche mit eigenständiger Kultur. Während des ersten Weltkrieges galten sie als innere Feinde, und nur die Revolution konnte Repressalien verhindern.. Aus der „Deutschen Autonomen Arbeiterkommune“ wurde 1924, also schon unter Stalin, die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“. Bis 1941 war Engels ihre Hauptstadt. Von einer mitreisenden „Deutsch-Russin“ aus Bessarabien erfahre ich, daß der Hitler-Stalin-Pakt nur unter der Voraussetzung zustande kam, daß alle Deutschen unbehelligt in das „Deutsche Reich heimkehren durften!“(bei ihr bzw. ihren Eltern z.B. war das der Fall). |
| Am 22. 08. 1941 wurde fast die gesamte deutsche Bevölkerung innerhalb von 24 Stunden nach Kasachstan und Sibirien evakuiert, denn Hitler hatte die Sowjetunion angegriffen. Die Deutschen mussten in ihren Verbannungsgebieten schwer arbeiten – bis zu 20 Stunden am Tag - , nur ganz alte Leute und Kinder wurden von der Arbeit befreit. Erst 1964, als sie nicht mehr offiziell als Staatsfeinde angesehen wurden, kam es zu einer allmählichen teilweisen Rückführung der Deutschen, die aber mehr oder weniger unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor sich ging, denn öffentlich waren die Russland-Deutschen noch immer . Hitlers Kollaborateure. Außerdem gestaltete sich die Rückführung insofern schwierig, als viele Menschen aus dem westlichen Teil der Sowjetunion hier angesiedelt waren. Eine nochmalige Autonomie, wie sie die anderen autonomen Republiken auch in der SU genossen, kam nicht mehr in Frage, auch nicht zur Zeit der Perestroika. Das sowjetische Bürgerrecht erhielten die Deutschen ohnehin erst 1972 wieder zurück. Kein Wunder, daß so viele junge Deutsch-Russen nach Deutschland ausreisen wollen, da sie immer noch als Hitlers „5. Kolonne“ betrachtet werden, .....und auch ausgereist sind. |
| Dennoch werden die örtlichen Reiseleiterinnen nicht müde, uns die kulturellen Leistungen der Deutschen in diesem Land zu preisen. („Die Wolgadeutschen haben die Kultur nach Saratow gebracht!“)Die Innenstädte dieser Region tragen vielfach ihre architektonische Handschrift. Die „Deutsche Strasse“ heißt z.B. die hübsche Fußgängerzone in Saratows Innenstadt. Der Begründer des russischen Jugendstils war ebenfalls ein hiesiger Deutscher, weswegen wir in Saratow besonders viele Jugendstilhäuser im speziellen russischen Stil sehen, wie überhaupt im gesamten Wolgagebiet berühmte Jugendstilarchitekten gearbeitet haben. Die russische Grammatik übrigens, die im frühen 19.Jhrhunder von einem Wolgadeutschen verfasst wurde, benutzte man bis 1918 im ganzen riesigen Zarenreich! |
|
| In Samara, unserer nächsten Station, 430 Fluss-Km weiter nordöstlich, werden wir von der evangelischen Gemeinde der Deutschen zu Saft und Plätzchen eingeladen. Die Repräsentanten der Gemeinde, sprechen ein einwandfreies Deutsch. Eine junge Frau hält in der Kirche einen Vortrag über die Geschichte der hier ansässigen Deutschen und das derzeitige Gemeindeleben. Ich finde sie faszinierend, denn sie steht am Altar mit altmodischen Hauspantoffeln! So richtige Schlupfgaloschen hat sie an ihren Füssen, solche, wie ich sie aus meiner Kindheit her kenne! (Im Gegensatz dazu habe ich ebenso fasziniert in dem berühmten, 70 Km von Moskau entfernten Kloster Zagorsk – genannt der „russische Vatikan“ - eine junge Frau in Stöckelschuhen, einem Modell, das in dieser Saison in Mode ist, den Fußboden schrubben sehen – und das auch zum ersten Mal in meinem Leben!) |
|
| Noch sind wir jedoch in Saratow. Hier wurde der erste russische Staatszirkus gegründet, aber für uns sind natürlich die zahlreichen orthodoxen Kirchen mit ihren wunderschönen bunten Kuppeln viel anziehender! Russische Kirchen weisen zumeist einen quadratisch-bis rechteckigen Grundriss auf. Sog. „Kirchen-Schiffe“ gibt es nicht. Oft sind zwei Kirchen übereinander gebaut und haben dann einen gemeinsamen Kirchturm, immer mit mehreren meist hell klingenden Glocken.. Ein Gestühl ist nie im Gemeinderaum vorhanden, obgleich orthodoxe Messen stundenlang dauern, wohl aber mehrere Altäre, d.h. Ikonen, vor denen der Pope auch Andachten hält und die Andächtigen oft bäuchlings auf dem Boden liegen. Am beeindruckendsten ist natürlich immer die Ikonostase, oft noch mit einem prächtigen Zarentor. Sie trennt den Altarraum vom Gemeinderaum. Die Ikonen der Ikonostase sind immer nach festgelegten Regeln in mehreren Reihen übereinander angebracht. Viele Kirchen sind bis in ihre Kuppeln über und über mit Fresken bemalt! Und am berühmtesten sind wohl die der Verkündigungskathedrale im Moskauer Kreml! |
| Wir sind immer ganz angetan von der geistlichen Musik! Da im orthodoxen Gottesdienst keine Musikinstrumente verwendet werden, erklingt stets a capella ein mehrstimmiger Gesang von einer kleinen Gruppe von Sängern, meist aber Sängerinnen, jungen Mädchen/Frauen mit Kopftuch (auch die Besucherinnen des Gottesdienstes tragen immer Kopftücher) .Wie oft habe ich auf meinen Reisen diese herrliche Musik gehört, zwischendurch natürlich auch von männlichen Stimmen! Einen gemischten Chor habe ich während des Gottesdienstes nie erlebt. |
|
| Ende des 10. Jahrhunderts war der Großfürst Wladimir bereit, sich, seine Familie und seine Untertanen taufen zu lassen. Byzantinisch-Orthodox oder Römisch-Katholisch: das war hier die Frage! Also schickte er Gesandte nach Rom und nach Byzanz, um zu sondieren, welcher Ritus wohl opportun sei. Auf diese Weise erfuhr er, daß die Byzantiner die viel schönere Musik hätten, und so bekannten sich die Russen fortan zum orthodoxen Christentum! So die Sage! Und sie tun es bis heute! In allen Kirchen, die wir besuchen, sehen wir viele Gläubige! Die Reiseleiterinnen sprechen immer von der sog. „gottlosen Zeit“, als während des Kommunismus viele Kirchen geschlossen, wenn nicht gar zerstört waren, oder anderweitig verwendet wurden! |
|
| Lange Zeit war die 2 Km lange Brücke über die Wolga bei Saratow die längste Europas. 1967 war sie fertiggestellt! Weiter südlich gibt es keine Brücken mehr! |
|
| Hoch über der Wolga gibt es wieder eine riesige Anlage zum Gedenken an den großen vaterländischen Krieg (wie der 2. Weltkrieg allgemein in Russland genannt wird). Auf dem langen Fußweg zum Mahnmal wird man des vielen Kriegsgerätes ansichtig, welches insbesondere bei der Schlacht von Stalingrad zum Einsatz kam (denn hier war Nachschub-Gebiet): Wolgaschiffe, einen Lazarettzug, Flugzeuge, Kanonen und...:die berühmte Stalinorgel! Aus ihr konnte von 40 Kanonenrohren gleichzeitig geschossen werden! Man sieht auch einen riesigen Scheinwerfer, welcher jeweils das Ziel dieses schrecklichen Kriegsgerätes anvisieren sollte, damit es auch wirklich zu einem Volltreffer kam. Jedoch:. Dieses verursachte eine solche Rauchentwicklung, sodaß der Scheinwerfer letztendlich zu nichts nütze war! |
|
| In Saratow studierte Juri Gagarin, - er stammte aus Smolnesk - der 1. sowjetische Kosmonaut! Und hier lernte er fliegen. Saratow ist also auch seine Stadt! |
|
|
