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Das Abc der Menschheit
von Friedrich Heer
Die Welt, die Welt des Menschen ist herrlich, wunderschön und fruchtbar wie am ersten Tag.
Adam und Eva leben, es leben Kain und Abel.
»Die letzten Gedanken der Menschheit werden ihre ersten sein«, werden die Gedanken der Menschheit in ihrer Frühe, in ihrer ersten Morgenröte wiederaufnehmen, sagte ein deutscher Dichter der Romantik, Novalis, der hundert Jahre später von Franzosen, Amerikanern und Japanern für ihr Bewußtsein entdeckt wurde.
Nüchtern, voller Sorge erkennen Sigmund Freud, Albert Einstein und der erste Kennedy und die heutigen Ärzte, Tiefenpsychologen, Politologen, daß wir noch Neandertaler sind. Wenn man den Menschen ein wenig aufkratzt, verwundet, reizt, wenn er in größere Krisen, in Katastrophen, in Kriege gerät, kommt der Neandertaler zum Vorschein. Der Neandertaler heute nimmt die Überwaffe des Overkill in die Hand, wie sein Urvater den Faustkeil in der Steinzeit. Alle Paradiese, alle Himmel und alle Höllen sind uns noch präsent, die erstmalig in den Höhlen der Eiszeit in Furcht und in ekstatischer Freude erlebt wurden: Feuer und Feiern in der Höhle, die hell wird durch die Fackeln. Draußen ist Tod, Nacht, Eis, Verderben. Eiszeit eben. Heute: »Eiszeit der Herzen«, wie es junge Dichterinnen künden.
Der Mensch ist von Anfang an ein Mörder des Menschen. Ein möglicher Mörder des Menschen. Der Mensch ist, wie heute führende Anthropologen in Frankreich und bedeutende Denker in Amerika zu bedenken geben, letztendlich ein unzähmbares Lebewesen. Das weiß die Bibel, das wissen von Hammurabi bis Kaiser Hirohito alle Gesetzgeber, alle Rechtsdenker, alle Weisen, alle Philosophen, alle Ärzte, alle Menschen, die entschlossen sind, Verantwortung für das Leben – und das heißt konkret immer auch: für das Überleben – des Menschen, seiner Kinder und Kindeskinder zu übernehmen.
Das ist der Mensch: Er versucht immer wieder, das unzähmbare, nie ganz zu domestizierende Lebewesen Mensch in etwa zu »zähmen«, es durch Kultur, Zivilisation, durch Rechts-Ordnungen, durch Friedensordnungen zu bilden. Wobei die Tiefenpsychologie weiß, daß eine völlige Zähmung des Menschen, zum Haustier, das Ende seines Menschseins bedeuten würde, die Aufhebung aller Spannungen, die ihn weiter treiben.
Menschsein heißt, mit den Konflikten leben, die jeweils die Person, die Nation, die Gesellschaft, die spezifische Lebenszeit mit sich bringen.
Gewisse Konflikte lassen sich »aufheben«, lassen sich lösen. Andere Konflikte veralten, wenn man sie geduldig genug behandelt. Sie veralten wie alte Gewande der Gottheit, wie konfessionelle Konflikte, die in Europa früher zu so viel Leiden geführt haben. (Die Vereinigten Staaten verdanken ihre Existenz diesen Leiden und Leidenschaften in Alteuropa, die in immer neuen Schüben, in einem Exodus der Jahrhunderte, verfolgte Menschen aus Europa nach Amerika brachten.) Nun gibt es aber eine ganze Reihe von Konflikten, die gar nicht veralten, ja die »systemimmanent« sind, die zu je einer Gesellschaft, zu je einem religiösen System, einer Kirche also gehören; Konflikte, die zum »Kapitalismus« und zum »Sozialismus« gehören (wenn wir diese mythischen Chiffren für einen Augenblick hinnehmen wollen); Konflikte, die darüber hinaus zu je einer Zivilisation gehören (niemand wird heute bezweifeln, daß Amerikaner und Russen einer »Zivilisation des weißen Mannes« angehören), zu je einer Epoche, einer Welt-Zeit. Mit diesen Konflikten ist zu leben: Sie sind zu überwachen, sie lassen sich manchmal regeln, sie sind zu kontrollieren, sie sind zu »regieren«, sehr behutsam, wenn sie nicht zu Explosionen führen sollen. Sie bestehen letztens im Konflikt von Mächten, die gegeneinander stehen und die doch miteinander auskommen sollen.
