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Wortliste zu „Ursprung und Gegenwart“
Seitenzahlen nach der dtv-Taschenbuchausgabe, die den Bänden II-IV der Gebser-Gesamtausgabe entspricht
1. Wichtige Grundbegriffe:
latent versteckt, verborgen; ohne typische Merkmale (bes. von Krankheiten); ruhend; gebunden, aufgespeichert
von lat. latens, Partizip Präsens Aktiv von latēre „verborgen, versteckt sein“
Substantiv: Latenz Verstecktheit, Verborgenheit
S. 32: „Das Verborgene (die Latenz) ist die nachweisbare Gegenwart (Präsenz) der Zukunft. In die Latenz einbegriffen ist sowohl, was sich noch nicht manifestiert hat, wie auch alles, was wieder in die Latenz zurückgesunken ist [...]“
akut heftig, dringend; unvermittelt auftretend (von Krankheiten)
von lat. acutus „geschärft, scharf, spitz“; wurde schon von altröm. Ärzten verwendet zur Charakterisierung von unvermittelt auftretenden Krankheiten, die einen kurzen, heftigen Verlauf haben (morbus acutus)
Gebser unterscheidet beispielsweise zwischen akuter Zeitenergetik und der latenten Energetik des Raumes (siehe Zeit / Raum unter „Verschiedene Begriffe“)
chronisch langsam verlaufend, langwierig (morbus chronicus: langsam verlaufende Krankheit)
Mutation biolog. spontan entstandene oder künstlich erzeugte Veränderung im Erbgefüge
von lat. mutare „tauschen, wechseln, ändern“
vgl. „Über Entwicklung, Entfaltung und Mutation“ im Dritten Kapitel des ersten Bandes
der Begriff Mutation meint für Gebser eine sprunghafte (also diskontinuierliche) Veränderung (vgl. S. 75)
Einen äußerst wichtigen Grund dafür, warum er von Mutation und nicht von Evolution spricht, gibt Gebser auf S. 213 an: Ausweglosigkeit macht kontinuierlichen „Fort-schritt“ unmöglich und fordert einen Sprung
kontinuierlich stetig, fortdauernd, unaufhörlich, durchlaufend
von lat. continuare (zusammenhängend machen, ohne Unterbrechung fortsetzen), das auf continuus (zusammenhängend) und con-tinēre (zusammenhalten) zurückgeht; Bestimmungs-wort ist lat. tenor (ununterbrochener Lauf; Fortgang; Zusammenhang, Sinn, Inhalt)
diskontinuierlich aussetzend, unterbrochen, zusammenhangslos
Umlagerung „Der Mensch wird Träger des ursprünglichen ‚Bewußtseins’ (oder wie immer man dies benennen mag), und seine irdische Bedingtheit macht durch Raumzeitlichung das irdisch, was allbezogen und ganzheitlich ist.“ (S. 177; siehe auch S. 201)
effizient wirksam
von lat. efficere (< ex-facere) „hervorbringen, bewirken“
defizient erschöpft (S. 28); sich destruktiv auswirkend
von lat. deficere „abfallen, schwinden, fehlen“
wichtig ist Gebsers Unterscheidung zwischen effizienten und defizienten Manifestationsformen einer Bewusstseinsstruktur: „gesetzmäßig wiederholt sich in jeder einzelnen Struktur, daß die qualitative (maßvolle) Form, die effizient ist, von der quantitativen (maßlosen) Formlosigkeit, die defizient ist, abgelöst wird.“ (S. 194)
Struktur Gefüge; Bau; Aufbau, innere Gliederung
geht zurück auf lat. structura „ordentliche Zusammenfügung, Ordnung, Schichtung, Gefüge; Bauwerk; Bau“, das von lat. struere (structum) „schichten, neben- oder übereinanderlegen, zusammenfügen, aufbauen, errichten“ abgeleitet ist
S. 83: Strukturen sind „nicht bloße Raumgefüge“, sondern können „vor allem auch Gefüge raumzeitlicher, ja selbst raumzeitfreier Art“ sein.
„jede Struktur [muss] stets raumzeitlich wahrgenommen werden [...], um nicht in ein abstraktes System zu degenerieren, wobei die zeitliche Komponente in einem achronischen Sinne zu werten ist und nicht nur als die oder jene Ausdrucksform dessen, was ‚Zeit’ als Vorstellung, sondern was sie als Urphänomen zeitloser Art in sich schließt.“ (S. 614)
System Gliederung, Aufbau, Ordnungsprinzip; einheitlich geordnetes Ganzes
geht auf gr.(-lat.) sýstēma „das aus mehreren Teilen zusammengesetzte und gegliederte Ganze“ zurück. Zu gr. synistánai „zusammenstellen, -fügen, vereinigen, verknüpfen“, einem Kompositum von gr. histánai „[hin]stellen, aufstellen usw.“.