| Samara, am linken Wolgaufer gelegen, wird auch „das russische Chicago“ genannt, als es nämlich im 19. Jahrhundert anlässlich der Industrialisierung eine stürmische Entwicklung erlebte Die Stadt trug ab 1935 den Namen des sowjetischen Politikers Kujbyschew, der kam, um hier die Sowjetunion zu etablieren, denn hier, in dieser Stadt, entschied sich damals das Schicksal der Oktoberrevolution! Er verstarb 1935. Bis 1991 war die Stadt für Ausländer gesperrt. Samara war im 2. Weltkrieg die Kapitale des Landes,(die Deutschen, bei Tula in Stellung, bedrohten Moskau) denn zu dieser Zeit hatten die sowjetische Regierung und 20 ausländische Botschaften hier ihren Sitz. Auch das Bolschoi-Theater wurde von Moskau hierher evakuiert. Hier war die Kriegsindustrie angesiedelt, und hier begann die russische Raumfahrtindustrie! |
|
| Am Theaterplatz (das Theater ist übrigens sehenswert: echt russisch bunt, schnurkelig-schnörkelig) steht ein hübsches mehrstöckiges Haus mit einer Jugendstil Fassade. Unter diesem Haus befand sich 12 Stockwerke tief, in einer Tiefe also von 37 m, der sog. „Stalinbunker“, Stalins Hauptquartier während des Krieges.( Roosevelts Bunker lag 16 m tief, der Bunker Hitlers 14 m) 190 Stufen führten in die Tiefe, und es gab nur einen Fahrstuhl, den nur Stalin, sofern er da war, benutzte! Man weiß ja gar nicht einmal, ob er je in diesem Bunker war, denn Stalin hatte eine Reihe von Doppelgängern. So war er z.B. gleichzeitig in Moskau und auf der Konferenz von Teheran! 600 Arbeiter bauten diesen Bunker, ohne daß die Bevölkerung etwas davon bemerkte! Bis auf zwei dieser Männer war nach Fertigstellung des Bunkers keiner mehr aufzufinden! Und auch diese Beiden haben standhaft geschwiegen! Auch im Fernsehen, viele Jahre darnach, haben sie kein Sterbenswörtchen über dieses Bauwerk verlauten lassen! Sowieso ist die Existenz dieses Stalin-Bunkers erst 1990, also nach der Wende, bekannt geworden. Vorher habe, so hören wir, niemand etwas davon gewusst. |
| Die Stenotypisten – bei Stalin waren nur Männer beschäftigt – haben den hinter ihnen diktierenden „Diktator“ nie gesehen, denn sie durften nur geradeaus schauen ! Alles in allem hat Stalin mit seinem Bunker offensichtlich Hitlers „Wolfsschanze“ und auch seinen Berliner Bunker grandios übertroffen! |
|
| Hier in Samara, der „kosmischen Stadt“ wurde die Tupulew gebaut, hier werden Raketen hergestellt, hier werden die Weltraumstarts vorbereitet, hier finden sich eine Reihe von kosmischen Betrieben, und hier gibt es auch eine kosmische Galerie und ein kosmisches Museum! Vor letzterem ist eine große Weltraum-Rakete zu sehen! Und.....hier wird auch industriell abgerüstet! |
|
| Auf einer schönen terrassenförmigen Promenade über dem Fluß mit hübsch angelegten Blumenbeeten sehen wir eine beeindruckende Foto-Ausstellung eines französischen Künstlers. Etwa 1,5 bis 2 qm große, gestochen scharfe Fotografien in herrlichen Farben, aufgenommen aus der Vogelperspektive „über“ allen Erdteilen, leuchten im hellen Sonnenlicht des späten Vormittags. Man kann sich an dieser Schönheit gar nicht satt sehen! (Nachts sind diese Kunstwerke übrigens beleuchtet). |
| Auf dem Paradeplatz werden keine Paraden mehr abgehalten, sondern Märkte, und für die Kinder wird im Winter aus Schnee und Eis ein Märchenland gebaut! |
|
|
| Nach weiteren 216 Fluß-Km erreichen wir das am westlichen Ufer gelegene Simbirsk, das seit 1924 den Familiennamen Lenins, nämlich Uljanowsk, trägt. Hier wurde der große Revolutionär 1870 geboren, und hier verbrachte er die ersten 17 Jahre seines Lebens. Sein Vater, aus Astrachan stammend, Pädagoge, war Schuldirektor und Schulinspektor für die Grundschulen dieses Gouvernements – wir würden heute sagen: er war Schulrat. Lenins Mutter war übrigens eine Deutsche. (ihr Vater war ein deutscher Kaufmann aus St. Petersburg, der eine Schwedin geheiratet hatte.).Die Uljanows zogen häufig um, weil sie immer mehr Kinder bekamen. In einem imposanten Freilichtmuseum sind einige dieser übrigens hübschen Häuser zu sehen, in denen sie zur Miete wohnten. Das Haus, das Vater Uljanow schließlich kaufte, ist heute ein Museum und vermittelt einen guten Eindruck, wie die Familie lebte. |
| Lenin war 8 Jahre alt, als sein Vater das Haus kaufte. In der Strasse hat man alle Holzhäuser, renoviert, erhalten, um auch das Ambiente, in dem der junge Lenin aufwuchs, zu vermitteln, und so sind sie, - natürlich längst nicht mehr bewohnt, - auch als ein Museum anzusehen. |
|
| 6 Kinder hatte das Ehepaar Uljanow. Der Vater hat seine Kinder immer altersentsprechend in drei Paare geteilt, die er zusätzlich zusammen unterrichtete (alle sechs waren sehr intelligent). Die Uljanows waren von mittlerem Wohlstand. Das Haus war geräumig, jedes der Kinder hatte ein eigenes Zimmer! Die Einrichtung, die zu sehen ist, wurde nach Fotografien und Beschreibungen der Geschwister Lenins nachgestellt. Ich fand sie einigermaßen elegant, einer gut situierten Bürgerfamilie angemessen und, der damaligen Mode folgend: ausgesprochen geschmackvoll. Man hatte eine Kuh und ein Pferd, denn der Vater brauchte für seine Inspektionsreisen natürlich ein Dienstpferd! An Personal hatte man nur ein Kindermädchen und eine Köchin (die deutsche Mutter war eben fleißig, und es ist anzunehmen, daß das Kindermädchen vielleicht auch mal mit anfassen musste!). Der große Garten, – wir gingen in ihm spazieren – die Tiere und das Putzen haben die Mutter und die Köchin besorgt, die Wäsche wurde ausgegeben...... |
| Was die Erziehung anbetraf, so hörte ich auf einer meiner früheren Reisen, daß Vater Uljanow seinen wohl eigenwilligen Sohn Wladimir nicht selten vertrimmt habe. Dies wird auf dieser Reise strikt verneint! A b e r : es wird ein Sessel gezeigt, in dem Wladimir Iljitsch, so er nicht brav war, zur Strafe lange – wie lange wohl? – still zu sitzen hatte! Ich stelle mir Vater Uljanow schon streng vor! Das war immerhin damals so üblich! Das von ihm für seine Kinder ausgesuchte Spielzeug und die Lehrmittel waren a u c h naturwissenschaftlich ausgerichtet! |
|
| Schon der Vater hatte reformerische Ideen und hat wohl seine Kinder inspiriert. Allerdings: ein Revolutionär war er nicht, sondern absolut zarentreu! Lenins großes Vorbild war bekanntlich sein älterer Bruder Alexander, der anlässlich eines misslungenen Attentates auf den Zaren hingerichtet wurde. Das war wohl s e i n K i c k! |
|
| Vater Uljanow, der für seine Verdienste um die Pädagogik die verschiedensten Orden erhielt, wurde auf dem nur für Adelige vorbehaltenen Friedhof beigesetzt. |
|
| Bei dieser Gelegenheit gilt es anzumerken, daß es noch im 19. Jahrhundert verboten war, figürliche Denkmäler großer Geister zu schaffen Es durften lediglich Zaren dargestellt werden!. Wollte man z.B. einen Dichter ehren, musste eine entsprechende allegorische Figur herhalten! |
|
| Und was wurde aus Lenins Geschwistern? Sein jüngerer Bruder Dimitri wurde ebenfalls Berufsrevolutionär, nachdem er erst Arzt geworden war. Er war dann Gesundheitsminister und hat sich für Sanatorien und Kurorte eingesetzt. (z.B. auf der Krim). Seine Kinder sind die einzigen Nachkommen der Familie....sie leben alle in Moskau. Die älteste Schwester Olga starb 19 jährig an Typhus. Auch Anna wurde Berufsrevolutionärin, heiratete, hatte keine eigenen Kinder, hat aber einen Sohn adoptiert. Die jüngste Schwester Maria widmete ihr Leben ganz ihrem Bruder. Beide Schwestern arbeiteten in der Redaktion der Prawda. |
|
