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Bewusstsein – Fluch oder Segen?
Im Begriff „Bewusstsein“ sammeln sich viele der Sehnsüchte, Leiden und Fragen unserer Zeit wie in einem Brennspiegel. In alltäglichen Gesprächen, in Zeitschriften und in aktuellen Büchern wird häufig über „Bewusstsein“ gesprochen. Dabei meine ich zwei gegensätzliche Tendenzen zu erkennen: Da werden auf der einen Seite Techniken zur „Bewusstseinserweiterung“ angepriesen. Man soll und will „bewusst“ oder „bewusster“ leben. Auf der anderen Seite jedoch scheint man dem Bewusstsein eher mit abweisenden Gefühlen zu begegnen, wenn man beispielsweise gelegentlich „abschalten“, „sich gehen lassen“ oder „spontan sein“ will, wenn man sich vom „Unbewussten“ oder vom „Bauchgefühl“ leiten lassen möchte.
Für die einen ist Bewusstsein ein Segen, den man erjagen, für die anderen ein Fluch, dem man entrinnen muss. Recht haben kann doch nur eine Seite, oder? Wir wissen alle, dass es nicht so einfach ist. Deshalb kann es nützlich sein, sich einmal zu fragen, was zu diesen entgegengesetzten Positionen führt. Mir scheint nämlich, dass dieser Widerspruch keineswegs nur eine Sache des Zeitgeists oder der Mode ist; dass hier vielmehr ein Widerspruch, der im Wesen des Menschen, in der Eigenart der Conditio humana wurzelt, aktuellen Ausdruck findet.
1. Bewusstsein – Fluch
In der Verherrlichung der Kindheit, der Spontaneität und Authentizität drückt sich die Sehnsucht nach einem Zustand aus, in dem alles Handeln unreflektiert, unbefangen, „aus sich selbst heraus“ geschieht. In einem solchen Zustand ist alles Spiel. Und das Kind spielt einzig darum, dass es spielt. Es denkt noch nicht darüber nach, aus welchem Grund und zu welchem Zweck. Deshalb besitzen alle seine Bewegungen das, was im 18. und 19. Jahrhundert „Anmut“ oder „Grazie“ genannt wurde.
Wir sehen also, dass Sehnsucht nach Spontaneität und Authentizität keine Schrulle unserer Zeit ist, sondern schon damals die Geister bewegte. Schiller schreibt über „Anmuth und Würde“ (1793); und Heinrich von Kleist sucht in einem Text, der uns noch beschäftigen wird, die „Grazie“ des Kindes zur Verwunderung des Lesers in den Bewegungen hölzerner Marionetten („Über das Marionettentheater“, 1810).
Was zerstört im Laufe der Entwicklung des Menschen schließlich die Anmut und verwandelt die lieblichen Bewegungen des Kindes in die unbeholfene, ungelenkige Schlaksigkeit des Pubertierenden? Es ist, natürlich, der „Fluch des Bewusstseins“. Gewiss besaß auch schon das Kind ein Bewusstsein. Doch mit dem Beginn der Pubertät findet eine einschneidende Bewusstseinsmutation statt. Sie ist so einschneidend, dass man zu ihrer Beschreibung oft die Metapher des „Erwachens“ benutzt und so weit geht zu sagen, jetzt sei überhaupt erst das Bewusstsein des Kindes „erwacht“. Das Kind wird sich seiner selbst als einer von allen Anderen verschiedenen und abgetrennten Person bewusst. Mit dem erwachten Ich-Bewusstsein kommt die Reflexion, und mit der Reflexion kommt – die Befangenheit. Zwei eindringliche Beispiele mögen diese Verwandlung veranschaulichen. Das erste stammt von Astrid Lindgren, die sich erinnert, dass sie auf einmal nicht mehr spielen konnte:
