Seit 1882 eine Vision: die Umfahrung von Riedenberg
Die unendliche Geschichte einer Straßenplanung
Von Dietrich Hiller (Sillforum)
Gezeichnet wurde der Plan 1826 von einem Geometer Motteler. Er zeigt den Ortskern von Riedenberg: damals bestand er aus der heutigen Schemppstraße etwa vom Gasthof Rößle bis zum Feigenweg (der damals noch gar nicht existierte). Gefunden wurde der Plan im Stuttgarter Stadtarchiv schon vor Jahren in einer Akte, die sich mit Straßenbaumaßnahmen vor dem Weltkrieg I befaßte. Straßennamen gab's damals noch keine in Riedenberg; es sind nur Flurnamen eingezeichnet: "Thalwiesen" und "Denkendorfer Wiesen" auf Riedenberger, sowie "Haschberg" und "Currenwäldlen" auf Kemnater Markung. Das alles ist ortsgeschichtlich allein schon interessant. Spannend wird es erst, wenn man sich ansieht, was ein Werkmeister Krießmann (oder so ähnlich) am 7. September 1882 eingezeichnet hat: Eine teils gestrichelte Linie, die von Hohenheim unterhalb Birkach hinabsteigt zum Brückle am Ramsbach und von dort über die Brunnenwiesen wieder ansteigt Richtung Heumaden. Eine Linie, die mit Steigungsmaßen von 5-6 % versehen ist. Ortsgeschichtlich kann also das Jahr 1882 als der Planungsbeginn für eine Ortsumfahrung Riedenberg angesehen werden.
In einer Bekanntmachung des Cannstatter Oberamts ("Cannstatter Zeitung" vom 6. Mai 1883) ist vom "Bau "einer neuen Straße von Hedelfingen nach Heumaden" die Rede. Die Fertigstellung wurde am 20. Oktober 1883 unter Teilnahme der Bauräthe Euting und Günther und des Herrn Regierungsraths v. Drescher gebührlich gefeiert. Der berüchtigte "Lederberg" habe "bisher jede Art von Verkehr zwischen Berg und Thal zur Unmöglichkeit gemacht und so sei die neue Straße eine wirkliche Wohlthat, die mit einer Steigung von 6,5 Prozent auf 3 Kilometer Länge von Hedelfingen nach Heumaden hinaufführe, heißt es in dem Bericht. Die neue Straße sei nicht zu unterschätzen, "da von dem Zollberg bei Eßlingen bis zur neuen Weinsteige bei Stuttgart kein Aufgang vom Neckarthal auf die Filder-Ebene vorhanden sei, schrieb die "Cannstatter Zeitung" am 21.10.1883 - nach damaliger Rechtschreibung im Regelfall korrekt mit "th" statt mit "t".
Mit dem 1893 verheißungsvoll begonnenen Straßenneubau (der in Heumaden den steilen Stich im Zuge des heutigen Glaunerwegs durch die Serpentinen zwischen Lederberg und dem Alten Rathaus ersetzte) im Rahmen des Aufstiegs vom Neckartal auf die Filder war es damit schon zu Ende. Die Riedenberger Umfahrung wurde nicht gebaut. Der Erste Weltkrieg und die Geldentwertung in der Hochinflation haben weitere Straßenbaumaßnahmen verunmöglicht, ebenso das tausendjährige Nazi-Reich, das Straßenbau nur nach militärischen Gesichtspunkten betrieb.
Erst der Bau des Neckarhafens 1956 und die Eröffnung des Echterdinger Flughafens 1953 gaben in den sechziger Jahren nach dem zweiten Weltkrieg erneute Impulse zu Straßenbaumaßnahmen: es konnte auf städtische Rechnung die Hedelfinger Filderauffahrt zwischen der Lederbergkurve und der Kirchheimer Straße 1961 fertiggestellt werden. Kaum vorstellbar, wie es heute im alten Heumadener Ortskern aussähe, wenn die Heumadener Umfahrung nicht gebaut worden wäre. Heute ist die Hedelfinger Filderauffahrt als Landesstraße eingestuft.