| 1887 wurde das Haus wieder verkauft, die Familie zog nach Kazan, wo Lenin sein Studium aufnahm. Nach mehreren Besitzern wurde das Haus, als dann die Sowjetmacht installiert war, verstaatlicht. Lenin hat dort zunächst einmal ein Museum über die Revolution eingerichtet. Erst später wurde es ein Lenin-Museum und ist es noch heute. Nach Lenins Tod lebte seine Witwe hier in Uljanowsk (und das auch bei Wintertemperaturen bis zu minus 40 Grad!) Schön ist diese Stadt, welche zu den kleineren Wolgastädten gehört und keine Million Einwohner hat, in meinen Augen n i c h t! |
|
|
| Noch 230 Fluß-Km, und wir sind in Kazan, der Hauptstadt der autonomen Republik Tartastan. Ivan der Schreckliche kämpfte bis in das 16. Jahrh. gegen die Tataren in Kazan, bis es ihm schließlich gelang, dieses Gebiet in das aufstrebende russische Reich einzugliedern! Die berühmte Ikone der hl. Gottesmutter von Kazan, (gemalt, wie sollte es auch anders sein, vom hl. Lukas!) der so viele Kirchen in Russland gewidmet sind, ist seit 1904 verschwunden! Zar Ivan hatte sie einmal vorübergehend nach Moskau mitgehen lassen, aber sie kam wieder heim! An der Befreiung Russlands von den Polen, die vorübergehend das Land an sich gerissen hatten, nahm sie aktiv teil, indem sie 1612 mit in den Krieg zog und den Kämpfern Kraft spendete! (Nach dieser Befreiung wurde übrigens Michail Romanow zum Zaren gewählt. Er begründete die Romanow-Dynastie, die bekanntlich bis 1917 den Thron inne hatte) Überall in Russland wurden Kirchen für die Gottesmutter von Kazan gebaut, und allmählich kamen Zweifel auf, ob es überhaupt je ein Original der Ikone gegeben hat. Auch der Papst besitzt eine solche Ikone. Als im März dieses Jahres eine tatarische Abordnung im Vatikan erschien, um um die Rückkehr des Gnadenbildes zu bitten, lehnte der Papst seine Herausgabe ab, mit dem Argument, er wolle selber vor der Ikone beten! |
| In der berühmten Kathedrale Peter und Paul, ( sie hat ihren Namen nach Peter dem Großen, der hier zu Besuch war!)an der auch Künstler aus Florenz mitgewirkt haben, hängt also auch lediglich eine Kopie. |
| 1804 wurde hier in Kazan die vierte Universität des Reiches gegründet. Viele berühmte Personen studierten hier, u.a. eben Lenin! Auch Gorkij war Student in Kazan; wenn auch nicht lange, weil er zu arm war! Und Leonid Tolstoi, der zunächst orientalische Sprachen, später auch Jura studierte. |
| Tolstoi! Wer kennt nicht sein großartiges Werk „Krieg und Frieden“(ursprünglich auf seiner eigenen Familiengeschichte fussend)? Eine völlig falsche Übersetzung des Titels dieses weltberühmten Romans, welcher zur Zeit des napoleonischen Krieges spielt! Der Buchstabe „I“ in dem Wort „ M I R „ kann nämlich im Russischen auf zweierlei Weise geschrieben werden. „Mir“ heißt in der einen Schreibweise „Frieden“(Raumstation MIR), in der anderen jedoch „Gesellschaft“, und somit lautet der Titel korrekt übersetzt: „Krieg und Gesellschaft“, oder – besser – „Die Gesellschaft im Krieg“. |
|
| In Tartastan leben etwa 70 Nationalitäten, dennoch setzt sich die Bevölkerung zu 48% aus Tataren – und die sind Muslime - und zu 43 % aus Russen zusammen. In der Altstadt lebten früher ausschließlich Tataren, und hier gab es natürlich auch die meisten Moscheen. Immer steht das Minarett auf dem Dach einer tatarischen Moschee! Das gibt es sonst nirgendwo in der islamischen Welt! Die heilige Blume der Tataren ist die Tulpe, obgleich sie hier nicht wächst! Wir finden sie jedoch in der Ornamentik der in meinen Augen etwas mickrigen Moscheen. |
| Ich erwähnte bereits, daß unsere Schiffs-Dolmetscherinnen Lehrerinnen aus Kazan waren: Natalja war Russin, Afelma und Sarema waren Tatarinnen und Luba, die Chefdolmetscherin, eine Kosakin. Am dürrsten waren die Tatarinnen, Natalja, schon Großmutter, war rundlich und Luba war kugelrund! |
|
| Beeindruckend ist der Kreml, der natürlich prächtig ist, bedenkt man, daß hier die neu etablierte zaristische Macht demonstriert werden sollte. Er steht als Weltkulturerbe unter dem besonderen Schutz der Unesco. Außer einer großen schönen Kathedrale imponiert eine prächtige Moschee, erbaut im 19.Jahrh. im arabischen Stil! Übrigens gibt es an der Wolga mehrere schiefe Türme. Auch hier im Kreml steht ein solcher Schiefling aus rotem Backstein, um den sich eine Sage von einer tatarischen Prinzessin und ihre Liebesgeschichte rankt. Jelzin hat übrigens für den Konzertsaal hier im Kreml eine Orgel für 6 Mill. Dollar gespendet! |
|
| Hier im Kreml sind verschiedene tatarische Ministerien untergebracht. Früher gab es hier eine Garnison. Bemerkenswert fand ich, daß in der Mairie, einem großen, schönen Bauwerk im klassizistischen Stil, gerade mal eine sechzehntel Tür (maximal) geöffnet war. Kommt, so wird erzählt, ein Tatare mit einem Anliegen in ein Ministerium, so erscheint er gleich mit seiner ganzen Sippe und bildet so eine undurchdringliche Wand, gegen die man nicht ankommt. Ohnehin sind alle höheren Positionen mit Tataren besetzt und die Russen fühlen sich unterdrückt! Kein Wunder, daß Russen und Tataren seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht mehr so gut befreundet sind, wenngleich häufig miteinander verwandt (wie z.B. unsere örtliche Reiseleiterin, die eine russische Mutter und einen tatarischen Vater mit entsprechender Verwandtschaft hatte) Die Tataren solidarisieren sich mehr mit den Türken. Des weiteren sind sie auch insofern aufmüpfig, als sie die lateinische Schrift wieder einführen wollen. Bis zur Revolution - 1917 - schrieben sie mit arabischen Buchstaben, bis 1939 mit lateinischen. Dann mussten sie mit kyrillischen Buchstaben schreiben. Nun gibt es schon erste Klassen in den Schulen, in denen die lateinische Schrift gelehrt wird, und außerdem hat man schon eine ganze Reihe von entsprechenden Schreibmaschinen (Computer?) angeschafft. Keine Frage, daß die Russen strikt dagegen sind, daß plötzlich mitten in ihrem großen Land plötzlich eine andere Schrift benutzt werden soll! |
| Auf zwei berühmte Söhne ist die Stadt sehr stolz: zum Einen auf den weltbekannten Bass-Sänger Fjodor Schaljapin, der hier als Kind sehr armer Eltern zur Welt kam. Er begann als Schauspieler, da er zunächst überhaupt keine Singstimme hatte, und er trat auch in Petersburg in diesem Genre auf! Zum anderen ist da der Dichter Musa Dshalil. Der geriet 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo er versuchte, subversiv eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Heimlich schrieb er in der Haft auf Papierschnipsel sein „Lied von Moabit“ und andere Gedichte, die den Weg aus dem Gefängnis fanden. Von den Deutschen wurde er hingerichtet, von Stalin zunächst totgeschwiegen, denn jeder Russe, der in deutsche Gefangenschaft geriet, wurde von ihm bekanntlich verstoßen. Da machte Stalin auch mit seinem eigenen Sohn, einem Flieger-Offizier, keine Ausnahme! Heute steht vor dem Kreml ein großes Denkmal des Dichters. |
| Ein Name wurde in der gesamten UDSSR jahrzehntelang nicht erwähnt: Wassilij Jossipowitsch Dugaschwili (Stalin). Der jüngere Sohn Stalins wurde bald nach dem Tod des Vaters in das Kazaner Gefängnis gebracht und lebte dort bis zu seinem Tot 1962. |
| Die große quirlige Stadt Kazan hat eine der hübschesten Fußgängerzonen, die ich in Rußland gesehen habe. Wir hätten sie schon im letzten Jahr erlebt, wäre damals dort nicht zufällig die Cholera ausgebrochen! Wir erfuhren nur von 120 Toten..... |
| Und kehrten um. |
