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Gebhard Frei

Raum-Zeit-Freiheit und Christusproblem

 

Es ist ein besonderes Verdienst Jean Gebsers, in seinem Hauptwerk Ursprung und Gegenwart und später immer wieder auf die verschiedene Raum- und Zeitbezogenheit innerhalb der menschlichen Evolution hingewiesen zu haben, sie, wie vielleicht kein anderer, analysiert zu haben. Bekanntlich unterscheidet er die vorräumlich-vorzeithafte Bezogenheit der archaischen Stufe, die raumlose und zeitlose Betontheit des magischen Erlebens, das Raumlose, aber Naturzeithafte des mythischen Denkens, das Raumhafte und abstrakt Zeithafte des mentalen Menschen seit dem Aufkommen der Perspektive. Gebser ist überzeugt, daß wir an der Wende zum Integralen stehe, vom Dreidimensionalen zum Vierdimensionalen, vom perspektivischen Denken zum A-perspektivischen und zum integralen Diaphanieren, symbolisch gesagt vom „Dreieck“ zur „Kugel“.

Im zweiten Band seines Hauptwerkes behandelt Gebser ausführlich die sich mehr und mehr zeigenden Manifestationen der a-perspektivischen Welt in den Naturwissenschaften, den Geisteswissenschaften, den Sozialwissenschaften und den Künsten. In weiser Beschränkung  spricht Gebser wohl stellenweise vom allgemein religiösen Aspekt seiner Schau, etwa der Überwindung des Dualismus von Immanenz und Transzendenz des Absoluten bezüglich des Relativen zugunsten der Polarität, ohne aber auf die spezifisch christlichen und theologischen Probleme einzugehen. Da sicher viele, die Gebsers Bücher und Gedanken schätzen, gläubige Christen sind, sei der Versuch gewagt, im Sinne von Hypothesen, nicht Thesen, die eminente Bedeutung der Raum-Zeit-Freiheit für das Christusproblem zu skizzieren.

Das christliche Denken ist heute so sehr noch im Raumhaften und abstrakt Zeithaften befangen, daß ihm dadurch ernste Schwierigkeiten für das Verständnis zentraler Themen der christlichen Botschaft erwachsen. Was soll ein Christ, der nur im Raumhaften beheimatet ist, etwa vom Paradies denken, wenn er es sich nur räumlich-geographisch auf dieser Erde denkt? Es ist ihm höchstens ein Mythos, dem keine Realität entspricht. Was soll er sich im Zeitalter der Astronomie und der Raumraketen unter „Himmelfahrt Christi“ vorstellen? Wer nur abstrakt zeithaft denkt, kann mit wesentlichen Gedankengängen bei Paulus gar nichts anfangen, vor allem mit den Worten über Christus als zweiten Adam. Was soll das heißen, daß durch die Sünde Adams erst der Tod in die Welt kam, wenn vor dem Auftauchen der Primaten doch schon durch Millionen von Jahren Pflanzen und Tiere starben? Die ganze heutige Diskussion über Monogenetismus (Abstammung von einem einzigen Elternpaar) und Polygenetismus (Abstammung von vielen Elternpaaren) wird vollständig im Rahmen raum-zeithafter Kategorien geführt. Typisch ist zum Beispiel Teilhard de Chardin, der als Paläontologe natürlich nur polygenetisch denken kann, dessen Synthese von Naturwissenschaft und Glauben deswegen Ungezählte fasziniert, weil sie auch nur raum-zeithaft denken können.

Es dürfte kaum zweifelhaft sein, daß weder die Genesis noch Paulus raum- und zeithaft dachten. Diskutieren läßt sich, ob sie, in der Terminologie Gebsers, raumlos und zeitlos oder raumfrei und zeitfrei sprachen. Auf jeden Fall zeigt sich, daß das integrale Diaphanieren im Sinne der Raum-Zeit-Freiheit eine wesentliche Hilfe ist, die christliche Botschaft dem heutigen und zukünftigen Menschen verständlich zu machen. So wie Jean Gebser bezüglich der Wissenschaften und Künste viele Ansatzpunkte für die integrale Raum-Zeit-Freiheit aufweisen kann, läßt sich dies auch für das Verstehen der christlichen Botschaft sagen. Auch andere Gesichtspunkte des Integralen sind diesbezüglich von Bedeutung, so die Aufhebung der rationalen Gegensätze in ganzheitliche, a-rationale Polaritäten. Die Frage: Ist Adam, ist Christus ein Individuum oder ein a-personales Kollektiv? ist schon als Frage falsch gestellt. De Fraine hat herausgearbeitet, daß biblisch gesehen Adam und Christus als korporative Persönlichkeiten gedacht werden müssen[1]. Nur so scheint das Wort von Paulus sinnvoll zu sein: „In ihm (Adam) haben wir alle gesündigt“, indem wir raum- und zeitfrei in der korporativen Persönlichkeit Adam enthalten sind. Es gibt in diesem Sinne nur einen einzigen Sündenfall, den des „Groß-Adam“, wie es auch nur eine einzige Erlösung gibt, in Christus, in der raum-zeit-freien korporativen Persönlichkeit Christi als des zweiten Adam. Adam, sein paradiesischer Zustand, der Sündenfall und die Konsequenzen der Raum-Zeit-haftigkeit, die Heimholung von Individuum und Kosmos in Christus sind raum-zeit-freie Mysterien. Geschichte wird diaphan auf ein Übergeschichtliches, Raum-Zeit-Freies hin. Das Raum-Zeit-Freie ist allem Raum-Zeit-haften ko-existent, umschließt jeden Punkt von Raum und Zeit wie die „Kugel“, manifestiert sich im Raum-Zeit-haften, und so ist der „Ursprung“ von Fall und Erlösung Gegenwart.

