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Alltag und Fest
1.
Der Alltag als Gefängnis, dem man in immer neuen Ausbruchsversuchen zu entrinnen sucht: dies ist das Thema der britischen Soziologen Stanley Cohen und Laurie Taylor in ihrem Buch „Escape Attempts. The Theory and Practice of Resistance to Everyday Life“.[1] Die Alltagsrealität bezeichnen sie mit einem von Berger und Luckmann[2] geprägten Ausdruck als „beherrschende Realität“. Diese Realität umgibt uns, schließt uns ein. Zwar gibt sie uns auf diese Weise eine Sicherheit, auf die kaum jemand verzichten möchte. Aber sie erzeugt in uns gleichzeitig unweigerlich das Bedürfnis, ihr feingesponnenes Netz immer wieder zu durchbrechen, immer wieder in dahinterliegende Räume zu blicken, immer wieder aus ihr auszubrechen. Ennui, die Langeweile, Klagen über Routine, Gewohnheit, Wiederholung und Monotonie sind die wohlbekannten Symptome dieses Bedürfnisses.
Ausbruch gewähren uns Feste aller Arten. Dieses Wort möchte ich hier im Sinne Odo Marquards gebrauchen, der das Fest in einem Essay als Moratorium des Alltags „definiert“ hat.[3] Feste befreien uns eine Zeit lang vom Druck der beherrschenden Realität, sie gewähren uns eine Pause, sie sind Inseln im Meer des Alltags. In diesem Sinne ist das Fest nicht nur eine Party, eine Feier – auch ein Kinobesuch, der Besuch eines Freundes, ein Konzert, eine Urlaubsreise kann ein Fest sein. All dies sind Erlebnisse oder Geschehnisse, die das Gitternetz der beherrschenden Realität durchbrechen und uns einen – wenn auch noch so kurzen – Blick in andere Räume ermöglichen.
Das Buch von Stanley Cohen und Laurie Taylor ist dem ständigen Hin und Her zwischen dem Gefängnis und den momentanen Ausbrüchen gewidmet, dem Zickzack zwischen Alltag und Fest, zwischen der beherrschenden Realität und den außergewöhnlichen Erlebnissen. Es ist eine ernüchternde, desillusionierende, ja manchmal sogar niederschmetternde Lektüre, wenn man dem Pessimismus des Buches nichts entgegenzusetzen weiß. Die ersten Kapitel behandeln die Routine[4] und den „Alptraum der Wiederholung“[5] und die Versuche beides zu durchbrechen, auf manchmal spitzbübisch-hinterlistige, manchmal verzweifelte, manchmal kunstvolle Weise. Das fünfte Kapitel beschreibt verschiedene Ausbruchswege: Hobbies, Spiele, Sex, Urlaub, Kunst, Drogen, Therapie.[6]
Dies sind momentane Ausbruchsversuche, wenig heldenhaft und auch nicht besonders gefährlich. Daneben gibt es jedoch auch den Wunsch nach dem endgültigen Ausbruch, besonders dann, wenn der Eindruck des Gefangenseins überhand nimmt. Der endgültige Ausbruch wäre, mit den Worten Odo Marquards, das „totale Fest“,[7] ein durch keinen Alltag mehr unterbrochenes Fest. Als totales Fest kann beispielsweise der Krieg erfahren werden.[8] Dies war die Erfahrung Ernst Jüngers, die er in dem Buch In Stahlgewittern exemplarisch geschildert hat. Ähnliches erlebte im Ersten Weltkrieg Hitler und mit ihm unzählige andere Menschen.
Odo Marquard nennt als weitere Beispiele: das Gesamtkunstwerk und das alternative Leben. Die Kunst, ein legitimes Moratorium des Alltags, wird fragwürdig, wenn sie im „Gesamtkunstwerk“ den Alltag auffressen und in einen andauernden ästhetischen Ausnahmezustand verwandeln möchte.[9] Surrealismus und Dadaismus haben Derartiges zur Genüge propagiert, aber auch Ästhetiker wie Oscar Wilde, der das ganze Leben als Kunst zelebrieren wollte, weisen in dieselbe Richtung. Cohen und Taylor widmen diesem Thema in ihrem Buch einen eigenen Abschnitt.[10]
Die Sehnsucht nach einem „alternativen Leben“ ist heute häufig anzutreffen. Die „Grünen“ ersehnen in Form eines „Lebens in der Natur“ das totale Fest, das sie vom Alltag suspendiert.[11] Die Jugendbewegung der 68er liefert zahlreiche Beispiele für derartige Ausbruchsversuche. So kann das Leben in Kommunen als Versuch eines totalen Festes gesehen werden.[12] Zuletzt muss noch an die New-Age-Bewegung erinnert werden, die ebenfalls viele fragwürdige Formen des Ausbruchs in „alternatives Leben“ durchprobierte.
