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Barbara BaLo* Lorenz Lesung Köln – ELSE – 18.04.2005 Hommage an Else Lasker-Schüler
balo@odn.de http://www.blatt-gold.beep.de ___________________________________________ Wie kam ich zu Else? Else kam zu mir. Ich tastete mich noch in die Welt, da begann die Wortquelle in mir zu sprudeln. Die Welt wollte mit eigener Sprache benetzt werden. Ich musste ausschwemmen aus den Tagen, was mich verletzte, und aussieben, was mich reich machte. Rund um mich und in mir Gedanken, die mich packten, und Eindrücke einer Welt, die mir fremd schien, daneben Bücher und Bilder, die mich wärmten. So ging ich auf Forschungsreise in die Warmwelt der Kunst und eines Tages blätterte ich um zu Else. Sie saß da auf dem Papier vor mir neben einem halboffenen Koffer und spielte mit bunten Knöpfen. Sie lächelte mich an, und ich blickte in ihre Königskirschenaugen. Es war, als hätte sie nur darauf gewartet, daß ich ihr Gesellschaft leiste, und als sie mir ihr Lied sang, kam ich heim.
****************** Elses Lied Vor deinem blauen Klavier Stand ich und hörte Die Töne deiner Seele Mit mir sprechen Sie sandten mich aus Ins Land der Rehe und Reiter In bunten Stoffen gewandet Liebentlang und königlich Dorthin wo der Engel Seine Flügel sucht An den Toren Einer wunden Stadt Auf Jerusalems Hügeln Sammle ich Deine Wortsteine An Deinem Grab Deine Herzblüten blutrot und ewigazur Auf deinem maschentausendabertausendweiten Zauberteppich Fliege ich Ins Sternland der Poesie Und ich lege meinen Kopf In deinen Schoß, Urgroßmutter von Theben: Singe mir mehr, Else! Auch jenseits Von dieser Welt
*************** Artverwandt Als du mit Sankt Peter Um die Caféhäuser zogst Dir Träume blühten Aus deinen Küssen Dir die Nacht dunkelte Fern Deines Prinzen Hast Du mich an mich erinnert Und wie Du das Sehnen liebst Und die Liebe ersehnst Wie du Verschmolzen Und doch fern der Welt Das Hohe Lied der Sinne singst. Deine Märchen Augen Sprechen mir Bände Und meine Stirn hat Deinen Stern Im Seelensee Spiegel Von Anbeginn Waren wir schwesterlich Eh ich dich fand In Büchern und Gedichten Nah meiner Pulstrommel hin geflossen Sprach ich noch Fremde Sprachen im jungen Land meiner Wege: Etwas was nach Paradies klang Und doch Wehklagen schrie. Dein Zartwort hat meine Liebe getroffen Mitten im Herzen fand ich mich Verstanden Von einer die vor mir gegangen war Und nun am Ölberg die Ewigkeit salbt Unter den seelenblauen Himmeln Palästinas Du hast mich gekannt Vor meinem Leben Gotteslieder Gotteslieder hast du Gesungen zur Nacht Die Hymnen ‚Mostvergoren’ Als die Straßen sich dunkelten Und nicht mehr sicher waren So prinzedel erhoben Hast du getanzt Und die Flöte gespielt Jene silberne, feine Auf den Planken der Wirrwarrmeerfähre Von Styx, an der Wupper und in Berlin Als schon die Abgründe sich auftaten Und du musstest fliehen In ein Land der hohen Gipfel Wo man dir das Dichten untersagte Per staatlicher Weisung Sage einer, Lyrik habe keine Macht Wenn sich die Mächtigen So davor fürchten! Du hattest in der einen Hand Die Sonnenblumen In der anderen die Peitsche Sagtest du Und warst ganz Dornenstrauch Und Blütenkranz Gingst Wege In drückenden Schuhen Aber flogst auf goldenen Schwingen Und immer auf Der Spur