„[...] der Unterschied zwischen System und Struktur [kommt] darin zum Ausdruck [...], daß [...] die vorwiegend statische Auffassung, die stets dem Systematischen zuneigt, von einer mehr funktionellen und damit strukturierenden abgelöst wurde“ (Die Welt ohne Gegenüber, Kap. 14 der Vorlesungen Reden zu Ursprung und Gegenwart)
Überdetermination (S. 597) determinieren „begrenzen; bestimmen, festlegen“
„In der Existenz des Menschen realisieren sich diese seinem Erkenntnisvorgang sich als Schichten [Strukturen] präsentierenden Seinsweisen als überdeterminierte, das heißt mehr als nur einfach determinierte: Organprozesse werden seelisch, Gefühle rational, das Denken unbewußt überformt.“ (Zitat von Mitscherlich; zu Gebsers Verständnis der Ü. vgl. S. 74)
Manifestation Offenbar-, Sichtbarwerden; in der Medizin: Erkennbarwerden von latenten Krankheiten, Erbanlagen u. a.
von lat. manifestare „handgreiflich machen, offen bekunden“; Bestimmungswort lat. manus „Hand“, vgl. Titel des zweiten Teiles: „Die Manifestationen der aperspektivischen Welt“
konkret anschaulich, greifbar, gegenständlich, wirklich
von lat. con-crescere „zusammenwachsen, sich verdichten”, Partizip Perfekt Passiv concretus „zusammengewachsen; verdichtet; gegenständlich“
Substantive: Konkretisierung (S. 167) Konkretion (vgl. Untertitel des zweiten Bandes: „Versuch einer Konkretion des Geistigen“)
„Konkretion ist [...] für uns nicht ein Greifbar- oder Dinglich-Machen des Ungreifbaren, sondern ein Vollzug des Con-crescere, also des Zusammenwachsens des Geistigen mit unserem Bewußtsein.“ (S. 688)
Dimension Ausdehnung, Ausmaß, Bereich
von lat. dimensio „Ausmessung, Abmessung, Ausdehnung“; zugrunde liegt lat. di-metiri „nach allen Seiten hin abmessen“
„Der Entfaltung des Bewußtseins entspricht eine Entfaltung der Dimensionen. Der Zunahme des einen entspricht die Zunahme des anderen. Bewußtwerdung und Dimensionierung bedingen sich gegenseitig.“ (S. 174; dort auch der Querschnitt zur Raum- und Zeit-bezogenheit der Strukturen)
intensiv zu lat. intensus „gespannt, aufmerksam; heftig“, Part. Perf. Pass. von in-tendere „hinstrecken, anspannen; seine Aufmerksamkeit anspannen und auf etwas ausrichten“
extensiv zu lat. extensivus, Part. Perf. Passiv von ex-tendere „ausdehnen, ausspannen“
Kategorie „Begriffs-, Denk-, Anschauungsform; Klasse, Gattung“. K. geht über lat. catēgoria auf gr. katēgoría „Grundaussage“ zurück, zugrunde liegendes Verb ist gr. agoreúein „sagen, reden“
2. Die Namen der fünf Strukturen:
archaisch von gr. αρχή (arche) „Ursprung“
magisch „Es gibt eine Wortgruppe, die unter anderen die Wörter: machen, Mechanik, Maschine und Macht zusammenbindet; es handelt sich dabei um Wörter der gleichen indoeuropäischen Wurzel ‚mag(h)-’. Wir vermuten, daß das Wort ‚Magie’, das auf ein persisches Lehnwort des Griechischen zurückgeht, zu der gleichen Wortgruppe gehört, also der gleichen Wurzel ist.“ (S. 87, Hervorhebung durch den Zitierenden)
mental siehe Menis und Menos
Menis gr. μηνις „Zorn, Mut“ ist das Anfangswort der Ilias (vgl S. 127)
„Der Zorn, nicht als blinder, sondern als denkender Zorn, gibt dem Denken und der Handlung Richtung [...]“ (S.129)
Menos gr. μένος „Vorsatz, Zorn, Mut, Kraft“
als richtendes, ermessendes Denken effiziente Manfestationsform der mentalen Struktur
urverwandt mit lat. mens „Absicht, Zorn, Mut, Denken, Gedanke, Verstand, Besinnung, Sinnesart, Denkart, Vorstellung“
mythisch Etymologie des Wortes Mythos siehe S. 114
integral geht zurück auf lat. integer „unberührt, unversehrt; ganz“, das mit verneinendem „in“ zur Sippe von tangere „berühren“ gehört
i. und Integration gehen aus Ableitungen wie integrare „wiederherstellen“, integratio „Wiederherstellung eines Ganzen“ und mlat. integralis „ein Ganzes ausmachend“ hervor
Integrierung „Vollzug einer Gänzlichung, die Herbeiführung eines Integrum, das heißt die Wiederherstellung des unverletzten ursprünglichen Zustandes unter bereicherndem Einbezug aller bisherigen Leistung.“ (S. 167)
3. Die Wesenheiten der fünf Strukturen:
Identität Ganzheit
von spätlat. identitas „[Wesens]einheit“, zurückgehend auf das lat. Demonstrativpronomen idem, eadem, idem (eben der, ein und derselbe), das vermutlich als ein durch hinweisendes em verstärktes is, ea, id (er, sie, es) anzusehen ist
I. (Ganzheit) ist das Wesen der archaischen Struktur
Unität (S. 87) Einheit (bei Gebser nicht zu verwechseln mit Identität = Ganzheit!)