2.
Es ist vermutlich nicht übertrieben zu sagen, dass die Interpretationen Odo Marquards und der beiden britischen Soziologen einen entscheidenden, äußerst aufschlussreichen Beitrag zum Verständnis der Gegenwart liefern. Es ist meine Überzeugung, dass die zahlreichen „Ausbrüche“ Versuche des Menschen sind, das Alltagsbewusstsein der „beherrschenden Realität“ zu überwinden in einem intensivierten Bewusstsein.
Das Alltagsbewusstein der heutigen Menschen ist gekennzeichnet durch Wachheit, Rationalität, Gegenüberstellung, Teilung. Jean Gebser hat es das „mentale Bewusstsein“ genannt. Das mentale Bewusstein dürfte identisch sein mit dem, was wir den „Alltag“ nennen. Feste gewähren uns den Blick auf andere Bewusstseinsstrukturen, die den Menschen ausmachen. Interessant, dass Marquard auch den Schlaf in diesem Sinn als kleines „Fest“ verstehen kann, da er uns das Hinabtauchen in das Traumbewusstsein gestattet.[13] Alle oben erwähnten „Ausbrüche“ sind Versuche, das Gefängnis des mentalen Bewusstseins vorübergehend oder dauerhaft zu verlassen. Je mehr der Einzelne darunter leidet, je mehr er sich gefangen fühlt, desto stärker wird sein Drang sein, auszubrechen.
Es stellt sich aber die Frage: Ist ein Ausbruch aus dem mentalen Bewusstsein überhaupt möglich? Fast alle der oben erwähnten Versuche scheinen nicht zu taugen, da sie die Wachheit nur unterschreiten, den Menschen nur in Dumpfheit einlassen, nicht aber sein Bewusstsein intensivieren. Und tatsächlich kann einen nach der Lektüre des Buches von Stanley Cohen und Laurie Taylor Unbehagen befallen. Es könnte sich der Gedanke melden, dass wir für alle Zeiten gefangen sind und nur hin und her pendeln können zwischen dem Gefängnis und den Ausbruchsversuchen.
Dass aber mindestens zwei Denker, einer aus dem Osten (Indien) und einer aus dem Westen (Europa), die Möglichkeit des Durchbruches zu einem intensivierten, einem integralen Bewusstsein sehen, diese Tatsache kann zuversichtlich machen und befreien von dem schalen Zynismus des Käfigdenkens, der in dem Buch von Cohen und Taylor so deutliche Spuren hinterlassen hat. Ich meine Sri Aurobindo und Jean Gebser, deren Konzeptionen eines integralen Bewusstseins unabhängig voneinander entstanden sind.
Der Durchbruch zum integralen Bewusstsein ist ein Bruch durch die Gefängnismauern. Er zerbricht den Käfig gründlicher als Manchem lieb ist. Das integrale Bewusstsein ist sicherlich kein „totales Fest“ (sonst wäre es nichts als eine weitere Fragwürdigkeit). Aber es kann den Alltag verwandeln in etwas, das wir bisher nicht kannten und das doch immer als Möglichkeit in unserem Leben vorhanden war: in einen All-Tag, der uns die Teilhabe am Ganzen eröffnet.
Wer stehenbleibt, verfällt. Aber auch wer zu laufen beginnt, verfällt. Daß wir uns wandeln können, ist unser größter Reichtum.[14]
[1] Deutsche Übersetzung: Stanley Cohen / Laurie Taylor: Ausbruchsversuche. Identität und Widerstand in der modernen Lebenswelt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977. (Im Folgenden abgekürzt als „Ausbruchsversuche“.)
[2] Peter L. Berger / Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt a. M. 1969.
[3] Odo Marquard: Moratorium des Alltags. Eine kleine Philosophie des Festes. In: ders.: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Stuttgart: Reclam 2003. S. 194-204. (Im Folgenden abgekürzt als „Moratorium“.)
[4] Ausbruchsversuche, S. 28-47.
[5] Ebd., S. 48-69.
[6] Ebd., S. 94-135.
[7] Moratorium, S. 196.
[8] Vgl. ebd.
[9] Vgl. Moratorium, S. 199.
[10] Vgl. Ausbruchsversuche, S. 173-177.
[11] Vgl. Moratorium, S. 200f.
[12] Vgl. den Abschnitt über Kommunen: Ausbruchsversuche, S. 146-151.
[13] Moratorium, S. 203.
[14] Jean Gebser: Abendländische Wandlung. In: Jean Gebser Gesamtausgabe Band 1. S. 316.
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