Dies ist mein Beitrag zur autobiografischen Lesung der Multikulturellen Frauengruppe Köln 2010. Diese findet statt:
24.09.2010, 18:30 im Hinterhofsalon, Aachener Str. 68, 50674 Köln und
26.09.2010, 18:30 Kulturbunker Köln, Berliner Str. 20, 51063 Köln
Nähere Infos auch unter http://de.groups.yahoo.com/group/Multikulturelle_Frauengruppe_Koeln-Rheinland/
Schwierige Zeiten
Ich muß zugeben, daß ich als Jugendliche so meine Probleme mit meinem Vater hatte. Ich fühlte mich überbehütet, über-vatert, kontrolliert und überwacht. Und probte den Aufstand, indem ich oft genau das Gegenteil von dem machte, was ich eigentlich sollte, und versuchte, mich der väterlichen Kontrolle zu entziehen, soweit es ging.
Erst viel später – ich war bereits zu Hause ausgezogen – entwickelte sich bei mir eine gewisse Toleranz gegenüber väterlichem Beglucke, noch später, Verständnis.
Ich denke, um zu verstehen, warum mein Vater über alles die Kontrolle behalten möchte, müssen wir ganz weit zurückgehen, zu Ereignissen, die sich in seiner Kindheit und Jugend zugetragen haben.
Es ist Hochsommer. Die Luft flirrt vor Hitze. Nichts ist zu hören außer dem Gezwitscher der Vögel und dem Gebell von Cora, dem Hofhund, mit dem Horsts Schwester Erika gerade spielt. Horst liegt bäuchlings im Gras und liest Karl Mays „Schatz im Silbersee“. Wie jeden Sommer, verbringen die Geschwister in den großen Ferien einige Tage auf dem Gut ihres Onkels in Rogalwalde. Königsberg, die Stadt, in der sie leben, schien weit weg. Und vom Krieg war in Rogalwalde nichts zu spüren.
In diesen Urlaub fiel auch der Geburtstag von Horsts Onkel Walter, den man groß feierte. Die ganze Verwandtschaft war zusammengekommen, und es gab leckere Kuchen und Torten, fast wie in Friedenszeiten.
Interessant zu sehen war in dem Zusammenhang die Sensibilität von Tieren. Als sich alle in die Bibliothek zurückgezogen hatten, lief Cora von einem zum anderen, sah ihn lange an und ließ sich nicht verscheuchen. Ahnte sie etwas?
Nur ein halbes Jahr später hatte sich die Situation dramatisch verändert. Die russischen Truppen kamen immer näher an Königsberg an. Wie nah genau sie waren, wußte niemand. Über Drahtfunk hörte man immer wieder die gleiche Rede von Gauleiter Koch, mit der er versucht, die Bevölkerung ruhig zu halten: „Liebe Königsberger! Habt keine Angst. Es werden neue Truppen zum Schutz der Stadt herangeführt. Und ich bin immer noch bei Euch.“ Wie nach dem Krieg bekannt wurde, befand er sich zu diesem Zeitpunkt längst auf einem Schleppdampfer in Pillau, der eigens für ihn und sein Gefolge requiriert worden war und dem von höchster Stelle untersagt worden war, Flüchtlinge aufzunehmen, obwohl Schiffe zur Evakuierung der in Ostpreußen lebenden Menschen dringend benötigt wurden. Aber die Nazis hatten sich eben noch nie durch Menschenfreundlichkeit ausgezeichnet.
Währenddessen kreisten russische Flugzeuge ungehindert über der Stadt. Ständig hörte man Geschosse sowie einige andere, nicht erklärbare Geräusche.
In der Königsberger Wohnung befanden sich zu der Zeit Horst, seine Mutter, und zwei alte Tanten – sein Vater war im Kriegseinsatz und Erika hatte ihren Reichsarbeitsdienst abzuleisten.
Erstgenannter hatte als Offizier etwas mehr Einblick in die tatsächliche Situation, und riet allen Nachbarn, die Stadt zu verlassen, solange dies noch möglich war, ohne Rücksicht darauf, was passiert wäre, hätte ihn jemand wegen sogenannter "wehrzersetzender Äußerungen" an die nationalsozialistischen Machthaber verraten. Es kann gut sein, daß mancher ihm sein Leben verdankt.
Und was Erika anging, so verlief die Front nur 50 km von ihrem RAD-Lager entfernt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten sie es nicht auf eigene Faust geschafft, sich in den Westen Deutschlands durchzuschlagen. Man kann sich sicher unschwer ausmalen, was passiert, wenn eine Truppe sexuell ausgehungerter Soldaten auf eine Gruppe Mädchen und junger Frauen stößt. Hinzu kam, daß die Russen die von der SS zerstörten Dörfer in ihrer Heimat gesehen hatten und voller Haß, Wut und Rachegedanken waren.
Besonders in der Nacht war es unheimlich. Sie hatten ihre Matratzen auf den Flur gelegt und schliefen dort, wo sie sich ein wenig sicherer fühlten.
Als Kochs ewig gleichen Durchhalteparolen der Zusatz folgte: „Wenn ein russicher Panzer in Königsberg auftaucht, wird er von unseren Truppen abgeschossen“, wußte man, daß es höchste Zeit war, zu gehen.