Ich weiß noch, wie schrecklich es war, festzustellen, dass man nicht mehr spielen konnte. Daran kann ich mich ganz deutlich erinnern. Immer, wenn die Enkelin des Pfarrers in den Ferien nach Näs kam, spielten wir mit ihr. Aber als sie eines schönen Tages im Sommer ankam und wir wie immer anfangen wollten zu spielen, stellten wir plötzlich fest, dass wir nicht mehr spielen konnten. Es ging einfach nicht. Wir kamen uns albern vor und waren gleichzeitig auch traurig, denn was sollten wir jetzt tun, nachdem wir nicht mehr spielen konnten? Damals waren wir wohl zwölf oder dreizehn, und damit war die Kindheit zu Ende.[1]
Der Ich-Erzähler in Kleists Text „Über das Marionettentheater“ schildert, wie schon ein Anflug von Bewusstheit einen Menschen von Grund auf verändert:
Ich badete mich [...] vor etwa drei Jahren, mit einem jungen Mann, über dessen Bildung damals eine wunderbare Anmut verbreitet war. Er mochte ohngefähr in seinem sechszehnten Jahre stehn, und nur ganz von fern ließen sich, von der Gunst der Frauen herbeigerufen, die ersten Spuren von Eitelkeit erblicken. Es traf sich, daß wir grade kurz zuvor in Paris den Jüngling gesehen hatten, der sich einen Splitter aus dem Fuße zieht; der Abguß der Statue ist bekannt und befindet sich in den meisten deutschen Sammlungen. Ein Blick, den er in dem Augenblick, da er den Fuß auf den Schemel setzte, um ihn abzutrocknen, in einen großen Spiegel warf, erinnerte ihn daran; er lächelte und sagte mir, welch eine Entdeckung er gemacht habe. In der Tat hatte ich, in eben diesem Augenblick, dieselbe gemacht; doch sei es, um die Sicherheit der Grazie, die ihm beiwohnte, zu prüfen, sei es, um seiner Eitelkeit ein wenig heilsam zu begegnen: ich lachte und erwiderte - er sähe wohl Geister! Er errötete, und hob den Fuß zum zweitenmal, um es mir zu zeigen; doch der Versuch, wie sich leicht hätte voraussehen lassen, mißglückte. Er hob verwirrt den Fuß zum dritten und vierten, er hob ihn wohl noch zehnmal: umsonst er war außerstande dieselbe Bewegung wieder hervorzubringen - was sag ich? die Bewegungen, die er machte, hatten ein so komisches Element, daß ich Mühe hatte, das Gelächter zurückzuhalten.
Von diesem Tage, gleichsam von diesem Augenblick an, ging eine unbegreifliche Veränderung mit dem jungen Menschen vor. Er fing an, tagelang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte.[2]
Dieser Bewusstseinsmutation im Lebensweg des Individuums (der Ontogenese) entspricht menschheitsgeschichtlich (also in der Phylogenese) das Erlebnis des „Sündenfalls“. Die Bibel schildert es in mythologischer Einkleidung. Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis und „erwachen“ daraufhin:
Die Augen klärten sich ihnen beiden,
und sie erkannten, –
daß sie nackt waren. (Gen 3,7 in der Übersetzung von Buber / Rosenzweig)
Jeder weiß, wie es weitergeht: Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben, und die leidvolle Geschichte des sich seiner selbst bewusst gewordenen Menschen nimmt ihren Anfang. Hier erscheint das erwachte Bewusstsein tatsächlich als Fluch und als Grund dessen, was die Bibel „Sünde“ nennt: des Zustandes der Entfremdung von Gott, vom Mitmenschen und von sich selbst. Doch jeder Versuch, dem Fluch zu entrinnen und in die Harmonie des Paradies zurückzukehren, muss scheitern: Die Cherubim mit dem Flammenschwert bewachen fortan den Eingang zum Paradies.
Auch dies sollen wieder zwei Texte veranschaulichen. Zunächst ein Gedicht von Karin Boye, das den „Sündenfall“ als Vertreibung aus dem Wasser beschreibt und in großer Eindringlichkeit erlebbar macht:
Kinder des Wassers
Um unsre Wiege wogten sanft wie Seegras
durchsichtige Wassergeister, ungreifbare.