punkthafte U. (Einheit) ist das Wesen der magischen Struktur
Polarität (Wesen der mythischen Struktur) Ambivalenz
„In der Polarität hat die Entsprechung Gültigkeit; jede Entsprechung ist ein ergänzender, ein ganzmachender Vollzug, da das Gesprochene durch das unsichtbar vorhandene Ungesprochene aufgehoben wird: ihm wird ent-sprochen.“ (S. 145)
Dualität (Wesen der mentalen Struktur) Gegensatz
„Die Dualität ist die mentale Aufspaltung und Zerreißung der Polarität, aus deren Entsprechungen sie messend die Gegensätze abstrahiert.“ (S. 145f.)
Diaphanität (Transparenz) ist das Wesen der integralen Struktur (vgl. diaphan, Diaphainon, Diaphanik und „Sich“)
4. Zur mentalen Struktur:
Haptifizierung Greifbarmachen; Neubildung von haptisch (gr. „greifbar“; den Tastsinn betreffend)
„Haptifizierung des Raumes“ (S. 57) und „Zeithaptifizierung“ (S. 58): Folgen der „per-spektivischen Haltung“
Dinglichung / Materialisation „Bewußtseins-Entfaltung und Dimensionierung [bringen] eine Zunahme der Dinglichung (oder Materialisation) der Welt mit sich [...] (S. 174)
Atomisierung (S. 59, S. 150) ist die letzte Konsequenz der perspektivischen Sektorierung: eine Kettenreaktion, die in die Auflösung führt
Gebser sieht neben materiellen Atomisierungsprozessen auch die Gefahr einer zunehmenden psychischen A. (siehe dazu auch S. 209 und S. 212f.)
Spatialisierung (S. 144, S. 168) „Verräumlichung“ (von lat. spatium „Raum“)
abstrakt vom Dinglichen gelöst; begrifflich; nur gedacht, unwirklich
von lat. abs-trahere (abstractum) „abziehen, wegziehen“
Substantive: Abstrahierung und Abstraktion (S. 148f.)
Ratio „darf nicht nur perspektivisch im Sinn von Verstand gedeutet werden, es bedeutet auch ‚berechnen’ und vor allem auch ‚teilen’ [...]“ (S. 161)
Ratio (teilendes, maßloses Zerdenken) ist daher für Gebser die defiziente Manifestationsform der mentalen Struktur
dämonisch (S. 159) gr. δαίμων (daímon) enthält die idg. Wurzel „da-“ abgeschnitten, zerrissen, geteilt
„dämonische Mächte“ sind deshalb für Gebser abschneidende, zerreißende, zerteilende Mächte (vgl. S. 29 / 164)
Metaboliker (S. 155) von gr. μεταβολή (metabolé) „Umschlag“
Mensch, der den „Umschlag“ von einem polaren Extrem ins andere vollzogen hat
Gebser bezeichnet z. B. die zum Christentum „Bekehrten“ Paulus und Augustinus als Metaboliker (siehe auch S. 156143)
Metabolist (S. 117) defiziente Form des Metabolikers
„jene, die in einer Metabole hängenblieben und in ihr erstarrten“ (S. 156143)
Adjektiv metabolistisch (S. 117, S. 150)
Technik als physische Projektion: S. 196ff.