Dies macht die Größe der Dokumente des Menschen, unserer Weltgeschichte also, als einer Geschichte der »Family of Man« (wie einst eine mit Recht berühmte, 1955 um die Welt gehende amerikanische Photo-Ausstellung hieß) aus, sie tragen diesem Sachverhalt Rechnung und bezeugen es durch ihre Gedanken, Gesetze, Verträge, Bünde: der Mensch ist ein sehr kompliziertes Wesen, das in seinen Konflikten lebt, ein gefährliches Wesen, das sich ständig selbst gefährdet, ein Wesen, das in Gesellschaft lebt, also in Interessengegensätzen. Der Mensch ist ein Wesen, das jeden Tag zu Selbstmord und Mord neigt, zu Bürgerkrieg und Krieg nach außen. Eben diesem Lebewesen Mensch kann jedoch geholfen werden durch Rechts-Ordnungen, durch Friedens-Ordnungen, durch das Denken, das Vor-Denken, das Mit-Leiden, durch die seelische und geistige Hilfe von Weisen, von Menschen, die Pfadfinder sind auf der langen Reise durch die Wüsten der Geschichte und durch die Dschungel der Seele. Menschen, die Leuchtfeuer, die Leuchttürme sind, die die dunklen Landschaften in der Person, im Ich und in der Gesellschaft beleuchten, so daß der Mensch den »Weg« finden kann, der zum »Glück«, zur »Seligkeit« führt, zur Menschwerdung jedes einzelnen Menschen.
Der Mensch hat ein Recht, sein Menschenrecht, »glücklich« zu werden, zu jener Fülle, Lebensreife unbehindert wachsen zu können, die im Tao des Lao-tse, in der Sophrosyne des platonischen Sokrates, die im »Vollalter Christi« des Paulus, in den entsprechenden indischen, buddhistischen und japanischen Quellen unserer Lebensweisheit uns präsentiert werden.
Wie aber arbeitet der Geist? Wir wissen nicht, was der Geist ist. Wir wissen auch nicht, was die Elektrizität ist: es genügt uns, sie millionenfach einzusetzen. Wichtiger ist, zu wissen, was unser Geist nicht ist. Er ist nicht Gottes Geist, ist nicht »der Geist der Weltgeschichte«. »Der Geist« wird von Philosophen, Theologen, Politikern gern beschlagnahmt: dann geben sie ihren Geist für den Geist des Ganzen aus, übernehmen die Produktion der Weltgeschichte, aller »Wirklichkeit«. Der Mensch lebt mindestens seit seiner Tätigkeit als Schamane in den Höhlen der Eiszeit in der Versuchung, seinen »Geist«, seine Geisterfahrung als erste und letzte Stimme der Gottheit auszugeben.
Was ist der Geist? Der Geist des Menschen? Wir wissen es nicht, aber wir kennen seine Früchte, wir kennen die Werke, die Leistungen seiner Energien, seiner Kräfte.
Zunächst sind es die Mythen, die Legenden, dann die Mären und Märchen, die Sagen, die Epen, die uns verdichtet, komprimiert – wie die millionenjahrealten Segmente von Stein, Erde, Sand im Omo-Tal, in der Wüste Gobi, auf dem Boden Mesopotamiens und Indiens – Erfahrungen des Menschen erhalten, in Erinnerung rufen.
Mythe und Sage und Mär und – als erstes und letztes – der Sang, der Song (der bei altägyptischen Getreidedreschern bereits zum Protestsong werden kann) »erinnern« daran, was ungezählte Generationen vor den heutigen Sängern, um 1500 vor Christus, um 1000 vor Christus, auf der »Reise« ihres Lebens erlebt haben.