Zeitlos ruhten wir glücklich in windloser Tiefe.
Wer vertrieb uns aus unserer Heimat?
Wie wirbelnde Blasen sausten wir gegen das Licht,
wie glänzende Silberfische glitten wir in bleigraue See.
So standen wir an einem Morgen mit tropfendem Haar am Ufer
in einem fremden Land.
Niemals finden wir heim.
Wir wandern weiter wie im Traum.
Unsere feuchten dunklen Augen scheuen die Sonne.
Unsere kühlen und sanften Hände scheuen das Handeln.
Unsere fließenden und fliehenden Seelen scheuen das Lieben.
Sie schlingen sich wie Schlangen um alles brennend Heiße . . .
Wie im Traum gehen wir, unsere Welt ist Schaum.
Unser fernes kühles Lächeln ist ein Gruß aus unseres Vaters Reich,
wo Portale aus glasgrünem Wasser sich wölben -
Portale zur ewigen Ruhe.[3]
Ein Gedicht von Christine Busta handelt von dem Versuch, ins Paradies zurückzukehren:
Mittag im Park
Hier ist die Zeit der Tauben und der Linden:
melodisch gurrt im Sommergras die Stunde
der süßen Werbung, und mit Blütenbüscheln
verhäng ich mir den Blick und möchte wieder blind
von innen her ans zarte Ei des Lebens pochen.
Vergeblich! Im Gehör ist schon der Schritt,
darunter die zerbrochne Schale splittert.[4]
Erich Fromm definiert den Menschen als jenen Primat, „welcher an dem Punkt der Evolution auftrat, als die instinktive Determinierung ein Minimum und die Entwicklung des Gehirns ein Maximum erreicht hatte.“[5] Eben diesem „Punkt der Evolution“, diesem Punkt der Phylogenese ist der Mythos vom Sündenfall gewidmet, und es scheint der Radikalität der Mutation angemessen, wenn er sie als ein plötzliches Erwachen schildert. Der fast vollständige Verlust der Determinierung durch Instinkte wird in diesem Mythos als ein Austritt aus der Naturharmonie des Paradieses beschrieben. Durch die maximale Entwicklung des Gehirns haben sich dem Menschen „die Augen geklärt“ und er wurde „wie Gott, erkennend Gut und Böse.“
Was den Menschen vom Tier unterscheidet und seine „Gottähnlichkeit“ ausmacht, ist wesentlich die Metabewusstheit:Auch Tiere sehen und hören, aber nur der Mensch weiß, dass er sieht und hört.[6] Auch Tiere wollen und wollen nicht, aber nur der Mensch kann wollen, dass er etwas will und etwas nicht will. Nur er kann das Gegebene als falsch abtun, in seiner Vorstellungskraft andere Welten erdenken und daran gehen, das Gegebene gemäß seinen Vorstellungen zu verändern. Im Gegensatz zum trieb- und umweltgebundenen Tier ist der Mensch also, mit einem von Max Scheler geprägten Begriff, weltoffen.
In einem Chorlied aus der Antigone des Sophokles (332ff.), die vermutlich 442 v. Chr. uraufgeführt wurde,[7] blickt der antike Mensch in den Spiegel und schwankt beim Anblick seines eigenen Gesichts zwischen Faszination und Erschrecken:
Viel Ungeheures ist, doch nichts
So ungeheures wie der Mensch.
Der fährt auch über das graue Meer
Im Sturm des winterlichen Süd
Und dringt unter stürzenden Wogen durch.
Und der Götter Heiligste, die Erde,
Die unerschöpfliche, unermüdliche,
Plagt er ab,
Mit wendenden Pflügen Jahr um Jahr
Sie umbrechend mit dem Rossegeschlecht.