„Wir haben allen Grund, [...] den Fortschritt zu beargwöhnen, der uns die Fehlentwicklung der Technik brachte (insofern, als wir heute noch von ihr und nicht sie von uns abhängig ist) [...]“ (S. 79)
Maschinenmagie (S. 234)
Religion von lat. relegere „sorgfältig beachten“ (in der mythischen Struktur)
später gedeutet als „Rückbindung“ von lat. re-ligare (in der mentalen Struktur) (S. 155)
Diairesis (S. 352f., S. 357) „Begriffsspaltung“, gr. διαίρεσις, Zusammensetzung aus dem Verb αιρέω (haireo) „nehmen“ und dem Präfix δι- (di-), das „zer-“ bedeutet
„Diairesis ist also ein ‚Auseinandernehmen, Trennen’, ist ein Zertrennen; mit anderen Worten: es ist die Methode (das messende Verfahren), durch die der in sich geschlossene Kreis zertrennt, zerteilt wird.“ (S. 352)
Denkformen Vertreter a) des okeanischen Denkens: Lao Tse, Buddha, Heraklit, teilweise Paulus und Augustin, in jedem Fall Proklos, selbst Dionysius Areopagita, Johannes Eriugena, Nikolaus von Kues; dann Seuse, Eckehart, Giordano Bruno und Jakob Böhme, Schelling und teilweise selbst Hegel (S. 349)
b) des Pyramidendenkens: Platon, Aristoteles, Demokrit, Epikur, Philon, die Neuplatoniker, Plotin, teilweise auch Augustin, ferner Thomas von Aquin, die Scholastiker, und dann Bacon, Descartes und Kant, Hobbes, die Enzyklopädisten und Comte (S. 354)
c) des paradoxalen Denkens: Hymniker wie bspw. Symeon, Mystiker wie Juan de la Cruz („geschwiegene Musik“), dann Sören Kierkegaard, Oscar Wilde, Pascal (S. 359)
5. Zur integralen Struktur:
aperspektivisch siehe S. 25-27
wichtig auch bei anderen Begriffen (z. B. alogisch, akausal) ist der Gebrauch des alpha privativum, das nicht eine Negation (unlogisch, unkausal), sondern eine Befreiung zum Ausdruck bringt (lat. privare = befreien)
Achronon (S. 380, S. 482/483 [dort „Definition“ durch drei Fragen]) abgeleitet von gr. χρόνος (chrónos) „Zeit“ mit alpha privativum (s. aperspektvisch)
„Zeitfreiheit [...] im Sinne eines Weltverständnisses, welches sich der verschiedenen Zeitformen, seien diese nun Zeitlosigkeit, Naturzeit oder gemessene Uhrenzeit, bewußt ist, wobei unser Verfügenkönnen über sie uns von ihnen befreit und uns in die Zeitfreiheit, in die bewußt realisierte und immer gegenwärtige Ursprungsnähe stellt.“ (Die Welt ohne Gegenüber, Kap. 14 der Vorlesungen Reden zu Ursprung und Gegenwart)
„Zeitfreiheit ist die bewußte Form des archaischen, ursprünglichen Vorzeithaften.“ (S. 483)
Gebser nennt die Bewusstwerdung der Zeitfreiheit, des Achronon, die Hauptaufgabe der neuen Mutation (S. 389)
Adjektiv: achronisch (S. 417)
Amension (S. 457, S. 483)
als Hauptkriterien für die Erscheinungs- und Ausdrucksweise der aperspektivischen Welt bezeichnet Gebser auf S. 404 die Temporik, das Diaphainon und das Wahren
Temporik Konkretion (siehe „konkret“ bei den Grundbegriffen) der Zeit. Erste Erwähnung auf S. 63, auf die Malerei bezogen: „Erst dort, wo die Zeit nicht mehr in ihre drei Phasen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zerfällt, sondern zur reinen Gegenwart wird, ist sie konkret geworden.“ Auf S. 385 wird T. bezeichnet als „Versuche und Bemühungen, das Zeitphänomen zu erfassen“.
