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Der Kapitalismus aus der Sicht der Kulturphilosophie Gebsers
Eine Skizze
Thesen: Der moderne westliche Kapitalismus ist ein Produkt der perspektivischen Welt.[1]
Im heutigen destruktiven „Turbo-Kapitalismus“ äußert sich die Defizienz der mentalen Bewusstseinsstruktur.
Der Destruktivität des Turbo-Kapitalismus kann durch die Genese der aperspektivischen Welt eine schöpferische Kraft entgegengesetzt werden.
Gebsers These vom Durchbruch einer „perspektivischen Bewusstseinsstruktur“ in der Renaissance gibt eine konkrete Antwort auf Max Webers Frage nach der „besondere[n] Eigenart des okzidentalen und, innerhalb dieses, des modernen okzidentalen, Rationalismus“.[2] Sie kann außerdem die Frage beantworten, die Weber angesichts der Entwicklung des modernen westlichen Kapitalismus aufwarf: „[…] warum taten die kapitalistischen Interessen das gleiche nicht in China oder Indien? Warum lenkten dort überhaupt weder die wissenschaftliche noch die künstlerische noch die staatliche Entwicklung in diejenigen Bahnen der Rationalisierung ein, welche dem Okzident eigen sind?“[3]
Kennzeichnend ist für die nur im Okzident zum vollständigen Durchbruch gelangte perspektivische Bewusstseinsstruktur, dass der Mensch seines Ich bewusst wird; er löst sich aus dem „Goldgrund“ und nimmt seine Zukunft in die Hand. An die Stelle der kreisenden mythischen Zeit tritt der Zeitpfeil, die, um Heidegger zu zitieren, „vorlaufende“ und gemessene, dem Menschen untertan gemachte Zeit. Dabei gilt: „Ichbewußtsein und Begriffszeit hängen eng miteinander zusammen, da ohne den bewußt erfaßten Zeitmoment sich im Zeitgeschehen das Ich gar nicht konstituieren kann.“[4]
Während sich in der mythischen Zeit der Mensch nach zyklischen Naturvorgängen richtete, liegt es im Wesen der mentalen Zeitauffassung, dass der Mensch die gemessene, mittels der Uhren haptifizierte (das heißt greifbar gemachte) Zeit der Natur aufzwingt. Dieser Art des Zeitbewusstseins entspricht die Unterwerfung der Natur durch technische Mittel. Im Kapitalismus unterwirft sich der Mensch Raum und Zeit. Seine Welt ist konstituiert durch das „Koordinatennetz“, das auf Raum und Zeit gelegt wird und durch die perspektivische Wahrnehmung, bei der alle Wahrnehmungen in Relation zu einem festen Ich stehen, das seine Entsprechung im Fluchtpunkt des Horizontes findet.
In „Die Großstädte und das Geistesleben“[5] hat Georg Simmel den Menschentypus der bereits defizient werdenden perspektivischen Struktur und seine Umwelt, die Großstadt, hellsichtig skizziert. Einander bedingende und entsprechende Strukturmomente dieser Welt sind: der unpersönliche Umgang vereinzelter Menschen; das Geld, das qualitative in quantitative Werte umwandelt; und schließlich die Uhrenzeit, die (nach der Verbreitung der Taschenuhren) „Präzision, Sicherheit, Unzweideutigkeit“ (Simmel) ermöglicht. All dies sind Strukturmomente, ohne die der heutige Kapitalismus undenkbar wäre.