|
| Wir schippern weiter. Nach 420 Fluß-Km erreichen wir das berühmte Nishnij –Nowgrod (die dritte Hauptstadt des Reiches nach Moskau und Petersburg), welches wir schon vor einem Jahr kennen gelernt haben -. damals im Regen! – Heute wird hier ein Stadt-Fest gefeiert! |
|
| Bei Nischni-Nowgorod mündet die Oka in die Wolga, ein sehr günstiger strategischer aber auch merkantiler Standort, eine Stadt zu gründen! Der Anfang des 16. Jahrh. nach N.N. verlegte „große Markt“ entwickelte sich später zur größten Messe des alten Russlands und wurde so zur bedeutendsten Handelsstadt an der Wolga. Internationale Messen fanden hier zwischen 1817 und 1917 statt. |
| Hier kam1864 auch Maxim Gorkij, der „Vater des realistischen Sozialismus“, zur Welt .Er stammte aus sehr ärmlichen Verhältnissen, wurde früh Waise und hatte eine schlimme Kindheit! Aus diesem Grunde haperte es natürlich auch mit der Schulbildung! 1932 wurde N.N. in „Gorkij“ umbenannt: in jenem Jahr konnte der Dichter auf 40 Jahre literarischen Schaffens zurückblicken. Natürlich gibt es ein Gorkij-Museum! Wir besuchten es vor einem Jahr. Attraktion des N.N.Gebietes sind die Chochloma-Gefäße, die früher in dem gleichnamigen Dorf hergestellt wurden und inzwischen wegen ihres typischen rot-goldenen Dekors Weltruf errungen haben. Wie überall, wo wir anlegen, gibt es auch hier fliegende Händler! Und Touristen kaufen immer! |
|
| Es gibt noch einen Namen, der mit dieser Stadt verknüpft ist: Stroganoff! Die berühmte Kirche unweit des Flusses in russischem Barock wurde von dem Kaufmann Stroganoff gestiftet, der durch Salzhandel sehr reich geworden war. Das uns geläufige Boeuf Stroganoff war eine Creation des Familien-Kochs ! |
|
| Auch N.N. liegt am westlichen Wolga-Ufer und somit oberhalb des Flusses. Immer müssen Treppen erklommen werden, will man nach Anlegen eine am rechten Ufer gelegene Stadt erreichen. (Busse und PKW fahren selbstverständlich gewundene Strassen bergan) Auf einer alten Darstellung sehen wir, daß in früheren Zeiten Rutschen und Schlitten auf den unbefestigten Berghängen benutzt wurden. Den Schlamm bei Tau- oder Regenwetter kann man sich gut ausmalen! Nun denn! Heute gibt es Treppen. Und eine der schönsten, geschwungen, z.T. doppelläufig, in 500 Stufen angelegt, ist die Tschkalow-Treppe in N.N., erbaut von deutschen Kriegsgefangenen. Steht man oben an der Treppe, hat man einen wunderbaren Blick auf das jenseitige Oka-Ufer und auf den breiten Wolga-Strom. |
|
| Da heute, an einem Sonntag wegen des Stadt-Festes keine Busse in den Kreml fahren dürfen, steigen wir zu Fuß hinauf auf die Festung und ergehen uns bei sonntäglicher Stille und hellem Glockenläuten in der Septembersonne in dem ausgedehnten Park innerhalb der wuchtigen Mauern (hier ist natürlich auch wieder einiges Kriegsgerät, auch ein Ehrenmal für die gefallenen Soldaten, zu sehen ) Wir betrachten noch einmal die schönen, aber restaurierungsbedürftigen Gebäude und gehen selbstverständlich auch in die Kathedrale. Außer den gläubigen Kirchenbesuchern keine Menschenseele seit und breit.... Sodann werfen wir uns in das Fest-Stadt-Getümmel!(Da wir die Stadt, die mir gut gefällt, schon anlässlich unseres letzten Besuches vor einem Jahr kennen gelernt haben.) |
|
| Tschingdarassa Bum! Ich komme mir vor wie im alten Österreich! Ein riesiger fast nicht enden wollender Festzug mit vielen bunten Luftballons, etlichen Musikkapellen, ordensgeschmückten Honorationen der Stadt und vielen Kindern mit phantasievollen bunten Perücken auf den Köpfen defilieren an uns, die es sich zu Viert in einem Strassen-Cafe gemütlich gemacht haben, vorbei. Anke R., die Kreuzfahrtdirektorin, ist in der Regel mit ihrem Fahrrad, manchmal auch mit ihrem Roller, in den Städten unterwegs, während wir on tour sind. Sie gabelt uns im Cafe auf, um uns mitzuteilen, daß aufgrund der Waldbrände unser Programm Änderungen erfahren wird. Waldbrände??? Natürlich: In Moskau musste schon einer der vier Flughäfen – wegen Rauchentwicklung – geschlossen werden. Und auch in unserer Gegend brennen auf der östlichen Uferseite die Torfwälder. |
| Das bedeutet, daß alle Schleusen-Termine durcheinander geraten werden. Aus Wassermangel geht das jeweilige Auffüllen der Kammer wesentlich langsamer vonstatten, und wir befinden uns unversehens in einer Warteschleife... – das Wasser wird man zum Löschen brauchen |
| Der Wasserspiegel des Rybinsker Stausees ist immerhin schon um 2 ½ m gesunken! |
|
| Dadurch verzögert sich auch das Ablegen der MS Vatschenko, dessen Zeitpunkt zunächst noch ungewiss ist. Wir aber nutzen unsere Zeit, um das Sacharow-Museum zu besuchen. |
| Selbstredend erinnern wir uns noch alle daran, als Gorkij eine geschlossene Stadt und daher für Ausländer gesperrt war! Und haben wir nicht alle das Schicksal dieses berühmten Physikers, Andrei Sacharow, und auch seiner Frau (seiner Zweiten, übrigens), Elena Bronner, einer aktiven Bürgerrechtlerin, damals im TV ständig mitverfolgt? |
|
| Sacharows Vorfahren stammten aus N.N. Sein Urgroßvater war Pope, sein Großvater Advokat, sein Vater Professor für Physik an der Moskauer Universität. Schon sein Physik-Studium in Moskau schloss Sacharow, der spätere „Vater der sowjetischen Atombombe“ mit Auszeichnung ab ! Er wurde Mitglied der Akademie der Wissenschaften und zweimal zum Helden der sozialistischen Arbeit ernannt (1962 und 1964). Er war zum führenden Kernphysiker des Landes geworden! An der Entwicklung der H-Bombe maßgeblich beteiligt, wurde er sich mithin der ungeheuren Gefahr bewusst, die von ihr für die Menschheit ausging. Da er mit der Sowjet-Regierung, von der er sich nicht einschüchtern ließ, deshalb und auch wegen der Menschenrechte im Clinch lag, veröffentlichte er seine Ansichten („Gedanken über den Fortschritt, die friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ )im Ausland. Sein Eintreten für den Stop der Bombe wie auch seine Veröffentlichungen außerhalb der UDSSR, die Gründung des „Komitees der Menschenrechte“, an der er beteiligt war, aber auch seine Gegnerschaft zum Afghanistan-Krieg und seine Sympathie für den Boykott der olympischen Spiele in Russland wurden der Anlass für seine Verbannung nach Gorkij. Gleichzeitig verlor er auch alle seine staatlichen Ehrungen. Das war 1980. Aber schon 1975, als er den Friedensnobelpreis erhielt, durfte er ihn (genau wie damals Boris Pasternak seinen Literatur-Nobelpreis) nicht persönlich in Empfang nehmen! |
|
| N.N. ist natürlich wieder eine Millionen-Stadt. Sacharow wohnte damals ziemlich weit draussen in einer quasi Hochhaus-Siedlung , die uns einen sehr trüben Eindruck machte. Zu einer für russische Verhältnisse geräumigen Hochparterre-Wohnung. war auch der Aufgang absolut trist und vergammelt! Wir betraten eine 4-Zimmer-Wohnung mit Blümchen-Tapete. Das dunkle, billige Mobilar (die Wohnung wurde ihm möbliert zugewiesen) vermittelte uns ebenfalls bei weitem keinen fröhlichen Eindruck, aber, welch ein Luxus! - Bad und Toilette waren getrennt. |
| Die Installation eines Telefons war untersagt, wie auch die gesamte Wohnung verwanzt war, auch das Schlafzimmer. Und vor der Wohnung saß rund um die Uhr immer ein Polizist. |