„[...] die Zeit muß zuerst in allen ihren Formen konkret und bewußt werden, weil nur Konkretes überwindbar und integrierbar ist.“ (S. 481)
S. 483-492: eigenes Kapitel über Temporik
transparent durchscheinend, durchsichtig
von mlat. trans-parēre „durchscheinen“, einem Kompositum von lat. parēre „erscheinen“
diaphan durchscheinend, durchsichtig
Diaphanik S. 33: „Unsere ‚Methode’ ist [...] der Versuch einer Diaphanik.“ Dazu auch S. 213-215: über die Schwierigkeiten der „Methodik“ und S. 450
Diaphainon (S. 175) „das Durchscheinende“, abgeleitet von gr. διαφαίνομαι (diaphainomai) „durchscheinen“, „wobei der Akzent darauf liegt, daß etwas durch etwas hindurch sichtbar oder wahrnehmbar wird, ohne daß das Sichtbare oder Wahrnehmbare speziell leuchten oder scheinen müßte.“ (S. 1751) nähere Bestimmungen siehe S. 202
„Es [das Diaphainon] ist die Ursprungsgegenwärtigkeit, die selber Bewußtsein erreicht, da einer ihrer Träger, der Mensch, durch die raum-zeitlich bedingte Bewußtseins-Entfaltung gegangen ist [...]“ (S. 207)
Wahren Wahrnehmen und Wahrgeben (S. 360, S. 363f.)
„Das Wahrnehmen oder Wahren ist nicht an das Sehen gebunden, das vornehmlich die mentale Struktur prägt, sondern es ist, durchaus nicht übersinnlich, ein Gegenwärtigen aller Erscheinungs- und Äußerungsformen und deshalb fähig, das Diaphane wahrzunehmen, das weder durch ein bloßes Sehen noch Hören oder Fühlen realisiert werden kann. [...] durch das Wahrnehmen wird die nur hörbare und die nur schaubare und die nur sehbare Welt als Ganzheit gegenwärtig.“ (S. 366)
Sich (S. 201, S. 292) „Das Sich ist [...] einerseits unser ‚tiefster Wesenskern’, die Intensität ‚in’ uns, die sowohl raum- als zeitfrei ist und die mit der vorräumlichen und vorzeithaften Ursprungsgegenwärtigkeit korrespondiert; und es ist andererseits diese Ursprungsidentität selbst, welche überall hindurchscheint, die alles durchscheint [...]“ (S. 203)
weitergebildet zu Sich-Bewusstsein (als Überwindung des Ich-Bewusstseins; s. S. 374 / 401)
Eteologem von gr. έτεον (éteon) „wahrheitsgemäß, in Wahrheit, wirklich“
Aussageform der integralen Struktur, die das Philosophem ablösen wird, wie dieses das Mythologem abgelöst hat (siehe S. 418 f.)
dazu gebildet: Eteologie
„‚Meiner Ansicht nach hat die echteste Philosophie nicht so sehr mit den Gegenständen der Reflexion zu tun als mit dem Akt des Denkens selber und mit seiner Handhabung.’ [Paul Valéry, zitiert von T. S. Eliot in „Von Poe zu Valéry“] Welch deutliche Absage an die raumfixierte Systematik zugunsten dessen, was auf diesen Seiten als Systase bezeichnet worden ist. Und zugleich, welche Negierung der heutigen Philosophie zugunsten einer Eteologie, die nicht bloß Dinge und im Hinblick auf Dinge denkt, sondern das Denken selber wahrnimmt: also Distanz zur mentalen Welt, ohne daß diese irrationalisiert wird, während noch Platon die ‚Musen der Philosophie’ pries.“ (S. 444)
weitere Definitionen siehe S. 418/19
Synairese Gegenbegriff zu Diairesis
Definition S. 4205: „S. leitet sich ab von συναιρέω (synaireo) das ‚zusammenfassen, zusammennehmen’ bedeutet, und zwar besonders in dem Sinne, daß ‚alles von allen Seiten, vor allem geistig, erfaßt und ergriffen wird’ [...] Während die Synthese ein kausallogischer Schluss ist, nämlich eine mentale (trinitäre) Einigung von These und Antithese, die aber sofort wieder zerfällt, weil sie selber zur These wird und somit Resultat eines teilenden, perspektivischen Sehens bleibt, so ist die Synairese ein Vollzug integraler Art, der ‚von allen Seiten erfassend’, also aperspektivisch, wahrnimmt.“