Man hatte bereits vor einiger Zeit vorsorglich die Koffer gepackt. Als Horsts Mutter einen Kochtopf einpackte, sagte sein Vater zu ihr: „Was willst Du denn damit? Wir sind doch sicher in ein paar Wochen wieder zurück!“ Ja, das dachte man damals!
Ein Freund der Familie holte sie mit seinem PKW ab und brachte sie aus der Stadt. Einmal gab er unvermittelt Vollgas. „Tieffliegerbeschuß“, sagte er nur, als Horst ihn fragend ansah.
Über Juditten, wo sie in einer verlassenen Villa übernachteten und Peyse, wo sie auf Stroh in der alten Dorfkirche nächtigten, gelangten sie nach Pillau und von dort aus in einem überfüllten Schleppdampfer nach Gotenhafen. Die Stimmung unter den Flüchtlingen war gedrückt, denn es war die Nachricht durchgesickert, daß nur einen Tag zuvor die „Wilhelm Gustloff“ von einem russischen U-Boot getroffen worden und untergegangen war.
In Gotenhafen kamen sie zunächst im Marineheim unter. Ratlos schlenderte Horst durch die Stadt und suchte nach Möglichkeiten, von hier fort zu kommen. Plötzlich kam ihm eine bekannte Gestalt, in Arm eine hübsche Polin, entgegen. „Spezi“, wie er genannt wurde, weil er aus Bayern stammte, war dafür bekannt, daß er auch in Situationen, die anderen ausweglos erschienen, immer eine Lösung wußte. „Mensch, Horst, was machst Du denn hier?“ – „Spezi, ich bin hier mit meiner Mutter und zwei alten Tanten. Wir brauchen dringend ein Schiff, um nach Westdeutschland zu kommen.“ – „Kein Problem“, entgegnete Spezi, „sei heute abend um acht wieder hier und bring die anderen mit. Ich besorge Euch ein Schiff.“
Und tatsächlich, am Abend führte sie „Spezi“ zur „Kap Arcona“, die im Hafen lag. Statt zu zetern, daß sie ohnehin schon überfüllt seien und keinen mehr an Bord lassen würden, trug ihnen der diensthabende Marineoffizier sogar ein Stück die Koffer.
Über Brandenburg, wo auch Erika wieder zu ihnen stieß ( sie arbeitete zu der Zeit in einer Munitionsfabrik in Uelzen ) und Oldenburg ( Die dortige Sachbearbeiterin im Wohnungsamit war eine Parteibonzin der besonderen Art: „Wenn Sie nicht sofort wieder dahin zurückkehren, wo Sie hergekommen sind, bringe ich Sie ins KZ!“ sagte sie doch tatsächlich ) gelangten sie schließlich nach Wesselburen an die Nordseeküste. Dort sicherte ihnen der Reichtum des Meeres, insbesondere fangfrische Krabben, die sie direkt vom Kutter holten, das Überleben.
Horsts Vater kam leicht verwundet in ein Lazarett in Flensburg, und von dort aus in ein englisches Offiziersgefangenenlager. Da es Offizieren untersagt war, den Ort zu verlassen, verkleidete er sich als Gefreiter und fuhr nach Hamburg in der Hoffnung, dort etwas über seine Familie zu erfahren. Zu seiner großen Freude wartete beim dortigen Wehrmachtskommando bereits eine Karte seiner Frau mit ihrer aktuellen Adresse auf ihn. Sie hatte diese an eine junge Hamburgerin, die eine Zeitlang bei ihnen in Königsberg zur Untermiete gewohnt hatte, geschrieben. Diese junge Frau hatte sie dem zuständigen Wehrmachtskommando überbracht mit der Bitte, sie Joachim Günther zu übergeben, falls er dort mal auftauchen sollte. Wieder zurück im Lager, bat er um seine Entlassung, und ohne Schwierigkeiten ließen ihn die Engländer als freien Mann ziehen.
Auf diese Weise kam die Familie wieder zusammen.
Als sich einige Jahre später das Leben wieder halbwegs normalisierte, fand Horsts Vater eine Anstellung in Rinteln, so daß sie ihren Wohnsitz dorthin verlegten. Aber der Familie waren nur wenige Jahre des Zusammenseins vergönnt, denn bereits 1951 verstarb Horsts Vater an einem Gehirntumor.
Dies war ein kurzer Einblick in das Leben meines Vaters, insbesondere die Zeiten, die ihn sehr geprägt haben und ihn zu dem Menschen werden ließen, der er heute ist.
Viele Jahre und Umzüge später –Stationen waren u.a. Frankfurt, Kaiserslautern und Saarbrücken – ließ er sich mit Frau und Kindern in einem rheinhessischen Weindorf nieder.
Ich denke, daß es in den Erlebnissen auf der Flucht und kurz danach begründet liegt, daß er Angst davor hat, die Kontrolle zu verlieren – auch, was das Leben der ihm nahestehenden Personen betrifft. Zu seinem Pech war er mit einer rebellischen Tochter gesegnet, weswegen es öfters mal krachte im Hause Günther. Erst später – ich war schon lange zu Hause ausgezogen und hatte eine gescheiterte Ehe hinter mir – lernten wir, uns gegenseitig zu respektieren. Aber je mehr ich mich mit seinem Leben beschäftigte, umso mehr fing ich an, ihn nicht nur zu mögen, sondern auch zu verstehen.