Der Geist wirkt, im konkreten Geist-Werk eines Menschen, eines Dichters, Sehers, Philosophen, Wissenschaftlers ebenso »bewußt« wie »unbewußt«, er produziert sich in eklatanten Widersprüchen, er scheut vor keinem Gegensatz, vor keiner Selbstaufhebung zurück. Verfolgt, bekämpft, »vergessen« taucht er unter – oft Jahrhunderte-, ja jahrtausendelang (so das Werk des großen indischen Königs Aschoka). Und taucht dann wieder auf, taufrisch, wie eine »Quelle« im Karst, die »nichts anderes« ist als ein Fluß, der einige hundert Kilometer (als Geiststrom einige Jahrhunderte) im Untergrund, unter der Oberfläche der Erde dahinfloß. Als lebendiges Feuer bildet der Geist Traditionen, die so lange leben, wie ein Mensch einem anderen Menschen die Hand, das Herz, seine Lebenserfahrung, seine Geistesfreude und Geistesfreiheit weitergibt. Traditionen, die über Nacht absterben, wenn eine junge Generation sich ihren Geistvätern und Geistmüttern verwehrt. Traditionen, die »plötzlich« wiederaufleben, so nicht selten bereits in Enkeln. Nicht selten »passiert« dies – in schrecklichen Passionen – dem Geist bei dem wetterwendischen Volk der Menschen. Er steht auf, in einem jungen Menschen, in einem Frommen, wie Franz von Assisi, in einem jungen Dichter, in einem blutjungen Wissenschaftler (der durch seine Vision einer neuen »Theorie«, wörtlich also »Schau«, zutiefst seine wissenschaftlichen Neidgenossen verstört), in einer Gemeinde, einer Gruppe, einer »Kommune«. Aber seine Feuer werden rasch ausgetreten, fallen einer Verfolgung, einer Verbrennung, einer Inquisition, einer Austreibung zum Opfer. Wandern in den Untergrund aus, in andere Kontinente. So fliehen verfolgte nonkonformistische Franziskaner bis an den Hof des Großkhans der Mongolen, so fliehen verfolgte Buddhisten durch die Tiefen Asiens, so wandern verfolgte Fromme aus Europa vom 16.zum 20. Jahrhundert nach beiden Amerika aus.
Dieses »Untertauchen« des Geistes, dieses sein Eingehen in die armseligen Gewänder von Bettlern und Pilgern und Narren (Gottesnarren, »jurodivij«, in Rußland) und Clowns macht ihn immer wieder ungreifbar für den Griff der Herrschenden, die seiner habhaft werden wollen, um ihn in Dienst zu nehmen.
»Ewig« lebt der Geist des Menschen vor allem durch seine Verwandlungen, seine Verdichtungen, sein Vermögen, in anderen Menschen, anderen Zeiten, anderen Kulturen andere Gestalt, andere Formen anzunehmen.
Erinnern wir uns kurz einiger Reinkarnationen, Wiederverkörperungen des Geistes, und einiger seiner Ballungen, Komprimierungen im Raum der Zivilisation des weißen Mannes. In Plato – und, wie wir seit kurzem wissen, auch in Aristoteles – kommt die Weisheit uralter Magier, nicht nur das Wissen Altägyptens und Altmesopotamiens zu Wort.
In Hegel, dem geistigen Vater von Marx und Lenin, melden sich sehr alte archaische Denkmotive zu Wort, dazu noch Augustins Lehre von der »alienatio«, von der Entfremdung. Eine Schau, die heute bei Linkshegelianern, verbunden mit tiefenpsychologischen Einsichten, zu einer Symbiose von »Marx« und »Freud« führt.
Genau ein Jahr vor seinem Tode, am 22. März 1831, bekennt Goethe in einem Brief an Sulpiz Boisserée, daß er »zeitlebens getrachtet hatte«, sich »zum Hypsistarier zu qualifizieren«. Die Hypsistarier waren eine Sekte in Kappadozien, in dem altiranische und neupersische, griechische, römische, christliche, manichäische und sogar indische Einflüsse aufeinanderstießen. Mani und Zarathustra, Christus und Buddha, Sokrates und einige große »Eingeweihte« der Gnosis führen in diesem nahen Orient ihr Geistes-Gespräch.