weitere Definitionen siehe S. 420
Systase S. 383: „Die bisher fälschlich räumlich fixierten Intensitäten benötigen ein eigenes Ordnungskonzept, die Systase.“
Definition S. 3834: „[Das griechische Wort systasis „Zusammenfügen, Zusammenfügung, Verbindung“] bringt einen Vorgang zum Ausdruck, durch den Teilhaftes als Bestandteil sich dem Ganzen einfügt oder ihm eingefügt wird.“
„[...] die Systase und die Synairese ergänzen, durchwirken und fassen zusammen, was sich dreidimensional nicht erfassen lässt.“ (S. 492)
akategorial S. 383: „Die akategoriale Größe par excellence ist die ‚Zeit’ als Intensität. Ihre bindende, gänzlichende Funkrion kommt in ihrer akategorialen Wirksamkeit zum Ausdruck. Das bisherige bloß kategoriale Denken muß durch die zusätzliche akategoriale Realisationsart ergänzt werden. [...] In dem Moment, da es uns gelingt, die akategorialen Wirkungen als solche wahrzunehmen und nicht als kategoriale Fixierungen, wird die Welt durchsichtig, weil wir dann nicht mehr nur an die Raumstruktur der Systeme fixiert sind, sondern sie systatisch (zusammenfügend) zu durchsehen vermögen.“
Epiphanie Erscheinung
S. 32: „Das Durchscheinende (das Diaphane oder die Transparenz) ist die Erscheinungsform (Epiphanie) des Geistigen.“
Praeligio (S. 371, S. 671/672, S. 6721) „Die zur Praeligio intensivierte Religion – damit soll, ohne Anspruch auf eine theologische Formulierung, die tiefe Christlichkeit der integralen Bewußtseinsstruktur umschrieben sein – ist Gegenwärtigung des Ursprungs, Anerkennung der Schöpfung und des Schöpferischen, Einordnung unseres Lebens als einer der zahlreichen sinnvollen Offenbarungsformen des Ganzen.“ (S. 672)
Miteinander (S. 637f.) „In diesem Miteinander wird das Du, sei dies nun der Partner, die Welt oder das Göttliche, nicht mehr als gegenüberstehend gedacht, begriffen oder ergriffen. Subjekt und Objekt, die einander letztlich stets dualistisch bekämpfen, verlieren ihren Gegensatzcharakter und was zumeist feindseliger Kampf um Bewahrung eines mißverstandenen Ichwertes ist, verwandelt sich in die schöpferische Spannung, welche lebenserhaltend dem Miteinander der sich ergänzenden Pole entspringt.“ (S. 638)
6. Ismen:
Idealismus / Materialismus „Idealisten und Materialisten sind wie zwei Kinder auf der Wippe. Seit zweitausend Jahren wippen sie nun schon; bald schreit der eine Vivat, weil er oben ist, und der andere nimmt alle Kraft und alles Gewicht zusammen, um seinerseits nach oben zu kommen; so geht das Spiel auf und ab. Und beide denken, es wäre ihr Gewicht und ihre Kraft; und keiner denkt daran, daß ohne jenen Balken in der Mitte, der aus seiner Ruhe heraus all diese Bewegung erlaubt, ihr ganzes Spiel nicht möglich wäre.“ (S. 304)
Animismus (S. 180, S. 274) von lat. anima „Seele“
Vitalismus (S. 9340) von lat. vitalis „zum Leben gehörig, lebenskräftig“
die Lehre, nach der das Leben einer physikalisch und chemisch nicht fassbaren „Lebenskraft“ (vis vitalis) zu verdanken ist, die die Lebenserscheinungen hervorbringt. Sie war von etwa 1750 bis 1850 allgemein bei Physiologen und Philosophen verbreitet (vgl. die Erzählung „Die Lebenskraft oder Der rhodische Genius“ von Alexander von Humboldt in den „Ansichten der Natur“). Dann überwog der Mechanismus. Neuvitalismus: R. Wagner, H. Driesch, J. J. v. Uexküll, E. Becher
Voluntarismus (S. 79) von lat. voluntas „Wille“
die Lehre, nach der der Wille 1. die Grundfunktion der menschlichen Seele ausmacht, auf die sich Denken und Fühlen zurückführen lassen (psychologischer V.), 2. das innere Wesen der Welt und aller ihrer Erscheinungen ist (metaphysischer V.)