Und der leicht-sinnigen Vögel Schar
Holt er mit seinem Garn herein
Und der wilden Tiere Völker, und
Die Brut des Meeres in der See
Mit netzgesponnenen Schlingen:
Der alles bedenkende Mann. Er bezwingt
Mit Künsten das draußen hausende Wild,
Das auf Bergen schweift,
Und schirrt das rauhnackige Pferd
An der Kruppe ins Joch
Und den unermüdlichen Bergstier.
Auch die Sprache und den windschnellen
Gedanken und städteordnenden Sinn
Bracht’ er sich bei, und unwirtlicher Fröste
Himmelsklarheit zu meiden und bösen Regens
Geschosse, allerfahren. Unerfahren
Geht er in nichts dem Kommenden entgegen.
Vor dem Tod allein
Wird er sich keine Ausflucht schaffen.
Aus Seuchen aber, unbewältigbaren,
Hat er sich Auswege
Ausgesonnen.
In dem Erfinderischen seiner Kunst
Eine nie erhoffte Gewalt besitzend,
Schreitet er bald zum Bösen, bald zum Guten.[8]
Der antike Mensch, der hier in den Spiegel blickt, hätte sich wohl niemals vorstellen können, zu welchem Grad die Fähigkeiten des Menschen zur Untergrabung des Gegebenen, des scheinbar Selbstverständlichen heute gelangt sind. Nicht nur, dass die zerstörerischen Tendenzen der menschlichen Umgestaltung und Ausbeutung der Natur zunehmend sichtbar werden. Durch die Ideologiekritik der Aufklärung wurden auch gesellschaftliche Institutionen, die früher Halt, Sicherheit und Heimat gaben, aus dem Status der Selbstverständlichkeit gerissen.
All dies führt dazu, dass viele Menschen aus den westlichen Industrienationen das Gefühl haben, eigentlich gar nicht richtig zu Hause zu sein – weder in dieser Gesellschaft noch auf dieser Erde. Ähnlich wie den Gnostikern scheint es ihnen, dass ihr Ich ein Fünkchen Geist ist, das sich in ihren Körper und in den dunklen Sumpf dieser Welt verirrt hat und nun darin gefangen ist.[9] Eigentlich, so scheint es ihnen, gehören sie nicht hierher. Also setzt eine Spirale der Reflexion und der Metabewusstheit ein, welche die Realität immer von Neuem in Frage stellt und Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten immer von Neuem hinwegfegt.[10] Man kann an der Philosophie des Existentialismus sehen, welch verzweifelte Versuche unternommen wurden, um die Spirale der Metabewusstheit zu beenden. Hier mag jedoch ein Gedicht, das ich nach einer langen, schlaflosen Nacht schrieb, einen Eindruck von dieser qualvollen Spirale vermitteln:
Denken
Am schwarzen Himmel hängen Wolken.
Darunter ist das Schlachtfeld:
Reflexionen, die einander reflektieren.
Die Kämpfer sind ganz nass.
Sie maskieren und verkleiden sich.
Ihre Waffen: Argumente.
Worum kämpfen sie?
Um wahr, unwahr, richtig, falsch.
Es herrscht Anarchie.
Am schwarzen Himmel hängen Wolken.
Darunter ist das Schlachtfeld:
Reflexionen, die einander reflektieren.
Die Kämpfer sind ganz nass.
Sie maskieren und verkleiden sich.
Ihre Waffen: Argumente.
Worum kämpfen sie?
Um wahr, unwahr, richtig, falsch.
Es herrscht Anarchie.
An dieser Stelle dürfte klar sein, was diejenigen empfinden, für die das Bewusstsein ein Fluch ist, dem man entrinnen muss. Wenn Bewusstsein als Fluch empfunden wird, dann ist damit meistens die Spirale der Metabewusstheit gemeint. Die ständige Distanzierung vom Gegebenen, Realen, Selbstverständlichen erzeugt unweigerlich den Wunsch, gelegentlich „abzuschalten“ und „sich gehen zu lassen“. Oder es erwacht der Wunsch, ins vermeintliche Paradies der Kindheit zurückzukehren, möglichst unbefangen zu handeln, „spontan“ und „authentisch“ zu sein. Doch ins Paradies führt kein Weg zurück, und wir können nur voranschreiten.
