Tiergedichte

Rainer Maria Rilke:

Die Gazelle

Gazella Dorcas

 

Verzauberte: wie kann der Einklang zweier

erwählter Worte je den Reim erreichen,

der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.

Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,

 

und alles Deine geht schon im Vergleich

durch Liebeslieder, deren Worte, weich

wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,

sich auf die Augen legen, die er schließt:

 

um dich zu sehen: hingetragen, als

wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen

und schösse nur nicht ab, solang der Hals

 

das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden

im Wald die Badende sich unterbricht:

den Waldsee im gewendeten Gesicht.

 

(Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Insel 1986. S. 452.)

 

Rainer Maria Rilke:

Die Flamingos

Jardin des Plantes, Paris

 

In Spiegelbildern wie von Fragonard

ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte

nicht mehr gegeben, als dir einer böte,

wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

 

noch sanft von Schlaf. Dann steigen sie ins Grüne

und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,

beisammen; blühend, wie in einem Beet,

verführen sie verführender als Phryne

 

sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche

hinhalsend bergen in der eignen Weiche,

in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

 

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;

sie aber haben sich erstaunt gestreckt

und schreiten einzeln ins Imaginäre.

 

(Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Insel 1986. S. 575.)

 

 

Meine weissen ara haben safrangelbe kronen

Hinterm gitter wo sie wohnen

Nicken sie in schlanken ringen

Ohne ruf ohne sang

Schlummern lang

Breiten niemals ihre schwingen –

Meine weissen ara träumen

Von den fernen dattelbäumen.

 

 

(Stefan George)

 

 

Rose Ausländer:

Die Fliege (S. 61)

 

Gedämpfter Regenbogen flimmert

auf den Flügeln der Fliege

Unermüdlich ihre Sucht

nach Flug und Flucht

in der Stube

Unersättlich ihre Liebe zum

Geruch deiner Haut

 

Aber die Haut haßt

die Berührung der Fliege

haßt die feinen Fäden ihrer Beine

haßt sie

 

Aber sieh

der Hauch von Opal auf den Flügeln

die Musik ihres Schwirrens

ihr vertrautes Geflimmer im Zimmer

ihr zärtliches Kreisen um deinen Atem

ihre unermüdliche Sucht

nach Flug und Flucht

Wiederkehr und Verweilen

ihre Liebe zur Wiese deiner Haut –

                        rührt es dich nicht

 

(Rose Ausländer: Die Musik ist zerbrochen. Frankfurt a. M.: Fischer 1984. S. 61.)

 

 

Rose Ausländer:

Die Tauben

 

Engel schlummern in ihnen

Längst haben sie

ihre Mission erfüllt

Briefe befördert

Frieden verkündet

 

Gott hat sie wohl

im Schlaf erschaffen

in einem Traum ihre Gestalt erfunden

ein zartes Poem pastellbefiedert

mit rotem Ring um den Augenkreis

 

Schuldlos

unter Menschen geraten

ihrer Liebe preisgegeben

 

Längst ist der Engel

schlafen gegangen

in ihren Federn

Ihre Seele schwebt über Noah

Ihr Fleisch hungert nach Mais

 

(Rose Ausländer: Die Musik ist zerbrochen. Frankfurt a. M.: Fischer 1984. S. 183.)

 

 

Hermann Hesse:

Mückenschwarm (S. 57)

 

Viel tausend glänzende Punkte

Drängen sich gierig in Fieberwonnen

Zu zitternden Kreisen zusammen.

Verschwenderisch prassend

Eine eilig entgleitende Stunde lang

Rasen sie wild mit gellem Geräusch

In zuckender Lust dem Tod entgegen.

 

Untergegangene Reiche,

Deren goldbeladene Throne plötzlich und spurlos

In Nacht und Sage zerstoben,

Haben nie so wilde Tänze gekannt.

 

(Hermann Hesse: Das Lied des Lebens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986. S. 57.)