| Sacharow war in erster Ehe mit Claudia verheiratet, die einem Krebsleiden erlag.. Mit ihr hatte er drei Kinder, die in Moskau leben. Zwei Töchter sind Ingenieurinnen, der Sohn ist Fotograf .Während der Verbannung durften die Kinder ihren Vater 2 mal im Jahr besuchen, aber immer nur getrennt! Sacharow konnte sich in Gorkij frei bewegen. Er fuhr einen Lada und besuchte Konzerte und Theater. Er erhielt regelmäßig sein Gehalt, da er weiterhin offiziell in seinem Moskauer Institut angestellt war. |
| Und – oh Wunder – eines Tages bekam er doch ein Telefon! Und der Erste, der ihn anrief, war Michail Gorbatschow, der ihn bat, nach Moskau zurückzukommen. Ach Mütterchen Russland! Du bist mit Gedanken wahrlich nicht zu fassen! |
| Sacharow, der ja dann auch der Duma angehörte, starb mit 68 Jahren, wie Gorkij. Am Tag vor seinem Tod hat er noch eine Rede im Parlament gehalten! |
|
| Als wir uns langsam der nächsten Schleuse nähern, sehen wir plötzlich eine Armada von Schiffen , auch Lastkähnen, die, drei bis vier hintereinander verkoppelt, von Schub-Schiffen stromaufwärts geschoben werden, wobei ein Lastkahn so gut seine 60 m Länge aufweist! Man hat den Eindruck, als befände man sich unmittelbar vor einer Seeschlacht. Allen Kähnen haftet ein mehr oder weniger ausgeprägter Hauch von Rost an, während die Schubschiffe tipp topp aussehen. Hin und wieder flattert eine zerfetzte rote Fahne im Wind! Und dann liegen alle Kähne, alle Schiffe fest....Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, daß wir eine bevorzugte Behandlung erfahren, denn wir durchschneiden den Pulk und fahren unversehens in die Schleuse ein! Ministerieller Beschluss – hören wir läuten....Gegen Ende der Reise erfahren wir allerdings, daß unser Schiff für seinen nächsten Turn von den engsten Mitarbeitern des Präsidenten gechartert war. Da war offensichtlich ein mehrtägiger Ausflug (mit Staatsgästen vielleicht???) geplant, und den Terminkalender des Zaren Putin..... den darf man wahrhaftig nicht durcheinander bringen... |
|
| Weiter geht es nach Nordwesten. 386 Fluss-Km sind zu bewältigen, bis wir in Jaroslawl, der ältesten und einer der schönsten Städte an der Wolga, anlanden. 70 m hoch über dem Fluß thront die Altstadt, die zusammen mit Uglitsch (welches wir leider der Waldbrände und der dadurch hervorgerufenen Verzögerung wegen auslassen müssen) und Kostroma zum „goldenen Ring“, einer Gruppe historischer Städte nordöstlich von Moskau gehört. Beide Städte haben wir jedoch auf unserer letzten Wolgareise besucht, in das berühmte und geschichtsträchtige Uglitsch wären wir sogar zum dritten Mal gekommen. Im 17. Jahrhundert war Jaroslawl die zweitgrößte Stadt des Reiches nach Moskau. Berühmt ist es wegen seiner zahlreichen Kirchen und Klöster, seiner hübschen Geschäftshäuser, und bezaubernd ist die Promenade hoch über dem Fluß. Da wir auch diese Stadt im letzten Jahr „professionell“ besichtigt haben, durchstreifen wir sie diesmal zu zweit allein in der Vormittag-Sonne! Auf der Promenade werden wir von einer hübschen jungen Studentin angesprochen, die glücklich mit uns auf deutsch plauderte. Immer wieder sind wir verblüfft, wie gut die Russen deutsch sprechen, obgleich sie diese Sprache nur einige Jahre lang in der Schule gelernt haben....Zum Englischen haben sie offenbar kein so rechtes Verhältnis.... |
| |
|
|
|
|
| |
04 Wolga so lang zurück zu REISEERLEBNISSE |
|
Europa/Asien - Wolga so lang (c) von A. Beck
|
04
|
Wolga so lang Teil 3 |
|
| |
| W O L G A so lang Teil 3 |
| © Anneliese Beck, Muenchen, 2002 |
| |
| D a s H e r z R u ß l a n d s |
| |
| Mit der Wolga ist die Hauptstadt durch einen Kanal verbunden, der die Wasserscheide zwischen ihr und der Moskwa überwindet, und der 1937 fertig gestellt wurde. Um den Höhenunterschied zu bewältigen, arbeiten auf der 74 Km langen Strecke allein 6 grosse Schleusen. Da wir zeitlich im Verzug sind, machen wir am belanglosen Anleger Dimitrow fest. Das heißt: belanglos ist er natürlich nicht, denn hier wird Sand und Kohle verladen, was bedeutet, dass wir zunächst einmal durch den Dreck stapfen. Inzwischen ist es deutlich kühler geworden. Morgen werde ich in Moskau – trotz dicker Strickjacke unter dem Anorak – sogar frieren. Und ich bin nicht die Einzige! Die morgendlichen Temperaturen liegen jetzt bei 10 Grad! |
| Der letzte Teil der Reise geht nun mit Bussen vonstatten. Der Kanal, auf dem durchweg eine Geschwindigkeitsbegrenzung vorgeschrieben ist, wird auf dieser Reise von den Passagieren, die sich lieber in Moskau herumtreiben(wie wir z.B.) oder natürlich den Kreml besichtigen möchten,(was wir schon zwei mal hinter uns haben), nicht befahren. (Diese Wasserstrecke haben wir im vorigen Jahr zurückgelegt). Das Schiff und seine Besatzung, sowie die zurückgebliebenen Passagiere, werden wir abends, nach unserem Stadtbummel, wieder im nördlichen Flusshafen treffen. |
|
| Auf der breiten Straße, gesäumt durch düstere nordische Wälder, sehen wir hin und wieder an Straßenkreuzungen Panzer stehen: zum Gedenken an den „grossen vaterländischen Krieg“! Denn in dieser Gegend verlief die Frontlinie vor Moskau. |
|
| „Sputniks“ werden hier die Trabanten-Städte der Hauptstadt genannt. |
| In ihr leben fast 10 Millionen Menschen! Ich bin seit 1996 zum vierten Mal in Moskau und stelle zu meiner grossen Überraschung fest, dass der Verkehr, gerade innerhalb des letzten Jahres, ungeheuer zugenommen hat! Die Zahl der PKW ist von 350 000 im Jahre 1991 auf heute 3 Millionen angestiegen! Wie so viele Mega-Städte steht Russlands Hauptstadt auch vor dem Verkehrsinfarkt. Über den heutigen Leninprospekt – er wurde immer die Champs Elysees von Moskau genannt - kamen die Zaren von St. Petersburg, um sich in Moskau vom Patriarchen krönen zu lassen. Jedes Mal kamen auch wir an ihrem Schloss vorbei, wo sie und die vielen Menschen, die sie begleiteten, vor dem grossen Ereignis Wohnung nahmen, bevor sie die eigentliche Stadt betreten durften. Dieser Palast liegt jetzt natürlich quasi mitten in der Metropole!. Der Lenin-Prospekt war immer die grünste Strasse, aber vor einigen Jahren herrschte ein Orkan, der viele Bäume vernichtete. Auf der nunmehr 16-spurigen Fahrbahn (jeweils 8 Spuren in einer Richtung!) gibt es 2 Baumalleen, aber die Bäume sind noch jung, da neu angepflanzt! Kaum zu fassen! Aber geht es noch nicht einmal im Schritt-Tempo voran. Selbst das Wort „Voran“ ist übertrieben! Vor der Wende gab es 20000 Taxis. Wie viele es heutzutage sind, weiss man nicht...Aber die Moskauer sind auch findig: sie umgehen einfach die steuerlich angemeldeten Mietfahrzeuge, indem sie Privat-Autos anhalten, mit dem Fahrer, der schon damit rechnet, einen Preis aushandeln und mitgenommen werden. Allgemein herrscht hier eine „Bakschisch-Mentalität“, wie überhaupt die Schwarzarbeit blüht, aber wo tut sie das nicht? Keiner werfe hier den ersten Stein!!! |
|
| Die größte Stadt Russlands hat vier grosse Flughäfen (die Moskauer sagen immer, sie hätten 5. Der fünfte sei der rote Platz, wo weiland Mathias Rust, zur Verblüffung aller, landete). Sie hat neun grosse Bahnhöfe, sechs grosse Sport-Komplexe mit im Ganzen 70 Stadien! Sie hat 23 Heizwerke, und die Moskauer Bibliothek verfügt über eine Sammlung von 40 Millionen Bänden! |