„Wir haben allen Grund, [...] die Lehre von der erwähnten ‚Höher’-Entwicklung und vom V. [zu beargwöhnen], der, von Duns Scotus ausgehend, jedenfalls aber seit Vico, die Sinngebungskraft aus einer mutmaßlich ‚hinter’ allem Sein liegenden Ursprünglichkeit in die Ratio und den Willen des Menschen verlegte, und den dann Spengler und selbst ein Croce, als hoffentlich letzte Vetreter dieses hybriden V., endgültig ver-treten haben.“ (S. 79/80; vgl. „Technik“ bei den Begriffen zu mentalen Struktur)
Zen-Buddhismus S. 318 und S. 31884
7. Verschiedene Begriffe:
Macht / Kraft „Macht und Kraft [sind] nicht identisch [...], da Macht stets usurpierte, also missbrauchte Kraft ist.“ (S. 278, Hervorhebung durch Gebser)
Symbol / Allegorie Gebser ordnet das ambivalente Symbol der mythischen Struktur, die rational auflösbare Allegorie der mentalen Struktur zu
„jede Allegorie [ist] eine Art rationalisiertes, verstandesmäßig verkümmertes Symbol [...], gleichsam ein erfrorenes, erstarrtes und entleertes Symbol.“ (S. 303)
„Das echte Symbol ist ja stets eine Zusammenballung zweier sich ergänzender Pole: es ist also immer zweiwertig (ambivalent), damit aber auch immer zweideutig (ja selbst vieldeutig), und zwar in dem Moment, da wir nun einen der Werte oder Pole ins Auge fassen.“ (S. 314; vgl. auch S. 315: über die Etymologie des Wortes „Symbol“)
über den Versuch, Symbole rational zu deuten vgl. S. 316/317
Zeit „Sie [die Zeit] äußert sich, ihrer jeweiligen Manifestationsmöglichkeit und der jeweiligen Bewußtseinsstruktur entsprechend unter den verschiedensten Aspekten als: Uhrenzeit, Naturzeit, kosmische Zeit oder Sternenzeit; als biologische Dauer, Rhythmus, Metrik; als Mutation, Diskontinuität, Relativität; als vitale Dynamik, psychische Energie (und demzufolge in einem gewissen Sinne als das, was wir ‚Seele’ und ‚Unbewusstes’ nennen), mentales Teilen; sie äußert sich als Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; als das Schöpferische, als Einbildungskraft, als Arbeit, selbst als Motorik. Nicht zuletzt aber muß, nach den vitalen, psychischen, biologischen, kosmischen, rationalen, kreativen, soziologischen und technischen Aspekten der Zeit auch ihres physikalisch-geometrischen Aspektes gedacht sein, der die Bezeichnung ‚vierte Dimension’ trägt.“ (S. 382)
Zeit / Raum und Seele / Körper
Diesen beiden Paare können nach Gebser folgende Begriffe zugeordnet werden:
Zeit / Seele: unmessbar erfahren/vernehmen lebendiges Wissen systat. wahrnehmbar
materialisiert sich im
Raum / Körper: messbar verstehen ermessendes Wissen systemat. erfassbar
Zeit intensiv Energie akute Energetik qualitativ
materialisiert sich im
Raum extensiv Materie latente Energetik quantitativ
„Jeder Körper (insofern er auch raumhaft aufgefaßt wird) ist nichts anderes als erstarrte, geronnene, dichtgewordene, materialisierte Zeit, die zu ihrer Entfaltung, Formwerdung und Erstarrung des Raumes bedarf, der ein Spannungsfeld darstellt und infolge seiner latenten Energetik Träger der akuten Zeitenergetik ist, wobei sich die beiden energetischen Prinzipien [...] gegenseitig bedingen.“ (S. 63; vgl. S. 318, S. 410, S. 422, S. 522)
Arbeit / Besitz „Die Arbeit [...] verhält sich zum Besitz wie die Zeit zum Raum!“ (S. 546)
genauere Ausführungen zu diesem Thema in Kapitel Sieben des zweiten Teils (Die Manifestationen der aperspektivischen Welt in den Sozialwissenschaften)
Geist / das Geistige „Wenn die Geister Erscheinungsform des Geistigen waren, so ist der Geist bestenfalls eine geläuterte Erscheinungsform des Geistigen; sind die Geister psychische Projektionen, so ist der Geist eine mentale (denkerische) Projektion; aber das Geistige erhellt all diese Erscheinungsformen und Projektionen.“ (S. 338; vgl. auch S. 335f. und S. 335110)
„Weder das Univalente, das magisch ist, noch das Ambivalente, das psychisch ist, noch das Trivalente, das mental ist, sind für sich allein gültige Ausdrucksformen des Geistigen.“ (S. 329)
vgl. Untertitel des zweiten Bandes: „Versuch einer Konkretion des Geistigen“
auf S. 368 erwähnt Gebser das Verhältnis zwischen dem „Zeitigenden“ und der Zeit als ein paralleles Verhältnis zu dem zwischen dem „Geistigen“ und dem Geist