 


In den Maquisbüschen

festgekrallt

mit sechs Beinen

hängen die gläsernen

Puppen ausgeschlüpfter Zikaden

 

Wie viele Jahre

unter der Erde

fraßen sie um diese Stunde zu singen

jetzt klirren die Kiefern

meine Ohren

ergeben sich der Lustmonotonie

 

(Margarete Hannsmann: Raubtier Tag.Stuttgart: Klett-Cotta 1989. S. 13.)

 

 

 

Margarete Hannsmann:

Posidonienschiefer, Steneosaurus

 

Gestalt am Anfang

Vater Fisch

als er sich anschickte die Wasser zu verlassen

 

Vorderfüßchen

wie eine Kinderhand

trugen vier Meter Körper vorwärts

 

(Margarete Hannsmann: Raubtier Tag. Stuttgart: Klett-Cotta 1989. S. 24.)

 

 

Margarete Hannsmann:

Zitronenfalter (S. 114)

 

Als Kind umgaukelten sie mich

auf allen Wegen

 

Später sah ich

sie sterben aus

 

Heute an einem frühen Aprilabend

in meinem Garten über der Großstadt

 

Schwebte er mir entgegen

fünfzig

Jahre ertranken in diesem Gelb

 

(Margarete Hannsmann: Rabenflug. Stuttgart: Klett-Cotta 1987. S. 114.)

 

 

Bertolt Brecht:

Kuh beim Fressen

 

Sie wiegt die breite Brust an holziger Krippe

Und frißt. Seht, sie zermalmt ein Hälmchen jetzt!

Es schaut noch eine Zeitlang spitz aus ihrer Lippe

Sie malmt es sorgsam, daß sie’s nicht zerfetzt.

 

Ihr Leib ist dick, ihr trauriges Aug bejahrt

Gewöhnt des Bösen, zaudert sie beim Kauen

Seit Jahren mit emporgezogenen Brauen

Die wundert’s nicht mehr, wenn ihr dazwischenfahrt.

 

Und während sie sich noch mit Heu versieht

Entnimmt ihr einer Milch, sie duldet’s stumm

Daß seine Hand an ihrem Euter reißt.

 

Sie kennt die Hand, sie schaut nicht einmal um

Sie will nicht wissen, was mit ihr geschieht

Und nützt die Abendstimmung aus und scheißt.

 

(Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1981. S. 162f.)

 

Ernst Wiechert:

Wölfe im Käfig

 

Aus ihren Augen glänzt der Mond verschollner Räume,

und Wälder, die den Steppenrand begrenzen,

und Tau, den weite Winde lautlos trinken,

und Abendrot, aus dem die Jahre sinken,

und alles liegt dahinter, weit, wie dumpfe Träume.

 

Denn einmal riß das Leben auf zu Qual und Gittern,

und Wald versank und Wind und Schrei und Fährte.

Ein stinkend Haus der Leib, gelähmtes Schreiten

am Wendekreis entlang der Ewigkeiten,

gebrochne Augen, die im Blick des Wärters zittern.

 

Ich sah sie an, wie man sich ansieht auf Galeeren,

wo Nacht und Morgen Glieder gleicher Kette;

wo nur die Wasser durch die Tage rauschen,

und wir die Blicke nur gleich Steinen tauschen,

und niemals Land sich hebt am Bug, dem zukunftsleeren.

 

Und plötzlich ist, als ob kein Gitter uns beschränke,

und Innen gleichwie Außen leere Worte,

und nackt vor Gott wir alle, Brüder, ständen,

und nie den Weg aus seinen Gittern fänden,

der gnadenvoll uns bis zu einem Heiland lenke.

 

(Aus: Ernst Wiechert: Meine Gedichte, http://home.arcor.de/dumala/wiechert/gedichte/gedichte.pdf)

 

 

Paul Boldt:

Junge Pferde

 

Wer die blühenden Wiesen kennt

Und die hingetragene Herde,

Die, das Maul am Winde, rennt:

Junge Pferde! Junge Pferde!

 

Über Gräben, Gräserstoppel

Und entlang den Rotdornhecken

Weht der Trab der scheuen Koppel,

Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!

 

Junge Sommermorgen zogen

Weiß davon, sie wieherten.

Wolke warf den Blitz, sie flogen

Voll von Angst hin, galoppierten.