| Die Arbeitslosigkeit beträgt in der Hauptstadt 0,6%! (im übrigen Land liegt sie bei durchschnittlich 30%!!) und so herrscht hier eine Hektik wie in jeder anderen erfolgreichen Metropole .auf der Welt! Auch die Russen klagen über einen Geburten-Rückgang, der jedoch einigermaßen durch Zuzug aus den ehemaligen orientalischen Sowjet-Republiken (Jetzt: GUS) ausgeglichen wird – nicht zur Freude der Moskauer, übrigens! - Insofern herrscht immer noch Wohnraum-Not. Der Erwerb von Eigentumswohnungen ist längst auch in Russland üblich und erst Recht in Moskau. Hier gibt es natürlich die meisten „neuen“ d.h. reichen Russen. Schon im letzten Jahr hörten wir, dass in dieser Stadt ebenso viele PKW der Marke Mercedes laufen, wie in ganz West-Deutschland zusammen ....? |
| Täglich befördert die Metro 8 Millionen Menschen, sodass man von einer zweiten Stadt unter der Stadt sprechen kann. In den Dreissigern begonnen, wurde die U-Bahn während des Krieges konsequent weitergebaut. Dadurch wollte Stalin die Durchhalte-Moral und den Siegeswillen der Moskauer stärken. Ihre Stationen im Bereich der Innenstadt sind ja weltberühmt, und wir lassen es uns natürlich auch nicht nehmen, auch diesmal wieder U-Bahn zu fahren: Einstieg am Belorussischen Bahnhof mit der besonders hübschen Jugendstil-Fassade! Sehr steil sind die unendlich langen Rolltreppen, diese faszinierende Metro liegt in einer ungeheuren Tiefe! Und die „Vorzeige-Stationen“ in Marmor und Mosaik sind immer wieder faszinierend zu betrachten, der Lärm der vorbeidonnernden Züge im Minuten-Takt ist allerdings ohrenbetäubend! |
| In der Umgebung der so gross gewordenen Stadt gibt es eine Reihe von Stauseen zur Energie-Versorgung, die hier das Klima verändert haben Die Winter sind wärmer und schneereicher, und die Moskauer sind öfter grippe-krank! |
|
| Ein Gutes hat ja der „Langsam-Verkehr“: Man kann die Architekturen besser betrachten! Im Gegensatz zu St. Petersburg gibt es in Moskau keinen einheitlichen Baustil. Hier wechseln ältere und modernere Häuser regellos miteinander ab, wodurch das Strassenbild sehr lebendig wirkt. Man wird nicht müde, die aufregenden und abwechslungsreichen Fassaden der grossen Häuser aus der Jahrhundertwende zu betrachten! Früher standen zwischen Adelspalästen und Geschäftshäusern viele Holzbauten, die natürlich längst verschwunden sind und repräsantiven Steingebäuden Platz gemacht haben. Die Tverskaja, die direkt zum Kreml führt, glänzt mit wunderschönen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert. Sie wird aufgelockert durch baumbestandene Plätze, auf denen Denkmäler an die grossen Geister des Landes erinnern – wie z.B. Puschkin und Majakowski - , durch kleine Parks, durch eine Reihe von Theatern und schicken Hotels. Im Gegensatz zu meinen früheren Besuchen hat dieser Boulevard, wie die Innenstadt überhaupt, eine ausgesprochen positive Veränderung im Sinne der Eleganz erfahren (das französische Wort „Boulevard“ kommt übrigens von dem deutschen Wort „Bollwerk“! Und das ebenfalls französische Wort „Bistro“ kommt aus dem Russischen! Es kam auf, als nämlich die russischen Soldaten nach der Niederlage Napoleons in Frankreich immer bischtro riefen, wenn sie schnell etwas zu essen haben wollten!). |
| Puschkin wurde übrigens in Moskau geboren und verbrachte hier seine glücklichsten Jahre! Er würde seine Heimatstadt sicher nicht wieder erkennen. Unter dem riesigen Manegenplatz wurde erst in jüngster Zeit, unter mehreren Glaskuppeln versteckt, ein ausgedehntes grossflächiges unterirdisches Einkaufszentrum, welches sich über mehrere Stockwerke erstreckt, eröffnet. So elegant es ist, mir gefällt das inzwischen 100 Jahre alte Kaufhaus GUM mit seinen glasgedeckten Ladenpassagen – in 2 Stockwerken – die durch zarte Brücken miteinander verbunden sind, besser! |
| 24 Türme hat der Kreml, der Ende des 15. Jahrhunderts erbaut wurde, und bis auf zwei hat jeder seinen Namen. Diese letzten Türme ohne Eigennamen heißen „ungenannte Türme“ Neben den Palästen und der Kongresshalle befinden sich drei grosse Kathedralen innerhalb dieser berühmten Festung. Breite, straßenartige Wege und grüne, baumbestandene Plätze verbinden die einzelnen Gebäude miteinander. Wir schlendern über den „Roten Platz“, der übrigens ursprünglich „schöner Platz“ genannt wurde, denn das Wort „krasnyj“ bedeutet sowohl rot wie auch schön! Denn rot i s t schön. Die den Platz einfassenden Bauten sind alle aus rotem Stein, auch die berühmte Kreml-Mauer, und so hat der Name „roter Platz“ überhaupt nichts mit der Revolution zu tun! |
|
| D a s Wahrzeichen Moskaus ist aber die Basilius-Kathedrale mit ihren acht ungleichen prachtvollen bunten Zwiebelkuppeln, und sie ist nunmehr fast vollständig restauriert. Und – Oh Wunder – die Kathedrale ist geöffnet. Mit einem Eintrittsbillet versehen betreten wir diese außergewöhnliche Kirche, deren Inneres mich an den berühmten Film von Sergeij Eisenstein: „Ivan der Schreckliche“ erinnert. Alles ist hier eng und verwinkelt mit niedrigen, schmalen Torbögen und überraschenden Ecken und Winkeln, und alles ist von oben bis unten bemalt! Man sieht Blumen-Ornamentik und Fresken, wieder, wie üblich, bis hinauf in die Kuppeln, deren Rundung selbstverständlich ebenfalls ausgemalt sind. Wir sind rein zufällig in eine wunderschöne Ikonen-Ausstellung hineingeraten, die uns begeistert! |
| Nach der Legende liess Ivan der Schreckliche die beiden Baumeister nach Vollendung der Kathedrale blenden, um zu verhindern, dass sie eine noch schönere Kirche bauen! Welches Glück wir hatten, das Innere dieser Kirche sehen zu können erfuhren wir später, als andere Passagiere vor verschlossenen Toren standen und hörten, dass die Öffnungszeiten absolut unregelmäßig und witterungsabhängig seien! |
|
| Unter Stalin wurde in den 30iger Jahren der Moskwa-Fluss in Granit gefasst und es wurden die Uferstrassen gebaut. |
|
| Ein unvergessliches Erlebnis ist das Chorkonzert in der St. Dimitri Kirche. Diese verhältnismäßig kleine Kirche, die übrigens unter UNESCO-Schutz steht, und die vom roten Platz aus gut zu Fuß zu erreichen ist, ist über und über mit Fresken ausgemalt! Um in das Kircheninnere zu gelangen, hat man allerdings über eine unfallträchtige Holztreppe zu balancieren! Ein gemischter Chor von etwa 10 (12?) Sänger/innen singen a capella zunächst geistliche Lieder, sodann Romanzen ( nach Gedichten von z.B. Puschkin u.a. Dichtern). Das Überraschende: Jede(r) Sänger(in) ist ein(e) Solist(in)! Als Zugeständnis an die Ausländer im Publikum d a r f „Kalinka“ natürlich nicht fehlen! Ich habe dieses populärste Volkslied noch nie so schön gesungen gehört! |
|