Ein für den Kapitalismus besonders wichtiges Strukturmoment möchte ich nun nochmals hervorheben: Die Dimension der Zukunft im Sinne eines (perspektivischen) Horizonts, im Sinne einer „Frontier“, hinter der das aufgeschobene Glück und die Erfüllung der Hoffnung warten: „Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts – die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Überfluß, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit – das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielt.“[6]
Hans Christoph Binswanger hat anhand von Goethes „Faust“ dargestellt, wie das Wirtschaftssystem des Kapitalismus den Menschen zum Herren des Raumes und der Zeit einsetzen soll. Was Faust bei der Wette mit Mephisto verpfändet, das ist laut Binswanger „das Gut, das für ihn, für die heutige Menschheit weit wichtiger ist als die Seele, die Unendlichkeit der Zeit im Sinne des unbegrenzten Fortschritts und des unbegrenzten Wachstums der Wirtschaft. Er verpfändet die Menschheitszeit.“[7]
Neuerdings hat Albrecht Koschorke aus Anlass der weltweiten Finanzkrise den heutigen „Turbo-Kapitalismus“ kritisiert, bei dem die Vision unbegrenzten Fortschritts zu einem verantwortungslosen „Spiel mit der Zukunft“ verkommen ist.[8] In Übereinstimmung mit Gebser stellt er fest: Der Zukunftsbezug „ist ein besonderes Kennzeichen der Moderne, die gegenüber traditionalen Weltordnungen radikal von Vergangenheits- auf Zukunftsreferenz umgestellt hat. Es kennzeichnet ihr Zeitbewusstsein, die jeweilige Gegenwart im Vorgriff auf eine zwar ungewisse, aber gerade darum gestaltbare Zukünftigkeit hin zu interpretieren. Zukunft ist das plastische Medium, durch das moderne Gesellschaften in Kontakt mit ihrem möglichen Anderssein treten.“ Koschorke nennt die Zukunft „die letzte frontier. Nach dem Ende des klassischen Kolonialismus und dem Entstehen einer hoch integrierten, aber in räumlicher Hinsicht endlich gewordenen Weltwirtschaft scheint sich der Expansionsdrang in die zeitliche Dimension zu verlagern. Die Energien verlagern sich nun dahin, Raubbau an der Welt künftiger Generationen zu treiben.“ Es vollzieht sich in einem defizient gewordenen Kapitalismus das, was man mit Alexander Kluge „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ nennen kann.
Aufgrund der Einsichten Gebsers kann man sagen, dass eine bloße Umstellung des Wirtschaftssystems nicht ausreichen wird, um die durch den Turbo-Kapitalismus entfachten Brandherde unserer Zeit zu löschen. Es käme vielmehr darauf an, in Handeln und Denken die Genese der aperspektivischen Welt zu fördern.
Literatur
Hans Christoph Binswanger: Der Mensch als Herr der Zeit. In: Zeitschrift für Sozialökonomie, Dezember 1987
Erich Fromm: Haben und Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 7. Aufl. München: DTV 1980.
Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. 3. Aufl. München: DTV 1988.
Albrecht Koschorke: Spiel mit der Zukunft. In: http://www.exc16.de/cms/fiktion-zukunft.html [13. 11. 09]
Ronald Purser: Cyberspace and its Limits. Hypermodern Detours in the Evolution of Consciousness. In: http://userwww.sfsu.edu/~rpurser/revised/pages/Cyberspace%2012.htm [13. 11. 09]
Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. In: http://socio.ch/sim/sta03.htm [13. 11. 09]
Weiterführend
Hans Christoph Binswanger: Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust. 2., vollständig überarbeitete Ausgabe. Murmann: Hamburg 2005
Vittorio Hösle: Versuch einer ethischen Bewertung des Kapitalismus. In: ders.: Praktische Philosophie in der modernen Welt. 2. Aufl. München: Beck 1995. S. 109-130.
[1] Vgl. die Bemerkung Pursers: “Gebser would probably remind us that capitalism is also a product of the perspectival world.” (Ronald Purser in “Cyberspace and its Limits”)
[2] Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. 9. Aufl. Tübingen: Mohr 1988. S. 12.
[3] Ebd. S. 11.
[4] Gebser GA Bd. VII, S. 316.
[5] Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. In: http://socio.ch/sim/sta03.htm [13. 11. 09]
[6] Erich Fromm: Haben und Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 7. Aufl. München: DTV 1980. S. 13.
[7] Hans Christoph Binswanger: Der Mensch als Herr der Zeit. In: Zeitschrift für Sozialökonomie, Dezember 1987, S. 11.
[8] Albrecht Koschorke: Spiel mit der Zukunft. In: http://www.exc16.de/cms/fiktion-zukunft.html [13. 11. 09]
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