 

Selten graue Nüstern wittern,

Und dann nähern sie und nicken,

Ihre Augensterne zittern

In den engen Menschenblicken.

 

Erstveröffentlichung: Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 43 (23. Okt.)

 

 

Christine Busta:

Großstadtvögel

 

Lang schon vermiß ich über den Dächern

das Schwirren der Schwalbenpfeile,

die Sommer erblinden.

 

Karg sind die Tage gefiedert,

verstümmelt die Litaneien

der süßen und streitbaren Stimmen.

 

Taube und Sperling im Stein,

Amsel und Krähe im Rauch.

 

Letzte Legende der bloßen Füße

in einer Handvoll Schnee.

 

 

 

(Christine Busta: Salzgärten. S. 74.)

 

 

Christine Busta:

Auf ein Rind

 

Du bist der sanfte König der Weiden:

wenn dein fahler gewaltiger Leib

zwischen den Bäumen sich schwer erhebt,

müßten dich deine harten Treiber

um seine Kraft beneiden.

An der Stirn die eiserne Kette der Fron

schmückt schöner dich als die schönsten Weiber

goldener Liebeslohn,

weil sie von deinen Augensternen

nimmer die dunkle Ergebung lernen.

 

Den Abendwind schnaubst du aus feuchten Nüstern,

die Paare, die an den Zäunen flüstern,

sind vor deiner Wärme erbebt.

Manchmal brüllst du, daß ich erschrocken

vor deinem Anruf stehenbleib;

in tödlich langsamen Speichelflocken

tropft dir vom Maul die Verlassenheit

jeglicher Kreatur unserer Erde,

und die dumpfe Schwermut der Herde

wiegt sich im Mondbug der Hörner dir breit.

 

(Christine Busta: Lampe und Delphin. S. 14.)

 

Christine Busta:

Legende

 

Einmal waren wir Vögel:

wir flogen zusammen

und kreisten durch unermeßliche Tage.

Wir hockten gedrängt im Nest,

wenn die funkelnde Nacht heraufkam,

und schwereloser war nichts

als Flaum an Flaum unser Leben.

 

Als heute der scharfe Bergwind

uns Arm in Arm vor sich hertrieb,

erkannt’ ich dich wieder am schnelleren Herzschlag.

Vom Munde gerissen war uns die Sprache, die lähmt,

und wir flogen noch einmal,

jäh in der Kehle den Laut

reiner, sinnloser Lust.

 

 

(Christine Busta: Lampe und Delphin. S. 38.)

 

Christine Busta:

Das Buch

 

Aufgeschlagen

lag es vor mir auf dem Weg.

Das leichteste Buch der Erde,

es hat nur zwei Seiten.

 

Staunend las ich die magischen Zeichen.

Da hob es sich in die Lüfte.

Keine Apokalypse.

 

Drei Worte nur aus der geheimen

Offenbarung des Sommers:

Tagpfauenauge.

 

(Christine Busta: Einsilbig ist die Sprache der Nacht. S. 45.)

 

 

Gertrud Kolmar:

Die Kröte

 

Ein blaues Dämmer sinkt mit triefender Feuchte;

Es schleppt einen breiten rosiggoldenen Saum.

Schwarz steilt eine Pappel auf in das weiche Geleuchte,

Und mildere Birken verzittern zu fahlerem Schaum.

Wie Totenhaupt kollert so dumpf ein Apfel zur Furche,

Und knisternd verflackert mählich das herbstbraune Blatt.

Mit Lichtchen gespenstert ferne die düsternde Stadt.

Weißer Wiesennebel braut Lurche.

 

Ich bin die Kröte.

Und ich liebe die Gestirne der Nacht.

Abends hohe Röte

Schwelt in purpurne Teiche, kaum entfacht.

Unter der Regentonne

Morschen Brettern hock‘ ich duckig und dick;

Auf das Verenden der Sonne lauert mein schmerzlicher Mondenblick.

 

Ich bin die Kröte.

Und ich liebe das Gewisper der Nacht.

Eine feine Flöte

Ist im schwebenden Schilf, in den Seggen erwacht,

Eine zarte Geige

Flirrt und fiedelt am Felderrain.

