Seitentitel

 Offener Brief an Christine Busta

 

Es war im vorletzten Frühling – ist es wirklich erst so kurze Zeit her? –, als ich Ihre Stimme vernahm, liebe Frau Busta. Es sind doch manchmal seltsame Zufälle, seltsame Kleinigkeiten, die uns an die Quellen führen! Nur ein Gedicht kannte ich von Ihnen, „Am Rande“. Dieses eine Gedicht gefiel mir so gut, dass ich mich entschloss, einen Gedichtband von Ihnen zu kaufen. Auf gut Glück, ohne großes Vorherbedenken. Ich kaufte den „Regenbaum“, nicht weil ich wusste, dass es Ihr frühester Band ist, sondern weil mir der Titel gefiel. Auch das ist ein seltsamer Zufall, dass ich gerade Ihren frühesten Band wählte. Dann erklang mir in diesem Frühling Ihre Stimme, die mich veränderte.

Vor dunkel getöntem Hintergrund vernahm ich das herrliche Leben selbst. Und es wurde auf wunderbare Weise durch Ihre Gedichte erst wirklich, erst sie ließen es mich in seiner ganzen Schönheit, seiner ständig bedrohten, vergänglichen Schönheit, wahrnehmen. Sie führten mich nach draußen, Sie schlossen mir das Leben auf. Ist das nicht das Schönste, das Wertvollste, was Gedichte überhaupt vermögen? Ich kann keinen Sonnenaufgang sehen, ohne an das Gedicht zu denken, in dem Sie schreiben, wie die Sonne „das goldene Knie hebt.“ Und oft wenn ich die Vögel höre, denke ich an Ihre Vogelgedichte.

Die Melancholie und Schwere in Ihren Gedichten ist einem tiefen Wissen um das Leid der Welt entsprungen. Sie machten mich hellhöriger für das Leise und schärften meine Augen für das, was im Dunklen verborgen ist. Für das, was tief unter der Erde verborgen ist. Oder was zu klein ist, als dass man es wahrnähme. Was vielleicht auf den Hinterhöfen oder im Geäst eines Baums versteckt ist, und woran man meist ohne einen Blick vorbeigeht. Ich nahm die mütterliche Umarmung wahr, mit der Sie die dunkle Erde umfassten, die Toten, das Gras, die Vögel, die Menschen, auch mich. Auch die Sünder und die Einsamen. Einen alten Baum oder ein zerfetztes Nest. Nein, eine „heile Welt“ dichten Sie nicht. Aber eine Welt, die von Ihrer Liebe umfasst ist und in der manchmal das Licht der Verklärung wahrnehmbar wird.

Verklärung – wenn man dieses in Misskredit geratene Wort ganz verstünde, dann verstünde man die Vorwürfe gegen Sie. Die Vorwürfe, Sie seien „eine Dichterin der heilen Welt“. Mir scheint es, Sie zeigen das Heile, oder – darf ich dieses Wort benutzen? – das Heilige im Unheilen, im scheinbar Verworfenen. Ich denke da oft an die Geschichte der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor: Jesus war ein gewöhnlicher Nazarener, ein Zimmermannssohn, der öffentliches Ärgernis erregte und keine Heimstatt besaß, ein unsteter Wanderer in schmutzigem Mantel. Doch auf dem Berg Tabor brach das Licht der Verklärung durch seinen schmutzigen Mantel, das Licht des Göttlichen, Heiligen, für das wir meist blind sind, und das doch immer gegenwärtig ist.

Ja, es ist kein Wunder, dass man in einer Zeit, in der das Wort Verklärung nur noch auf die Verfälschung sachlicher Tatsachen verweist, dass man in einer solche Zeit misstrauisch wird, wenn eine Dichterin das Heilige im Heillosen aufspürt. Natürlich ist das Licht der Verklärung nur mit den Augen der Liebe und der Güte wahrnehmbar, und die „sogenannte Vernunft“, gegen die Sie sich zeitlebens gewehrt haben, ist blind dafür. So verbunden fühlten Sie sich der Erde, so daheim unter den Menschen und ihrer Hinfälligkeit, dass Sie Gott baten, er möge Sie nicht einem der neun Chöre der Engel zugesellen, sondern dem zehnten, dem ruhmlosen, dem  Chor der Marktweiber und Bettler.

Sie haben mich verändert, Sie haben mich bereichert und erfreut, aber – das will ich nicht verschweigen – auch erschreckt haben Sie mich mit manchem Gedicht. Da ist nicht nur der dunkle Untergrund, der immer etwas traurig beim Lesen Ihrer Gedichte macht, da ist nicht nur ein bitterer Geschmack. Es ist das Schreckliche selbst, das mich aus manchen Gedichten anstarrte, wie eine klaffende Wunde. Wenn Sie etwa vom Jüngsten Gericht schreiben, von der Schuld und vom Tod, von der Angst und der Verzweiflung, von denen das „Leben auf diesem Stern“ so voll ist. Würde nicht die Liebe und Wärme all das Schreckliche bei weitem überwiegen, ich wäre vielleicht erschreckt vor Ihrem Werk zurückgewichen. Aber das ist ja gerade das Herrliche an Ihrem Werk, dass Sie die Tiefe des Schrecklichen ermessen – und dennoch lieben. Ja, der Gesang der Liebe übertönt alle Ihre erschreckenden Gedichte. So wurde tatsächlich der Regenbaum des Leids an Gottes siebenfarbigen Mantelsaum getragen, wie Sie es im ersten Gedicht des Bandes „Der Regenbaum“ beschrieben.


Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!