Leben des Geistes, heute: Ein Bert Brecht, »atheistischer« Dichter, der sich selbst für einen Marxisten hält, bekennt sich ironisch-hintergründig als »letzter katholischer Dichter« (im Wissen um die eben goethisch angesprochene große Kommunikation), und er ist, in seinen Sängen, nur biblisch – als ein Leser und ein Schüler der Psalmen – zu verstehen. James Joyce, der anti-kirchliche antiirische, katholische irische Patriot, ver-dichtet in seinem »Ulysses« die sechstausend Jahre »unserer« Welt-Reise-Erfahrung durch die Höllen des Menschen von Gilgamesch über Homer und Vergil und Dante zu einem Geist-Werk, in dem ein Tag den Tag des Menschen, die gesamte »Weltgeschichte« zusammenballt. Dies alles in Dublin, das Babylon und Rom und Jerusalem und alle heiligen und unheiligen Welt-Städte des Menschen verkörpert.
Nicht minder als »unsere« Sagen, Legenden, »Schöpfungsgeschichten« in Dichtung, Theologie, Philosophie verdichtet sich der Geist des Menschen in »unseren« großen Naturforschern. Kepler, Vater der »kopernikanischen Wende« (die von Kopernikus selbst gar nicht vollzogen wird), ist tief eingebettet in platonische und noch ältere Visionen von der Sonne als Gottheit des Kosmos.
1974 hat Raymond Ruyer (»La Gnose de Princeton«, Paris), selbst ein alterfahrner Erforscher von »Utopien« unserer Vorzeit, die weltanschaulichen Spekulationen von amerikanischen Naturwissenschaftlern, vorzüglich von Astronomen, Physikern, Chemikern, Biologen, Ärzten untersucht und aufgezeigt, wie sehr hier uralte kleinasiatische, griechische, hellenistische gnostische und neu-platonische Geistesströme neu zum Tragen kommen. Diese ungeheure »Radioaktivität« des menschlichen Geistes, der heute hier, morgen dort zündet, nicht selten Jahrhunderte, ja Jahrtausende überspringt, nachdem er im »Untergrund« gewirkt hat, ist jedoch keineswegs »einfach« mythisch oder magisch als ein blaues Wunder, das vom Himmel fällt, zu verstehen.
Der Geist wandert bloßfüßig und barhäuptig jahrtausendelang viele Tausende Kilometer. Dann in einem »Schuhwerk«, wie es Bauern noch heute auf dem Balkan, in abgelegenen Tälern der Apenninen- und Pyrenäenhalbinsel tragen. Die Stämme, die Völker, die einzelnen, sind in unseren Jahrtausenden, die hinter uns hegen und in uns geistig-seelisch »arbeiten«, wanderlustig, wie Hippies, die aus Kalifornien und Skandinavien nach Eilat in Israel und nach Persien und Indien ziehen. Wir kennen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Griechenland, Ägypten, Nahost (Palästina), Indien und China im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Ausgrabungen auf der arabischen Halbinsel und in den Küstengebieten des Golfes von Aden und des Persischen Golfes zeigen, daß es hier eine Reihe von Handelszentren gab, die früh die große Ost-West-Wirtschaft zwischen Europa, China, Indien, Ostasien insgesamt, mitsteuerten. Ohne diese wirtschaftlichen Beziehungen ist wohl eines der erregendsten Phänomene unserer »Geistesgeschichte« nicht zu verstehen, nämlich das im Zeitraum vom achten zum zweiten vorchristlichen Jahrhundert »gleichzeitige« Auftreten von Majavira und Buddha in Indien, Lao-tse und Konfuzius in China, Homer in Griechenland, von Jeremias und Jesaias in Israel, der Vorsokratiker und Zarathustras. In dieser von Karl Jaspers als »Achsenzeit« benannten Epoche gab es »zum erstenmal Philosophen. Menschen wagten es, als Einzelne sich auf sich selbst zu stellen. Einsiedler und wandernde Denker in China, Asketen in Indien, Philosophen in Griechenland, Propheten in Israel gehören zusammen, so sehr sie in Glauben, Gehalten, innerer Verfassung voneinander unterschieden sind.« Und: »Der Mensch vermochte es, sich der ganzen Welt innerlich gegenüberzustellen. Er entdeckte in sich den Ursprung, aus dem er über sich selbst und die Welt sich erhebt.«
Geist, das ist zunächst, zuerst und zuletzt: Freiheit und Friede nach innen. Wer diese Freiheit und diesen Frieden besitzt, ist den Mördern, den Tyrannen, den Schindungen und Schändungen durch seine Zeitgenossen, ist der grausamen »Natur« überlegen.
