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Gedichte von Friedrich Hagen (1903-1979)

 

Von wieviel Stirnen erhebt sich der Wind

in wieviel Augen die Bläue der Bäume

 

wir sind nicht allein in den Wurzeln der Räume

und sind wir die Zeugung so sind wir das Kind

 

aus wieviel Quellen steigt einer heraus

auf wieviel Schultern ruhen die Tage

 

und sind wir die Antwort so sind wir die Frage

und sind wir die Steine warum nicht das Haus

(S. 41; alle Seitenangaben beziehen sich auf: Friedrich Hagen: Gedichte. Fürth 1980.)

 
 
 Orgeln des Herbstes Weinberg der Zeit

geh ich allein durch die stürzenden Himmel

 

pflück ich das Lachen brech ich die Trauer

schmilzt mir die Liebe im reifenden Mund

 

füll ich die Kelter mit eurer Hoffnung

preß ich daraus den verheißenden Wein


teil ich mit allen mein menschliches Haus

gehn mir der Wein und die Früchte nicht aus

(S. 70)

 

So waren unsere Wort an diesem menschlichen Tag


sie waren helle Kiesel nach dem Regen

und einfache Ziegel auf einem warmen Dach


aus durchsichtigen Lippen ein einziger Mund

aus furchtlosen Händen eine einzige Hand


und sie wollten ein Haus bauen

ein Haus für den Menschen


mit Fenstern ohne Läden mit offenen Fenstern

darinnen der Tag sich ausruht bis zum Morgen


mit Türen ohne Riegel und immer geöffnet und unnütz


mit Kammern ohne Wände und ohne Sorge


mit einem Keller fürs Vergessen

und einem Speicher für die reifenden Wünsche


mit einer Küche darinnen die Bettler Köche sind


mit einer Kapelle ohne Kruzifix

und jeder Stuhl ist eine Kanzel

und die Beichte ein Licht auf allen Stirnen

das Amen ein Bruderwort auf allen Lippen


ein Haus mit einem Giebel aus Frühling

und einem Giebel aus Herbst

und einem First gezogen nach dem Maß

eine Sommers ohne Ende

(S. 78)

 

In den Gassen des Montmartre und hinter dem Père Lachaise

in der Metro der Gare du Nord an den Ufern der Marne


oder wenn ich die weißen Steine der Erinnerung umdrehe

auf den Wegen des Abschieds der Gräber der unsichtbaren Schritte


in den abgestandenen Winkeln Nürnbergs den Häfen des Nordmeers

Römerberg Wedding Fantome über den sinnlosen Trümmern


die gleiche Verzweiflung die gleiche Hoffnung der gleiche Tod

auf dem aus Lachen und Weinen gekneteten Antlitz des Menschen

(S. 103)


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