Gott / das Göttliche „[...] nicht Gott wurde getötet, sondern der Vater. Vor allem: die Vorherrschaft des Väterlichen in uns wurde überwunden, und damit der vorgestellte Gott. [...] Denn der, das Mentale mitbegründenden, alttestamentarischen Forderung, daß der Mensch sich kein Bild von Gott machen solle, entspricht die heutige Forderung, daß er sich nicht mehr eine Vorstellung von ihm machen, sondern das unverstellt Göttliche in seiner Diaphanität wahrnehmen solle.“ (S. 571)
Glauben / Wissen und Religion / Wissenschaft „Die neu sich bildende Bewußstseinsstruktur wird den letzten und tiefsten Gegensatz rationaler Art aufdecken und überwinden, jenen von Glauben und Wissen, von Religion und Wissenschaft. [...] Durch Glaube und Wissen hindurch, und nicht mit ihrer Hilfe, ist die ‚Kugel des Seins’ in ihrer ganzen Diaphanität wahrnehmbar.“ (S. 672)
Geschichte siehe S. 268-271
Dichtung S. 642: „Dichtung ist Geschichtsschreibung des Datenlosen, ist Aufzeichnung und Aussage über die unsichtbaren Ereignisse und Geschehnisse, jener Ereignisse, die vom Ursprung her wirken, die im dichterischen Wort gegenwärtig werden und dann in sozialen, politischen und wissenschaftlichen Tatsachen zu greifbarer Auswirkung gelangen.“
Archetypen (C. G. Jung) siehe S. 538-541
8. Weniger wichtige Fremdwörter:
primordial (S. 75) von erster Ordnung, uranfänglich, ursprünglich seiend, das Ur-Ich betreffend (Husserl)
der primordiale Vorgang (Ursprung) ist nicht zeitgebunden im Unterschied zum zeitgebundenen Initial-Vorgang (Anfang, Beginn), vgl. den Beginn des Vorworts
virulent krankheitserregend, aktiv, ansteckend (von Krankheitserregern)
Substantiv: Virulenz (S. 72)
instantan (S. 482) unverzüglich einsetzend, sich sofort auswirkend, augenblicklich
ternär (S. 146f.) dreifach; aus drei Stoffen bestehend (Chemie)
Trias (S. 147) Dreiheit; nicht zu verwechseln mit Trinität
Humoralmedizin (S. 56) humoral: die Körperflüssigkeiten betreffend, auf sie bezüglich
Humorale (S. 369, S. 453) neben Hirnrinde Lokalisation der Seele in der integralen Struktur
Korpuskel (S. 384) „Körperchen“: kleinstes Teilchen der Materie, Elementarteilchen (Phys.)
Mantik (S. 96) Seher-, Wahrsagekunst
Somnambulismus (S. 470) Schlaf-, Nachtwandeln, Mondsüchtigkeit
Psychophysik (S. 459) Wissenschaft von der körperlichen Bedingtheit des Seelenlebens und den Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele
das Numinose (S. 271) von lat. numen „Macht oder Walten des Göttlichen“
„Der Ausdruck ‚numinos’ umschreibt eine ganz bestimmte Erlebnissphäre: die des religiösen Schauders, des ‚tremendum’, die des Erschauerns und Ergriffenseins durch das, was dem Menschen als das ‚Ganz-Andere’ entgegentritt.“ (S. 272)
Mana Definitionen auf S. 273
Postulat 1. unbedingte (sittliche) Forderung 2. sachlich oder denkerisch notwendige Annahme, These, die unbeweisbar oder noch nicht bewiesen, aber durchaus glaubhaft und einsichtig ist.
„Es kann sich nicht darum handeln, ein Postulat zu geben [...]“ (S. 28)
tellurisch (S. 316) die Erde betreffend
intestinal (S. 278) im Innern des Körpers (von lat. intestinum „Darmkanal, Eingeweide“)
Remeduren (S. 230) Abhilfen (ursprünglich aus der Sprache des Rechtswesens)
zedieren (S. 339) eine Forderung an einen Dritten abtreten (Rechtswesen)
transitorisch (S. 422) vorübergehend, später wegfallend (Wirtschaft)
Destituierung (S. 534) Absetzung (destituieren = absetzen)
präponderant (S. 551) überwiegend (Präponderanz = Übergewicht)
Mneme (S. 530) gr. „das Gedächtnis“; in der Biologie das „Gedächtnis“ des Protoplasmas und der Zellen, das darin bestehen soll, dass jeder Reiz in ihnen eine dauernde Einwirkung (Engramm) hinterlässt.
Engramm (S. 530, S. 539) gr. das „Eingeschriebene“, von R. Semon (Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Lebens, 1904, 19205) eingeführt für die Veränderung, die die „organische Substanz“ durch das Einwirken eines Reizes erleidet und die sie dazu disponiert, auf diesen Reiz immer in der gleichen Weise zu reagieren.
meritorisch (S. 588) verdienstlich (das Meritum = das Verdienst)
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