Vorangestreuter Lichter Aus liedgöttlicher Hand Du warst wie eine Fackel Du warst wie Eine Fackel In deiner Zeit Bist hinein Gelodert In die Welt Um selbst fast Zu verbrennen. War die Welt bereit Zu so viel Dornenros’ner Sinnlichkeit? All die Meerbewegten Küsse Aus Farben Sprechendem Mund. Deine Geliebten! Wie schwer War ihnen Dein bergehohes Lieben? So eine reiche Frau So eine reiche Frau War Else Edelsteinerne Worte Im Gepäck Und all die Bilder Von Morgenland und Skarabäen Unter samaragdenen Gestirnen - Engelkostbarkeiten in Jussufs Königreich! Doch rast- und ruh’los War der Schritt Die Seele voll Mit krumm gehämmerten Wundenbuckeln Schwer unter der Last Der Trauer Wie ihr Mutter, Bruder, Vater, Freunde Und ihr Sohn starben Wie ihr die Lieben zerbrachen Die hoch geheiligten Seligkeiten seelenverwobener Leidenschaften Wie die Armut im Magen dröhnte Und alle Glitzerstoffe Nicht verhüllen konnte Woran die Welt krankte Und das Gemüt litt Dem Haß und der Verfolgung Der Krankheit und dem Tod Wie der Krieg den blauen Reiter Aus dem Sattel fegte, Die Straßen voller Schläger waren Und nicht einmal der Kleist-Preis Wirkliche Ehren brachte Wie sie dennoch weiterging Tanz für Tanz Schritt für Schritt Wort für Wort Bis in ihr Heimlich’ Heimatreich Und ihr das Herz Stehen blieb Kurz vor Kriegsende
*************** Du warst für die Liebe geboren Du warst für die Liebe geboren Und sie stach dich Mitten im Reichtum der Sinne Als du jauchztest und dich Hingabst, aufgetan Bis zum innersten Heiligtum Die Erfüllung zu ahnen Und loslassen zu müssen: Hunger Im Schrei erstickt Trieb dich Durch dein Leben. Wer so hoch lieben kann Fällt tief Wenn die Arme nicht auffangen Was reif ist im Herbst Nicht geerntet wird Von den süßen Lippen Und nicht in die Kelter kommt Bereit zu köstlichem Wein Dein Wildjudentum Wohnt in meiner Brust Aus meinen Händen wächst Dein Murmelmund Der Fels morscht mir nicht Ich fruchte unter deinem Gesang Und was dir entspringt Ist Ewigkeit Gott schreit dir nicht mehr Leben und Leid Wachsen im Himmel aus einem Dein Sohn starb Hinter dem Vorhang Alleine Mit dem Engel Der auch dich Umfängt Und deine zigeunerstarken Kleider trage ich dir nach Bis wir gemeinsam Goldäpfel in Honig tunken. Else und ich Meine wilde Freundin Komm wir wollen Indianer spielen Zwischen den Wigwams Wir wollen Wind und Wetter sein Und aus den Straßen Alles fegen Was grau in grau Das Bunte stört Mit dir wäre ich jung gewesen Wie nie Meine sehende Verwandte Mit offenen Augen Sahst Du hinter den Kulissen All die Paläste und Türme Du sahst aber auch Die Öfen Schon brennen Und wie der Krieg Dem Teufel entsprang Mit dir voraus Hab ich noch schärfer gesehen Daß ich nicht blind bin Vor der Welt Meine glitzernde Wortweberin Deine Worte goldbestreut und silberbestäubt Funkeln dir nach Nun schon seit 60 Jahren Und flimmern vor mir her Ich folge Den Verheißungen deiner lyrischen Welten In die Schatzkammer Eigener Phantasie. Wer weiß Wo wir uns wieder sehen Dein Theben hat viele Wolkentore Zu einem davon Hab ich den Schlüssel --------------------------- Alle Gedichte/Texte © Barbara BaLo* Lorenz --------------------------- Homepage, Stand 27.04.2005 Webmaster BaLo* balo@odn.de |
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