Friede: ein rationales Friedensdenken begegnet uns ziemlich gleichzeitig in Ost und West, in China und Griechenland. Chinesische Abrüstungsvorschläge von 546 vor Christus laufen parallel zu griechischen Bemühungen, durch Bünde den inneren Krieg zu beenden und den äußeren Krieg zu hegen.
In Europa entwickelt erstmalig die römische Stoa ein Weltfriedensdenken: die eine Menschheit ist berufen und verpflichtet, die »Große Ordnung« des Kosmos auf Erden abzubilden. Marc Aurel, der Philosoph auf dem Cäsarenthron, der 180 n. Chr. in Wien stirbt, versteht »alle Menschen (als) Genossen eines Weltreiches«. Die »Pax Romana«, hier stoisch verklärt, wurde für rund 2000 Jahre Urbild und Vorbild einer geschlossenen Friedensordnung. Innerhalb ihrer Schutzwälle und Grenzen leben sehr verschiedene Völker und Gruppen in einer Rechtsgemeinschaft. Friede gilt den Rechtsgenossen innerhalb meiner Ordnung, meiner Mauern, meines Heimes. Friede gilt nicht den anderen, den »Barbaren«, Fremden. Der Fremde, der hostis, ist »der Elende« (der in »alilanti«, im anderen Land, eben im Elend haust!), ist der »Feind«.
Große geschichtsmächtige Konzeptionen des geschlossenen Friedens sind die Pax Hispanica, die Pax Americana, die Pax Sovietica. Hispanischer Friede bedeutet »paz entre cristianos y guerra contro los infieles«. Friede unter den Christen, und ständiger Krieg gegen »die Ungläubigen«. Pax Americana: die »Kinder des Lichtes« kämpfen gegen die »Kinder der Finsternis«: das sind im 17. und 18. Jahrhundert die »Papisten«, später die »Kommunisten«. Die Kinder des Lichts kämpfen gegen »die Satelliten des Satans« (als solche verdammt Calvin seine »Abtrünnigen« in Polen, Siebenbürgen, in ganz Europa), gegen die »Satellitenstaaten« Moskaus. Bereits 1945 – also lange vor Vietnam – hat Reinhold Niebuhr diese Konzeption der »Children of light and children of darkness« kritisiert. Auf den geschichtlichen Höhepunkten dieser amerikanischen Weltfriedens-Konzeption wird sie von einem starken, echten Glauben beseelt: Dieser Friede ist berufen, »liberty«, »democracy«, »freedom« und »progress« in Form des »american way of life« als Segnung allen Völkern dieser Erde zu vermitteln.
Die Pax Sovietica wird eindrucksvoll präsentiert von Stalin und Breschnew als Pazifizierung der Völker ihres Friedensraumes mit Hilfe von Schule, Hochschule, Verwaltung, Polizei, Armee, wobei die Völker und jeder einzelne verpflichtet werden, für diesen Frieden nach innen und außen zu kämpfen. Der Weltfriede wächst durch das Wachstum der Herrschaftsräume der Pax Sovietica. Friedensmission bedeutet Gewinnung von Friedens-Freunden, welche die Sprache dieser Friedensordnungen annehmen, also ihre spezifische Konzeption von »Demokratie«, »Freiheit«, »Fortschritt«. Ein Friede in Waffen.
Das Ringen heute geht um eine allmähliche Überwindung ‚aller’ Systeme eines geschlossenen Friedens durch »Die große Öffnung« zu einem offenen Frieden, der wirklich alle Menschen angeht und ihnen ermöglicht, jeweils auf ihre Weise zu leben, zu denken, zu lieben, zu wirtschaften, zu handeln.
Große Vordenker eines offenen Friedens sind in Europa: der Niederländer Erasmus von Rotterdam, der Spanier Vittoria, der Holländer Grotius. Im religiösen Bereich sind es christliche Nonkonformisten: Männer wie Sebastian Franck in deutschen Landen (er wendet sich gegen die »blutgierigen Theologen« als Ideologen des »gerechten Krieges«), es sind Täufer, Böhmische Brüder, Brownisten, Mennoniten und Sozinianer.