2. Bewusstsein – Segen
Was aber bewegt diejenigen, die nach einem „bewussten“ oder nach einem „bewussteren“ Leben streben? Was treibt manche dazu, nach Möglichkeiten zu suchen, ihr Bewusstsein „zu erweitern“? Unmöglich kann damit der Wunsch gemeint sein, die Spirale der Metabewusstheit, diesen Teufelskreis zu verlängern. Das Streben nach mehr Bewusstheit scheint vielmehr in eine ähnliche Richtung zu gehen wie das Streben nach Spontaneität und Authentizität: Es ist auch ein Ausbruch aus dem peinigenden Kreislauf, doch in eine andere Richtung, nicht zurück in die Enge der Kindheit, sondern voran in die Weite eines immer wacheren, reiferen Lebens.
Jedenfalls geht der Ausbruch im besten Fall in diese Richtung. Nicht selten jedoch wollen diejenigen, die nach „Bewusstseinserweiterung“ streben, in Wahrheit auch nirgendwo anders hin als zurück in die Enge einer unbewussten, prä-rationalen Naturharmonie. Diese einseitig regressive Tendenz vieler Bewegungen, die angeblich nach „Bewusstseinserweiterung“ streben, muss scharf kritisiert werden. Aber in der Tat ist es leichter, sich nach embryonalen Wonnezuständen zu sehnen, als den Versuch zu wagen, nach vorne durchzubrechen. Denn wohin soll dieser Weg „nach vorne“ gehen?
Schon Heinrich von Kleist wagte eine Antwort auf diese Frage. Am Ende seines Textes „Über das Marionettentheater lässt er einen der Gesprächspartner, Herrn C..., zunächst feststellen:
Wir sehen, daß in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt.[11]
Dieser Satz könnte denjenigen, die hinter die Reflexion zurück ins Paradies wollen, als Begründung dienen. Es dürfte aber klar geworden sein, dass ein Rückweg nicht möglich ist. Deswegen deutet Herr C... den Weg nach vorne an:
Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.
Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.[12]
Ein Schluss wie dieser muss den Leser im 19. Jahrhundert ziemlich ratlos gemacht haben. Und auch heute noch mag er auf viele diese Wirkung haben. Erst als ich den Text zu Zeugnissen fernöstlicher Weisheit in Beziehung setzte, begann ich die seltsame Folgerung des Herrn C... zu begreifen.
Was haben wir uns unter dem „unendlichen Bewusstsein“ vorzustellen, das die „Grazie“ wieder hervortreten lässt? Das ist die entscheidende Frage. Mir gelang eine Antwort mit Hilfe eines Büchleins über „Zen in der Kunst des Bogenschießens“. Darin wird das „unendliche Bewusstsein“, in dem die „Grazie“ wieder hervortritt, paradoxerweise als ein vollkommen leeres Bewusstsein beschrieben:
Die Vollendung der Schwertkunst besteht nach Takuan darin, daß kein Gedanke mehr an Ich und Du, an den Gegner und sein Schwert, an das eigene Schwert und wie es zu führen sei, kein Gedanke mehr sogar an Leben und Tod das Herz bekümmert. „Alles also ist Leere: du selbst, das gezückte Schwert und die schwertführenden Arme. Ja, sogar der Gedanke der Leere ist nicht mehr da.“ „Aus solcher absoluten Leere“, stellt Takuan fest, „entspringt die wunderbare Entfaltung des Tuns.“
[...]