Seit es im Stadtbezirk Parteizeitungen gibt (also seit 1971), ist das Thema Umfahrung/Filderquerstrasse in fast jeder Ausgabe beherrschendes Thema. Während die einen Gespenster an die Wand malen, wonach eine Umfahrung ortsfremden Verkehr nur so an sich ziehe und deswegen jegliche Umfahrung abgelehnt wird, meinen die anderen, das Problem dadurch lösen zu können, dass man seit über 20 Jahren auf die Bundeskasse verweist, die das ja zu bezahlen habe, weil die Trasse irgendwann einmal auf Betreiben Stuttgarts in einen Bedarfsplan aufgenommen wurde.
Mitte der achtziger Jahre ist irgendjemand in der Stadtverwaltung auf die Idee gekommen, man könne den Stadtsäckel schonen, indem man den Bund zur Finanzierung heranzieht. Und tatsächlich gelang es, die B312 mithilfe eines Bundestagsabgeordneten aus dem District in den Strassenbedarfsplan des Bundesverkehrsministeriums hineinzubringen. Dabei ist es bislang denn auch geblieben. Bei der Finanzierung des Bundesfernstraßen-Bedarfsplans haben sich aber schon seit etwa 1990 ganz erhebliche Lücken aufgetan. Man hat Neubaukosten regelmässig unterschätzt, ebenso die Reparaturkosten im vorhandenen Netz. Ergebnis: für's gleiche Geld können immer weniger neue Strassen gebaut werden, egal welche Parteienkoalition im Bund regiert. Gerade der von Stuttgart bewirkte Bundesstraßenstandard hat die B312-Ausbaukosten am sogenannten Heumadener Kreuz (zwischen Kirchheimer Straße und Hedelfinger Filderauffahrt) ziemlich in die Höhe getrieben, weil die Bauwerksdimension größer wurden. Schon vor Jahren wurde noch unter Wissmann-Regie ein Programm in Szene gesetzt, wonach der Bund sich von Baulast bei vorhandenen Bundesstraßen entledigen will, bei denen zwischen zwei Knotenpunkten kein neuer Bundesfahrweg finanziert wird, wenn zwischen ihnen bereits andere Fernverbindungen bestehen. Im Fall der fiktiven B312 zwischen Hedelfingen und Flughafen bestehen mit B10/B313/A8 bereits Fernstraßenverbindungen, so dass es äußerst unwahrscheinlich ist, daß der Bund sich eine solch neue Baulast aufladen wird, wenn es zum Schwur kommt. Mit dem Wissmann-Plan, sich von Bundesstraßen-Baulasten zu verabschieden, ist der Bund kürzlich anläßlich einer Klage des Landes Schleswig-Holstein vor dem Bundesverfassungsricht kläglich gescheitert. Somit wird es immer unwahrscheinlicher, daß der Bund sich ausgerechnet im Bereich Heuriedbuch mit der B312 eine neue Baulast auflädt.
Der Beitrag ist erschienen im Sillenbucher "Blättle" (Nussbaum-Verlag) am 18. August 2000 und wurde in diese Webseite eingestellt am 19. August 2000. Verantwortlich für den Beitrag ist der genannte Verfasser. "Blättle"-Texte werden in SILLFORUM-Webseiten in der Version eingestellt, die der Autor an die Redaktion geschickt hat. Redaktionelle Überarbeitungen (Kürzungen aus Platzgründen oder Korrekturen) können zu (geringfügigen) Unterschieden von Print- und Internetversion führen.
Anlässlich einer Neuauflage der (kommunalwahlkampfbedingten) verkehrspolitischen Diskussion um die B 312 im Frühjahr 2004 wurde eine Spezialsite zur Aufnahme von Original-Pressetexten bzw. Links darauf eingerichtet: b312. Diese Site enthält auch Links zu allen im Frühjahr 2004 auffindbaren Websites von anderen Anbietern; eingebaut ist auch ein Link zu einem Spezialforum B 312, in dem das Pro und contra diskutiert werden kann. Diese frische B312-Site ist Bestandteil von SILLWEB. SILLWEB ist (seit 2002) die Fortsetzung von SILLFORUM.