Das große Erbe dieser in Europa vielverfolgten »Brüder« – die erstmalig die Bruder-Idee geschichtsmäßig verkörpern – treten die Quäker an. Von 1660 bis zunächst 1914 halten sie alle Verfolgungen durch und bilden lange allem auf dieser Erde die kühnsten Stoßtrupps des Weltfriedens. 1660 veröffentlicht George Fox mit elf anderen Quäkern seine berühmte Erklärung gegen alle Kriege: alle Kriege sind Bürgerkriege des Menschen. Ausgebaut wird diese Friedenslehre in der Apologie Robert Barclays (1676). Das Gebot der Bergpredigt und die »Führung« durch das innere Licht, das in jede offene Seele Gott einstrahlt, sind ihre Fundamente.
Die Verbindung mit dem Denken Sebastian Francks und der deutschen Stillen im Lande erlebt in Holland William Penn der Jüngere. Dieser Sohn des großen Kriegshelden William Penn findet in Holland, dem Lande seiner Mutter, bei den Mennoniten seine wahre innere Heimat. 1693 veröffentlicht Penn seinen »Essay zum gegenwärtigen und zukünftigen Frieden von Europa durch Schaffung eines europäischen Reichstages, Parlaments oder Staatenhauses«. Ein internationaler Gerichtshof aus 90 Vertretern, darunter auch Türken und Moskowiter (zehn Jahre zuvor, 1683, standen die Türken vor Wien!), soll jährlich zusammentreten und alle Streitfragen schiedsgerichtlich regeln.
Penn schafft ein Vorbild für einen offenen Frieden durch seinen Vertrag mit den Indianern – in der Gründung seiner Kolonie Pennsylvania –, der es ihm ermöglicht, die erste unbewaffnete Regierung der Erde einzurichten: »We meet on the broad pathway of good faith and good will. No advantage shall be taken on either side, but all shall be openness and love. We are all one flesh and blood.« »Offenheit«: ein offener Friede – ruhend auf Vertrauen, auf dem guten Willen, sich nicht gegenseitig zu übervorteilen. Penn bezahlt den Indianern das Siedelland und führt die Siedlung mit Hilfe eines Schiedsgerichts aus sechs Kolonisten und sechs Indianern. Sein Vertrag und seine Friedenskonzeption werden auf dem Frankfurter Friedenskongreß von 1850 wieder auf die Tagesordnung gebracht – und die Atlantic-Charta von 1942 spricht mit den Worten Penns von der notwendigen Befreiung der Menschen von Angst, Furcht, Unterdrückung, Unbildung.
Wer ist berufen, Friede zu machen Wer kann Frieden geben? Jedermann? Jede Frau? Das griechische Drama (Klytämnestra, Antigone und ihre männlichen Gegenspieler) und die Tragödien der Weltgeschichte zeigen, daß dies oft nicht leicht ist. Krieg wächst aus Bürgerkrieg, ist Bürgerkrieg, ist Familienzwist. Blutrache. Sippenrache. Sippen von Zigeunern tragen mitten in der Bundesrepublik Deutschland in der Weihnachtszeit blutige Sippenkämpfe miteinander aus, wie andere weiße braune, rote, gelbe Menschenkinder auf der ganzen Welt.
Der erste große Schritt zur Hegung des Krieges besteht in seiner Ächtung innerhalb der Familie, der Sippe, des eigenen Stammes, des eigenen Volkes. Tausend Jahre und mehr toben Sippenkämpfe in Europa, bis es zunächst Fürsten, Königen und Kaisern gelingt, dem Adel das Fehderecht aus der bewaffneten Hand zu nehmen. Unser Händedruck ist die bleibende Erinnerung an diesen Verzicht auf die Fehde: Dei Mann reicht dem anderen seine Rechte, begibt sich des Rechts, mit der Rechten nach dem Schwert, Degen, Dolch oder nach der Pistole zu greifen. Amerikanische »Pistolenhelden« sind die Söhne der tausendjährigen europäischen Fehden, von Mann zu Mann, von Haus zu Haus.
Friede machen, Friede geben: Das ist die Tat der großen Gesetzgeber der Menschheit. Friede als ein Gesetz für die Menschen bei Hammurabi, Friede als ein Bund mit Gott bei Moses. Friede, als Friede nach innen, in den Raum der Seele hinein, wo - wie Lao-tse, Konfuzius, Buddha, Platon und alle großen Weisen der Menschheit wissen – tiefster Unfriede zu Hause ist. Gesetz geben, das ist: Raum und Zeit für Recht zu schaffen, wo kein Raum und keine Zeit für Recht ist. Frieden schaffen, wo Unfrieden ist.