Ich horch‘ und schweige,

Zerr‘ mich an fingrigem Bein

 

Unter fauliger Planke

Aus Morastigem Glied um Glied,

Wie versunkner Gedanke

Aus dem Wust, aus dem Schlamm sich zieht.

Durch Gekräut, um Kiesel

Hüpf‘ ich als dunkler, bescheidener Sinn;

Tauiges Laubgeriesel,

Schwarzgrüner Efeu spült mich dahin.

 

Ich atme, schwimme

In einer tiefen, beruhigten Pracht,

Demütige Stimme

Unter dem Vogelgefieder der Nacht.

Komm denn und töte!

Mag ich nur ekles Geziefer dir sein:

Ich bin die Kröte

Und trage den Edelstein...

(Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. v. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein 2003. S. 358f.)

 

 

Gertrud Kolmar:

Der Schwan

 

O ein Schwan!

Groß erblüht und lose.

Warf aus dem Schilfwald ihn Pan

Als eine weiße Rose?

 

Zweifle nicht!

Über müde Welle

Fährt ein unirdisch Licht,

Deckt er Mutterhelle.

 

Reiner sinnt

Dies Gesicht die Fluten.

Mohnmilch rieselt, verrinnt,

Wo seine Flügel ruhten.

 

Bild der Frau,

Singt er tiefstes Neigen,

Aus dem glaskühlen Tau

Läutet das süße Schweigen.

 

Kelch von Flaum,

Schutzlos, weit erschlossen,

Hat er Klang und den Traum

Bald in den Abend vergossen.

 

Schwebend zieht,

Goldenem Grau gewendet,

Er ein Lied,

Das in Wehmut endet.

(Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. v. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein 2003. S. 241.)

 

Hans Carossa:

An eine Katze

 

Katze, stolze Gefangene,

Lange kamst du nicht mehr.

Nun, über dämmerverhangene

Tische zögerst du her,

 

Feierabendbote,

Feindlich dem emsigen Stift,

Legst mir die Vorderpfote

Leicht auf begonnene Schrift,

 

Mahnst mich zu neuem Besinnen,

Du so gelassen und schön!

Leise schon hör ich dich spinnen

Heimliches Orgelgetön.

 

Lautlos geht eine Türe.

Alles wird ungewohnt.

Wenn ich die Stirne dir berühre,

Fühl ich auf einmal den Mond.

 

Woran denkst du nun? An dein Heute?

Was du verfehlt und erreicht?

An dein Spiel? Deine Jagd? Deine Beute?

Oder träumst du vielleicht,

 

Frei von versuchenden Schemen

Grausamer Gegenwart,

Milde teilzunehmen

An der menschlichen Art,

 

Selig in großem Verzichte

Welten entgegen zu gehn,

Wandelnd in einem Licht,

Das wir beide nicht sehn?

 

(Hans Carossa: Gedichte. Hrsg. und kommentiert von Eva Kampmann-Carossa. Frankfurt a. M. u. Leipzig: Insel 1995. S. 63f.)

 

 

Durs Grünbein:

Einem Schimpansen im Londoner Zoo

 

Waren es Augen wie diese in denen das Fieber zuerst

Ausbrach, das große „Oho“, wortreich von Reue gefolgt?

Was für ein Sprung, was für ein Riesensatz aus dem Dickicht,

Von diesem Schimpansen zu Buster Keatons traurigem Blick

Über die Reling, dem Hut nach, unerreichbar im Wasser.

Und die Entfernung nimmt zu! Mit jedem neuen Unfall

Wird die Wirbelsäule ein wenig steifer, halten die Hände

Das Steuer fester inmitten der Trümmerhaufen aus Rädern

Und Blech, zerquetscht. Schon damals dasselbe Mißgeschick,

Derselbe hektische slapstick. Mit nacktem Arsch voran

Zurück in die kleinen Paradiese zu friedensstiftendem Sex.

O weh, diese Trauer, geboren zu sein und nicht als Tier,

Die böse Vergeblichkeit, hingenommen mit unbewegtem Gesicht.

 

(D. G.: Falten und Fallen. 5. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1995. S. 115.)

 

 


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