Hat Paulus nicht im Grunde so gedacht, wenn er im ersten Kapitel des Kolosserbriefes von Christus, der „durch sein Blut am Kreuze den Frieden gründete“, zugleich sagt, er sei das „Bild des unsichtbaren Gottes“, der „Erstgeborene vor aller Schöpfung“. „In ihm ward alles erschaffen, ... das Sichtbare und das Unsichtbare. Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor allem und das All hat in ihm seinen Bestand.“ Die Mysterientheologie Odo Casels wurde von jenen nicht verstanden, die, im mentalen Denken befangen, nur raumhaft und abstrakt zeithaft denken können. Sie besagt im Grundgedanken, Inkarnation, Tod, Auferstehung und Verklärung Christi sind ein raum- und zeitfreies Geschehen, das sich auf der geschichtlichen Peripherie in jedem Akt, der dem Heile dient, „zeigt“. Es gibt nicht ein Entweder-Oder: raum-zeit-freier Christus oder historischer Jesus. Johannes sieht das „Lamm, wie geschlachtet“ in raum-zeit-freier Gegenwart vor dem Thron des unsichtbaren Gottes (Apok. 5), weiß aber auch, daß es auf der Raum-Zeit-Peripherie unter uns „sein Zelt aufgeschlagen“ hat. Wenn bei der „Himmelfahrt“ Christi eine „Wolke“ in den Blicken der Seinen entzog, so ist er nicht wie ein Sputnik räumlich immer höher gestiegen, sondern dem raum-zeit-haften Erleben der Seinen entzogen worden, wobei es ihm allerdings freisteht, im Raum-Zeit-haften sich jederzeit zu manifestieren.

Als Beispiel für das Gemeinte sei auf einen Autor verwiesen, der in seltener Weise die Voraussetzungen für das neue Denken mitbrachte: Raymundo Panikkar. Als Sohn eines indischen Vaters und einer spanischen Mutter wurde er 1918 in Barcelona geboren, doktorierte 1945 in Philosophie, ist seit 1946 katholischer Geistlicher, war 1948 Generalsekretär des Internationalen philosophischen Kongresses in Barcelona. 1953 bis 1960 studierte er an den Universitäten Mysore und Banaras Hinduismus und indische Philosophie, machte 1958 den Doktor der Chemie, kam 1960 nach Rom, doktorierte 1961 in Theologie. 1963 erschien, nach vielen anderen Veröffentlichungen, sein kleines Buch Die vielen Götter und der eine Herr[2]. Es sei erlaubt, einen längeren Passus aus diesem Buch zu zitieren, um zu zeigen, wie raum- und zeitfrei, wie „kugelhaft“ im Sinne Gebsers Christus gesehen wird.

„Das ist Christus, der ganz Christus, der in sich die neue Erde und den neuen Himmel enthält, das ist jene theandrische Realität, an der alles teilnimmt, was sonst ‚ist’. Nun, dieser Christus ist der ontische Mittler in seinem zeitlichen Abenteuer. Bis jetzt hatten wir nämlich die Zeit von unseren Überlegungen ausgeschaltet. Dieser Christus ist Schöpfer und Verherrlicher, das heißt Vollender des zeitlichen Seins. Dieser Christus ist das göttliche Prinzip, das jedes Sein erhält und sein läßt. Dieser Christus ist in einem Wort wirklich und tatsächlich Gott. Und nun kommt die eigentliche temporale Botschaft: dieser Christus ist auch Erlöser, weil jenes Hinaufsteigen zu Gott eine wirkliche Rückkehr und ein reales Aufsteigen bedeutet. Jener Christus, der sonst für die Welt gesorgt hat, weil die Welt ja sein Leib ist (in der Ewigkeit) und sein soll (im Zeitverlauf – wobei, was nicht sein wird, nicht ist), und der infolgedessen Propheten, Religionsstifter, heilige Menschen hat entstehen lassen – jener Christus hat am Ende der Zeiten Sein eigenes Haupt geoffenbart... Dieser kosmische und persönliche Christus (ist) identisch mit dem historischen Jesus von Nazareth.“

In diesen Worten spüren wir die Raum-Zeit-Freiheit von Christus. Überall, wo Tod, physisches und moralisches Übel sich „zeitigt“, werden diese dunklen Seiten diaphan auf einen „Ursprung“, der aus dem Zentrum, einer paradiesischen Harmonie mit dem Absoluten, sich löste und in die raum-zeitliche Peripherie hinausstürzte. Und wo immer sich auf der Peripherie Licht, Leben, Liebe zeigt, Wahrheit manifest wird, werden diese hellen Dinge diaphan auf den raum- und zeitfreien Christus hin, dessen „logoi spermaticoi“, dessen logoshafte Samenkörner durch jeglichen Raum und jegliche Zeit hin ausgestreut sind. So haben Gebsers Kategorien des Raum-Zeit-Erlebens auch für das spezifisch christliche Denken ihre Bedeutung, gerade für jene, die klar und wach die Mysterien des Glaubens durchdenken möchten, soweit dies bei einem Mysterium, das letztlich nur geglaubt werden kann, möglich ist.

 

Aus: Transparente Welt. Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Jean Gebser. Hrsg. von Günter Schulz. Bern 1965. S. 223-227.


[1] Fraine, J. de, S. J.: La bible et l’origine de l’homme. Desclée de Brouwer, ferner: Adam et son lignage (ebd.). Letzteres auch deutsch: Adam und seine Nachkommen. Der Begriff der „korporativen Persönlichkeit“ in der Heiligen Schrift. Bachem, Köln 1962.

[2] Otto Wilhelm Barth-Verlag. Weilheim, Oberbayern, 1963.


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