| Der dritte Tag in Moskau ist schon der Abreise-Tag. Da unser Flug erst für den späten Nachmittag vorgesehen ist, besuchen wir vormittags das berühmte Kloster Zagorsk, 70 Km von Moskau entfernt, welches wir von unserer ersten Russland-Reise - 1996 - schon kennen. In einem russischen Kloster befinden sich innerhalb der Mauern neben den profanen Bauten immer mehrere Kirchen! Das ist im Westen bekanntlich nicht üblich. Insofern ist Zagorsk eine sehr grosse Anlage. Schon von weitem sieht man die zahlreichen Kuppeln der einzelnen größeren und kleineren Kirchen. Was hat sich seit unserem ersten Besuch vor 6 Jahren verändert?: Man sieht bei weitem mehr „Schwarzgekleidete“, also Popen und Seminaristen, als früher. Überhaupt wuseln vielmehr Menschen auf dem Klostergelände herum! Die jungen Frauen, die Fremde führen, tragen ebenfalls dunkle Kleidung und schwarze Schuhe., und allemal ein Kopftuch! In der sog. „gottlosen Zeit“ war Zagorsk der Sitz des russischen Patriarchen, der von den Kommunisten aus Moskau verbannt war. Nun lebt er wieder in der Hauptstadt wie seit Jahrhunderten im Danilow-Kloster. Sein sog. Palast hier auf dem Klostergelände ist an „Prächtigkeit“ natürlich niemals mit Bischofspalästen früherer Jahrhunderte in der römisch-katholischen Kirche zu vergleichen, wie ganz allgemein der weltliche Prunk der westlichen Kirche damals den der östlichen bei weitem übertraf (und somit die grossen Kunstwerke hervorgebracht hat) Dennoch: an Gold wurde auch im Osten nie gespart, und die Ikonostasen hier im Kloster sind prächtig, überwältigend. Erst vor kurzem war Präsident Putin zusammen mit dem deutschen Bundeskanzler Schröder hier in Zagorsk, um ihm seine Kunstwerke zu zeigen. |
| |
|
|
|
| |
04 Wolga so lang zurück zu REISEERLEBNISSE |
|
Europa/Asien - Wolga so lang (c) von A. Beck
|
04
|
Wolga so lang Teil 4 |
|
| |
| W O L G A so lang Teil 4 |
| © Anneliese Beck, Muenchen, 2002 |
| |
| .....v o n r o t e n Z a r e n |
|
|
| Nach der Wende wurden geheime Archive des Kreml der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und so erfährt man Manches über die Großen des Kommunismus, was man als gewöhnlicher Sterblicher vorher nicht wusste! |
|
|
| Da ist z. B Wladimir Iljitsch Uljanow, seit 1901 sein Deckname „Lenin“....... |
|
| Kein Staatsmann seit Peter dem Großen hat in seinem Land so tiefgreifende Veränderungen bewirkt wie dieser berühmteste aller Revolutionäre. Doch was war Lenin für ein Mensch? Was waren seine Vorlieben und woran litt er? |
|
| Schon in ganz jungen Jahren war Lenin in seiner Heimat von einem Bauern prophezeit worden, daß er einmal an einem Schlaganfall sterben würde! Lebenslang hat der Revolutionär an migräneartigen Kopfschmerzen gelitten! |
| Seine spätere Frau und Mitarbeiterin, die Krupskaja, auch sie eine Revolutionärin, lernte Lenin in Sibirien kennen, wohin beide vom Zaren verbannt worden waren. (Lenin von 1897 – 1900). 1900 und nach der misslungenen Revolution von 1905 ging er in die Emigration Bekanntlich hielt er sich zusammen mit seiner Frau in Krakau, in München und Paris auf, bei Kriegsbeginn zog er sich in die Schweiz zurück .Schließlich wurde er, wie bekannt, zusammen mit anderen Revolutionären –1917- von den Deutschen in nicht plombierten Eisenbahnwagen nach Russland geschleust (ohne übrigens jemals ihr Agent gewesen zu sein) mit dem Ziel, durch Anheizen der Revolution den Kriegs-Feind zu schwächen. In Zürich ließ sich Lenin wegen seiner häufigen oft unerträglichen Kopfschmerzen ärztlich untersuchen. Als Ergebnis dieser Untersuchung teilte man ihm mit, „Er habe etwas im Kopf!“ (Vielleicht ein Haemangiom?). In Paris lernte er Isabelle Armand kennen – auch sie war eine Sozialrevolutionärin, die außerdem wunderschön Beethoven spielen konnte. Beethoven war Lenins Lieblingskomponist. Und er liebte es, wenn Isabelle Beethoven spielte! Es entwickelte sich eine Dreiecksbeziehung, die bis zu Isabelles Tod andauerte. Lenin schritt bei ihrem Begräbnis hinter ihrem Sarg her, was fotografisch dokumentiert ist. Sie war offenbar seine offizielle Geliebte, denn nach Lenins Tod schrieb die Krupskaja der Tochter der Isabelle , sie möchte, daß der Verstorbene neben ihrer Mutter beigesetzt wird. Die Kruspkaja war nämlich gegen die Einbalsamierung von Lenins Leichnam und seiner zur Schau Stellung. |
|
| Lenin liebte auch das Schachspiel leidenschaftlich! Als er sich jedoch gänzlich der Revolution verschrieb, gab er diese Leidenschaft wie auch die Beethoven`sche Musik abrupt und vollständig auf!– Er hörte sein Leben lang keine Beethoven`sche Note mehr! Und er rührte auch keine Schachfigur mehr an! |
|
| Als schließlich die Bolschewiki – „die Mehrheitler“. - im November 1917 die Macht an sich rissen, handhabte er die Diktatur der Partei im Namen des Proletariats mit unnachgiebiger Härte bis zum Massenterror! |
|
| Am 30.08.1918 wurde Lenin Opfer eines Attentats. Eine Sozialrevolutionärin richtete während einer Massenkundgebung die Pistole auf ihn Er wurde durch zwei Schüsse getroffen, nämlich in die linke Schulter und in den Hals, wo das Geschoss auch stecken blieb! Selbstverständlich wurde die Attentäterin gefasst und hingerichtet. Lenins Kopfschmerzen nahmen seit dem Anschlag jedoch ständig zu! Er wurde psychisch labil, und man kann sagen, daß er von diesem Zeitpunkt an den roten Terror in großem Stil befahl! So ließ er z.B. einmal 20 Kulacken einfach niederschießen, um dadurch die Bauern zu zwingen, ihr Getreide abzugeben. Gerade in seinen depressiven Phasen, die immer häufiger auftraten, heizte er den Terror so richtig an! |
|
| Lenin war pingelig und penibel. Unnachgiebig verlangte er, daß sein Schreibtisch immer tipp topp aufgeräumt und sauber, seine Bleistifte stets tadellos gespitzt waren! Auch verlangte er absolute Ruhe, wenn er sich mit Schreibarbeiten beschäftigte, um seine Gedanken zu ordnen. Auch in seinem Landhaus in Gorkij! Wenn er z.B. eine Rede vorbereitete, ging er selbst auf Zehenspitzen hin und her, damit es absolut still war! Ein zwanghafter Mensch! |
|
| Im Mai 1922 erlitt er seinen ersten Schlaganfall. Von diesem Zeitpunkt an war er nicht mehr belastbar, konnte nicht länger als 2 Stunden am Tag arbeiten, fing an, vergesslich zu werden, falsch zu antworten, auf Parteitagen in seiner Rede plötzlich etwas Falsches zu sagen und Dinge durcheinander zu bringen. Er war nicht mehr in der Lage, richtig zu diskutieren. |
|
| Nach dem zweiten Schlaganfall 1923 war Lenin kaum noch arbeitsfähig. Es gibt Filmaufnahmen, die Lenin im Rollstuhl zeigen, die ich auf dieser Reise gesehen habe, und die ein erbarmungswürdiges Bild dieses großen Revolutionärs abgaben! Stalin besuchte ihn wiederholt in Gorki, und Lenin sagte ihm, daß er nicht mehr leben wolle, wenn er gar nicht mehr reden könne. Stalin möge ihm Zyankali besorgen. Diesen Wunsch hat Stalin der Partei gemeldet, das Zyankali hat er aber nicht besorgt! Aber er begann, Lenin zu isolieren, ihn auch über seine Schwester zu bespitzeln, die eine von Lenins beiden Sekretärinnen war. Schließlich standen alle unter Stalins Beobachtung: Krankenpfleger, Hauspersonal, die Krupskaja, die sogar von Stalin wiederholt angeschnauzt wurde! Der zukünftige „Schakal im Kreml“, wie Trotzki ihn nannte (und der von diesem schließlich liquidiert wurde, obgleich er sich in Mexiko dermaßen eingemauert hatte, daß es einem Gefängnis gleich kam – Stalins Arm war lang!) war dabei, gegen Lenins Willen die Herrschaft an sich zu reißen. Gegen Ende seines Lebens machte Lenin – so auf den Filmaufnahmen – den Eindruck eines körperlichen und psychischen Wracks. Er erlag am 26.01.1924 einem weiteren Schlaganfall, nicht ganz 54 Jahre alt! Unzählige Opfer des Elends, der Not und des Todes säumen seinen Lebensweg! |
|
|
|
| ...und Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, geb. 1894 im Gouvernement Kursk.... |
|