Der Schwertmeister ist wieder unbefangen wie der Anfänger. Die Unbekümmertheit, die er bei Beginn des Unterrichtes eingebüßt hat, hat er am Ende als unzerstörbaren Charakter wiedergewonnen. Im Unterschied aber zum Anfänger ist er zurückhaltend, gelassen und bescheiden, und es fehlt ihm jeder Sinn dafür, sich aufzuspielen. Zwischen den beiden Stadien der Anfängerschaft und der Meisterschaft liegen eben lange Jahre unermüdlichen Übens.[13]
In diesen paar Sätzen über die Kunst des Schwertkampfes scheint mir der Wegweiser für den Weg nach vorne enthalten zu sein, den nicht nur jeder Einzelne, sondern die ganze Menschheit zu gehen hat: Fort von der prä-rationalen Naturharmonie, heraus aus der Spirale der Metabewusstheit, voran zu einem Zustand, in dem die anfängliche „Grazie“, die anfängliche Unbekümmertheit und Unbefangenheit sich wieder einfindet – und der doch ganz anders als der anfängliche Zustand ist.
Der Ich-Erzähler in Kleists Text „Über das Marionettentheater“ hat also nur teilweise Recht, wenn er von einem „Rückfall in den Stand der Unschuld“ spricht, denn er übersieht, dass das „unendliche Bewusstsein“ – obwohl von Takuan als „absolute Leere“ beschrieben – etwas ganz anderes ist als ein nicht vorhandenes Bewusstsein.
Erst in relativ junger Zeit gelang es, in Europa eine Vorstellung von diesem neuen Bewusstsein zu vermitteln. Bedeutend war sicherlich die Begegnung Europas mit der Tradition des Zen-Buddhismus, wie sie beispielsweise in Herrigels Buch über „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ Ausdruck fand; nicht weniger jedoch die Wiederentdeckung der mystischen Tradition des Christentums, z. B. des großen Mystikers Meister Eckhart, dessen deutsche Predigten vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche und in andere europäische Sprachen übersetzt und dadurch einem breiten Publikum zugänglich wurden. Außerdem gab Jean Gebsers Werk „Ursprung und Gegenwart“ (1953), das vom Werden des „integralen Bewusstseins“ handelt, wichtige Anstöße. Ähnliche Gedanken wie Jean Gebser dachten für das Christentum Pierre Teilhard de Chardin („Le phénomène humain“, 1955) und für den Hinduismus Sri Aurobindo („The Life Divine“, 1940). In jüngster Zeit ist als bedeutender Denker, der sich mit dem neuen, „integralen“ Bewusstsein beschäftigt hat, der Amerikaner Ken Wilber hervorgetreten.
Einer Andeutung der Konturen des neuen Bewusstseins, das ich im Anschluss an Jean Gebser das „integrale Bewusstsein“ nennen möchte, soll ein folgender kurzer Abschnitt gewidmet sein.
3. Das integrale Bewusstsein
Was veranlasst mich, das neue Bewusstsein mit Jean Gebser als „integrales Bewusstsein“ zu bezeichnen? Ich nenne es so, weil sich in ihm die ursprüngliche „Unbefangenheit“ wieder einstellt, doch nicht durch ein Zurücksinken, nicht durch Verzicht auf mühevolle Leistungen der Bewusstwerdung, sondern indem alle Stufen der Bewusstwerdung mit einbezogen, eben integriert werden. So charakterisiert Jean Gebser die Leistung des integralen Bewusstseins als „Wiederherstellung des unverletzten ursprünglichen Zustandes unter bereicherndem Einbezug aller bisherigen Leistung.“[14]
