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Leseproben:
Schwarze Krähen, graue Nebelfelder „Warum?“, flüsterte er heiser. „Warum nur tun sie das?“ Seine Augen suchten nach einer Antwort. Einer Antwort, die sie ihm nicht geben konnte. Und dann schluchzte er, er barg sein Gesicht in den Händen und weinte wie ein Kind. Und sie saß bei ihm wie eine Mutter und hielt ihn. Als seine Tränen verrannen, sagte sie: „Kommt, Ihr sollt euch jetzt ausruhen. Ich werde Euch euer Lager zeigen. Ihr braucht Schlaf, viel Schlaf.“ Unruhige Träume quälten ihn. Manchmal erwachte er mit weit geöffneten starren Augen und den Mund zum Schrei verzerrt. Sie war die ganze Zeit bei ihm, auch wenn er es nicht merkte. Seine nasse Stirn betupfte sie mit einem feuchten Tuch und sprach ihm beruhigend zu. Und sie war einfach nur da, wenn er schreiend erwachte, mit Tränen im Gesicht, um sich an sie zu klammern. Und dann tauchte er wieder ein in seine dunklen Träume und sie konnte ihm nicht folgen an diese Orte. Doch sie war immer noch da und hielt seine Hand und dann summte sie alte Verse, die ihr schon als Kind von ihrer Mutter vorgesungen worden waren, wenn sie nicht schlafen konnte, und die sie beruhigt hatten. Er stöhnte oft im Schlaf und dann schrie er gellend und qualvoll. Aber er erwachte nicht, sondern sank tiefer in seine Träume, immer tiefer. Was hat er wohl erlebt, fragte sie sich, was haben sie ihm wohl angetan, was musste er alles mitansehen?
Die Hirtin
Lia betrachtete den vollen roten Mond über sich. Bald würde es wieder Zeit sein, weiter zu ziehen. Sie ließ sich auf einem Stein nieder und rupfte ein paar Grashalme aus. Gras, es war so wichtig, ihre Lieblinge brauchten es. Gestern hatte es zwei neue Lämmer gegeben, schon nach wenigen Stunden waren sie munter gewesen. Es ging so schnell bei ihnen, so schnell wurden sie groß. Sie dachte an sie, ihre Schafe, jedes Einzelne kannte und liebte sie. Die wilden Böckchen und die sanften Lämmer. Jedes Einzelne war wichtig. Ihr Hirtenstab fühlte sich gut an, in ihren Händen, sie hatte das Holz selbst bearbeitet. Mira drängte sich an sie, die Nacht war mild, aber die Hündin liebte ihre Nähe. Jetzt schliefen ihre Lieblinge, sie konnte ihre Schemen schwach im Mondschein erkennen. Die Schafe waren so schutzlos, ohne Lia hatten sie keine Chance zu überleben. Lia kuschelte sich in ihre Decke, die sie auf dem Gras ausgebreitet hatte, und schloss die Augen. Mira und Maro würden gut auf ihre Lieblinge aufpassen, bei dem leisesten Geräusch würden sie bellen und Lia aus dem Schlaf reißen. Das geschah sehr selten, sie musste sich also keine Sorgen machen. Wenn ein wildes Tier in ihre Nähe kam, verscheuchten es die Hunde schon durch ihr Gebell. Zufrieden seufzte sie und lauschte auf das Zirpen der Grillen.
Dunkle Träume
Der Wein war dunkel, rot wie Blut. Sie fragte sich, wann er ihn wohl trinken würde. Sie versuchte, nicht zu erwartungsvoll auszusehen, als sie seinen Kelch nahm und ihn auffüllte. Ihre Hand zitterte leicht. Ein wenig von der Flüssigkeit schwappte auf ihre Finger, sie würde sie nachher gründlich waschen müssen. Dunkler Wein, rotes Blut. Ich wünsche dir süße Träume, dachte sie, und reichte ihm seinen Tod. Dann ging sie, um dem nächsten einzuschenken, aber ihn ließ sie nicht aus den Augen. Immer wieder wanderte ihr Blick zu seiner Hand, wann würde er sie wohl zum Kelch führen. Sie versuchte, unauffällig zu schauen. Sie fühlte die Anspannung in sich wachsen. Was, wenn er trinkt? Was, wenn er nicht trinkt?
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