| Nikita war der erste rote Zar, der nicht an der Kreml-Mauer beigesetzt wurde, denn noch zu seinen Lebzeiten wurde er seiner Ämter enthoben. Sein Grab besuchten wir vor einem Jahr auf dem Prominenten-Friedhof hinter dem Jungfrauenkloster in Moskau, wo neben vielen Künstlern und Wissenschaftlern, Helden des Krieges, Helden der Arbeit, überhaupt herausragenden Persönlichkeiten z.B. auch Lisaweta Allelujewa, Stalins Ehefrau, und Raissa Gorbatoschowa beigesetzt sind. (Auf Raissas Grab liegen immer frische Blumen!). |
|
| Nikita stammte aus armen bäuerlichen Verhältnissen, und wie Gorki, verließ er die Schule mit 11 Jahren, sodaß böse Zungen behaupten, er sei praktisch ein Analphabet gewesen. Was natürlich nicht stimmt, besuchte er doch die Industrie-Akademie in Moskau. Ein homme de lettres war er allerdings wirklich nicht. Seit 1935 gehörte er dem ZK an. |
| Zunächst war Nikita Stalinist, ja ein enger Begleiter und Vertrauter Stalins. Als Generalsekretär der Ukraine kümmerte er sich extensiv um die Kollektivierung der Landwirtschaft. Menschen, die sich der Kollektivierung verweigerten, hat Stalin prinzipiell verhungern lassen, denn sein Motto war: „Aushungern! Aushungern!“ Damals sind auch viele Kinder verhungert! Als der große vaterländische Krieg kam, kämpfte Nikita in Stalingrad, was ihn unglaublich erschüttert haben soll. |
| Nach seinen eigenen Worten hat Nikita seine Arme bei der Liquidierung der Ukrainer, die auf deutscher Seite gekämpft haben, bis zu den Ellenbogen in Blut getaucht! (so hört man es auf seinen auf Tonband gesprochenen Memoiren, - geschrieben hat er natürlich nicht - und es klingt, als hätte es ihm dann leid getan) Später war Nikita Gouverneur der Ukraine. Schon damals war sein Ziel: ein Jeder sollte ein Dach über dem Kopf und genug Kartoffeln, Gemüse und Fleisch haben. Und er wollte, daß die Kinder gesund sind! Gerade um den Wohnungsbau hat sich Nikita verdient gemacht. Millionen von Plattenbauten zeugen davon! |
|
| Nikita verdanken die Russen die Abschaffung des Personenkults, der sich insbesondere auf Väterchen Stalin bezog. |
|
| Der Maisanbau hat ihn fasziniert. Überall musste Mais angebaut werden, was dann zu einer Getreidekrise führte – man war gezwungen, Getreide aus den USA einzuführen! Der Volksmund war der Meinung, man müsse unbedingt auf dem Mond landen, damit Nikita dort Mais ansäen könne! |
|
| Als extrovertierter Mensch war er temperamentvoll, spontan, reiste gern, wie man weiß, und: er war eine Plaudertasche! Im Ausland tönte er herum: „wir produzieren Raketen wie Würste!“ bis sein Sohn, der in der Raketentechnik tätig war, ihn erst einmal darüber aufklärte, daß man gerade mal 10 Stück vorweisen könne! Das war natürlich weit vor der Cuba-Krise, denn immerhin hat er ja dort 36 Raketen stationiert! |
|
| In die Cuba-Krise schlidderte er mehr oder weniger unbedarft hinein. Die Stationierung atombestückter Raketen durch die Amerikaner in der Türkei, die natürlich sein Land bedrohten, meinte er seinerseits mit einer Raketenstationierung vor Amerikas Haustür beantworten zu müssen („Da schicken wir erst einmal Raketen hin, und dann sehen wir weiter!“ soll er gesagt haben). So geriet die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Jetzt, nach so langer Zeit, erfahren wir, daß man nur noch 24 Stunden von einem nuklearen Konflikt entfernt gewesen sei! Daß damals der blaue Planet nicht in einem nuklearen Inferno unterging ist letztlich der Besonnenheit (und der Angst natürlich) der Amerikaner zu verdanken, die nicht zurückschlugen, als die Russen in Cuba ohne höchsten Befehl (!) eine U2 vom Himmel holten. Eine weitere Gefahr war ein russisches U-Boot, welches auch einen nuklearen Sprengkörper an Bord hatte. Wie man sich erinnert, zogen die Amerikaner eine Schiffsblockade um die Zuckerinsel. Der Kapitän des sowjetischen U-Bootes hatte die Erlaubnis, auch ohne Befehl aus Moskau zu feuern, falls er sich angegriffen fühlte! Chruschtschow wurde klar, daß ihm die Befehlsgewalt aus der Hand gleiten und er gegen seinen Willen eine globale Katastrophe auslösen könne. Mitten in der Krise besuchte Nikita das Bolschoi-Theater, wo man „ Boris Godunow“ gab. Die Titelrolle sang ein Amerikaner, den er nach der Vorstellung zu Champagner einlud! Eine Geste? Oh Diplomatie! Wie verschlungen sind doch deine Wege! |
|
| Eines Tages erschien Nikita auf einer Ausstellung junger Künstler, die dort ihre modernen Arbeiten zeigten. Er war entsetzt! Er tobte und schrie herum, beschimpfte die jungen Leute, bot ihnen in seiner Wut an, sie sollten in Gottes Namen ausreisen, und er würde ihnen die Fahrkarte bis zur Grenze bezahlen. Im Westen könnten sie ja zusehen, wie sie weiter kämen. Aber solche Künstler wolle er hier in der Sowjetunion nicht haben! Und er hat ihnen das Leben schwer gemacht. |
| Bemerkenswerterweise waren es gerade diese jungen Menschen, die nach seinem Sturz zu ihm hielten. Sie waren die einzigen, die ihn stützten, nachdem er in Ungnade gefallen war. |
|
| 1964 Chruschtschow wurde also abgesetzt, und Breschnew konferierte mit Beria, dem berühmt-berüchtigten Geheimdienst-Chef darüber, ob man ihn nicht liquidieren solle. Immerhin war auch Beria ein Aspirant auf das Amt des Generalsekretäs der SU und somit Chruschtschows Konkurrent gewesen. Breschnew wird als feige geschildert. Er hatte nicht den Mut, die Sache allein in die Hand zu nehmen. Der KGB jedoch winkte ab, und so wurde von einer Liquidierung und auch von einer Verbannung abgesehen. Und so saß Nikita in seiner kleinen Villa am Rande Moskaus fest und wurde vom KGB überwacht – gerade so wie Lenin am Ende seines Lebens. Breschnew wurde sein Nachfolger. (Und Beria starb eines gewaltsamen Todes!).... |
|
|
| ....Und Wladimir Putin? |
|
| Ist Putin ein roter Zar? Wir im Westen denken alle daran, daß er beim Geheimdienst war. Das macht ihn für viele von uns unheimlich. Die Russen sagen mehrheitlich, es sei gut, daß er diese Karriere hinter sich habe, so interessiere er sich für die Menschen, sei nicht abgeschottet, wie seine Vorgänger, sei offen und wolle alles wissen, denn das habe er gelernt! Auch zur jetzigen Zeit ist das Land in einer großen Umwälzung begriffen und Putin hat sicher die Chance, wie Peter der Große, ein positiver Veränderer zu sein und seinem Volk, dem es bis auf die „neuen Russen“ wirklich noch nicht so gut geht, eine wünschenswerte Zukunft zu geben. Positive Entwicklungen können selbst Touristen wie unsereins, sofern sie wiederholt im Land reisen, beobachten. Immerhin werden längst die Gehälter wieder ausbezahlt, was ja unter Jelzin nicht der Fall war. Es wird gebaut und restauriert! Wir sehen, daß die Menschen im Allgemeinen besser und modisch gekleidet sind, daß es viel weniger Bettler und viel weniger Alkohol-Leichen gibt, als noch Mitte der 90iger Jahre! Es gibt die vielen schicken Geschäfte, in denen alles, aber auch alles zu haben ist, es gibt Cafe-Häuser (viele Straßencafes, übrigens) und Restaurants, es gibt unzählige amerikanische Schnell-Imbiss-Buden! Und es gibt die Handys! Die Crux ist natürlich die z. T große Arbeitslosigkeit! Viele Familien im Land hängen noch an der kleinen Rente der Babuschka, (Die Durchschnitts-Rente liegt bei 1200 Rubel! Ein Euro = 30 Rubel). Gemüse-Anbau, sei es im Garten der Datscha, sei es auf dem Balkon, ist weitgehend noch immer unabdingbar! Jedoch: Mit diesen Problemen stehen die Russen nicht allein in der Welt da!. Das Land ist ja reich! Nun kommt es auf das Handling an – wie zur Zeit des großen Zaren Peter! |
| |
|
|
|
| |
|
|
|
|