Ist es vielleicht möglich, das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) auf diese Weise zu deuten? Man könnte den Sohn, der seinen Vater verlässt, als eine Personifizierung der Menschheit sehen, die sich nach dem Sündenfall der ursprünglichen Unbefangenheit entfremdet und sich „von Gott emanzipiert“. Die Rückkehr des Sohnes zum Vater am Ende des Gleichnisses wäre die Rückkehr der emanzipierten Menschheit zu Gott. Diese Rückkehr ist kein Aufgeben mühevoll erkämpfter Bewusstheit, kein Zurücksinken in das fraglose Zuhausesein beim Vater, sondern eine Integration. In den Worten Jean Gebsers: Der „ursprüngliche Zustand“ wird wiederhergestellt „unter bereicherndem Einbezug aller bisherigen Leistung“. Denn wer würde bezweifeln, dass der Sohn, der aus der Fremde heimkommt, ein anderer geworden ist als der Sohn, der mit der Erbschaft den Vater verlassen hat? Ein anderer und doch derselbe.[15]
War sein Weg der Entfremdung vom ursprünglichen Zustand, war seine Bewusstwerdung nun ein Fluch oder ein Segen? Das hängt wohl ganz davon ab, aus welcher Perspektive man sie betrachtet. Sicher ist es zunächst einmal ein großer Verlust, die ursprüngliche Unbefangenheit einzubüßen. Wer – wie offenbar der biblische Mythos vom Sündenfall – nur diesen Verlust wahrnehmen kann, dem wird Bewusstwerdung tatsächlich als ein Fluch erscheinen. Doch gleichzeitig ergibt sich durch den Verlust der ursprünglichen Unbefangenheit die Möglichkeit, diese Unbefangenheit nach langen Kämpfen auf einer höheren Ebene wiederzugewinnen.[16] Man denke an die Worte Herrigels über den Meister der Schwertkunst:
Der Schwertmeister ist wieder unbefangen wie der Anfänger. Die Unbekümmertheit, die er bei Beginn des Unterrichtes eingebüßt hat, hat er am Ende als unzerstörbaren Charakter wiedergewonnen.
Und das, so darf man hinzufügen, ist ein Gewinn, der den anfänglichen Verlust mehr als aufwiegt. Wie Jean Gebser in „Ursprung und Gegenwart“ gezeigt hat, ist es die Aufgabe unserer Epoche, dem neuen, dem integralen Bewusstsein zum Durchbruch zu verhelfen, das uns diesen unermessbaren Gewinn zuteil werden lassen kann.
Ergänzende Anmerkung
„Erich Fromm definiert den Menschen als jenen Primat, ‚welcher an dem Punkt der Evolution auftrat, als die instinktive Determinierung ein Minimum und die Entwicklung des Gehirns ein Maximum erreicht hatte.’“ (S. 3)
Fromm nimmt in der Evolution zwei Tendenzen an:
1. ständig abnehmende Determinierung des Verhaltens durch Instinkte
„Der Prozess abnehmender Determinierung des Verhaltens kann als ein Kontinuum gesehen werden, an dessen Null-Ende die niedrigsten Formen tierischer Evolution mit dem höchsten Grad an instinktiver Determinierung rangieren; mit fortschreitender Evolution verringert sich diese und erreicht mit den Säugetieren eine bestimmte Ebene; bei den Primaten ist diese Determinierung noch geringer, aber selbst hier besteht noch eine große Kluft zwischen den kleineren, langschwänzigen Affen und den Menschenaffen. Bei der Spezies Homo sapiens ist die instinktive Determinierung auf ein Minimum reduziert.”[17]
2. Wachstum des Gehirn, speziell des Neocortex
„Auch in dieser Hinsicht ist die Evolution als ein Kontinuum aufzufassen: An einem Ende rangieren die niedrigsten Tierarten mit der primitivisten Nervenstruktur und einer relativ kleinen Zahl von Neuronen; am anderen der Homo sapiens mit einer größeren und komplexeren Hirnstruktur, insbesondere mit einem Neocortex, der dreimal so groß ist wie der unserer Primaten-Vorfahren, und einer immensen Zahl interneuronaler Verbindungen.”[18]
Fraglich ist, ob Erich Fromm durch diese Überlegungen der Sonderstellung des Menschen in der Natur ausreichend gerecht wird und ob es wissenschaftlich vertretbar ist, die Evolution als ein stufenartiges „Kontinuum“ zu betrachten.