»Gott selbst ist das Recht«, sagt das europäische Mittelalter. Die Göttlichkeit des Menschen bezeugt sich in seiner Fähigkeit, Recht zu schaffen, Rechtsordnungen zu stiften, und durch das Recht, durch »Heilige Verträge«, durch »Bündnisse« Frieden zu geben.
Es sind außerordentliche Individuen, »Persönlichkeiten von weltgeschichtlichem Rang«, denen es als ersten zukommt, Recht zu setzen. Ihre Gesetzessammlungen, ihre Rechtsordnungen, ihre Rechtssprüche verdichten, was Jahrhunderte, ja Jahrtausende vor ihnen als Kampf ums Recht, das heißt um ganz konkrete Freiheiten konkreter Stände, Klassen, Personen ausgekämpft haben.
Freiheit: Freiheit des Menschen wächst in Europa schmerzlich aus einem tausendjährigen Kampf um zunächst ganz bestimmte Freiheiten, um »Freiheit der Kirche« – im Kampf der Päpste und Mönche mit den »weltlichen« Herren, um Freiheiten von Städten, von Ständen, von Privilegierten. Spät, erst im 18., 19. und 20. Jahrhundert, kommen die Freiheiten der Unterprivilegierten auf die Tagesordnung der großen Versammlungen der Familie des Menschen: die Freiheiten der Frau, des Arbeiters, die Befreiung der Sklaven, der Kinder, der andersfarbigen »Untertanen«. Wir befinden uns im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mitten in diesem großen Ringen um Recht, also um eine Rechtsordnung der Menschheit, um Freiheit als Freiheit aller Menschen, um Menschenrechte für alle Menschen, ein Ringen, das wir an Hand der Dokumente der Menschwerdung in diesem Band verfolgen können.
In jedem dieser »Großen Worte« der Menschheit steckt dies: eine Provokation, eine Aufforderung, sie zu realisieren. Diese Worte wollen Fleisch werden. Inkarnation also, Menschwerdung - fortschreitende Menschwerdung in den jungen Generationen, in den Generationen, die jetzt eben ins dritte Jahrtausend unserer Zeitrechnung hineinschreiten; sie sind ja schon geboren, die Menschen, welche die Last, die Bürde und Würde der Menschheit des 21. Jahrhunderts zu tragen haben.
In diesem Sinne sind alle diese »Worte des Menschen« offen, ganz offen. Sie sind Einladungen, Aufforderungen, von hier und heute an die Sache des Menschen zu betreiben. Und der täglichen Versuchung zu widerstehen, das Kind des Menschen in einem Blutbad auszuschütten.
Skeptiker, Zyniker, selbsthassende Menschen, die dem Menschen nicht viel Gutes zutrauen, da sie selbst wenig Gutes zu tun wagen, mögen sagen: Nun, was haben sie genützt, diese Großen Worte der Menschen? Leben wir nicht immer noch zusammen und gegeneinander wie wölfische Rudel, die sich, in Hunger und Neid, selbst anfallen? Ja: Diese Möglichkeit, als Mensch des Menschen Wolf zu sein, bleibt uns, wie wir alle auch Neandertaler bleiben werden, Urmenschen mit all ihren Instinkten, solange wir Menschen bleiben.
Nein: Wir Söhne des Hammurabi und des Moses und des Solon und des Platon (um nur in der weißen Hemisphäre uns zu orten) sind die Söhne einer Weltzivilisation, einer Weltkultur. Wir bauen rechteckige Städte nach den Maßen Babylons, rechnen mit seinem siebentägigen Kalender, und wir besitzen eine gemeinsame Sprache, ein Alphabet – in dem die Maße und Gewichte, die Rechte und Freiheiten, die Ordnungen vor-gegeben und nach-zu-vollziehen sind. Wir sind durchaus befähigt, Recht zu setzen, Rechte ein-zu-setzen, wir sind befähigt, als die Söhne und Töchter dieser Menschheit, Frieden zu geben. Wir besitzen nicht nur eine ganz offene Zukunft, sondern auch einen mächtigen Hinter-Grund, der uns aus großen Dokumenten der Menschheit zwingend anspricht.
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