[1] Margareta Strömstedt: Astrid Lindgren. Ein Lebensbild. Deutsch v. Birgitta Kicherer. Hamburg 2001. S. 171.
[2] Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater. In: Ders.: Werke in einem Band. Hrsg. von Helmut Sembdner. 6. Aufl. München 1996. S. 805f. (Im Folgenden Kleist 1996.)
[3] Karin Boye: Brennendes Silber. Aus dem Schwedischen übersetzt von Hildegard Dietrich. Aus dem Internet: www. karinboye.se
[4] Christine Busta: Lampe und Delphin. 3. Aufl. Salzburg 1966. S. 44.
[5] Erich Fromm: Haben oder Sein. 7. Aufl. München 1980. S. 132.
[6] Man hat in der philosophischen Anthropologie die Möglichkeit des Heraustretens, die dem Menschen gegeben ist, als „exzentrisch“ im Gegensatz zur „konzentrischen“ Daseinsweise des Tiers bezeichnet. Die gleiche Tatsache kann ausgedrückt werden, indem man das Verhalten des Tiers ausschließlich „subjektiv“ nennt, während der Mensch die Möglichkeit zur „Objektivität“ besitzt.
[7] Vgl. Griechisches Theater. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Frankfurt / M. 1964. S. 508.
[8] Sophokles: Antigone. In: Griechisches Theater. Dt. v. Wolfgang Schadewaldt. Frankfurt / M. 1964. S. 102f.
[9] Hans Jonas hat auf die Ähnlichkeiten zwischen der Weltanschauung der Gnostiker und der Weltanschauung der Moderne hingewiesen (siehe Hans Jonas: Gnosis. Die Botschaft des fremden Gottes). Ein „moderner Gnostiker“ ist beispielsweise E. M. Cioran. Eines seiner Werke trägt den Titel „Vom Nachteil geboren zu sein“.
[10] Vgl. Vittorio Hösle: Moralische Reflexion und Institutionenzerfall. Zur Dialektik von Aufklärung und Gegenaufklärung. In: Ders.: Praktische Philosophie in der modernen Welt. München 1992. S. 46-58. In diesem Aufsatz wird die Geschichte der Philosophie dargestellt als Widerspiel zwischen Kritik an der Tradition (Aufklärung) und einer Metakritik dieser Kritik („Gegenaufklärung“).
[11] Kleist 1996. S. 807.
[12] Ebd.
[13] Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens. 17. Aufl. O. W. Barth Verlag o. O. 1975. S. 88 – 90.
[14] Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. 1. Teil. Band II der Gesamtausgabe. Schaffhausen: Novalis 1978. S. 167. (Seitennummerierung identisch mit der Taschenbuchausgabe. München: dtv 1973.)
[15] Über das Paradox von Identität und Differenz in der Geschichte hat schon Hegel nachgedacht. Hegels Konzeption einer Geschichte des Geistes weist zahlreiche Parallelen zu der hier entwickelten Auffassung, aber auch einige Unterschiede auf. So ist beispielsweise seine „Synthese“ keineswegs gleichzusetzen mit dem integralen Bewusstsein, da sie als neue These wieder eine Antithese auf den Plan ruft. Durch Synthetisieren gelangt man also nicht zum Integralen, sondern nur zu neuen Gegensatzpaaren.
[16] „Jeder Schritt in die Konkretisierung des der Welt zugewandten, vom Sein abgewandten Ichs ist [...] nicht nur Gefahr endgültigen Abfalls vom Sein, sondern immer auch wachsende Chance, sich ihm aus dem Leiden an der Entfremdung erstmals bewußt zu öffnen.“ (Karlfried Graf Dürckheim: Auf dem Wege zur Transparenz. In: Transparente Welt. Festschrift für Jean Gebser. Bern 1965. S. 236.)
[17] Erich Fromm: Haben oder Sein. 7. Aufl. München 1980. S. 132.
[18] Ebd.
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